Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 29 Sonntag, den 10 Februar� 1901 «Nachdruck verboten.) Der Vslkl vom HollrvbriLii. 29] Roman von R. von Seydlitz. Der Tag und die Stunde des Rendezvous kam; aber Kastl kam nicht, denn er hatte gerade an dem Tage mit einer Sendling nach Berlin soviel zn thun, daß er selbst jene beum rnhigenden Briefe— einfach vergessen hatte. Das Brauen ging eben doch vorl Tag und Stunde waren da; der Ort des Rendezvous aber blieb überhaupt leer; denn die Schreiberin Fräulein Creszenz Tamhnber, Besitzerin eines Cigarrengeschäfts und Geliebte Ningelmaims. hatte den Tag gerade von diesem drei- hundert Mark zu erbetteln und erwartete ihn, um all ihre Liebenswürdigkeit spielen zu lassen: denn das Geschäft ging eben doch vor! Die nächsten Tage schwankte Kastl, ob er noch einmal schreiben sollte,— lieber nicht; wer weiß, ob sie, enttäuscht, wie sie sein mag. einen zweiten Brief auf der Post abholt. Warten ivir lieber, ob sie nochmals schreibt. Auch sie schwankte. Aber zuletzt fiel ihr etwas Neues ei». Sie behielt Kastls Brief als Waffe in der Hand. Wer weiß, ob man solche Zeilen nicht einnial brauchen kann, in denen Äastl, der so ehrenwerte Brauer, ihr schreibt, er bäte sie, gewiß zu kommen, er finde den Ort sehr gnt gewählt, da sie dort«ilgemert genug sein würden!!— Ein wertvoller Brief luiter Umständen l Und Kastl hatte direkt„Mein liebes Fräulein" geschrieben, aus Thorheit und weil es ihm Spaß machte, der Schreiberin zu zeigen, daß er„den" Freund durch- schaue. Ganz vortrefflicher Zufall.— Ceuzk verbarg den Brief sorgfältig. Ein paar Tage verstrichen wieder darüber; Kastl erhielt pünktlich am Ersten des Merteljahrs die schriftliche Ab- rechnung vom Oheim— er sandte sie ihm in die Wohnung. statt wie früher sie ihm zu bringen; Kastl fand, daß er wieder reicher geworden war, und überlegte sich, was er mit dem neuen Guthaben machen sollte; den Ohm mochte er nicht fragen, und doch mußte dieser die Anlage besorgen, wie immer. Er spazierte heut einmal wieder etwas an der Isar hin und sann über allerlei. Da begegneten ihm Bekannte und fragten ihn über vieles aus. „Ja,'s Berliner Geschäft geht gut, dank' der Nachfrag'." „Und die Münchener Kundschaft?" „Kenn t uet. Weiß nix davon. I brau nur für'n Export." Und zuui hundertsten Male erklärte er die Sachlage. Die Herren thateu— oder waren sehr erstannt; aber daraus schwiegen sie eine Weile. Man buinmelte dabei ge- mächlich die Gasteiganlagen hin und ging ums Maximilianeum herum in die Fortsetzung des Wald- und Stromparks, auf die Bogenhauser Brücke zu. „Wissen Sie, Herr Bränmeister," sagte einer der Herren, »was Ihnen recht gut wäre?" Kastl sah erstaunt auf und gewahrte vor sich die Gebäude einer Wasserheilanstalt. „I soll do' net da'nein am End," sagte er mit komischem Schreck. „Ich meine ja keine Kur; ich meine, Sie sollten, kurz gesagt, einmal wechseln, Sie sind zu Größcrem da, als dort an so einer— Kleinbrauerei zu arbeiten." Und nun klang wieder das alte Lied in seine Ohren; seine Ehre ivar gesährdct. Ringelmanns Gebühren war sehr übel angeschrieben, die Münche»er Kundschaft war fast null, und um das Bier überhaupt los zu werden, mußte man's unter der Hand verkaufen. Kastl hatte bei der vollen Trennung der Brauerei davon nichts bemerkt, und es durfte ihm ja keiner davon sprechen.— Und zuletzt kamen noch mehr Enthüllungen. Vor einigen Tagen war Ringel- mann- irgend wohin cittert worden, man behauptete, zum Staatsanwalt,— und es schwebte seitdem etwas in der Luft. Miudclheimer war am Ende seiner Kräfte, er konnte kein Geld auf die Ludwigsbrauerei mehr bekomnien. Kastl sah. daß die Herren es redlich meinten und diese bemerkten bald, daß die in der Stadt verbreitete gute Meinung über Kastls totale Unschuld gerechtfertigt war. Darum gingen sie noch weit miteinander und sprachen weiter von der Sache. Endlich, in Kleinhessclohe, als es bereits dunkelte, setzten sie sich in die Restauration. Die Herren waren sehr durstig und hungrig, und Kastl mußte viel Wein mittrinken. Endlich spät in der Nacht kam des Pudels Kern heraus: Die Herren wußten ihm eine gut, reich bezahlte Stelle in einer Großbrauerei;— „nur so hingeredt, lieber Herr Hegebart, wissen Sie. Wir drängen nicht, behüte!" Da bekam der Kastl auf einmal Verdacht gegen die Leute und ihr Absprechen gegen Ringelmann; und er nahm, so bald es ging, Abschied. Die Herren mußten in die Stadt, gingen also wegen der Finsternis lieber um den See und durch Schwabing. Kastl aber schlug denselben Weg ein, den er gekommen. Es war früh finster, ein wolkiger Herbstabend hüllte den Park in rabenschwarze Finsternis. Dazu ging ein lärmender Wind, der die dürrwerdenden Blätter des dichten Gehölzes laut rauschen machte und in den Ohren brummte. Weithin durch die massigen Laubgruppen sah man den hellen Schein der Skadt, gelblich rot, wie den Wiederschein eines ausgedehnten Brandes. Kastl schritt bewegt dahin. Er war ratlos, was zu thun. Obs wahr ist, was sie vom Ludwigsbräu sagen? Und wie viel davon? An wen konnte er sich wenden? An das anonyme Frauenzimmer? Er ging langsamer und grübelte. Die verschlungenen Pfade, die zur Bogenhauserbrücke führen, waren kaum zu er» raten. Einmal prallte er gegen einen nächtlichen Wanderer an, der sich als Gendarnr erwies.