Mnterhaltungsblatt des Horwäris Nr. 50 Dienstag, den 12. März. 1901 (Nachdruck verdoten). 81 Die Bimie Deihv. Berliner Roman. Von Fritz Mauthner. „Erinnern Sie sich noch, wie vorigen Winter die Oper von Klingenreuter solches Furore machte? Es war ja so toll, daß sogar Sie von dem Erfolg erfahren haben müssen. Klingenreuter war heute vor einem Jahre noch ein unbe- kannter Musiklehrer. Nebenbei bemerkt, es soll nichts an ihm sein. Es wird von seinem ganzen Ruhm nichts weiter übrig bleiben, sagt man mir, als daß er für die Stunde zwanzig Mark kriegt, anstatt zwei Mark. Ist aber auch nicht ohne. was? Na, die bunte Reihe von Klingenreuter kenne ich ganz genau. Weil... eine gute Freundin von niir den Tanz nntmachte. Alle Welt sagt, sein Busenfreund, der Kapellmeister N.... habe ihn lanciert. Unsinn. Freund fchaft? Kuchen! Zwischen zwei Männern: Cherchez la femme I Zwischen zwei Frauen: Cherchez rhommel So war es, so ist es, so wird es sein in alle Ewigkeit Amen. Klingen- reuter hat ein Verhältnis mit der Kapellnieistersfrau gehabt, der Kapellmeister betrog seine Gattin mit seiner besten Sängerin. Die wurde protegiert... na einerlei. Wie die Kapellmeistersfrau erst Beweise in Händen hatte, da ging der Tanz los; sie verzieh nur unter der einen Bedingung, daß ihr Freund einen Vorteil davon hatte. So kam sein Ruhm zu stände. Klingenreuter wurde entdeckt, nacheinander von allen Mitgliedern der Kette, Plötzlich, entdeckt vom Kapellmeister, von der Sängerin usw. Die ganze bunte Reihe, jedes Männlein und jedes Weiblcin hatte irgendwo ein Gelüst und irgendwo ein schlechtes Gewissen. Die Kapellmeistersfrau hatte alle Strippen in ihrer Hand und zog, und ihre bunte Reihe tanzte und riß den Klingenreuter in den Ring hinein... und der ist nicht dmnm, der läßt nicht mehr los." Bohrinann hatte die Hände zusammengeschlagen. „Mascha, Mascha!" rief er entsetzt.„Ich wage es nicht, Sie zu verstehen. Das wäre ja alles gegen das sechste Gebot! Das wäre ja wie vor der Sündflut, wo dann das Straf» gericht kommen mußte. Sodom und Gomorrha!" „Bleiben Sie. wie Sie sind, aber lassen Sie mich machen. Was so eine Kapellmeistersfrau kann, diese schwerfällige Madame, das kann Mascha Lose auch noch. Sie brauchen mir nicht zu danken, es ist ein Hauptspaß, in einer so bunten Reihe den großen Tanz zu tanzen. Sie brauchen nicht alles zu verstcheu, Sie sollen nur im Ringe stehen bleiben, wo ich Sie hinstellen»verde. In bunter Reihe zivischen»nir und... die andre muß ich mir noch überlegen. Ihre Frau ist nicht zu brauchen, und auf den andren neben niir brauchen Sie nicht eifersüchtig zu sein. Das wird mein Schwager Ncumann fein. Der Grundstückspekulant. Sie wissen doch? Der hat feit einein Jahre das Kronprinzen- Theater auf dem Halse. Ncumann ist verheiratet. Meine Schwägerin ist eine Pute, aber sie illteressiert sich für Schauspieler. Na, kurz und gut, in wenigen Wochen kommt da eine neue Direktion hinein. Und in diesen Ring will ich Sie hineinstellen, wenn Sie mir gehorchen, wenn Sie an mich glauben, wenn Sie zu Weihnachten so berühntt sein wollen, daß Ihre Photographie in den Schaufenstern der Friedrichstraße hängt." Bohrmann hatte ablehnen»vollen, den großen Tanz mit- zutanzen, aber Maschas letzte Worte»virbclten ihn um und um. Er sah sich im Geiste mit Siegstied durch die Friedrich- straße gehen, vor einer Buchhandlung stehen bleiben und ihn auf die Photographien berühmter- Menschen aufmerksam machen; da zeigte er ihm dann Bismarck und Lili Lehmann, die berühmte italienische Tragödin Duse und Hermann Sudermann, Hofprediger Stöcker, den Pro- fessor Virchow, Alfred Friedmann und Heinz Tovote... so hatte er sie erst vor tvenigen Tage»» nebeneinander erblickt, sich die bekannten und die unbekannten Namen unwillkürlich eingeprägt und eigentlich nicht ernsthaft daran gedacht, daß so ettvas für ihn erreichbar wäre. Jetzt aber hatte Mascha das Ziel vor ihm hingestellt, nicht in den blauen Dunst mit dem allgemeinen Worte Berühmtheit, nein, deutlich, sichtbar, hinter die Spiegelscheiben der Schaufenster, und nicht in die blaue Ferne, sondern... da, mit einem Sprunge erreichbar, für Siegfried unter den Weihnachtsbaum zu legen. Er sank vor ihr auf die Knie nieder, diesmal ohne ihre Hilfe. In diesem Augenblicke vermischte sich ihm der Ruhm, den sie versprach, in eins mit seinem unklaren Ideal. Sie, die so lockend vor ihm stand,»var das, was in den Büchern immer Muse hieß. Er flüsterte: „Führen Sie»nich, ich folge. Ich»veiß, es ist gegen Gottes Gebot, aber ich bin ja schon im kindlichen Glauben erschüttert. Es weiß es noch niemand, Ihnen»vill ich es anvertrauen. Sie»vissen, daß ich seit Jahren Mitarbeiter der „Allgemeinen Lehrerzcitung" bin. Es ist ein gläubiges Blatt. Vor eineui Vierteljahr erhielt ich ein neues Buch, über die Schulaufsicht, zur Besprechung. Man erwartete von mir eine gründliche Widerlegung der liberalen Forderungen. Mascha, ich habe