Anterhaltmigsblatt des Vorwärts Str. 32. Donnerstag, den 14 Februar 1901 (Nachdruck verboten.) Der Hastl vom Hollevbviiu. 82] Roman von R. von Seydlitz. Ringelmann kam nicht unvorbereitet vor diese Frage zu stehen. Er wußte sie getreulich zu beantworten, und parierte darum schnell. „Die falsche Buchführung— ja, kann mir jemand die beweisen?— Alle Bücher sind verbrannt, wie ich höre. Aber ich war vordem zwanzig Jahre Buchhalter; die Bücher von Herrn Haltmcyer, dem Hopfenhändler, sowie vom Hollerbräu— bis zum Verkauf,— müssen ja da sein. Wenn mir jemand aus den Büchern etwas nachweisen kann— is recht. Und vom Vertrauensbruch— das müßte mir doch spezifiziert werden, damit ich wüßte, wo ich niich verteidigen soll." Der Richter ließ das vor der Hand passieren; er hatte schon das nötige Material vor sich. Er hörte ruhig iveiter zu. „Und Gelder unterschlagen? Ja, wo denn? Is denn net g'nu' Geld i' d'r Kass'n gwe'n?" machte er wie erstaunt. „Die ftasse ist,— wie sie wohl wissen werden, offen ge fanden worden, angeraucht zwar, aber doch noch im guten Zustande. Im Kassenschrank fand sich keine Spur von Papier asche. Sie war leer. „Des begreif i net."— Und dann, wieder sich aufraffend: „Was aber das Brandstiften anlangt, so frag' ich nur, ob das einem vernünftigen Mann ähnlich sieht, den Ast abzusägen, auf dem er sitzt." Der Richter bemerkte trocken: „Wozu haben Sie also die Unmasse Petroleum ge braucht, die Sie acht Tage vorher kauften und in Bierfässer gefüllt aus der Wohnung Ihrer Geliebten in die Brauerei schaffte»? Wozu die Zündfaden, wozu das Faßpech in Ihrer eignen Wohnung?— Und wozu liefen Sie während des Brands nochmals in Ihre Wohnung hinauf niit einem Paket?" „Ich? I Ich war ja zu Bett..." „Also war's Ihr Doppelgänger vielleicht?" fragte der Richter ironisch.—„Leugnen Sie doch nicht so kindisch. Es mag Ihnen dienlich gewesen sein, daß Ihr Neffe hinter Ihnen her noch Ihre Wohnung betrat, wo er von den Flammen ereilt wurde..." Riugelmann hörte jetzt zum erstenmal von diesem Umstand. „Denn", fuhr der Richter fort,„dadurch ist es ihm, Ihrem Neffen, unmöglich geworden, für oder gegen Sie auszusagen, — den Grad der Konnivenz zu offenbaren, in dem Sie beide handelten..." Nun— blieb Ringelmann nichts übrig, als über den so kundgegebenen Tod Kastls seine tiefe Betrübnis zu mani scstieren. Er that's reichlich, unterm beobachtenden Schweigen des Richters.— Dann fuhr Ringelniann fort: „Gott Hab ihn selig. Herr Richter; aber so hart's klingen mag— der Kastl, mein Neffe, war doch mein eigentliches Unglück. Ihm zu lieb Hab ich gearbeitet und geschafft, so laug er hier ist." Und dann schilderte er sein väterliches Verhalten vom ersten Tage an.„Fragen S' mei' Frau.. Zuletzt aber noch ein kleiner Trunipf: „Und wie er mir dees heimzahlt hat?— Da, Herr Richter, lesen S' den Brief." Er nahm den bisher gut versteckt gehaltenen Brief, den Kastl an Fräulein Cenzi geschrieben hatte. Der Richter las die paar Zeilen schweigend und legte das Blatt zu den Akten. „Es is ja net recht... ich weiß ja... aber d' Cenzi— ich hätt' doch glaubt,... warum muß er mir die auch noch abspenstig machen... Aber mei', weil er tot is..." Der Richter bemerkte darauf nur: „Uebcr diese Anschuldigung wird sich Ihr Neffe selbst aussprechen können. Denn er ist zwar mit Brandwunden bedeckt aufgefunden worden, aber lebt und ist geheilt. Woraus schloffen Sie—?" Ruck l krachte es— Ringelmann war rückwärts auf einen Stuhl gesunken, und zeigte so völligen Schreck— daß der Richter ziemlich genug wußte. Er nahm eine schärfere Ton- art an und bohrte eine Fülle verwirrender Fragen in das erschütterte Gemüt des Augeschuldigten, bis er ihn für diesmal entließ, damit er aus dem Wust von Lügen und Geständnissen sich wieder ein neues Kunstgebäude zusammen- phantasiere, das seine Schuld dann erst recht zu Tage bringen mußte. Hegebart kam ebenfalls bald daran; er erschien mit einem Arm in der Binde, schwach und matt, aber ehrlich und offen aus den wasserhellcn Augen um sich schauend. Er verwirrte sich nicht, er berichtete aufrichtig und einfach, er nannte viele Zeugen; er verschwieg auch die Warnungen nicht, die ihm betreffs Ringelnianns zugekommen waren; er konnte aus seiner geretteten Habe Fräulein Cenzis Briefe produ- zieren, und erhielt einen Verweis, weil er die Anschuldigungen hätte besser beachten und zuletzt auch die Behörde kundgeben sollen. Er erklärte auch seinen Brief an der Geliebte desOheims, und die Unschuld kam dabei so linkisch zu Tage, daß der Richter einen Moment irre wurde und einen geriebenen Spitzbuben feinster Sorte in ihm fürchtete; endlich besann er sich aber und entschied sich für die Echtheit der kindischen Unschuld. Zuletzt fragte Kastl ganz naiv nach seinem Geld, und der Richter, dessen Amt es allerdings nicht war, darüber Aus- kuuft zu geben, ließ ihn sehen, daß nichts da war; ein Gut- haben auf irgend einer Bank am allerivenigsten. Selbst sein altes Sparkassenbuch