Anterhaltungsblatl des Worwürts N?. 30. Dienstag, den 12. Februar. 1901 (NalbdruS verboten.) Der KsPkl vonr z-zollerbviiu. 301 Roman von R. von Seydlitz. Kastl wandte sich endlich um, denn auf diesem Wege war nicht weiterzukommen; er drängte hinaus auf die Landstraße. und lief bis zur Mauer des Kellergartens, dort überzu- steigen. Aber den Gedanken hatten andre auch gehabt, und nicht die besten. Er begegnete laufenden Leuten mit Tischen und Stühlen, die merkwürdig ähnlich denen vom Keller waren. Doch ohne sich aufzuhalten, ging er auf die niedere Mauer zu, und erklomm sie. Von oben, als er hinabsprang, sah er zum erstenmal den Brand in ganzer Ausdehnung, aber auch zugleich den Kellergarten, der bereits voll Menschen war. Er lief bis hinten an die Verbindungsthür neben der Halle und schloß arif; die wenigen Schritte bis zur Mauer der Mälzerei durchflog er im Nu, und einmal hier, übersprang er auch diese Mauer. Von der Glut versengt, die dicht vor ihm zu den Fenstern und zum Dache hinousraste, stand er einen Augen- blick im Hofe. „Was wollen S' da? l Hier darf nieinand herein l" schrie ihm ein Feuerwehrmann zu. „Bin ja der Bräumeister!" „Ja, nachher.— Deos is was I" sagte der besänftigte Mann, mit einer Art Mitleid; und Hegebart eilte neben dem brennenden Gebäude weiter. Hier, am Eingang zur Mälzerei, war die erste Spritze schon in Thätigkeit, Hornsignales gellten durch das Krachen und Praffeln. und die glänzenden Helme liefen hin und her. Auf das Kommando eines Vorgesetzten traten mehrere Leute zum Bretterzaun, der hier links das Grundstück abschloß, und legten ihn mit wuchtigen Axthieben nieder. Draußen warteten mehrere Spritzen und Leitenvagen, die imn im Sturmschritt angriffen. Der rasende Flamm enhaufen im Innern tobte jedoch «inner wilder. Leute, die mit den Schläuchen an den Leitern hinauf zu den oberen Fenstern stiegen, kamen wieder herunter, betäubt, erstickt und versengt: da war nichts mehr zu retten l Endlich kroch Kastl zwischen den Wagen durch und eilte weiter, da er beim Anblick der schäumenden, atem- losen Pferde plötzlich an die Ställe und Wageuschuppen er- innert wurde, die den unteren Teil des Gebäudes nach der Ouerswaße zu einnahmen. Denn durch die jähe Senkung des Bodens bedingt, wies hier der Bau einen Stock mehr auf als oben, und da unten waren die Pferde der Brauerei, zwanzig an der Zahl. Ueber dem Stall lag ein Schuppen mit Vorräten an Fässern, Pech und Futter. Dieser war noch unversehrt, aber im Moment, als 5lastl vorbellief, schoß eine Rauch- und Feuergarbe hinein, die durch die Verbindungsthür aus der Mälzerei hervorbrach. Kastl sprang in Sätzen hniab und atmete befriedigt auf, als er sah. daß' die Tiere ins Freie gezogen wurden. Er sah zuerst dort einen und den andern der Burschen, sonst und überall nur Feuerwehr. Hier unten standen zwei Spritzen und arbeiteten heftig. Die Schläuche waren oben, auf der eisernen Brücke, gehalten durch ein paar behelmte Gestalten, die die gischtenden Strahlen des Wassers aus die Brauerei richteten, um diese von außen gegen den sengenden Funkenhagel zu schützen. Von Zeit zu Zeit kehrten die Leute das Wasser gegen sich selber, um nicht selbst zu verbrennen. Es war ein düsteres Stück Heldcnarbeit, da oben im Funkenregen zu stehen. Die Brücke konnte nur so lange halten, als die Mauer der Mälzerei hielt. Aber Malz brennt wie Spiritus; es zerstob in die Luft, Milliarden brennender Körner regneten herab wie ein Riesenfeuerwcrk, alles ver- wirrend und betäubend. Niemand konnte hinaufsehen, unten wurden die gepeinigten Pferde rasend und schlugen sich und die Umstehenden halbtot, che man sie wegführen konnte. Plötzlich kam in eiligem Trab eine Gruppe vom bren- nenden Bau herab: Kastl sah schaudernd eine schwarze läng- liche Maffe tragen, von der glimmende Fetzen hingen. Er starrte vorgebengt näher daraufhin: das bewegte sich'— das lebte noch— das war ein sterbender, brennender Mensch! Ein Grauen fuhr ihm durch den Leib und schnürte ihm den Hals... In all der Verwirrung, der Glut, dem lähmenden Schrecken stand er unthätig und blöde da; was konnte er thun? Ein Blick, den er von Zeit zu Zeit über das Brau- gebäude warf, sagte ihm, daß es da nicht brenne. Aber war's nicht besser, dort einzutreten und zu sehen, was zu thun sei? Zusammenraffen, was das Wertvollste war, konnte ja nicht schaden. Er trat ein, und lief zuerst ins Sudhaus. Ein Bursch stand da, wie ein Kind weinend und schluchzend vor der Feuerung und goß Wasser in die Flammen des Ofens... Kastl jagte ihn fort. Dann sprang er in die Burschenkammer; die war leer, Kisten und Betten waren fort. Nun sprang er hinauf in seine Wohnung. Nebenan, bei Ringelmann, hörte er schreien. Er sprang hinein; in einem Zimmer am Fenster stand Ringelmanns Frau und warf hinunter in den tief- gelegenen Nachbarsgarten, was ihr in die Hand kam, die ganze Zeit schreiend, als