Mnlerhaltungsblatt des Horwürts Nr. 35. Dienstag, den 19 Februar� 1901 iNacbdmif verboten.) Der Vnptl vom Hollevbvöu. LöZ Roman von R. von S e y d l i tz. Bis zum letzten Augenblick hantierte die fleißige Schar der Künstler an der Dekoration, die viel zu weit und groß gedacht war und nicht zur Hälfte zur Ausführung gelangte.„Ob sie Wohl fertig werden?" fragte sich Kastl verwundert. Natürlich wurden sie nicht fertig,— welcher dekorative Unfug wäre je fertig geworden?— und als schon die Massen der Gäste die Tische umlagerten, und die Wagen des Komitees und der Professoren heranrollten, wurden noch immer Kübel voll f�arbe. Berge von Leinwand und Papier, Stangen, Latten,.Kisten, Guirlandenreste und zertretene Lampions eilig weggeschafft.— Aber was fertig war, war ge- lnngen und der dekorierte Teil des Kcllergartens bis zum Musikpavillon war nicht wieder zu erkennen. Hinten schloß, aus einem Meer künstlicher Ricsenblumen auftauchend, die überlebensgroße Büste des Gefeierten das prächtige Bild ab. Dahinter konnte man durch die zusammengestellten Tannen- gebiische schlüpfen und befand sich dann in einem verödeten, stillen Teil des Gartens. Hier hinten sammelten sich bald am Nachnlittag die Hono- ratioren vom Hollcrbräu, die diesen Winkel, wo sie allein saßen, dem Drang und Treiben des �estraums vorzogen. Seitwärts, ans der Wiese, zimmerten fleißige Hände noch an einem improvisierten Tanzboden, dessen gelbe Bretter grell von dem Grün des Rasens abstachen. Einer vom Komitee, als er die Gruppe der stillen Gäste benierkte, beeilte sich, über die Tannen her ihnen einen großen Korb mit bunten, von Künstlerhand in unerschöpflicher Laune bemalte» Papierlaternen hinüberzureichen: „Hängen Sie das, bitte, selbst auf; Sie sitzen sonst bald im Finstern!" Und einige, auch Hegebart, befestigten die viereckigen bunten Dinger an Drähten um die Bäume. Dann setzten sie sich und hörten den Reden und Gesängen zu, die dicht neben ihnen jenseits der Hecke auf deni Festplatz ertönten. Kastl setzte sich auf einen der freien Plätze einer langen Bank; er wählte den Platz, weil neben ihm Roßberger saß, mit Frau und andren. Denn Damen waren auch da. Auch Frau Ebelein und Tochter sah nian; aber diese hielten sich mehr an die Ecke, wo das Direktorium vertreten war, und Direktor Haslinger mit Familie präsidierte. Für alle diese war's ein ganz improvisiertes Fest. Sie genossen es aber darum desto froher. Und gar, als die Tanzmusik vom Bretterpodium heriibertönte, während Dunkelheit allgemach herabsank und die farbigen Laternen auf- leuchteten, dünkte der milde Herbstabend ganz reizvoll. Gar bald auch verwischte sich die Grenze der Tanneuhecke, denn tanzlustige Herren spähten über die grünen Nadeln und drangen heraus, um die vorhandenen Damen aufs Podium zu schleifen. Kastl hatte oft im Kellergebäude zu thun und kam oft halbe Stunden lang nicht zum Vorschein. Als er sich gerade wieder neben Roßberger niedergelassen hatte, war ein Tanz zu Ende, und die zurückkehrenden Paare strömten lachend und erhitzt zu den Tischen zurück. Da rauschte ein Kleid neben ihni, und eine Dame setzte sich lächelnd dicht neben ihm nieder; er sah sich um: Vivi Ebelein! Sie begrüßte ihn, der sich höflich erhob, mit Kopfnicken imd sprach ihn an: „Herr Hegebart, nicht wahr? Ich sah Sie erst neulich, Wir sind froh, daß Sic bei uns sind. Herr Haslinger ist be- sonders vergnügt,— Herr Roßbergcr, das danken wir, glaub ich, Ihnen, nicht?" „Herrn Hegcbart selbst zunächst, Fräulein," erwiderte Roßberger, höflich wie immer, aber dann wandte er sich wieder zu seinem Nachbarn ab, einem Augsburger, der ihm den ganzen Abend seine Wünsche ins Ohr flüsterte; er wollte seine Brauerei gern losschlagen und hoffte, Roßberger könne ihm ohne viel Aufsehen zu einem Käufer verhelfen. Dort tvinkte also eventuell Provision, und Roßberger hatte auch bei Festgelagcn stets für Geschäfte ein offenes Ohr. Kastl sah sich also genötigt, auf eigne Faust die lebhafte Dame zu unterhalten, die neben ihm Platz genommen. Dabei beobachtete er sie im stillen. Besonders schön war sie nicht, und jener flatterhaft affektierte Zug, der ihn vor Jahren an der damals Jungen geärgert hatte, war auch heute bemerkbar; nur daß Kastl inzwischen sein Stück Welterfahrung so nebenbei mit hinuntergegessen hatte und sich vor solchen feinen Danien nicht mehr gar so sehr fürchtete. So gar schrecklich schien sie ihin heute nicht. Sie sprach auch nicht nur kein Französisch, sondern sogar ganz ehrliches Münchnerisch, soweit eine höhere Tochter das vermag. Ach! Sie hatte längst aufgegeben, was ihr einstiges Ideal gewesen. Den Lieutenant, die französischen Brocken, die Bade- reisen, ja sogar die Pariser Kleider! Denn sie war hübsch alt geworden,>vie sie sich gestehen mußte; und eine Kette böser Schicksal hatten ihr bisher das Glück der Ehe vorent- halten. Heiratete sie jetzt einmal, so sollte es eine vernünftige Geschäftsehe werden, soviel hatte sie unterm Beifall ihrer Mutter fest