Hinterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 54. Soniltag. den 17. März. 1901 Vis Nacht zum Achtzehnten. „Schutzmann, sag' an: Du hast in letzter Nacht aeinessen-schweren Trittes Deine Runde Durch diese Gassen wie gewohnt gemacht; was sahst Du da in mitternacht'ger Stunde? Nur einen Trunknen, der mit irrem Schritt sich halblaut-murrend � fortschob über's Pflaster? Nur eine Dirne, die vorüberzlitt, geschminktes, scheues, ausgeputztes Castek?' Stieß Dir ein fremdes. Ungewohntes auf? Ist Dir ein seltsam Lähmendes geschehen, lVie Du's in all der langen Jahre Lauf noch nie geahnt, viel weniger gesehen?" Der Mann iin l?elin, betreten und erschreckt, bezwingt mit Mühe ein geheimes Grauen; Doch hat,'so scheint es, meine Art geweckt in seiner Brust ein zögerndes vertrauen. In zweifelndem und ungewissem Ton, die Stirn noch immer in des Amtes galten, Lragt er zurück:„Sie wissen'� also schon? Da braucht man hinterm Berge nicht zu halten. Ich bin ein alter Kerl und abgebrüht, und als Soldat Hab' ich mich brav geschlagen; Ich halte nichts von„Seele" lind„Gemüt" und frage nichts nach Märchen und nach Sagen; Ich greife durch und kenne meine Pflicht, diesmal indessen faßte mich ein Schauer Und nie und nie vergess" ich dies Gesicht, dies bleiche Angesicht voll Gram und Trauer, Den tiefen Blick, den kriegerischen. Gang, die Schöicheit witd und fremd und auserlesen, Der Stimme vollen und sonoren Klang, noch das gebietende und stolz« Wesen,--. Die Gassen waren wie gekehrt und leer; ich hörte nur den Kall der eignen Tritte—.....- Da kam sie plötzlich ganz allein daher, aufrecht und trotzig in der Straße Mitte. Blich fröstelte; es war mir wie ein Traum und wie ein Rausch, der nur erst IM b verflogen. Weiß ihr Gewand, doch purpurrot sein Saum, als hätte sie' s durch Bäche Bluts gezogen. Sie sah mich drohend an— es war kein Spaß, und meine Kand, sie griff nach einer Stütze. Auf ihren schwarzen Ringellocken saß keck und kokett die rote phrygermntze. Sie bannte mich durch ihres Auges Glanz, obgleich ich's jetzt noch nicht so recht begreife. In ihrer Rechten trug sie einen Kranz von Lorbeerlaub mit einer roten Schleife. Als ich, als ob ich blind in sie vernarrt, wie. angenagelt an demsclbcit Vrte, Sie unverwandt und staunend angestarrt, warf an den Kopf sie mir die herben Worte: „Ich bin die Freiheit, die ihr streng verdammt und die verhaßt auf's innigste euch allen, lind die zu ehren ist mein heilig Allst, die kühlen Mutes einst für mich gefallen. Zum Friedrichshain treibt mich'» in dieser Nacht, zu den beherzten Männern, die ihr Lebeil In der Berliner Barrikadenschlacht für'? Vaterland und für ihr Volk gegebeil, Zu jenen, die bei düsterm Fackellicht in wildem Jammer üervige Gestalten Zu eiilyu König, wachsbleich von Gesicht, als stuuinien Vorwurf einst emporgehalten. Verlästert sie und ihren Todesinut, nennt ihr Beginilen frevelhaft-vermessen Und scheltet grollend sie Rcbellenbrut und mahlst das Volk, des Kampftags zu vergessen— Ich dulde nicht; daß man die Kühnen schilt, mir sind die Gpfer jenes Sieges teuer Und dankbar ehrt die Freiheit, wo es gilt, den Mannestrotz, das rasche Iugendfeuer. Um jeden dieser Toten trag' ich Leid; ich weiß zu gut, was wir den Tapfern schulden, Und wenn ihr noch so ungeberdig seid, ihr müßt den Gang zu diesen Gräbern dulden, Zu diesem Friedhof, der für jedes Grab ein(Dpfcr heischt an purpurroten Rosen, Die schöilsten, die der Lenz des Südens gab, auch für die Gräber ineiner Namenlofeil. Du glaubst vielleicht, daß Du mich übermannst, denn ohne Waffe tret' ich Dir entgegen; So unterninliil's denn, wenn Du magst und kannst, bei diesem Gang an mich die Hand zu legend Und seltsam war und toll, was mir geschah. Mein starres Pflichtgefühl, es kam ins Wanken, Als ich ihr zweifelnd in die Augen sah, bestürmt von fremden, wühlenden Gedanken. Gebot das Amt, mit eisenfestem Griff das Handgelenk der Kecken zu umfassen? ' Befahl der Fall den schrillen hilfepfiff? War es erlaubt, sie schweigend zieh'« zu lassen? Wie geistverklärt erschien mir ihr Gesicht, und brächte gleich die That mir einen Orden, Ich fand den Mut zu schroffein handeln nicht, und beide Augen sind mir feucht geworden. von ehrfurchtsvollem, scheuem Grau'n bewegt, Hab' ich, als müßt' ich schließlich vor ihr knieen, Die Finger schweigend zum Salut gelegt an-meines Helmes Schirm. Ich— ließ sie ziehen." E. L. (Nachdruck Vervotm). 