Ilnterhaltungsblatt des Worwäris Nr. 39. Sonntag, den 24. Februar. 1901 lNlllbdruit verbolen.) Dcv Msptl vom HoUovbvÄu. LSZ Roman von R. Von S e y d l i tz. Agathe starrte auch träumend hinab. Sie erkannte sie tvohl, die alte Steinbank da unten', sie suhlte es wann und wirr herausklingen, wie verwehte Spuren jener alten Gesänge, jener geflüfterten Worte da unten. Aber dann schauderte sie zusammen— denn danach, wenn sie weiter dachte, danach kam jener Plötzlich erfaßte Entschluß, ihr„Glück" zu machen. I hr Glück!? O, sie hätte bitter aufschluchzen mögen! Wie so ruhig, ehrlich und gerecht,— wie so anders war seitdem Wohl sein Leben verlaufen! Und sie? Nun, sie hatte Wohl schwer bereut. Begraben wie in jene finsteren Schatten da unten lag ihr ganzes Leben seitdem. Vom ersten Tage an hatte sie den Mann mißachten müssen, dem sie gefolgt war. Sie hatte ihn Jahre lang zu erhalten vermocht, bis er endlich dahin gesunken war, wohin sein Wesen ihn führen mußte, ins Zuchthaus. Er war tot, mehr als tot für sie. Aber diese Freiheit war ihr zur Onal I Denn sorgsam hatte sie das traurige Ende des Manns vor aller Welt ge heim gehalten, um der Schmach zu entgehen, die er ihr, Gott sei dank in einem fernen Land, bereitet. Und nun?-- Neben ihr der, dem ihr Herz gehört hatte, so lange sie ihn gesehen! Neben ihr, dicht neben ihr! Und da unten im Finstern die Bank l Wie finster cS da auch war,— wie war daS doch der hellste, sonnigste Fleck in ihrem Leben I Die Bank l Beide sahen hinab in den Winkel; und plötzlich, als wüßten sie's von einander, als hätte es eines, als hätten beide es gesagt— wandten sie sich einander zu. „Ötelt? Da unten die Bank? l" sagte er lächelnd, ,nit leisem Ton. Sie seufzte heftig auf.— warf noch einen Blick hinab— und wandte dann ihren Kopf ab. Aber da kamen seine Hände und suchten die ihren. „Agerl", raunte er leise,— so wie er sie ehedem ge- nannt. llnd da lvar's ihr zuviel, sie vergaß, daß ihre beiden schwarzen Gestalten sich gegen den verglühenden Abendhimmcl abhoben, sie vergaß Jahre, Zeit und alles-- Sie lehnte sich an ihn nnd brach in ungebändigtes, lautes, klagendes Schliuhzcn aus. Und er griff sie mit festem Arm«nd hielt sie stark und ernst iit seinen Händen. Er hielt sie und er wollte sie halten I Keine Macht der Welt konnte ihm das geliebte Herz vom Busen reißen l„Und wenn der Himmel einbricht, Dich halte ich. Dich hege ich. Dich liebe ich, Du mein Herz, Dn mein Weib l" — Gesagt hatte er das nicht. Aber seine mächtige Empfindung strömte auf sie über und sie verstand ihn wohl: Sie wußte jetzt, daß ihr endlich die Sonne des Glücks auf- ging, sie sank ihm noch haltloser an die Brust: sie ging unter in der endlichen Erlösung, sie hatte nun ihre Heimat ge- fundcn. llnd beide blieben lange so, fest nnd wie auf ewig aneinander geschmiegt, llnd über sie her brauste der Wind stärker und kälter, und tiefere Nacht sank über sie herab. Endlich schauerte sie zusammen in der Kühlung, und er raffte sich auf:„Komm!" „Ja, es wird spät— o Gott und die Leut!" Mit einem Male durchfuhr sie der Gedanke an die Gesell- schaft, aus der sie sich— vor wie viel Zeit wohl schon!— sortgemacht.— llnd so schnell es die Dunkelheit erlaubte, fanden sie ihren Rückweg— über die Gerstenböden, die eisernen Treppen hinab, er voran, sie mit einer Hand auf seiner Schulter, Stufe für Stufe in der Finsternis hinab- tastend. Endlich waren sie im Hof und traten ins Vorderhaus. Dort an der Treppe zu den Wohnungen, zanderten sie noch einmal in Verwirrung. Aber er griff wieder ihre Hand nnd sagte ermntigcud: »Komm nur!" Sie bebte vor der Rückkehr in die Gesellschaft. Aber er hatte den Fuß schon auf der Treppe und nickte ihr Mut zu. Da ging sie auch mit ihm.