Hlnterhaltungsblatt des Worwärts Nr. 55 Dienstag, den 19. März. 1901 (Nachdruck verdaten). iy] Die bunke Neihe. Berliner Roman. Von Fritz Mauthner. Lachend schnellte Mascha zurück, daß sie sichtbar den Assessor berührte. Wie sie lügen konnte. „Ich werde Ihre Stücke meinen Freunden zu lesen geben," sagte die göttliche Afra.„Meine Freunde halten strenge darauf, daß ich nur dankbare Rollen spiele. Das bin ich mir auch schuldig. An Ihrem Stücke gefällt niir jedenfalls das Kostüm. Die. Königin von Saba ist ein sehr sckönes Kostüm, und ich brauche nicht zu verschiveigen, daß es sehenswert sein wird, wenn ich die Rolle kreiere. Ich lege so wenig Wert daranf. Alexander Dumas, der mir einmal nach Rice nachgereist kam, um mich zu überreden, seine Prinzessin in fran- zösischer Sprache zu kreieren, sagte mir oft: dl» obsro, Sie legen zu wenig Wert auf Aeußerlichkeiten." „Der Graf von Montc-Christo ist ein sehr spannender Roman." bemerkte Bohrmann entschlossen. „Hier handelt es sich um seine Theaterstücke," warf Lopiusky belehrend ein, der ruhig zugehört hatte. Man konnte ihm seine Ungeduld kaum ansehen. Jedenfalls sah die Szekal sie nicht und schien an dem Autor zu ihrer Linken Interesse zu finden. „Mit ivelchem bon den berühmten Bohrmanns sind Sie eigentlich verwandt, lieber Doktor?" Bohrmann kannte keinen einzigen berühmten Namens- Vetter. „Welchen meinen Sie, mein Fräulein?" fragte er be- troffen. „Es fällt mir selbst augenblicklich keiner ein." Eine große, köstlich dekorierte Schüssel wurde herumgereicht. Sie sah von weitem ans wie ein großer Strauß von lveißen Blumen. Es war Käse. Lopinskp lehnte dankend ab, lehnte sich wie gesättigt zurück und flüsterte der Szekal zu, aber so, daß Bohrmann jede Silbe verstehen konnte:„So ein Kontrakt, wie Sie ihn verlangen, ist nie unterschrieben worden: Aber ich will nicht länger darüber nachdenken. Nachdenken inacht so müde. Ich unterschreibe alles." Und mit einem satten Lächeln fügte er lauter hinzu: „Ich kann mir so etivas erlauben. Ich habe Glück." „Dann will ich gleich nach Tisch an ineine Freunde tele- graphieren. Wir iverden ja doch gleich aufstehen." „Noch ein Wort, teuerste Freundin. Es wird da noch eine kleine Schwierigkeit zu überwinden sein." Und Lopinsky beugte sich tiefer zu der Schauspielerin herab. Immer noch strich er seinen schwarzen Stallmeister- schnurxbart, immer noch hielt er das müde Lächeln des schönen Mannes fest, aber etwas Gemeines schaute aus seinen Augen, gemeine Furcht oder gemeiner Zorn. Wenigstens schien es dem Lehrer so, der das Gespräch nicht mehr vcr- nehnren konnte. Merkwürdigerweise hatte auch das Paar zur Linken seit kurzem ein Gespräch über Geschäfte angefangen. Seitdem die nahrhaften Gänge vorüber und die Süßigkeiten und solch dummes Zeug an die Reihe waren, hatte die Kietz nach einem letzten tiefen Seufzer sich und ihren Seligen beruhigt', auch Herr Neumann hatte die Serviette vor sich hingelegt, das Kelchglas beiseite gerückt und plötzlich gefragt: „Nu aber ernsthaft, Kietz, wollen Sie?" Und die Kietz hatte geantwortet: „Bauernfänger l Sie meinen, weil ich ordentlich gefuttert und gepichelt habe, wäre ich nu dumm genug für Sie. Nee, nee, is nich, mein Kind. Wenn's auch nur Märker sind und kecne Thaler. eine Wertelinillion oder so ein Teil davon, da» geht der Kietzen über ihren Horizont. Und wenn Sie mir die Zinsen auf Stempelpapier versprechen." „Nu� denn nich," sagte Neumann, der inzwischen auch schon nach der Szekal und Lopinsky hinübergelauert hatte. Ick hatte jeglaubt, der Dichter an Ihre grüne Seite hätte Sie schon bearbeitet." „Herr Clansing?" fragte die Kietz.„Von dem glaube ich so was gar nich. der ist'« jutes 5kind. Der ist keen Bauern- fang er." Plötzlich machte die Szekal eine Bewegung, so lebhaft. wie während des ganzen Diners noch nicht. Neben ihr saß Lopinsky mit unruhigen Augen! er hatte etwas von seiner Eleganz eingebüßt, seine Haltung hatte für ein Weilchen ge- litten. Eben als er sich wieder in seinem schönen, mit Seide ausgeschlagenen Frack zurecht rückte, drehte sich die Szekal nach links um. Ihre Augen hatten den schönen Glanz ver- loren, und wiederrief sie scharf im Ton eines Handelsagenten, ohne eine Spur von tragischem R, so leise wie möglich: „Herr Neumann!" „Was is?" „Wissen Sie da? Neueste? Unser zukünftiger Direktor Lopinsky hat keine Konzession und kann auch keine kriegen." „Da soll doch..." „Mahlzeit, meine Damen und Herren!" rief Herr Lose. und man stand ans. X. Zuerst waren die Herren allein im Rauchzimmer, dann fanden sich langsam einige Damen ein und steckten sich Cigaretten an. Auch Mascha, gegen die ausdrückliche Bitte ihres Mannes. Nur die gute Frau Kietz rauchte nicht, sowie Bohrmann der einzige Nichtraucher war. Sie trank aber zwei Gläschen Cognac und verführte den Herrn Clausing— er gab eö auf, ihr