12] Dlv vttttto Veihe. Berliner Noman. Von Fritz Mauthner. Den Professor Seifert stellte Bohrmann später fest, als ihm ein kleiner dicker Mann nnt Glatze»nd schneeweifzcm Schnurr- bart aufgefallen war, der bei Tisch von Gruppe zu Gruppe hiuübersprach, die Herren gar nicht zu sehen schien und das Gespräch mit jeder Dame ohne Ausnahme nnt einer körper- lichcn Huldigung begann. „Sie haben doch einen göttlichen Hals, verehrte Frau Mascha... wie Ihr Oberarm heute wieder appetitlich ist, gnädige Frau... man sieht ja nicht zu viel von Ihren Füßchen, liebe Afra, aber bis über die Knöchel klassisch... ich werde noch Bildhauer werden, nur damit Sie mir Modell stehen, liebste Freundin. Wenn wir allein sind, sage ich Ihnen, wofür... eine Büste haben Sie I... da sind Sic ja, liebste Kietz! Donnerwetter, Ihre Taille wird immer junonischer..." Ganz erschreckt, weil er fürchtete, es wäre ein Wahn- sinniger, fragte Bohrniann bei Hantinger an, wer denn das wäre, der wilde Herr. „Wo kommen denn Sie her. Herr Bohrmann, daß Sie das nicht wissen? Das hören Sie doch, daß er Kunstkenner ist, eigentlich selbst Künstler. Professor Seifert, der Verfasser der berühmten Kunstgeschichte.... Was haben Sie eben auf der Pfanne, liebster Bohrniann?" «Wie meinen Sie das?" „Was demnächst von Ihnen gedruckt werden ivird, erlaube ich nur zu fragen." „Ein kleiner Aufsatz über die Vorzüge der Steilschrist." Hantinger machte ein verdutztes Gesicht. „Das ist wohl etwas Aehuliches wie Keilschrift? So ein gelehrtes Haus sind Sie?... Aber es geht wieder los. Prosit l" „Prosit, Herr Hantinger." IX. Das Gespräch zwischen den beiden Herren hatte statt- gefunden, während nach einer kurzen, schlichten Tischrede des Wirts die meisten Herren mit ihren gefüllten Gläsern den Tisch umschritten, um mit Herrn Lose anzustoßen, Als Bohrniann auf seinen Platz zurückkehrte, war er tief beschämt. Umgeben von so vielen bedeutenden Männern und Frauen hatte er, eben nach seiner nächsten Arbest ge- fragt, ehrlicherweise nichts andres nennen können als einen Aufsatz für die Lehrerzeitung, einen Aufsatz über die Vorzüge der Steilschrift. Glücklicherweise hatte Herr Hantinger so etwas gar nicht für möglich gehalten und wer weiß was für Gelehrsamkeit dahinter gesucht. Wie sollte aber auch ein armer Lehrer, der noch vor zwei Jahren in einem armen Haveldorf begraben war, hier zurechtkommen, wo die berühmten Dichter Deutschlands die teuren Weine wie Wasser tranken, und wo Professoren zu den anwesenden Frauen sprechen durften, als wären sie nackte griechische Marmor- statuen! Suppe, dann etwas Rätselhaftes, dann ein unbeka>mter Fisch waren der Tischrede vorhergegangen. Jetzt kam ein sehr merkivürdiges Gemüse, und Bohrniann hatte nnt seinen Nach- barinnen noch kein Wort gewechselt, dessen er sich hätte rühnien können. Das verschlug nicht viel bei der dicken Dame an seiner Linken. Die Kietz aß reichlich. Und wenn sie dazwischen bie und da aufseufzte, so schien das nicht vom Kummer herzukommen, sondern von der Hitze und von der An- strengung. Bohrmann hätte sich gegen sie leicht geben können, wie er war; sie schien eine einfache Frau. So oft er sich ihr zuwendete, erschreckte ihn ein Medaillon, so groß wie eine Kinderhand, das auf einem abgeschliffenen Steine die Züge eines freundlichen, dicken Herrn trug, und das beim lebhaften Aufatmen der Frau Kietz zwischen den Klappen der lila Bluse auf der„junonischen Büste" auf und nieder schwebte. Fräulein Szekal auf seiner andren Seite bot den Augen -in erfreulicheres Bild. Das Mädchen war von vollendeter Schönheit. Die dunklen, feurig klugen Augen schienen Flammen sprühen zu können gegen jeden Mann, auf den sie gerichtet waren. Fräulein Szekal saß aber in ihrem dnnkelrot-goldcncn Brocatkleide da wie ein altes Bild, aß licht, rührte sich nicht und redete mit einer tiefen, herrlichen illtstirnme unaufhörlich Dinge, auf die eine Antwort! gar nicht möglich war. Uebrigens schienen die Gespräche, obgleich sie sich dabei