war weg! Da war's, als ob eine finstere Wolke in Kastls Seele einzog, die ihm allen Sonnenschein im ferneren Leben aus- löschte. Indem er vom Richter entlassen wurde und in seine Haft zurückging, überkam ihn eine tiefe, bittere Verzweiflung... Bisher, seit er in München war, hatten alle Menschen ihn aufs schmählichste behandelt, von der Berührung mit der Welt hatte er nichts als Schmutzflecken mit hinweggetragen. Vom ersten Tage an I Kaum augelangt— ward er ausgeplündert und in die unterste Schicht der Bevölkerung ge- warfen. Wo er sein Herz auch anhing, ward er elend hinter- gangen: noch brannte dumpf die Wunde, die Agathe ihm geschlagen, und Ebelein, der ihn väterlich beschützte,— hatte er ihn nicht wegen einer verrückten Beschuldigung mit Schimpf und Schande auf die Straße geworfen?— Und nun der Ohm! Brach jetzt auch diese Stütze— wem durfte er in Zu- kunft noch vertrauen? Die furchtbare äußere Einsamkeit der Zelle war noch überboten durch die innere Vereinsamung seines Lebens. Nur noch ein wenig kränker und schwächer, und er hätte Gelegenheit gesucht, seinem freudlosen, elenden Dasein ein rasches Ziel zu setzen. Ekel vor der Menschenwelt war dazu reichlich genug in ihm vorhanden. Unterdes arbeitete der Nichter fleißig, denn damit konnte er es erreichen, den armen Teufel von �»egcbart, dessen Unschuld ziemlich klar war, zu serlösen. Der Vräumeister. der im letzten Jahre siir das Vier gesorgt hatte, was die Ludwigs- brauerei als gut genug für die Münchener hielt, also der Panschmeister, mußte sich einem strengen Verhör unterziehen und kam mit knapper Not um eine Anklage herum; er spielte jedoch mutig den humorvollen Mann und sagte unter anderm:„Schlecht war ja der Plempel, und i sag nix da- gegen. Aber a Kunst is's do, Herr Rat, a schlechts Bier so brauen, daß s''s saufen." Er erhärtete im übrigen durch Zeugen, daß er alles im Auftrage Ringelmanns gethan. Durch Zufall wurde auch der Hauser Toni aufgefunden, und so kam auch etwas von den Schmierereien im alten Hollerbräu zu Tage. Und zuletzt fand man Fräulein Cenzi Damhuber in Frankfurt auf. Da war's denn reif. Der Staatsanwalt verzichtete darauf, gegen Kastl eine Anklage zu erheben, und die volle Wucht der strafenden Nemesis fiel auf Ringelmanns schuldiges Haupt; eine lange Strafe entzog den Allzukühnen für einige Zeit dem öffentlichen Leben. Seine Frau reiste nach einem Jahre nach Amerika; sie soll da in ganz angenehmen Ver- mögensumständen leben, wie man in München wisse» wollte. Kastl war frei. Er hatte sich aber kaum einen Tag um- herbewegt, als das Ereignis auch allen, die es angehen konnte, bekannt war. Er wurde beglückwünscht, von allen möglichen Leuten gegrüßt und angesprochen, und am nächsten Morgen schon, als er gerade überlegte, welchen Bekannten er um etwas Geld ansprechen sotfte,— trat der Verwalter der Hollerbräu-Akticngcsellschaft bei ihm ein. Mit wenigen Worten berührte dieser das fatale Ereignis, beteuerte, von jeher an Hegebarts Unschuld geglaubt zu haben und lud ihn ein, die altgewohnte Schwelle einmal wieder zu überschreiten, in der unumwunden ausgesprochenen Absicht, ihn dauernd an das Haus zu fesseln. Kastl bat trotz seiner Geldverlegenheit um Bedenkzeit; aber er ging gern, die alte Stätte seiner Freuden und Leiden wiederzusehen. Er fand vieles anders. Die seitwärts an das zweite Rückgebäude anstoßenden Häuser waren angekauft und unl- gebaut worden. Die Wirtschaft vorn war verschwunden; im Innern war alles verwandelt, alles vergrößert, alles verschönt, Maschinen über Maschinen engten die Räume ein, hoch über die Dächer ragte ein mächtiger Schlot auf. Man sah, der Hollerbräu hatte sich gehäutet, er war auf die Höhe der Zeit gebracht. (Fortsetzung folgt.) Verlilt vor zwei MottMzettalkevn. Auf der Höhe unsrcs modernen Weltstadtgetriebes kann man sich kaum noch ein Bild machen, wie es in Berlin vor Jahrzehnten, vor zwei Menschenaltern, ausgesehen hat. Und doch in dies für eine Stadt wie Berlin nur ein verhältnisniäßig kurzer Zeitraum I Professor Holtze hat vor nicht allzu langer Zeit in den Heften des .Vereins für die Geschichte Berlins" über dies Thema eine größere Arbeit veröffentlicht— Selbstgeschautes—, an der Hand deren wir hier eine Schilderung geben. Zu jener Zeit, etwa um 1830, waren, im Gegensatz zu nnsren heutigen Riesenbauten, Häuser von einer Höhe die Regel, daß man Dächer im Vorübergehen wohl mit der Hand berühren konnte; selbst in den Querstraßen der Friedrichstadt fehlte es nicht an dergleichen. Die Bllrgersteige waren mit kleinen runden spitzen Feldsteine» ge- pflastert und der Fahrdamm wies, an Stelle des heutigen Asphalts, große grobe Feldsteine auf. In der Mitte dcS Belle-Alliancc-Platzes jag ein mächtiges Exemplar und von ihm aus liefen größere Steine strahlenförmig nach allen Seiten, während die gwischenräuine mit kleineren ausgefüllt waren, so daß diese„Knnstpflasterung" nach dem Bürgersteig zu einen Stern bildete. Zwischen dem