brenne sie selber. Kastl rief nach Ringelmann, aber vergebens. Dann lief er in seiue Wohnung und packte rasch zusammen in Lein- tücher und Tischdecken, was er für wichtig hielt. Wenig Schreibereien, einige Kleider und kleine Sachen; zuletzt, da er sah, daß Zeit genug war, nahm er noch ein großes Tuch und warf Wäsche, Bücher und Stiefel hinein; kurz, er be- werkstelligte einen ganzen Umzug, und eilte mit den Sachen hinab. Aber dort strömte noch der Funkenregen, darum lies er seitwärts bis zum Nachbarhaus, und trug es dahinein; die Leute nahmen es durchs Fenster in Empfang. Jetzt kehrte er zurück; da kam ihm die Idee, nochmals nach Ringelmann zu sehen. Aber er mußte wohl im Conrptoir sein. Da sprang er dorthin, in das niedere Seitengebäude. Dort war Licht.— Und da war Ringelmann, mitten auf dem Boden kniete er, und band, ganz wie Kastl soeben gethan, alles Erreichbare in einen großen grünen Vorhang, den er Herabgeriffen. Die Kasse stand offen und war leer. Eben wollte er den Ohm anrufen, da brach hinter ihm ein blendendes Licht aus und Geschrei ertönte. Wie er sich uniwandte, sah er mit Entsetzen, daß jetzt helle Flammen aus dem Brauhaus fuhren l Wie war das möglich,— er war doch eben oben ge« Wesen?— Er lief hinaus und sah schaudernd zu, wie die Flammen fraßen. Hinter ihm sprang Ringelmann zum Comptoir hinaus, das grüne Paket im Arm und rannte damit in die Brauerei. „Wo willst denn hin,'s brennt droben!" schrie Kastl ihm nach. Aber schon war er die Treppe hinauf zur Wohnung. Jetzt stürmten Löschmannschaften ins Haus, Spritzen fuhren an und begannen im Funkenregen ihre Thätigkeit. Kastl war wie gelähmt von dem neuen Schreck, er begriff nicht, wie das Feuer so schnell hatte überspringen können. Das Dach war rauchumwölkt, um die Fenster züngelten oben die Flammen. Zwei Feuerwehrhauptleute kamen vor Kastl zu stehen. „Ich war oben," sagte der eine.„Mir scheint, dort lagert viel böses Zeug,'s hat so nach Petroleum gestunken!" Kastl erinnerte sich jetzt, daß auch ihm der Geruch auf- gefallen war. „Ist noch jemand in der Wohnung?" „Nein, ich glaub nicht." In demselben Augenblick brachte man mächtigeu Ringelmann zum Haus heraus; und jammerte hinterher. Kastl sah, daß es Ringelmann war; aber er begriff nicht— er war in Unterkleidern. Eben hatte er ihn doch noch in Kleidern gesehen l Er lief herzu. Die Frau weinte und heulte:„Ach Gott, Kastl, dees Unglück! Und mei' Mann noch krank derzn! Hat den ganzen Nachmittag schon im Bett liegen müssen— jetzt wird er'n Tod davon haben I— Ach Gott, ach Gott I—" Sie trugen den Kranken fort,— Kastl stand einen Augen- blick, sprachlos— dann sprang er mit einem Satz ins Haus � „die Bücherl" aber den ohn- die Frau schrie Denn die Bücher hatte Ningelmann— oder wer's ge- Wesen war, doch soeben ins Haus getragen... Und Bargeld vermutlich auch—! Er stürzte hinauf— er suchte. Er dachte nicht an das Wie und Warum.— er suchte. Irgendwo niußten die Sachen sein... Von Zimmer zu Zimmer eilte er, hastig in alle Ecken spähend: die Fenster ließen eine blendende Glut herein, bis unter die Möbel war alles taghell... Als er die letzte Thür aufstieß, brach ihm der erstickende Schivaden entgegen,— einen halben Blick nur warf er hin- ein— ein Haufen Sachen und Bücher lag mitten im Zimmer, umloht von einer Flammengarbe, die nicht von außen, nicht von oben kam, das Zimmer brannte von selbst.— (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten) Dev OvksKvnttKe. Bon Lucien Descaves. DaS Tagewerk war beendet; schon senkte sich der Schlummer der Dänrmerniig auf die Landschaft hernieder, da setzte sich mein Nachbar, der Maire, neben niich auf die Bank des Hauses, das ich siir den Sonnner gemietet hatte. Die Bank bestand aus einem schmalen, wunnstichigen Brett, das auf Klötze genagelt war; und ich schrieb ihr klappriges Aussehen weit weniger den Unbilden der Witterung zu, als den Generationen, die sich darauf ausgeruht und sich voir Anstrengung und Krankheit darauf erholt hatten. Plötzlich fiel die Stimme des Maires in meine Betrachtungen,'wie ein Stein in das ruhige Wasser fällt, und schreckte mich ans n, einen Sinnen auf. „Ro, Herr, gefällt's Ihnen hier?'ne schöne Gegend,... was?... und gesund!... hier sind die Leute nie krank, sie dürfen nicht krank sein! Er sprach laut, mit gebieterischer Stimme, wie ein Mann voll Kraft und Gesundheit, der eine bedenkende Stelle einnimmt. Ich betrachtete ihn, er schien in der That recht gesund und kräftig zu sein; das Gesicht bedeckte ein schwarzer und dichter Bart bis zu den Augen, während in dem zurückgeschobenen Hemde die behaarte Brust zum Vorschein kam. .Ich liebe diese Gegend," bersetzte ich,„und ihr gesundes Klima wirkt auf mich wie eine lange Liebkosung." „Ja," fuhr er fort,„wie kann man auch in diese« Seebädern leben, wo man sich alle Augenblicke imheilbare Krankheiten zuzieht? Die Luft kann ja gar nicht soviel