die Besprechung bis zur Stunde nicht geliefert. Ich mußte dem Verfasser in manchen Dingen recht geben. Mascha. Mascha, ich bin auf abschüssiger Bahn. Ich fühle es, ich werde gegen Gottes Gebot handeln." „Nein, lieber Narr, Gott hat nicht gctvollt, daß der Mensch allein sei. Er hat ihm zwei Arme gegeben. Wenn Gott die bunte Reihe nicht getvollt hätte, er hätte dem Menschen nur einen Arm gegeben und eine Hand. Ztvei Hände hat der Mensch zu vergeben..." „Mascha, Sie lästern! Aber ich kann nicht mehr zurück. Sie... Sie haben mich toll gemacht.. Er vergrub seinen Kopf in ihren Schoß. Mascha legte ihm beide Hände auf die blonden Locken und flüsterte: „Hänsel! Komm'!" Bohrmann sprang auf. Schiver atmend ging er vorwärts bis in die Fensternische. Beide Hände streckte er abwehrend aus und rief: „Wer sind Sie? Sind Sie von den reinen Geistern? Meine arme Hilde ist so gut und treu und opferfähig I Sie ist meinen Kindern eine wahre Mutter! Und weil sie mein ideales Bedürfnis nicht versteht, nur weil Sie den Dichter in niir besser würdigen, nur darum bin ich Ihnen verfallen. Mascha, sind Sie iu Wirklichkeit das reine, hehre Weib, als das ich Sie verehrt habe von der ersten Stunde an? Geistig, geistig müssen wir bleiben I Ich könnte es nicht ertragen, wenn Sie»vären tvie die Welt, von der Sie zu mir sprechen. Ich habe von so einer Welt nie etwas gehört." Mascha kämpfte ein bißchen Aerger hümuter. Sie schloß ihre frechen Augen. Wäre es nicht das einfachste, den ungehobelten Burschen laufen zu lassen? Wird sie von ihm nicht immer wieder Verdruß und Aufregung haben? Ja, aber neue Aufregungen. Seitdem sie denken und lieben kann, ist ihr noch kein Mann mit solcher Andacht gegenübergetreten. Das muß sie erleben, auskosten, schlürfen, dieses Neile. Sie glaubte auf einmal die verdrehte Frau bei dem Dingsda, bei Ibsen, zu begreifen, die etivas llnmögliches erwartet. Na ja, die war wohl ein bißchen anders. Aber dennoch. Mascha öffnete die Augen wieder, und wie sie den hübschen Mann i»» seiner zürnenden Verzückung vor sich stellen sah, in der Fensternische, die blonden Locken vom hellen Sonnenlicht umflossen, da faßte sie den Entschluß, das Abenteuer zu genieße»». Sie rief: „Frage mich nicht, glaube an inich. In mcinein innersten Kern bin ich das reine,"hehre Weib, nach dem Du verlangst. Ich bin Dein jungfräilliches Kind, das Deine Liebe behüten soll vor der schlechten, gemeinen Welt. Kmnm', setze einen Stuhl neben mich. Oder hier, auf die Arinlehne, setze Dich und höre mir zu." Bohrmann that nach ihrem Wunsch. Er setzte sich auf die Armlehne, und sie faßte seine Hände. „Schwöre mir, Hänsel, daß Du iininer an mich glauben »virst, daß Du in mir immer das reine, kindliche Geschöpf achten wirst. Ich bin kern Weib, ich bin..." „Aber Mascha, Sie sind... Du bist doch verheiratet." Ratlose Verzweiflung tönte aus Bohnnanns Worten. Mascha zuckte mit den Augenbraue». Sie»var schon ordeut- lich in der neuen Stimnrnng drin gewesen. „Das hättest Du nicht sagen sollen. In meiner Jugend haben mir teuflische Männer»neinen Kopf, meinen Verstand, weißt Du, meine Meinung von der Welt haben sie mir ver» borten. In diesem Seelenzustande habe ich ganz unpersönlich meinen Mann geheiratet." „Du willst Dich also jetzt scheiden lassen?" Mascha wußte nicht, ob sie sich ärgern oder freuen sollte. Das war ja eben das Neue, daß der Mann, mit dem sie spielte, sie so ernst nahm. Unter allen, mit denen sie bisher gespielt, hatte, war kein eniziger gewesen, der ihr eine Scheidung zugemutet hätte. Sie schüttelte leise und traurig den Kopf. »Das geht ja nicht." Bohnnann begriff zwar nicht völlig, warum es nicht ginge, aber die Scheidung war ihm nicht mehr die Haupt- fache. Es brannte ihm im Herzen, zu erfahren, daß sie ihren Mann nie geliebt habe. Dann war sie ja wirklich das reine, kindliche Geschöpf. Er wollte hundert Dinge fragen, aber er fand die Worte nicht. Endlich stammelte er: „Wie war der Seclenzustand... in welchem Dn... ihn geheiratet hast?" Mascha lehnte sich zurück und ließ sich die Augen von Bohrmanns Händen bedecken. „Ich bin falsch erzogen worden, mein gutes Häusel. Mein Vater schämte sich vor mir, weil er in zweiter Ehe eine blut- junge Person heiraten wollte. So wurde ich bis zu meinem siebzehnten Jahre in Schweizer Pensionen herumgejagt. Ich blieb nirgends lange. Da war ich viel mit Französinnen zu- sammen. Das ist ein schlechter Umgang für deutsche Mädchen. Nach Hause kam ich erst nach der Hochzeit meines Vaters, und da gab es nur einen Gedanken: mich so rasch als möglich zu ver- heiraten. Auch die Hausfreunde meines Vaters wünschten mich fort, so gut ich ihnen gefiel. Ich glaube, es ging wüst bei uns zu. Damals vennutete ich schon etwas wie die bunte Reihe als Geheimnis hinter allem. Das Wort aber und was dazu gehört, hat mich der Klügste von meines Vaters Freunden gelehrt, ein Major a. D., auch mein guter Freund. Mein Erster... wenn ich