Hlnterhaltungsblatt des Worwärks Nr. 42. Donnerstag, den 28� Februar. 1901 tNackdruck oevbotKi.) Dcv Mttpkl vom Hollevbriin. i2] Roman Von R. Von Seydlitz. (Schluß.) Dies alles sagte Kastl trotzig und energisch. Haslinger fühlte ein menschliches Rühren: er brach die Unterhaltung ab, und erklärte sich einverstanden, zu warten.— Aber drüben im Comptoir Roßbcrgers, wohin Kastl Geschäfte halber mußte, ging die Sache weiter. Roßberger hatte gar keine Lust, zu ioartcn, bis Agathe entiveder starb oder genas: er geriet mit Kastl hart aneinander, erklärte ihm rundweg, es sei seine(Kastls) Pflicht, auf eigene Faust heute noch zu Frau Ebelein zu gehen und um die Hand der Tochter zu bitten. „Vielleicht, daß s' Dir s no gibt, eh der Skandal sich 'ruinspricht. Nachher, wenn D' net hingehst und anhalst, na hast die Ehr von der Familie am Gewissen. Bedenk doch, die Ehr vom Fräulein—" „So, von der", erwiderte Kastl, aufs höchste gereizt,— „so von der; die alte, die alle Leut hab'n sitzen lassen, die jetzt noch gut genug is für'n Bräumeister, weil s ka andrer nimmt. So, d' Ehr von der alt'n Jungfer; die hat Wohl kein' Skandal g'habt dazumal mit dem Leutnant?" „Kastl I" schrie Roßberger,„so redst net von Ebeleins, so lang D' beim Hollerbräu bist,— i leid's net." „I Hab nix Nnwahrs gsagt, aber Ihr könnt ciu'n rein verrückt machn.— I dien'm Hollerbräu, aber net dene zwei Frauenzimmern, von dene will i nix wissen. I kenn s' nimmer, für mi sind s' net da." „Na, gut is: nacha könnt's leicht sein, daß s' Dir mit gleicher Münz' zahln; auch alle Rücksicht beiseit thun, und beantragen, daß das Direktorium'n andren Bräumctfter sucht I „So— o? 1" schrie Kastl bleich vor Wut,—„also weil der Sklav der Herrin net pariert, wird er ausg'schafft? I Dees könnt's leicht habn. I— wart' net lang, i geh' von selbst. Aber— dann gut' Nacht, Hollerbräu I Wann i in d' Konkurrenz geh, da schaut's nur nach'm ordentlichen Ersatz für mi. Werdt's scho g'spürn, wie viele solche da sind und zum habn sind, als wie-r-i I" Sprach's und ging uud schlug die Thür zu. Roßberger ärgerte sich, mit der Entlassung gedroht zu haben. Aber er dachte sogleich, daß Kastl sich das Wohl über- legen würde, namentlich da Agathcs Zustand ihn so sehr be- schäftigte. Eitel Zank gab's: auch hatte Roßberger ein Tänzchen mit seiner Frau. Aber ebenso wie Kastl sofort gespürt hatte. daß niemand von der Verräterei der Frau Roßberger gemerkt hatte, so merkte diese auch sofort, daß ihr Mann nichts von ihrem Thun erfahren hatte. So hatte sie es leichter und»vies seine Anschuldigungen keck zurück. Heimlich sah sie natürlich doch nach Agathe: sie besuchte sie im Krankenhause gerade, als Hegebart an ihrem Bettraud saß und in tiefster Erschütterung, aber auch innigster Freude eben von ihr die ersten herzlichen Worte gehört hatte. Agathe niachte, seit sie alles erfahren und seit er täglich bei ihr saß, die schnellsten Fortschritte in der Besserung. Ihre selig-gehobene Stimmung wirkte stärkender als alle Arznei. Und im Hotel war's gelungen, die Sache als einen Unglücksfall darzustellen: der Gast, der sie beobachtet, war morgens nach England abgereist, die Bediensteten hatten von Kastl mächtige Schweigegelder erhalten, und der Arzt war vernünftig genug, auch zu schweigen. Aber Kastl hatte noch andre Sorgen: seine Spekulationen. Damit wollte es gar nicht recht gehen. Er sah gerade in diesen Tagen ein, daß er am Letzten des Monats niit einem schweren Verlust abschließen mußte. Und in der bangeil Bedrückung, welche dieser Erkenntnis folgte, ging er in sich und erkannte, daß er weit übers Ziel hinausgeschossen sei. Die Augen offen haben für ein Geschäft, das sollte und durfte er ja. Aber dem Gewinn auf unsicheren Wegen nachlaufen, das war nicht mehr kaufmännisch im befferen Sinn. Und er schwor sich, zukünftig von solchen Dingen die Hand zu lassen. Wohl nie in seinem Leben hatte er so am Scheidewege gestanden. Noch stand er ja vor der Wegteilung. Noch konnte er wählen. Hier Vidi Ebelein, Ansehen, Reichtum und zuletzt sein altes Endziel, die Herrschaft im Braureich, die Eroberung Münchens. Dort sein armes Agathl, scheele Blicke, Verlust seiner Stellung, bescheidenes Auskommen und der Zwang, wieder anderswo anzufangen, vielleicht lebenslang zu ringen, ohne Hoffnung, jene Machtstellung je zu erreichen. Er rang hart und schwer. Einen Tag siegte Vernunft, einen andren Liebe. Denn so nüchtern und klug er im Geschäft war, so heiß war die alte frühere Leidenschaft in hellen Flammen in ihm aufgeschlagen, so daß er Mühe hatte, seine mutmaßliche Zukunft durch den betäubeuden Rauch dieser Flammen zu erkennen. Und andrerseits, so heiß er liebte, hatte er doch lange genug ohne Agathe gelebt und gearbeitet, um zu wissen, daß es auch ohne sie gehen konnte. Wirklich? Jetzt noch, nachdem sie wiedergekehrt, nachdem sie seinetwegen sich ein Leids angethan, jetzt, wo er sie täglich sah und ihre wiederkehrende Lebenskraft mit seiner ernsten treuen Liebe nährte? Wäre es nicht abgrundtiefe Schlechtigkeit, das arme ver- trauende Herz zu täuschen?