Ilnterhaltungsblatl des Vorwärts Lt:. 58 Freitag, den 22. März. 1901 (Nachdruck»ertöten). ig] Dir buuke Veihe. Verlincr Noman. Von Fritz M a u t h n e r. ..Meine Herren," inendete sich Schmidt-Lef�bvre an seine Asylgenossen...Ich stelle Jtznen hiennit den beriihmtcn Bonvivant und Liebhaber Slanislans Lopinsky vor. Er ist ein Mann von viel Geist und»och mehr Phantasie. Er hat mich eben aufgefordert. Toilette zu machen. Ich»verde nieinen Kammerdiener' rufen lassen. Er tvird aus der Tiefe meines Wäscheschranks batistene Heinde» zu n, einer Auswahl vor- nehmen nnd mir»neine besten Lackstiefel und meinen seidenen Kn nstlerschlipps bringen. Lachen Sie nicht, meine Herren I Stanislaus Lopinskv hat es nicht so eilig, wie er sagt. Wir »vollen ihn» ein paar Flaschen Sekt vorsetzen. Oder sollte er eine Vorliebe für unser Abendbrot haben, Mehl- Pampe genannt? Jedenfalls, Briiderl, wirst Du uns die Ehre enveisen, Dich ein Weilchen auf diesem schivellenden Sofa niederzulassen. Denn es wird eine Weile dauern, bevor ich mit meiner Toilette fertig bin. Ich besitze nämlich in diesem Raum, ehrlich gestanden, nicht viel»nehr, als ich auf dem Leibe trage. Es»vnren dann noch ztvei Gummikragen. Diese bedürfen der Seife, die ich nicht besitze." Die Genossen Scknnidt-Lefsbvres hatten lachend zugehört. „So weit sind Sie rief Lopinsky. ..Omni» ms» mecum porto." „Ich versteh'." sagte Lopinsky.„Wollen Sie es aber nicht für die andren übersetzen?" ES blitzte genialisch in den kleinen Augen Schmidt- Leftbvrcs auf. Er schlug sich»nit den Fingern auf die Stirn und nach der Gegend des Herzens. „Hier und hier habe ich alles.»va-Z ich brmtche. Hier mein Talent, um das Du mich beneidest, Briiderl, und hier..." Er holte aus der Brtisttasche eine kleine schmierige Leder- Mappe, die gefüllt war»nit allerlei gestempelten Papieren. „Und hier. Briiderl, meine Konzession, ohne welche Du u»itsa»nt Deinem Schwalbenschtvanz und Deinem Claquehut und Deinem Gesichterschneiden nichts bist, als das erbärmlichste Ebenbild Gottes. Ein Mensch, der»ver»veist von welchem Seitenzweigc der Schöpfung herrührt. Denn Du, Brüderl, Du staiilinst nicht von Adani." „Sie»vissen»vohl,»»eine Herren." sagte Lopinsky zu den Asylgenossen Schinidt-Lefvbvres,„dah dieser grimmige Humor ein besoirdcres Kennzeichen»»eines Frerlndes ist." „Herr Direktor." drängte Hantinger.„kommen Sie, kommen Sie. Sie können sich sa auf dem Wege bei Herrn -Direktor Lopinsk») einkleiden. Herr Neumann erwartet uns, der Besitzer des Kronprinzen-Theaters. In einer Stunde ist unser aller Glück gemacht. Kommen Sie, Herr Direktor Schmidt Lefobvre. Ich bin der Drainaturg. Mein Raine ist Hantinger." „So ist Hantinger der Naine eines erbärmlichen Sklaven." rief Schmidt-Lefebvre.„Und dieser deutsche Recke?" Er wies auf Bohrmann. „Ein Autor," rief Hairtinger.„Konunen Sie. kommen Sie!" „Meine Herren ," sagte Schniid- Lefebvre und drückte seinen Genossen einem nach dem andern d'e Hand.„Blicken Sic nicht so betrübt l Allerdings sind Sie vorübergehend auf Mehlpampe gesetzt und von Ihren Gattinnen und Kindern -durch die rötliche»! Mauern diese? Hauses getrennt. Aber Sie haben doch ein sicheres Brot. Diese hier aber»Verden einmal »nit Ihnen tauschen»vollen..Kommen»vird der Tag! Lssetai liernar!... Das ist griechisch, meine Herren! Nichten Sie sich stolz in die Höhe, ineine Herren, denn dieser blonde Recke ist nur ein Autor, und dieser schlvarze Habicht ist sogar nur ein Dramaturg... ich sage nicht Lebeivohl. ihr Herren l Auf frohes Wiedersehen l... Ich gehe»int dem Dichter