seinen Namen beizubringen— es ihr nachznthun. Ihr Busen und ihr Seliger beivegten sich kaum, aber schiver blies sie ihren Atem über beide hinweg. Bohrniann fühlte sich in verwegener Stimmung. So wie diesen Raum hatte er sich als Kind etwa die Sakristei eines Doms vorgestellt: vom Boden bis zur Decke Holz- schnitzercien. Küster an einem solchen Dome zu sein! Und nun stand er mitten drin nicht als Wster, sondern bei den Herrschaften, und wenn er gewollt hätte, hätte er auch rauchen können. Er wollte nur nicht. Ein prächtiger Diener hatte ihm zu rauchen angeboten. Rollen von Silberpapier, in denen Cigarren steckten. Und noch ein drittes Gläschen Cognac hätte er trinken können... wenn er gewollt hätte. Und daß die Damen rauchten... seine gute alte Mutter war eben nicht unfehlbar gewesen. Die arme Frau. Auf ihrem Dorfe hatte sie es schon unschicklich gefunden, wenn ein Weibsbild einen Strohhut trug anstatt eines Kopftuchs. Die würde staunen, wenn sie jetzt ihren Johannes sehen könnte mitten unter rauchenden Damen. Wenn nur sein Rock nicht gewesen wäre, ein Küsterrock. Und richtig, da kam auch schon der unangenehme Assessor, Maschas Vetter Felix, freundlich auf ihn zu, fragte ihn nach diesem und jenem, und endlich auch, wo er seine Kleider bauen lasse. Bohrmann hätte sich dem feinen Herrn am liebsten weinend an die Brust geworfen und ihn gebeten, sich seiner anzunehmeu. Oder er hätte ihn zum Zweikampf herausfordern möge». Oder er ivollte ihm witzig und boshaft antivorten. Aber er brachte nichts heraus, als; „Das Kleid macht den Mann nicht, Herr Assessor." Und merkwürdig, nach dem ärgerlichen Gesicht des feinen Herrn mußte es eine gute Antwort gewesen sein. Er glaubte Witz und Bosheit bewiesen zu haben und fühlte sich auf einmal der ganzen Gesellschaft überlegen. Während Herr Lose selbst jetzt mit ihm sprach und ihm seine Ansichten über den Getreidezoll, insbesondre den Schutzzoll auf Gerste, entwickelte, blickte Bohrmann frei in dem kleinen Räume umher, in welchem die ganze Gesell- schaft etwas dicht gedrängt beisammen war. Er sah, wie der Vetter auf Mascha losging und ihr höhnisch etwas zuflüsterte, er sah, wie Mascha heftig antwortete. Ja, ja, der schlichte Mann im Küsterrock stach den geschniegelten Herrn bei ihr aus. Ihn, ihn hatte die Fee erwählt, vergebens warb der Vetter um sie. Während Herr Lose erklärte, trotz seiner fortschrittlichen Gesinnungen nur bezüglich der Gerste die Maßnahmen der Regierung bekämpfen zu wollen, glaubte Bohrmann weiter zu bemerken, wie Mascha für ihn wirkte. Sie sprach mit den Herren und mit den Damen und blickte nach ihm hin, als ivollte sie sagen: Eben habe ich wieder Gutes von dir gesprochen. Es skonnte nicht anders sein, denn die Herren und Damen sahen ihn neugierig an. Wenn Mascha es nur in ihrem Eifer nicht zu leicht genommen hätte mit der Wahrheit. Dielleicht forderte man ihn jeht auf, sein Drama vor- zulcsen. Er war gerade in der Stimmung, er fürchtete nichts. „Die Herren ani grünen Tische." fuhr Herr Lose fort, „kennen das praktische Leben zu wenig. Was auf die Brot- frucht paßt, das paßt noch lange nicht auf die Gerste, denn Sie nmsfen wissen, daß Nußland.. Bohrmann bemerkte auch, daß es zwischen Herrn Neu- mann und dem Direktor Lopinsky zu einem lebhaften Auftritt ge- komme» war. Fräulein Szekal und der kleine Hautinger gesellten sich dazu, und die vier verließen plötzlich das Rauchzimmer, als ob sie etwas untereinander heimlich besprechen wollten. Da stand Mascha neben ihm. „So langweile doch unsern lieben Bohrmann nicht mit Nationalökonomie." Nationalökonomie! Wie das Einmaleins sprach Mascha solche Worte aus. „Meine Frau, lieber Herr Bohnnann, will mich nur an meine Pflicht mahnen, mich auch den andren Gästen zu widmen. Ich danke Dir. Mascha. Herr Bohrmann hat mich mit seiner sinuigen Unterhaltung zu lange gefesselt." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck»etBoten.) Vie Baiifctucl bei den«Wen Douksichen. Der Glaube an die Möglichkeit der Zauberei, an daS thatläch- liche Vorhandensein von Hexen und Hexcnnieisteni ist in Deutsch- land noch recht weit verbreitet. Oesters thuu Gerichtsverhandlungen bald in diesem, bald in jenem zurückgebliebenen Teil des Landes dar, daß ganz harmlose Personen bei einer abergläubischen Bevölke- rung in den völlig grundlosen Verdacht geraten, das Vieh zu be- hexen, Menschenkinder durch den bösen Blick oder sonstwie erkranken zu machen und andre erstaunliche Kunststücke zum Schaden ihrer Nach- barn zu vollbringen; andrerseits wiederum werden vielfach durchtriebene Schwindler und Schwindlerinnen oderHalbverrückte.dic imBesitz zaube- rischer Fähigkeiten zu fem behaupten, von zahlreichen Gläubigen ehrfürchtig um Rat und Hilfe angegangen. Der Rest altgermanischeu Heiden- tunts, der in dem Glauben an Zauberei zu erblicke» ist, Ivurzelt