— Er schämte sich vor sich selbst, beini bloßen Gedanken. Aber der Gedanke kam doch wieder. Wie, wenn sie nun nicht genesen, sondern sterben möchte; hätte er da nicht das eine Glück von sich gestoßen, um das andre zu ver- lieren? Würde Vivi ihn nach dem Tode Agathes noch an- nehmen? — Und endlich kam ein trüber Tag, wo Agathes.Kräfte nachließen und der Arzt unsicher und unklar auf seine Frage antwortete. Sie hatte hohes Fieber und schien ihn nicht zu erkennen. Da ging er durch die Anlagen des Krankenhauses heim, wo die Fülle des Frühlings prangte, und ballte in den Taschen die Hände. Er hielt den gegenwärtigen Zustand nicht aus, jede Aendenmg war willkommen. Und ohne daß er's mertte, kain ein Entschluß zu stände. Er wollte direkt zu Frau Ebelein gehen und ihr auf- richtig und ohne Verschweigen und Winkelzüge seinen Zustand schildern: schon daß er sich einmal gegen irgendwen aussprechen könnte, schien ihm eine Wohlthat.— Er wollte ihr alles sagen, wie ein Kind der Mutter. Mein Gott, die Frau mußte doch ein Einsehen haben.... Er setzte sich auf eine Bank am Sendliugerthor und ver- tiefte sich in die neue Idee.— Er würde dankbar und ver- trauend sein. Er würde ihr auch sagen, wie sehr er die Tochter schätzte und die Ehre der Verbindung erkenne. Er wüßte es ja, er sei ein armer Gütlerssohn, ohne angeschene Familie, ohne neunenslvertes Vermögen. Aber er sei zu ehrlich, er könne nicht. Sie möge nur bedenken, wenn eine, die man lauge Jahre im Herzen getragen, gerade vielleicht im Sterben liegt,— was müsse das für ein Mann sein, der da unterdeß um eine andre freit?— Und darunt. so wolle er schließen, bäte er um Bedenkzeit. Das sei freilich, er wisse es, kein Herkommen. Aber wenn sie ihn wirklich als Schwiegersohn betrachtet habe, möge sie ihm dies seltsame Verlangen erfüllen, um seiner Ehrlichkeit, um des Gedeihens der etwaigen Ehe mit Vivi willen. Uud dann.— so fiel'S ihm noch zuletzt ein, und der Gedanke schien ihm gut,— wolle er wiederkommen, anhalten, und Vivi lieben lernen. Mehr konnte die Frau nicht verlangen von ihm, wie er nun einmal war, als Aufrichtigkeit lind guten Willen! Er fühlte es voraus, das mußte sie mild stimmen uud fiir ihn gewinnen. Und er stand auf und ging schnurstracks nach Hause, um einen schwarzen Rock anzuziehen. Denn ohne solchen konnte er seinem Gefühl nach nicht zn Frau Ebelein. In der Branerei gab's einiges zn thun, er kam nicht gleich zum Umkleiden. Direktor Haslinger rief ihn auch noch ins Privatconiptoir. „Sehr ungern, lieber Bränineister, muß ich heute eine Ermahnung an Sie richten. Sie sind sonst ein Muster von Fleiß und Umsicht. Leider hat dies in letzter Zeit eine Aendcrung erfahren. Ihre Untergebenen, obwohl tüchtige Leute, merken, daß die Zügel nicht so straff sind, und gleich giebt's Unordnung. Gestern ist im Sudhans die ganze Saue' beinahe verdorben, wenn ich nicht zufällig dazugekommen wäre. Ich hörte dabei, daß Sie seit drei Tagen sich dort nicht mehr hatten sehen lassen.— Andrerseits erfuhr ich heute auf der Börse, daß Sie stark in Gerste engagiert sind und wie mir erzählt wurde, eine erstaunlich hohe Summe am Ultimo werden zahlen müssen.— Nun, lieber Hegebart, dies alles im Ver- trauen. Aber trachten Sie danach, daß das bald aufhört, und Sie wieder voll und ganz uns gehören, nicht der Speku- latipn und nicht— andren Dingen." Haslinger sprach ganz freundlich, aber er ließ doch dabei etwas die Hcrrenfaust hervorschen. Hegcbart nnmneltc etwas und empfahl sich; er kam sich vor wie ein Schulbub, der vom Lehrer abgekanzelt wird. Er, der Fünfunddrcißigjährige I Er eilte hinauf in sein Zimmer und kleidete sich um, dann ging er fort, um zu Frau Ebelein den schweren, aber notwendigen Gang zu thun. Zufällig sah Direktor Haslinger vom Fenster, wie Hege- bart zum Thor hinausging, und schüttelte betrübt den Kopf. Es hatte also nichts genutzt; nun, dann mußte man eben eine schärfere Sprache führen. Denn das ging doch nicht, der Hegebart tyrannisierte ja alles. Freilich war er eine Perle von einem Brauer. Aber, lieber Gott,— es giebt doch schließ- lich auch noch andre! Plötzlich rief er einem Comptoirdicner zu: „Gehen Sie schnell dem Bräumeister nach, ich ließ ihn fragen, ob's denn so nötig wär', daß er jetzt g'rad fortgeht." Der Bote lief und kam bald zurück:„Der Bräumeister sagt, er muß'naus zu Frau Ebelein; er ist bald wieder da. Da wurde der Direktor ganz mild. Es ging ins große Comptoir hinüber zu Roßberger:„Wissen Sie, wohin unser Hegebart eben gegangen ist.