kaum regte und immer geradeaus sah, mehr an ihren andern Nachbar gerichtet zu sein, Herrn Lopinsky, wie Bohrmann allmählich herausbrachte. Den künftigen Direktor also, einen hübschen, gelangweilt aussehenden, beneidenswert elegant gekleideten Herrn mit einem großen, schwarzen Stallmeisterschnnrrbart. An diesem Schnurrbart vorbei, viel zu nahe vorbei, winkte Mascha jetzt ihrem Hänsel abermals zu, sich zu unter- halten, das Eisen zu schmieden, wie sie es nannte. Er aber hörte gerade aufmerksam die Worte an, die Herr Lose über die Tafel an ihn richtete. „Unsre Berliner Industrie hat den Gipfel ihrer fort- schrittlichen Entwicklung immer noch nicht erklommen. In zielbewußtem Zusammengehen mit den Hohenzollern ist aber Berlin ans dem besten Wege, den Wettbewerb der andern Städte zu überflügeln, insbesondere das Brauereigewerbe..." Erst als Herr Lose sich uirtcrbrach, unr über den ganzen Tisch hinüber seiner Schwester zuzutrinken, faßte Bohrmann sich ein Herz und fragte Frau Kietz nach dem Namen des merkwürdigen Gemüses. Dabei bemerkte er, daß das schaukelnde Medaillon an einer schweren goldenen Kette hing, die irgendwo unter der lila Bluse verschwand. „Das hat einen französischen Namen", sagte Frau Kietz seufzend.„Ick habe mir da nicht genug von jenonimen. Das, was Sie da ininrer ansehen, Herr Clausing... das ist mein Oller, mein Seliger. Jetzt sagen die Leute„Losebier" zu unsrer Ware. Es ist aber Kietzens seines. Der hat die Brauerei gegründet und gemacht und heraufgebracht. Aber Lose ist auch ein ordentlicher Mann... laffen Sie man, Herr Clausing. Ich bin nicht unbequem. Und Mascha will ja, daß Sie sich mit der andren unterhalten. Die arme Person, die hat sich ja geschnürt, daß nicht die kleinste grüne Schote durchrutschen könnte. Schoten sind nämlich auch mang. Die arme Person. Laffen Sie mich man. Ich und Neumanu, wir stören einander nicht. Reden Sie ein Wort mit ihr." Der sellge Kietz hob sich bei einem schiveren Seufzer wieder bedenklich, und Bohrmann wendete sich an die Szekal. „Die Hauptsache ist es ja," sagte eben der künftige Direktor mit dem Stallmeister-Schnurrbart,„und ich weiß es zu schätzen, wenn meine Danien kostbare Kleider haben. Aber"— Lopinsky machte ein tiefsinniges Gesicht, als ob er auf die Weisheit der eignen Worte aufmerksam machen wollte —„aber die Kleider müssen gut getragen werden." «Die gütige Prinzessin," antwortete die Szekal,„sagte erst gestern zu mir: Liebe Afra, sagte sie, wo haben Sie dieses wahrhaft anstokratische Auftreten her?— Durch den Umgang mit Ihrer Hoheit, antwortete ich." Wieder waren die Teller gewechselt worden, und wieder wurde etwas herumgereicht; diesmal aber wußte Bohrmann mit Sicherheit, daß es Geflügel war. Gewaltsani ver- scheuchte er die Erinnerung au seinen Siegfried, dem er gern etwas von all der Herrlichkeit mitgeteilt hätte, trank ein Glas Wein und sagte entschlossen zu Fräulein Szekal: „Wohl dem hochbeglückten Hause... Wie schön, niein gnädiges Fräulein, daß Frau Lose von einem fürstlichen Luxus umgeben istl" „Unsre Freundin hat viel Geschmack," antwortete die Szekal, und Bohrmann wunderte sich wieder über die Leb- losigkeit der herrlichen Stimme und über das starke dramatische R.„Sie waren wohl noch nicht in Petersburg? Der Luxus von Petersburg ist maßgebend für die ganze Welt. Die Pferde, die man ihr das letzte Mal ausgespannt hat, waren wertvolle Rassepferde. Man mußte mir drei Pferde ausspannen, weil es in Petersburg üblich ist, mit drei Pferden zu fahren. Als mich der Fürst vom Bahnhof abholen ließ... Bohrmann konnte nicht mehr zuhören. Fast ohne den Kopf belvegt zu haben, wandte ihm Fräulein Szekal ihre Feueraugen zu, blickte aber nicht in sein Gesicht, sondern aus seinen Rock. Und der unangenehme Assessor, der Vetter neben Mascha, glotzte ganz unartig mit vorgebeugtem Kopf nach ihm hinüber und hatte jetzt gerade eine spöttische Bemerkung gemacht. Mascha schlug ihm auf die Finger. Es war Bohrmann, der doch nur drei Gläser getrunken hatte, als ob aller Augen auf ihn ge- richtet wären oder vielniehr auf seinen Rock. Er fühlte sich einsam. Was half es ihm, daß er alle Kurfürsten von Brandenburg und alle Nebenflüffe der Elbe nach der