Hlnterhaltungsblatt des Worwärts Nr. 45 Dienstag, den 5� März. 1901 (Nachdriiik verboten). 3] Nie bunte Meihe. Berliner Ronian. Von Fritz M a u t h n e r. Bei diesem 5lränzchen hatte Frau Mascha mit allen preisgekrönten Lehrern getanzt, also auch mit Bohrnrann. Er tanzte gut, das mußte ihm selbst Hilde lassen. Dann hatte ihn Frau Mascha in einem parfümierten Briefchen auf merkwürdigem Papier gebeten, ihr doch seinen talent- vollen Festbericht persönlich zu überbringen. Erst nach dem Weihnachtsabend besaß Bohrmann Hut, Handschuhe und Stiefel von solcher Beschaffenheit, daß er der Einladung zu folgen wagte. Auf einem furchtbar niedrigen Polsterstuhl hatte er Platz nehmen müssen imd nur darum war er— wie er seiner Frau einreden wollte— gleich das erste Mal so lange geblieben, weil es selbst für einen Turner nicht leicht war, sich aus diesem Stuhle wieder zu erheben. Und sie habe ihn unaufhörlich erzählen lassen bei einem Glase Feuerwein. So habe damals Frau Mascha erfahren, in seinem Tische liege seit Jahren ein unvollendetes Drama, in Versen. Wegen dieses Dramas hätte Frau Mascha ihn unter ihren Schutz genommen. Darum hätte sie ihn alle vierzehn Tage zu Tisch geladen und darum käme sie von Zeit zu Zeit hier herauf, die hohen vier Treppen. Hilde kannte die Welt. Nicht ein Wort glaubte sie von Bohnnanns Erzählungen. Das Leben war voll von Durch- stecherei. Und daß Frau Mascha Lose eine Heuchlerin war, da? konnte man schon daraus sehen, daß sie jedesmal zuerst nach den lieben ftinderu fragte. Die nach Kindern! Das hat keine und will keine. III. „Ach, wie entzückend, gnädige Frau, daß Sie sich wieder zu uns heraufbemühen!" hatte Frau Hilde beim Oeffnen der Thür ausgerufen. „Ich muß ja wohl, da Sie nicht zu haben sind," ant- wortete Frau Mascha im Eintreten. Die Komödiantin t Als ob Hilde jemals eingeladen worden wäre I Und auch jetzt sagte Frau Mascha diese freund- lichcn Worte so obenhin und mit einem so deutlichen Schlußpunkt dahinter. daß sie wieder nicht wie eine Einladung heraus- kamen. Na warte! Wenn auch Frau Hilde nicht in einer Schweizer Pension erzogen worden war»ud keinen solchen Pli hatte, sticheln konnte sie auch. Und mußte Hilde sich von der reichen Frau viel gefallen lassen, so mußte Frau Mascha wiederum wegen Bohrmann viel einstecken. Auch das machte diese Besuche so vergnüglich. „Was machen die Kinder?" fügte Frau Mascha hinzu. Richtig, wieder die Kinder, und das so schnell, daß Hilde über das Nicht zu-haben-sein und Nicht eingcladen-werden un- möglich etwas dazwischen werfen konnte. Auch eine Anskunft über die Kinder wartete Frau Mascha kaum ab. Nicht viel herzlicher fragte sie nach Bohrmann selbst. Aber jetzt hörte sie es doch aufmerksam an, daß er zu Hanse sei, an seinem Tische sitze und eben die letzten Worte an seinem Theaterstück dichte. Da wollte Frau Mascha wieder gehen. Das ließ Hilde nicht zu. Bohrmatm werde sich kindisch freuen, nachher die Freundin gleich vorzufinden. Und flüsternd, um die Gegenwart des Besuchs nicht zu verraten, betraten die beiden Frauen die unwohnliche gute Stube und setzten sich da ans offene Fenster. „Sie müssen nicht glauben, daß ich es meinem Manne übelnehme, gnädige Frau. Allein schon mit Ihren Kleidern hätten Sie es ihm anthun nlüssen. Sie wissen, ich bin nicht neidisch. Aber mit solchem.... Nicht wahr, gnädige Frau, Foulard?... Da müssen sich alle Männer in einen ver- lieben." Frau Mascha lächelte. Ihr mißfielen die Umgangsformen Hildes ganz und gar nicht. Die Frau selbst gefiel ihr eigent- lich. Schade, daß Hilde nicht mehr Geld hatte. Man hätte ordentlich Freundschaft mit ihr schließen können. „Lassen Sie doch diese Neckereien, liebste Frau Bohrnrann. Sie wissen ja doch, daß mich nur sein Drama interessiert. Und die Männer überhaupt.... Unser Verkehr ist auS- gedehnt, wirklich, es wird mir oft zu viel. Und wenn Sie mir mit Ihrem Rat beistehen wollen, so will ich mich von jetzt an anders kleiden. Vorausgesetzt nämlich, daß es wirklich nur die Kleider thun. Aber Sie Ijaben wohl recht. sie machen mir alle furchtbar den Hof, und ich bin doch weder jung noch hübsch." „Das meinen Sie ja selbst nicht, gnädige Frau. Wunder- hübsch sind Sie, besonders in diesem Kleide. Es ist schöner als Ihr Changeant. Das tragen Sie wohl nicht mehr?" „Die Mode ist vorüber. Schade, daß Sie nicht meinen Wuchs haben." Es war unerträglich, dieses ewige Betteln der Lehrers- frau. Protzig war Mascha nicht, das durfte sie von sich sagen. Er war eines der Laster, die sie nicht besaß. Nur dieser Person gegenüber wurde sie immer protzig. „Schade." antwortete Hilde mit ihrem träumerischen Blick. „Aber eine Bluse wenigstens hätte es doch gegeben." „Auch zwei," antwortete Frau Mascha kurz.