Fahrdamni und Bürgersteig liefen in allen Straßen als besondere Schönheit, die lieblich duftenden„Rcnnfteene" dahin. Sie nahmen jede erdenk- liche Flüssigkeit auf, um sie bei trockenem Wetter zu Schlamin verdicken zu lassen oder beb Regenwetter sich in die Spree oder in den Schafgraben zu ergießen. Wie unter solchen Verhältnissen die Spree aussah, kann man sich ungefähr ausmalen, und es ist Friedrich Rückert nicht.zu verdenken, wenn er grimmig nieinte:„Die Spree kommt nach Berlin als ein Schtvan und verläßt es als ein Schwein I* Aber man liebte trotzdem die Reinlichkeit I Zweimal die Woche wurde die Länge des Hauses bis zur Mitte des Straßendamms gefegt, aber der Pfcrdemist und was sich sonst dabei ergab, wurde auch bloß in den Rinnstein versenkt. Im Winter, wenn das Eis dicke Krusten zog und das Aufeisen Schwierigkeiten machte, stellten sich zwar der Reinlichkeit große Hindennsse in den Weg. aber mit Picken, Hauen und Schaufeln wurden die Eiskrusten doch endlich beseitigt. Große Schwierigkeiten bot die Straßcnbeleuchttmg. So lange nicht englische Unternehmer das Gas brachte», war Berlin auf die Oellampen angewiesen. Etwa 10 Fuß hoch lvaren an den Häusern auf herausragcnden Eisenstange» die dreieckigen, nach unten spitz zu- laufenden Laterne» mit ihren kleinen Oellampen angebracht. In weiten Abständen, diagonal gestellt, erhellten sie nicht die Straßen, soiidenl nur wenige Schritte im eigenen Umkreis. Schon nach Mitternacht löschte der Laternenanzünder die Laterne wieder aus. denn mit dem Oel ging man sparsam um, und bei Mondschein gabs überhaupt keine Beleuchtung. Heute kann man sich nur schwer vorstellen, daß in den dreißiger Jahren, in den Straßen, deren Fahrdamm man heute nur mit größter Vorsicht überschreiten kann, so wenig Wagenverkehr herrschte, daß die Berliner Jugend ungestört darin Ball schlagen konnte. Der Equipagen gab es nur wenige; das Fiakerwesen war in den Jahren 1807—14 eingegangen, später zwar wieder aufgeblüht, doch zählten die umherstehenden Droschken kaum nach Dutzenden. Vorherrschend war das Arbeits- und Lastfuhrwerk. Langsam rollte der Wagen des Frachtfnhrmanns durch die Straßen, ein hellblau gestrichener Leiter- wagen, mit lueißem Leinwandplan überzogen, darunter der„Schlitten", hinten eine Schraube für den Hemmbalken. Drei oder vier Pferde mit Schellen, Messingblech oder roten Tuchstücken geschmückt, zogen die schwere Last und daneben schritt, peitschenknallend der Fracht- fuhrmann im breitkrempigen Filzhut, lose um den Hals geschlungenem Tuch, hellblauem Staubhemd, kurzen Manchesterhosen, grauen Ga- »naschen und geivalttgen, nägelbeschlagenen Schnürstiefeln. In ganz andren Bahnen als heute bewegten sich auch Handel and Gewerbe. Um 1830 gab es in Berlin etwa 1100 Kaufläden. In der Königstraße, an der Stechbahn, an den Wcrderschen Mühlen, in der Gertraudtenstraße waren die Läden bereits Hans für Haus, in der Friedrickstadt und den andren Vierteln aber sah man sie nur hin und wieder an den Straßenecken. Es lvaren kleine unansehnliche Räumlichkeiten und charakteristische Wahrzeichen, von denen sich fast nur das Schild des Glasers und die Beckendes Barbiers erhalten haben, zeigten an, was man kaufen konnte. Trat man dann in den Laden, so konnte man noch eine ganze Weile mit dem Geldstück auf den Ladentisch klopfen, bis endlich der biedere Kaufmann aus der Hinterstnbe, dem Keller oder dem Garten herbeikam. Unter solchen Verhältnissen blühte natürlich desto lebhafter der Straßenhandel jeder Art. Vieles davon ist heute vollständig verschwunden, nur der Sandmann, die Flickhandwerker aller Art und die Obst- und Viktualienhändler er- scheinen noch auf den Höfen unfrer Mietskasernen. Wo aber ist der Cigarrenverkäufer hin, der dort, tvo das Tabakrauchen im Freien nicht streng verboten war, mit seinem Kasten nebst Fidibus- becher umherstand und sein Feldgeschrei ertönen ließ:„Cigaro mifc avec du feu I" Verschwunden ist auch die Zunft der„Kutschen- anfmacher", die bei Hochzeiten und Festen bereit standen, die Kutschen zu öffnen und den dreigliedrigen Tritt zu handhaben, wofür sie dann ihr Trinkgeld gebieterisch forderten. Wo ist der Guckkastenmann geblieben, der Unter den Linden nahe der Friedrichsstraße stand und wo die Rixdorferinnen, die auf der Halleschen Thorbrücke hinter ihren Kiepen hockten und„Kalatschen" verkauften. Verschwunden ist auch die Zunft der Holzhauer, die vor den Häusern auf dem Straßendamm sich aufstellten und den, Haus- Herrn das gekaufte Brennholz zerkleinerten, verschwunden sind schließlich auch die Märkte, die die Woche hindurch auf den per- schiedenen Stadtplätzen abgehalten wurden. Dafür erheben sich heute in den Stadtvierteln die Markthallen, und das Geschäft des Waaren- einkanfs hat sich vergrößert und vereinfacht. Zu jener Zeit, da Eisenbahn-Betrieb und D-Zug noch unbekannte Dinge waren, erschien der Leiter des Postwesens als ein wichtigerer Mann wie heute. ES war dies der