Reihen- folge hersagen konnte. Das verlangte hier niemand. Hier verlangte nian einen neuen Rock. Wieder saß er still zwischen den ungleichen Nachbarinnen und hörte aufmerksam zu, wie der künftige Direktor und Fräulein Szekal von Geldsachen sprachen. Ungeheure Summen wurden genannt. „Meine Freunde wären wohl im stände, die ganze Viertel- Million für unser Theater zn deponieren, wenn ich ihnen die Persönlichkeit des leitenden Direktors mit gutem Gewissen empfehlen könnte." „Sagen Sie dem Prinzen," erwiderte Lopinsky und strich sich, überlegen lächelnd, den Stallmeisterschuurrbart mit feinen, langen Fingern, erst nach rechts, dann nach links, „sagen Sie dem Prinzen, daß ich mehr mitbringe, als irgend ein anderer Bewerber aufweisen könnte." „Was haben Sie auszuweisen?" fragte die Szekal weiter, jetzt plötzlich ohne jeden Pathos, mit dem Ton eines klugen Handelsmannes. Sogar ihre Augen wurden dabei kleiner und lauernder. „Dos weiß die ganze Welt," antwortete LopinSky, während er seme Augen wie müde halb zufallen ließ.„Ich habe bc- kauiulich Glück." Mascha beugte sich über Lovinskys Nucken herüber. Fräulein Szekal solle sich durch die Schüchternheit des Dichters nicht irre machen lassen. Hans Bohrmann habe die Zukunft für sich. Er nenne die Szekal nie anders, als die göttliche Afra. Er brenne daraus, in seinem Stück die Königin von Saba durch die göttliche Afra kreiert zn sehen. „Ein Autor?" fragte Lopinsky mit trauriger Verwunderung. „Warum ist er mir nicht vorgestellt?" Vohrmann hatte Angst, Fräulein Szekal würde nach irgend einer ihrer berühmten Rollen fragen. Er hatte sie nie spielen sehen, ihren Nanieu nie gehört. Sie aber schien das nicht für möglich zu halten, sie richtete ihre Augen groß auf ihn und fragte mit einen« neubelebten tragischen R: „Natürlich doch die Hauptrolle? Ich lasse es seit einiger Zeit in jeden meiner Kontrakte aufnehmen, daß ich nur tragende Rollen zu spielen brauche. Man vergirbt sich sonst zu viel. Meine Freunde sind geschäftskundig genug, um die Kontrakte für mich zu machen. In Berlin kennt man mich noch nicht genug. Im Wiener Burg- Theater koimte ich ja doch nicht bleiben, der Wolter wegen. Ich ver- ehre die Wolter, aber ich verehre sie wie eine Mutter. Das ist ein Bonmot von mir, das die Fürstin Metternich zu dem ibrigen gemacht hat. Die gute Fürstin war es, die mir den Namen die göttliche Afra zuerst beigelegt hat. Der Erzherzog... klatschte vor Freude in die Hände, als sie diesen Einfall hatte, und rief: Sie sprechen mir aus der Seele, Fülstin Pauli»'! Sie würden überhaupt staunen, lieber Doktor, wie wenig von der spanischen Hofetikette in der Wiener Hofburg zu finden ist. Alle Welt plauscht da Wienerisch." Die Szekal gab einige Anekdoten in Wiener Mundart zum besten. Bohrniann staunte über die Geschicklichkeit und war geneigt, diese göttliche Afra für eine große Künstlerin zu halten; jedenfalls würde sie als Königin von Saba herrlich aussehen. Mascha war doch treulich für ihn thätig. Eben beugte sich Mascha wieder herüber, nur daß sie dabei übcrflüssigerweise ihre Feenhand auf Lopinskys Schultern legte. „linser Hans Bohrmann wird die nächste Saison be- Herr-scheu. Er hat noch ein zweites Stück fertig, lauter Pracht- rollen." (Fortsetzimg folgt.) Sonttkng�plnltdcvcr. Ans ein Vlott mit schlvarz-rot-goldcncm Rande schrieb Banchagen von Ense, der von den gcschichtsforscheiide» Händlern der königlich prentzischen Historie wegen seiner tapferen Wahrheitsliebe viel Ver- leiimdcte, am 25. März 1848:„Diese Farben, vor kurzen«»och streng verboten, verfolgt und geschmäht, Zeichen des AnfrnhrS, noch zuletzt ans den Barrikaden deS lS. März, trägt jetzt ganz Berlin, der König Friedrich Wilhelm der Vierte, sein Hofstaat, das Königsheer, ganz Preutzen, ganz Deutschland... Doch wird der eine große Tag eine lange und tiefe Nachwirkung haben, die Freiheitsschule für die Deutschen ist eröffnet worden,«nid ehe sie wieder geschlossen wird, können sie viel lernen für die Zukunft. Einstweilen geht eS mit frischem Winde fröhlich vorwärts. Die Schiffenden denken nicht an Scheitern, doch ist das Meer voll Klippe». Sähen wir nur erst ein Frciheitsheer gernstet«md gegen Osten Trotz bieten