— ganz auf eigne Hand und im schwarzen Rock? Zu Frau Ebelein I— Nun fange ich wieder an, zu hoffen. Warten wir's ab." „Gott sei Dank, Herr Direktor.— Ja, wenn das noch möglich wäre, das wäre freilich schön I" „Sonst— ich hatte schon diese Tage an Ersatz gedacht. Der Bräumeister Ungcr von der Petcrsbraucrei ist zu haben, und zwar gleich." „Das wär' freilich einer, der nach unsrem Hegcbart der beste ist, soweit ich München kenne. Aber— hoffentlich—" „Ja, gewiß, hoffentlich ist's nicht nötig, Bis Abend muß es stch ja entscheiden. Schau'n wir zu, daß wir den Hegebart heut noch sehen, wenn er zurückkomnit. Bin neugierig, was er für ein Gesicht macht." Sie hofften alle drei, Haslinger, Rosberger und auch Hegebart. Aber es war keine günstige Stunde, in der sie hofften. Denn eben hatte Frau Ebelein dem Drängen ihrer Tochter nachgegeben und beschlossen, die Villa zu verkaufen, um München für immer zu verlassen, wo der Fluch der Lächerlichkeit sie bedrohte. Da kommt der Hegebart, gerade in dem Moment, wo Frau Ebclein ihn recht herzlich hassen mußte. Seine Un- schuld, Aufrichtigkeit, seine kindliche Unbefangenheit wirkten das Gegenteil von der Absicht.— Die Unterhaltung ward sehr kurz, und Frau Ebelein wies ihm entrüstet die Thür. Und so kam er heim. Jnr Zimmer setzte er sich an den Tisch und schrieb, ohne einen Moment zu zögern, seine Kündigung; wenn möglich, sei eL ihm lieber, vor der Kündigungsfrist entlassen zu werden. Ten Brief sandte er ins Comptoir, er selbst zwang sich zur Arbeit, und warf sich erst spät auss Lager. Ein wilder Trost schimmerte ihm in aller Not: er war jetzt so los- gebunden, so einsam und freudlos wie Agathe, und vielleicht auch ebenso wenig bemittelt. Er war weit in die Mittagshöhe des Lebens hinaufgcrückt und sah sich wieder heimatlos,— konnte wieder von vorn an- fangen. Nun nur eins: Agathe sollte ihm erhalten bleiben; denn stürbe sie jetzt-- das Leben, was dann noch kommen könnte, war nicht wert, gelebt zu werden I Am nächsten Morgen gab's einige Verhandlungen, aber Kastl blieb fest. Und am Abend wurde er gestagt, ob es ihm recht sei, in vierzehn Tagen sich von seinem Nachfolger, dem Unger vom Petersbräu, ablösen zu lassen. Ihm war's recht. Der erste Mai kam, und Kastl zahlte zum letztenmal seine Differenzen und glich sein Conto aus. Dann hatte er Konferenzen mit jenen Kapitalisten, und acht Tage darauf ward die Welt mit der Kunde überrascht, daß das Konsortium ein paar nebeneinander liegende Brauereien, wie Singerbräu, Thorbräu und noch eine, angekauft hatte und umbauen werde; die„Gesellschaft Brauerei Wittelsbach" trat ins Leben, und ihr Direktor war Kastulus Hegebart. Aber nicht bloß technischer Direktor; denn was er und seine nun genesene Agathe zusammenthun konnten, das wandten sie an, um Anteile der neuen Gesellschaft zu kaufen, denn es war eine glänzende Unternehmung mit mächtigem Kapital und den besten Verbindungen; und, was ja allein Gold wert war, mit dem Hegebart an der Spitze. Aber das war's noch nicht, was den Kastl jetzt im Maien- sonncnschcin so hell und munter machte: das Freisein war schön, daS Direktorfcin war wohlthuend. Aber als er die genesene Braut vom Krankenhause abholte und nach Schliersee spedierte, wo sie bei Hubers, ihren Freunden, einen vollen Monat zu ihrer Kräftigung zubringen sollte: da schien's ihm, als sei heut zum erstenmale Frühling geworden, zum ersten- male in seinem Leben. Nach den vier Wochen fuhr er hinaus zu ihr, und sie wurden getraut. Und dann machten sie eine kleine Reise mit- einander ins Gebirg, das er noch kaum kannte; und er hatte die größte Sorge um sie, er fürchtete, sie könne ihre kaum ge- heilten Glieder im rüttelnden Wagen beschädigen. Aber sie lachte ihn aus, und streckte und reckte sich auf deni Wagen, wie sie durch blühende Thäler sichren: sie war so gesund— so gesund I Sie bekam wieder Farbe in ihre Wangen; sie blühte wieder auf, in einer späten, langgehcmmten Blüte; Kastl meinte, sie werde an jedem Morgen schöner; und er hatte recht. Welch ein unbändiges Glück! *» « Sie hatten sich in einem neuen Hanse am Jsarguai eine lustige, sonnige Wohnung genommen; als sie einzogen,— es war Abend, und der Sommertag verglühte in sonnendurch- leuchtetem Staube,— da traten sie zuerst auf den Balkon und genossen die Aussicht. Und Kastl hielt sein Glück fest umfaßt und griff nach ihrer Hand. Sie lehnte den Kopf an ihn und schwieg, schauend, lauschend und träumend. Da begann er, auf die Brücke weisend, die zu ihren Füßen den rauschenden Fluß überschritt: „Schau, Agerl, da unten auf der Brücken bin i am erschien Abend gstanden, wie ich nach München kommen bin. Da hat mir d' Isar z'erscht gfalln, und i bin'r treu blieben. Darfst aber net ncidig sein.