beschlossen. Ueber ihre sociale Sphäre hinaus, ja auch nur in fremde Kreise hinein, die ihr ebenbürtig gewesen wären— nein!.Denn dazu war sie zu eng noch mit dem alten Hollcrbräu verwachsen, wenn auch der Vater das Ge- schüft nicht mehr beherrschte. Denn sie und die Mutter zu- sammen hatten den schönsten Teil der Hollerbräuaktien im Kasten. Dem Gelde nach war sie immer noch die Haupt- besitzerin. Kastl arbeitete hart an der Unterhaltung, er war so klug, schnell zu erwähnen, daß er gar nicht tanze, und verbreitete sich flüchtig über das fragwürdige geräuschvoller Unter- Haltungen: „Sehn's Fräulein,— wer recht arbeitet, der hat kaum Zeit übrig und Schneid für so Sachen." „Ach ja," sagte sie seufzend,„recht arbeiten l— das mag doch wohl das größte Glück sein. Ich Hab das nie gekannt. Was soll unsereins arbeiten? Gesellschaft und Plauscherei, Theater und Langeweile, das ist das ganze Leben." Kastl wollte, in reifster Weisheit, eben darauf hinweisen, daß Ehe und Kinder gewiß Arbeit genug brächten, als Vidi von einem Herrn zum neuen Tanz abgeholt wurde. Kastl behielt seine Rede für sich und trank einen be- dächtigen Schluck; er segnete den Herrn für die gute Idee, ihn von Vivi befreit zu haben. Gleich darauf ärgerte ihn aber wieder solche Zaghaftigkeit. Er wandte sich, um dem Nachdenken zu ent- gehen, Roßberger zu und hörte mit Interesse das Gespräch über die Augsburger Brauerei an. Dabei war er»vieder in seinem Element. Endlich ging der andre fort, und er sprach mit Roßberger weiter über dies und das; auch über Vivt Ebclein. „Zwei Drittel vom Hollerbräu gehören der Mutter und ihr;— wer die amal knegt—!" „Mich wundert nur, daß noch keiner angebissen hat," vcr- setzte Kostl. „Mögen möcht' s' mancher," meinte Roßbergcr.„Aber die nimmt net an jeden." „Schiech is f eigentlich net." „Des freut mich, daß Sie des sag'n, Herr Hcgebart.— Denn eigentlich, unter uns gesagt,--'s war just die rechte fiir ein'n, den i kenn." Dies flüsterte er schalkhaft„an" Hcgebart„hin". Kastl schaute ihn groß an. Er wollte beinah nicht verstehen; zuletzt rieb er sich die Nase, strich den Schnurrbart und meinte:„Naa.— In dees Nest steig i net." Roßberger schüttelte den Kopf.„Dees begreif i net. A Mann wie Sic I— Hergott no' mal, wenn mir in' ganzn Lcbn amal so a Glück geleuchtet hätt! Jhna fallt alles nur so in'ir Schoß. Und Sie bedenken sich a noch, und thun fpröd. — Herr Hcgebart ,"— er legte die Hand ans den Arm Kastls—„ich denk doch, Sie sind der Gcscheidtere von uns allen hier; Sie werden schon wissen, wo der richtige Weg geht zn all dem, was Sie vor haben—" „Was Hab' i denn vor?" „Na; i dacht' grab' an unser erstes Gespräch im Braustübl damals, wie Sie uns besucht haben. Damals haben Sic mehr vorgehabt, als wie Bräumeister im Holler- bräu sein." „Ja, mein Gott'" ..Na? Hab' i recht?- Soll'S etwa ich Jhna sag«. Was das wär', wenn Sie die Vidi Ebelein zur Frau nehmen und's Gerschtel dazu einsacken? A reicher Mann sind, und unabhängig, und alles? Und amal selber Bräuer werden können, früher als wie andre, die erst dazu kommen, wenn sie Weiße Haar haben und fertig und kapnt sind?— Soll i vielleicht Sie erst gescheidt machen, Herr Hegebart?-- Aber naa!" brach er ab.„deeS Wissens selm. S' thun halt a so.— Recht is, i rühr net dran. Ich misch mich net drein. Ich— weiß vo' nix!— Dabei lachte er schalkhaft und schüttelte Kastls Arm. Kastl selber lachte verivirrt dazu, weil er nichts zu sagen wußte. Roßberger kniff ein Auge zu und sah äußerst ��Hastl stand auf, immer noch in Verwirrung, und machte sich im Geschäft zu thun. Er konnte aber den verwirrenden Gedanken nicht los werden. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Jo Saturnalia! In diesen Tagen, bevor nüt Aschermittlvoch für die katholische Welt die vierzigtägige Fleischeiitsagmig der Fastenzeit einsetzt, er- reicht die tolle Ausgelassenheit des Karnevals ihren Hvhepinikt. Wer nur das kümmerlich vegetierende Treibhanspflänzchen kennt, als das sich hier in Berlin der Karneval darstellt, wer nie das Fastnachts- treiben in einem der Hauplsitze des Narrentums mitgemacht hat, der kann sich nur schwer eine Vorstellung davon bilde», wie tief dies Fest dort noch immer in der Volksseele wurzelt: obwohl freilich neuerdings Rückgang und Ausortung vielfach in die Augen springen. Im großen und ganzen gilt für die Hochburgen der Faschingslust aber doch noch die Charakterisierung als Voiks- fest, die Goethe vor über einem Jahrhundert in seiner klassischen Beschreibung des römischen Karnevals ausgesprochen hat, wo er zu Eingang seine Anschauung von dem Wesen des dortige» Festes also zusammenfaßt:.Der römische Karneval ist ein Fest, das dem Volk eigentlich nicht gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst giebt. Der Staat macht wenig Anstalten, tvenig Aufwand dazu. Der Kreis der Fremden bewegt sich von selbst, und die Polizei regiert ihn mir mit gelinder Hand. Hier ist nicht ein Fest, das wie die vielen geistlichen Feste RomS die Augen