verdorbene Stoffe in sich auf- nehmen, man nmtz dort das Fieber einatmen, ob man will oder nicht. Sind Sie auch meiner Reinnng? Ich verabscheue die Leute, die da leiden, und der Anblick der Krankheit ist mir unerträglich." „Das ist meine Ansicht nicht I Augen, in denen man die Ver- zweiflung über ein unheilbares Leiden liest, wecken in mir mehr Traurigkeit und Mitleid, als Ekel mid Widerlvillen." Ich sah, daß dieses Geständnis mir bei meinem Gegenüber schadete, und er sich fragte, ob mich nicht ein geheimes physilches Leiden in die Kategorie der von ihin so verachteten Wesen drängte. Doch in demselben Angeilblick fuhr ein Mietswageu bei ims auf der Landstraße vorüber, mein Nachbar wechselte init dem darin sitzenden Herrn einen kalten Gruß und die Unterhaltung, die sonst jedenfalls emgeschlafen wäre, wurde wieder lebhafter. „Das ist der Doktor Clarcnce", sagte der Maire,„er kommt eben bon dem Bater Faradet. Nein, das kann ich nicht so weiter dulden; bei der nächsten Bezicksvcrsaininlung«verde ich mit dem Präfekten darüber reden." „Wer ist dein« der Vater Faradet?" fragte ich. „Ein alter Ortsarmer, der immer krank ist, fortlvährend auf der Krankcnliste steht und dem der Dokter Clareuce seine Behandlung angedeihen läßt. Ich müßte eigentlich sagen, er perschlvendet sie an ihn, er verschivendet sie in skandalöser Weise. Jetzt ist er schon wegen eines erbärmlichen kleinen Geschwürs, das der Alte am Bein hat, dreimal gekommen." „Nim,"«varf ich em,„was schadet Ihnen denn das?" „Wie, was mir daS schadet? Man merkt, daß Sie mit den Gesetzen nicht vertraut sind, und namentlich von der Anwendung des Gesetzes vom 16. Juli 18S3 über den unentgeltlichen ärztlichen Bei- stand im besonderen keine Ahnung haben. Dieses Gesetz bestimmt eine ärztliche Behandlung zu Hause oder in einer Heilanstalt für alle Kranken, denen die Mittel fehlen, sich selbst einen Arzt zu ver- schaffen, und zlvar auf Kosten der Gemeinde, des Departements oder des Staats. Die Einrichtungen des neuen Gesetzes sind seit dem 6. Jainlar 1896 in Kraft, und ich habe Zeit gehabt, die Un- znträglichkeit dieser Bestimmung klar und deutlich zu erkennen." „'Worin bestehen denn diese llnzuträglichkeiten?" „Urteilen Sie selbst! llnsre Gemeinde, niein Herr, hatte nicht auf die staatliche Regelung dieser Angelegenheiien gcivartet, sondern schon vorher die ärztliche Behandlung der unbemittelten Kranken in Angriff genonimen. Da aber das fakultative Regime vom Jahre 1361 uns die Wahl der Systeme überließ, so können Sie sich natürlich denken, daß ich mich zu dem billigsten entschlossen habe. Ich be- zahlte also den Arzt im Abonnement. Für KX) Fr. jährlich verpflichtete er sich, die Kranken meiner Gemeinde, die ihn zu sich rtifcn ließen, zu Hause zu behandeln. Können Sie sich etlvaS Besseres denken?"> „Gewiß nicht! Das einzige wäre, daß bei dieser Bezahlung, die für den Arzt eigentlich unvorteilhaft ist, früher oder später eine Nachlässigkeit von scitcn des Arztes eintritt, oder daß dieser mehr Kranke in die Hospitäler aufnehmen läßt. „Ja, wenn«vir uns bei solchen Kleinigkeiten aufhalten sollten!" rief der Maire.„Die Konnnunalabgaben, die bei uns für den Krankendienst ausgeivorfen find, sind bescheiden, aber sie genügen. MeinePflicht ist es also in crsterReihe, dafür zu sorgen, daß das Geld nicht vergeudet«vird. Bei dem BezahlungSntvdus aber, zu dem uns die Bor- schriften der Präfektur jetzt zwingen, wird es vergeudet. Der Arzt erhält 1 Fr. pro Besuch, außerdem 60 Centimes pro Kilometer Wegegeld, «vobei der Nückiveg noch nicht einmal mitgerechnet«vird. Die Nachtbesuche lverden init 2 Frank bezahlt. Was geschieht nun?" „Das kann ich mir denken I Der Arzt, der früher nicht oft genug kam, kommt jetzt zu oft." �,Sehr richtig! Die allen Aerzte aus der Stadt haben sich«vohl gehütet, sich der neuen Bestimmung zu fügen; aber ein neuer, ein ganz junger Mensch, ohne jede Praxis, hat alle Bedingungen unter- schriebe». Da er sämtliche Gemeinden des Bezirks behandelt, so liegt es natürlich in seinem Interesse, daß möglichst viel Kranlheits- fälle vorkommen. Da muß er den einzelnen Fall natürlich in die Länge ziehen, das begreifen Sie doch! Er macht drei Besuche, Ivo ein einziger vollständig ausreichen würde." „Woher wissen Sie denn das? Ist er fleißig und tüchtig?" „Das«vill ich nicht bestreiten. Aber ebenso richtig ist es, daß der Betrag seiner Honorare sich in» letzten Jahre auf 162 Frank- 6V Centimes erhöht hat." „Anstatt der hundert Frank, die Sie der ärztliche Dienst in» Abonnement gekostet hat? Differenz 62 Frank 60." „Jalvohl, mein Herr; und ich sehe fürs nächste Jahr eine noch größere Ausgabe. Bedenken Sie doch: die Gemeinde liegt von der Stadt 6 Kilometer entkernt. Und jetzt kommt der Doktor Clarcnce in dieser Woche schon zum drittenmal und besucht den Vater Faradet«vegen eines lumpigen Geschlvllrs. Ich wiederhole Ihnen, es