eben bei wenig aufgeklärten Teilen der Nation noch immer so fest, daß noch geraume Zeit vergehen wird, ehe jener thörichte Aber- glaube ganz zu den Dingen der Vergangenheit gezählt werden kann. Ein beträchtlicher und erfreulicher Rückgang gegen noch nicht so gar weit zurückliegende Zeiten ist freilich unverkennbar. Man braucht bloß das beste Erzeugnis nnsrer Litteratur im Zeitalter deS dreißigjährigen Kriegs, Grimmelshausens prächtigen Sittenroman„Der abenteuerliche Simplicisfimus", zur Hand zu nehmen, um sich mit Er- staunen von der merkwürdige» Thatsache zu überzeugen, daß selbst dieser sonst so scharsfinnige, an durchdringender Menschenkenntnis und Lebens- erfahrung so reiche Schriftsteller derWahnidee desHcxenwesens steif und fest huldigte. Bei ihm wird in einem Kapitel des ersten Buchs, das betitelt ist:„Wie Simplicius zu den Hexen auf den Tanz gefahren," allen Ernstes beschrieben, wie dem Helden, als er eines Abends zum Diebstahl von Lebensmitteln in ein BmiernhauS eintreten will. das folgende haarsträubende Erlebnis begegnet:«Unterdesien nahm ich eines Spalts gewahr, den das Küchcnschälterlein hatte, welches nach der Stube ging; ich schlich hinzu, zu sehen, ob die Leute nicht bald schlafen gehen wollten; aber meine Hoffnung war nichts, denn sie hatten sich erst angezogen und anstatt des Lichts eine schweflichte blaue Flamme auf der Bank stehen, bei welcher sie Stecken, Besen, Gabeln. Stühle und Bänke schmierten und nacheinander damit zum Fenster hinausflogen. Ich verwunderte niich schrecklich und empfand «in großen Grausen, weil ich aber größerer Erschrecklichkeiten geivohm war, zumal mein Lebtag von den Unholden weder gelesen noch gehört hatte, achtete ich's nicht sonderlich, vornehmlich Iveil alles so still herging, sondern verfügte mich, nachdem alles davongefahren war, auch in die Stube, bedachte, was ich mitnchinen und Ivo ich solches suchen wollte, und setzte mich in solchen Gedanken auf eine Bank rittlings nieder. Ich war aber kaum aufgeseflen, da fuhr ich samt der Bank augenblicklich zum Fenster hinaus und ließ mein Ranzen und Feuerrohr, so ich von mir gelegt hatte, für den Schmier- lohn und eine künstliche Salbe zurück. Das Aufsitzen, Davonfahren und Absteigen geschah gleichsam in einem Nu; denn ich kam, wie mich bedüiikte, augenblicklich zu einer großen Schar Volks, eS sei denn, daß ich aus Schrecken nicht darauf geachtet habe, wie lange ich auf dieser weiten Reis' zugebracht. Diese Leute tanzten einen wunderlichen Tanz, dergleichen ich mein Lebtag nie gesehen." Der Hexcntanz, der schließlich sein Ende dadurch findet, daß der über den ekelhaften Anblick zu Tode erslhrockene Simplicius Gott anruft, worauf der ganze Spuk in einem Hüi verschwindet, wird mit lebendigen Farbe» drastisch geschildert, und im folgenden Kapitel werden dann allerlei Histörchen erzählt, nach Grimmelshausens Meinung Thatsachen, die erweisen sollen, daß Simplicius nicht mit dem großen Messer aufgeschnitten habe, sondern sein Erlebnis sich durchaus mit der Erfahrung im Einklang befinde, wie sie in den Hexenprozcsicn zu Tage trete. So mächtig war noch vor zwei» einhald Jahrhunderten dieser Rest des Götterglanbens untrer Bor» fahren: nur daß freilich unter dem Einfluß christlicher Vorstellungen der Hexenwahn sich in der Hauptsache zu einer Karikattir deS heidnischen Zauberwescns der alten Germanen entwickelt hatte, und daß unter dem Christentum schließlich als unerlaubt, mit dem Scheiterhaufen strafbar und Todsünde galt, was den alten Deutschen ein durchaus wesentlicher, anerkannter und erlaubter Teil des Volks» glaubens gewesen war. Ein glücklicher Zufall hat uns in ihrer ursprünglichen Fassung zwei Zaubersprüche aus heidnischer Vorzeit übermittelt, die es er- möglichten, über diesen Teil des altgerninnischcn Geisteslebens klarer zu sehen, als es bis dahin angängig war. Es find das die so» genannten Zaubersprüche von Mersevnrg, wo sie, in einer alten Hand- schrift aus dem zehnten Jahrhundert unter sonst lauter theologischen, interesselosen Texten versteckt und daher lange übersehen, in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zufällig aufgefmiden und von Jakob Grimm zuerst veröffentlicht wurden. Der eine davon lautet in neuhochdeutscher Uebertraguug also:„Einst setzten sich Jdise nieder, setzten sich hierher und dorthin; die einen hefteten Baude, die andren hielten das feindliche Heer auf, die andren pflückten an den Fesieln herum: entspring Haflbanden, entfahr Feinden!' In seiner orakelhaften Kürze ist der Spruch nicht ohne weiteres verständlich. sondern bedarf der Erläuterung. Unter den Jdisen oder weisen Frauen, die des Zauberus kundig sind und davon einen dem Menschen wohlthätigen Gebrauch machen, sind in diesen» Falle. obwohl sonst der Ausdruck einen viel weiteren Kreis halbgvtllich gedachter