vor- aus... lebt»vohl. Herr Inspektor, und grüßt»nein Weib und Kind, wenn sie koinnien sollten... auch Euch sage ich Dank und auf Wiedersehen!" XIII. Es»var acht Uhr. als die vier Herren in den Wagen stiegen. Ein leichter Wind hatte sich"erhoben und wirbelte Staub auf. So einsam, wie das Asyl dastand,, man atmete schlechte Luft der Großstadt. Langsam kamen vom Westen her,»vo die Sonne in einem Meer von Staub glühend unterzugehen schien, imurer noch die müden»»nd trotzigen Gestalten. Schmidt-Lefäbvre spnckte aus. ..Fort, fort!" schrie er heiser.„Es ist eigentlich doch nicht der höhere Komfort." Lopinsky nannte eine Nummer der Französischenstraße, der Kutscher sollte seinen Gaul in ein Flügelroß verwandeln. „Das ist ein ganz sinnloser Umweg/' sagte Hantinger nervös zu Bohrmann.„Ich wohne bequemer." „Jawohl, aber haben Sie ein Dutzend Oberhemden? Können Sie»»»einen Freund Schmidt einkleiden?" „Wohnst Du immer noch in der Gegend?" rief Schmidt- Lefsbvre.„Sie müssen nämlich wissen, meine ehrenwerten Herren Sklaven, daß Lopinsky unter sämtlichen Chambre garnie-Wirtinnen bon Berlin immer die in der Französischen- straße hineinlegt. Er»vill nicht zu' weit ab vo»» der Inten- dantur des königlichen Schauspielhauses»vohnen. Es ist der Traum seines Lebens, daß dort einmal eiiren Bonvivant nach den» ersten Akt der Schlag trifft und in der Verzweiflung -Lopinsk»» gerufen»vird, um weiter zu spielen. Er rechnet aus sein Glück." Plötzlich fiel es ihm ein, daß er als Direktor auf den guten Platz gehöre, daß Vohrmann. als Autor neben dem Dramaturgen rücllvärts zi» sitzen habe. Als Bohrnrann aber bcreitivillig tauschen»vollte, blieb Schmidt-Lesäbvre lachend sitzen. „Nachher, nachher,»venu mein Selbstgefühl durch saubere Wäsche und Lackstiefel gehoben ist. Was haben Sie eigentlich geschrieben? Ge>viß ein Röinerstück!" Hantinger bat aber, man»nöchte zuerst das Geschgftliche erledigen: er sei von Herrn Neumann dazu beauftragt, nach dem Rechten zu sehen. „Lang>veilen»vir uns doch nicht»nit all dem Schqcher," sagte Schmidt-Lefsbvre ärgerlich.„Ich denke. Lopinsky kennt meine Bedingungen. Sie sind iminer dieselben." „Ich kenne sie," sagte Lopinsky schwermütig.„Dreihundert Mark»nonatlich. So lange das Theater sich hält." „Hnndert Thalcr." „Aber lieber Freund, das ist doch dasselbe." „Hundert Thaler!" rief Schmidt-Lefsbvre eigensinnig, „Und. eine Plllle Sekt als Weinkaus»»nd allgemeine Aimrestie für den erhaltenen Vorschltß." „Zugestanden." sagte Lopiirsty und»rickte mit dein Kopf. „Nicht zugestanden. Ich habe nicht zu bitten, ich habe Bedingung?»» zu stellen." „Ja doch, lieber Freund," sagte Lopinsky begütigend. „Aber Mir ist. als ob»vir über das Dra»na unsres Autors gesprochen hätten. Sagen Sie doch, lieber Bohrinani».. „Ich habe hier z»» fragen." rief Schmidt-Lefäbvre. Wollen Sie»nir in kurzen Zügen den Inhalt Ihres RömerdramaS erzählen?" „ES ist kein Röinerdranla, Herr Direktor. Der Stoff ist der biblischen Geschichte entnoninien oder vielmehr der biblischen Poesie. Der Titel schon wird Jh>»en das Wesentliche verraten. Das hohe Lied Salomonis..." „Kenniinus: das hohe Lied! Canticus canticonirn, Schir haschirim! Der.König Salomo hat es nicht gedichtet, und die 5tirche hat der Dichter nicht gemeint l Ein Erotikon, das in die Bibel gekoiuniei» ist,»vie Pilatus jus Credo. KcnnimuS l Habe ich auch einnial schreiben»vollen,»vie ich jung»var. Mein Stück spielte ün Harem des Königs-, Salomo, und seine tallsend Weiber kamen alle vor." Schnlidt-Leföbvre erzählte oder erfand einzelne Scencn aus seinem alten