ist nichts lveiter, als eine ganz er- bärinliche, lumpige Beinwunde. Das ist kein gelviffenhafter Arzt! Uebrigens sind die Kranken ebenso geivissenlos. Jnfolgedessei« hat man ihnen auch das Vichywasser und den Chinawein, mit dem sie einen«vahren Mißbrauch triebe», gestrichen. Heute bekommen sie nur noch das Chinin in Pulverform, und die Salze, die z»lr Fabrikation des Minerallvassers benutzt lverden, gratis geliefert. Das ist schoir etlvas, aber ich hoffe, noch mehr durchzusetzen. Das Gesetz— ich habe mich genau danach erkundigt— hat nichts dagegen, daß ich meine frühere Einrichtung wieder aufnehme. Na, der Doktor Clareuce wird sich schön ärgern. Wenn nian auf die armen Kranken hörte und ihnen nachgeben wollte, dann könnte die Gemeinde ihrem Ruin entgegengehen, und wir«vürden nur für sie arbeiten. Das ist eine Schraube ohne Ende!" „Sagen Sie mir eins."«varf ich ein,„verlieren Sie unter den» neuen Regime und mit dem neuen Arzt mehr Kranke, als bei der früheren Einrichtung und bei den früheren Aerzten?" „Wir verlieren vielleicht«venigcr, ja, zwei oder drei.... Aber das ist doch nicht die Hauptsache!" Der merkivürdige Maire«völlte in seiner Beiveisführung fort« fahren, als ein junges Weib, das sich lveincnd die Schürze vor die Augen hielt, auf ihn zukam. Wohlivollend fragte sie der Maire: „Na, Luise, tvas gicbt's denn?" „Was es gicbt. Herr Maire? Mit dem Bater steht es sehr schlecht. Ter Herr Doktor Clarcnce erklärt, er tviirde die Nacht nicht überleben. Gegen den Brand giebt's eben kein Mittel." „Ob. oh, die Sache>var also ernst? Hm, hm! Der arme Faradet I" Dann ivandtc sich der Maire nach mir um und fügte hinzu: „Na, hatte ich nicht recht,«venn ich Ihnen sagte, die vielen Besuche«vären ganz unnütz?" Er zuckte die Achseln, stand auf und wünschte mir guten Abend. Ich ging ebenfalls ins Haus hinein, an« nächste» Morgen, als ich meinen Hauslvirt traf,«vollte ich doch wissen, ob die Gemeinde »nit ihrem Maire zufrieden sei. „Ob, das ist ein guter Maire, ein sehr guter Maire", versetzte der Mann;„er hat ini ganzen Arrondisseincnt nicht seinesgleichen; ja, ja, der wälzt seine Arbeit nicht auf andre ab,«vie cS so viele thnil.... Er ist ein tüchtiger Arbeiter, legt bei allem selbst Hand an, und dabei ist er doch der reichste Mann aus der ganzen Gegend. Manchmal schnauzt er uns ganz gehörig an, aber darüber darf man sich nicht beklagen; dafür sorgt er auch für die Interessen der Ge- mcinde, als«venu cS seine eignen«vären.... Er brauchte bloß eil» Wort zu sagen, dann ftellen«vir ihn als Deputierten auf!" Kleines Iseuillekon. — Max t». Petteukoser, der Begründer der experimentellen Hygiene, hat sich in München aus Furcht vor drohendem Wahnsinii erschossen. Pettenkofer«var am 3. Dezember 1318 in Lichtenhain bei Ncubnrg a. d. Donau geboren. Seit 1347 lehrte er inedizinische Chemie' an der Münchener llniversität. Am bekanntesten«vurde Pettenlofer durch seine Arbeiten iibcr den Läifiwcchscl in Wohn- gebäuden(Ventilation), sowie durch die gemeinschaftlich mit Karl Veit ansgefiihrten Untersuchungen über den Stoffivechseb Ein grobes Verdienst erwarb er sich durch seine Untersuchungen über die Ver- breitnngsart der Cholera, wobei er den Einfluß des Bodens und des Grundwassers und deren Verunreinigungen in Betracht zog, die Ansteckungsgefahr der Cholera sah aber Pettenlofer im Gegensatz zu Professor Koch nicht in der Baktericnübertragung des cinzelncu Kraulen ans seine Umgebung, sondern in der Choleralokalität, die sanitäre Verbesserungen erheischte. Ans Antrieb PettculoferS wurden 1865 an den bayrischen Universitäten eigne Lehrstühle für Hygiene errichtet.— k. Die Anden als Goldland. Martin Conway, der in der letzten Woche auf der„Oceanic" von seinen Forschungsreisen in Süd- amerika zurückkehrte, machte Londoner Blättern zufolge über die hervorragenden Goldlager der Anden folgende Mitteilungen: Am Ostabhaug der Anden in Peru und Bolivia giebt es eine ganze Anzahl Flüsse, die sehr goldreich sind. Zu den Zeiten der Jnkas und während der ersten Zeit der spanischen Niederlassung tvurde von den Eingeborenen und dann von den Spaniern vielfach Gold aus dem Flußsand gewaschen. Die Arbeit war jedoch überaus mühsam, da die Oertlichkeiten sehr unzugänglich waren tind infolgedessen große Schwierigkeiten beim Transport der Nahrungsmittel nud andrer für die Goldwäscher nötigen Dinge zu dem Schauplatz der Thätigkeit entstanden. Verschiedene Versuche sind seitdem gemacht worden, um die Ablagerungen zu bearbeiten, aber obgleich auch alle zu dein Zweck gebildeten Gesellschaften Gold fanden, haben sie doch fast immer ohne Nutzen gearbeitet. In den letzten Jahren Ware» einige jedoch, die die Ausbeutung auf geschicktere Art nnternommeu hatten, erfolgreich. Conway berichtete Iveiter, daß in der pernanisckicn Provinz Sandia LSV bedeutende Goldentdeckungcn gemacht Ivorden sind. Die benachbarte Provinz Carabaya ist ebenso reich. Die Gvldbezirke sind indessen nicht für arme Leute geeignet, die nur die Ausrüstung eines Goldschürfers haben. Die Schivierigkciten des Transports, ferner das Fieber tmd der Widerstand der feindlichen Indianer, alle diese Umstände bereiten zu große Schwicrigleitrn, als daß sie von dem einzelnen Bergmann gelost werden könnten.