Gestalten umfaßt, jene Schlachtenjungsraueu zu verstehen, die, zu Wodans, des Göttervaters, Umgebung in Walhalla gehörig und seiner übermenschlichen Weisheit und Fertigkeiten in hohem Grade teilhaftig, für gciovhnlich mit den gefallenen Helden dort in seliger Gemeinschaft leben, aber auf der Erde erscheinen, um in das Schlachten» getümmel ans ihren fliegenden Rossen thälig einzugreifen: in der altheidnischeu Liedersammlung der Rordgermanen, der Edda, heißen sie Walküren. In unsrem Spruch erscheinen sie in drei Gruppen geteilt, wovon die eine hinler den» befreundeten Heer dessen Ge- sangene in Fesseln schlägt, die andre dem feindlichen Heer kämpseud entgegentritt, die dritte endlich imRücken des Feindes erscheint, um dessen Gefangene ihrer Baude zu entledigen unter Aussprechen der lösenden Formel:„Entspring Haftbaudeu, entfahr Feinden I" Die Edda nennt das einen„leysigaldr", einen LösmigSzanber. Die Meinung ist natür- lich, daß das Hersagen der Formel in ähnlichem Falle gleiche Wirkung verspreche, jedenfalls unter der Voraussetzung, daß man dabei auch anderweitig für seine Befreiung thälig ist, mit.Herumpflücken' an der Fessel oder wie sonst. Anders möchte der Glaube au die zauber- hafte Wirkung des Spruchs wohl rasch in die Brüche gegangen sei». Zweifellos aber hat der christliche Mönch, der de» Spruch zu Papier gebracht und der Vergessenheit entrissen hat, bei sich den Zauber deS verpönten Heidentums für wirksam und nützlich gehalten, da er ihn mitten unter fromme Erzeuguiffe der Gottesgelahrtheit einzureihen sich erkühnte. Sein zweites wnndcrkräftigeS Spriichleni gehört einem andern Gebiet des ZauderwesenS an, nämlich dem des Besprecheus von Krankheiten; eS wimmelt darin nur so von heiduischeu Götter- gestalten, daß man erstaunen mutz, woher der Mönch die Frechheit »ahm, niederzuschreiben, was dem Christen in ihm als Teufelei und Todsünde hätte gelten müssen.„Phol m»d Wodan', heißt es da, „ritten in den Wald. Da ward dem Fohlen Balders sein Fuß vcr» renkt. Da besprach ihn Siudgiuid, der Sonne ihre Schwester; da besprach ihn Freia, der Bolla ihre Schwester; da besprach ihn Wodan, wie er wohl konnte, sowohl Knochen-, als Blut-, als Gliederverreukung: Knochen zu Knochen, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, als ob sie geleimt seien I' Der Gott, dessen Roß der Unfall zustößt, Phol ist ein und dieselbe Person mit Baldcr, wie er in dem Spruch ja auch geuannt wird. In der nordische» Edda erscheint er nur unter der letzteren Bezeichnung, während von seiner in Deutschland gleichwertigen Benennung Phol zahlreiche süddeutsche Ortsnamen zeugen: er ist ein Sohn des Wodan und seiner Schwester und Gattin Freia und als Gottheit deS Lichts gedacht. Während nun weder Sindgund noch auch Freia selber durch Besprechen die Verrenkung zu hciien vermögen, gelingt dies dc»n Göttervater ohne weiteres; er kennt die richtigen Zauber» Worte, deren man sich also im entsprechenden Fall zu bedienen hat, um eine gleich erfolgreiche Kur zu stände zu bringen. Wodan ist mit allen Arten der'Zauberkmift am besten vertraut. Wer sonst etwas davon versteht, hat seine Weisheit von ihm entlehnt. Doch verdankt auch Wodan, der Edda zufolge, seine Kunde nicht sich selber, sondern hat sie von seinem an der Wurzel jder Weltesche Uggdrasil hausenden Oheim Mimir gegen Verpfändung eines Auges gewonnen. Was er da alles gelernt hat, spricht er in einem Eddalied(irach Wolzogens llebersetzung) folgendermäßen aus: „Hilfreich zu sein verheißt Dir das Eine In Streit und in Jammer und jeglicher Not. Ein Andres lernt' ich, das Leute gebrauchen, Die Aerzte zu werden wünschen. Ein Drittes kenn' ich, das kommt mir zu gut Als Fessel für meine Feinde; Dem Widerstreiter verswmpf' ich daS Schwert, Ihm hilft keine Wehr noch Waffe. Ein ViertcS noch weih ich, wenn man mir wirft Die Arm' und die Beine in Bande; Alsbald ich es singe, sobald kann ich fort, Vom Fntze fällt mir die Fessel, Die Hast von den Händen herab. Ein Fünftes erfahr ich: wenn fröhlichen FlngS Ein Geschah auf die Schoren daherfliegt, Wie stark es auch zuckt, ich zwing' es zu steh'», Ergreif' ich es bloh mit dem Blicke. Ein Sechstes ist mein, wenn ein Mann mich sehrt, Mit wilden Baumes Wurzel; Nicht mich verfehlt, den Mann verzehrt Das Verderbe», mit dem er mir drohte.