Plane. Bohrniann erstaunte über die.Kühn- hcit des Entlvurfs; er hatte sich mit einer einfachen Fabel und vier Personell begnügt, abgesehen voi» zlvei Vertrauten, einen» Feldhmlptiiiai»»» und eine»»» Boten. Wieder hielt die Droschke,»md Lopinsky trieb die Herren zur Eil?. Er belvohnte ein hübsches Zimmer»in ersten Stockivcrk. Dort langte er nach längeren» Suchen ein Weißes Hemd, Kragen, Stulpen und eine weißeHalsbinde hervvr. Während Schmidt-Lef�bvre mit Waschen und Umkleiden de- schäftigt war, sollte Hantinger, als Dramaturg, die Kleider des Herrn Direktors ausbürsten. Mit seiner Wirtin wäre Lopinsky gerade entzweit. Hantinger zierte sich nicht lange, der guten Sache wegen. Nach einer kleinen Viertelstunde sah Schmidt-Lefebvre ganz gesellschaftsfähig aus. Nur rasieren mußte er sich noch lassen, und seine Füße stake» inrurer noch in den gestickten Pantoffeln. „Hantinger," sagte Lopinsky,„Sie als Dramaturg werden Herrn Neunrann begreiflich machen, daß mir das alles ersetzt werden muß." Und er stellte abernrals nach längerem Suchen ein Paar Lackstiefel vor den Direktor hin. Er lächelte dabei. „Schnell, schnell... wenn es möglich sein sollte." Aber es ging nicht. Trotz Hantingers Hilfe gingen die Lackstiefel nicht über die kräftigen Füße. Geschmeichelt und belustigt schaute Lopinsky zu. „Ja, ja," murmelte er,„Lopinskys Füßchen." „Mir kann's gleichgültig sein," sagte Schmidt-Lesebvre und streckte sich auf dem Sofa aus.„Ich bin nicht pressiert. Ein Glas Bier wäre mir lieber als der ganze Herr Neumann, und zwei Glas Bier könnten mich selbst für Lopinskys Hemd entschädigen." „Ernsthaft, ernsthaft!" flehte Hantingcr.„Die Zeit der- geht. Wo nehmen wir ein Paar Stiefel her? Sonntag, abends l" Bohrmann machte schüchtern einen Vorschlag. Er glaube zu wissen, daß er besonders kleine Füße habe. Er habe dos einmal gehört. Er trage aber... aus Bequemlichkeit... recht, recht weite Stiefel. Vielleicht... Schon hatte ihn Hantinger auf einen Swhl genötigt und zog ihm die Stiefel aus. „Oderkähne," rief er froh. „Lopinskys Lackstiefelchen kann Bohrmann doch nicht tragen," sagte Lopinsky überlegen. Sie paßten aber, und in Bohrmanns Stiefel konnte Schnndt-Leftbvre bequem hineinschlüpfen. Lopinsky schüttelte ungläubig den Kopf. „Versuchen Sie, ob Sie darin gehen können, Herr Autor," sagte er scharf. Bohrmann erhob sich und ging auf und nieder. „Sie drücken aber doch jedenfalls?" „Ein bißchen eng sind sie mir wohl," antwortete Bohr- mann unbefangen.„Ueber dem Spann." „Das dachte ich mir," rief Lopinski befriedigt, und man wollte aufbrechen." „Einen Hut!" rief Hansinger;„der Herr Direktor hat keinen Hut." „Warum haben Sie keinen Hut?" rief Lopinsky heraus- fordernd.„Sie haben doch gewiß einen Hut gehabt. Aus allem wollen Sie Kapital schlagen." Ruhig stand Schmidt- Lefebvre mit den Händen in den Hosentaschen da. „Es ist sehr fraglich, ob König Salomo einen Hut be- seffen hat. Auch Pflegen im Vorzimmer die Hüte abgelegt zu werden. Der Droschkenkutscher verlangt ebenso keinen Hut von mir. Ich brauche also keinen Hut. Und dann habe ich ihn dort aus Dankbarkeit zurückgelassen, nicht davon zu reden, daß Du Dich über den Deckel entsetzt hättest, den ich aus Dankbarkeit dort zurückgelassen habe. Ueberhaupt... hat jedes Bierseidel einen Deckel? Ergo braucht auch nicht jeder Mensch einen Deckel zu haben." „Ernsthast, meine Herren, ernsthaft!" flehte Hantinger. „Hier!" rief Lopinsky und schleuderte dem Direktor einen alten grauen Filz zu. „Prächtig!" sagte Schmidt-Lcfsbvre,„eine Feder dazu, und ich spiele