— Und da oben, drüben, ani Berg, da ist die Ludwigsbrauerei gstandn, wo i schon amal gmeint Hab, i war mei eigner Herr;'s war aber a böser Traum. Und da weiter rechts, wo die Auer Kirch her- schaut, da is der Nockhcrberg. Und no' weiter am Giesinger Turm, da is d' Mälzerei, wo i so lang g'wesen bin. Und da, rechts, schau, hinterm Jsarthor, sieht m'r genau's Dach vom Hollerbläu. Und dort weiter vorn, wo's Dach abgedeckt is, das wird unser Bräuhans,'s Wittelsbacherbräu.— So, da kannst mei ganzes Leben überschann, vom Haberselder bis zum Direktor." Agathe drückte sich fest an ihn:„Viele Jahr hat's braucht... wie wir zwei auch,— gel, Kastl; aber jetzt dürf'n m'r's nachholen..." „Arbeit war's. Viel Arbeit; und das war's beste dran — bis auf.... weißt scho' was i' mein.— Gel, Agerl?" •• ♦ Ehe das Sieden im Wittelsbacherbräu anfing, kam noch etwas neues dazu. Die beiden Gesellschaften, die vom Wittelsbacher- und die vom Hollerbräu gingen eine Fusion ein. Direktor Haslinger verließ seinen Posten, und Kastl ward auch hier Leiter des Ganzen. „'s is nur, damit d' Leut' recht haben," sagte Kastl lachend zu seiner Frau,„wenn's mi'n Kastl vom Hollerbräu nennen."— Nus Vrv muMsliMrn ZVorhv. ES hat manchmal fast den Anschein, als'fei das Konzerttreiben dieses Winters der Masse nach geringer als das der vorigen Jahre; und ebenso scheint es manchmal, als neige fich diese Masse bereits gegen die tlenzliche Verminderung zu. Eine ganz genaue Statistik wird vielleicht beides bestätigen; doch sie würde wohl recht müstig fein. Und ein paar Stichproben, die wir angestellt, wirken nicht eben beruhigend. Wenn wir alle blotzen Unterhaltungskonzerte ausschließen und natürlich die erst recht gewichtigen musikalischen Thcaternuf- fühningen nicht mitzählen, und wenn wir auch nicht in Betracht ziehen, daß uns höchstwahrscheinlich manche Konzertankündigungen gar nicht bekannt geworden sind, so kommen wir zu' foigcnden prob.eweisen Zahlen. Sowohl am Donnerstag, den 21., wie auch am Freitag, den 22. Februar gab es je 7 Konzerte, darunter jedesmal zwei Kirchenkonzerte; am 7. Februar, Donnerstag, zählten wir neun Konzerte, darunter 3 kirchliche; und am Sonntag, den 17. Februar, gab es gar 10 und zwar nur weltliche Konzerte. Unter dieser Fülle von mehreren Dutzend Mnsikgenüssen in der Woche— immer wieder von Theater»nd bloßer Unterhaltung ab- gesehen— eine Auswahl zu treffen, die einigermaßen den Vorzug des Charakteristischen hat, ist fürwahr nicht leicht. Um so mehr, als gute Konzerte meist wenig Neues bieten, und die Konzerte, die uns mit jüngeren Kräften, neuen Kompositionen usw. bekannt machen, für unsre Auswahl zwar im Vordergrund stehen müssen, jedoch zum „Unsichersten" gehören. Vermeiden wir also den Besuch solcher Auf- führungen, die so sehr Bekanntes und in der Art der Wiedergabe Verläßliches bringen, daß sich über sie fast schon im Vorhinein be- richten ließe, so wird es doch gut sein, von Zeit zu Zeit auch zu ihnen zurückzukehren, wie zu einem Maßstab, an dem das weniger Sichere zu messen sein mag. Mit solchen Gedanken besuchten wir wieder einmal einen der populären Quartett-Abende von Halir, E x n e r, Müller, D e ch e r t. Sie haben sich die Aufgabe gestellt, zu einem verhält- nismäßig— aber auch nur verhältnismäßig— billigen Preis Beispiele aus dem Schatz der klassischen Kammerinusik vorzuführc». In welch künstlerisch hochstehender, doch freilich auch etwas eingeschränkter Weise sie dies thun, haben wir schon früher hervorgehoben und am letzten Sonntag wieder bestätigt gefunden. WaS sich an einer so vorzüglichen Darbietung„aussetzen" läßt, das zu verzeichnen erweckt leicht den Anschein der Ungerechtig- leit gegenüber dem vielmal Größeren, das anerkannt iverden soll, und das im einzelnen zu würdigen uns kaum würde zu Ende kommen lassen. Mindestens aber darf die Eigenart dieser Qunrlcttgcsellschaft dahin gekennzeichnet iverden, daß sie mit einer„Abgeklärthcit" spielt, die eine Ergänzung durch kräftigere Klänge doch wohl vermissen läßt. Ein