— Bald mußte die Brücke da sein. Ja, und der Staatsanwalt?? fiel ihm wieder ein. Frei» lich, lvann's so weit war; da l... Aber was— was sollte er thun? Er blieb auf der Brücke stehen, und konsultterte, ohne eS zu wollen, seine alte Ratgeberin Isar. Aber die redete in den« nächtlichen Sturmwind allerlei wildes, verworrenes Zeug. Er blickte stromauf und sah in den hellen Schein, der über der finsteren Stadt lag. Merkwürdig, wie hell es be- sonders links war. über Haidhausen. Die Stadt selbst lag doch mehr nach rechts. — Und wie eigen, grübelte er weiter, daß er eigenttich keinen rechten Freund hatte; einen solchen hätte er jetzt brauchen können. Die Bekannten, die er eben verlassen, schienen zuerst doch so uneigennützig,— zuletzt hatten sich die Krallen gezeigt: er war überzeugt, daß sie ein paar Hundert au dem Menschenhandel zu verdienen hofften!— Wie fremd und eigensüchtig eigentlich doch diese Welt war. Er stieg langsam zum Maximilianeum enipor. An einigen Türmen schlug die Stunde. Es schlug so lange, daß er ver» wundert nach der eignen Uhr sah: es war gar nicht volle Stunde, sondern zwanzig Minuten darüber. Er lauschte: richtig, es schlug weiter; also ein Brand. Er sah nach dem Frauenttirm: das rote Licht war draußen. Jetzt kam er aus dem Gebüsch: das Maximilianeum stand wie ein Koloß aus schivarzem Sammet in einer hellen Glorie von rot und gelb. Es sah Prachtvoll aus.— Plötzlich fiel ihn« ein, der Glanz käme gar vom Brande. Also in Haidhausen, der Au oder in Giesing.— Und die LudwigSbrauerci lag gerade in der Richtung I— Er ging unwillkürlich schneller und vergaß die trüben Grübeleien. Er kam wieder jenseits in die Gebüsche— durch sie hindurch sah er jetzt die wallenden, ballenden Funkeumassen über den dunklen Bäumen und Dächern; sie quollen geradeaus auf und zogen rollend und wirbelnd nach rechts hin. Oben, der Glutschcin der Wolken leuchtete flackernd auf.— Anscheinend war's gar nicht weit. Gewiß nahe der Brauerei.— Er fing an zu laufen, plötzlich übergössen von Angst... BiS zum kleinen Kirchlein lief er immer schneller.... Da aber sah er's zum ersteumale: es war»vahrhaftig in der Brauerei!! Eine Sekunde lähmte ihn der Schreck,— daun stürzte er hinaus auf die Straße, raunte in großen Sprüngen die Senkung hinab bis zur Kreuzung der Landstraße. Hell überstrahlt war hier alles, riesige Ballen von Feuer fuhren aus der Mälzerei auf; das Donnern der Flammen in der Luft dröhnte wie Rauschen kolossaler Segel oder Flaggen. Unten die Strafte, die Nebengasse», alles rabenschwarz von Menschen. Von rechts unten, von der Brücke her klang das Geläute des Löschtrains, die schwer rasselnd mit galoppierenden Pferden den Berg hinauffuhren. Oben hörte man verworrenes Geschrei und sah über die eiserne Verbindungsbrücke einzelne Schatten laufen. Das alles sah Kastl, als er sich durch die Menschenmasse drängte, um durchzukommen. Aber das war vergeblich. Je weiter, desto fester gekeilt stand die Masse. Unter furchtbarem Pfeifen und Gejohle lieft die Menge den anjagenden Spritzen kaum Platz zur Durchfahrt, um sofort hinter ihnen sich wieder zusammenznschlieften und nachzudrängen. Einige Gendanne schwammen in dem Menschemneer, rettungslos verloren, ohne Macht und Ansehen. (Fortsetzung folgt.) UikkerAkenjktnunev. (Deutsches Theater.) Also: Der„junge Herr Gold»er", nach dem der junge Herr Hirschfcld sein neues Stück deuannt hat, ist Littcrat. Ich mag ini allgemeine» keine Litterate» leiden, vielleicht iveil ein Excuiplar dieser Mcnschensorte nur so nahe steht, daß er nur matichmal zur Last wird. Nichtsdestoivcniger kau» ich mit Litteratcn verkehren wie mit andren Menschen» wenn sie nur harmlos bleiben und über harmlose Dinge harmlos plaudern. Die Sache wird schon schlimmer, wenn durchaus über Litteratur gesprochen»Verden muß. Ein litterarischer Klub, in dem grundsätzlich und zielbelvntzt über Litteratur gesprochen Ivird. ist mir immer als eine andre Form der Hölle erschienen. Völlig unerträglich aber Ivird der Litterat,»venu er über seine eigene Litteratur spricht— da wendet sich der Gast mit Grausen. Leider ist der„junge Herr Goldner" ein Litterat der letzten und