„Bedeutende Geologen sagen, daß dieses Gebiet der Andeir das reichste uuenlwickelte Goldland der Welt ist",'schloß Conway diesen Bericht. Er selbst beabsichtigt eine Ex- pcdition auszusenden, die seine eignen geographischen Untersuchungen beendet und in den vom Meere entfernten Gegenden botanische Sanintlnngen macht. Diese Expedition soll nur ivisjenschaftiiche Zwecke verfolgen. Große Gebiete unter einem Niveau von 1500 Fuß über dem Meeresspiegel gewähren ferner einen Artikel, der sofort nutzbar gemacht werden könnte, nämlich Kautschuk. Der Entwicklung des mineralreichen Lands würde wahrscheinlich die Enttvicklung der Kantschukwäldcr folgen. Höher hinauf ist der Boden sehr fruchtbar und erzeugt Kaffee und Kakao. Die landwirtschaftlichen Gebiete könnten jedoch solange nicht entwickelt werden, als es an leidlichen Wegen fehlt. Zum Schluß betonte Conway noch einmal Nachdruck- lich, daß das Land nur mit Hilfe verbesserter moderner Methoden nutzbar gemacht werden kann.— Mtlsik. V e r d i- F e i e r.— Die Geduld des Publikums gegen das Schablonenmäßige leistet nicht bald irgendivo so Großes wie gegenüber festlichen Veranstaltungen, die sich als Künstlerisches und' im Dienste der Kunst geben. Ein klassisches Trauernmsikslück und eine klassicistischc Huldigung mit einem Prolog, wie ihn vor so und so viel Jnhrcir irgend ein im„Deutschen" geübter Gynmasinst an- fertigen konnte: das war der Einfall unsrer Oper»Hans- I e i t u n g zu einer Gedächtnisfeier für Verdi. Ob dann Fräulein L i» d n e r diese Verse vom„ g r ü n c n" Kranz uslv. hätte weniger geschwollen sprechen können, mag einer Sonderbctrachtnng über Vor- tragskunst anheimgcstcüt bleiben. Jedenfalls gehört der Mangel an aller Produktivkraft, die Unselbständigkeit, wie sie hier in einem aller- dings wenig belangreichen Fall von jener Direktion bcthätigt wurde, zum Widerlichsten, was es giebt. Produktivität, Fruchtbarkeit kann natürlich nicht so verlangt werden wie etwa Korrektheit; daß jemand jene nicht besitzt, ist für ihn kein Vorwurf; daß er ohne sie etwas unternimmt, das ihrer bedarf, wird für ihn, zumal»venu die Sache auch hätte unterbleiben könne», allerdings zuni schweren Vorwurf. Und gerade nach jener bangen halbe» Prologstnnde gab es wieder einmal den Genuß einer Produktivität, ivie sie selten wieder vorkommt: eine Aufführung des„Falst äff" von Verdi. Der Komponist halte jahrzehntelang Bedenken getragen, ein komisches musikalisches Werk zu schreiben, abgesehen von einem vorüber- gehenden Jugcndversuch. Er fühlte und wußte wohl, daß man— insbesondere in der Kunst— ein Unternehmen lieber bleiben läßt, als daß man es ohne dje entsprechende Produktivkraft beginnt; er hielt sich an die, naheliegende Wahrscheinlichkeit, daß ein Komponist, der zwei Mcnschenalter lang sich in seiner seriösen und pathetischen Schaffensart bewährt, auf ganz andrem Gebiet minder kräftig schaffen ivcrde; und erst die bcsoimenste Ueberlcgung, vermutlich mit xiiici» bald nicht mehr zu haltenden Produktionsdrnng und gerecht- fertigt durch eine sowohl an sich produktive als auch fruchtbar machende Textdichtung— von A r r i g o B o i t o— brachte ihn zur Komposition dieser„lyrischen Komödie". Als sie herauskam, war der Meister 80 Jahre alt(1893). Daß sie das Werk einer wirklichen ZeugungSkraft war und vielleicht nur in dem Mangel an Konzentration zu musikalischen Höhepunkten einerseits von dem früheren Verdi,, andrerseits von Wagners„Meistersingern" übertroffen wird; daß Text und Komposition Namentlich durch die Mannigfaltigkeit der Unterordnung/ des Orchesters sowie durch die originelle An- ordnung der spielenden und fingenden Gruppen das Stück zu einein besonderen Fortschrittspnnkt in der Geschichte der drama- tischen Musik niachcn usw.: aus das alles brauchen wir gegen- über ciiienr bereits allgemein bekannten Stück nicht erst näher ein- zugchen. Die Aufführung war im Rahmen dessen, was unser Opernhaus darzubieten hat, sehr gut und zumal im besten Sinne des Worts animiert. Was das heißt,„im Nahmen dessen" usw., wäre allerdings gerade angesichts einer solchen Aufführung besonders ein- leuchtend auseinanderzusetzen, da die„Leichtfützigkeit" dieses un- sagbar heiteren Werks erst recht sehr das Schablonenhafte und Schwerbcwegliche eines gewöhnlichen Operutheaters fühlen läßt. Die dargebotene Gesangslunst stand diesmal im Durchschnitt nicht um viele Nuancen über der des Theaters des Westens. Im Durch- schnitt: denn es gab viel Ungleiches. Herr B a ch m a n n in der Titelrolle war vorzüglich, ausgenommen, daß ihm der Glanz der Stimme fehlt, der insbesondere zun« Durchdringen durch das meist vorlaute Orchester nötig wäre. Fräulein G o e tz e erwies sich wohl als die beste Sängerin des Abends; auch Frl. R o t h a u s e r und einige der übrigen Sänger sangen lobenswert. Andere freilich, wie besonders die Dame» H i e d l e r und Dietrich, jene mit ihrem gepreßten, diese mit ihren« quieffchenden und detonierenden Singen, könnten recht gut noch einen Kurs bei Professor Hey vertragen— wie denn alle» hiesigen Opern- und Operettentheatern ein eigener Gesangsmeister zn fehlen scheint.