l Wer die Freiheit als Ausnähinebesitz der Deutschen, wer sie nicht als Genicin- gut aller Völker will, der ist kein echter Freund von ihr. Ver« briidermig mit Franzose», Polen, Italiener««, gemeinsamer Krieg gegen alle Unterdrücker, das ist not!" Das war die tolle, herrliche, tbörichte, rauschende Frühlingszeit, da die freien Geister und die tapferen Herzen ihr Sicgcsfest feierten, voll nngemcfscner Hoffnungen und ausschweifender Träume, da die Begeisterung durch ihre eigene Kraft eine Weltwende zu schaffen wähiite, eine wundergläubige Tisck>lei»-dcck-dich- und Eiel-streck-dich- Sl'nnnnmg.... Dann fuhr freilich der Knüppel aus dem Sack, und die wund geprügelten Völker siechten und wurden müde. Es ist anders gekommen, als Varuhagen glaubte. Die Schwarzen und die Goldenen erholten sich von dem tödlichen Schlag de? 13. März, sie erstarkten gewaltig und heute scheinen sie mächtiger denn im Vormärz. Nur die Noten stehen noch trotzig auf der Wacht und schirmen das heilige Feuer des Völkerfrühlings, das Ziel noch höher, weit höher gespannt als Anno 1843, und ihre Begeisterung wird nicht gemindert durch die Erkenntnis, daß nicht im Rausch sonder» durch mühevolle Arbeit, tausendfältig gehäufte Opfer u»i ruhig wägende Erkenntnis die neue Welt Stein ans Stein erbaut «verde. lind dennoch ergreift uns die Sehnsucht nach der wilden Lenz- begeisternng und dem ungeprüfte» Frühlingswahn jener fast schon verschollenen Zeit. Völker müssen aus das große Wunderbare hoffen, ivemi sie nicht in der Alltagsöde verschmachten sollen. Im Lichtlosen erblindet die Menschheit für den sprühenden Lichtglanz des Lebens, wie die Molche in de» unterirdischen Grotten die Auge» verlieren. DaS Einerlei nnsres politischen Daseins ermattet, wir verkommen in dem schleichenden Elend, wir verlernen den Mut und die Kraft des großen Begehrens und der unbändige» Hoffmuig, wir verkümmern i» dem eivig gleichen Hader nni kleine Paragraphen, schinutzige Geschäfts« interessen und winzige Fortschritte. Es fehlt«ms der Drang zum Unmöglichen, wir sterben vor lauter Verständigkeit, wir schämen uns, als Schwärmer und Taugenichtse die Sterne vom Himmel zu holen. Ans den Altenbüudel» der Burcaukratenstuben und den« Dunst der Kasernen weht uns. sparsam zugemessen, polizeilich konzessionierte Lebenslust, und wir zerreibe» unsre beste Kraft im rniid abwehrenden Dulden des Unerträglichen. Immer langsam voran I Und die Toten im Friedrichshain muffen noch heute— nach 53 Jahren— darauf warte», daß über ihre» Gräben« sich ei» Wahrzeichen der Freiheit erhebt. Einst sang man das hohe Lied der Menschenverbrndemng: Diesen Kuß der ganzen Welt I Heute tönt die Weise Krupps: Diese Kanonen der ganzen Welt. Wir kennen und dulden nur eine Jnter» »ationaltät, die der Veniichtung und Vergewaltigung. Noch immer reden die Staatsmänner jammervolle Metternichtigkeiten und pre- digeu mit minderer Begadung vormärzliche Weisheit. Noch innner bedarf der freie Gedanke der behördlichen Erlaubnis; links den Schutzmann und rechts den Kaplan, hinter sich den � Staatsanwalt und vor sich den Kerkermeister, trottet er in vorgeschriebenem Gang. Roch immer herrscht das demütige Unterthanentum«md die nur formell gelöste Leibeigenschaft. Wir ersterben vor Thron und Altar in heuckilerischer Demut, und Kriegervereine, Landräte, Pastoren und Unteroffiziere kommandieren die Weltanschaunng. Der Märzensame ist veriveht, der Titatentrotz ist uns fremd, wir sind Krämer ge« ivorden— und dies mitten in einer ungeheuren märchenhaften Eni- faltnng wirtschaftlicher Kräfte. Die Politik ist um ein halbes Jahr« tausend hinter der Entivicklung zurückgeblieben. Allmählich gehen die Männer davon, die selbst noch Zeugen deS Frilhlingsjabrs geworden. Heuer vermag auch unser Liebknecht nicht mehr die Märzfeuer zn entzünden. Bald werden wir uns nur noch au? verstaubten Büchern und tote» Aktenstücken die Zeit des hoffnungs- starke» Idealismus auferstehen lasse». Um so dringender wird nnsre Aufgabe, das Berinächtnis des 18. März treulich zu hüten. An ihm soll uns der Sinn für große Gedanken und weitgespannte Pläne erstarken, denen heute mehr vielleicht denn früher von unsrer lähmenden Viclbctriebsamkeit schwere