unangenehmsten Sorte. Er fiel mir darum auch gleich auf die Nerven. Da ich indessen ein Lannn an Geduld bin. überivand ich mein Vorurteil und genoß im stillen das Bewußtsein, menschlich schön gehandelt zu haben. Leider genoß ich nichts andres— der„jmige Herr Golduer" ist undankbar, was bei einem Litteraten nicht grade zu befremden braucht. Im ersten Akt sagte ich niir: er ivird sich entivickeln, er ivird lernen, daß man'S Maul halten und arbeiten muß, und ivird uns und seine Umgebung mit seinen Stimmungen und Verstiminungen in Gnaden verschonen. Gewiß, die Kunst ist ei» lebensgefährliches Handiverk— das haben wir mit unsren entfeniten Vettern, den Seiltänzern, gemein. Eben darum aber soll man nicht viel Worte machen. Die Schiff- fahrt ist auch ein lebensgefährliches Handwerk. Ein Seemann aber, der darüber lamentieren wollte, iväre ein altes Weib und würde in einer Schifferkneipe meiner Heimat der Gegenstand sehr saftiger Spähe sein. Man geht an Bord, thut seine Pflicht und muß man dann schließlich mit Mann und Maus zum Teufel gehen— na. da giebt man sich einen Ruck, beißt die Zähne zusammen und stirbt de» Seemannstod, auf den man doch immer gefaßt sein mußte. Wenn das Schicksal nicht gar zu grämlich ist. darf nian am Ende draußen im Ocean sterben und bei Sturm und braucht nicht bei Windstille langsam zu verfaulen. Der junge Herr Goldner ist leider nicht so schweigsam, wie ein rechter Seemann und ein rechter Künstler sein mutz. Er klagt, wenn's nicht vorivärts gehen ivill; klagt über sich und über die Welt und ist launisch wie ein hysterisches Frauenzimmer. Daß ihn der Teufel doch schon im ersten Akt geholt hätte—. na, er that es nicht, der junge Herr Goldner blieb uns erhalten und so müssen wir uns mit ihm bc- schäftigen. Er ist der Sohn vom alten Herrn Goldner und der alte Herr Golduer ist Redactcur— so einer, der im Dunkeln geblieben ist. der aber � ich reiche ihm im Geist die Hand— gescheit und sympathisch genug ist. darüber keine weltschmerzlichcn Dialoge zu halten. Der alte Herr ist eben kein Littcrat, sondern ei» Mensch, was etivas viel Angenehmeres ist. Es hat mir leid gethnn, daß er mit diesem Sohn behaftet ist, der ihm wie ei» richtiger Gelb- schnabel vorwirst, daß er ein„Judas" sei. und die Kunst verrate. Ein Judas— natürlich I Wenn so ein Littcrat gekränkt wird, geht gleich die Welt unter und er schreit„Judas", als wenn er der dramatische Messias wäre. Der junge Herr Golduer, um weiterzukommen, ist Kritiker und zwar au einem Generalanzeiger. In dieser Eigen- schaft greift er den Stadtrat Jansen an, der in Spiritnsaktien spekuliert und langweilige Romane schreibt. Er scheint ein gut- mütiger und eitler Tropf zu sein, der geni gebildet thut— na, das ist nicht hübsch, es giebt in der Litteratur aber doch weit gefährlichere Subjekte. Es charakterisiert die geistige Höhe des jungen Herrn Goldner. daß er gegen diesen armseligenLokalpoeten einen blutigenKrieg führt. Litteratengezänk, Littteratengekeif, Litteratenjammer I Der Stadtrat nun ist der einflußreichste Geldmanu des neuen„National- Theaters", das in der Stadt eröffnet werden soll I Der Direktor des Thealers ist ei» früherer Kritiker, ein Freund des jungen Herrn Goldner und augenscheinlich ein gescheiter Mann. Er will mit„Hamlet" eröffnen, im letzten Augenblick aber wird ihm ein modernes Stück anonym eingereicht, das„Nachtfalter" heißt und angeblich gut ist. Nun ivill er mit den„Nachtfaltern" eröffnen, worüber in der Familie Goldner«ine rührende Freude entsteht— der anonyme Aglor ist nämlich der junge Herr Golduer und es ist doch so nett, wenn man eine» Sohn hat, von dem ein Stuck aufgeführt ivird I Sogar der Stadtrat, der von dem Stück Gutes gehört hat. will den unbekannten Autor protegieren, woraus ich schließe, daß er gar kein so unebener Mensch ist. Wenn man ein bißchen Rücksicht auf seine poetischen Schivächcn nimmt, läßt sich offcnvar ganz gut bei ihm verkehren; er scheint sogar nicht abgeneigt zu sein, einige seiner Spiritusaktien ivirklich künstlerischen Zwecken zu opfern. Wenn man ihn nur halbwegs anständig bebandelt! Das thut der junge Herr Goldner aber nicht. Dieser hoffnungsvolle Mann hat natürlich den genialen Uebennnt der genialen Jugend. Er geht zum Stadtrat und erklärt ihm mit schlecht verhohlener Schaden- freude, daß er der Autor sei. Er will sich damit einen Spaß machen und sieht gar nicht, daß der Spaß viel größer geworden iväre, wenn er den Stadtrat das Stück nihig hätte aufführen lassen. Natürlich führte der Stadtrat das Stück nun nicht auf, worüber der gescheite junge Herr Goldner total aus dem Häuschen gerät. Er sieht diesen harmlosen Herrn nun gleich in melodraniatischer Beleuchtung und scheint ihn sür einen Ausbund aller