— Oben gab's, beim Eintritt, ein sonderbares Schweigen. Die beiden merkten, daß ihr langes Ausbleiben besprochen war. Frau Roßberger setzte aber den Wein und eine Torte mif den Tisch und begann durch gemütliches Geschwätz den Vorfall vergessen zu machen. Anders ihr Mann. Er war schon geärgert, daß der Tarock hatte ruhen müssen(denn der Assistent hockte im Winkel mit der Seinigen und war nicht an den Spieltisch zu bewegen gewesen), und noch mehr beunruhigt durch das lange AuS- bleiben mit der Frau Haas. „Einfach, eine Intrigantin. Obacht geben, daß Hegebart ihr nicht inS Netz geht." Das mit Vivi Ebelein muß be- schleunigt werde»." So dachte Roßberger. Es war seltsam, der Nachfolger Ringelmanns im Comptoir war auch der Nachfolger in den Sorgen um den Kastl. Dieser Kastl, er verführte geradezu zum„Bemuttern"; wer's mit ihni gut meinte, wurde unwillkürlich zum sorgenden Schutz- geist I Ein wunderlicher Rest kindlich- naiver Hilflosigkeit steckte in dem starken, großem arbeitsamen Menschen. Man konnte nicht anders, man mußte ihni helfen! Die Gesellschaft brach zu später Stunde auf. und Agathe Ivar unter den erstell, die verschwanden, so daß Kastl sich kauni recht verabschieden konnte. Dann ging er noch ein wemg im Sudhaus nachsehen und dann zur Ruhe. Aber die Ruhe kam nicht zu ihm. Ain nächsten Morgen gleich machte Roßberger sich seinen Plan zurecht. Es war ganz einfach: zuerst mußte er seine Frau gehörig über die unstatthafte Konnivenz aufklären, dann war zu verfilchen, ob Frau HaaS nicht aus der Stadt zu bringen ivar— ohne daß sie es merkte, daß man sie schob,— dann mußte Direktor Haslinger ernstlich für den Plan der Heirat mit Vivi Ebelcin erwärmt werden, und dieser mußte— oder seine Frau sollte bei Mutter Ebclein daö Terrain sondieren. Denn so ging's nicht weiter! Schon am Abend hatte Frau Roßberger nach dem Weg- gang der Gäste über diese. mit ihrem Manne allerlei ge- sprachen und dabei auch Agathe,„das herzige Frauerl, so interessant!" erwähnt. Roßberger hätte da gleich angreifen sollen. Aber er wußte aus Erfahrung, daß daS Gespräch bis in die Nacht gedauert hätte, und er liebte zu bestinimter Stunde die Nachtruhe. Gleich am Morgen kam er auch nicht dazu, und so ließ er's bis nach Tisch. Während er noch am letzten Bissen kaute, griff er denn auch ohne Zögern an. „Du, Frau, das vom Hegebart gestern hat mir gar wenig gefallen." „Was denn?" machte sie,— und wußte doch genau, Iva? gemeint sei. Immer überlassen Frauen die Feststellung des Streitpunkts den andren, den Männern also. „Na, was wcrd' ich meinen?— Treibt sich mit dieser Frau da eine Stlind' lang in der ganzen Brauerei herum und laßt uns sitzen. Hätt'st ihn auch nicht grad animieren müssen." „Ja, um Gottswillcn, was is denn nacher? Wenn die Frail die Brauerei seh'n will—" „Is scho recht. Seh'n»villi— Kennt's besser lvie Du. Is ja Spülmagd gctvesen drunt in der Wirtschaft." „So,»venu s' Der net recht is, die Spülmagd, zu »vas Haft denn nachher zng'lasscn, daß i d' Spülinagd ein- lad?" „War auch net grad nötig.— Hab's aber net tvissen köilnen, daß sie sich so benehmen»vird. Aber lassen»vir das Frauenzimmer. Mir is's nur um'n Bräumeister." „Was fürcht'st denn für den?" fragte sie lachend.„Meinst, er heira't sie? Du red'st alleweil, als»venu er Dei' Sohn war, oder als»venn D' selber a Tochter hätt'st, die er heiraten sollt'." „Hab' auch eine für ihn, wernr's auch net grad mei' eigne Tochter is." Jetzt riß sie die Augen auf! Ihr Mann gab sich auf einmal mit Plänen ab, wie es sonst nur Weiberbrauch ist.— Sie fragte hastig, interessiert und dringend. Aber ihm fiel's nicht weiter ein, ohne weiteres die Karken zu zeigen.