General- Postmeister Nagler, neben seinem Amte noch Bundestags- Gesandter in Frankfurt a. M. Während heute von de» Berliner Bahnhöfen fast ununterbrochen die überfülltcu Eisenbahn-Züge abgelassen werden, war damals das Reisebedürfnis der Berliner noch außerordentlich gering. Noch nicht einmal hundert Personen fuhren täglich mit der „Schnellpost" weg. Und doch gab es nur dreizehn Schnellpost- roiitcn von Berlin in die Provinz, wobei man eL für etwas Besonderes hielt, daß ans den meiste» zweimal— die Woche gefahren wurde. Daneben besorgten reitende Boten(Neitpostenj die Brief- beförderung und besondere Fahrposten dienten dem Gepäckverkehr. Mit welche» Umständlichkeiten war aber besonders auch das Reisen verknüpft I Sämtliche Posten wurden ans den engen Höfen des Postgebändes in der Königstraße abgelassen. Hatte dann der Reisende zu Hause alles in Ordnung gebracht, seine Koffer gepackt, wohl auch sein Testament gemacht, so ging er bei guter Zeit ans die Post und ließ sich.unterVorlcgnngseinerLegitimationspapicre.„einschreiben". War großer Andrang, so wurden Post-Bciwagcn aus dem Posthofe in der Oranienburgerstraßc geholt. Je früher man sich meldete, desto sicherer hatte man einen Eckplatz im Innern oder einen Platz im„Kabriolet" neben dem„Kondulteur". Zu all' de» Unbequemlich- leiten war überdies das Reisen ziemlich teuer. In der Schnellpost kostete die Meile 10 Silbergroschen. in der Fahrpost 4 bis 6. Nur nach Potsdam hatte man eine mehrmalige tägliche Verbindung. Sechsmal täglich fuhr ein Sammelwagen, die berühmte„Journaliere", von der Post ab. und die Reisenden hielten es für eine große Be- quemlichkeit, daß in der Leipzigerstraße, nahe der Mauerstraße, ein Wartesaal eingerichtet worden war. so daß sie ihren bestellten Platz beim Vorüberfahren des Wagens einnehmen konnten.. Die Post konnte gelegentlich der Messen dem Verkehr natürlich nicht genügen und es machten alsdann die Hauderer ein gutes Ge- schäst. Ihre Mietsfuhrwerke legten den Weg nach Frankfurt a.€>., 12 Meilen, ohne Pftrdcwechsel in V« Tagen zurück; nach Leipzig zur Messe aber gebrauchten sie zwei Tage, wobei in Wittenberg Nacht- quartier genommen wurde. Eine weit wichttgere Sache als heute war auch das Briefschreiben. Schon der Umstand, daß in Berlin 14 Briefträger zur Bewältigung der täglichen Austragungen genügten, zeigt, daß ein Brief zu den„Ereignissen" im täglichen Leben gehörte. Brieftchicken war eine kostspielige Sache, denn das Porto betrug bis 30 Meilen in allmählich aussteigender Scala l, V/i, 2, 2,/i bis 5 Silbergroschen. darüber hinaus je 1 Silbergroschen für ö Meilen, also nach Köln z. B. 16 Silbergroschen. Seit 1827 hatte Berlin Stadt- Briefpost. Der ehrsame Bürger ging mit seinem Briefe in das nächste Materialwaren-Geschäft mit Briefannahme, wartete geduldig. bis der Kaufmann den Hering oder die Butter verkaust, und gab dann umständlich den Brief ab, wofür er eine mit Datum und Tageszeit gestempelte Marie als Quittung erhielt. An„Verkehrsmitteln" besaß Berlin außer der Post die«Thor- wagen", die jetzt nur noch an schönen Sommer-Sonntagen umher, stehen. Dauernd waren fie am Potsdamer und Brandenburger Thor stationiert; an den übrigen auch nur des Sonntags. Wie der heutige Omnibus, so fuhr der'Thorwagen stets dieselbe Strecke und der Fahrpreis war überall der gleiche: acht„Gute Groschen". Nur des Abends, wenn der Andrang von den Vergnllgungsorten groß. steigerten die Kutscher willkürlich den Fahrpreis. Wurde man. zu Fuße gehend, von einem spärlich besetzten Thorwagen eingehott, so hielt nian den Zeigefinger hoch, das bedeutete„Rest der Tour siir einen Groschen Wollte der Kutscher dnrmif cinIehcn. so hielt er an. sonst begnügte er sich mit einein verächtliche» Kopfschütteln. Am Brandenburger Thor, die Stadtmauer bis zun, Potsdamer ent- lang, hielten die Thorwagen, und kemer fuhr eher ab. bis er ganz gefüllt war. Ging die„Füllung" langsam vor sich, so trat der Kutscher wohl neben die Pferde und lies;, mit kurzen Unterbrechungen, sein langgedehntes:„Es fehlt noch eene lumpigte Person!" erschallen. Eine elegante Neuheit waren den Berlinern die„Kremser", die der gleich- namige Fuhrherr rechts vom Brandenburger Thor halten und pünktlich, gleichviel ob ganz oder halb gefüllt, abfahren lieb. Es ist aber bezeichnend für die Weltstadt-Vcrhältnisse der Zeit und die Macht der Gewohnheit, daß die Zahl der versuchsweise eingeführten Kremser sich nickt allmählich vennehrte, obwohl die Fahrt nur um„einen Sechser" teurer war. als in den sonstigen Thorwagen. Run fuhren freilich diese Fuhrwerke auch nicht im Tempo unsrer heutigen Wagen. Der Berliner von damals hatte mehr Zeit als der heutige gehetzte Weltstadtmensch und wer fuhr, wollte dieses.Vergnügen" voll auskosten, weshalb ihm mit schnellem Fahren gar nicht gedient gewesen wäre. Das schnelle Fahren hinderte aber einmal auch der Znstand der Strahen und dann der Zustand der Pferde. Die gewöhnlichen Baucrnpferde sahen