die Pensionen nicht mitrechne. Er ist irgendwo in einer Heilanstalt gestorben, er war zeitlebens ein arger Teufel." Bohrmann hatte seine Hände von Maschas Augen fort- gezogen, und wie sie jetzt züngelte und die Augen einkniff in unenträtselbaren Erinnerungen, schrie er auf: „Mascha, Du bist..."Du warst..." „Sei still, Hänsel, und laß Dich nicht irre machen in Deinem Glauben. Komm, sei auch Du wie ein Kind, knie wieder hier zu meinen Füßen und höre mir zu, wie ich dem Major zugehört habe... Alles, was Menschen thun, thun sie nur, weil sie Liebesverlangen haben, oder weil sie leben wollen und ihren Hunger stillen, oder weil sie ihre Eitelkeit be- friedigen möchten. Hast Du das begriffen, Hänsel? Daher kommt es, daß die Menschen untereinander leben wie Spinnen oder Wölfe, so voll Haß und Kampf. In den Kämpfen aus Eitelkeit giebt es kluge und dumme Menschen... So lehrte mich der Major. In den Kämpfen aus Hunger giebt es reiche und arme Menschen... Schade daß ich mir nicht alles genau gemerkt habe. Der Major konnte das viel lustiger ausführen. Warte mal: die Klugen oder Schlechten müssen die Dummen oder Guten immer unterkriegen. Ebenso müßten die Neichen immer die Armen auffressen, wenn nicht noch der Kampf aus Liebe da wäre. Richtig! Da aber giebt es nicht Kluge und Dumme, nicht Reiche und Arme, da giebt es nur Männlein und Wciblein. Jawohl! Und weil sich die Kämpfe aus Liebe in alle andren Kämpfe hineinmischen, darum geht die Welt nicht zu Grunde. Das ist die bunte Reihe, die ohne Ungerechtigkeit bald dem Klugen hilft und bald dem Dummen, bald dein Reichen und bald dem Armen. Ist das nicht hübsch?" „Fürchterlich," stöhnte Bohrmann. „Du hast ganz recht, es ist auch fürchterlich. Aber da- mals glaubte ich das alles und ließ alles mit mir geschehen, und als meine Stiefmutter und der Major nreinen Mann für mich aussuchten, da nahm ich ihn eben." lFortsetzung folgt.) Mttfvc Stfjocttspiolev. ES giebt viele, für die Theater und Imitation gleichlvcrtige Begriffe find. Was mit dem Theater zusammenhängt, verhält sich Ijuni Leben ungefähr wie Theaterprinzessinnen zu wirklichen. Man pricht von Theaterscene», als von solchen, denen kein Ernst bcizu- wessen ist, und wenn eüi Maler die Situation eines Bildes oder ein Dichter die Situation eines Buches als unecht bezeichnen will, sagt er: Theater. Ein Beigeschmack von Minderlvertigem und Un- echtem und Gemachtem klebt an den« Wort. Theaterpomp, Theaterbcgeisterung. theatralisches Auftreten— die Sprache drückt es in Dutzendci! von Formen aus. Es geht so weit, daß Fernstehende gemeinhin überrascht sind, in einem Schauspieler einen einfachen und natürlichen Menscben zu finden.„Er hat nichts von einem Schau- spicler an sich," sagt man und meint das lobend. Wem fiele es wohl ein, von einem Maler zu sagen:„er hat nichts von einem Maler an sich." Biel eher würde man sagen:„ein rechter Maler," um damit seine Zustimmung auszudrücken. Auch Dichter und Musiker genießen bei Fernstehenden den Ruf einer gewissen Ver- schrobcnhcit. Das Borurteil in Bezug auf die Schauspieler hat sich aber viel tiefer eingefreffen. Es ist ftir die Familie ein Unglück, wenn ein Mensch Dichter werden will; es ist ein größeres, wenn er„zum Theater" geht. Mitunter finden sich geborene Verbrecher, die mit beiden Plänen zugleich umgehen, und danil hat die Familie einen Anspruch auf alles Mitleids das im Hiimnel und auf Erden zusammenzubringen ist. Ein Teil des Vorurteils hängt mit den Bedingungen der schau- spielerischen Kniist zusammen und ist am Ende gar kein Vorurteil, fondern eine richtige Meinung. Es ist der berühmte„wahre Keri«" in der falschen Ansicht. Am Theater giebt es durchaus nicht mehr Un- echtes und Imitiertes als in jeder andren Kunst. Nur daß der unechte Schauspieler für seine unechte. Kunst niit der körper- lichen Persönlichkeit eintritt. Mit ander» Worten: nur daß das Un- echte mehr am Menschen haftet, als in irgend einer andren Kunst. Ein gezierter Schauspieler ist leicht im Leben auch geziert; ein ge- ziertcr Schriftsteller kann am Biertisch ein ganz vernünftiges Wesen sein. Dannt ist die Sache aber auch zu Ende und das Vorurteil be- ginnt. Ein Teil desselben haben natürlich die Theaterleute selbst Hervorgerufe». Man braucht nur an die Reklame der Sorma zu denken, um sofort ein Mißverhältnis zwischen Schein und Wirklichkeit zu spüre»— aus diesem Gefühl aber resultiert der Fluch des Minder- wcrtigen, mit dem das Wort„Theater" behaftet ist. Die Sorma ist mir ein Beispiel; es ließen sich viele anführen, vorallcm dicDuse.dieLchrerin der Sorma in allem Schlechten. Es ist indes an dieser Stelle bereits ausgesprochen und kann gern wiederholt werden, daß gerade die echten Schauspieler und Schauspielerinnen sich von dem ruinösen Treiben fernhalte». Von Basserinan», Rittner, Reinhardt, Kahßler, Sauer, Matkowski, von El>e Lehmann, Rosa Bertens, Marie Meyer, Pank-Steinert, Frau v. Pöllnitz