„Gelt, das möchst' wissen?— Ja, Schnecken. Erscht versprich mer, das D' mit mir haltst, und'm Hegebart die Frau Haas der- leid'st, nachher— sag i Der's— vielleicht!" setzte er schlau hinzu. Aber das war nicht in ihrer Art. Dazu war sie ein zu romantisch empfindendes Weib! Sie hatte die ganze Nacht von dem Liebesglück der zwei phantasiert, denn Glück hatte sie gestiftet, und worüber sie wie ein Engel die segnende Hand halten wollte. Die armen zwei Herzen so hintergehen — nein! Teuflische Bosheit gegen unschuldige, romantisch ver- liebte Leute?— Nein I „Außerdem", schloß sie einen beredten Erguß, so sag's ihm doch selber, dem Bräumeister!" „Freilich, daß er erst recht dickköpfig wird I" entgegnete Noßberger lachend.„Meinst, ich kenn den net; und so san's alle." Das gab die Frau zu.— für sie und ihr„roman- tischcs" Interesse an der Sache war das ja geradezu eine Hoffnung. „Nein, vor allem, der Hegebart selber darf nix wissen von dem, was ich will!" ries Roßberger, ausstehend und nach der Cigarre greifend. Aber da sie gerade antivorten wollte, schellte es an der Gangthür, und die Magd öffnete die Thür des Zimmers;— niemand andrer trat herein, als Hegebart selber. Und was das Erstaunliche war, er hatte seine besten schwarzen Sachen an und war zum Ausgehen gerüstet. Noßberger sah ihn mit einem bedauernden Blick an, denn er ahnte instinktiv, wohin der Bräumeister wollte; sah ihn an, erividerte kaum„Grüß Gott", und kratzte sich mit langem Zeigefinger seitwärts am Halse. Bei all seinen Plänen, die er seit gestern geschmiedet, hatte er eins ausgelassen,— weiß nicht, ob vergessen,— nämlich die Aktion gegen Kastl selbst. Und nun kam der herein- geschneit, wo er ihn gar nicht brauchen konnte.— Das konnte gut werden I „'ß Gott, Frau Noßberger." grüßte Kastl,„'ß Gott, Roß- berger. Wann's recht war, i bin bereit; weil S' ja doch ans- wärts zu thun ham, wie S' g'sagt ham... Vielleicht gang i a Stückl mit.... vielleicht daß nur'n gleichen Weg hätt'n?" — Jetzt, das fängt gut an, dachte der Verwalter. Holla, da heißt's flott sein; die beiden sind weiter als ich dachte.— „Ja, wo wollt's denn hin?" „Na ja," sagte die Frau, innerlich im höchsten Triumph, „g'sagt Hab i gestern, daß i na'm Essen fort muß. Weißt, i muß bei die Stanglhubcrischen nachschann, was die Zwillinge machen; und das muß der Herr Bräumeister g'hört ham,— net?" wandte sie sich an diesen. Hegebart bestätigte lebhast, seine anfängliche Beklommen- hcit wich. Die Frau war ihm sicher, das sah er. Weiß Gott woraus, hatte er aber ebenso schnell weg, daß der Mann ihm widerstreben würde. Ein paar Worte fielen so hin und her, und Frau Roß- berger ging, sich anzukleiden. Die beiden Männer setzten sich. Noßberger holte einen Enzian; und Cigarren. (Fortsetzung folgt.) Sottttkngsplnutievoi. Wenn die Götter un? gnädig sind, wird Berlin in Bälde endlich wieder einmal Gelegenheit zur QnNwicklnng höherer und höchster Gefühle haben: ER wird kommen I ER ist natürlich einstweilen noch nicht Waldersee, sonder» vielmehr, so lange es dauert, aus- schließlich Seine Majestät der König Edward von England, oberster Herr von, über und namentlich unter Transvaal. Da seit Menschen- gedenken lein König von England in Berlin gewesen ist. schon deshalb nicht, weil es keinen gab, so wird daS erlauchte Vorkommnis mit besonderem Aufwand von Geld, Fahnen, Glühlampen und Be« gcisterung gefeiert werden. Obwohl es nun noch nicht ganz sicher ist. ob EN kommt— die schwarzen und die weiße» Lose ruhen vorläufig noch im Schöße der Weltlage— so hat sich doch der Berliner Magistrat vorsorglich auf alle Fälle eingerichtet, eine Ebentualvorlage ausgearbeitet und sie der Stadtverordneten- Versammlung zur Eventualannahme unter- breitet. Der Magistratsentwurf fordert: t. 100 000 M. für Ausschmückung und Illumination der Stadt. L. L0 000 M. für Veranstaltung von Galavorstellungen— bei aufgehobener Eensnr— im Apollo-Theater, Wintergarie». Budapcster Possen- und Restdenz-Theater. 