darin den Karl Moor. Ich ernenne ihn zu meinem Lieblingshute. Er nimmt jede Form an. Seht ein- mal zu." Und er wollte eine Vorstellung zum besten geben. Aber die andern drängten zur Eile. Noch bei einem Barbier wurde Halt gemacht; Schmidt- Lefebvre kam nach einer Weile schmuck aus dessen Laden heraus, und dann— es war noch nicht halb zehn Uhr— hielt die Droschke am Roscnthaler Thor vor Maschas„Palast". Als die Herren klingeln wollten, öffnete der Diener schon die Thür und führte sie durch das halb abgeräumte Speisezimmer in eine kleine Fremdenstube. Sie möchten da einen Augenblick warten. „Darum also Räuber und Morder!' rief Schmidt- Lefsbvre.„Für dieses Zellengefängnis hätte ich Lopiilskys festliche Toga gar nicht anzulegen brauchen." Da traten die Herren Lose und Neumann herein. Herr Lose verbeugte sich kurz und hieß die Herren willkommen. Trotzdem er Gesellschaft habe, bitte er, diese Stube als die ihrige zu bettachten und hier ihre Gescbäfte zu erledigen. Seine Gäste seien im Begriffe, aufzubrechen, und es wäre darum verfehlt, in so später Stunde noch einen Unbekannten einzuführen. Als Herr Lose wieder herausgegangen war, nahm Neu« mann das Wort. Er sei ein einfacher Geschäftsnmun und wolle mit Höflichkeit keine Zeit verplempern. Ob Herr Schmidt-Lcfsbvre wirklich im Besitze einer gülsigen Konzession, einer siir Berlin gülsigen Konzession sei, und ob er vor einem Notar einen rechtsgültigen Vertrag unterschreiben wolle. Mürrisch und gereizt sagte Schmidt- Lefebvre zu allem„Ja". Dann wandte sich Neumann an Lopinsky: „Hören Sie mal. lieber Lopinsky. Vorhin, wie mir die Szekal bannt kau«, daß Sie keine Konzession hätten und auch keine bekommeil könnten, da habe ich mich zuerst ganz dumm geärgert. Im Anfang ist man immer dumm. Die Szekal hat aber nach wie vor Vertrauen zu Ihnen und will dct Geld schaffen. Mein Schwager nu aber meint... sagen Sie'mal, Lopinsky: Warum können Sie keine Konzession kriegen? Es muß doch ein Warum haben." Lopinsky schnitt mit einer eleganten Handbewcgung jede weitere Frage ab. „Ich bin Pole, Herr Neumann... ich habe mich... in den politischen Bewegungen... die Polizei würde das alles ausgraben, wollte ich mich bewerben." Schmidt-Lefebre lachte ingrimmig vor sich hin. „Ich beneide Dich, Bruderl. Sogar ein Pole bist Du? Pscha krew I" „Es ist mir nur, daß ich weiß, was Sie gesagt haben," sagte Neumann. „Und nu, Herr Schmidt-Lefsbvre, haben Sie die Kon- zession mitgebracht?" „Jawohl," riefen Hantinger und Lopinsky. „Dann bitte ich, lassen Sie sie da. Ich werde sie von meinem Rechtsanwalt prüfen und Ihnen die Verträge auf- setzen lassen. Ich denke, in acht bis vierzehn Tagen is alles jlatt." „Mein ist der Helm, und mir gehört er an," rief Schmidt- Leföbvre,„und Protzerei kann ich nicht leiden. Mißttauisch bin ich nie gewesen und dulde so was nicht. So behandelt man mich nicht. Wissen Sie, wer ich bin, Herr Nerunann? Ich bin der Direktor Konrad Schmidt-Lefsbvre I Und jetzt will ich wieder nach Hause gehen. Erschrick nicht, Bruder- herz! Dein Eigentum lege ich meinetwegen auf der Stelle wieder ab. Nur die Stiefel borgt mir wohl der Dichter, und meinen Lieblingshut behalt' ich." Hantinger hatte Herrn Neumann etwas zugeflüstert. „Seien Sie nicht so ungemütlich, lieber Freund," rief der jetzt, während Hantinger sich ängstlich die Hände rieb.