der Zuschauer blendete; hier ist kein Feuerwerk, das von dem Kastell Sankt Angela einen einzigen überraschenden Anblick gewährte; hier ist keine Erleuchtung der Peterskirche und Kuppel, welche so viel Fremde ans allen Landen herbeilockt und befriedigt; hier ist keine glänzende Prozession, bei deren Annäherung das Volk beten und stauneu soll; hier wird viel- mehr nur ein Zeichen gegeben, daß jeder so thöricht und toll sein dürfe, als er wolle, nnd daß außer Schläge» und Messerstiche» fast alles erlaubt sei. Der Unterschied zwischen Hohen und Niederen scheint einen Augenblick aufgehoben: alles nähert sich einander, jeder nimmt, was ihm begegnet, leicht ans, und die wechselseitige Frechheit und Freiheit wird durch eine allgemeine gute Laune im Gleich- gewicht erhalten. In diesen Tagen freuet sich der Römer noch zu unsre» Zeiten, daß die Geburt Christi das Fest der Saturnalien und seiner Privilegien wohl um einige Wochen verschieben, aber nicht ans- heben konnte." In den letzte» Worten Iveist Goethe hier auf den Ursprung des modernen Karnevals aus einem uralten Fest des heidnischen Rom hin, und es ist kulturgeschichtlich höchst interessant, sich dies Urbild des heutigen Festes, soweit das aus den verstreuten Nachrichten alter Schriftsteller»nöglich ist, zu versinnlichen. Die Feier der Saturnalien galt der Erinnerung an jene glück- lichen Zeiten, als, der religiösen Ueberlieferung zufolge, über den Teil von Italien, in dem Rom liegt, über die Landschaft Latium, deren alter Stammesgott Satnrnns herrschte und das Volk der Latiner sieb des goldene» Zeitalters erfreute, in dessen Vor- stellung sich>»süchtige Gedenken an die entschwundene Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit des urwüchsigen Kommunismus wieder- spiegelt, wie er in der Gentilgesellschaft vor Alters bestanden hatte. Uebcr diese Zeit deS Saturn heißt es bei dem römischen Schrift- steller Justin:„Die ersten Betvohner Italiens waren die Aboriginer (die Ureinwohner), deren König Saturn nach der Ueberliefernng von solcher Gerechtigkeit war, daß weder unter ihm jemand als Sklave diente noch irgend etwas als Privateigentum besaß; sondern allen war alles gemeinsam und ungeteilt, als wenn es der Gesamtheit als ein Erbteil' gehörte." Und bei einem andern römischen Schriftsteller heißt es mit Bezug darauf, daß im Tenipel des Saturn der Staats- schätz der römischen Republik aufbewahrt lverde:„Die Römer ivollten aber deshalb, daß ihnen der Tempel des Saturn als Schatzkammer diene, weil zu der Zeit, da er in Italien weilte, kein Diebstahl in dessen Gebiet begange» sein soll, oder weil unter ihm niemand etlvas als Privateigentum besaß: „Nicht war's Recht, zu verteilen das Feld und durch Raine die Aecker Alle zu scheiden; sie schafften gemeinsanies Gut;" darum sollte bei dem das gemeinsame Vermögen des Volks untergebracht werden, «lter den« allen alles gemeinsam gewesen wäre. Dies goldene Zeitalter einer glücklichen Vergangenheit sollte «ich der dem Fest zu Grunde liegenden Idee mitten ans der All- täglichkeit, der gegenwärtigen.eisernen Zeit", ihrer Vermögens» Ungleichheit, ihrer Unterdrückung großer Massen zum Vorteil weniger, ihres fast nie anshörenden Waffenlärms, vorübergehend wieder auf« leben in dem Feiertagsjubel der Saturnalien, wie sie mindestens seit der ersten Zeit der Republik(ungefähr 500 v. Chr.), wahrscheinlich aber schon unter den Königen alljährlich in dem der gütigen Gottheit des Satur» geweihten Monat Dezember begangen wurden; zunächst nur ein Tag(IS. Dezember), später aber auf sieben Tage (17.— 24. Dezember) ausgedehnt. Sehr hübsch bringt den Grundgedanken des Festes der im 2. Jahrhundert»ach Christo schreibende griechische Schriftsteller Lucian, der„antike Voltaire", zum Ausdruck in einem besonderen äußerst witzigen Schriftchen über die Satunialien. Da wird Saturn mit einem Priester redend eingeführt und erzählt, er habe zu Gunsten seines Sohns Jupiter auf die Herrschaft verzichtet. „Nur diese wenigen Tage beschloß ich unter den erwähnten Be- dingungen auszunehmen und ich übernehme dann wieder die Herr- schüft, um die Menschen zu erinnern, wie das Leben unter meinem Regiment war, als die Erde»»besäet nnd»»beackert ihnen alles trug, nicht Aehrcn, sondern fertiges Brot nnd zubereitetes Fleisch, als der Wein in Flüssen strömte und Honig und Milch aus Quellen emporsprudelten. Dies ist die Ursache, daß ich die kurze Zeit über das Scepter führe, nnd deshalb herrscht überall Jubel, Gesang nnd Scherz»nid Gleichheit zwischen Freien und Sklaven; denn zu meiner Zeit gab es keine Sklaven." Freilich schränken jene Bedingungen, unter denen der Gott alljährlich rnif sieben Tage das Reginient führt, die Bedeutung seiner vorüber- gehenden Herrschaft gewaltig ein; denn als der Priester, mit dein er sich unterhält, ihn um Reichtümer angeht, giebt er zur Ant- wort:„Siehst Du nicht, daß Du eine Bitte stellst, die ich nicht er- füllen kann? Derartiges habe ich nicht zu vergeben. Laß cS Dir also nicht