3. 14 005 M. für Herstellung und Verteilung einer Festschrift über das Lebe» König Edwards an die Schülerinnen höherer Töchter- schulen, Penfwnate zc. 4. 50 000 M. zur Anwerbung begeisterter Hochrufer. 5. lluter dem Namen König Edivard- Stiftung soll eine llnter- stützungskasse für unverschuldet in Not geratene gekrönte Häupter gegründet werden. Die Stadt soll hierfür 3000 M. hergeben. In der am letzten Donnerstag der vffeutlichcu Sitzung folgenden Gcheiiiisitzung der Berliner Stadtverordneten wurde bereits über den Magistratsautrag beraten und Beschluß gefaßt. Die Sitzung nahm den folgenden Verlauf: »» » Oberbürgenneister Kirschner: Meine Herren! Die Vorlage, die wir Ihnen unterbreiten, bedarf keiner Begründung.(Sehr richtig?) sie empfiehlt sich durch sich selber. Bemerken will ich nur, daß sie unter der Voransietzlulg gemachi worden ist, daß wir die Ehre haben werden, Se. Majestät de» König Edivard von England in untrer Mitte begrüßen zu können. Sollte uns der Schmerz bereitet werden, daß Sc. Majestät nicht kommt, so wird die Vorlage ungültig. Was die Kosten anlangt, so haben wir uns auf das bescheidenste Maß beschränkt. Ganz genaue Anfstcllmigen konnten in der Eile der Zeit nicht gemacht werden; sollte» sich' also Etntsüberschreitungen als notwendig herausstellen, so werden wir mit Rachfordcrnngcn kommen. (Aha l bei den Socialdemvkratcn. Stadlv. Monnnsen ruft dreimal laut: Bravo I Große Heiterkeit.) Jn> eiiizelnen wäre noch erläuternd hinzuzufügen, daß die Aufhebung der Ceusur für die von uns geplanten Festvorstellungen deshalb als geboten erscheint, weil König Edtvard, als Herrscher eines freien Bolls, eine freie Sprache liebt. (Lebhafte� Zustimmimg.) Meine Herren! Wir wurden uns vor uns selbst schämen müssen, wenn an solchem Tage nicbt der Komiker Reutter schmunzeln kann wie er will; wir müssen also für diese» Tag sozusagen völlw Wadcnfrcihcit proklamieren. (Stürmische Zustimmung.) Das sind!vir uns als Männer schuldig! (Bravo!) Ich kann Ihnen die erfreuliche Mitteilung machen, daß unsre Anregung diesmal bei dem Herrn Polizeipräsidenten auf volles Verständnis gestoßen ist. Ferner hat der Herr Polizeipräsident auch zugesagt, daß an dem Tage die Polizeistunde für Ballsäle und ähn- liche Lokale aufgehoben ivird. M. H., das sind wir dem großen Herrscher eines mächtigen, befreundeten Volks unbedingt schuldig. (Bravo!) Erivähiien will ich noch, daß es uns mit vieler Mühe gelungen ist, die fünf Geschwister Barrison(Hört! hört!) zu gewinnen, damit sie nnsrem hohen Gast am Brandenburger Thor Blumen mit einer poetischen Ansprache überreichen.(Gr. Beifall.) M. H., als Landsmänninnen sind die Damen dazu ganz besonders besähigt. (Sehr richtig Ij Meine Herren! Es handelt sich nicht um eine höfische, byzantinische Kundgebung.(Bravo!) Wir wollen vielmehr »nsrer ManneSpflicht und einem aus dem Innersten des Volks- gemüts stammenden patriotischen Bedürfnis frei und unabhängig nach oben wie nach niitcn genügen. Das englische Volk ist uns stanün- verwandt.(Sehr richtig! Ruf: Boeren!> Man ruft mir Boeren entgegen. Ja, auch die Boeren sind uns stammverwandt, aber durch die größere geographische Entfernung ist doch dieses Gefühl der Zugehörigkeit ein wenig verdünnt.