� So kann er im ganzen Slchtzehnerlci: Flammen löschen, Hader unter Männern schlichten, Wind und Wellen besänftigen, Rachtmare verscheuchen, seine Lieblinge in der Schlacht vor Wunden und Tod beschützen, Erhängte wiederbeleben, Frauenliebe gewinnen usw., alles auf dem Wege der Bcschwörmig. Zahlreiche Menschen haben Teile des Geheimnisses von dem ihnen günstigen Wodan erlernt, wie denn auch die Lehren des eben angeführten Eddalieds an Lodhafner. als einen Repräsentanten des irdischen Geschlechts, gerichtet sind. Znmal den Frauen wurde eine ganz be- sondere Fähigkeit zugeschrieben, in die Mysterien des übernatür- lichen Wissens einzudringen. Die solches zu eigen hatten und zum Nutzen ihrer Mitmenschen gebrauchten, rechnete», als halbgöttlich ver- ehrt, unter die weisen Frauen, die Jdise: woneben es freilich auch schon solche gab. die für bösartige Unholde galten und unter dem Namen Cagaznssa sdie im Haag fitzende) gefürchtet wurde»; hieraus hat sich unser Wort Hexe entwickelt. In der.Germania' des römischen Geschichtsschreibers Tncitus liest nian über die prophetischen Frauen der alten Deutschen:.Sic glauben auch, dah den Frauen etivas Geheiligtes und die Zukunft Vorausahnendes innewohne, auch schätze» sie ihre Ratschläge nicht gering,»och vernachlässigen sie ihre Antworten. Wir haben uiiter lllaiser Vespasian die Vcleda gesehen, die lange bei den»leisten gleich einer Gottheit verehrt worden ist." Diese Weleda hauste, von den deutschen Stämmen der näheren und weiteren Umgebung in den wichtigsten politischen Angelegenheiten mit gläubiger Ehrfurcht um Rat angegangen, im Land der Bruktercr an der Lippe auf einem Turm. Neben Claudius Civilis die Seele des Freiheitskampfes der Bataver und ihrer Verbündeten gegen die Römer(öS, 70 n. Chr.), geriet die weise Frau nach ihrer Niederlage in die Hände der Römer und wurde in Rom von dem Pöbel an- gestaunt. Aehuliche Gestalten tauchen in der Zeit der Nvmcrkriege öfter auf. Ein paar Bemerkungen sind nötig über die äußere Form der aktgcrmanischen Zaubersprüche. Diese ist, auch bei den beiden Merseburge Sprüchen, wo es in der hier gegebenen Uebersetzung freilich nicht hervortritt, eine poetische, aber nicht in Gestalt des heute bei uns üblichen Endreims und Silbenmaßes, sondern des sogenannten Stabreims oder der Alliteration, bei der in jeder VerS- zeile mindestens zwei Worte mit dem nämlichen Buchstaben an- heben: eine Probe davon geben die oben mitgeteilten Strophen eines Eddalieds. Schon in vorchristlicher Zeit waren auf deutschem Boden aus dem lateinische» Alphabet die Rhu«, entwickelt worden, die aber nicht zu Zivccken des gewöhnlichen Lebens ini täglichen Gebrauch waren, Iveil hierzu gar kein Bedürfnis vorlag, sondern. ivenige» Eingeweihten bekannt, für etwas Geheimnisvolles und Zauberhaftes angesehen wurden, waS auch in dem mit dem heutigen „rannen" zusammenhängeuden Worte Rune liegt. Auf eine Anzahl Buchenstäbche»*) ritzte man wohl, wie Tacitus erzählt, je eine Rune ein und schüttelte die Hölzer auf einem weißen Tuch hin und her, bis einige heraussprangen, deren Rnnen dann als sog-nannte .Stäbe", d. h. als die wiederkehrenden Anlanter für de» her- zustellenden Zauberspruch Verivandt wurden! was im übrigen dessen sachliche» Inhalt anging, so war man dafür natürlich ans göttliche Eingebung angewiesen. Wegen der wichtigen Rolle aber, die de» Runen dabei zufiel, pflegte man die ganze Zauberwissenschaft als Ruucnknnde zu bezeichne». Als die zunächst recht äußerliche Bekehrung der deutschen Stämme zum Christentum erfolgt war, legte sich die Kirche natürlich auch gegen die hcihznsche Zauberei in§ Zeug. Es sind noch Taufgelöbnisse vorhanden, in denen die gewaltsam bekehrte» Sachsen schwören mußten, dem Teufel und all seinen Werken und Worte», dem Donar, dem Wodan und Saxuot und all den Unholden, die ihre Genossen seien, zn entsagen. Damit aber war selbstredend der Glaube an die Existenz jener Wesen und an ihre Zaubermacht nicht ausgerottet: auch nicht bei den Geistlichen selber. Davon legt nicht nur der spätere Hexenwahn Zeugnis ab, sondern auch die merkwürdige Thatsache. daß zahlreiche Beschwörungsfornlcln aus dem Mittelalter erhalten sind, die gegen alle möglichen Krankheiten, Fährlichkeite» und Schädigungen sichern sollen und im Wesen vollständig mit jenen heidnischen Sprüchen übereinstimme», sich auch zweifellos auf solche znrücksllhrcn lassen, nur sind an die Stelle der heidnischen Götter der Christengott, Christus und die Heiligen getreten. Man kann sich aber auch über diese gewaltige Macht, die jener Aberglaube auf die Volksseele übte, nicht im mindesten verwunder», wenn man bedenkt, daß er zum ältesten geistige» Besitz nicht nur der Deutsche», sondern der *) Von diesen: Verfahren schreibt sich das heutige Wort Buch- stabe her. Fndogermancn insgesamt gehört. Ein uralter indischer Spruch lautet:.Zusammen werde Mark mit Mark, und auch zusammen Glied an Glied; was dir am Fleisch vergangen ist, und auch der Knochen Ivachse dir; Mark mit Marke sei vereinigt, Haut mit Haut erhebe sich; Blut erhebe sich am Knochen, Fleisch erhebe sich am Fleische, Haar mit Haar füg' eS zusammen, füge mit der Haut die Haut." Wie sehr diese Formel mit dein zweiten Mcrscburger Spruch übereinstimmt, darauf braucht nicht erst hingewiesen zn werden, und Aehnlicves ließe sich aus den Ueberlieferungen anderer indogermani» scher Völker niassenhaft zusammentragen. Man sieht, es handelt sich bei dem Glauben an Zauberei um uraltes, indogermanisches Gemein« gut, und das erklärt denn auch zur Genüge, warum seine Reste so schwer besserer Einsicht weichen Ivolleu.