unangenehm seüi, wenn Du das nicht erhältst; bitte den Jupiter darum, wenn nach kurzer Zeit die Herrschaft tvieder an ihn kommt. Ich übernehme die Zügel der Regierung unter bestimniten Bedingungen: Sieben Tage dauert die ganze Hcrrlichleit, nnd wenn diese vorüber sind, so bin ich sogleich wieder ein Privatmann und einer ans den» großen Hanfe». Selbst in den sieben Tagen ist es mir»ncht verstnttct, eine staatliche Angelegenheit von Belang anzu- ordnen: Trinken und Zechen, Lärmen nnd Scherzen, Würfeln nnd Fcstkönige ernennen, die Sklaven bewirte», nackt singen nnd a»S Leibeskräften klatschen, zuweilen das Gesicht mit Ruß beschmiert mich kopfüber ins Wasser stürzen lassen, das darf ich: jene großen Dinge aber, den Reichtum nnd das Gold, verteilt Jupiter, an wen er will." Und schließlich, als diese neugierigen Fragen des Priesters gar kein Ende nehmen wolle», bricht der Gotl, über diese Unterbrechung der Ausgelassenheit seiner Ehrentage ungeduldig, die Erörterung ab: „Wir wolle» nnn schmause», jubeli. und die Festesfreiheit genießen, nachher nach alter Sitte um Nüsse würfeln, Festköuige ernennen und ihnen gehorchen. Auf diese Weise werde ich das Sprüchwort wahr machen, Ivelches sagt:„Alte Leute— zweimal Kinder." Aus diesen Stellen bei Lucia» treten die Grnndzüge des Saturnalienfestes ja ivohl schon einigermaßen hervor; indes läßt sich das Bild verdeutlichen und erweitern aus zahlreichen gelegcnt- lichen Bezugnahmen der verschiedensten alten Schriftsteller auf die Einzelheiten der Feier. Danach nahm man am ersten Festtage, dem l7. Dezember, anstatt, wie gewöhnlich nachmittags, schon gleich in der Morgendäinmerung—„wenn der Zeiger an der Sonnenuhr einen Schatten von sechs Fnß wirft", sagt Lucian— das Bad, um sich den ganzen Tag in der Stadt umhertreiben zu können,»md ging dann in die gleich den meisten Privatwobnimge» mit Wachskerzen beleuchteten Tempel des Saturn, wo man, nachdem der Bildsäule des GoltcS die wollene» Fußbinden gelöst wären, dem Gott nnd dem eignen Genius ein Opfer darbrachte. Während der Festtage Ivaren alle öffentlichen und Privatgeschäfte eingestellt, Schulen und Läden geschlossen, kein Krieg>v»rde erklärt. keine Schlacht geliefert, keine Strafe verhängt, vor allem keine Hin- richtling vollzogen, und es ivar üblich, einer Anzahl Gefangener die Freiheit zu schenken. Alle Trauer war auf- gehoben in diese» Freudentagen närrischer Ausgelassenheit. Schon am Abend, bevor das Fest begann, eilte alles mit brennenden Wachsfackeln durch die Straßen und begrüßte sich mit den» Jnbclruf des Festes:„Jo Saturnalia!"(Hurra, Snturnalien I) Von da an herrschte für alle Stände unbegrenzte Freiheit zu allerhand Mut- willen. Außer sonstigen Gcckcnstreichen. mit denen man sich ver- gnügte, ging man mit berußten Gesichtern unihcr. Die Freien legten die lästige Toga ab und vermummten sich in einem Mantel mit Kapuze, die Kopf und Schultern bedeckte und aus der der moderne Domino entsprungen ist. Vor allem aber kau» den ärmsten der Lasttiere, den Sklaven, die festliche Woche zu gute. In diesen Tagen waren sie nicht dem„doo voio, sie jubeo"*) ihrer Herren und Herrinnen nnterivorfen, Ivaren sie deren despotischer Willkür, der Arbeitsüberlastung und den so häufigen körperlichen Miß- Handlungen enthoben nnd bekamen für eine kurze Spanne Zeit das Hochgefühl der Freiheit zu kosten; der Rückfall in das alte Elend mochte freilich nachher um so bitterer sein. Jedenfalls aber, *) DieS berühmte Citat stammt anS der sechsten Satire des Juvenal, Ivo eine Herrin, die ihren Sklaven ans Kreuz schlagen lassen will, ihrem nach Gründen fragenden Mann erklärt:„Du Narr, ist denn ein Sklave ein Mensch? Er mag nichts gethan haben, so sei es: Aber ich will dies, so befehle ich es, anstatt eines Vernunft- grundes diene mein Wille". so lange die Saturnalien währten, genossen die SNavcn völlige Arbeitsruhe und persönliche Freiheit, durften die Toga und die Filz- miitze tragen, was sonst nur den Freien zustand, und satzeii de- ziehentlich lagen mit ihre» Herren zn Tische, wobei die Herren die Be- dienung übernahmen und den Sklaven völlige Redefreiheit gestatten mußten. Die Reichen hielten an diesen Tagen offene Tafel, wobei auf guten Nachtisch besonders Wert gelegt wurde; für das damit verbundene Zechgelage wurde ein Mahlkönig gewählt, entweder mittels der Würfel oder durch Verteilung eines Kuchens mit einem cingebackenen Zeichen, das den Empfänger zum König bestimmte: dieser konnte dann seinen Unterthanen alle möglichen närrischen Be- fehle erteilen. Außerdem lag man eifrig dem Würfelspiel ob, die Aermeren um Nüsse, die Reichen dagegen vielfach um so große Geldsummen, daß Vermögen dabei gewonnen, aber auch verloren wurden. Es braucht Ivohl kaum gesagt werden, daß eS bei den Satnrnalien in der Praxis mit der Durchführnng des Grundgedankens durch zeit- weiligc Erneuerung der Freiheit und' Gleichheit des goldnen Zeitalters gegenüber der bestehenden Spaltung in Reiche und Arme, Herren und Sklaven