typischer Fall dessen, was man in einem übel berufenen engeren Wortsinn„Schönheit" nennt! Bcisvielswcise könnte im ziveiten Satz von Beethoven's C- dur- Quartett der Cellist sein Crosceudo doch ivohl zu einer geivaltigeren Höhe führen. Bei einem solchen lvcrtvollen Gesamteiudruck liegt die Versuchung nahe, die Bedeutung der vorgetragene» Stücke historisch auseinander- zusetzen. Müssen wir uns dies im allgeiueineu versagen, so darf doch noch ein Wort dem alten Chcrubini(1760— 1842) gegönnt Iverden, dessen diesmal gespieltes Quartett üs-dur wohl auch erfahrenen Hörer» wie die Entdeckung eines neuen Reizes in einer bekannten Landschaft vorgekommen sein mag. Seine Themen sind, wie man z. B. aus der viclgchörtcn„Anacreon"-Ottverture weiß, nicht eben gcwrillig, manchmal sogar so, als sei das gar keine rechte thematische Qualität. Und doch ist ihr Bau bemerkenswert kunstvoll; eine solche „durchbrochene" Arbeit mit Tönen und Pausen, wie sie sonst be- sonders Beethoven eigen ist, findet sich nicht so bald wieder und weist jedenfalls auch darauf zurück, daß Cherubini einer der in der Konipositionslcchnik tiefstgebildeten Musiker war. Die zwei Mittel- sätze jeneö Quartetts sind schlechthin denkwürdig.— Der letzte dieser Abende, 17. März, wird auch das freilich viel bekannte, doch immer wieder zu hörende große Scptett von Beethoven bringen. Eine andre, ähnliche Kannner- musik-Gcselljchaft, Bach, Wirth, Hausmann, wird am 28. März u. a. ein minder berühmtes, doch über die Maße» schönes Werk vorführen, das gleich jenem Septett ans Streicher- und Bläserstimmen bestehende Octett von Schubert. Ucber die Nolle, die im Berliner Musikleben die„Sing- a k a d e m i e" spielt, wäre am ehesten jetzt Gelegenheit zu sprechen, da ihre Direktion nach jahrzehntelanger Führung durch den verdienst- vollen und hochgeehrten Professor Martin B l u m n e r auf einen jüngeren, wenngleich nicht eben modernsten Koniponisicn, G e o rg Schumann, übergegangen ist. Von einer nötigen„Reorgani- sation" dieses jedenfalls etwas ältlichen Instituts war viel die Rede, und sein neuer Direktor wurde bereits als Erlöser gepriesen. Allerdings ist im Anfang einer solche» neuen Periode die Beurteilung der Frische und der reformatorischen Wirksamkeit des jungen Feldherr» schwer. Man weiß ja nicht, welche ä!tcrcn Vcr- pflichtnngen er weiterführe» muß, auch nicht, welcher kluge Griff ihn zu einem Abwarten veranlassen mag. Wir hörten die Sing- akademie— da§ ist die das gleichnamige Gebäude besitzende musikalische Gesellschaft— unter der neue» Leitung zuerst bei der neulichen Aufführung von Blumners„Abraham" und zwar in der öffentlichen Hauptprobe. Nun ist auch über die musikalische Höhe der Leistungen des Chors gegenüber früher zu urteilen nicht leicht, da die Eriniicrung an die vormalige Qualität zu sehr täuschen kann. Doch schien es uns in der That, als sei der Chor— der natürlich nicht ohne weiteres eine größere Frische der Stimmen be- kommen kann— noch besser als vordem auf Genauigkeit, Zart- heit usw. eingepaukt. Im übrigen aber ging's wie früher und dürfte nach sonstigen Meldungen auch in der Hauptauffuhrung ebenso gegangen sein. Wieder waren, den Alt von Frau Geller-Wolte'r lind etwa noch den als Baß verwendeten Baryton von Herrn E w e y k aus- genommen, die Solisten nicht eben Muster. Und wieder, wie fast immer bei Oratorien- Aufführungen innerhalb wie außerhalb der singakademiichcn Mauer», die Vertretung mehrerer Partien durch je eine einzige Sängerkraft 1 Jener Baryton hatte zwei Bnßpartien zu singen und zwar sogar in einem Duett, in welchem er freilich beim Znsammensingen sich auf eine beschränken mußte; die Sopra- nistin versah gar drei sehr verschiedene Partien.— Auch die alte Rücksichtslosigkeit war wieder da, daß es bei der Probe, die doch ebenfalls Eintrittsgeld kostete, keine Programme gab. Das aufgeführte Oratorium Blumners gehört schon durch die Wahl und durch die im Text recht inhaltsarme Durchführung eines alt- testamcntlichen Stoffes zu den Werken, zu denen Menschen von heute schwer einen innerlichen„Rapport" finden. Dazu dann daS viele Schablonenhafte, rein Formale in der Komposition, das viele Gefühls- kalte. Blutlose, selbst bei melodiösen Bestandteilen, und sogar manches bis zur Erinnerung an Biersängertnm Triviale in ihr— es bedarf eines geduldigen AbWartens und AbHörens der bedeutenderen Stellen, daß man allmählich die ernste Tüchtigkeit der Gesamtleistung und die über„Kapcllmeistermusik" hinausgehende Schönheit mancher Stücke daraus kennen und genießen lernt. An wohllautenden Arien ist, neben leeren, nicht eben Mangel; die charakteristisch gedrückte Begleitung zu der einen(„In meines Lebens reichsten Tagen") ver- dient eine eigene Aufmerksamkeit; und der Chor„Erbebet, ihr Städte!" beginnt zwar recht unoriginell, erhebt sich aber zu einer ganz beträchtlichen Höhe der Wirkung.