fast komisch aus; sie waren klein, trugen den Kopf in der Höhe des Rückens oder niedriger, hatten lange Mähnen, dünne Beine und von dem vielen Grüufutter dicke Hängebäuche. Wenn eine schwerere Last als ein paar Milchkannen zu ziehen war, so spannte der Bauer drei oder vier solcher Mähre» vor seinen Wage», dessen Räder, des Staubmehls auf den Landstraben halber, nickt mit Eisen beschlagen waren. Kam er auf der Heimfahrt an den Tempelhofer Berg, so wurde unten ein Halt gemacht, damit die Gäule srische Kräfte sammeln, und dann wieder oben, damit sie etwas verschnaufen konnten. Wie das Bürgertum, die Stadt, das Verkehrswesen und alles andre, so befand sich auch der Militarismus deS Jahrhunderts noch völlig in den Kinderschuhen. Die Berliner Garnison bestand um 1830 aus 3 Jnsanterie-Regimentern, 1 Schützen-Bataillo», 3 Ka- vallerie-Regimcntcrn, der Fnsi- und der reitenden Artillerie und 1 Abteilung Pionieren. Dennoch aber fiel das Militär in seiner Zahl noch mehr auf als heute, schon deshalb, weil der Dienst sich, bei dem Mangel gerännnger Kasernenhöfe, zu seinem gröberen Teile auf der Strabe abwickelte. Ein Teil der Stadtplätze, Gendarmenmarkt, Belle-Alliance-Platz, Dönhoffs» platz gehörte tagsüber dem übenden Militär. Ilniform und Art des Dienstes bilden heute oft»och einen beliebten Scherz- gegenständ der„Fliegenden Blätter". VerhältuiSmäbig die meiste Zeit widmete damals das Militär dem Wachtdienst, wobei wir hier die Thorwache» besonders erwähnen wollen. Von den Thor- und andren Wachen des 18. Jahrhunderts sWallstrabe, Spfttclmarkt, Manerftrabe, Nene Wache, am Neuen Markte usiv. bis zur Stralauer Brücke) ivar kaum eine oder die andre eingegangen. Der Soldat war ja daiur.lS großenteils auch Polizist. Wurde der biedere Bürger durch irgend ein Ereignis ans der Ruhe geschreckt, so rief er die Wache alles, was arretiert wurde, vom Mörder bis zum Schwerbetrnnkenen und zu dem Frevler, der beim Tabakrauchcn im Freien abgefaßt wurde, kam auf die Wache. Trotz des reichlich bemessenen Wacht- dienstes aber hatte der Soldat noch Muße zn allerhand Reben- arbeiten. Wie der rusfische Soldat sich durch Strümpfestricken ein paar Pfennige verdiente, so machte der Soldat in Berlin beim Quartalsumzug durch Möbelschlcppen, als Handlanger in kauf- männischen Geschäften, Ivo Lasten zn bewältigen' waren, dem Arbeiter der damaligen Zeit eine empfindliche Konkurrenz. Die Thorwache behütete sorgsam des Staates Wohl. Niemand, der verdächtig war, gelangte heraus oder herein,- und um die Kontrolle besser zu ermöglichen, gab es, außer am Branden- burger und am Potsdamer Thor, keine Einlässe für Fußgänger. Nicht immer ging es dabei kllatt ab. Oft konnte man lange auf Einlaß warten. So war es eine viel gefiirchtete Gedulds- probe, wenn»ine Hammelheerde eingetrieben wurde. Wegen der Schlachtsteuer wurde sie genau gezählt. Beide Thorflügel waren ge- schlössen, nur eine zwei Fuß hohe Klappe stand auf, durch die, nach- dem erst der Lcithannnel hindurch war, die ganze Heerde so schnell hüpfte, als es der vorgehaltene Fuß des Steuerbeamten gestattete. Da dauerte eS denn mitunter über eine halbe Stunde, bis der biedere Rcsidenzler von Anno dazumal wieder seinen Fuß auf Ber- liner Pflaster setzen konnte. E. R. Kleines Feuillelott« K. Automatische Bildhaurrarbett. In einem englischen Kousulatsbericht über den Handel Süditalicns findet sich folgende interessante Mitteilung über automatische Bildhaucrorbeit: Signor Buontempi hat einen Apparat erfunden und patentieren lassen, durch den eine Marmorreproduktion eines Bildhauerwcrks automatisch durch Erosion hergestellt werden kann. Die Maschine kann durch eine beliebige motorische Kraft getrieben werden. Sie besteht in der Hauptsache aus einem horizontalen Stab, der an einem Ende einen abgestumpften hölzernen Arm und am andren einen stählernen Hohlmeißel bat; beide arbeiten senkrecht. Der hölzerne Arm ist so eingerichtet, daß er genau den Linien des Modells folgt, während der stählerne Hohlmeißel am andren Ende entsprechend senk- rechte Rinnen in den Marmor gräbt. Soll z. B. ein Marmor- topf nachgebildet werden, so zeigt stch der Umriß des GeftchtS beim ersten Mal, wenn der Hohlmeißel über den Marmor geht. Er schneidet den Marmor äußerst leicht. Zunächst wird mit einem großen groben Werkzeug und dann mit feineren Geräten gearbeitet, bis die Details mit einem Hohlmeißel ausgeführt werden, der nicht dicker als ein Pfriem ist. Mit diesem Instrument wird die Arbeit mit außerordentlicher Scknelligkeit vollendet. Der Gegenstand wird mit der Maschine bis auf Vi« Zoll in der Größe des Modells fertig gemacht, und dann erst fügt der Künstler dem Werk die letzte Durch- arbeitung, Ausdruck und Individualität hinzu. Die Maschine kann in drei Stunden soviel leisten, wie ein Manu in drei Tagen; jeder geschickte Arbeiter kann mit ihr arbeiten. Für Schnörkel- Verzierung auf Architraven und Kranzgefimsen leistet sie aus- gezeichnete Dienste.