Gefahr drvht. Wir müssen den Mut zur welteiistürzenden und iveltcnbanendeii Benuinft belvahren, Stürmer zu sein und Dränger, ist der Menschen erhabenster Berns, und das satte Genügen am Kleinlichen und Niedrigen ist die unsnhnbare Todsünde der Völker. Die stolze Begeisterung und die»ngebengte Schaffenslust darf uns nie verlassen, daß eS nnsre Ailfgabe ist, die Erde nach nnsrrr freien Einsicht zu gestalten, ob uns' auch die 500 000 Teufel der.Erfahrung" und.nüchternen Ucberlegung" anzischen, wir sollten den Ueberschwang unsrer Hoffnungen zn dem sanften Trott des Erreichbaren zähmen. Niemals ist in der Welt etwas Großes geworden, das nicht ans der glühenden Ueberzengimg erwachsen, daß es nichts Un« erreichbares gebe. Im Mut der Ferne wächst das Unerhörte zmii wirklichen Leben. Politik treiben heißt— weltgeschichtlich gesprochen.— das Unmögliche zu ermöglichen. Laßt die zünftigen Diplomaten, die enghirnigen Klngnieirr und philiströsen Warner »ach Daumenbreiten niessen, die Siegnaturen messen nach Sternen« weiten. So tönt mahnend und treibend die Märzpredigt der Helden, die im Friedrichshain der endlichen Erlösung harre». Es ist kein leerer Knlt der Vergangenheit, die Märzfeier entflannnt die Zulnilft, und sie wird erst dnmi der historischen Vergänglichkeit anheimfallen, wenn sie von den« Maifest des Völkerfrnhliiigs abgelöst sein wird.— Joe. Kleines Feuillekon» pr. Der Holzhackcr. Das Landhaus stand auf einer kleinen Anhöhe. Von seiner Seitcnvcranda führte eine Treppe auf den breiten kicsbestreutcn Weg, der sich am Hofe vorbei in den abwärts gelegenen Park und um den kleinen Tisch ivand. Ein nur wenige Meter langes Stallgcbäudc schloß sich rechtlvinklig dem Hause an. Hinter dem Stall, an seine,' Schmalseite, hatte Behnig, der alte Holzhackcr, sei»„Reich", wie er es nannte. Es war nicht gar groß, dieses Reich, das ebenso ivie der Hof durch eine Hecke von dem KtüSivcg getrennt wurde. Aber Behnig meinte.' es sei der schönste Platz auf dem ganzen Gebiet. Das Hauptgebäude mit seinen neugierigen Fenstern iimrde von der Stallmaner verdeckt. Der ganze tiefer gelegene Park mit dem kleinen künstlich ans- geschnittenen Teich war von hier aus zu übersehen und rechts von ihm breiteten sich Felder ans— weit, Iveithin: nur Felder und »vciter unten Wiesen. Dahinter, in beträchtlicher Ferne, wurden dein schärfere» Ange noch die meist unklaren Umrisse kasernenartigcr Gebäude und Fabrikschornsteinc sichtbar, ivclchc von hier ans nicht all- zuhoch den Erdbodc» zu überragen schiene». Zniveilen verhinderte dicker Nebel.> der � von den Wiesen aufstieg, oder schwarzer Qualm, welcher ans den Schloten qnoü und sich ivie ein dichtes Tuch um die Häuser legte, den freien Ausblick in die Ferne. Es war noch früh am Morgen. Behnig hatte eben erst seine dicke Winterjacke ansgezogen und die gestrickte, ivoüene Weste fester zugeknöpft. Die Frühluft tvar noch rauh, aber er sog sie behaglich eint eS tvar doch schon anders jetzt, als noch vor wenige» Wochen, da er fast Morgen für Morgen den gefrorenen Schnee vom Hanklotz entfernen mußte, um nicht mit der Axt auszugleiten. Ja, es tvnrde wärmer. Das sah er auch an den winzigen Knospen, die sich, noch kaum sichtbar, an der Hecke zu bilden begannen. Nun ging also die schöne Zeit wieder loS, wo er sie beobachten konnte— Tag für Tag. Wie immer eins nach dein andern bescheiden das Köpfchen heraus- steckte, wie sie größer wurden und stolzer— ja. ja, er Ivnßte es ganz genau. Dann ließ er seinen Blick über die Felder streifen. Da mußte es doch mm auch so allmählich lebendig werde». Wie verträumt schaute er vor sich hin. Plötzlich riß er sich auf, prüfte die Schneide seines Beils und begann die Arbeit des Kleinhackens. Er mußte öfter vor sich hin lachen. ES tvar doch ein schlauer Gedanke geivesen: in der große» Kälte hatte er die grobe Arbeit verrichtet, bei welcher man eher wann wurde, und nun. da eS anfing, lauer zu werden, konnte er sich'S mit der Kleinarbeit bequem machen. Es lag schon ein ansehnlicher Haufen zerspaltcnc» HolzeS neben ihm, als er sich aufreckte, um ein Weilchen zu verschnaufen. Er sah nach der Sonne'; sie war um ein gutes Stück höher gestiegen. Da- liach mußte eS nahe an der Frühstückszeit sein. Dann betrachtete er die Bäume im Park; er legte die Hand über die Augen: täuschte es ihn nicht, so brachen auch dort überall die kleinen, gelbgriinlichcn Ansätze hervor. „Nun, Behnig, wonach schau'» denn Sie?" Der Besitzer deS Hauses stand neben ihn,.