„Ich habe noch etwas von dem Stoff. Wollen Sie ihn haben? Es ist ganz billiger Lappen." „Wirklich, gnädige Frau, darum habe ich es nicht gesagt. Aber Ihnen kann man nichts abschlagen! Wir schwärmen auch für Sie, mein Mann und ich." Hilde streichelte Frau Mascha die Hände, fragte nach dem Preise ihrer Handschuhe, nach dem Namen ihrer Seife und womit sie sich pudere. „Ich weiß ja gar nicht mehr, daß es Puder giebt. Und wenn ich auch welchen hätte. Für wen? Eine arme Lchrersfrau ohne Dienstmädchen hat keine Zeit, Eroberungen zu machen. Arme Frauen können sich auch nicht künstlich jung erhalten." Es gelang ihr. Frau Mascha ließ sich verführen, von ihren Eroberungen zu erzählen. Auch das that sie sonst selten genug, niemals im Gespräch mit Männern und niemals so lügenhaft wie bei dieser Frau Bohrnrann. Hilde hörte zu, wie sie etwa einen Roman gelesen hätte, einen nach ihrem Geschmack. Und so geläufig Frau Mascha auch log, sie glaubte genau herauszuhören, wann diese Eroberungen, immer nur harmlose, platonische Eroberungen, einfach Flunkerei waren, und wann ihnen irgend ein Abenteuer zu Gründe lag. Heute brachte der Bericht über die letzten vierzehn Tage eine gemischte Gesellschaft zu- sammen: drei Lieutenants, darunter ein Graf, einen Arzt, einen Bankdirektor und den ersten Buchhalter der Brauerei. Der Buchhalter, ein verheirateter Mann und nicht mehr jung, sei ernsthaft verrückt geworden und werde wohl in eine An- statt gebracht werden müssen. Man sei eben tugendhaft, leider, die Folge der guten Erziehung, man erhöre keinen einzigen. „Wenn man einen so gnten Mann hat. wie ich habe," und dabei blitzte es in den hübschen grauen Augen der Frau Mascha lustig und frech auf: dann netzte sie die feinen, glänzend roten Lippen mit dem flinken Zünglein, und Hilde dachte sich ihr Teil. Gerade als Frau Mascha ausführlich und mit gesteigerter Lebhaftigkeit erzählte, wie der Buchhalter aus Liebe zu ihr in seinem eignen Hause, im Zusammen- leben nüt seiner Frau sich verändert habe, kamen die Kinder zurück. Sie mußten die gute Tante artig begrüßen und den mitgebrachten Kirschkuchen anbieten. Frau Mascha liebte gerade solches Gebäck, das nach schlechtem Fette roch, leiden- schaftlich. „Ich habe oft einen merkwürdigen Geschmack." Sie aß die beiden Kuchen langsam allein auf, während die Kinder beinahe entsetzt zusahen. Denen aber hatte sie Chokolade mitgebracht. Trotzdem fing Siegfried ohne Angabe eines Grunds zu heulen an. Hilde wurde heftig und schickte ihn endlich zu Fräulein Reymond hinüber, da sollte er bleiben, bis er sich auSge- gnaut hätte. «Sie glauben gar nicht, wie kinderlieb die dumme Gans ist. Sie wissen doch? Die Reymond von nebenan. DaS nennt sich dramatische Künstlerin und hat kein Kleid anzuziehen. Sie ist auch verliebt tu ihn. Darum auch nur ist sie so zu den Kindern." „Kinderlieb? Komisch! Wer weiß, was dahinter steckt." Siegfried war sofort still und wie feierlich geworden, als er die Erlaubnis erhielt, zu Fräulein Rcymond zu gehen. Wenn die Frauen auf ihn geachtet hätten, so hätten sie zu ihrem Erstaunen gesehen, wie er sich sogar mit Lencheus Hilfe etwas säuberte, die Haare ordnete und die Nase Putzte, bevor er hinausging. Lcnchen selbst kauerte sich dann mit ihrer Schokolade neben den Ofeu, dorthin, wo das Plüschsofa ein- mal hinkommen sollte, nahm ein Buch vor und schien auf- merksam, von Zeit zu Zeit naschend, zu lesen; ab und zu schielte sie nach den Frauen hinüber. Frau Bohnnann wollte noch mehr von dem Buchhalter wisien. Jede Einzelheit. Leise gab Frau Mascha noch etwas zum besten. Tie Buchhaltersfrau habe sich für die Vernach- lässigung zu rächen gedroht und da habe der Buchhalter einen Selbstmordversuch gemacht. „Ach," machte Hilde, als sei sie in ihrem schlechten Nonian ans ein spannendes Kapitel gestogen.„Ja, ja. das hört man imnier von Buchhaltern. Die begehen gern Selbst- niorde. Man hört das so. Erleben thut ja unsereins nichts." (Fortsetzung folgt.) Die roke Vöde. (Freie Volksbühne.) Ein Mord ist geschehen. Die Gerichtswclt der französischen Stadt, in der die Geschichte spielt, ist in fieberhafter Aufregung. Man fürchtet, daß der Mörder entwischen könnte, nur fürchtet man nicht um der allgemeinen Sicherheit willen, sondern weil man sich in der Karriere bedroht fühlt. Es find so wie so in der letzten Zeit mehrere Freisprechungen vorgekommen, waS immer ein schlechtes Licht auf die.Schneidigkeit" der Justiz wirft. Entwischt der Mörder, ist es mit den verschiedenen Beförderungen Essig und man kann wieder ein Jahr oder Jahre in dem langweiligen Nest vertrauern, in dem man nun einmal sitzt. Auch die beteiligte Damen- Welt ist erregt— im Salon plappern die Mäulcr recht nach der Kunst, und giftige Rivalität verbirgt sich hinter liebcns- würdigem Lächeln. Der llntersuchungSrichter jagte auf der Fährte eines Landstreichers, da die Fußspuren am Thatort ans defektes Schnhzcug deuten— indes ohne Erfolg. Er legt schließlich unter irgend einem Vorwand die Untersuchung nieder, die nun einem jungen abgebrühten Streber übertragen wird. Natürlich muß dieser hoffnungsvolle Menschenfreund eine neue Fährte suchen, weil er sich sonst im Erfolg mit seinem Vorgänger teilen müßten, WaS