— — Der Maisban in Mexiko. Die Art und Weise, wie der Mais gebaut wird, ist in den verschiedenen Landcsteilen außerordent- lich verschieden. Gcivöhnlich werden drei Bearbeitungen im Mais- feld vorgenommen; die erste etwa einen Monat nach der Aussaat, Ende des zweite» Monats folgt die zweite und zwei bis drei Wochen später die dritte Bearbeitung. Für die Abenitnng des Maises kommen hauptsächlich zwei Verfahren in Betracht. Nach dem einen werden die Pflanzen, sobald die Könier anfangen, fest zu werden, bis hinab zum obersten Kolbe» geköpft und manchmal auch ihrer Blätter beraubt; später, wenn die Kolben ganz reif getvorden sind, werden sie ans ihren Hüllen herausgebrochen. Nach dem andern Verfahren werden die ganzen Stämme, ohne vorher entblättert und geköpft zu sein, mit der Sichel abgeschnitten, im Haufen auf dem Felde zusammengestellt, wo man sie bis zum Eintritt des ersten Frostes liegen läßt, ehe die Kolben ausgebrochen und ausgedroschen werden. Die Entkörnnng erfolgt in der verschiedensten Weise: teils durch einfaches AiiSrebbeln der Körner mit der Hand oder durch Reiben der Kolben zwischen zwei Steinen, oder auf einer Anzahl dicht nebeneinander, aufrecht- stehender und fest zusammengebundener entkörnter Maiskolben, teils durch Ausdresche» mit Pfählen auf dem Erdboden oder auf einem siebartigen Gerüst aus Balken, teils mit Hilfe von Pferden und Mnlen und teils durch kleine Handentkörunngsmaschinen oder endlich auch durch große mittels Wasserdampfkrast getriebenen Dampf- Maschinen. Die Erträge des Maises sind sehr verschieden; sie schwanke» zwischen cineni 80— lOOfachen Ertrage auf nicht sehr gutem und einem 800 fachen auf fehr gutem und bewässerten Lande.— Hygienisches. — lleberWohnnngs Hygiene sprach unlängst Dr. AlberS» heim in Köln auf Veranlassung der Stadt. Die„Köln. Volksztg." berichtet über den Vortrag: Der Vortragende beantwortete zunächst die Fragen, welche hygienischen Anfordernngen man an eine Woh- nung stellen soll und was der Bewohner thnn muß. um in einer gute» Wohnung gesund zu wohnen. Was die letztere Frage betrifft, so spielt hier die Beschaffenheit der Luft die Hauptrolle. Die Luft ist gut, wenn sie von Staub und Gasen frei ist und genügend Sauerstoff enthält. Redner führt verschiedene Beispiele aus früherer Zeit an, wo Gefangene, die in zu kleinen Räumen untergebracht worden waren, infolge von Sauerstoffmangel gestorben find. Die Hygiene nennt im allgemeinen übervölkert' ein Zimmer, welches sechs Personen. oder zwei Zimmer, welche mehr als zehn Personen beherbergen. Es kommt a»f den Kubikramn an, den jeder Bewohner für sich hat. Die Wiffenschast fordert 16—20 Kubikmeter. Für Kinder genügt die Hälfte dieses Raums, so daß also eine Arbeiterfnmilie mit zwei Kindern 50 bis 60 Kubikmeter Schlafzimmerraum nötig hätte, ein Maß, welches aber nur selten erreicht wird. GesundheitSschadigungen können bei lleineren Räumen mir durch fleißiges Lüften verhütet werden. Diese Gesundhritsschädigungen find zwar nicht tum, ittelbar wahrnehmbar. aber in sauerstoffarmer Luft wird auch das Blut sauerstoffärmer, wodurch die Lebensvorgänge, besonders der Kinder, geschädigt werden. Man hat lange Zeit angenommen, daß die Ursache der sogenannte» englischen Krankheit die schlechte Ernährung sei; aber genaue Feststellungen haben ergeben, daß nattirlich ernährte Kinder denselben Prozentsatz ftir die Krankheit stellen, wie künstlich ernährte- Dagegen machte man die Beobachtung, daß die Krankheit in ihrem höheren Grad und schlimmeren Formen in den Winternronatcn auftrat, wo die Kinder fich nicht mehr in frischer Luft, sondern in Räumen, wo gekocht und gewaschen wird, bewegen. Die Frage, wie man lüften soll, ist dahin zu beantworten, daß die Fenster'für eiitige Minuten ganz geöffnet werden sollen. Da der Wärmevorrat eines Zimmers nicht so sehr an der darin befindlichen Luft haftet, als am Ofen, an den Wänden und der Decke, so ist die Wärme wenige Minuten nach dem Oeffncn wieder hergestellt. Auch nachtS ist der Einlaß von frischer Luft in das Schlafzimmer zu empfehlen, natürlich muß sich die Oeffnung des Fensterspalts nach der Temperatur richten; aber es ist ein vielverbreitetes Vorurteil, die Nachtluft für schädlich zu halten; sie ist sogar meist reiner, staub- fteier als am Tage. Die Heizung des Schlafzimmers wirkt als Luftventilation gut. ist aber tm allgemeinen als Luxus und Ber- wöhnuna zu verwerfen. Bezüglich der Heizung machte der Redner daraufi aufmerksam, daß der billigste Ofen immer noch der Kanonen- oder Röhrenofen ist, nur darf er nicht zum Glühen gebracht werden, weit sonst die Staubteilchen der Lust verkohlen und verbrennen und diei entstehenden Produkte und brcnzlichen Gase elngeotinet»verden. Wegen deS fehlenden Abzugsrohrs und weil sie infolge dessen ihre Verbrennungsprodukte im Zimmer verbreite», sind mich die an sich sehr bequemen Petroleum-Oefcn nicht empfehlenswert. Jede Heizung entzieht der Luft die