allenthalben das Bewußtsein lebendig zu erhalte», daß in jedem, auch in dein verachteten Sklaven, doch der Mensch zu ehren sei, gewaltig gehapert haben muß. zumal in der späteren Zeit. Daß das freie, aber rohe und verkommene Lumpenproletariat der Haupt- stadt bei den Saturnalien nicht gerade eine erhebende Rolle gespielt haben kann, ist wohl klar, lind daß der Hochmut und Eigennutz der Reichen den Zweck des Festes vielfach in sein gerades Gegenteil vcr- kehrten, erhellt aufs deutlichste ans dem oben äiigcsührteii Schriftchcn Lucians, Ivo es in einem Brief der Armen an Saturn unter anderm heißt:„Verordne auch, daß jeder bald vier, bald fünf Arme zu Tische zieht, aber nicht in der jetzigen, sondern in volkstümlicherer Weise, daß alle gleich viel bekomme», nicht so, daß jener mit Leckerbissen stch vollstopft und daß der Sklave steht und wartet, bis jener vom Esten müde ist, oder vorbeilänft, wenn er zu uns komnit, während wir uns noch anschicken, zuzulangen, nachdem er uns die Schüssel bloß gezeigt hat und wieviel von dem Kuchen übrig ist. Wenn ein Schwein aufgetragen wird, soll er nicht dem Herrn die ganze Hälfte mit dem Kopf vorsetzen und den andern verhüllte Knochen bringen. Befiehl auch den Mundschenken, sie sollen nicht warten, bis jeder von uns siebenmal zu trinken gefordert hat. sondern bei einmaligen» Verlairge» sofort ein- schenken' und einen große» gefüllten Becher gleich dein Herrn über- reichen. Der Wein muß für alle Tischgenossen derselbe sein; denn wo steht das Gesetz geschrieben, daß er sich am Wein mit schöner Blume berauschen, ich mir vom Most den Magen sprengen laste» soll?" Und wen» an einer andern Stelle Lucia» fordert:„Falls der Reiche seine Sklaven bewirtet, so soll er mit seinen Freunden sie bedienen," so geht daraus hervor, daß viele Sklavenhalter an diesen wichtigsten Pniikl der Festvorschriften sich nicht mehr im mindesten störten. Wohin es in der Kaiscrzeit mit der harmlosen Ausgelassenheit und schrankenlosen Narrenfreiheit des Satnrnnlienfestes unter Umständen kau», zeigt mit grauenvoller Deutlichkeit ein schrecklicher Vorgang in der Geschichte der erste» Casare». Nachdem Nero mit seiner herrschsüchtigen Mutter Agrippina, die ihm auf dem Wege des Ver- brechens zum Thron verholfen hatte, zerfallen war, hatle diese sich ihrem vierzehnjäbrigen Stiefsohn Britannicus, der größeres Anrecht ans die Kaiserwürde hatte als Nero, genähert und dainit bei Nero schwere Besorgnisse erregt. Als nun die Satnrnalicn des Jahrs 55 n. Ehr begangen wurden, fiel am kaiserlichen Hof Nero die Würde eines Mahlkönigs zu, und er gab seinem Adoptivbrnder den Befehl, irgend ein Lied zn-fingen, in der Hoffnung, der Knabe werde stch lächerlich mache». Anstatt dessen aber trug Britannicus ein Gedicht vor, das auf seine unverdiente Zurücksetzung anspielte und den zieinlich unverhüllten Beifall der Festtafel fand. Da reifte in Neros Hirn der verbrecherische Plan, sich des gefährliche» Nebenbuhlers zn entledigen. Er ließ sich von der be- rüchtigten Giftmischerin Locnsta ein Tränklein brauen, das aber nicht stark genug war, Britannicus zu töten; nachdem jedoch Nero die Locnsta höckstcigenhändig gepriigelt hatte, erhielt er von ihr ein höllisches Gemisch, das er an einem der folgende» Tage des Festes bei Tafel seinen» Bruder beibringen ließ und zivar mit solchem Er- folg. daß der Knabe vor den Augen der schreckensbleichen Gäste im Augenblick verstarb; so verstand Nero die Snturnalien jzu begehen. Wieviel aber auch das Fest im Verlauf der Jahrhunderte von seinen» ursprünglichen Charakter eingebüßt haben mochte, so hielt doch das römische Volk daran als einer Gelegenheit, sich einmal gründlich auszutoben und die Sorgen und Nöte des Daseins alljährlich auf ein paar Tage zu vergesse», mit großer Beharrlichkeit fest und feierte die Saturnalien mit närrischer Ausgelassenheit in Ron», wie in den Provinzen. Einen wie starken Halt an der Volksseele das Fest hatte, sollten die christlichen Glanbenseifercr der ersten Jahrhunderte erfahre»», als sie, wie gegen alle Arten heidnischen Lebcnsgennsscs, auch gegen das sündhafte Teufelsiverk des Saturn donnerten. Schon Tertullian igest. 216) klagt, daß sich auch Christen an der Feier der Saturnalien be- tciligten, und wenn das Konzil von Laodicea(314) den heidnifchen Gebrauch untersagte, so blieb das doch ganz umsonst. Was der Kirche zu verdrängen gelang, war die Erinnerung an den Gott Saturn als Festheiligen: aus den Saturnalien wurde zunächst das mit tollem Mummenschanz auch von der niederen Geistlichkeit be- gangen« Narren- oder Eselfest, das in die dreizehn heiligen Tage zwischen den, 2S. Dezember und 6. Januar fiel; aus dem alten Mahlkönig wurde der Bohnenkönig des Dreikönigentags, wovon schon in den ältesten Kalendern der römischen Kirche die Rede ist. Ist das Nnrrenfest gegen seinen heidnische» Vorgänger schon um ein Geringes zeitlich verschoben, so»vurde der Abstand noch»in» eine A»izahl Wochen größer in den» eigentlichen, gleichfalls