— S2. Kleines Feuillekon. 5e. Vereiste Bäume. Eine eigenartige Naturerscheinung hat Dr. v. Schrenk vor der Akademie der Wissenschaften In St. Louis beschrieben. Ueber den großen Teil der nördlichen Vereinigten Staaten ging vor einigen Wochen ein schweres Wetter nieder, bei dem das Regenwasser während des Fallens in der Nähe der Erd- oberfläche sich in Eis verwandelte, so daß die Bäume mit einer dicken schweren Schicht von Eis vollständig überzogen wurden. Viele von ihnen vermochten die gewaltige Last nicht zu tragen und wurden davon so niedergebeugt, daß ihre Spitzen den Boden berührten. Auf den von Dr. v. Schrenk aufgenommenen Photographien ist eine ganze Reihe von Bäumen i» dieser Stellung zu sehen, teils Ahorne, teils Birken. die sämtlich mit der Spitze ihrer Krone auf dem Schnee der Straße lagen. ES war für einen Menschen unmöglich, die Spitze eines soichcn Baumes überhaupt nur aufzuheben, geschweige denn sie in ihre ursprüngliche Stellung zurückzubringen. In dem ganzen weiten Gebiet, das von jenem Sturm getroffen war, hatten fast sämtliche Bäume in derselben Weise gelitten. Sie blieben auch in dieser ge- beugten Stellung, bis nach' etwa einer Woche das Eis zu schmelzen begann und dann richteten sie sich allmählich wieder auf. Die Birken erhielten wieder ihre kerzengrade Haltung, die sie vor dem Sturm gehabt hatten, während die Ahorne sie nicht ganz wieder erlangen konnten. Dr. v. Schrenk hatte etwa 200 der eisbedcckten Zweige von verschiedenen Bäumen gewogen und festgestellt, daß sie nahezu zehn- mal schwerer waren als in, gewöhnlichen Zustande. Wenn die Zweige auch noch Eiszapfen trugen, war das Mißverhältnis des Gelvichts noch bedeutender und in vielen Füllen hatte sich das Ge- wicht der Zweige auf das dreißigfache des gewöhnlichen Zuftands gesteigert. ou. Eine neue Stadt in Norwegen. Im äußersten Norden der skandinavischen Halbinsel wird jetzt am Ofoten- Meerbusen ein neuer großer Hafen erbaut, der für die Ausfuhr des in Lappland massenhaft vorhandenen Eisens dienen soll. Besonders haben die Eisenbcrgwerkc von Gillivara und Luosavaara in den letzten Jahren einen derartigen Aufschwung genommen, daß eine leichtere Ausfuhr des gewonnenen Eisens als eine dringende Notwendigkeit erschien. Der neue Hafen wird den Namen Victoria-Hafen erhalten, und sein ganzer nördlicher Teil wird mit einer Uferlänge von fast 1 Kilo- metcr und den anliegenden Grundstücken ausschließlich für die Ver- schiffung der Erze aus diesen beiden Eisenbezirken bestimmt sein. Außerdem hat die norwegische Regierung ein großes Gelände auf der Südseite des Hafens angekauft. Der Bau geschieht nach dem Muster des amerikanischen Binnenhafens Duluth am Oberen See. Die Gesamtlosten für die Quais und andren Anlagen werden auf 3 300 000 Mark geschätzt, wovon für die für die Verschiffung der Erze bestimmte» Quais allein 23/i Millionen erforderlich werden. Auch die Pläne für die Anlage der zu dcnr Hafen gehörigen neuen Stadt sind fertig gestellt und viele Häuser und sogar einige Straßen bereits vollendet. Neuerdings sind übrigens wieder neue Eisenerz- lager von gewaltigem Umfang im Gebiet von Lappmarken entdeckt worden, zu deren Ausnutzung bereits Schritte geschehen sind. Man erwartet von ihnen eine Produktion von 6000 Tonnen bearbeiteten Erzes täglich. Einige Eisenlager sind für 400 000 M. von einer belgischen Gesellschast angekauft worden, und verschiedene englische und deutsche Sachverständige haben in letzter Zeit dieses Gebiet nach weiteren Schätzen an Eisen und andren Mineralien durchsucht und sollen zum Teil wichtige Funde gemacht haben. In Norwegen ist eine besonders günstige Gelegenheit zur Schaffung bergbaulicher Unternehmen gegeben, da der Finder eines MneraUagers, so weit es sich ans öffentlichem Grund und Boden befindet, zu dcffen AuS» uutznng ohne weiteres berechtigt ist, er hat nur die Pflicht, seinen Anspruch anzrmielde» und sich bescheinigen zu lassen.— Theater. Deutsches Theater..Der Sieger' von Max Dreher.