ans Gründen der Karriere natürlich nicht geht. ES gelingt ihm auch ein Opfer zu finden, einen jungen Kleinbauern, der an dem Tod des Ermordeten ein Interesse hatte, Iveil er ihm eine Leibrente zahlen mußte. Es gelingt ihm sogar, noch eine Reihe von andre».Verdachtsmomenten" aufzustöbern. Der verhastete Bauer ist mehreremal wegen Gewaltthätigleit vorbestraft und auch seine Frau hat in ihrer Vergangenheit einen dunklen Punkt— wenigstens im Sinn des Gesetzes und der Philister. Nun beginnt die Unter- suchnng. Der einzige Entlastungszeuge, der sich gemeldet hat, wird durch barsches Wesen eingeschüchtert und dann kunstgerecht in seine» Aussagen unsicher gemacht. Der mutmaßliche Mörder wird einem Verhör unterworfen, das man ivohl am besten als eine Folter be- zeichnet, wenn man den Untersuchungsrichter auch kaum einen Folter- knecht nennen kann— selbst ein Folterknecht braucht nicht die abgrundtiefe Gemeinheit der Gesinnung zu besitzen, die er besitzt. DaS Verhör(sonst die best« Sccne des Stücks) verliert leider sehr durch den Umstand, daß der Angeklagte sich wirklich wie ein Esel benimmt und seinein Peiniger allzu leichtes Spiel verschafft. Der Verfasser ist eben vollkommen unfähig, sich von Uebertreibungcn fern- zuhalten und macht so eine relativ gelungene Scene zur Farce. Die Frau des Angeklagten wird ebenfalls.verhört". Anfangs tritt sie sehr sicher auf; ihr Widerstand wird aber gebrochen, als sie an jenen.dunkle» Punkt" erinnert wird, von dem ihr Mann nichts tveiß. Auch sie wird nun durch Vorspiegelung falscher Thatsachen kunstgerecht so weit gebracht, daß sie in ihrer Angst niuvahre Angaben macht und ihren Mann belastet. Dann kommt der Tag der entscheidenden Verhandlung. Der unschuldig Angeklagte gilt allgemein als verloren; kein Mensch giebt für seinen Kopf auch»nr einen Dreier. Er würde dem Henker verfalle» sein, wenn nicht in letzter Minute der Staatsanwalt von einer Gewissens« regnng heimgesucht worden wäre. Er ist von der Unschuld des An- geklagte» überzeugt und betont nun selbst die entlastenden Momente, die der Pan'ser Verteidiger— wunderlich genug— hat fallen lassen. Darauf hin erfolgt Freisprechung, u»d cS folgt dann nocii etlvas, das selbst in diesem schlechten Stück durch seine Schlechtigkeit auffällt. Durch die Verhandlung hat nämlich der Mann von dem.dunklen Punkt" im Lebe» seiner Frau erfahren und wird nnn— unmittelbar nach einer erschütternden Verhandlung— zum selbstgerechten Pharisäer. Er verstößt sein tapferes und treues Weib, nennt sie„Dirne", entzieht ihr die Kinder, kurz handelt wie ein gefühlloser Bandit, und verdient so den moralische» Tod, nachdem er eben dem körperlichen glücklich ent- rönnen ist. Damit der ganze Kolportageroman nun auch wie eine Schauergeschichte ende, ersticht die der- laffene Frau den Untersuchungsrichter und so haben wir ein Schlußbild, das eine Illustration aus einem Sensationsblatt(etwa aus dem„Reporter") zum Verwechseln ähnlich siebt. Die mitgeteilte Handlung wird von Herrn Engen B r i e n x benutzt, um den französische» Richterstand in wilder und ungezügelter Weise zn beschimpfen. Ich kenne die französischen Berhältuipe nicht genug, um seine maßlosen Beschuldigungen prüfen zn können, und ich bin wiederum nicht Patriot genug, um sie unbesehen hinzu- nehmen. Ich überlasse mithin Herrn Brieux seinem Geivisscn und seiner Nation. Aesthetisch freilich kann ich ihn nicht so glimpflich fahren lassen. Der Hinimel weiß, daß es befangene Richter giebt und die französischen werden davon keine Ausnahme»lachen. ivenn ich auch den Arbeitern in ihren Klaffcukämpfen lieber französische als etwa sächsische Richter wünschen möchte. Die Art der Befangenheit aber, die Herr Brieux uns nach der Art blutrünstiger Leierkastenbilder vorpinselt, giebt es allerdings nicht. Der Vorgang, in dem Earriere, Klassenlagc, nationaler Ileberschwang usw. eüicn Richter beeinflussen, ist. sehr viel feiner und komplizierter, als er anzunehmen scheint. Die genaimten Motive wirken im allgemeinen unbewußt, das Interesse beeinflußt die Intelligenz. die A b ficht die Ein« ficht, und so kann fich der' Richter sehr ivohl für einen rechtlichen Mann halten und doch einen schauderhasten Justizmord begehen. Selbst aber wenn er ein schlechter Mensch ist, nicht»»rein abhängiger(das sind wir alle l), wird er wenigstens Rechtlichkeit heucheln und seine Infamie unter einer pnmlcnden Toga vcr- berge». Bei Herrn Brieux führen die fraiizösischcii Richter ihre Korruption so offen spazieren, daß man sie nicht nur für Schurken, sondern nebenher auch für komplette Narren halten muß. Grade Schurken aber Pflegen ivenigstens über eine gewisse Vcrbrecherintelligenz zu verfügen und somit können wir die thatsächlichen Behauptnngen des Herrn Brieux allerdings seinem Gewissen und seiner Nation überlassen— die ästhetische Einkleidung müssen wir in möglichst freundlicher Weise als eine Fälschung der Kunst und des Lebens bezeichnen. Wir habe» gar nichts gegen