Feuchtigkeit, weshalb eine Schale zum Wasser- verdampfen in keinem Zimmer fehlen soll. Sehr gut ist auch das Vor- handensein von breitblätterigen Pflanzen, die häufig mit Wasser zu besprengen sind. Die Sonnenhitze wird besonders den Kindern ge- fährlich, indem sie Nahrungsmittel, besonders Milch, schädlich beeinflußt. Die Milch braucht nicht sauer zu sein, um im Magen der Kinder Brechdurchfall zu erzengen. Schon in einer Milchtempcratur von mehr als IS Grad vermehren sich die schädlichen Batterien bedeutend. Deshalb ist es unbedingt nötig, die Milch im Sommer im Keller aufzubewahren. Bei Kinder», die in dem kühleren Souterrain wohnen, ist der Brechdurchfall längst nicht so verbreitet, wie bei Kinder» der wärmeren Etagen. Redner verbreitet sich dann noch über die Feuchtigkeit der Wohnungen, das Lichtbedürfnis und die Eigenschaft des Lichts, die Bacillen, besonders auch den Tuberkel- bacillus nnwirksam zu machen! ferner über die notwendige Reinlich- keit, die möglichst auf nassem Wege herzustellen ist, da die Staub- entwicklung die Verbreitung der Krankheitserreger begünsttgt. Physikalisches. ss. T a u s e n d st e l Sekunden z II messen, ist in mancherlei Fällen deS modernen Lebens und Treibens unerläßlich. Die gewöhnlichen Apparate zur Zeitmessung sind in solchen Fällen garnicht benutzbar, denn auf unsren Taschenuhren können wir kaum noch eine fünftel Sekunde mit Sicherheit bestimmen. ES müssen daher besondere Instrumente erdacht iverden, wenn man bis zu so kleinen Zeiträumen wie tausendstel Sekunden oder gar noch weniger ! gelangen will. Es giebt zwei verschiedene Sorten solcher Apparate, e nachdem sie sich eines Chlinders nach Art eines Phonographen oder eines Zisfernblatts nach Art unsrer Taschenuhren bedienen. Unter den Cylinderinstrumcnten ist besonders der„Schiiellchroiiogrnph" zu nennen. Das System ist sehr einfach. Ein Cylinder von22Milli- meter Durchmesser wird durch ein Uhrwerk mit einer Geschwindig- keit von fünf Umdrehungen in der Sekunde um seine Achse bewegt. Diese Geschlvindigkeit entspricht einer Verschiebung von'/* Millimeter in einer tausendstel Sekunde für einen Punkt des Cylinderumfangs, das heißt wenn der Cylinder in seiner Längsrichtung mit Linien versehen wird, die in Ab- ständen von Vi Millimeter gezogen iverden, so entspricht dieser Abstand jener Geschwindigkeit dem Zeitraum einer tausendstel Sekunde. Die Oberfläche des Chlinders wird nun mit Ruß ge- schwärzt. Wenn der Vorgang, dessen Länge gemessen werde» soll, deginnt, so drückt man auf einen Knopf, tvodurch ein elektrischer Strom geschlossen und mittels eines Elektromagneten die Spitze eines Stifts bis zur Berührung mit dem Cylinder gebracht wird. Der Stift beschreibt eine helle Linie auf der geschwärzten Cylinderfläche, so lange der Knopf niedergehalten wird, und hebt sich gleichzeitig mit dessen Lösung wieder ab. Nach der Länge der auf dem Cylinder erkennbaren Linie kann dann die Dauer des Ergebnisses, Experiments, oder tvas man gerade messen will, mindestens bis zu Tausendstel-Sekunden genau ermittelt iverden. Noch genauer sind die zu gleichem Ziveck erfundenen Chronographen von Schmidt, die besonders zur Bestimmung der Geschoßgeschwnidigkeiten benutzt werden sollen. Der Erfinder wendet als Hauptteil seiner Instrumente ein kreisfömiiges Pendel nach Art der Unruhe unsrer Taschenuhren an und befestigt in der Achse dieses Pendels auf einer leichten Nadel ein nach der Erfahrung eingeteiltes Zifferblatt. Man braucht nur das durch eine Feder betvegte Pendel am Ende und am Schluß des zu meffendcn Experiments ein- bezw. auszuschalten und die vergangene Zeit auf dem Zifferblatt abzulesen. Für die Zwecke der Artlllcrieversuche sind die Zifferblätter so eingerichtet, daß man gleich die Geschobgeschwindigkeit in Kilometern ablesen kann. Wenn sich das Pendel gleich der Unruhe einer Taschenuhr mit 18000 Schwingungen in der Stunde bewegt, so entspricht jede Schwingung einer fünftel Sekunde. Nun ist das Pendel und seine Spiralfeder so eingerichtet, daß sie bei jeder Schwingung einen Zeiger gerade einmal um das auf ihr befestigte Zifferblatt führt. Ist dieses nun mir in 200 Teile geteilt, so entspricht jeder Abschnitt bereits einer tausendstel Sekunde. Daraus geht hervor, daß schon bei einem Durchniesser von 6 Centimeter für das Zifferblatt eine sehr deutliche Ablesung von einer tausendstel Sekunde ermöglicht wird, mittels einer Lupe können aber noch kleinere Zeiträume genau unterschieden werden. Im großen und ganzen ist als sicher zu betrachten, daß auf diesen Instrumenten tausendstel Sekunden mit größerer Zuverlässigkeit abgelesen werden können als ganze Sekunden auf den meisten unsrer Taschenuhren.