menschlichen Verworfenheit zu halten. Die einfache Erkenntnis, daß ein Stadlrat unangenehm wird, wenn man ihn»zt. ist ihm in seinem Künstlerleben noch nicht aufgegangen. Das schönste ist, daß er auch den Direktor. seinen Freimd. mit Grobheiten regaliert, weil er lieber die „Nachtfalter" als das ganze Thcater'fallen läßt. Der junge Herr Goldner muß eine Seele von Mensch sein, daß er sich als Kritiker diese schöne Naivetät hat bewahren können. Dabei liegt ihm an- geblich gar nichts an der Aufführung und doch fühlt er die ganze Menschheit in seiner Person gekränkt. Littcraicnlogik, Litteraten- nillt, Litteratenjamnier. Ich kann nicht sagen, ob das Stück schließlich doch aufgeführt wird und hoffe, meinen Lesern keine unruhigen Nächte zu bereiten, indem ich sie in llngcwißheii lasse. Nachdem ich midi drei Akte in der fürchterlichsten Weise gelangweilt hatte, glaubte ich den Ansprüchen genügt zu haben, die der junge Herr Goidner und der junge Herr Hirschfeld zu stellen berechtigt sind. Für die Familie Goldner mag es ja von Bedeutung sei», wie die Sache verläuft— für uns andre ist es eniinent gleichgültig. Herr Hirschfcld ist ein kleines nüchternes, freudloses Beobachtnngstalent. In der Schule der Naturalisten hat er allerlei Kleinigkeiten gelernt, nur eben das Dichten nicht, das sich ja beim besten Willen nicht lernen läßt. Der„junge Herr Goidner" ist die schlechteste Arbeit, dieäch bisher von ihm kenne. Er ist hier selbst voll deni bißchen Geist verlassen, das er sonst zur Ver» fügung haben mag. Keine straft, keine Phantasie, kein Tcmpcranient— es ist ein Jammer, ivaS für dieses Stück des Litteratenjammers in einer Weise ja allerdings die entsprechende Ausdrucksweise sein mag. Die ausgezeichnete» Schauspieler des„Deutschen Theaters" gaben ihr Bestes— vergeblich! Die bleierne Langeweile des Stücks war nicht hinwegzilspielen. Vor allem habe ich mich gefreut, wieder einmal Sauer und sein beherrschtes, ruhiges, intelligentes Spiel zu sehen. Er gehört zu den Stillen und Echten, die abseits von der Retlame leben und schaffet. Es darf übrigens gesagt werden, daß ünsre echten Schauspieler das in» allgemeinen thun. Sie machen uns andern dadurch den Stolz um so leichter.— Erich Schlaikjer. Somltagsplalndvvci. Ivette G uikb ert— der Name prangt in schwarzen Niesen« buchstaben auf buntem Papier an allen Anschlagsäulen. Aeußerlich verrät die Ankündigung keinen Unterschied mit sonstigen Brettl« Reklamen. So strahlte auch in wuchtigen Lettern die schöne Otero oder die Fünflinge, die BarrisonS oder der unüberwindliche Ketten- sprenger oder Liane de Vrics, genannt der Stern der Welt. Und iveiili Herr Slöcker oder Herr Roeren oder gar Herr Stockmann den Namen lesen, werden sie sich vor Ingrimm und Abscheu schütteln und von der Unzucht der Zeit zornig predigen. War es doch Ivette Guilbert, die neben Böcklin und andre» Verführern zur Unsiltlichkeit von unsren Frommen in den seligen Hcinzc-Debatten an den Schand- pfähl gestellt worden. Ach, alle die Trikollüsternen, die gegeil»>ärtig zur Ivette Guilbert pilgern, werden schlimme Enttäuschungen erleben. Sie hat so gar nichts von Trikot, sie bricht nicht zusamincn unter der Last von Edelsteinen, die gewaltigen Liebhaberwert kündigen, sie hat nichts von frecher Fülle und lasterhafter Dürre, sie ist gar nicht schön für die Augen der Geuußbuben, sie ist bloß eine einfache Bänkelsängerin, die von der Gasse und dem Jahrmarkt komnit, und die zufällig in diesem Metier die größte Künstlerin unserer Zeit ge- worden ist. Ivette Guilbert gehört nicht in den parfümierten Thcatersaal unter die geschniegelten und satten Herren. die hohe Eintritts- preise bezahlen können und zu den rauschenden Weibern, die immer frei gehalten werden, sie bleibt fremd in dieser Gesellschaft, die wie die Stöcker, Roeren und Stockmann keinen Unterschied zwischen der Ivette Guilbert und der Lona Barrison erfassen und die so gar nicht nierkt, daß dort oben die Revolution selbst leibhaftig singt— eine spottende Kassandra, die lachend den Untergang kündet. Ivette Guilbert sollte einmal zu den Arbeitern kommen. Dort muß ihr Heiinatlust wehen, dort findet sie das Echo ihrer Kunst: die grollende Anklage, die wilde Schusuibt nach einer ivundersnmen Zukunftsschöuheit, den Hohn über uujre zerklüftete Barbaren-� htlhit, den Hab wider die Philister, Narren und Schurken der Bourgeoisie. Und vor allem eint sie mit diesem Publikum das'gleiche Streben: Das Volksmäßige. die Volkskrast zu adeln, hier in der Kunst, dort im Leben der Gesellschaft. Ivette Guilbert musj, obwohl sie französisch spricht und ein wenig Gallierin ist. doch das tiefste Verständnis beim internationalen Proletariat finden. Man sagt, sie sei ein Stück