Tendenz in der Poesie. Jeder Dichter sieht die Welt mit seinen Augen und die besondere Farbe seiner Dichtungen ist zugleich ihre Tcndenz. Etwas ganz andres als Tendenz i» der Poesie ist— T e n d« n z p o e s i e. Hier ist nicht mehr die Poesie, sondern die Tendenz die Hauptfacfie, das herrschende Princip, dem sich alles andre imterordnet. Auch solche Arbeiten töimen ihren Wert haben, wenn es auch nie ein künstlerischer oder wenigstens kein rein künstlerischer sein wird. Nur muß aller« dings auch die Tendenzpoesic immer noch einige Rücksicht auf die Poesie nehme», Ivenn wir uns nicht mit Schauder» abwenden sollen. Bei Herrn Brieux aber tritt die Tcndenz eine Schreckensherrschast an, Ivird ein blutdürstiger Tyrann, der nur leben kann, wenn alles andre niedergetreten wird. Das ist nicht mehr Kunst, das sind ästhetische Hunnengrenel, mit denen wir auch nicht einen Gedanken gemeinsam habe» wollen. Uebcrflüssig zu sagen, daß durch solche Üeberspannuug auch daS nicht erreicht wird, ivas Herr Brieux erreichen möchte. Das Stück fand— wie ich hier aus- drücklich feststelle— lebhaften Beifall— ein Beifall, in dem sich begreiflicher und gereckter Groll über unbegreifliche und unge- rechte gerichtliche Erkcnntniffe entlud. Gerade darum fällt unser Protest schärfer aus, als er sonst nach dem erfolgreichen letzten Winter der.Freien Volksbühne" ausfallen würde. Wir protestieren dagegen, daß man eine wirkungsvolle Tendenz benutzt, um den Ar« beitern ein unmögliches Theaterstück genießbar zu machen. Man handelt damit wie jene schlechte Frau in„Schneewittchen", die einem Apfel rote Backen anschmiukte, nur daß leider die Farben giftig waren. In der Darstellung traten Herr Reusch, Rosa Bertens und die Souffleuse hervor. Herr Reusch ist ei» feiner, intimer, moderucr Künsller, den wir gern oster sähen, ivenn nur die littcrariscken Prcmiären zuließen, daß wir auch Schauspielerpremieren besuchten. Und mm erst Rosa Berte nsl Man sollte es nicht für möglich halten, daß diese Schauspielerin in Berlin kein Feld findet. Wenn SommerStorff und die Geßiier gehen-»■ nun, der Himmel segne ihren Ausgang und ihren Einzug in Wien I Wenn Nissen geht— nun: er ist ein tüchtiger Schauspieler, aber es bleiben tüchtige zurück. Wenn aber Rosa Vertcns geht, verlieren wir eine heiße und starke Natur und das macht uns ärmer. Könnte nicht wenigstens Lindau ein Einsehe» haben? Er braucht für seine aufstrebende Bühne doch wahr- hastig Kräfte. Erich Schlaikjer. Kleines Feuillekon. — Ein gefährliches Gewerbe. Der„Köln. VolkSztg." wird aus London geschrieben: Wildzerklüftete Felsen von schwindelnder Höhe bilden die Ostlüste Englands in der Graffchaft Aork. Stolz ragt der steile Flamborongh Head in die Lüfte; unter ihm ivogt und braust die stürmische Nordsee. In den Ritzen des kahlen, nur hin und wieder dürftig mit MooS bewachsenen Felsgesteins, vor dein Auge des Menschen versteckt und dem Fuße des geivaudtcstcn Bergsteigers unzugänglich, werden alljährlich im- gezählte Mengen von delikaten und nahrhaften Vogeleicrn angehäuft. Der Bewohner unternimmt nun mit einer Verwegenheit und Geivandtheit das Wagnis, diese Eier zu suchen und zn sammeln, das im höchsten Grade erstaunlich ist und nicht viel hinter dem des Er« klimmeus der gefährlichsten Alpengipfel zurücksteht. Die Leute, die den Secvögeln und besonders deren Eiern nachstellen, betreiben ihr Hand- werk nach alten überlieferten Methoden, und das Gewerbe selbst pflanzt sich in den meisten Fällen von Vater auf Kind und Kindes- linder fort. Die Eiersucher gehen zu Vieren ans Werk. Einer von ihnen ist der Kletterer, wogegen die andern drei die Aufgabe zu er- füllen haben, ihn hinunter zu lassen und wieder herauf zu ziehen. Ihre Arbeit ist nichtsdestoweniger gefährlich, und wahrlich, eiserne Nerven— oder besser gar keine Nerve»— gehören dazu, um das Unternehmen glücklich zu Ende zu führen. Der Kletterer ist mit einem starken Lederriemen umgürtet, der wieder Schnürlöcher besitzt und die dadurch eine erhöhte Sicherheit verleihen, dast sie mit kräftigen starken Ringen ausgelegt sind. Hier wird das Seil befestigt, an dem der Mann hinuntergelassen wird, der, um im Falle eines Absturzes in die See gerüstet z» sein, mit Schivimmvorrichtnngen um Rücken und Brust ausgestattet ist. Ehe der Kletterer jedoch, der anherdcm niit Säcken zur Aufnahme der Eier versehen ist, hinuntersteigt, wird eine starke Eisenstange in die Felsenklippe eingeteicben und ein zweites Seil, das sogenannte Fiih- ningsseil, daran befestigt. Dieses wird lose in die Tiefe hinabgelnsse» und dient dazu, dem Kletterer gleichzeitig zur Ausführung einer Vc- wegung behilflich zu sein, wie auch, die oben Befindlichen durch Signale zu verständigen. Das eigentliche Tau, an dem der Kletterer hinuntergelassen wird, läuft über die Rolle eines für diesen Zweck konstruierten Apparats, der an dem äußersten Fclsvorsprunge in die Erde eingerammt ist. Der Kletterer passiert, wenn er sich an die