„Mvrgen, Herr Ziegler!" Behnig lachte vergnügt,„Frühling ivird's."„Hm. Ist auch Zeit," murrte Ziegler,„aber ineine Frau glaubt's uicht. Du, Else," er wandte sich zurück zu der jungen Frau, welche, in einen dicken Shtval gehüllt, mißmutig die Berandatreppe hinab- gestiegen tvar,„es tvird Frühling. Behnig sagt's und der ivciß eS." „Ja, ja, Se können's glauben, Frau Zicgler," sagte Behnig treu- herzig und bog einige Heckenztvcige heran:„sehn Se mal hier und hier." Frau Else lachte unwillig:„Jadoch I Aber Du kannst mir erzählen. Fritz, tvas Du willst— lange halt ich's hier nicht auS." .;Js doch so schön hier. Frau Ziegler." Behnig murmelte es und streifte mit seinem Blick rundum die schöne Aussicht. Fran Else zuckte die Achseln und nahm den Arm ihres Manns. Beide wandten sich über den Hof nach dem Parkwcg. Fran Else bemätelte alles:„lind den Teich, Fritz, mußt Dn zu- schütten lassen. Die Miasmen und—".„Och nee", Behnig streckte den Kopf über, die Hecke,„entschuldigen Se man. Aber ich mein' man blos: der Teich is doch»voll das schönste."„Siehst Dn". Ziegler lachte,„Bebnig ist ganz meiner Ansicht". Fran Else zog daS Nasche» krnntm:„Darauf wird's»vohl uicht ankommen. Es ist mich nicht nur der Teich; es ist das Ganze hier, tvas mir nickt gefällt: langiveilig, rauh, keine Stimmung. Mit einem Wort: uii- poetisch,' höchst nnpoctisch!" Zieglcr»nachte ein seltsames Gesicht:„Ja, Iveißt Du, das versteh' ich uicht. Nun haben »vir uns're paar Groschen hier hereingesteckt; ich nehme die unangenehine tägliche Bahnfahrt nach dem Geschäft ans mich— und Dn, die Dn Deiner so oft betonten poetischen Neigungen»vegcn zntrst entzückt von den» Plan ivarst, findest heute schon alles höchst unpoetisch. Sieh' mal den Behnig an—" Frau Else unterbrach ihn heftig:„Laß mich»nr mit Deinem Behnig zufrieden. Er ist eben so ein Barbar»vie Dn." Verstimmt schritten sie dein Hanse z». Ziegler löste sich von seiner Gattin, inspizierte den Hof und kam»nieder z» Behnigs Ecke. Der Holzhacker hatte sich zun» Frühstück gesetzt, benutzte den Hanklotz als Tisch und hieb mm tüchtig ans Schivarzbrot und Speck ein. Hin und »vieder erlabte er sich an der schönen Aussicht, nntersnchte die Heckenztvcige und hielt die Hand in die Sonnenstrahlen, ihre Wärme fu taxieren. Zicgler stand eine Weile und beobachtete interessiert ien Alten. Dann blieb sein Blick an den Fabrilschornstcin in der Ferire haften. Dicke Ranchtvolken strömten dort anf. Er tvieS mit der Hand hinüber:„Sagen Sie mal. Behnig. wann» sind Sie nicht eigentlich auch dorthin gegangen,»vie so viele hier ans dem Dorf?" Der Holzhackcr folgte'mit den Augen der angegebenen Richtung: „In de Fabrik? lim Gottestvillen! Dahin?!" Sein Gesicht nah»»» einen fast erschrockenen Ausdruck an.„Sie»vürden doch nichr ver- dienen und manche andre Annehmlichkeit habe»», die Sie hier ent- behren müssen."„Ja", Behnig rieb sich heftig die Stirn,„das is man sone Sache, Herr Ziegler. Mehr verdienen! Nn ja. Wär' ja sehr schön und brauchen könnt'»nan'S. Aber ich sag doch: nee l Sehn Se: den ganzen Tag so inlvendig sitzen— und denn so viele Menschen— und die Maschinen— und nichts seh'n vom Himmel und die da oben"— er wies zur Sonne—„nee I Die Wiesen»ich seh'n und die Felder—»vie die Kartoffeln»vachse» und der Roggen— und kein Baum»md sowas»ich— nee I Ich kann's »ich so ausdrücken, Herr Zicgler, aber, aber"— er klopfte mit den flachen Händen anf die Brust,„ich denk', ich müßt' da ersticken. Sehn Se: hier, da mein' ich: mir gehört alles—- ja alles! Aber da— nee! Nee, nee, Herr Zieglcr, eS is nichts for mir! In'»» Sommer,»vcnn ich denn»nanchmnl so hier steh'»nid hacke— und es is alles so hell—»nid die Vögel singen— und die Enten mit den putzigen Kiikclii patsche» da unten im Teich rinn— ich bin» alter Mann, Herr Zieglcr, aber, aber dann— dann— ja, dann möcht' ich rcinclveg auch singen.