— sz". , W a h n t r n d" von Rudolf.— Alles das bleiben lassen, wozu die Kräfte durchaus fehlen: das war ansznrnfen, als Sonntag mittags im Thalia-Theater der„ O p e r n- P r o b e- b ü h n c- V e r e i n" unter Direktor Max Wigodzki die Oper „Wa hntrud" von Ferdinand Rudolf, nach einer dramatischen Dichtung von August Schmitz, aufzuführen ver- suchte. Wie gern hätten wir eine Spur selbst von cinein noch so verfahrenen Können, von einer paradoxen Produktivität heraus- gefunden I Allein angefangen von dein Text bis zum Chor und zum Orchester das lauterste Nichts an Könne», höchstens ausgenommen die Leistung des Herrn Willy Frank als Rugin und die Mühe, die sich der Leiter des Ganzen gab. ein llinschine'ißen noch vor dem Finale zn verhüten! Dem Verein wird Geldgeschäft vorgeworfen; seine gegenteilige Versicherung' nehmen wir achtungsvoll zur Kenntnis; allein wenn er durch solche Darbietungen zu jener Vermntuiig reizt, so ist er insofern selber an dem Verdacht mitschuldig I— sz. Volkskunde.! — Die Wünschelrute spielt noch gegenwärtig eine Rolle, uin verborgene Wasseradern in der Erde nachzuweisen. Der Direktor der norwegischen geologischen Untersuchung, Dr. Hans R e u s ch, hat(nach.Naturen") durch eingehende Experimente mit einem der- artige» Wasserküustler dieser Auffassung den Garans gemacht. In Norwegen dient als Wünschelrute ein v-förmiger gegabelter Zweig von irgend einem Laubholz; in Dänemark nmß es nach Feilberg (Dnnsk Boudeliv), ein Zweig von einer Weide sein, die am Wasser wächst. Beim Gebrauche werden die beiden Enden derart mit de» Händen angefaßt, daß eine geivisse Spannung entsteht und die Rnte horizontal liegt. Passiert der Träger der Wünschelrute eine unter- irdische Wasserader, so biegt die Nute sich aufwärts, und die neue Stellung der Rute kann zur bisherigen eine Neigung von 90, ja 120. bis 140 Grad haben. Man müßte erwarten, daß die Nute wieder in ihre frühere Lage zurückkehren würde, weiin die Wasserader passiert sei; dies ist jedoch nicht beobachtet ivorden. Die Wünschelrute dreht sich nicht in der Hand des Trägers, sondern infolge der durch die Biegung hervorgerufenen Torsion. Wie diese entsteht, ist noch nicht untersucht. Wie Neusch benierkt, ist es zwar möglich, daß der Träger die Rute bewege, ohne daß linbefaugene Zuschauer die Be- wegung der Hände wahrnehinen; er glaubt aber, daß die Drehung der Wünschelrute unbewußt erfolge. Der Glaube an die Wirksamkeit der Wünschelrute hat nach Rensch seine Grundlage in der Vorstellung des Volks, daß das unterirdische Wasser den Erdboden in der Form von Adern, den oberirdischen Strömen analog, durchfließe. Der häufige Erfolg derartigerQueNensucher inNorwegen ivird darauf zurückgeführt, daß einerseits infolge der kliinatischeii Verhältnisse in Nor- wegen überall, wo lockere Bodenschichten von nur einige» Metern Mächtigkeit das feste Grundgebirge überlagern, gute Aussicht auf die Erreichung lvasserführender Schichten ist,— daß andrerseits aber die Onellensucher es nicht an Aufforderungen und Ermunterungen zur Weiterarbcit fehlen lassen und der endliche Erfolg so zur Steigerung des Renominees beigetrage» habe. Zudem untersuchen sie auch, auf ihre Erfahrung gestützt, die Uingegend; es fehlt aber nicht an Bei- spielen, wie dem französischen Äbt Parmelle, der ans seine» geolo- gischcn Beobachtniigeil auf das Vorhandensein des Wassers schloß, trotzdem aber bei' den Bauern die Wünschelrute benutzte, damit die- selben vertrauensvoll und gewissenhaft seine Anweisungeil befolgten.-» („Prometheus.") Psychologisches. — In der„Miinchener Psyöfologischen Gesellschaft" sprach un« längst Dr. F o g t über die„Untersuchungen d e r H e i d e l« berger Schule über Beeinflussung der psychischen Vorgänge durch einige Genutzmittel und Arznei« ftoffc". Nach der»M. Mg. erörterte der Vortragende zu- nächst die von Kröpelin und seinen Schülern angewendeten Unter- suchungSmethoden und teilte dann einige Ergebnisse der letztjährigen über einige Arznei- und Genußmittel mit. Von T r i o n a l seinem Schlafmittel) konnte festgestellt werden, daß es die AuffasiungSfähig- keit herabsetzt und die centrale Auslösung koordinierter Bewegungen crschivert. Ohne Zweifel beruht hierauf seine einschläfernde Kraft, da zum Erzeugen von Schlaf Fernhaltung