Arbeit begiebt, de» Klippenrand und geht dann rückwärts, soweit ihm dies die Verhältnisse gestatte», den jähen, meist senkrechten Abhang hin- unter, immer sein Körpergelvicht mit der zur Abwickelung des Taues aufgelvandten Arbeitskraft proportionierend. Alsdann stemmt er die Füße fest gegen die hervorragenden, schmaler und schmaler werdenden und schließlich sich ganz verlierenden Felsenkanten und Vorsprllnge, bis er schließlich geztvnngen ist, sich an dem Seile frei in der Luft schwingen zu lassen. Mittlerweile sind seine Kollegen oben beschäftigt, ihn weiter und weiter in die gähnende Tiefe hinunterzulassen, je nachdem sein geübtes Auge die Verstecke der brütenden Vögel erspäht und er jene des Inhalts beraubt hat. Zu diesem Zivecke schwingt er sich sanfr rück- und vorwärts in pendelartiger Weise und sucht so die Beute zu erhaschen, und er setzt es so lange fort, bis die mitgenommenen Säcke gefüllt sind. Ein Signal vermittelst des Führungsseils veranlaßt die oben Befindlichen alsdann, ihn wieder heraufzuziehen. Es gehört viel Geschicklichkeit dazu, und besonders ivenn der Kletterer sich sehr tief unten befindet, um sich genau auf den richtigen Fleck zu schlvingen; doch mutz ausdrücklich hervorgehoben werden, daß die Leute nur sehr selten de» gewünschten Platz verfehle», bezw. daß ihnen auch nur ein Stück ihres Raubs zerbricht. Eine der hauptsächlichsten Gefahren besteht darin, daß die Oben- stehenden, tvährend der Kletterer auf einem Felsvorsprnnge seiner Arbeit»ackigeht, zu viel von dem Seile abwickeln und der'Mann in der Absicht, sich weiter hinunterzulassen, mit rasender Schnelligkeit niedersaust. So mancher ist hierbei an Felsvorsprüngen zerschellt, und wieder andre infolge des durch den jähen Ruck bedingten Reißens des Seils in die Tiefe gestürzt. Quetschungen und Haut- abschürfungen sind nicht ungewöhnlich. So ganz ohne Widerstand zu finden, kommt der Kletterer nicht weg. Hunderte von Vögeln aller Arten, von der dreizehigen Möve und der Mauerschwalbe bis zur Stocktaube, von dem Seepapagei bis zur Dohle umschwärnie» seinen Kopf, und ihr Geschrei, das in einem tausendfachen Echo seinen Wiederhall findet, würde allein schon manchen von seinem Vorhaben abbringen und vertvirrl »nachen, nur den mit eisiger Ruhe begabten und gestählten Küsten- belvohner nicht. Ilcberdies rächen sich die Vögel an den» Räuber »ind hacken tvütend mit ihren Schnäbeln auf seine Arme und Hände. Um sich hiergegen zu schützen, zieht der Kletterer dicke Handschuhe an. Trotzdcin die Felsenriffe zivei-, ja dreimal in der Woche ab- gesucht tverdei», ninnnt die Vermehrung der Vögel stetig zu; giebt es doch viele Stellen, die aller Gewandtheit und Kühnheit eil» un- übertviudliches Hindernis entgegenstelle».— Theater. Berliner Theater:»Die lustigen Weiber von W i« d s o r* von Shakespeare.— Im nllgeineinen verlangen die Berliner Bühnen niit hungrigen» Schrei immer wieder nach etivas„Neuem". Die schwächsten Stücke werden angenonnuen, Ivenn nur der Autor schon Erfolg hatte. Der„junge Goldner" starb nach wenigen Tagen a» seiner eignen Nichtigkeit'— aber es war etwas »Neues" von Hirschfcld I Der»Sieger" von Dreher wird niemals siegen, aber cS ivar etwas„Neues" von Dreher. Was schert uns Anzengruber? Der Mann ist tot I Was Acschylos? Der Mann ist alt I Es leben die»Neuen", sofern sie den» Premierenpnbliknm bekannt sind und in» Blättchcn über Notizenrnhn» verfügen. So konnte es kommen, daß Dramen von Björnson, die nun den Spielplan bc- herrschen und die Kassen füllen, jahrelang»»loderten, ohne daß unsre Bühnen sich um sie küinmerten. So konnte es koinnie», daß„Paul Lange und Tora Parsberg" bis vor kurzen» noch keine Bühne gc- funden hatte. So läßt man Hebbels.Julia" liegen, obtvohl sie bei mäßiger Darstellung in der„Nmeii Freien Volksbühne" einen starken Erfolg davontrug. Es lebe»» die Hansantoren I Die Leute sind ganz achtbar, aber nicht„neu". Welch ein Glück, daß nian im„Berliner Theater" mit diese»» dürftigen Princip gebrochen hat. Nur frischen ZuivachS an schauspielerischen Kräften möchte man der Bühne wünschen— dai»n kam» der Tanz lustig fortgehen, wie er lustig begonnen hat. In den „Lustigen Weibern von Windsor" hatte man keinen Falstaff, >vas iinnierhin von einiger Bedeutung ist. Vielleicht haben wir in Berlin überhaupt keinen Falstaff, so daß hier Verlangen leichter als Erfüllen ist. Der Darsteller iin„Berliner Theater" bramarbasierte und brainarbasierte und war damit fertig. Damit ist aber die Arbeit nicht einmal angefangen, geschweige denn gethan. Es scheint wirklich, als ob die langen Parenthesen der Moderne» unsren Schauspielern das selbständige Suchen verleidet hätten. Was könnte nicht alles im Falstaff gefunden»verde»»? Wenn er auch ein dunkler Ehremnann ist und von den biederen Bürgern gehänselt wird, hat er doch nichr Witz als die ganze übrige Stadt zusamnien. Es steckt Tragik in der Gestalt. Ein armes Luder tröstet sich durch Sekt und Humor über die Misere seines Daseins hinivcg. Wer sucht den Menschcn i»>» Possenreißer und spielt ui»s ihn? Wer giebt uns den Eriist des Klowns? Wer zeigt uns den Komiker, Ivenn er geschininkt in der Garderobe sitzt und vielleicht eben darüber nachdenkt, daß er von Natur eigeiitlich nicht zur Belustigung des Pöbels bestimmt war? Der Darsteller in» Berliner Theater that es nicht. Trotzdem war der Nachinittag lustig. Shakespeares Laime versagte nicht ui»d die sorgfältige Aufführung bot auch»nairche hübsche Einzelleistung, die für den Falstaff entschädigte, der uns vorenthalten wurde.