— Thn's auch manchmal", er lachte ver- schwitzt Zieglcr und Frai» Else, die wieder hcrzngclrctc»»var, an: „aber bloß heimlich,»vcirn's keiner hört." Zieglcr sandte seiner Frau einen fragenden Blick zu. lln» Frau Elses Mniidtvinkel aber zuckte eS spöttisch:„Sie sind ja der reine Poet, Behnig!" Dieser hielt »nit seiner Arbeit»nieder innc und starrte sie groß an. Fran Else lachte, zog ihren Mann mit sich und sagte:„Ein drolliger Kauz, der Alte." Zieglcr erlviderte nichts. Behnig aber hieb»viitend a»if die Kloben ein, daß die Splitter nach allen Seiten spritzten: andermal hältste'S Maul, Behnig. Poet! Was das nn bloß heißen soll!"— Aus de»» Pflanzenlcbcn. Ilc. D a S S a f t st c i g c n. Alljährlich im Frühjahr,»venu die. Froststarre tvcicht und Tanlvctter den Erdboden geschmeidig»nacht, nehmen mit der steigenden Tnuperatirr die Sangiviirzelchen der Pflaiizei» ihre stille Thätigkeit»vieder auf— der Saft steigt in die Bäume. So bekannt der Vorgang ist. so sehr ist' man noch im Dunkeln über die treibende»» Kräfte. Man kennt nur einzelne Phasen. Da ist der sogenannte osmotische Wnrzcldrnck, der äußerlich in Er- scheinuitg tritt, wenn im Frühjahr ein Baun» gefällt»vird; dann ist oft»ach kurzer Zeit der Stumpf anf der Schnittfläche von dem durch den Wnrzcldrnck herausgepreßte»» Safte bedeckt und eS giebt Pflanze», die beträchtliche Mengen davon anf diese Weise liefern können. Man nimmt an, daß die Zellen der Wurzeln eine chemische Verlvandlschaft zum Wasser besitzen und dieses init Macht ans dem umgebenden Erdreich anziehen: dieser Vorgang pflanzt sich durch die Wurzel hin- durch fort»md preßt den Saft nach oben. In» Stauune erfolgt die Wcitcrleitnng durch die Gefäße des holzige» Teils. Daß die Rinde mit der Sastlcitnng nichts zu Ihm» hat, davon kann man sich leicht überzeugen,»venu man von einem grünenden Zivcigc am Saume an einer Stelle ringförmig die Rinde entfernt. Der Zweig»vird dadurch in seine»» Wachst»»»»» nicht beeinträchtigt; schneidet man aber das frische Holz ringsum durch, so vcrivelkt der Zivcig oberhalb deS Schnitts. Nicht selten sieht»»an alte Bäume, die an» Grunde kingsiim die ganze Rinde verloren haben, innen ganz hohl sind und dennoch alljährlich sich frisch belauben; solche Bäume beweisen zur Evidenz, daß die Saftleitung im Hölze vor sich geht. Der Saftstrom erstreckt sich bis in die Blätter und findet iin Geäder derselben seine feinsten Verästelungen. Fortgesetzt»vird ein Teil des Wassers durch Verdnnstnng der Pflanze entzogen,»vährcnd die aufgelösten Nährstoffe zurückbleiben. Dadurch konzentrieren sich diese und»vieder ist vielleicht chemische Vcrivandtfchaft das treibende Motiv, das das Wasser ans den tieferen Teilen der Pflanze nach oben treibt,»in die durch Verdnustnirg erlittenen Verluste an Wasser »vieder z»» ersetzen und die Nährstoffe in einein angemessen verdünnten Znstande zu erhalten. Also Wnrzeldrnck von unten»nid Verdnnstnng von oben, das ivärcu zwei Betriebskräftc für das ständige Anf- »värtSsteigen deS SaftS: für krantartige Pflanzen, die Gefäße bc- sitzen, die von der Wurzel bis zu de» äußersten Blättern reichen, wäre die Erscheinung damit ausreichend erklärt. Für hohe Bäume aber fehlt es bis heute an einer allgemein anerkannten Erklärung für die Lei- timg im Innern. Die Wirkung der Transpiration oder Verdnnstnng erstreckt sich kaum tiefer herab, als die Vannikrone reicht»nid der Wnrzrldriick, die Kapillaritätsivirkung und»vas man sonst auch an physikalischen Kräften heranziehen kann, hat ebenfalls ihre Grenzen; »vas daher in der Stammesmitte hoher Bäume sich als treibende Kraft einschaltet, tveiß man nicht mit Bestiinmthcit. Man hat die mystische„Lebenskraft" zu Hilfe liehinen»vollen, die den lebenden Zellen inneivohncn»nid aller rein physikalischen Erklärnngsiveise Kotten soll. Allein Professor StraSbnrger in Bonn stellte ab- geschnittene Bäume in vergiftete Lösiingcn, die lebende Zellen sofort tötete, und tvieS nach, daß die Giftlvmng dennoch zn bedeutender Hohe aufstieg. Da es also mit der Anrufung der Lebenskraft nichts ist, so»vird hoffentlich dennoch bald eine physikalische Erkläning der Erscheinung gelingen,—,• Veraiitwortlicher Stedactenr: Heinrich Ttröbel in Berlin. Drilck und Verlag von Max Bading in Berlin,