„Lernen Sie mich erst besser kennen. Das Geschäft ist gemacht.... Hantinger sagt mir eben, daß Sie auch noch hundert Thaler Uebersiedlungskosten beanspruchen?" „So ein..." „Ich bin nicht kleinlich. Das Geschäft wird gemacht. Wir wollen es gleich mit einer Pulle Sekt begießen." Er öffnete die Thür und rief einen Diener. „Das blies Dir ein Gott ein," rief Schmidt-Lestbvre, „wenn auch durch den Mund des Hansinger. Seit einer Stunde verdurste ich, und diese Banditen haben nur noch nichts andres als Seifenschaum um die Lippen schmieren lassen. Sekt ist mir lieber." Der Diener brachte eine Flasche Champagner und Gläser; hinter ihm erschien Mascha, an ihrem Arme die Szekal, die bereits zum Fortgehen bereit war und unter ihrem weißen Spitzentuch noch schöner aussah als früher. Mascha wollte nur ihren Dichter wieder begrüßen und sich den fremden Direktor einen Augenblick ansehen. Er schien ihr zu gefallen. Sie drückte ihm die Hand, entschuldigte sich mit ihren Pflichten und verschwand wieder. Die Szekal war sofort auf Lopinsky zugetteten. „Ich habe mir gesagt, Lopinsky mit seinem Glück muß bis halb zehn Uhr zurück sein. Wären Sie fünf Minuten später gekommen, so hätte ich nicht mehr an Sie geglaubt... Ist alles in Ordnung?" „Alles, meine teuerste Freundm.- Jndessen war der Wein eingeschenkt worden, und Neu- mann forderte zum Trinken auf.„Der Direktor des Krön» prinzen-Theaters soll leben!" „Dreimal hoch I" rief Schmidt-Leftbvre.„Weil ich es nämlich bin." Und so rasch als der Diener das Glas wieder füllen konnte, trank er es dreimal aus. „Hier, Herr Neumann, mein würdiger Chef und Möccn I Hier ist das unschätzbare Aktenstück, das mich schon über manchen Abgrund hinübergetragen hat. Der Sekt war gut, ich habe Vertrauen zu Ihnen." Eortsetzung folgt.) Aus dcL tm»MuliTä)vn RVsihe. Kaum eine Kunstart birgt im engen Rahmen kleiner Mittel eine so rcilvr Möglichkeit von Kombinationen, kaum eine hält alle äußer- lichen Wirkungen so fern, und kaum eine ist thalsäIich so vielfach gepflegt worden wie die Knnmiermnfik. Heute verstehe» wir miter ihr. liirz gesagt, das Zniammenspiel weniger Solo-Jnstrimiente. sihre sozn'ngen elementare Hanptsorm ist das Streichquartett. daS den„vierstimmigen Satz" ebenso rein im Jnstrnnientalen ausprägt, wie es der vierstinnnige Gesang inr Vokalen thnt. Roch iimner besitzen wir keine umfassende Geschichtsforschung der Kanimcnnnfik; doch bereits jetzt läßt sich ahnen, welches Mitzoerbältnis besteht zwischen der gewöhnlichen SliiSwahl von solchen Werken für den Konzertgebranch und dem überhaupt Vor« handcueu. Fast kein neuerer Kouiponist. der nicht wenigstens auch ein Streichquartett geschrieben hat. Daneben ist die Litteratnr für Klavier und Violine wohl etwa« spärlicher, doch iinnierhi» ansehn- lich, was ja bei der Dankbarkeit dieser Fori» für de» Hansgebranch uabc liegt. Geringer schon ist auscheinend der Vorrat für Klavier und ei» aiidreS Jnstriunent sVioloncell, Flöte uiw.). Streichirios sind nicht eben häufig, Klaviertrirrs sind einigerinaßen zahlreich. Klavierquartctt« und Klavierquintette sind es niinder— obschon alle diele Forme» speciell von hänslichen Li rbha berkreisen sehr ge- sucht werden. Nun aber die vielleicht feinsten der Kauiniersornie»: einerseits die Quintette, Sextette»nd Odette für Streicher, andrerseits die Kombinationen für Streich- und Bias- inslt'uniente. Wer einen Ueberblick über die Werke habe» will, die es auf diesem Specinlfcld und überhaupt auf dein Gebiete der Kattnueniiusik giebt, wird bei der geringen Zahl öffent» sicher Musikbibliotheken und»och dazu bei der meist üblichen Un- arwgearbeitctheit ihrer Kataloge gut tbuu, sich zunächst an Verlags- kataloge zu halten; hervorragend sind daniiitcr das von Breitkops u. Härtet herausgegebene„Verzeichnis