— E. S. Musik. Arnies Teutschland! Deine Aufgaben daheim und auch Deine Mittel daheim sind versiegt. In fremdem Land mußt Dn Er» oberungen»lachen, chinesisch mußt Du Dir kommen; und da Du allein noch nicht den genügenden Wetpolitik-Tic hast, so müssen Deine Lenker über den Kanal hinüberfahren und bei den Engländer»» holen und lernen was noch fehlt. DaS heißt, ich meine Herrn Ober- regiffeur Sondermai» n von» Central- Theater, der neulich eigens nach London gereist ist. mn sich den großen R»lmniel anzusehen— d. h. ich»»»eine die dortige Aufführung der Operette „San To h". Sie ist so deutlich mit der Marke„Made in England" versehen, und sie ist im schönsten Sinne des Wortes so chinesisch, daß deutsche Operettenbretter, so da die Welt und die Weltpolitik bedeuten, sie sich unmöglich können entgehen lassen. Doch China-Feldzüge sind leider etivas gar zu Trauriges. und gar zu traurig ist es,»nit anzusehen»»»»d mit anzuhören�»vie ein der besten Aufgaben würdiger Komponist, der Schöpfer der„Geisha" und des„Griechischen Sklaven", Sidney Jones, seine prächtigen musikalischen Schätze in solchem Dienst verbrauchen nmß, vielleicht vhne daß er diese Enlivürdigung fühlt. Seine„Sau Toy"- Musik ist in der That eine Meisterkunst. Ihre Melodiosität, ihre Anmut, ihre fortlvährend reiche und sinnige Jnsirumentiernug sind Ivahrlich einer bessere»» Sache»vürdig. Statt das viele, was im emzelue» besonders gelungen ist, nainentlich hervorzuheben, genüge die ehrende Bemerkung, daß die Musik sich i>n Verlauf des Ganzen fast iiirmer an Tüchtigkeit steigert. Die verschiedenen Personen anfznzählcn, die an der Her- stclliiug des Textes und an der Jnscenierung gearbeitet haben. und gar de»„Inhalt" des Stücks wiederzugeben, wird man ui»s füglich erlasse»». Herr v. Wolzogen bietet seine Ueberbrettl-Nunnnenr als das dar,»vas sie sind: als Nuinnrern. die nichts Näheres n»it einander zu thun haben. Die moderire Weltopcrette ist nicht so auf« richtig: sie giebt ihre Nununeru, die kaum etivas niit einander ge- mein haben, als eine angebliche drainatische Einheit. Doch besitzen wemgstei»s die verschiedene» Hauptfiguren des Stücks je ettvas»vie eine specielle Einheit und geben denn auch den Darsteller» Gelegen» heit, sich schanspielerisch gut zu bethätigen. Den schtvierigeu Gesangs- aufgaben, die der Koinponist in» allgemeinen stellt,»vurde»»vohl die Trägerin der Titelrolle und die beiden Tenore an» besten gerecht. Jene ivar Miß Mary Halton a. G., die»vir bereits im vorigen Juni als„Rhodope"»mseligen Andenkens kennen gelernt hatten. Ihre Stimme, seither anscheinend»veilerentivickelt, besitzt fast den näselnd so- noren Klang einer Klarinette, soiveit fie nicht aus der eignen Klangfarbe herausfällt. Von der auch»nehr sonoren Tenorstinnne Sieg>»». K u n st a d t S. die ebenfalls Fortschritte gemacht zu haben scheint, hob sich der weich lyrische Tenor Karl Schulz'»in» so inter- essantcr ab, als dessen Rolle— der kindische Kaiser von China— gerade eine solche Stim»»cntfaltung verlangte. Das beste an schau- spielerischer Kunst bieten tvohl der bereits genannte Emil S o n d e r n» a n» und unsre immer neu zu preisende M i a Werber. Herr Direktor F e r e n c z y hat sich und den Seinen alle Mühe gegeben, um der Eigenart des Stücks gerecht zu»verde». Hoffentlich wird er nicht wieder»vie dein»„Griechischen Sklaven" verkünden lassen, es seien nun gelvichtigere musikalische Partien gestrichen, mn die Zivischenzeiten zivischeu den Witzen der Herreu so und so zu kürzen.— sz. Psychologisches. — Handschrift und Charakter. In der Münchener Psychologischen Gesellschaft hielt kürzlich Dr. Klages einen Vortrag. der interessante Einblicke in die Beziehungen zwischen Handschrist und Charakter geivährte. Die„Allg. Zcitg." berichtet darüber: Der Redner faßte dasjenige an der Haiidschrist,»vas einer psychischen Interpretation unterliegt, als ein besonderes Gebiet der all- genieinen Physiognomik der Finiktionen ans. Diese kennt zwei Priiicipieu: Das eine betrifft die unmittelbare Verwirklich»»» gewisser psychischer Sfjatticftiinbe. So losien 3. V die vertikale» Fältche» auf der Stirne ans die Geiieuitheit des betreffenden Menschen zu psychischer Anstrengung, der leise Gang, das Darreiche» der Fingerspitze» statt der Hand nnd dergleichen ans ein scheues Wesen schlicsjeir Das zweite Princip besägt, daß die in jedem Menschen zum Ausdruck drängende