(Bravo!) Es ist nicht nur die innige Freundschaft, die uns mit dem englischen Volk verbindet, es gilt auch Sc. Majestät den König Edward zu ehren. M. H. König Edward gehört unbestritten zu den sympathisch- ten Erscheinungen auf Throne». Seit seiner kurzen Negierungszeit hat sich bereits, ivie allgemein anerkannt wird, der Wohlstand, die Sittlichkeit, die Kunst und die Wissenschaft Englands bedeutend ge« hoben. Indem wir den König Edward Ivürdig aufnehmen, dienen wir dem Wellfriede», der Kultur, der Menschheit und nicht zum weiugstcn den idealen und materiellen Jntcresic» Berlins. Nehmen Sie unsre Vorlage möglichst cinstiuimig an.(Stürmischer Beifall.) S t a d t h a g e n: Wir erheben den entschiedensten Protest da« gegen, daß schon wieder aus den Steuergroschen des Volks Mittel für höfische Demonstrationen veranstaltet werde».(Unruhe.) Ich behaupte gegenüber dem Oberbürgenneister, daß die großen Er« folge und Fortschritte, die das englische Boll seit 500 Jahren errungen hat, nicht durch den König Edivard herbeigeführt sind.(Unruhe, Wider- spruch.' Rufe: Unerhört!) Stadtverordneten-Vorsteher Dr. Langerhans: Ich bitte den Redner, sich zu mäßigen. Stadthagen(fortfahrend): Zum Beweise will ich Ihnen aus dem Leben Edwards VII. folgende Thatsachen vortragen(Un- geheurer Lärm, in dem die weiteren Ausführungen des NcdnerS unverständlich bleiben.)... Meine Herren, ich habe Ihnen also be- wiesen(Rufe: Schluß, Schluß!), daß, wenn Edward VII. etwa? gnteS gethan haben sollte, dies nur darin bestanden haben kann, was er unterlassen hat. Er hat aber nichts, gar nichts unterlassen. (Sehr gut? bei den Socialdemokraten. Heftiger Widerspruch bei den übrigen.) Heute wollen Sie die Stenermittel des Volks(Unruhe) für derartige byzantinische... Stadtverordneten-Vorsteher Dr. LangerhanS: Ich bitte den Redner, keine Fremdwörter zu gebrauchen. Das ist, so viel ich lvciß, in der socialdeinokratischen Presse allgemeine Vorschrift.(Heilerkeit.) Stadthagen(fortfahrend): für derartige unqualifizierte.. Stadtverordneten-Vorsteher La n�g erhans: Das ist wieder ein Fremdwort. Stadthagen: für derartige Demonstrationen... Sladlvervrdiieteii-Vorstcher L a» g e r h a» s: Ich ersuche den Ncdncr, dafür Kuudgcblingc» sage» zu wollen. Stadthagr»(sorlfahreud): Heute geben Sie ungeheure Summen für solche Kundgebungen ans. Wenn aber Edward VII., als et noch Prinz von Wales war, vor 5 Jahren nach Berlin ge- kommen wäre, so hätten Sie nicht 50 000 M. für Bcschaffnng von Hochruferu, sondern für Ankauf von Pfeifen und angeftohenein Obst beanlragt.(Lebhafter Widerspruch.) Heute ist der Wind um- geschlagen und so lassen Sie auch nun einen andren Wind streichen. (Lärm. Llufe: Unverschämlbcit.) Stadtverordueten-Vorfteher Langerhans: Ich nehme an. dah sich der Redner bei dem letzten Ausdruck nichts gedacht hat. (Heiterkeit.) Stadthagen(fortfahrend)!: Bon der ganzen Vorlage habe ich höchstens gegen die Barrisons nichts einznivende», aber die sind in der Lorlage nicht enthalten. Meine Fraktion wird höchstens über den 5. Punkt mit sich reden lassen.(Ruf: Sie mausern sich I) Die Socialdemolratie tritt für alle Notleidenden ein, auch wein, sie Kronen iiiS Pfandhaus bringe» müssen. Doch entspricht die für diesen Zweck geforderte Summe nicht der hohen Aufgabe. 3000 M. sind lächerlich ivenig. Das ist ein Tropfen auf einen Heiden Edelstein. Daniit läszt sich gar nichts ausrichten. Sie können Edivard VII. nicht schlimmer beleidigen, als durch die Forderung einer so geringen Summe.