Socialistin. Ich weiß nicht, ob es sich bloß um den gewöhnlichen Gefühls- socialisnnis der Künstler handelt oder ob sie bewußt auf das kommunistische Manifest schwört— jedenfalls ihre Kunst ist proletarischer Rafie. Sie ist aus Armut. Elend, Unterdrnckluig und unsäglicher Arbeit erwachsen, sie hat den stolzen Frohsinn der niedergerungenen Qual, sie klagt an und befreit, sie verachtet und führt empor. Ivette Guilbert hat den Stil ihrer Kunst sich selbst erarbeitet. Ihr Fleiß ward ihr zum Genie. Sie ist inr Vortrag zur ältesten Form zurückgekehrt, zur Vereinigung von Singen und Sagen— zum Sprechgesang. Ich kenne niemand, der so wenig Stimme hat und so herrlich singt. Ihre rhythmische Meisterung der Sprache ist un» vergleichlich, sie leitet Wort und Satz in souveräner Freiheit, jeder Laut wird zum Kunstwerk. Aber mit dem köstlichen Jnstrnnient ihrer Sprache vereint sich zu orchestraler EinHeitswirkiuig die Musik ihrer klugen Augen, das zaubernde Mienenspiel ihres Gesichts, die Beivegungen der Anne und des Körpers. Der ganze Mensch folgt in all seinen Regungen dem Dirigenteustab ihres reifen Kunst- willens. Die„Disense" giebt heute unter ihren Darbietungen eine Parodie der Varrisons, vielleicht um de» Abstand ihres Könnens von der sonstigen Tingeltangelei aller Welt sinnfällig zu mache». Jedenfalls gewinnt man an dem Vortrag dieser Parodie das rirbtige Maß für die Schätzung der Ivette Guilbert. Ihre Kunst verhält sich zu dem Handwerk ihrer Kolleginnen, der Forschen, Schneidigen, Schreiende», Zappelnde», wie etiva Michel Angelos Morgen zu einer wächsernen Schlafpuppe mit Klapppaugen. Die Gestalt des Morgens ist in jedem Glied gleichsam von Schlaf durchtränkt und jeder Nerv und jeder Muskel sucht sich aus dcni Bann der Nacht zu lösen. Die Puppe aber markiert das Schlafe», indem sie einfach die Augen schließt, das Wachen dadurch, daß sie sie wieder öffnet— sonst ändert sich nichts an ihrem Wesen. Die Chansonnettcn vom Dutzend- schlag begnügen sich niit der Lieferung von solchen Marke», bei der Ivette Guilbert stellt sich ihr ganzer seelisch-leiblicher Organismus in den Dienst ihres Vortrags, mag es auch nur ein platter Gassen- Hauer sein. Ivette Guilbert beherrscht alle Formen und Farben der französischen Lyrik. Sie singt alte Balladen und Legenden, voll übermenschlicher Leidenschafte» und grausiger Wunder; sie singt modische Couplets mit ihren kecke» Anspielungen und derben Spaßen; sie singt die schwülen, krampfigen Haschischlicder eines Beandelnire; sie singt die Lieder der Verkonnnenen, der Dirnen und Zuhälter, der Hungernde» und Verbrecher; sie singt Fuselschnaps, Absynth und Champagner; sie singt von der Liebe in allen Höhen und Tiefen, sie singt die sociale Revolution und die Gesellschaftskarikatur, sie singt schließlich auch Instige Harnilosigkeiten, namentlich wen» sie in Deutschland gastiert und die Polizei, die für das Niedlick?e schwärmt, sie zum Unbedeutende» zwmgt. Was immer aber sie vorträgt, stets gestaltet sich ihr das Lied zu einem Drama, das in einer abgerissenen Begebenheit Lebens- und Weltschicksale zu er- schöpfen scheint. Todescrnst, eherne nordische Stimmuirg, Größe und Grauen, tanzende Fratzen, ei» blutender Schrei aus nächtigen Fclsschlüuden — das ist die geistige Sccnerie, in der die Künstlerin Richepiws Bretonische Legende„La glu" vorträgt. Sigmar Mehring hat dieses dämonische Bäukellicd in seinem prächtige» Buch„Die französische Lyrik im 19. Jahrhundert" also verdeutscht: 's war ein armer Tropf vernarrt, O tiriliri, tralnla I— 's war ein armer Tropf vernarrt, Doch sein Mädel kalt inid hart. »Bring' nnr's Herz von Deiner Mntt'r l" O tiriliri, o tralala! Bring mir's Herz von Deiner Mutt'r Schrie sie.»Branch's zuur Hundefntt'r." Schleickn der Kerl zum Mnttermord. O tiriliri, tralala I Schleicht der Kerl znnl Muttermord, Reißt das Herz'raus und läuft fort. Läuft und purzelt in den Sand— € tiriliri, o tralala I Läuft und purzelt in den Sand, Und das Herz rollt aus der Hand. Wie das Mnttcrherz so rollt— O tiriliri, tralala!