unmittelbar aus den Saturnalien entspnnigenen Karneval, der zunächst neben dem Narrenfest herging, es aber schließlich fast ganz verdrängte. Schon bei einen» Kircheiwata des 5. Jahrhunderts heißt es über das Fastnachts- treiben:„Die Christen rasen vorsätzlich an diesen Tagen, binden Larven vor, tauschen die Geschlechter aus, vermummen sich in Ge- spenstcr und Teufel, geben sich dein Bacchus und der Venus hin und hallen allen Mntlvillc» für erlaubt." Alles Gezeter und alle kirch- lichen Verbote dagegen nutzte» nichts; nur»vurde dadurch, daß Papst Gregor d. Gr. gegen das Jahr 600 den Aschermittwoch als Veginn der Fastzeit festsetzte, das Bedürfnis des Volks, sich auszutollen, in der Hauptsache ans drei Tage eingeschränkt. Dazu hat dann die katho- tische Kirche schließlich gute Miene gemacht, und so kommt es, daß sich der Rest altrömischen Heidentums, als dem der Karneval sich darstellt, bis in die Gegenwart hinübergerettet hat.— o. Kleines Ileuillekon. — Volkstiiinliche Wetterregeln. Auch in der Witterimg gilt der Grundsatz: alles Unnatürliche erzeugt Unnatürliches; alle un- natürliche» Vorgänge in der Natur bringen Wirkungen hervor, die sonst nicht zu erivarten sind. Ist es im Sommer kalt(da es doch zn dieser Zeit ivarm seien sollte), oder ist es in, Winter warin(da man Kälte zu erwarten hat), so gicbt es regnerische Tage. Dieselbe Regel gilt von» Frühling. Im Winter erwartet der Laudmann Kälte. Er ist kein Freund des unnatürlichei» warmen oder sehr gelinden Winters, weil die Erfahrnng lehrt, daß auf eine» warmen Winter ein schlechter Sonnner folgt. Die Wetterregel:„Morgenrot, Regenbrot'" gründet fich aiif den» selben Grundsatz. Nach der Nacht erwartet man einen dunstfreien klaren Himmel; ein„übermäßiges" Rot deutet auf eine„übermäßige" Sättigung der Luft mit Wasserdunst hin.„Abendrot, gut Wetterbrot'" ist eine Regel, die für»nS Norddeutsche eines Zusatzes bedarf, um als erprobt gellen zu können. Sie mag ausführlich so lauten: zeigt sich ain„späten" Abend ein schöngoldenes Rot am ivestlichen Himmel, oder auch: ist der Westen am Abend„hell", und ist dabei— dieser Znsatz ist durchaus nötig— der„Norden hell", so giebt es fast un- bedingt am folgenden Tage gutes Wetter; denn der dunst- und ivolkenreine Westen und Norden lehren ui»s, daß wir am folgenden Tage keine Veränderung in der Atmosphäre zu befürchten haben. Zeigt aber der Westen„dunkle, schwere Banken", so ist Regen im Anzug. Ist der Westen zwar rein, der Norden jedoch nicht, so ist das kommende Wetter sehr zweifelhaft. Erscheint das Rot a>n westlichen Himmel nicht an» späten Avend, sondern zu einer nniiatiirlich frühen Stunde, z. V. schon un» 4 Uhr des Naännittags,»ind befindet fich diese Erscheinung nicht tief am westlichen Himmel, sonder» höher, und fehlt den» Rot die schöne goldene Beimischung, so spricht der welterklindige Schiffer von„Brand an der Luft" und»»acht sich aus Sturm gefaßt. Manche Wetterregeln haben ihre Begründung in der Erfahrung. welche man hinsichtlich des Einflusses des Monds auf unsre Erde geninckit, und knüpfen sich an die Stellung des Monds und die Mondphasen. Hängt die Mondsichel, so lautet dieser Erfahrungssatz, „tief am westlichen" Hinunel, und ist dabei die leuchtende Seite der goldenen Sichel der Erde zugekehrt, so daß der Mond„auf de»» Rücken liegt", so ist Regen zu erwarten. Andre Wetterregeln stützen sich änf Erfahrungsschlüste aus der Bildung und Stellung der Wolken. Zeigt fich am Hirnmel ein Schiff, d. h. ziehen sich von einem Punkte im Osten, also den Vorderteil eines Schiffes bildend, bis zu einen» Punkte im Westen, also den Hinterteil eines Schiffs bildend, lange WolkenliNicn hin, und ist dieses Schiff in seinen» mittleren Teil verwischt, als wenn uns eine unberufene Hand mit einein Bleistift oder einen» Wischer eine Zeichnung verdorben hat, so tritt nach kurzer Zeit Unwetter ei». Diefe Wctterprophezeinng ist de» Schiffern und den Seeleuten wohl bekannt. Von den vielen Wetterpropheten des Tierreichs behauptet die gelbe Wegeschnecke ihre Autorität besser als die am Abend tanzenden Mücken, welche zunächst nur„warmes" Wetter ankündigen, oft allerdings auch gutes. Trägt die Schnecke Gras auf dem Schivairz. so gicbt es nasses Wetter, trägt sie Sand, so ist gutes Wetter im Anzug. Auch die Fische sind gute Wetterpropheten. Ist das Wetter noch so schön, so fehlen dennoch oft die Fische; ein Zeichen von kommendem Unwetter.—(„Köln. Volksztg.") Theater. Neue Freie Volksbühne: Ein Handschuh von B j ö r n s o n.