— Es handelt sich wieder um ein Künstlcrstück. Wieder ist der Held ei» Künstler, der weder leben noch sterben noch schaffen kann. Er kämpft eine Weile mit ehrlichen Mitteln, giebt dann aber den Kampf und die Ehrlichkeit auf und wird Hoflieferant. Es ist anf die Dauer sehr schlver, derartige Stücke zu ertragen. Wenn ein Künstlerschicksal uns interessieren soll, muß es bedeutend sein, und eben damit hapert eS. Man wird bei Dreher das Gefühl nicht los, daß im letzten Grunde ein Dilettant von Dingen der Kunst spricht und so feierlich thut, eben weil er ein Dilettant ist. Der erste Akt ist noch am frischesten geraten, vielleicht weil er an der Ostsee spielt; die Menschen, die lvir hier kennen lernen, sind zwar konventionell gezeichnet, aber sie haben wenigstens den Vorzug, daß sie keine Künstler sind. In einem Stück, in dem fortwährend von Kunst ge- sprachen wird, ist es erfrischend, auch einmal einem Seemann zu begegnen. Weim man den Künstlerdramen glauben wollte, hat in der Welt nur die Kunst Bedeutung; alles dreht sich um sie, alles hängt voir ihr ab. alles wird durch sie entschieden. Das ivirkt im „Baumeister Solneß" bedeutend, bei Dreher wirkt cS affektiert. Ich glaube nicht an seine Künstlerschmerzen und an seine Künstlerzweifel. Er hat im.Probekandidaten' eine so gesunde Banalität gezeigt, daß ich im Grunde erstaunt bin, ihn so gewissenhaft und ernst zu finden. Er kann unmöglich je den Ernst der Kunst empfunden haben, Iveil er ihn sonst nicht auf- gegeben hätte. Dann aber sollte er sich auch von Stücken fernhalten, die den ganzen Ernst der Kunst enthalten müssen, wenn sie stark und echt wirken sollen. Man soll im Hause des Gehenkten nicht vom Strick reden, und in einer Premiere von Dreher sollte möglichst wenig von der Verwerflichkeit des künstlerischen Kompromisses ge- sprochen werden.— Den Schauspielern des Deutscheu Theaters bot das Stück keine Aufgaben, in denen sie sich von einer neuen Seite hätten zeigen können. Daß sie gut spielten, versteht sich ja schließlich von selbst. An ihre Gcstaltungslrast und Phantasie hatte Dreher sehr bescheidene Ansprüche gestellt.— E. S. Erziehung und Unterricht. -»Mittelalterliche Schul st rasen. Stock und Nute gehörten zu den unentbehrlichsten Hilfsmitteln des mittelalterlichen Unterrichts und Schläge waren das tägliche Brot der Jugend. Das Siegel der Schule zu Höxter stellt einen Lehrer dar, der die Rute über einem knieenden Knaben schwingt. Thomas Platter kam mit nenn Jahre» zu einem Pfaffe» in die Schule..Der schlug mich grausam übel, nahm mich vielmale bei den Ohren und zog mich vom Herd auf. daß ich schrie, lvie eine Gels, die am Messer stecket, daß oft die Rachbarn über jhn schrien, ob er mich wöllte morden.' Ja noch Schlimmeres drohte den Schüler», sie mußten sogar Spill- Wasser trinke» oder mußten an de» Huudetrog I Johannes Butzbach erzählt in seiner Selbstbiographie, daß er wegen hart- nackigen Schulschwänzens und Betrügens seiner Eltern an eine Säule angebunden, und während seine Kameraden ein Lied sangen, jämmerlich gepeitscht wurde. Aber anf Klage der Mutter ward der Lehrer zum Büttel degradiert. Brave Kinder sollen es ge- Wesen sei», welche die Rute»ach der Strafe küßten... Außer Stntenslreichen gab es noch eine große Zahl andrer Strafen. Die Kinder wurden an den Schnlprauger gestellt, mußten unförmliche Mützen aufsetzen, den Kopf durchs Schandmäntelchcn stecken, auf Erbseir knien, knieend Abbitte leisten, sich im hintersten Winkel stellen, Strick und Roßkette um de» Hals trage», als wären sie schwere Verbrecher. Sehr verbreitet Ivar die Strafe mit dem Schnlescl. Ent- weder mußten sich die Kinder anf einen lebensgroßen geschnitzten Esel setzen, mit einer Eselskappe angethan und mit einer Rute in der Hand, oder es wurde dein Verbrecher eine Tafel, darauf ein Esel dargestellt war, um den Hals gehängt. Mit dieser wnrde er vor die Schule gestellt oder mußte sie sogar nach Hause tragen. Einsichtige Obrigkeiten nahmen sich aber mauchnial der arweil Kinder an. Der Rat von Eßlingen verordnete 1548. daß der Lehrer seine Schüler nicht an den Kopf schlagen, fie ivedcr n>it Tatzen, Schlappe», Maultaschen Iliid Haarrupfen noch Nlit Ohrunidrehen, Nasenschnellcn und Hirnbatze» strafen, keine Stöcke und Kolben zur Züchtigiing brauche», sondern aNein das Sitzfleisch mit Ruten streichen solle. Aehnkich lautet eine kurpfälzische Verordnung ans dein Jahre 1706. fAus: Hans Voesch:„Kinderlebeu in der deutschen Ver- gaiigenheit". Leipzig. Eugen Diederichs.)