usiv. hört mau nie etwas, es sei denn, daß man von ihnen aus zureichenden Gründen hören muß. Einige von ihnen sieht und hört man sogar weniger, als im Hinblick auf ihr Talent zu verantworten ist. Für diesen Verzicht auf Zeitmigslärm werden die Schauspieler indes keincsivcgs immer entschädigt. Wenn sie ernst arbeiten, sollten sie auch ein gutes Recht auf ernste Würdigung haben, und das wird ihnen allerdings nicht immer zugebilligt.' Der„Minienknltus" nach Wiener Manier ist mir unter allen Schrecken der schrecklichste; er ivürdc auch nicht gefördert, vielmehr zerstört werden, je mehr man sich daran gewöhnte, die ernste Arbeit der Schauspieler in ernsten Abhandlungen zu würdigen. So aber wird ein elender Schwank in dreißig Zeilen abgelehnt, während man die gesamte Darstellung vielleicht in drei Worte» zurückiveist— ich rede von Ablehnung, weil ich den Ernst so wenig im Tadel als in der Zustimmung ver- missen möchte; beides scheint mir gleich beleidigend zu sein. Die lilterarischen Wochenschriften bringen im allgemeinen fpaltcnlange Berichte über die Premieren— von den Schauspielern ist dabei wenig die Rede oder doch nur in einer aphoristischen Form, die unbefriedigt läßt, auch ivenn sie genug des süße» Lobs um- schließt. In»nsre gelehrten Revuen gar findet man Aufsätze über Künstler aller Gattungen— nur die Schauspielkunst muß beiseite stehen. Ich Iveiß, daß es Schivicrigkeilen zu überwinden giebt und kenne sie so gut ivie irgend ein andrer. Das Buch des Dichters kann zu allen Lesern wandern, Böcklins Sonne strahlt auch in den minderwertigen Reproduktionen und kann mithin überall Licht und Wärm« verbreiten: der Schauspieler ist an den Ort ge- bunden. Nur scheint es mir eine grausame Logik, dem Schauspieler alles zu nehmen,»veil ihm die Bedingungen seiner Kunst schon vieles rauben Genau besehen, ist es anch durch nichts gerechtfertigt. Einmal kann eine Abhandlung sehr loohl einen Be- griff, sogar eine Anschauung vom Schaffen eines Schauspielers geben und dann habe ich wcmgstens manchmal a»S einem Artikel über Malerei etivas gelernt, ohne den Maler zu kennen. Es wäre inerk- würdig, wenn man der schanspielcrischeu Kultur nicht ganz in der- selben Weise dienen könnte. Wo ein Wille ist, ist auch ei» Weg, ja sogar— nach Schopenhauer— auch Intelligenz. Also: laßt uns wollen I Ich möchte nicht mißverstände» werden, an Sympathie und Wärme fehlt eS nnsern Schauspieler» gewiß nicht. Ihre Kunst bringt es mit sich, daß man— im Guten und im Bösen— in hohem Grade die Person verantwortlich macht, und so finden sie für echte Kunst gewiß anch einen echten Handschlag. Mir ist das nicht genug und dann denke ich anch lveniger a» die Schauspieler, als viel mehr an ihre Kunst, und.' darin hoffe ich mit den besten unter ihnen eines Sinns zu sein. Für ihre Kunst aber verlange ich: nichr Raum, mehr Ernst, nichr Tiefe. Daß der Einzelne wenig zu ändern vermag, habe ich selbst nicht ohne Bedauern empfunden. Es muß ei» Umschivnng in den allgemeinen Anschauungen eintreten. Die Neubesetzungen müssen mehr beachtet werde»— selbst auf die Gefahr hin, daß ein paar gleichgültige Premieren von Autoren, die als gleichgültig belaimt find, dabei verloren gehen. So lange der unbedingte Premieren- zwang besteht, kann der Kritiker die Neubesetzungen gar nicht bc- suchen— er kann es nicht, weil er sich das bißchen Frische bewahren muß, das in seinem Beruf überhaupt bewahrt werden kann. Andrer- seits muß der Besuch der Neubesetzungen— �natürlich nicht jeder einzelnen— im allgemeinen Bewutztsein eine Pflicht Werden. Es muß dem Schauspieler ganz gleichgültig sein, ob er eine Rolle bei der Premiere oder späterfcspielt—, sobald die Rolle und er selbst von einiger Bedeutung sind, stuuß er darauf rechnen können, daß die Kritik sich einfindet die Kritik, nicht ihre gelegentlichen Stellvertreter. Die Berliner Verhältnisse bringen es mit sich, daß ein oder zwei Stücke den Spielplan beherrschen. Ein Schauspieler, der in diesen Stücken nicht beschäftigt ist, ist ein- fach tot und die übrigen müssen ihre Rollen häufig genug bis zum Ekel spielen. Das sind auf die Dauer unhaltbare Zustände. Es macht sich ja auch bereits eine allgemeine Schanspielerflucht geltend. Mag sei», daß sich in Berlin zu viele Schauspieler zusammen geflmden haben, und daß wir einige abgebe» können t»id müssen. Für die Zurück- bleibenden aber muß gesorgt werden. Hat ein Direktor einen bc- deutenden Schauspieler,' muß ihm auch Gelegenheit geboten werden, fich in einer bedeutenden Aufgabe zu versuchen. Enthalten die Stücke der Hausautore» solche Aufgaben nicht, muß auf Schiller oder Shakespeare oder Hebbel zurückgegriffen werden. Den Reiz der Neuheit bietet dann die Leistung der Schauspieler. Erscheint die Kritik zu den Aufführungen, braucht den Direktor die Mühe der Ein- studierung nicht zu verdrießen, ganz abgesehen davon, daß ein Kassencrfölg ja keineswegs auszubleiben braucht. Im Gegenteil: eine Unterbrechung der üblichen Hausantoren würde vermutlich auch von, Publikum als ivohlthucnd empfunden werden. Etwas muß jedenfalls geschehen, wenn wir die Schau- spielcr behalten wollen, die wir besitzen. Wir müssen sie aber be- halten, wenn>vir mit Erfolg für ein Aufblühen der Bühnen arbeiten wolle». Wenn ein Dichter sich nicht auf das Buch zurückzieht(und das thnt freiwillig niemand), ist er vom Schauspieler abhängig— wie der Schauspieler von ihm Das Bühnendrama kann ohne Dichter gar nicht, ohne Schauspieler aber auch nur schlecht bestehen. Das sollte man nicht vergessen und den schauspielerischen Leistungen mehr Ernst und Arbeit widmen.