(Widerspruch.) Wen» man sieht, mir welchen Vorlagen uns unser Magistrat belästigt, das säge ich auch, so'» Schlvindel, da muß man fest bleiben I" „Na, und wenn im wirklich mal einer schwindelt nnd's Geld nachher verjuxt?" Die Frau, die dem Jungen den Groschen geschenkt, sah die Schlächterfrau herausfordernd an:.Lassen Se'n doch. So'n Kind ivill auch mal sein Vergnügen haben. Schlimm genug, daß'S erst schwindeln muß, um sich'S zu verschaffen I" »DaS woll'n Sc noch cnlschuldigen?" schrie die Schlächterfrau. .Wenn ihre Eltern ihnen Ivas gebe» können, werden die JmigenS, schon keine Faxen machen." Die alte Frau ließ sich nicht beirren. „Und ich gebe jedem waS. und wenn sc's Geld veramüsieren, schad'S auch nicht«, denn Hab' ich mal'n arm' Kind'»Vergnügen verschafft dcim freut'S mir doppelt" „RmiSschnleiben»mi{; mnn fe!" schrie die Schiiidrtccfiau,. die c>a>ize faule Bande rtiusschmeiszen. Soll'n sc doch zu Haus t'lciveu. wen» sc kee» Jeld haben. Wal brauchen de Bäljer auf de Eisbahn? Weil die auf Eisbahn ivolTiv iiberloofen se uns mit ihr Scheuer- rohr. Wichse müssen se kriegen!" ,.Ja. Ihre Jöhre hat natürlich'n Abonnemang auf de Eisbahn, die handelt»ich mit Schenerrohr— sagte die alte Frau, dann l>acfte sie ihre Sachen ein und ging.— Volkskunde.' >— Die Verehrung derMeteoriten. Wenige Natur- gegenstände sind seitens der menschlichen Rasse allgemeiner verehrt worden als die Meteoriten. Dafc wilde Volker dies thun, scheint begreiflich, wenn man die außerordentlichen Erscheinungen des blendenden Lichts und des heftigen Getöses in Betracht zieht, die getvöhnlich mit dem Fall eines Meteoriten verbunden sind. Wenn inan aber findet, daß die Griechen und Römer den Meteoriten eine ähnliche Verehrung zollten und daß eine solche tvahrscheinlich einen Teil des islamitischen Gottesdienstes der Gegenwart auSnracht. so muß man annehmen. daß diese Körper einen tieferen Ein- druck auf die Menschheit auszuüben im stände sind als andre Dinge. Professor H. A. Newton hat die Fülle der bln- betung von Meteoriten bei den Völkern des Altertums sorgfältig ge- sammelt,»md kurz nach seinem Tode sind seine Studien im „American Journal of Science" veröffentlicht Ivordcn. Zu diesen Fällen giebt Oliver C. Farrington im„Journal of American Folklore" eine bemerkenswerte Ergänzung. Er erwähnt zunächst einen Stein, dessen Anbetung von älteren Zeiten her bis auf die Gegenwart fortdauert, dies ist der Meteorit der 5laaba von Mekka. Schon griechische Schriftsteller berichten, daß dieser Stein von arabischen Stämmen verehrt ivurde, und diese Verehrung eine so eingctvnrzelte war, daß Mohammed, als er Mekka einnahm und die 360 Götzenbilder zerstörte, den Meteoriten nicht zu zerstören wagte. Er grüßte den Stein vielmehr mit seinem Stabe, machte de» sieben- maligen Umgang und küßte den Stein. Nach dieser Snnktiovicrung des Steins' seitens ihres Propheten wird seither demselben von allen Mohammedanern die größte Verehrung erwiesen. Wenn auch eine direkte Untersuchung des SteinS bisher nicht möglich ge- tvrscn ist, so Iveisen doch die Beschreibungen mit großer Sicherheit darauf hin. daß dieser Stein ein Meteorit ist. Auch die Sage läßt ihn vom Himmel herabfalle». Auch die Venu? von PaphoS auf Cypern, die als ein roher dreieckiger Stein beschrieben wird, die Statue der Ceres, das früheste Bildnis der Pallas zu Athen, der Stein zu Delphi, den PansaniäS beschreibt, die Nadel der Cybele, die als Bildnis der Chbele jahrhundertelang verehrt ivurde. sind Meteoriten gewesen. Fälle von Meteorsteinen wurden von vielen römischen Kaisen, durch Prägung von Münzen ausgezeichnet, ein Beiveis, daß man einem solchen Ereignis eine ominöse Bedeutung beilegte. Auch aus neuerer Zeit führt Farrington Beispiele au? Indien und Java gu, Ivo Meteoriten gefallen sind, die in dem betreffenden Gebiet verehrt ivurde». Bei Krasnojarsk in Sibirien sah Pallas im Jahre 1771 einen Meteoriten von löOO Pfund Gewicht, den die Tataren als ein heiliges, vom Himmel