— Wie das Mutterhcrz so rollt. War's, als ob eö sprechen ivollt! Und es wimmert in den Wind— O tiriliri, o tralala I Und es iviniuiert in den Wind: »Hast Dir weh' gethan, mein Kind." Das wird in Ivette Guilberts Vortrag aus einer Legende zur leibhaften Wirklichkeit. Vom Brutalsten zum Erhabensten durchleben wir alle Schauer. Dieser Bursch hat wirklich um der Buhle willen seiner Mutter das Herz aus dem Leibe gerissen, und dieses im Staube zuckende Herz lveint wirklich die Frage der unzerstörbare» Mutterbesorgiiis.' Eine andre Welt thut sich auf. Ivenn Ivette Guilbert die alter- tümelnde Geschichte von dem Schlächter singt, der die Kinder zu Pökelfleisch zerschnitten und dem heiligen Niclas, der die Zer- stückten wieder auferstehen läßt. Der Text hat für unser Gefühl allzu viel von der schauderösen Morithat des Jahrmarkts. In Ivettes Wiedergabe wird eine rührende Legende daraus, ein rechtes Märchen voll holdseliger Naivetät, kindlicher Frömmigkeit und einer leise» Schelnierei, die treuherzig beteuert: das alles sei doch nur ein Spaß. Diese süßen trippelnde» Kinderlein, der wüste Metzger, und die lieblich plappernden Morgeustimmchen der ins Leben Zurück- kehrenden— welche Fülle der Gesichte steigt aus der kargen Reimerei empor I Dan» die von Haß und Hohn besessene Bäuerin, die über den Tod ihres rohen Mannes jauchzend wehklagt, Berangers lustige Groß- mntter, der so viel heißer das Blut rollte als dem langweiligen faden Nachwuchs, oder das im Champagnerschwips lachende Dämlcin, deffen leichter Rausch im Höre» austeckend wirkt— jedes ein unvergeßliches Gebild. Wir haben in Deutschland keine Ivette Guilbert. lind wir können uns glücklich darob preisen. Denn würden ivir sie haben, so müßte sie unter dem Drucke der Censur elend verdorren, die es verlvehrt, daß die Totalität des modernen Daseins in lockeren und schwere», grilligen und grimmigen, zürnenden und höhnenden Liedern auf der Bühne erscheint.— lloo. Kleines Feuillekon. er. Der Ehrengast. Der Kellner hatte recht, es waren doch schon Gäste da. Herren und Damen, im ganzen so an sieben; sie saßen am obersten Ende der langen Tafel und unterhielte» sich, nur das alte Fräulein stand etwas abseits vor dem Gasofen und wärmte die Hände an den Flammen. Als die Thür im Vorzimmer ging, sah sie auf, mit einem Freudenschrei stürzte sie der Ankommenden entgegen: »Ach Fräulein Helene, S' ist ja reizend. Kommen Sie nur gleich zu uns herauf, wir sitzen doch wieder zusammen." »Ja natürlich, Fräulein Werner". Fräulein Helene schüttelte die dargebotene Hand:„Sind ja schon'nc ganze Menge da, ich glaubte, ich wäre die Erste. Ach. da sind ja auch Eberstcins I" Sic nickte in den Saal hinein, während sie Hut und Mantel abnahm. »Ja, die find auch da und Mainzers— die kommen selten." „Aber sie sind doch recht nett." Fräulein Helene hatte sich a»S- geschält.„Ja dann gehen wir wohl hinein." Arm in Arm traten sie in das Sitzungszimmer. Die Aniveseuden erhoben sich, man be- grüßte sich mit Händeschütteln. „Setzen Sie sich hierher", sagte Frau Doktor Eberstein,„hier sitzt auch Fräulein Werner und Sie beide sind ja doch die Unzer- trennlichen." »Na ja, manchmal." Fräulein Helene lachte. „Wie geht es Ihnen, Frau Mainzer?" Sie reichte der jungen Frau über den Tisch weg die Hand.„Hat Ihr Herr Geinahl den Gruß bestellt? Wir trafen uns neulich in der Köuigstraße." „Alles ausgerichtet." Herr Mainzer, der mit Doktor Eberslein und den beiden andren Herren plauderte, drehte sich der Fragenden zu.„War es übrigens interessant in der Nationalgalerie, haben Sie die neuen Bilder zu sehen bekomme»?" „O ja, danke, es sind sehr schöne Stücke dort, besonders die französischen, möchten Sie etwas von mir, Fräulein Werner?" Sie wandte sich zu ihrer Nachbarin, die sie am Arme zog. „Jawohl Sie, lassen Sie mal ihre alten dummen Bilderl Hören Sie mal hier her. Wissen Sie eigentlich schon, warum heut außerordentliche Sitzung ist?" „Ach ja, ist ja wahr, ist ja außerordentliche Sitzung"— Fräulein Helene nickte—„ja, ich denke, es soll wegen der Bibliothek beraten werden?" „Soll es auch, aber noch was andres." „Wollen ivir einen Ball arrangieren?" Fräulein Werner kicherte in sich hinein:„Nein, Sie raten es doch nicht." „Wir haben nämlich einen Gast," nnschte sich Fran Ebelfiein in die Unterhaltung. „Einen Gast?" „Wen denn?" Herr Mainzer horchte gleichfalls auf. Fräulein Werner lachte, mit einem triumphierende» Blick sah sie von einem zum andern:„Frau Doktor Henziger kommt I" Pause.' Dann ein allgemeines:„Ah!" „Ist die wieder in Berlin?" Der eine Herr nebe» Eberstein verzog das Gesicht. „Aber bloß auf acht Tage." Doktor Eberstcin erhob sich.„Ja, und da sie im vorigen Winter immer so gern im Bereiu war, Hab' ich ihr zu Ehren heut die Sitzung angesetzt. Ich denke, Sie werden sich doch freuen, sie wiederzusehen I" „Ja natürlich... aber sehr... ob und wie I" Sllle Stimmen klangen durcheinander, nur die beiden Mainzers und Helene schwiegen. Frau Mainzer sah Helene an:„Ich mag sie nicht." .Und sie mich nicht." Fräulein Helene lachte.»Haßt mich wie Sünde." .Haben Sie was mit ihr vorgehabt?" .Nein, sie iniponiert mir bloß' nicht. Wieviel seidne Kleider hat sie sich schon bestellt?" Sic drehte sich z» Frau Doktor Eberstein. „Wieviel Dutzend silberne Löffel hat sie in ihrer neuen Villa in Misdroh? Sie hat es Ihnen doch wohl schon erzählt?" „Pfui! Sie haben einen gottlosen Mund." Fräulein Werner