seelische Tendenz eine Art Wunschbild oder Leitbild entstehe» lägt, das, ohne als solches im Bewnsztsein vorhanden sein zu»liisse», gleichivohl auf die Beweguugsgewohuheiteu Eiuflnsz übt, so z. B. die Gewohnheit, salbungsvoll zu sprechen, die dein Bedürfnis entspringt, aus der Art des Sprechens eine bestimmte Einwirkung auf die Mitmenschen aus- zuüben. Bei der Schrift nun erzeuge»»tusre Bewegungen in jedem Augenblick ein optisches Bild und auf dieses wirkt inodiftziereud das Leitbild, d. h. eine Geneigtheit, gewisse Schriftzüge vor sich zu haben, ein. So giebt es Menschen, die absolut dünn, d. h. mit Haarstrichen schreibe», ohne sich dessen bewußt zu sein. Giebt man einem solchen eine dicke Feder in die Hand, so erschrickt er förmlich vor den dicken Schriftzügen und nun wird es ihm vielleicht erst klar, daß es ihm peinlich ist, dick zu schreiben. Da die Schrift uns in erster Linie Formen vor Auge» stellt, so muß das allgemein menschliche Raum- gcfühl deren Gestaltung beeinflussen. Der Eindruck der Schrift wird sür unser Gefühl durch die Grundstriche der Buchstaben, die Schrift- läge bestimmt: darum sucht fast jeder, der seine Schrft verstellen will, die Lage der Grundstriche zu verändern, darum wird beispiels- weise auch die Durchstreichnug, also Ungiltigmachung eines Buchstabens, durch Ziehung eiueS Striches quer zur Grund- richtung des Buchstabens vorgenommen. Weitere Beispiele für die Rolle, die das Raumgefühl bei der Gestaltung der Schrift spielt, sind die Klammern, das Lückeuzcichcn. das die Funktion eines Keils hat und oben die Aufuahmesähigkeit andeutet und das Fragezeichen, dessen gewuudeue Linie die Unbestimmtheit symbolisiert. Unter Vorlage verschiedener Schriftproben erläuterte der Redner dann die hauptsächlichsten Abweichungen von der»or- malen Binduugsweise, den sogeuanntm ArkadeudnkwS(Bogen nach oben), den Guirlaudeuduktus(Bogen nach unten). Bezüglich der Arkadenform vertritt der Redner die Auffassung, daß das unbewußt wirkende Bedürfnis nach übertvölbenden und damit zugleich ver- deckenden Raumforme» als Ursache zu betrachten sei. Damit steht im Einklang der crfahruugSmäßige NachtveiS, daß verschlossene, zurückhaltende, diplomatisch augelegte Menschen unwillkürlich die Arkadenform bevorzugen und zugleich danach streben, in der Schrift Kurven, die oben offen sind, zu vermeiden, was auf die maimig- saltigste Weise geschieht.— Hygienisches. — Im.Deutschen Verein für Volkshygiene" sprach unlängst Dr. Waideher„über einige Schutzvorrichtungen des menschlichen Körpers gegen äußere schädliche Einflüsse". Er unterzog, berichtet die„Voss. Ztg.", deren vor- uehmlich drei der Erörterung. Zunächst die Oberhaut, deren Bau er eingehend erläuterte, mit besonderem Hintveis darauf, wie schon die anatomische Anlage ans die Abwehr von Schädlichkeiten gerichtet ist. Als zweite Schutzvorrichtimg besprach Dr. Waldeyer die Schleim- absouderung auf de» Schleimhäuten des Körpers. Die unter normalen Berhältnisien dünne Schicht von Schleim, einer beim Gesunden klaren und durchsichtigen Flüssigkeit, die von den Schleimdrüse» abgesondert wird, bietet einen Schutz gegen schädliche Eintvirknngen, die die Schleimhäute treffen. Es ist dafür zu sorgen, daß die absondernde Thätigkeit der Schleimdrüsen, z. B. des Magens, nicht durch den Genuß von scharfen Getränken geschädigt tvird. Die unverschrte Schleimhaut hat eine Bedeutung auch für die Atmung. DaS hygienische Atmen ist das Almen durch die Nase. Es kommt darauf an. daß die Schleimhaut der Nase stets feucht erhalte» bleibt. Darauf zielt eine natürliche Einrichtung ab, deren 5tennt»is dem Bonner Anatomen Schieferdecker zu verdanken ist, Dieser wies eine Besonderheit in der Anordimng der Blutgcfäßverteilnug der Schleimhaut der AtmungSwege nach. Sie besteht darin, daß Ausläufer der Blutgefäße, die sog. Basalkapillaren unmittelbar an der an einzelnen Stellen verdünnten Basalmembran verlaufen. Dadurch kommt ein dauernder Blutstrom im Bereiche dieser Schleimhaut zu staude, der die Schleimhaut feucht erhält. Den breitesten Raum unter den Schutzvorrichtungen des menschlichen Körpers kommt den farblosen Blutkörperchen, den Leukochten zu. Die Leukoeyten haben die ganz merkwürdige Befähigung, tlörperchen, leblose und lebende, auf ivelche sie treffen, in sich aufzunehmen. Dazu kommt. daß die farblosen Blutkörperchen im Körper umherlvandern. Man trifft sie nicht bloS in der Blutbahn, sondern außerhalb der- selben in allen Organen. Es sind Wauderzellen. Lehrreich sind Versuche mit gefärbten Massen. Bringt man chinesische Tusche unter die Haut eines Frosches, so sieht man, ivie die einzelnen Tuscheteilchen von farblosen Blutkörperchen aufgenommen werden und oft von ihnen verdaut werden. Danach hat man die weißen Blutkörperchen auch als Freßzellen bezeichnet. Ein andre? Mal schleppen die farblosen Blutkörperchen die Farbstoff- teilchen mit sich nach außen. Bei ihren Wandernngen gelangen nämlich die farblosen Blutkörperchen