— Erich Schlaikj er. Mleinos Feuilleton. — Woher staliiiut der Raine Berlin? Die Wiener deutsche Rundschau für Geographie und Statistik schreibt:»Die Ableitung des Namens.Berlin" hat den Sprachgelehrten schon außerordentlich viel Kopfzerbrechen gemacht, linier den zahlreichen Erklärungen, die sich im.Bär" zusammengestellt finden, sind eine ganze Reihe auch recht sonderbar ausgefallen. Da soll Berlin zunächst daS Verkleinc- rungswort von„Bär" oder„Beere" oder gar„Perle" sein. Ja, man hat das Wort sogar vom Griechischen abzuleiten gcstlcht und dazu kurzweg die Voraussetzung gemacht, daß Berlin eine griechische Niederlassung gewesen sei. Eine ganze Anzahl Erklärungen geht auf das Keltische zurück. So bildete Mahr zuerst das Wort Berlin von dem keltischen„borts", waö Brachfeld bedeutet, dann aber von dem keltischen„xaür, peür, pör"(Weide) und „ilöyn"(Hain), so daß also Berlin urfprmiglich.Weidehain" gewesen wäre. Ebenso versucht Rieckc das Wort auf einen keltischen Ursprung zurückzuführe»; er denkt sich jedoch„biorlins oder birline", die Fähre, oder„bsirline", der Dnmni als das zu Grunde liegende Wort. Andrerseits geht der Franzose Bnltet wieder auf daS keltische „bor", die Krümmung, und„lin", der Fluß zurück; danach würde Verlin also„Flußkrüinniung" bedeuten. Aber wenn diese Erklärung auch auf die Lage der Rcichshaichlsladt passen würde, so entspräche sie doch der Lage der andren Ortschaften, die den gleichen Namen führen(Berlin, Perlin, Parlin, Barlin, Belli», Berlinchen) nicht so gut. Ferner ist es überhaupt außerordentlich fraglich, ob Kelten in die zu ihrer Zeit noch völlig versumpfte und versandete Mark Brandenburg, die zur Ansiedelnug nur tvcnig verlocken konnte, gekommen sind. Es bleibt die Ableitung ans dem Slavischen übrig, und für diese spricht schon der Unistand, daß das am rechten Sprcenfcr gelegene Kölln slabijchen Ursprungs ist.„Kölln" bedeutet inr Wasser stehende Pfahlbauten. Der am linken Sprccnfcr liegende Teil hieß ursprünglich„der Berlin". Der Ritter Hermann Vorlaut zu Lichtenberg 1392, der Ritter Heinrich v. Reichenbach 1391 und Richard v. Rochow im Anfang des 15. Jahrhunderts schreiben„die vier Gcwerle, die Ratshcrrcn zc. jc. an de», Berliü". Aber auch von slavischen Wörtern hat nia» sehr verschiedene zur Erklärung des Worts„Berlin" herangezogen, z. B.„bor", nimm, und„Hir", Schleie, oder bor", der Wald, und„Zirno", der Lehn,, oder„bor" und„rolma", der Acker, oder auch„bero", die Stange, das Szepter. Nach dem„Bär" ist das Wort jedoch von„pero" abzuleiten, das in, Slavischen„die Feder" bedeutet. Die zweite Silbe weist auf einen noch im Polnischen erhaltcncn Stamm hin, dessen Bedeutung„sich mausern" ist. Danach bezeichnete Berlin den Mauserplätz der Gänse und Enten, den Weideplatz für das Federvieh der Köllncr Bürger, welche Erklärung auch für die andern Ortschaften, die Berlin oder ähnlich heißen, passen würde.— Theater. os. I m Thalia-Theater mühte man sich am Sonnabend an einen, wunderliche» Experiment. Eine alte Posse des fruchtbaren Herrn Ennl Pohl„Lucin de von, Theater" wurde ganz neu lackiert unter dem Titel„Der Kadettenvater" auf die Bühne gebracht. Das alte Stück aus dem Anfang der Siebziger brodelt noch in, sentimentalen Fett; ein adliger Bube verführt eine arme Weberstochter, der in Schwester Lncinde eine wenigstens pekuniär erfolgreiche Rächerin ersteht, denn fünfzigtausend Mark„Schadens- ersah" weiß das mit List ans Werk gehende Theatermädel dem ni»,!snutzige» Gecken abzuknöpfen. Dieser ziemlich gesunde Gehalt des Stücks wird aber in der nach den Principien des Thalia- Theaters unternommenen Modernisierung sehr zur Nebensache. ES ist wahr, in den früheren Posse» dieser Bühne gab es mehr Trikots und AnSstattnng als am Sonnabend, aber dafür mußten nun- mehr Komiker und Soubrette» in Couplets und dösen Witzen schier Unmenschliches leisten. An, Schluß jedoch drängten sich in den Bearbeitern Kren und S ch ö n f e l d' etliche Skrupel und Zweifel, ob nicht doch noch etwas Appctitreizendes zu servieren sei, und so verfielen die Herren darauf, das„ U e b e r- brettl" durch Thomas und Konsorten glanzvoll parodieren zu lassen. Der in, Gesichtcrschneiden lvie kein andrer bewanderte Senior der Komiker mußte sich als Pierrot am Laternenpfahl