der Kammeriuusil-Bibliothek" und das thematische Verz-ichuis von«Pahues kleiner Partitur- Ausgabe". lieber 4 Stimme» hinaus nehme» die Streicherkombiiiatioucu rasch ab. Haydu hat neben seinen 83 Streichquartetteu anscheinend kein Quintett geschrieben, tveil— wie er sich geäußert haben sog— „kein's b'stellt worden ist". Welche herrlichen Schätze in jener Qnartcttenreihe liegen, trotz mancher Gleichförinigkeilen, glaubt man zu wisse» n»d erfährt es trotzdem erst dann, wenn man einer Auf- sühnlng beilvohnt wie der nenlichen im letzten Quartettabcnd Halir sc. Die Ankniidigiing„Quartett Ik-änr" bedurfte einer Ergänzung, da es viele Es-änr-Qartetle von Haydn giebt. Es handelte sich»m das 6. der als op. 64 herausgekoininenen, das 68. in der chronologischen Reihe. Wer etwa noch nicht recht wnßte, welche Rolle der Hniiior auch in der Tonkunst spielt— vieüeicht mich, wer mit dem Huuior in der Welt überhaupt noch nicht zurechtzukommen weiß: an dem Trio dieses Quartetts konnte er es lernen. Vor einer derartigen reizenden Altväterei ninßte wohl selbst der Verdrossenste heiter werden. Ein cb capo wäre hier weit besser angebracht gewesen als bei so biele» minderen Gcsangsleiftungeii. Daß jene Qnartcttgcjcllschaft ein solches Stück prächtig spielte, bedarf wohl nicht erst einer Hervor- Hebung. Auch ihre Wiedergabe von Beethovens so einzig melodiösem Pateulschntzausnabme) ausaeschänkt werden darl Und 3000 Kehlen keiften dem Koinmaiido tapfer Folcie Dan» fiilU bie 00 Mann starte Janilscharemnnstk niit einein kräftigen Marsch ein nnd danach ertönt cS Ivicder ein dntzendnial:„Onn6,»li'pn, drei— g'fnffa I— Heiiii I" Der einzige ChornS, der dem glückliche» Völkchen gestattet ist. Sie dürfen nicht singen, nicht schreien, mir den SnlNator-Salaniander dürfen sie brüllen. Das Gebot der hoben Polizei U'ird nicht übertrete». Dafür sorgt die Brauerei selbst. Kein Schutzmann, kein Gendarm ist zu sehen. I» blangranen Beinkleidern, schivarzen Lnstrejacken nnd bordierten Mützen gehen nnd stehen die Bran- bnrschcn umher, eine fast unmerkliche Bewegung mit der Hand, ein bescheiden klingendes, von einem festen Blick begleitetes Wort, und ordnungsmäßig fügt sich die Menge den vorgeschriebenen Wegen und snnstigt sich jedes erhitzte Gemüt. Vor dreißig oder vierzig Jahren hat noch der Gendann die Ordnung ge- halten und lvie ist es da zugegangen! Da ist man Über- Haupt mir auf den Rokherberg mit dem Vorsatz gepilgert, zum Salbator jemar.d ordentlich durchzuprugeln. Freilich, mit- linier ist man selber durchgeprügelt worden. Heute hat man keine blauen Flecke mehr z» riskieren, höchstens wenn man den Nokher« oder einen andren Berg hinunterkugelt. Letzteres kommt freilich nicht selten vor. Aber vor der Faust des Nachbarn braucht man sich nicht mehr zu fürchten. Die Sitten sind milder geworde». Damals saßen allerdings nur Männer beim Becherfrieden. Wehe dem iveiblichen Wesen, das sich— ausgenoninieu die altehrwürdige Kellnerin— in die Halle gewagt hätte I Nach nnd nach hat man dem schwache» Geschlecht den Mittwoch zugestanden, der seitdem ein Honorätiol-rntag geblieben ist, und seit Jahren ist ein Drittel der täglichen triukfrendigen Besucher Aensris tiinioi, das sich hier als eilt sehr starke? Geschlecht erweist. Alle Stände findet man hier vertreten, und wer es nicht drinnen wagt, trinkt draußen vor dem Thore im Wagen seine Maß. So gegen 10000 Menschenkinder drängen sich täglich in Halle und Garten. Man kann das genau berechnen, denn in an muß an Sonn- rmd Feiertagen M Pf. Eintritt bezahlen. Und verzapft werden täglich 150 bis 160 Hektoliter! Wie viel Liter das sind, weiß nur der Schänkkellner, wenn er abends seine gtechnnug mit großem Ueberschnß macht. Am Sonntag hat die„Gregory" begonnen. Am nächsten Montag wird wahrscheinlich der Spund wieder zugeschlagen. Lange dauert die Herrlichkeit nicht, darum muß man sich dazu halten. O, der glücklichen, sorgenbannenden Tage! Da droben«st alles Böse vergessen, man trinkt und lacht und jauchzt. Aber das Erwachen 1 Am Dienstag kommt da? Er- wachen!