— Ans dem Tierleben. — Orientier n ngssinn der Brieftauben. Die in Tourcoing erscheinende„Revne colombophile" veröffentlicht den außerordentlichen Fall zweier Tauben, die, ohne dazu besonders trainiert zu sein, de» Weg zu ihrem 360 Kilometer entfernten Schlage unter erschwerenden Umständen zurück fanden. Es waren wei Mäiinchen, die ein Pariser ganz jung geschenkt erhielt und auf einem Hofe unter dem übrige» Geflügel umherfliegen ließ. Nach SVe Jahren brachte er fie nach dem Pörigord und hielt sie einen ganzen Monat gefangen, damit sie nicht nach Paris zurückfliegen möchte». Sie paarten sich daselbst, ihre Weibchen hatten Eier und Junge, aber sobald sie freigelaffen wurden, verschwand erst das eine und bald darauf auch das andre Männchen, und sie kamen nach zwei resp. drei Tagen in ihrem Pariser Schlag wieder an. Es war also ihr erster Versuchsflug, den die 31/2 Jahre alten Brieftauben, ohne dazu besonders erzogen zu sein, mit solcher erstaunlichen Sicherheit, noch dazu uach längerer Ein- sperrung, vollführten, während man sonst bei der regelmäßigen Zucht mit Entfernungen von 2—3 Kilometer anfängt. Handelte es sich um einen Fall, so würde mau von einem Wunderkinde sprechen, da es aber gleich zwei Tauben waren, die den Weg zu verschiedenen Zeiten zurückfände», so scheint ein Ileberschreiten verbreiteter Fähig- leiten ebenso wenig wie ein Zufall obgewaltet zu haben. DaS genannte Journal sucht zur Erkläriiiig einen sechsten Sinn herbei- zuziehen, de» Bonnier im inneren Ohr. Cyon in den Nasenhöhlungen sucht, allein es läßt sich in Wirklichkeit kaum ein andrer Schluß machen als der, daß bei guten Rassen der Orientierungssinn au« geboren sein muß, worin er auch bestehen möge.— („Prometheus.") Humoristisches. — Goethe als Retter. Schauspieler(zum Schuster- jungen, der ihm eine Rechnung bringt):„Kennst Du das Land, wo die Eitronen blühe»?-- Nicht?!-- Na, dann schau, daß D' «auskommst!'— — Der Protz. Bankier(zum Buchhändler):„Ich möchte mir eine Bibliothek einrichten; sage» Sie, was kosten so 400 Bücher?"— — Unbeholfen.„Da geht ja der Tanzlehrer Bärcntritt, waS hat er denn da für einen jungen Menschen bei sich?" „Ach. das ist ein ganz besonders ungeschickter Schüler, den» giebt er die Tanzstunde draußen vor'm Thor, weil da mehr Platz i st I'—(.«„st. Bl.') Notizen. —„Frau Agna% der neue Roman Heinz TovoteS. ist soeben bei Fontane u. Co., Berlin, als Buch erschienen(Preis 3,50 M.)— — Max Drehers neue? Schauspiel„Der S i e g e r" ist soeben als Buch im Heimatverlage bei Georg Heinrich Meyer in Berlin erschienen.— — Zwischen E m a n u e l Reicher und Direktor B r a h m schweben Verhandlungen über einige streitige Punkte. Sollten die Verhandlungen zu einer Einigung führen,' so dürfte Reicher dem Verbände des Deutschen Theaters erhalten bleiben.— — Dr. Martin Zickel ist vom Residenz-Theater engagiert worden. Er soll die Bühnenwerke neuer und unbekannter Autoren in Mittagsvorstellungen, meistens Sonntags, in Scene setzen.— — ZDaS Schiller-Theater bringt am 11. März Ernst W i ch e r t s Lustspiel„Ein Schritt vom Wege' zur Auf- führnng.— — Die Premiere von„Käthe Wandel" im Belle- Alliance-Theater(SccessionSbühnc) ist auf den 4. März wer- schoben worden.— 0. Die mit so großer Rcklamc in Scene gesetzte Tournee der Sarah Ber n'h ardt und Coqnelins durch Amerika scheint mit einein entschiedenen Fiasko zn enden.— DaS Ende aller reisenden Größen.— — Im M etro p 0 l- Th e a t er geht am S.März die Posse „Man lebt ja nur einmal' zum erstenmal in Scene.— —„Der F a m i l i e n I u m p", ein Wiener Volksstnck von Oskar Franz, hatte bei der Erstaufführung jam Wiener Stadt- Theater einen starken Erfolg.— — Die Direktoren Hofpauer vom Theater des Westens und Anger haben die Absicht, im Luisen-Theater billige Opern- Vorstellungen zn geben. Mit Lortzings„Waffenschmied" wird heute. Donnerstag, der Anfang gemacht. Von dem Erfolge dieser Oper wird es abhängen, ob zweimal wöchentlich bis Ende Mai regelmäßig volkstümliche Oper» gespielt werden sollen oder nicht.— t, Eine iv i ch t i g e astronomische Entdeckung ist dem Wiener Astronomen Oppolzer gelungen. Sie bezieht sich auf den Planeten Eros, der von alle» kleinen Planeten der Erde am nächsten steht. Oppolzer hat nun beobachtet, daß der EroS innerhalb weniger Stunden seine Helligkeit nicht unerheblich verändert. Es wäre dies eine höchst merkwürdige und zunähst noch unerklärlich« Erscheinung, und darum sind alle Astronomen aufgefordert worden, möglichst viele Beobachtungen des kleinen Planeten mit Bezug auf seine Lichtstärke anzustellen.— — Die IX. Allgemeine Versammlung der Deutschen Meteorologischen Gefell schaft findet am 1., 2. und 3. April in Stuttgart statt.— — Petroleum guellen in P e r s i e n. Deutsche Bergingenieure sollen in der Nähe von Astarabad am Kaspisee reiche Naphtalager entdeckt haben.— Verantwortlicher Redacteur: Wilhelm Schröder in Wilniersdors. Druck und Verlag von?.Kax Bading in Berlin.