— a. c. Kleines Feuillekon. k. Merkwürdige Posten. Vor kurzem starb Mr. John Sands, ein Rechtsanwalt auf den Shctland- Inseln und der Erfinder der St. Kilda-Post. Da im Winter keine Verbindung mit den: Festlande bestand, konstruierte Sands, wie ein'englisches Blatt erzählt, eigenartig geformte Bojen, in denen die Post von St. Kilda niedergelegt Ivnrde. So beladen wurden diese Bojen dem Meere anvertraut und von den Strömungen dem Festlande zugetrieben, wo sie aufgenommen und ihr Inhalt zum nächsten Postamt gebracht tvurde. Ebenso primitiv ist der in der Magelhaensftraße üblich« Postdienst. DaS Postamt besteht ans einer bemalten Tonne, die durch Ketten an die Felsen des äußersten Punkts von Terra del Fuego be» festigt ist mid dort schwimmt. Jedes vorüberfahrende Schiff schickt ei» Boot, um die Briefe zu sammeln und zur Post zu befördern. Natürlich hat daS Amt keinen'Postineistcr und steht unter dem vereinten Schutz aller Länder der Welt..Liebes Fräulein, wenn Sie dieses Faß Baldivinäpfel erhalte», korrespondieren Sie bitte mit Edward Bond ans Moimt Brydgeö, Outaria, Kauada',— so lautete ei» Brief, der nach einer Reise von dort vor kurzem zum Vorschein kam. Ei» derartiger Postdienst scheint von mehr als einem erfinderischen Korrespondenten nutzbar gemacht worden zn sein; ein tasmanischeS Mädchen hat auf diese Weise einige Verwandte in Kent gefunden. Ein Heiratsantrag wurde von einer jungen Amerikanerinj in eine Flasche eingeschlossen und dem Flusse anvertraut, der hinter ihrem Haus vorbeifloß. Einige Tage später fand ein Pflanzer, der an de» Ufer» desselben Flnsscs wohnt, die Flasche und nachdem er ihren Inhalt genau untersucht hatte, sandte er eine so freundliche Antwort, daß er bald darauf der Gatte der Dame wurde. Am vorigen Weihnachten kaufte ein Engländer einen besonders schönen Truthahn für 23 M. Unter den Schwingen des Vogels fand er folgendes Briefchen:.Lieber Freund, ich hoffe, Sie werden diesen Truthahn mit Vergnüge» essen. Er ist vierzehn Monate alt. wiegt 35 Pfund, und Ivir verkauften ihn für 10 M. Lassen Sie mich wisicn, was er in England wert ist." Vor kurzem fand ein Kauf« mau» in Toivcester in einem Käse, der aus einer kanadischen Milch» Wirtschaft in einer Zinnschachtel geschickt war, ein Briefchen, in dem der Wunsch ausgesprochen war, der Euipfängcr möge dem Fanner, dessen Name und Adresse beigefügt war, seine Meinung über die Beschaffenheit des Käses schreiben. Da dieser Bitte Folge geleistet tvnrde, antivortete der Kanadier mit einein Inngen und interessanten Brief, in dem er sich über die Milchivirtschaft in seinem Vaterlande aussprach.— Theater. — d. Neue Freie Volksbühne.„DaS Lumpen« g e si n d e I Tragikomödie von E r n st v. W o l z o g e n.— DaS lustige Durcheiiinnder der buutbeivegten Sccucn gefiel auch diesmal wieder. Die Späße des ersten Akts riefen die allgemeine Heiterkeit hervor und die Sentimentalität des letzten Akts entließ die Zuschauer in jener weichen und rührseligen Slimmung, die das Publikum so gern hat, Iveil sie.ans Herz greift". Bei der tollen Uebervrett'l-Lanne deS ersten Aktö war besonders der Schluß interessant. In diesem Aktschluß erweist sich Wolzogen nicht nur als Lustspieldichter, sondern auch als Prophet. Wer dies bestreiten will, muß den: Brctt'l-Direktor wenigstens den feinen Riecher für kommende Dinge lassen. Kann es etwas Aktuelleres geben, als wenn das— vor etlva 9 Jahren bereits geschriebene— Stück einen Kommerzienrat und Beleuchtuugskörper-Fabrikanten bor- führt, der eine moderne Zeitung gründen will, die Lickit und Auf- klärung ins Publikum tragen soll, damit es in den Köpfen endlich einmal„Tag" wird? Die neue Zeitung soll ein imabhäiigiges Organ sein, konservativ-socialistisch, regieruiigsfrenndlich in: frei- sinnigen Sinne, streng kirchlich-ausklnrend usw. Hierfür sollen die beiden Litteratenbrüder mit 6000 M. Honorar engagiert werden. Im Lustspiel schlagen sie's ans.... Man weiß, wer zn dein gesinnungs» tüchtigen Brüderpaar Modell gestanden hat. Auch die Figur deS zeitunggrüiidlingsbeflissenen Beleuchtungskörper- Fabrikanten, der es in den Köpfen' seiner Mitmenschen so gern„Tag" werden lassen möchte, liegt nicht allzu fern. Gespielt wurde fast durchweg gut. Eiiiamicl Reicher als Dr. Friedrich Kern, Walther Focke als Wilhelm Kern und Else Schiff als Friedrich Kerns Frau boten Leistiingen, mit denen man zufrieden sein konnte. Hermann Hardy als Wachtmeister Polle und Erich Flatau als Kunibert Dippcl hatten etwas zu stark aufgetragen� während die komische Rolle der Wilivc Schlvnmhe C'ci Johoiina Junker-Schatz in guten Händen lag.