— — lieber den Ursprung deS Wort? Sa» in den schwäbischen Ausdrücken„saumäßig".„Sauglvcke" nstv. sprach unlängst Dr. v. Frey- darf in Stuttgart. Der Redner ging auö von der eigentümlichen Rolle, die ein andres Tier, der Hund, in verschiedenen Sagen spielt. Er tritt oft auf in Ausübung obrigkeitlicher Funktionen. Die Erklärung dafür liege in einem sprachliche» Mißverständnis deS Volks, welches das alte Wort hnno. das den Vorsteher der Hundertschaft bezeichnete, später volksetymologisch als Hund deutete. Der Ausdruck„auf den Hund kommen", der aus dem Karte»- spiel stamnit, bedeutete ursprünglich nichts als„auf 100 konnnen". Aehnlich steckt in dem Worte San, sofern eS als Ausdruck der Steigerung benutzt wird, nicht die Bezeichnung für das Tier, sondern der erste Teil des gotischen Worts für 1000 thnstindi. thns, der einem SanSkritlvort tavas entsprechend„viel, groß" bedeutet. Die Bertvaudlnug von thns in San mache allerdings lautliche Schwierig- ketten. ES mußte eine volksetymologische Anlehnung an das Wort Sau angenommen I verden. Das Kartenspiel niit dem Worte DauS— Sau biete einen erklärenden llebergang. Das sau in san- mäßig wurde also mir groß bedeuten, die Sauglocke>väre die große Glocke. Redner führte»och aus, wie manche der mit„Sau" gebildeten Redensarten oder an die San sich knüpfenden Sagen durch die von ihn, vorgeschlagene Theorie eine ungezwungene Er- tlämng finden.— Ans dem Tierleben. on. E» t e n u II d Muscheln. Es ist eine bekannte That- fache, daß sich manche Muscheln gelegentlich an die Füße von Schwimmvögeln ansetze», indem sie sich mit.ihren Schalen daran festkneifen, und sich so von einem Ort zum andern tragen lassen. Dieses Verfahren bildet zweifellos ein sehr wesentliches Mittel zur Verbreitung der Süßwasserninschelii, die sich ja über Land nicht bewegen und daher nur durch Vermittlung eines anderen Gegenstands oder Wesens von einem Binnenwasser zum andern gelangen können. Darwin hat diese interessante Verbindung zwischen Muscheln nnd Wasservögeln bereits in Betracht gezogen. Das klingt zunächst ganz harmlos, aber die Sache hat dock für die Vögel ei» großes Bedenken. Es ist z. B verbürgt, daß man in dem amerikanischen Staate Virginia keine Enten hat einführen können, weil die dortigen Gewässer zn zahlreich mit Muscheln besiedelt sind, die sich den Schwimmvögeln an die Beine und sogar au den Schnabel anheften und ihnen so geradezu das Leben unmöglich machen. Ein Mitarbeiter der Pariser „Revue Scientifiqne" berichtet jetzt einige weitere Beobachtungen über dieses wenig freundschaftliche Verhältnis zwischen Muscheln und Enten. Eines TngS bemerkte er auf dem Flusse Dender im Hennegan eine weibliche Ente. die kaum zu schwimnieil vcrniochtc. und es stellte sich heraus, daß sich eine große Süßwasser- Muschel mit ihren Schalen in eine der Schwiimnhänte eingcbtsie» halte und so der Ente den Gebranch des ciiicn Beins fast niimöglich machte. Die Anwohner des Flußchens bestätigten, daß so etwas häufig vorkomme. Wen» die Enten abends in ihre Behaiisnng zurückkehren. so