äußerer Reize und motorische Beruhigung Grundbedinguug isü Durch Brom war nach Genuß von 2 Gramm das Einprägen und Festhalten von Zahlen erschlvert. Da es(Brom) aber bei gewissen Zuständen von innerer Spannung und erhöhter Reizbarkeit beruhigend wirkt, kann es. wenn eben solche Zustände als Arbeitshindernisse vorliegen, durch seine Wirkung auf diese das Lernen indirekt erleichtern. Es hat also das Brom eine specifische Wirkung auf ganz bestimmte Veränderungen im Seelenleben, auf das eS beruhigend wirkt. Es ist jedoch kein Schlafmittel, obwohl es gegebenenfalls infolge seiner Wirkung auf die iimere Spannung auch sckilafbefördernd wirken kann. Der T h e e, resp. dessen Bestandteile, Cosfetn und Thce-Oele, getrennt untersucht, ergab, daß Coffein eine Erhöhung der Muskelkraft erzeugt, die Auf- fassmrgSfähigkeil für äußere Eindrücke verbessert uud den Ablauf gewohnheitsmäßiger Associationen erleichtert. Das Thee-Oel übt einen geradezu lähmende» Einfluß auf die Muskelarbeit, erleichtert jedoch auch die Association und giebt subjektives ErheiteruugSgefühl. Es crgiebt sich daraus fürs praktische Leben, daß in Fällen, Ivo wir eine vorübergehende Steigerung unsrer Muskelkraft erzeugen wollen, eine entsprechende Dosis Coffein in jeder Beziehmig zweckmäßiger ist als Thee. Das größte Interesse für weitere Kreise des Publikums beanspruchen die Ermittelungen von Aschaffenburg über die A I k o h o l w i r k u n g. Er hat eingehende Versuche mit Schriftsetzer» und zivar in Tagen, in denen die betreffenden sich alkoholfrei halten und in solchen, in denen sie Alkohol zu sich nehmen, angestellt. Es hat sich gezeigt, daß die Differenzen der Arbeitsfähigkeit ganz bedeutende waren und zivar sehr z» llnguustcn des Alkoholgenusses, der nur momentan eine Steigerung der Arbeits- kraft herbeiführen kann, der sehr rasch ein lähmender Rückschlag folgt. ES ergab sich, daß bei einer Gabe von 80 Gramm Alkohol(das würde also etwa bei Miiiichener Bier in einem Quantum von 2/j Liter enthalten sein) die Nachwirkung nach 24 Stunden noch nicht verschtvunden ist. Man muß' daher jeden als einen Trinker bezeichnen, bei dem eine Dauerwirkung deS Alkohols vorhanden ist, d. h. also jeden, der mit erneuter Aufnahme von Alkohol einsetzt, wen» die Wirkung der vor- hcrigen Gabe iwch nicht verschwunden ist. Es sind demnach viel mehr Leute Triukcr, als sie glauben, denn viele meinen, mit zivei, drei Litern Tagesquantum mäßig zu sein. Dr. Fogt gab der Meinung Ausdruck, daß man dem Publikum, um es vom Alkohol- mißbrauch zurückzuschrecken, nicht nur Bierherzen und Bierniercu, sowie Statistiken über den Zusanunenhang von Alkoholismus mit Verbrechen und Irrsinn vor Augen führen solle, sondern gerade diese Ergebnisse Kröpelins, welche zeigen, daß anhaltender Alkohol- genuß, wenn auch geringen Grades, schon imstande ist, deni Menschen die Fähigkeit für schwierige und hochivertige Arbeiten ganz unver- merkt zu nehmen, ein Schwinden seiner Eigenart zu bewirken und ihm die Kraft, große veranUvortuugsvolle Aufgaben zu lösen, ver- lieren zu lassen. Meteorologisches. — D i e geographische Ausbreitung deS Schneefalls. Die Nachrichten über ausgedehnte Schneefalle, die jüngst in Italien eingetreten sind, habe» beini Publikum die Frage, bis zu welchen geographischen Breiten Schneefälle überhaupt eintreten, zur Erörterung gebracht. In wissenschaftlicher Beziehmig ist dieselbe von Dr. H. Fischer genau beantwortet. Ileber die wichtigeren Ergebnisse dieser Unterfuchmig berichtet die„Köln. Ztg".: Iii dem hochliegeudeu Biuneulande Spaniens tritt Schneefall in jedem Winter ein, doch ist er meist uubedeutcud. Madrid hat durchschnittlich in jedem Jahre drei Tage»rit Schnee. Im südlichen Frankreich kommt Schneefall häufig vor und an der französischen Küste des Mittelmcers find strenge Winter durchaus nicht selten. Z» Alois lag im Winter 182S--t830 nicht weniger als 53 Tage lang Schnee; l344— 42 siel zu Marseille in 36 Stnnde» sogar so viel Schnee, daß derselbe Meter hoch den Boden bedeckte. An der italienischen Küste kommt Schnee nirgeudivo regelmäßig in jedem Winter vor. aber die Berge in der Umgebung Roms waren 1783 schon Ende November mit Schnee bedeckt und im darauf folgenden Dezember hatte Rom 2 Zoll Schnee. Im Dezember 1879 erlebte man in Neapel Schnecstürnie und Frost und Ende Januar 1828 lag hoher Schnee auf ,deii Straßen und Plätzen von Palermo. Athen hat im Winter' Schiwefälle. in einigen Jahren setzen diefelben indessen aus. Sellen ist Schneefall auf dem Acgäi- schon Meer, häufig dagegen in Konstantiuopel. Im Winter 1827 bis 1828 bedeckte daselbst eine Schneedecke von ein Meter Höhe viele Wochen laug den Boden und unter der Schneelast stützten Häuser ein. Vom 19. November bis anfangs März dauerte mit geringen Unterbrechtingen der Frost. Das Goldene Horn war in weiter Aus- dehnung gefroren. Achnliche rauhe Winter finden