aufbaumeln; als seine leichtfüßige Colombinc aber hüpfte zum besonderen Gaudium des Parketts Herr T i e l s ch e r herum. Im allgemeinen Jubel über die Kühnheit dieser Idee schien das Publik»», die Dürftigkeit dessen, Ivos es vorher erdulden mußte, vergessen zu haben. Alle be- währten Kräfte des Thalia-Thcaters waren natürlich im Stück be- schäftigt; als„Lncinde" zeigte Fräulein Milton, daß sie Temperament hat. Wirkungsvoll spielte Herr Helmerdina einen entlassenen Weichensteller; in de», überhaupt am vorzüglichsten gc- ka tene» zweiten Akt schlug eS mächtig ein, als er erzählte, wie' er nach vierzehnslLndiger Arbeitsdancr für ein Malheur verantwortlich gemacht und lvie er dann von seinen Kameraden mit einer Ehren« gäbe dedacht worden sei zum Dank daftir, daß er den StationS- Vorsteher ein— Rhinoceros gescholten.— Archäologisches. — liebet die von Dr. Robert Koldewcy geleiteten AuS« g r a b»» g e n i n und bei Babylon", berichte» die„Mit- teilunge» der deutschen Orientgesellschaft": Die Ausgrabung am Palast deS Kasr ist soweit vorgedrungen, daß man sich ein deutliches Bild von seinem Erhaltungszustand und in, allgemeinen von seiner Anlage machen kann. Er ist überall, soweit die Grabung bis jetzt reicht, bis unter den antiken Fußboden zerstört. Die verschiedene Gruiidrisse übereinander bildenden Gebäudeina, lern stehen auf einer massiven Plattform aus Ziegclbmchstücken. In diese Plattform ein« geschlossen und von ihr überbaut liegt nuten eine gewaltige, etwa von Ost nach West verlaufende FestungSmaucr von 17 Meter Dicke mit einen, einfachen Thordurchgang. Die Ziegel tragen alle den Nebnkadnczarstenipel. Von Einzelfunden find hervorzuheben: Ein großes Gewicht aus Kallstein in Form einer Ente(Länge 47 Centimeter)»»deine glasierte Amphora, die bis obenhin angefüllt ist mit kufischen Silber« münzen und etwa 30 Kilogramn, wiegt; das Gefäß ist fast unver« letzt, die Münzen sind zusammengefintert und können, ohne daß daS Gefäß zerstört wird, wohl nicht untersucht werden. Ferner wurde in einen, andren Gebäude ein kleiner Stempel mit eine», schreitenden Löwen und einer aramäischen Inschrift gefunden, die der Straß- bnrgcr Orientalist Professor Euting bereits entziffert hat. Der Name, de» die Inschrift bietet, erinnert an den einer assyrischen Sklaven» Verkaufsurkunde.— Auf der Ostfront des„Kasr" in Babylon werde» ferner zwei Sorten von Straßenpflastersteinen gefunden; eine größere aus weißem Kalkstein und eine kleinere aus rot- weißer Breccio, verkittetem Gestein. Die Platten sind derartig gearbeitet, daß sie oben scharf aneinander schließen, während die Fugen sich nach unten zu erweitern. Diese waren von oben her mit Asphalt vergossen. Eine von den Schmalseiten eines jede» Steins trug eine Inschrift Nebukadnezars. Die llcbersetznng der Kallstein- Inschrift lautet:„Nebnkadnezar, König von Babylon, Sohn NabopolassarS, Königs von Babylon, bin ich. Die Babelstraße habe ich für die Prozession des großen Herrn Marduk mit GebirgS- steinplatten gepflastert. Marduk, Herr, schenke ewiges Leben l" Diese Jnschristlegcnde stellt sich in, wesentlichen als ein Auszug ans NebukadnezarS großer Steinplatten- Inschrift dar. Wie dann weiter Dr. Friedrich Delitzsch ausführt, ist diese inschriftliche Entdeckung von größtem Wert für die topo» graphische Ausstellung des alten Babylon und berechtigt weiter zu der Hoffnung, daß nunmehr auch der große Marduktempel„Esagila" gefunden werde. Denn den Ausgangspunkt der Straße bildete die sogenannte„Schicksalskammer", das glänzende Gemach(ckü-a�aZ»), in welchen, bei Beginn jedes Jahres am 8. und 11. Tage der in Borsippa thronende Götterherr Nebo Wohnung nimmt und die Ge« schicke der Welt und speciell des Königs bestimmt, während die Götter des Himmels und der Erde insgesamt, chrfurchtsoll gebeugt, vor ihm stehein Dieses„glänzende Gemach" aber, dessen WändeNebukad« nezar mitlgediegencm Gold überziehen ließ, bildete einen Bestandteil deS großen Tempels deS Gottes Marduk, Esagila. Von der Schicksals« kaum, er aus bis zur Babelstraße Aibur-schab», gegenüber dem „Prachtthor", hatte Rabopolassar die Prozessionsstraße Marduks mit Brecciaplatten schön pflastern lassen, und sein Sohn Nebukadneza« hatte dann diese Straße noch weiter fortgeführt, indem er Aibur«, schabu vom Prachtthor bis zum Thor Jstar-sakipat-tebisa(d. h.„Jstar wirft nieder ihre Feinde") aufschütten und teils mit Kalkstein-, teils mit Brccciaplatten pflastern ließ. Nach einer späteren Rittrilung ihat sich die Vermutung bestätigt, daß ein altbabylonisches Ge- bäude tief im Innern am Ende der Straße der gesuchte Tempel ist.