— Björnson wird beinah Mode in Berlin. Seine Stücke werden nicht nur gelobt, sondern auch gegeben. Und sie gefallen nicht nur der Kritik, sondern auch dem Publikum und werden Kassen- stücke. Vielleicht ist diese Popularität des Dichters»»icht ohne Ein- flnß auf die Anfführung des„Handschuh" gewesen— wir sehen keinen andren Grund. Ist es durchaus notwendig, die Stücke aus- zugrabcn, in denen der große Dichter Björnson noch kein großer Dichter ivar? Björnsons Entwicklung als Dramatiker ist ja ganz eigenartig. Erst im Alter scheint ihm das Wesen des Dramas aufgegangen � sein. Spät hat er sich von dc»IVorl>>Ider» der französischen Theater- stücke befreit und seine großen Bühnendichtungen sind wie ein später, reifer Sommer, der uni so mehr beglückt, je weniger man ihn erwartet hatte. Warum uns den befangenen unfertigen Björnson zeigen, der Theaterstücke schrieb, in denen die Sonne der germanischen Kraft nur matt— wie durch Nebel— leuchtete, eine Wintersonne ohne jubelnde Helle und ohne siegende Kraft.? Ich will der„N e u e n F r e i e n Vo Ik S b n h n e" keineswegs den Vorwurf machen, dag sie nachäffend die Björnsoinnode ohne Kritik und Besinnung mit- macht. Ganz im Gegenteil: die„Neue Freie Volksbühne" ist vor- angegangen und die erfteuliche Björnsoinnode ist nicht zum wenigsten gerade ihr Verdienst. Sie war es, die zuerst den zweiten Teil von„lieber unsre Kraft" aufführte und sie ist bisher die einzige Bühne, die uns„Paul Lange und Tora Parsberg" gezeigt hat— bisher, jetzt ist die Dichtung glücklicherweise auch im„Berliner Theater" und wird— verbündet mit der Frnuendorfer— hoffentlich ihre ganze Schönheit enthalten. Nicht Modesncht also werfen wir der„Neuen Freien" vor. Wir glauben nur, daß sie von der gegenwärtigen Popularität Björnsons zu Unrecht ein Echo selbst für den veralteten„Handschuh" crivartete. Jedenfalls: einen Triumph hat sie durch die Aufführung dem norwegischen Dichter nicht bereitet. Der Titel des Stucks ist ursprünglich symbolisch gemeint. Björnson wirft der laxen Männermoral den Handschuh hin. Wenn die Frau keusch in die Ehe treten soll, soll es der Mann auch. Nur durch strenge Zucht erwirbt er sich die Fähigkeit, auch in der Ehe ein treuer Gatte zu sein. Das mag richtig sein, aber vielleicht darf man schüchtern fragen, ob denn wirklich der gute Ehemanu die Vollendung des Lebens darstellt. Immerhin gegenüber der feigen Philistermoral, die für sich alles nimmt, aber sofort moralische Krämpfe kriegt, wenn ein wannblütigeS Weib auch einmal etwas für sich nimmt, ist Björnsons Standpunkt konsequent und klar. Leider hat der Dichter in der neuen Bearbeitung, die vonZ der „Neuen Freien Volksbühne" aufgeführt wurde, diese Konsequenz ver- nicktet. Seine Heldin heiratet schließlich doch den Mann m» der unkeuschen Vergangenheit, und damit lvird aus einein konsequenten Charakter eine ungewöhnlich bittere Jungfrau, deren große Tugend mir so viel Bewunderung einflößt, daß ich nie in die Versuchung kommen würde, sie ihr zn rauben. Um die Darstellung machten sich besonders Emauuel Reicher und seine Tochter verdient.— £. S. Secessionsbühne:DreiEinakter von Courteline. — Die beiden ersten Sachen sind feuilletonistische Kleinigkeiten, denen man„unterm Strich" ganz gerne begegnet. Recht graziös, nicht ohne zierlichen Witz, eine Dosis bescheidener Satirc. kurz: ganz nett. Wir protestieren indessen nachdrücklich gegen den Unftig, um solcher Bagatellen willen die ganze Kritik zusammenzutroimneln. Was denkt die S e c e s s i o n s b ü h n e eigentlich? Beide Sachen sind mit den ältesten Theatermitteln gearbeitet und könnten von Scribe sein, wenn Scribe mit seinem fast poetischen Talent die Sache nicht doch um vieles besser gemacht hätte. Das letzte Stück, das übrigens, wie mir jetzt ein- fällt, zwei Akte hat, bietet»vcnigstrnS ein interessantes Motiv. Ein gemütvoller Dummkopf wird von einem koketten Fraiienzinuner systematisch betrogen und läßt sich in seiner grenzenlosen Gutmütig- ieit schließlich doch einreden, daß sie ihm treu sei. Eine„tragische Poffe" nennt der Dichter sein Stück und nimmt damit den Mmid etwas voll. Der erste Akt ist entsetzlich langweilig und der zweite ist allzu kraß und theatralisch, um befriedigen zn können. Von den Darstellern niüffen Hofmeister, Thurner, Jwald und W e i n a u genannt werden.— E. S, Kunst. — Von deni Mei st er werke Wilhelm Leibis in der Nationalgalerie„ Z>v e i D a ch a u e r i n n e n" erzählt O. v. Leitgeb in der„Kunst für Alle" eine charakteristische Erinnerung aus dem Leben des früh Verstorbenen:... Alles kam unverkauft zurück und hing wieder bei dem Miinchener Kunsthändler. Auch die„Zivei Dachauerinnen" konnte er nicht an den Mann bringen! Ich fragte ihn einmal:„Was haben Sie für dieses Bild schließlich bekommen?' Cr lächelte und entgegnete einfach:„Nichts I"— „Unmöglich? Gar nichts?"„Es'war nämlich so," erklärte Leibl.„Der Münchener Kunsthändler konnte nichts oder wenig von meinen Sachen anbringe», rechnete nach einiger Zeit mit mir in Bausch und Bogen ab und zahlte mir ein paar hundert Mark aus. Da ivaren die„Zwei Dachauerinnen" mit dabei I" Mnnkacsy sah das Bild eines Tages auf der Durchreise in München und erkannte seinen Wert natürlich sofort. Auf seine Frage meinte der Kunsthändler, er wolle es ihm gern gegen ein eigenes teilweise überlassen. Das geschah. Und als Munkacsys Frau unlängst Bilder ihres Mannes veräußerte und die„Dachauerinnen" auch, hörte Direktor von Tschndi in Berlin davon und konnte das Meisteriverk zu einem bescheidenen Preise erwerben.