auf Schleimhäute, die mit der Außenwelt in Verbindung stehen, z. B. auf die Schleimhaut des Verdauungskanals. Von hier aus werden sie und mit ihnen die Stofftcilchen. die sie in sich bergen, nach außen gefördert. Wichtig ist, daß sich die farblosen Blutkörperchen gegen organische kleine Körper, gegen Bakterien, ganz ebenso verhalten wie gegen die leb- losen Tuscheteikche». Dabei ist die erstaimliche Thatsache festgestellt. daß die weißen Blutkörperchen sich gegen alle Bakterien gleichmäßig verhalten. Sie suchen die eine Art auf, während sie der andren aus dem Wege gehen. Die Fähigkeit, Batterien zu vernichten, macht die weißen Blutkörperchen zu einem kräftigen Kampfmittel gegen eine Reihe ansteckender Krankheiten. Sie wirken hierbei aber noch nach einer andren Richtung. Sie sind nämlich, wie H. Buchner gezeigt hat. an der Bildung der specifischen Schutzstoffe(Alerine)� derjenigen Stoffe, ivelche die durch Bakterien im Körper gebildeten Gifte' in ihrer Wirkung niederschlagen, beteiligt. Die HauptbilduugSstätten der weißen Blutkörperchen sind die Mandel»! Man weiß� daß eS deren viel mehr giebt, als man früher annahm. Man hat die Rachenmandeln keimen gelernt und weiß, daß die sogenannten Solitärdrüsen, die Peycrschcn Drüsen Mandeln sind und daß der Wurmfortsatz eiue große Mandel darstellt.— Notizen. — DaS östreichische Kultusministerium will das Andenken Giovanni S�gantinis durch Herausgabe einer mit reichem Bild- schmuck versehenen monumentalen Monographie ehren. Die Abfassung des biographisch künstlerische» Textes wurde Dr. Franz S e r v a e s übertragen: farbige Nachbildungen von Schöpfungen des Meisters, die nach dem besten modernen Reprodnktiousverfahren hergestellt werden sollen, werden dem Werke beigefügt werden.— — Ei» Preisausschreiben für Einakter wird von Otto EiSuers Verlag(Redaktion von„Bühne und Welt") in Berlin erlassen. Die Preise betragen 500 M., 300 M. und 200 M. Der späteste EinlieferungStermin ist der 1. Juli 1901. Einige Theater, darunter die Stadltheater von Leipzig und Bremen, verpflichten sich, die preisgekrönten Stücke aufzuführen.— c. Ein erfolgreicher Roman. Von Mrs. Henry Woods Roman„East Lyune" kündigt jetzt der Verleger Mnemillan da? 500. Tausend an. Wenige Bücher sind so viel und so ständig verkauft Ivorden, wie dieser überall gelesene Roman; überdies ge- hören auch die Dramatisierungen des Romans— es giebt deren wenigstens vier— zu den beliebtesten Stücken der Theater in den englische» Provinzen.— — Richard Balle ntin verläßt mit dem Ablauf dieser Spielzeit das Deutsche Theater und siedelt ins Lessing-Theater über.— — Er n st RosmerS Schauspiel„Mutter Maria" wird im April im Deutschen Theater die Erstanfführnng erleben.— — Ferdinand Bonn ist vom Neuen Theater auf mehrere Jahre vom Beginn der nächsten Spielzeit an engagiert worden.— — Georg Neickes Drama„Morgen" ist vom Deutschen Theater zur Aufführung angenommen worden. Das Stück wird noch in diesem Monat in Seene gehen.— — DaS e ls ä ss i s ch e Dia'lekt-Theater wird vom 1. bis 16. Mai im Berliner Theater eine Serie von Gastspielen veranstalten.— — Der„ K a d e t t e n v a t e r" ist der Titel, den die Neu- bearbeitung von Emil Pohls„Luciude vom Theater" im T h a l i a- T h e a t e r erhalten hat. Die Premiere ist ans den 9. März augesetzt.— — Max Halbes Drama„ H a u S R 0 s e n h a g e n" erzielte bei der Erstaufführung im Münchner R e s i d e n z- T h e a t e r einen starken Erfolg.— —„Kleine Münze", ein Schauspiel von Maria Berts, fand bei der Eistaufführuug im deutschen B 0 l k S- theater in Wien eine günstige Aufnahm«.— —„AnS'm Herzen heraus," ein Volksstück von S ch ö n t h a 11 und C h i a v a c c i, fand bei der Erstaufführimg im Wiener R a i m u n d- T h e a t e r eine günstige Anfnahme.— — Die Erstaufführung der Oper„Samson und D a l i l a", die dieser Tage im Opernhause stattfinden sollte� ist verschoben worden.— — Die Sängerin S y b i l S a n d e r s 0 n ist zu einem Gastspiel im W i>1 t e r g a r t e n engagiert worden. Ihr Auftreten soll eine Reihe von Gastspielen berühmter Opernsäugeriimen im Wintergarten eröffnen.— —„Der polnische Jude", eine zwciaktrge Oper von Carl Weiß, hatte bei der Premiere im Deutschen Theater zu Prag einen großen Erfolg.— — Vom 1. März an ist die R a t i 0 n a l- G a l e r i e für daS Publikum an den Montagen geöffnet und an den Dienstagen ge- schloffen.— — Die A u s st e l l u 11 g„Die Kunst im Leben des Kindes" wird am 9. März eröffnet»verde».— — Angeregt durch die bevorstehende Herausgabe de" West- fälischen VolkStrachtcnwcrks, hat die Anthropologische Gesellschaft in Münster beschlossen, die westfälischen Nationaltrachten zn sammeln und im Provinzialinnfeum für Natuickimde aufzu- stellen.— — D i e I V. internationale K u n st a u S st e l l u n g der Stadt Venedig wird vom 22. April bis zum 31. Okober 1901 währen.—_ Verantmortlicher Redacteur: Heinrich Ttröbel in Berlin. Druck und Berlar von Max Bnding in Berlin.