— Völkerkunde. — Anamitischer Aberglaube. Die Anamiten belvachen den Leichnam eines Verstorbenen äufs sorgfältigste; denn sie schließen aus gewissen Anzeichen auf das Schicksal desselben im Jenseits. Bleiben nach dem Abscheiden die Füße noch eine Zeit lang warm, so gilt ihnen dies als Zeichen, daß die Seele zur Hölle fährt, bleibt aber der Schädel warm, so fliegt die Seele in den Hinunel. Bleiben Schädel, Leib und Füße warn», so bedeutet dies, daß die Seele sich als Glied einer reichen und vornehmen Familie reinkarniereu wird. Erhält sich die Leiche mitten auf dem Rücken noch warm, so wandert die Seele in den Leib eines Bettlers. Bleiben die Augen nach dem Tode offen, so wird der Abgeschiedene in seiner neuen, meuschlichen Existenzform aufaugs viel Unglück erleide», wenn sich aber die zuerst offen gebliebenen Augen schließen, so wartet seiner eine vollkommen friedliche zweite Existenz. Bleibt jedoch der Mund offen, so gilt dies im allgemeinen als Anzeichen einer sehr inferioren Seclenwauderung, hält aber der Tote gar eine Hand geschlossen, so wird, wie die„Indisch-Chinesische Revue" ihren Lesern mitteilt, seine Seele unfehlbar zum Teufel Ilu-Lua mit blauem Gesicht und gelben Zähnen werden.— Ans dem Tierreiche. — Der Sonnenvogel. Indien und Südchina, Haupt- sächlich die Abhänge deS Himälaha-Gebirgs, bewohnt der Sonnen- vogel. Hier geht er bis zu 300 Meter hinauf und tummelt sich an Echten Waldstellen familienweise oder zu kleinen Flügen vereinigt. Der Körper des Vögelchens ist vorherrschend olivgrün gefärbt, die Oberseite dunkler, die Unterseite heller, dem Bauche zu mehr grünlich-weiß. Der Augenbrauenstreif und die Gegend um das Äuge sind gelblich-weiß und nackt, die Kehle lichtgclb, von orange- farbenen Federn wirkungsvoll eingefaßt. Die Flügel tragen eine leuchtend rote Binde, die Schwingen sind schwarz. Der Schwanz ist kurz, tief ausgeschnitten, die Federn sind schwarz-griin. Der Schnabel gelb-rot. Beim Männchen ist die Kopfplatte schwach, immer jedoch deutlich wahrnehmbar gelblich-olivengrün gefärbt, während sie sich beim Weibchen von der Färbung des übrigen KopfeS nicht abhebt. Augenbrauenstreif nebst der Gegend um das Auge treten bemerkbar hell hervor; im übrigen ist die Färbung bei beiden Geschlechtern kaum verschieden. Ein Hauptmerkzeichen für das Männchen ist ein heller Querstreif auf dem Schwänze. So wenig das Freileben des SoiiiienvogelS erforscht ist, so viel bekannt ist sein Gefangeilleben. Als im Anfange der siebziger Jahre die ersten dieser Vögel auf den Vogelmarkt kamen, wurde für das Pärchen der bedeutende Preis von 60 Thalern verlangt und nur wenigen Bogelfreunden ivar es vergönnt, so viel für die schmucken Auslander ausgeben zu können. Erst als in der Mitte der achtziger Jahre etwa 1000 Pärchen Sonuenvögel mit einemnial auf den Markt geworfen wurden, ermäßigte sich der Preis für die Vögel ganz bedeutend und zahlreiche Vogelfreunde erwarben nun Exemplare. Als Stubenvogel zeigt fich der Sonnenvogel, von den Vogel- Händlern auch als'„Chinesische Nachtigall" oder„Peking- Nachtigall" bezeichnet, ausdauernd und anspruchslos. Bei genügender Pflege' schreiten die Pärchen verhältnismäßig leicht zur Brut. Das Nest' wird in den meisten Fällen, je nach der Gelegenheit, entweder in der Vogelstube, in emem Strauche oder in den bekannten Harzer Kanarien-' Baucrchen in einem große» Heckkäfig napfsörmig gebaut. Die Farbe der Eier ist in der Grundfarbe grünlich- weiß, rot und braun gefleckt und gepunktet. Als eigentlicher Kerbtierfresscr ist der Sonnenvogel nicht zn be- zeichnen, obgleich er Kerbtiere als Zugabe seines Futters beansprucht. Sein Hauptfutter besteht indessen aus einem Gemisch, wie cS Weich- freffer erhalten, also aus einem Nachtigallfutter, mit Vogelmiere oder TradeSkantia gehackt untermischt. Auch gequellte Korinthen werden gern genommen. Neben diesem Futter sind dem Sonnen- vogel noch verschiedene Sämereien, als Hirse, Mohn, etwas ge- quetschter Hanf und als Zugabe Obststiickchen zu reichen. In gesang- lichcr Hinsicht verdient der Vogel die Bezeichnung„Chinesische Nachtigall" nicht. Seine Stimme ist zwar rund und voll, die Tone sind harnionisch und wohlklingend, selbst schmetternd, aber an den Nachtigallenschlag reichen sie bei iveitem nicht heran.— („Haus, Hof und Garten"). Geologisches. — Eine experimentelle Untersuchung über das Fließen von Marmor. Im Innern des Erdkörpers, wo unsre festen Gesteine gefaltet werden und flüssig find, herrschen Zustände, welche durch den großen Druck, die hohe Temperatur und das einsickernde Wasser bedingt sind. Ob nun zur Umgestaltung der Gesteine alle drei Faktoren notivendig find, oder ob schon einzelne genügen, kann nur durch das Experiment entschieden werden, das gesondert die Wirkung jedes einzelnen zu prüfen gestattet. Zur Lösung dieses Problems unter- nahmen es F. D. Adams und I. T. Nieolson, einen ersten Beitrag zu liefern, indem sie reinen karrarischen Mannor durch Druck zum Fließen brachten und hierbei den Einfluß der Temperatur und der Feuchtigkeit festzustellen suchten. Die„Umschau" berichtet über dieses Experiment: Als Hüllen für den Marmor wurden schwere schmiede» eiserne Röhren gewählt, in welche sorgfältig abgedrehte und posierte Säulchen