gefallenes Ding ansahen. Als am 16. November 1492 ein 300 Pfund schweres Meteor bei Ensisheim im Elsaß niederging, ließ Kaiser Maximilian dasselbe in sein benachbartes Schloß bringen und berief eine Versammlung, die beriet, welche Nachricht vom Himmel der Fall des Steins wohl gebracht habe. Am 6. März 1863 fiel ein etwa 1 Pfund schwerer Meteorit in Dnruma(Ostafrika) nieder, den die Manilas bald als Gott verehrten. Auch aus der neuen Welt führt Farrington sieben Fälle von Verehrung von Meteoriten an. I» vielen Fällen wurde» Meteoriten nicht gerade verehrt, aber es knüpften sich allerlei Sagen an dieselben. Ein solcher Meteorit findet sich in Ellbogen in Böhmen! der Sage nach ist er ein verzauberter Burggraf.— Immer scheint die Verehrung eines Meteoriten oder die Verknüpfung einer Sage init demselben davon abhängig zu sein, ob man den Fall beobachtet hat oder nicht. Au? Amerika berichtet Farrington von einer Reihe von Fällen, Ivo das Meteorcisen als Amboß. Geivichte zc. benutzt wurden, ohne daß man irgend ivelche andre Ideen damit verknüpfte; solche Steine waren gefunden worden, ohne daß man ihren komischen Ursprung erkannte.— („GlobuS".) Ans dem Tierleben. — Lebensdauer der Schnecken und Muscheln. D r. 9t e h schreibt in der„Umschau": Ueber die Lebensdauer dieser Tiere ist nur sehr wenig bekannt. Die Nacktschneckcn, zu denen unsre kleine graue Keller- und die große rote, braune oder schivarze Weg- schnecke gehören, scheinen nur 1— l'/e Jahre alt jju werden; sie ent- Wickel» sich im ersten Jahre sehr schnell, überwintern, erreichen im zweiten Sommer ihre volle Größe und sterben im Herbste ab. Die heimischen Vitrinen.sGlasschnccken.ivegen ihrer durchscheinenden Gehäuse) werden nur 1 Jahr all und sterben im 2. Jahre nach der vollendeten Fortpflanzung. Die gewöhnlichen Schuirkelschnecken werden 2—3 Jahre alt, die große WeinbergSschuccke, die die bekannte katholische Fastenspcise liefert, 6—8. Die Wasserschneckcn haben vielleicht eine etwas größere Lebensdauer. DieSchlamm- und die Tellcrschnccken sterben meist im 3. Lebensjahre und erreichen nur selten das vierte. Die Fluß- schivimmschuecke wird über 5 Jahre alt, die Sumpfschnecke 8—10. Am ältesten werden aber die größeren Muscheln, deren Schalen „Jahresringe" bilden, indem jedes. Jahr ein»eueS Stück angesetzt wird. Die dünnschaligen Teichnnischeln werden durchschnittlich zehn bis elf Jahre alt; auch 18 jährige Tiere sind nicht selten. Von den beiden größten Arten dieser Gattung hat man unter besonder? günstigen Verhältnissen Exemplare von 20 bis 30 Jahresringen gefnndcn.— Aus dem Pflanzenlebe». IK. B a u m t r a ch t e n i m Winter. Der Wald im Winter- kleide wird getvöhnlich nur als Landschaftsbild geschätzt; teils von denen, die ihn so im Bilde kennen, teils von solchen, die der rauhe Frost nicht abschreckt, das verschneite Original an Ort und Stelle kennen zu lernen. Man kann dem Walde im Winter auch einige Kenntnisse abgewinnen. indem mnn sich bemüht, die verschiedenen Baumarten trotz des fehlenden Laubes zu erkennen. Bei der Buche und bei der Birke hat die? die geringstcn Schwierigkeiten; die ersten wird durch ihre glatte graue Rinde und die letztere durch ihre rissige weiße Rinde schon aus der Entfernung kenntlich. Ausgezeicknet ist ist die Birke auch durch die knSkadeuartig herabhängenden dünnen Zweige, an deren Enden schon jetzt die kleinen Kätzcken hängen, die im Frühjahr ihre Entwickluug finden sollen. In der Glattheit der Rinde kommen die jungen Eschcnbänme den Buchen nahe; während letztere aber lange spitze Knospen haben, sind die Knospen der Esche auffallend dick und schwarz, so daß eine Verwechselung auS- geschlossen