— Physikalisches. — Erd ströme. D r. B. D e s s a u schreibt in der„Umschau": Senkt man an zwei verschiedenen Stellen Metallplatten in die Erde und verbindet dieselben außerhalb durch einen Draht, so beobachtet man in diesem einen elektrischen Strom, dessen Stärke von der gegen- seitigen Lage und Entfernung der beiden Platten, von der Tages- und Jahreszeil und änderen Bedingungen abhängt, der aber niemals vollständig fehlt. Ein Teil dieser Ströme kann in einer elektrischen Verschiedenheit der beiden Platten. die in diesem Falle mit dem zwischen ihnen befind« lichen Erdreich eine richtige galvanische Batterie bilden. seine Ursache haben; der größere Teil aber, der eigentliche Erdstrom. kann nur davon herrühren, daß zwischen den verschiedenen Stellen der Erde thatsächlich elektrische Spaiinmigsdiffercnzen bestehen. Die ersten Beobachtungen dieser Erdströnic reichen schon mehr als 50 Jahre zurück; die systematische Untersuchung derselben und ihrer Beziehungen zu den Variationen des Erdmagnetismus ist aber Ivesentlich dem Berliner Elektrotechnischen Verein zn verdanken, der zn diesem Zwecke im Jahre 1881 ein Komitee konstituierte, das seine Arbeiten mit Unterstützung des Reichs- Postamts und der Berliner Akademie bis zum Jahre 1887 fortsetzte. Die Ergebnisse liegen erst jetzt gesammelt vor; den interessantesten Teil derselben bildet der Nachtveis, daß die kleinen Bewegungen, Ivelche eine frei aufgehängte Magnetnadel mehr oder minder regelmäßig im Laufe des Tags und des Jahrs voll- führt, durchgängig den Variationen der Erdströme ent- sprechen oder mit andren Worten, daß bcstinunte Aendc- rungcn in der Stärke und dem Verlaufe des Erd- stromeS fast immer auch von ganz bestimmten Bewegungen der Magnetnadel begleitet sind. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen beiden Erscheinungen läßt sich daher kaum abweisen; die regel- mäßigen Bewegungen der Magnetuadel gehören somit aller Wahr» scheinlichkcit nach gar nicht dem Erdmagnetismus selbst an, sondern sind durch die Erdströme bedingt; wen» die Ursache dieser Erd- ströme— die nicht selten den Telegrnphcnverkehr in unliebsamer Weise störe»— aufgedeckt sein wird, so sind damit auch die geheimnisvollen Variationen des Erdmagnetismus erklärt.— Humoristisches. — Raffinierte Probe. A(im Wirtshaus):„... Warum trinkst Dn denn nicht noch ein Glas?" B:„Ach, ich träne mich nicht I Ich muß immer, wenn ich heinikomm'— zur Probe, ob ich nicht zn viel getnmken— eine Nadel einfädeln!"— — Ein Z e i t k i n d. Hans(der eben von seinem ersten Schulbesuch nach Hause kommt):„Papa, wem» Dir ctlvas nicht ver- ständlich ist, so frag' nur mich!"— Notizen. — Das„Journal des S a v a n t§", eine altberühmte Gelchrtcn-Zcitschrift Frankreichs, hat nach 23Sjährigem Bestehen ihr Erscheinen e i n g c st e l l t, nachdem die 25 000 Fr. betragende jährliche RegierimgSsubvention gestrichen Ivorden ist.— — Die Leitung der deutschen B n h n c n g c n o s s c n- s ch a s t wird, nach Uebcrstedelimg RissenS nach Wieiß Dr. Pohl vom Schauspielhause übernehmen.— — Maurice D o n n a y S Schauspiel„Es Dorren 1' wird im Lessing-Theater in der nächsten Saison unter dem Titel„D e r G i e ß b a ch" zur Auffühnmg gelangen.— —„O st e r n", S t r i n d b e r g S nencS Drama, wirb in Frankfurt a. M. in nächster Zeit in Sccnc gehen.— —„A n s' ii H e r z e n heraus", ein Volksstück von Franz v. S ch v n t h a n und V. C h i a v a c e i, kommt demnächst im Wiener R a i in n n d- T h e a t e r mit Girardi zur Erstmifführung.— —„Der Jahrmarkt des LebenS", T h a ck e r a h S bc- kannler Roman, wird in einer Dramatisierung im Londoner Prince of Walcs-Thcoter im Herbst zur Aufsührung gebracht.— — Anton Siftermans giebt am 23. Februar im Saal Bcchstein einen Liederabend ausschließlich mit Kompositionen von Richard Strauß.— — Das nächste Konzert deS Berliner Lehrer- Gesangvereins unter Leitung von Prof. Felix Schmidt und unter Mitwirkung vo» Frau Strauß- de Ah na wird am Doimeistag, den 28. d. Mts., in der Philharmonie gegeben tverden.— — Eine internationale Ausstellung von Musik- i u st r u in e n t e n wird vom Juni bis zum September d. I. in A m st e r d a m stattfinden.— — Bruno n n d Paul Cass i rc r eröffnen am Mittwoch- nachmittag eine A u S st e l l u n g von Zeichnungen Th. Th. H e i n e s und von Landschaften Paul Baums.— —„Die K u n st im Leben d e S KindeS" ist der Name einer Ausstellung, die in diesem März im Gebäude der„Seccssion" stattfinden soll. Die Aussiellung wird drei Abteilungen mnfasscn: „Künstlerischer Wandschmuck für Schule und Haus",„Bilderbücher" und„Das Kind als Künstler".— c. Ein Belasquez„Prinz Balthasar Carlos und sein Zwerg" ans der Sammlung des Grafen von Cärlisle ist für 82 000 M. vom Museum der Künste in Boston angekmist Ivorden.— Berat»«örtlicher Ncdactenr: Wilhelm Schröder in Wilmersdorf. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.