des Marmors von etwa 1,5 Zoll Länge und der Dicke des Röhrenlumens in der Weise gebracht wurden, daß die Röhre durch Erhitzen erweitert wurde, so daß nach dem Abkühlen ein ganz vollkonunener Kontakt zloischen dem Eisen und Marmor stattfand; zu beiden Seiten des Marmors war etwa 1,25 Zoll der Röhre frei, in deren Enden sehr gut passende Stempel gebracht wurden, welche den Druck auf den Marmor zu übertragen hatten. Der erforderliche, hohe Druck wurde mittels einer hhdrau- lischen Presse erzeugt mrd konnte bis zu 13 000 Atmosphären ge- steigert werden. ' Vor Beginn der Versuche wurde festgestellt, daß Marmorsäulchen von 1 Zoll Durchmeffer und 1,5 Zoll Höhe bei emem Drucke von 11 130 bis 12 020 Pfund auf den Quadratzoll zerquetscht wurden. Hierauf wurde eine Marmorsäule in der Eisenröhre einem allmählich steigenden Drucke ausgesetzt und der innere Durchmesser der Röhr« häufig genau gemessen. Bis der Druck etwa 18 000 Pfund pro Quadratzoll' erreicht hatte, wurde keine merkliche Wirkung beobachtet; bei diesem Drucke begann die Röhre langsam sich auszubauchen, das heißt der Marmor wurde plastisch, begann zu fließen. Die Ausdehnung nahm zu. bi" die Röhre Brüche zeigte; dann ivurde der Versuch beendet. Der freigemachte, umgeformte Marmor zeigte ein verändertes Aussehen! er hatte eine matt- iveiße Farbe wie Kalkstein, die glänzenden Spaltungsflächen der CalcitS waren nicht mehr zu sehen. Bedeutend waren die Aende- ruugen in der Festigkeit, welche der Marmor unter dem Einfluß des Drucks erlitten, denn Ivähreud der ursprüngliche Marmor bei 11130 bis 12 026 Pfund pro Quadratzoll zerquetscht ivurde, trat dies bei dem Marmor, der 61 Tage laug sehr langsam zn- sammengedrückt war. schon bei 5350 Pstmd pro'Quadrat- zoll ein; der in IVs Stunden umgeformte Marmor wurde bei einer Belastung von 1000 Pfd.. und der Mannor, bei dem der Versuch 10 Minuten gedauert hatte, Ivurde unter der Belastung von 2776 Pfd. pro Quadratzoll zerquetscht. Feuchsigkeit ergab keinen Ein- fluß auf die Art der Umformung.— Das größte Interesse erregen natürlich die Vergleiche mit Kalksteinen und Marmorarten, die in der Natur durch GevirgSpreffung heftigen Drucken ausgesetzt waren. In der That konnten Adams und Nieolson in 16 Fällen die gleiche Struktur feststellen wie bei ihrem künstlich gepreßten Marmor.— Notizen. — Josefine Sorger sckcidet mit Ablauf dieser Spielzeit aus dem Verbände des Deutschen Theaters ans und geht wieder ans Residenz-Theater.— — Hugo Salus' Schauspiel„Susanne im B a d e", das bisher von der Censnr verboten Ivar, ist nunmehr freigegeben worden. Das Stück geht demnächst an der S e c e s s i o n s b n h n e in Scene.— —„Hannes Frei", ein Lustspiel von Otto Ludwig wird in einer Neubearbeitung Ende Mai gelegentlich der Tagung des Deutschen Bühuenvereins in Dresden am dortigen Hoftheater aufgeführt werden.— — Strindbergs Passionsspiel„Ostern" erzielte bei der Erstaufführung" in Frankfurt a. M. keinen Erfolg.— — Georg Engels Komödie„Der Ausflug ins Sitt- l i ch e" wurde bei der Erstanfführnng im Deutschen Volks» Theater in Wien abgeleht. Die ,R. Fr. Pr." schließt ihren Bericht mit dem Satze: Die' ersten Akte des Stücks gefielen der Claque, später Ivurde es auch von dieser fallen gelaffen.— — Siegfried WagnerS Oper„Herzog Wildfang" geht am 20. März in Leipzig, nicht in München zum ersten- mal in Scene.— — ZiehrerS Operette„Die drei Wünsche", Text von Karl Lindau und Krenn, wurde bei der Erstanfführung im Wiener Knrl-Theater sehr freundlich anfgeiiomincn.— — Die Ausstellung„D i e K u n st im Leben d e s K i n d s" wird heute, Dienstag mittags 1 Uhr, im Hanse der Secession vor eincin geladenen Publikum eröffnet.�— — Der ii c n e F i x st e r n im„Persens" hat, nach einer Wahr- nehniuiig vom 8. März, nunmehr nur noch dritte Größe, im Ucber- gang zur vierten.— — Seltene meteorologische Erscheinungen werden ans Süditalien und Sizilien berichtet: In der Nacht zum Sonntag und am Sonntag selbst bedeckte eine rötliche Wolke den Himmel über Palermo. Der ganze Himmel erschien tief gerötet und ein heftiger Südwind wehte. Die gefallenen Regentropfen hatten das Aussehen von Blut. Die Naturerscheinung,'welche unter dem Namen Blntregen bekannt ist, wird ans den afrikanischen Wüsten- fand zurückgeführt, der vom Winde herüber getrieben worden ist. Dieselbe Erscheinung wurde auf der ganze» Insel beobachtet. Die in Sizilien beobachtete Naturerscheinung wurde auch in Süditalien wahrgenommen. In Rom war der Himmel gelb gefärbt, es herrschte starker Sirocco; in Neapel fiel Sandregeu. Sonntag um 5 Uhr nach- mittags gewahrte man bei tiefrotem Himmel das Schauspiel einer Fata Morgana. Den ganzen Tag über herrschte in Sizilien wie in Rom unerträgliche Atmosphäre. Das Thermometer stieg plötzlich bis 20 Grad, und ein heißer Wind fegte durch alle Straßen.— Bcraiitivortlicher Nedacteur: Heinrich Ttröbel in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.