— Aus den« Pflanze»! eben. — Die merkwürdige Ä a n n e» p fl a n z e R e p e n t h e s ist in ihrer Heimat vor kurzem Gegenstand interessanter Unter- snchungen von G. Clanlriau getvese», über die die ,.5tvl». Ztg." de- richtet: Diese Pflanzengattinig. von der man ungefähr 4l) Arten kennt, ist der Mörder der kleinen Insekten. Die Spitze der Blattsprcire ist zu einer förmlichen Kanne ausgewachsen, die»icist vis zu 15 Centi- inetcr Höhe reicht, bei manchen auf Borneo vorkommenden Arten sogar R) Ccntimctcr und ansnalnnStveise sogar einen halben Meter. So lange die Kannen noch nicht anSgeivachse» sind, erscheinen sie durch eine» Deckel geschlossen, später senkt sich dieser und das Innere der Kamie wirb zum Besuche der Insekten frei, ja ladet förmlich dazil ein durch bimte Färbung und Ausscheidung einer honigähnlichcn Flüssigkeit oben um den Rand der Kanne. Das ganze ist aber eine Art teuflischer Veranstaltung, be- stimmt zum Verderben der angelockten Insekten. Denn die ab- schüssige Jimenseite der Kanne ist mit-einem feinen, glatten Wachs- Überzieher versehen, und ivenn das honigsaugendc Insekt, welches sonst überall genügenden Halt findet, im Vertrauen darauf die glatte Fläche betritt, so ist es rettungslos verloren, den» es gleitet un- ausbleiblich aus und stürzt in die Kanne herab. Dort findet es eine Flüssigkeit vor. die nach den Untersuchungen von Clnutriau färb- und geschmacklos ist, aber nach Einführung eines Fremd- körpers sauer reagiert. In dieser Flüssigkeit kommt das hinein- gefallene Insekt um. Selbst wenn es ihm in einzelnen Fällen gc- länge, an den glatten Seitentvändcn einporzuklcttcrn, so erreicht es doch niemals mehr den Ausgang, sondern stürzt bald wieder hinab. Zum Ueberflust ist der obere, nach cimvärts gerollte Nand-bei grogen Kannen auch noch mit ablväktS gekehrten Stackicln versehen,»»d diese Pallisadcnreihe ist«»übersteigbar für jedes kleinere Insekt. Die Kanne ist im Inner» oft bis über die Hälfte mit Flüfsigkest gefüllt und das getötete Tier tvird völlig verdaut, ins auf die Chitinhülle. Der ge- nannte Beobachter fand, daf; die Flüssigkeit dabei völlig durchsichtig bleibt, auch keinen unangenehmen Geruch annimmt, so dafe von Fäulnis nicht die Rede sein kann. Als Clanlriau in die Kanne sterilisiertes Eiweih brachte, wurde» selbst verhältnismäßig beträchtliche Mengen davon in zivei Tagen längstens von der Pflanze aufgenounnen. Eine Kanne verdaute in vierzehn Tagen nicht weuiger als 32,5 Kubikcentimetcr Eiweiß, auch wird, wie der genannte Forscher durch chemische Analysen feststellte, der Stickstoff des Eiweißes wirklich absorbiert. Es ist nnzweiselhaft, daß die NepeuthcSarten in ihrer Heimat infolge ihres unaufhörlichen Jnsektcufaugcs die Zahl der kleinen Insekte» in ihrer Umgebung erheblich verminder» i ja, nach Clautriau darf man annehmen, daß diese Abnahme der Insekten örtlich so beträchtlich geworden ist. daß die Kannest der Pflanze Ivciter von keinem ivesentlichen Rntzen sind. So fängt diese Pflanze z. B. auf Java keine große Zahl von Insekten, iveil diese letzteren schon sehr abgenonnneu haben i wo diese»och zahlreich auf- treten, sind auch die Kanucn mit deren Resten zahlreich versehen. Merkwürdig ist nun die von Clautriau entdeckte Thatsache, daß in diesen Mördergruben zwei Jnscktcnar-tcu ihre ganze Entivickelung durchmachen imd gedeihen, eine davon ist die Fliege. Hier sehe» wir eine merkwürdige Anpassung, und eS ist genau dieselbe Erscheinung, welche wir beiin menschlichen und tierischen Magen treffen, der alles Organische verdaut— nur sich selbst nicht.— Aus dem Gebiete der Chemie. io. DieschädlichenBestandteilc der alkoholischen G e l r ä n k e. Der eigentliche Alkohol oder., wj.e der Chemiker im brsondcrcn sagt. Acthylalköhol bildet in allen Spirituosen, bis ge- Ivöhnlich als Genußnnttel gevrmicht oder mißbraucht werden. den Hauptbestandteil. Da deren' Wirkung aber eine recht verschiedene ist, läßt sich annehmen, daß diese»och auf andre Bestandteile zurück- zuführen ist. Unter ihnen kommen in Betracht: Aldehyd, Aether, Fuselöl und geivisse flüchtige Verbindungen. Diese. besonders das Aldehyd, sind im rohen Spiritus stärker vertreten als im gelagerten, und tvahrschcinlich tvird in erster Villip ans diesem Grunde dem reifen GpiritnS der Vorzug gegeben. und dessen Nach- Wirkungen sind auch weniger unangenehm. Durch neue Versuche wird die Ansicht bestätigt, daß die gesundheitsschädlichen Wirkungen des Alkohols, die man gewöhnlich unter dem Begriff der Alkohol- Vergiftung versteht, tvenigcr dem Alkohol selbst als besonders dem Aldehyd zuzuschreiben find. Bon diesem Stoff giebt eS auch wieder eine Reihe von Abarten, unter denen das sogenannte Furfurol vorzugsweise schädlich zu sein scheint. Diese Verbindung entsteht ans Stoffen, die in der Cellulose der zur Spritbrreitung