— Astronomisches. — Merkur wird demnächst mit freiem Auge sichtbar sein. Den innersten Planeten unsres Systems, der, am nächsten der Sonne, die engste Bahn um sie beschreibt, vermögen wir nur selten zu er- blicken, weil er sich meist in den Strahlen des Tagesgestirns ver- birgt. Sein Licht ist sonst so schwach nicht: er gleicht in günstiger Stellung etwa einem Fixstern erster Größe und unterscheidet sich auch in seinem Aussehen wenig von einem solchen. Er hat nicht den ruhigen Glanz, der den andren Planeten eigen ist, sonder» funkelt ziemlich lebhaft. Diese etwas auffällige Erscheinung erklärt sich zum Teil dadurch, daß die Scheibe des Planeten uns nur klein erscheint. zum größeren Teil aber dadurch, daß der Planet, wenn»vir ihn überhaupt mit unbewaffnetem Auge erblicken, ziemlich tief steht, in sehr geringer Höhe über dem Horizont, wo das Funkeln überhaupt iveit lebhafter ist, als in größerer Höhe, in der sich die andren Planeten uns darstellen. Das ist wohl auch ein Grund, weshalb Merkur vielfach nicht gesehen wird, daß heißt mit Belvußtsein gesehen wird— es erblickt ihn eben mancher und hält ihn für eine» Fixstern. Zu Zeiten jedoch ist der Planet unschwer aufzufinden. Seine Helligkeit kommt der der helleren Fixsterne gleich und er ist auch von der Sonne weit genug e»tfernt. um noch über dem Horizont zu stehen, wenn das Tagesgestirn schon so weit gesunken ist, daß sein Licht auch den oberen Teil unsrer Atmosphäre nicht mehr erleuchtet. Diese weitesten Entfernungen des Planeten von der Sonne, die größten Elongatioucn, bieten selbst freilich nicht die günstigste Gelegenheit zum Auffinden des Merkur', der Planet wird leichter er« blickt etiva 8 Tage vor seiner größten östlichen Elongatton, ivobei er am Abendhimmel steht, oder ebenso lange nach seiner größten West- lichen Elongation am Morgcnhimmel. Für die Beobachtung am Abendhimmel ist das Frühjahr am günstigsten, während Merkur als Morgenstern im Herbst am besten beobachtet wird. Am 19. Februar dieses Jahres kommt nun Merkur wieder in seine größte östliche Elongation. Er ist daher jetzt am Abendhimmel leicht aufzufinden. Sein Untergang erfolgt etwa l�/e Stunden nach der Sonne— also wird man etiva eine halbe Stunde, nachdem das Tageslicht verschwunden ist, nach ihm ausschauen dürfen. Der Planet steht im Sternbild des Waffennanns und geht um die Zeit seiner größten Elongation in das der Fische über. Die Gegend, in der er sich beivegt, ist an helle» und bekannten Sternen an». Dadurch wird seine Auffindung einerseits erschwert, da die Wegweiser dafür fehlen; ans der andren Seite kann man aber den Planeten nicht mit einem Fixstern vertvcchseln, da kein solcher von gleicher Helligkeit in der Nähe steht. Ein Merkmal zur Auffindung des Merkur bietet seine Stellung am 20. Februar, wo er sich Zi/» Grad— etwa 7 Mondbreiten— südlich von der schmalen Mondsichel befindet.— Humoristisches. — A n f der Sekundärbahn. Reisender:»Schaffner, in meinem Coupö regnet es ja durch die Decke." Schaffner:„Ja, wegen des Sautvetters müffen Sie sich nicht an mich, sondern an Falb wenden."— — Nichts z u machen.„Deine Frau keift ja endlos; so ver- biete ihr doch einmal den Mund." „Nützt nichts; die ist tvie eine Pneumatik-Thür: schließt nur von selb st."— („Meggend. hum. Bl.") Notizen. — Gisela Schneider und Hermann Nissen haben tvegen mangelnder Beschäftigung vom Deutschen Theater um ihre Entlassung zum Ablauf dieser Spielzeit nachgesucht und sie auch erhalten.— —„Mein Kumpan", ein kalifornisches Volksschauspiel, be- arbeitet von Hugo v K» p f f e c und Dr. C a r l o l l u, gehl am Sonnabend im Carl Weiß-Theater in Scene.— — Unter dem Titel„Fa st nachtsfreu den" wird demnächst eine Satire auf SudermannS„JohanniSfener" erscheinen.— — Eine Pariser Operetten- Gesellschaft eröffnet am 20. Februar im Theater des Westens ein sechs Abende umfassendes Gastspiel.— —„Die komische Oper„Tabarins Tochter", Text von Sardo» und F e r r i e r, Musik von Gabriel Pierne, er- zielte bei der Generalprobe in der Pariser Opora comique einen guten Erfolg.— — Ueber„Monistische Weltanschauung in ihrer Bedeutung für d i e K» n st" wird am Freitag Wilhelm B ö l s ch e in einem von der„Freien Litterarischen Gesellschaft' ver- anstalteten Vortragsabend(Architektenhaus) sprechen.— c. Die New Aorker Zollbehörden wollen einem ausgedehnten Kunstschmuggel auf die Spur gekommen sein, der darin be» steht, daß Bilder alter Meister mit dem Namen unbekannter Maler signiert werden. So halten die Sachverständigen ein Werk, das„Die heilige Familie" benannt und Del Garbo gezeichnet ist, für einen echten Botticelli. Zwei, die den Namen De Vos tragen, sollen von Rubens sein. Eine in der Nota als ein Rizzi verzeichnete Skizze von 1ö0 Fr. ist jetzt als ein echter Velasquez auf 2000 Fr. taxiert worden.— — Feuergefährliche Ziegel. Die mit Teer getränkten Cement-Dachplatten. ivelche in Süddeutschland zum Decken von Häusern in»euerer Zeit vielfach vcrivandt werden, habe» sich ge- legentlich eines Brandes als hochgradig brennbar erlviesen. Möglicher- weise liegt eS nur an der Tränkung mit ungeeignetem Teer.— Verantwortlicher Redactcur: Wilhelm Schröder in Wilmersdorf. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.