schlug sie wieder auf die Schulter, wollte sich aber trotzdem ausschütten vor Lachen. Herr Mainzer stimmte Helene bei:„Na, Fräulein hat aber recht. Sie kennt auch wirklich kein andres Lied als:„Mein Mann ist der reichste Mann von Kolberg. Lächerlich diese Bramserei!" „Und wenn noch Ivos dabinter wäre l"— Frau Mainzer warf einen Vlicl über die Gesellschaft,—„aber wo Doktor Eberstein sich noch selbst darüber lustig gemacht hat, daß sie ihn neulich hat um hundertfüiifzig Mark anborgen wollen." „Gott, das war doch aber nur in einer augenblicklichen Ver- legenheit, sie wollte'ue Rechnung bezahlen, von der ihr Mann nichts ivissen darf." Doktor Eberstein sprang auf, sein frisches rotes Gesicht wurde noch um eine Nüance röter:„Und lustig gemacht habe ich mich doch auch nicht drüber, ich habe es doch nur erzählt." „Und sie ist auch wirklich wohlhabend"— Frau Eberstein kam ihrem Mann zu Hilfe—„sie hat erst gestern wieder zwanzig Mark in die LcrcinSkaffc gestiftet und Fräulein Werner hat sie für den Frauenverein sogar fünfundzwanzig Mark gegeben!" „Na, dafür kriege ich auch Arbeit genug"— Fräulein Werner muffelte.—„Jetzt hat sie mir wieder drei Bilder mitgebracht für unsre kunstgewerbliche Ausstellung. Elendes Geschmier, ich muß acht Tage sitzen, um sie zurecht zu putze», sonst erkennt kein Mensch, ivas es sei» soll. Wenn sie sich bloß nicht einbilden wollte, eine Malerin zu sein." „Nehmen Sie doch die Bilder nicht auf," sagte einer der beide» Herren neben Eberstein, die sich bisher zu ziveien unterhalte» hatten. Sie maß ihn mit einem Blick:„Na, das kann ich doch nicht, Ivo sie so viel Geld gegeben hat I" „Das wäre unhöflich," stimmte Frau Eberstein bei. „Und es ist doch auch'ne ganz nette Frau." suchte der Doktor zu begütigen.„Wenn sie auch'» bißchen verrückt ist l" Frau Mainzer blickte zum Himmel:„Nett? O ja. besonders, wenn Herren da sind." „Soll sie dann gerade weniger nett sein?" Eberstein versuchte einen Witz. Frau Mainzer kam in Eifer:„Na. Sie brauchen gar nicht zu ulken, Doktor. Sie haben neulich genau dasselbe gesagt." „Schön ist ihr Betragen auch eigentlich nicht"— pflichtete Herr Mainzer seiner Frau bei.„Sie ist zudringlich. Springt einem fast an de» Hals. So beträgt sich keine Dame." „Ach na aber! Nein wie können Siel" Frau Eberstein und Fräulein Werner fuhren beide auf. Fräulein Helene klatscht« in die Hände:„Aber das haben Sie ja auch gesagt, Fräulein Werner. Wissen Sie das nicht mehr? Als wir damals am Müggelsee mit Frau Doktor hinter ihr gingen. Frau Doktor hat noch so gelacht, wie Sie sagten:„Jetzt sehen Sie bloß die Henziger an. hopst sie nicht um den alten Jausen, wie'n ver- rückt gewordener Bettsack?" Sie lachte auf. „Frau Henziger kommt", rief Eberstein. Fräulein Werner und seine Frau sprangen auf und stürmten nach dem Vorzimmer. Er selbst und die andern folgten: „Ach Frau Henziger... wie wir uns freuen." .Unsre große Malerin... reizend, daß Sie wieder bei uns sind..." Nur Mainzers und Helene waren im Saal geblieben. Frau Mainzer sah Helene an; die aber schwieg und zuckte die Achseln.— Musik. Von den berühmten Größen der Wiener Operette reicht Franz Snpps(tSSO— iZSö) wohl am weitesten, nüt seinen ersten Werken noch in den Vonnärz, zurück. Er war für Wien annähernd das. was Offenbach für Paris war, wenngleich er dessen seine Anmut doch nicht erreichte. Er komponierte»och so gut wie gänzlich ohne das Streben nach Dramatik, das später selbst ein Millöcker zeigt«; er gab dem knnslfrcniden Theaterbummlcr jene unterhaltlichen Gassen« und Bühneuhauer, deren Nachsingen für manche Leute ein uuerläß« lichcs Bildungscrfordernis zu sei» scheint. Von zwei nachgelasieucn Werken hat sich die Operette„Das Modell" seit 189o soweit bewährt, daß die jetzt anscheinend ganz auf äußeren Erfolg nngewiesenc Direktion des Theater des W e st c n s sie vorgestern(Freitag) wieder hervorholen konnte. Es gehört viel Resignation dazu, diese „Melodien", zum Teil mit dem bekannten Typus der ulkigen Aceentuiernug auf dem letzten leichten oder schlvereu Taltteil, so über sich ergehen zu lassen, daß man auf inusikalischen Wert gänzlich ver- zichtet und doch wieder das Ohr offen hat, sobald der- jedenfalls viel könnende Komponist auf einmal etwas wirklich Musikalisches dazwischen wirft. Von den gänzlich dem Bau der Leiermelodien nntergeordncteii Dialogen darf man wohl schweigen, und daS mancherlei„Hübsche",„Nette" sei als solches anerkannt— z. B. die sehr gut gemachte und dadurch über die Erfindungsannut hinweg« täuschende Canzonetta«Giri biri Coccolo"; das vorletzte Quartett Verantwortlicher Rcdacteur: Wilhelm Schröder in Will de? ersten Akls, freilich durch daS darauf folgende ordinäre Final» quartctt gleichsam vernichtet, und