be- nutzten Getreidehülscn entHallen ist. Durch Experimente ist festgestellt, daß das Fnrfnrol eine Lähmung der Muskeln, weiterhin Krämpfe mit schneller und unregelmäßiger Atmung hervorruft, in kleineren Mengen BeivegungSstörnngen und ei» Zittern besonders in den BesichtSmnSkel». Beim Menschen erzeugt es außerdem einen Schmerz im Nacken, der sich bis zum Hinterhaupt ausdehnt, nebst einem Gefühl des Pochens in den Blut- gefäßen des Kopfes, gefolgt von starkem Kopfschmerz. Wird das Aldehyd ans dem Spiritus beseitigt, so sind diese Erscheinungen schwächer und mehr vorübergehend. Tiere, die mit aldehydfreiem Sprit behandelt werde», zeigen geringere Störungen, während sie bei Aufnahme von gelvölnilichem Alkohol ein starkes llebelbefinden verraten und auch die Nahrungsaufnahme gänzlich verweigern. Diese Beobachtung«» legen die Forderung nahe, daß in den Fällen. Ivo der Genuß von Alkohol als Arznei verschrieben tvird, nicht Wein, Cognac oder Whisky, sondern ein chennsck gereinigter Sprit empfohlen werden sollte.— Humorifiisches. — Raffiniert.„Sie habe» dem Verein„Harmonie" ein Geschenk zur Verlosung geniacht— sind Sie denn mit den Mitgliedern bekannt?" „Keiüe Idee! Ich kenne nur den Schriftführer. Das ist ein z'widerer Kerl, mit dem ich seit Jahren verfeindet bin. Wenn ich nun dem Verein ein Geschenk mache, so ist er als Schriftführer ge- zivnngcn. so hart es ihm auch ankommt, mir in den Ausdrücken ausgesuchtester Höflichkeit ein Dankschreiben zu s ch i ck e n!"— — Unfehlbar.„Jetzt erinnere ich mich wieder nicht, wohin ich meine Pantoffel gestellt habe!... Weißt Du, Katharine, vielleicht, Ivo sie sind?" „Ich kann mich nicht erinnern, sie gesehen zu haben l" ,.Na ja, da haben Ivir wieder den Beweis, wie ver- geßlich die Frauen sind!"— — Einziger Grund.„Ja was war denn mit Ihne» Heuer. Herr Sekretär? Keine Hochtonr, kein Rippenbrüchcrl, keine Berstauchnng. kein Loch im Kops— gar nichts?!" „Ja, wissen S', Herr Rat, ich war halt krank!"— l,. Flieg. Bl.") Notizen. — Eine Nenansgabe von Wilhelm HcinseS gc- samten Werken wird, zehn Bände stark, bei Schuster u. Loeffler erscheinen. Die erste» Bände, die den Roman„Ardinghello, oder die glückselige» Inseln" enthalten werden, kommen bereits in einigen Monaten heraus.— — Nachgelassene Schriften Thackerahs sind unter dem Namen„Stray Papers" herausgegeben worden. Sie enthalten Geschichten, 5kritik, Verse und Skizzen.— — Leo T o l st o j arbeitet an einem neuen Roman, der „Vater S s e r g i n§ heißen wird.— — Eine Giovanni Segantini-Monographie von W. Fred ist soeben im Wiener Verlag erschienen.— — Albert Patrh vom- Schillcr-Thcater wird bereits mit dem Beginn der nächsten Spielzeit in den Verband des Lessing- Theaters eintreten.— — Die Schlier sc er eröffne» am 1. April mit dem„Liserl vom Schliersee" im Reuen Theater«in Gastspiel.— — Shakespeares„Macbeth" geht am Sonnabend mit Matkowsky und Frl. Poppe in den Hauptrollen im Schauspiel- h a u s ncneinstndiert in Seene.— — Ein„schwäbisches VolkS-Thcater" wird demnächst im Belle-Alliance-Theater gastieren.— — Das M ü u ch e n e r Schauspielhaus tvird am 20. April mit Sudermanus„Johannes" eröffnet werden.— — Dem Thcaterdirektor Mcßthaler war von der Kreishauptmann- schaft die Aufführung von Tolstoj's„Macht der Finsternis" für Leipzig verboten worden. Auf eingelegten Rekurs hat nun das Ober- Verwaltniigsgericht in Dresden die Aufführung freigegeben.— —„Die Ehrlosen", ein Schauspiel von einem 22jährigen Fräulein Elsa Plcßner, wurde nach der„N. Fr. Pr." bei der Erstaiiffühnnig am Deutschen Volks-Thcater in Wien „unter dem Zischen der Zuschauer begraben".— — Das Wiener deutsche VolkS-Theater bringt am 23. März als nächste Novität„Die K r a n ne r b u b e n", eine Komödie von Felix D ö r in a n n.— — E i n poiiimerschcs Städtebiiud-Thsater. Die Städte Stolp, Colberg. Cöslin, Laucnburg, Rcustettin haben sich ziisammcngethan. um ei» gemeinschaftliches Stadt-Theatcr zu er- richten. Die Verhandlungen sind so weit gediehen, daß das Städte- bnnd-Theatcr gesichert erscheint.— — Die beiden ,. p o p u l ä r e n" T h e n t e r i n P a r i S, die Eoniödw Popnlaire und Opera Populaire haben bereits nach vier- monntigem Bestehen Bankerott gemacht.— Wilhelm Leibls„ D o r f p o l i ti k e r". das vor Jahren von einem Berliner Kunstfreund für 80 00g Mark gekauft wurde, hat seinem Schöpfer beim ersten Verkauf nur 15 000 FrkS. eingebracht.— — Johannes Schlaf ist wieder geistig erkrankt und in eine Anstalt gebracht worden.— — In Karlsbad sollten sie einen neuen Sprudel er- bohrt haben. Wie es sich jetzt herausstellt, handelt es sich um weiter nichts, als nni ein Anfahren der alten Sprndelqnelle, hervorgerufen durch Niederbringen eines alten Bohrloches. 7—. Verantwortlicher Redacteur: Heinrich Ströbel in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.