schleppt oft eine oder die andre eine Muschel an ihrem Fuß mit sich. Derselde Beobachter teilt auS der gleichen Gegend bei dem belgischen Städtckan Atb einen noch iiierklviirdigereii Fall mit.. Er sah dort auf einem Kanal eine junge Ente, deren Schnabel von einer ungewöhnlich großen Muschel zu- geklemmt war. Der Vogel machte verzweifelte Attstrengimge», sich von dem tückischen Fciiid zn befreie» und stieß dabei klägliche. gurgelnde Laute ans, die auf eine ernste Notlage schließen ließen. Es wäre dem Entlein sicher nicht gelungen, die Muschel loszuwerden. wenn nicht ein Euterich zn Hilfe gekommen wäre und mit einem großen Aufwand von Geschrei, Flügelschlägen und Sckmabclhieben den Zweischaler sckilicßlich zerschmettert hätte. Wnhrsckieinlich war die junge Ente beim Tauchen ans die halbgeöffnete Muschel gestoßen, batte sich das Weichtier zu Gemüt fühven wollen und zu diesem Zweck den Schnabel zwischen die geöffneten Schale» gesteckt. Die Muschel aber verstand keinen Spaß und klappte sofort ihre von kräftigen Muskeln regierten Schalen zu, und mm war der Angreifer zum Gefangenen geworden. Die Muscheln gehören auch noch für andre Tiere zu den gefürchteten Feinden, und PesoudcrS einige im Meere lebende Geschöpfe machen wahrscheinlich überaus oft eine angenehme Bekanntschaft mit der Kraft, die der Zweischaler in seinen Schließmuskeln besitzt. Die Seesterne haben ein besonderes und überaus wirksames Verteidigungs- und zugleich Aiigrisfsnnttcl gegen die Muscheln crivorben. Wenn sie nämlich einen ihrer Arme a»S unvorsichtiger oder räuberischer Absicht zwischen die geöffneten Schalen einer Muschel gebracht haben und diese läßt ihre Schalen zuschnappen, so sondern sie einen ätzenden Sasi auö. der in die Muschel hineinfließt und deren Muskeln derart lähmt, daß die Schale sich wieder öffnet. Die auf so viel niederer Stufe flehenden See- steme sind also gegen den Augrist von Muscheln gut bewaffnet, während eine Ente dagegen fast gänzlich wehrlos ist.— Huinoriftnches. — Rache. Einödbaner:„Was nn der Kerl scho g'ärgert hat! Jetzt ihn i eahm aber die Gröbst» abi I Jetzt wird er verklagt!" Moosbaneri„Z'wegen Iva? berklagst n denn?" Einödbaner:„Ja dös woaß i no»et l Aber verklagt ivird er, der Tropf, der elendige!"— — Ans der Töchterschule. Eine höhere Tochter beginnt ihren Aufsatz über den Souliciiaufgaug mit den Worte»:„Wenn ich mich morgens ans dem Bett erhebe, hat man einen wunderschönen Anblick!"— („Jugend".» Notizen. c. I o II r n a l: ö III II S in Grönland. Ter Jomnalismu» wird in Grönland durch eine einzige Zeitung repräsentiert, die von einem Herrn Gveller, der Verleger, Drucker. Herausgeber nnd Zeitmigsspeditenr in einer Person ist ,. begründet wurde und noch heute geleitet wird. Die Bureaus der Zeitung. die zweimal im Monat erscheint, befinde» sich in Goodlhaal, nnd alle zwei Wochen unternimmt Goetter zm Verteilung seiner Zeitung eine lange Reise auf Schlittschuhen durch das Land. Ursprünglich war die Zeitung nichts weiler als eine Saminlimg roher Illustrationen, allmählich führte Gocllcr dann erst Worte. Sätze und schließlich Artikel über Tagesangclcgenheiten ein. Man kann sagen, daß er viele Abonnenten erst eigentlich lesen gelehrt hat.— c. Die E omsdie-Frangaise in Paris wird als eine ihrer ersten Neuheiten ein Stück von Brieux„Une potits arnie" bringen.— — Sl u g u st B» n g e r t S Oper ,. N a n s i k a a" batte bei der Erstaufführung im Dresdener Hoftheater einen starken Erfolg.— — DaS erste Heft de? soeben erschienencii Werts„Die K a r i- katur der europäischen Völker"