die Begleitung zu den lebenden Bilden« im zweite» Akt find dagegen ganz wertvolle Episode». Was mm aus einer derart«m Ganzen unkünftlerischeu Ware künstlerisch herauszuschlagen ist, das brachte die Gastin des Abends. Frau Julie Kopäcsy. in ihrer Weise glänzend heraus. Sie ist unter den Soubretten jedenfalls eine der allerbesten Schauspielerinnen, mit einer grndezu vorbildlichen Herrschaft über ihre Bewegungen, mit einer Mimik. durch die sie oft»vie in« Augenblick verwandelt erscheint, und mit einem Ausdruck im Gesang, der wahr» lich einer befferen Sache würdig wäre. Das Stück giebt mehrfach, zunml durch das lebende Bild der„Phryne". für uunrtistisch fühlend« Zuschauer mid für nnartistisch spielende Mimen Gelegenheit eines „frivolen" Eindrucks: und das Halbhcitskostüm, das die Darstellerin jenes Bilds— konventioneller Weise— trägt, ist erst recht dazu geeignet. Allein der hinter all dieser Heiterkeit steckende Ernst der künstlerischen Leistung Frau Kopaciys tilgt einen solchen Eindruck schlechterdings hinweg. Speciell als Sängerin verfügt sie über manche schöne Töne, neben denen jedoch das llnglciche und Schillernde ihrer Stimme sowie das mühsame, oft vergebliche Hinaufziehen vieler Töne sich recht unangenehm bemerkbar machen. Neber die sonstigen Kräfte, die das Theater de? Westens diesmal stellte und über die der Regie wiederuiu wirkungsvoll ge» lmigenen Gruppen würden wir wohl nur Bekanntes rviedrrbolen könne». Eine Volontärin, L» c i e E n g e l k die uns im vorigen Sommer bei einein andren Ensemble als Diana im„Orpheus" auf» gefallen war, möchten wir gern noch näher kennen lernen; sie be» darf anscheinend erst längerer Routine, um ihre hoffentlich nicht im» verbefferliche Kühle z» übenuiuden.— sz. Hunioriftisches. — Dilemma. Wirtin:„Jetzt weiß ich nicht, ist mein Kost» Herr ausgeblieben, Iveil die Suppe regelmäßig versalzen war, oder weil er gemerkt hat, daß ich i» ihn verliebt bin? I"— — Verfehlte Wirkung. Ein Schniierciidirrktor führt ei» Trauerspiel auf und läßt darin, um die Zuhörer recht zu ergreifen, sämtliche Personen des Stücks sterbet«.— Nach Schluß der Vor» stcllilng hört er gleichwohl das Publikum laut hiaanslache». Empört darüber tritt er vor die Rampe mit den Worten:„Nun, ist das vielleicht noch nicht traurig genug?!"— (.Flieg. Bl.") — Vereinfachung. Arzt:. So, da habe» Sie das Rezept! Das Kind soll täglich dreimal eine» Eßlöffel voll von der Medizin nehmen!" Bauer:„Iaivobl, Herr Doktor! Aber i' lütt', schreiben S' gleich a' paar Maß davon auf! Dahoam im Dorf fan no' a' Dutzend kranke Bnb'n— den Hab' i' nur als Muster mit» 'bracht I"— Notizen. — Zu n u f r e m All m e rs-Ar t> k« l. Die 18�8/49 in Bremen in 13 Nummern erschienene Zeitmig hieß nicht„Ver» brüderung", sondern„Vereinigung, Zeitung für sämtliche A r be i t e r."— — D r. A u g u st S ch m i t S, der 3S Jahre lang Chef, r e d a c t e n r der„Ä ö I n. ZI g." war, ist in den Ruhestand ge- treten; an seine Stelle kommt E r n st P o s s e.— — Jenny Ranch vom Wiesbadener Hoftheater und Irene T r i« s ch vom Frankfurter Stadttheater find für das Deutsche Theater engagiert worden.— — Das Friedrich-Wilhelm städtische Theater soll von dcni Beginn der uächsten Saison ab zu einer Filiale des Schiller- Theaters umgewandelt werden.— — Der>s t e r n'> ch e Gesangverein bereitet zum Ge» dächtnis V e r d i' s eine Aufführung von dessen„R e y u i e m" vor.— — Die 19. Ausstellung der„Wiener Sezession" findet i» de» Monaten März bis Mai statt. Alle, auch im Auslände lebenden, dein östreichiicheu Staatsverbaude augehörigen Künstler köinien au dieser Ausstellung teilnehmeil.— c. Ein Preis für moderne D r u ck b u ch st a b e n. In der letzten Versammluug der Pariser„Gesellschaft der Bücherfreunde" wnrde der Beschluß gefaßt, einen Preis von 1999 Fr. für den bestell Entwurf für moderne Druckbuchstaben auszusetzen.— — In Gergovie wurde eine Münze gefunden, die über den Ursprung des alten L u g d u n u»i. des heutigen Lyon, Auffchlnß giebt. Dieses Unikum ist die erste Münze, die von Römern »a-ch ihrer Niederlassung am Zusammenfluß der Rhone und Saone geprägt wurde. Sie trägt de» Namen dieser Kolonie, Du�äunum, die ursprünglich C. Felix Munatia nach ihrem Gründer Munatius Plancus benannt wurde, und liefert den Beweis, daß die Gründung von Lugdmnint in das Jahr 43 vor Christi Geburt zwischen April und September fällt.— — Nach den Ergebnissen der letzte» Volkszählung hat Wien 133S647 Einwohner gegen 1341 897 im Jahre 1899.— —„B e n e d i c t e d e n p u in" las unlängst ein Wiener Lehrer auf einem Entschuldigungszettel. Lange konnte er die Sache nicht enträtseln. Endlich gelang's:„Benötigte den Buben."— erSdorf. Druck und Verlag von Max Bading m Berlin.