ist. llnsre Eichen erkennen wir außer an dem iveniger graziösen als bekauuteriveise„knorrigen" Wuchs auch an den verdorrten Blättern, die unsre Hauptart sehr lange an den Zweigen sitzen läßt, ehe sie abgeworfen werden. Diese Erscheinung ist eine Reminiscenz an die südlichen immergrünen Eichen- arten, die das Abwerfen dcS Laubs in einer bestimmten Jahreszeit nicht durchmachen. Vielleicht hat auch vor alten Zeiten unsre Eiche zu den immergrünen Arten gehört, und noch immer sucht sie krampfhaft ihre schon verdorrten Blätter sestzuhalten! Rundliche Knospen und der regelmäßige eiförmig-kegelige Wuchs der Krone verraten unsre Linde, die, wo sie freisteht, in der Regel- niäßigkeit der.Krone so ziemlich daS Gegenstück zur Eiche bildet. Bei andren Baumen rmd Sträuchern»Mssen>vir die Knospen in erster Linie betrachte», wenn ivir erkennen wollen, mit welcher Pflanze wir es zu thun haben. Sehr auffällig sind in dieser Be- zichuug die Knospen der an Gräben häufigen Erle, die gegen die Spitze zu wie eine Keule verdickt sind und keine einzelnen Schuppen, sondern nur eine einzige schlauchartigc Hülle zeigen. Auch bei den Weiden fehlt die äußere schuppige Form,' die schlauchige Hülle wird aber hier gegen die Spitze dünner. Rote Aeste pflegt die Purpiirweide zu habe», während sich die 5korbwcide durch dottergelbe Zweige auszeichnet. Die meisten andren Arten sind im Winterllcide nicht immer auseinanderzuhalten und auch im be- blätterten Zustande gehören die Weiden zu den schwierigsten Gruppen des Pflanzenreichs.— Von den Nadelhölzern ivirft nur die Lärche im Winter die Nadeln ab. dennoch bleibt sie sehr leicht kenntlich, nicht zuletzt durch die masscuhaft den Boden bedeckenden Nadeln. Bei den Fichten, Kiefer» rmd Wachholbern besteht in der Tracht gegen den Sommer kein Unterschied, nur haben die Nadeln eine dunklere Färbung; eine Erscheinung, die mit dein Winterschlaf der ganzen Pflanze in Beziehung steht. In gemischten Wälderir, Ivo. ivie bei Finkenkrug, Kiefern und Buchen durch- einander wachsen, kann man die Ilcberlegcnheit der letzteren Banmart erkennen. Breit und lang ausladend schieben sich die dünnen Aeste nach allen Seiten wagerecht dahin und suchen sich ihren Weg auch durch Kieferngebüsch hindurch. Wenn im Frühjahr die Buche sich belaubt, herrscht unter deni ganzen Bereich ihrer weitgestreckten Aeste der Waldesschatten, der dem Wanderer so angenehm ist. während er lichtbedürftigcn Pflanzen verderblich wird. Zn diesen licht- bedürftigen Pflanzen gehört auch die Kiefer, die wohl mit jedem andren Baume den Kampf siegreich besteht, der Buche aber erliegt. Es ist der Mensch, nickt die Natur, die, auf besseren Boden wenigsteilS. unsren Wäldern das Kicferngepräge aufgedrückt hat. Ohne die Ein- Mischung deS Rtenscheu würde der Buchenwald bei uns die herrschende Rolle spiele»,. Ivie ehedem.— Humoriftisches. — E i n rücksichtsvoller Führer.„Hier, meine Herr- schaften, fand der Schwur auf dem R ü t l i statt l" „Aber erlauben Sie, die Stelle ist doch zwei Stunden weiter? Sie haben sie mir ja vor zwei Jahren, als ich allein hier war, selbst gezeigt I" „Stimmt l Aber ich glaubte, eS wäre für Ihre Frau Gemahlin zu weit I"— — Mißglückter Trost.„... Run, liebe Frau, bedenken Sie doch, daß Ihr Mann auch wieder gut ist, wenn er recht heftig gegen Sie war!" „Ja. wisse' Se, Herr Parrer, de' Kopp runnerge macht und g l e i'- w i d d e r d'rufg'setzt. kann nit jedes vertrage' l— — Ländliche Anschauung. Nachtwächter: Dees iS a' Assekuranz fenerl!... Da werd' ich mit'm Blasen noch a' b i s s' l w a r t e n I"—(„Flieg. Bl.") Verantwortlicher Redactenr:«tlvelm Schröder in WUmerSdors. Druck uno Verlag von Max Bading ui Berlin.