sich auch an der Nordlüste Klcinasteus ein. Ans Chperu bedecken sich die höchsten Berge im Winter mit Schnee. I» DainasktiS ist dagegen Schneefall im Laufe vieler Fahre sehr selten. Palästina hat im Winter tum ansnahmSweise Schnee und Frost; in Jerusalem tritt durchschnittlich alle drei bis vier Jahre ge» legentlich Schneefall ein. Doch>var ausnahmsweise im Jahre 1728 ein großer Teil des Lands mit Schnee bedeckt und 1318 lag ia Jerusalem fünf Tage lang fußtiefer Schnee. Selbst am Mittellauf des Euphrat. in Mesopotamien, kommt es im Winter nicht selten z» Schneefall. Die Gebirge der Sinai-Halbinsel bedecken sich im Winter mit Schnee, so daß nach Bnrckhardts Angaben der Moses- nnd Ka- thnrinaberg infolgedessen oft unzugänglich werden. In Aegypten ist Schnee selten aber 1822 hatte Kairo an zwei Tagen Schneesall. Im April 1826 fiel in Ghadames wiederholt Schnee, ebenso in Tripolis. Auf dem algerischen Plateau ist Schneefall keine Seltenheit, manchmal bedeckt Schnee die Hälfte von Algier. Auf den Gebirgen des Iranischen Hochlands fällt im Winter viel Schitee, die centralen Senken bleiben da- gegen schneefrei. Vorderindien hat Schneefälle nur im Gebiet des Himalaha, im südlichen China reichen sie dagegen noch über den Wendekreis hinaus. Sehr selten kommt Schnee in Kanton vor, aber im Gelben Meer ist es durchaus nichts Seltenes. In Nokohoma fiel im Winter l861 der Schnee 20 Zoll hoch. In Nordamerika kommt am Mississippi Schnee bis zu 31,2 Grad n. Br. vor; New- Orleans hatte schon Winter mit vier Zoll Schnee, der mehrere Tage liegen blieb. Selbst in Tampieo, südlich vom Wendekreis, am Ge- stade des mexikanischen MeerbitsenS, ist schon Schneefall beobachtet tvorden.— Hnuioriftiststes. — Was noch fehlt. Maler:„Nun. Sepp, Ivie gefällt Dir meine Bauernstube— die wird wohl echt sein? I" „Dös scho', dös scho'— aber's fehlt w a S I" „Maler:„Oho... was denn?" .D' F l i e g'n, Herr Professor I"— — Auch das noch. Junger Arzt:„Denken Sie, der Patient, der mich in der Sprechstunde konsnltierte, hat mir vom Korridor meinen Ucberzieher mitgenommen. Diener:„Das ist gemein I Den Kerl Hab' ich mir sogar für fünfzig Pfennig gekmist, damit wir überhaupt'mal einen Patienten haben I"— Notizen. — Im S chauspielhanse wird die Aufführimg einer Bühtiendichtung„Römische Sonne" von A l y vorbereitet.— — Georg Engels wird in der»äckisten Saison im Reuen Theater in der Novität.Serenissimus' tmd andren Sliickcn gastieren.— — Shakespeares„Macbeth" wird am 18. März»eu- einstudiert, mit M a t k o w s k y in der Tttelrolle, im Schauspielhause aufgeführt werden. — Halbes Dranta.Hau? Rosen Hägen" geht am 14. Februar im Dresdener Hoftheater in Scene.— — Holger Drachmanns neues Drama„Guerre" er- zielte bei der Erstaufführung im Kopenhagen er National- Theater einen großen Erfolg.— — Arnold K r n g S Chorwerk„F i n g a l" lvird am 2. März in der Singakademie vom Weinbanmschen Wännerchor uud dem Philharmonischen Orchester aufgeführt. Vera Goldberg und A. van E w e y l haben die Solopartien übernommen.— — Das französische Orchester von Edouard C o l o n n e kommt am 12. März uacb Verlin, mit zwei Konzerte, eins im Operichaus, eins in der Philharmonie(23. März) zu geben.— t. D i e goldene Medaille der Londoner st ro- n o m i s ch e n' G e s e l l s ch a f t ist für dieses Jahr Profeffor Pickering, dem Leiter der Sternwarte an derHarvard-Uuioersität in Cambridge(Mafsachtisetts) zuerkannt worden.— — Für die Bangeschichte der Wartburg wäre eS von großem Wert, fünf alte Grund- tmd Atilrisse wieder zu finden, welche int Jahre 1226 der Retiaiffancebamnetster Nikolaus Groin nun von der Burg t»id ihren eiiizelnen Teilen gefertigt hat. Diese fünf Blätter sind seit den S6er Jahren des 19. Jahrhunderts verschollen. Möglicheritteise befinden sie sich noch in einem in Pergament ge- blindenen Band von Banalten über die Wartburg ans dem 12. nnd 16. Jahrhundert, der ebenfalls seit etiva 46 Jahren verschollen ist. Man bittet Nackrichteit. die zur Wiederauffiiidnng dieser wertvollen Riffe und Bo unkten führen könnten, an Prof. Dr. Paul Weder in Jena gelangen zu lassen.— c. Ein merkwürdiger Gesetzentwurf ist in der gesetzgebenden Körperschaft des Staates Rew Zork eingebracht worden. Durch diese Bill sollen die Verleger und Leiter von eittntgen gezwungen werden, ihre Publikationen in größeren Buch- aben zu drucken,' als sie gegentvärttg gewöhnlich gebraucht werden. Es sollen keine Typen unter acht Points mehr zur Verwendung ge- langen. Diese Maßregel soll durch die Beobachtung der Augenärzte veranlaßt worden sein, daß die Sehschärfe bei den New Uorkern i» einer bettiiruhigeiideit Weise abnimmt; die Aerzte suchen den Grund dieser Thatfache in der Lektüre der Zeitungen, die mit zu kleine» Lettern gedruckt sind.— Verantwortlicher Nedacteur: Wilheu» Schröder in Wilmersdorf. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.