Mnterhalwngsblatl des Horwürts Nr. 65� Dienstag, den 2. April 1901 2] N v b v i k. (Nachdruck verboten.) Roma» in drei Büchern von Emile Zola. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenzweig. Lucas sah einen alten Herrn mit markanten regelmäßigen Zügen und langein, weißein Haar, der von emem Diener in einem Rollivagen gefahren wurde. Und er erkannte JerSme Qurignon, Monsieur JörSme, wie die ganze Gegend ihn nannte, den Sohn Blaise Qurignons, des ehemaligen Streck- Walzenarbeiters und Begründers der Werke. Sehr alt, paralytisch geworden, ließ er sich so zu allen Zeiten durch die Straßen fahren, ohne ein Wort zu sprechen. Ms er jetzt auf dem Heimweg zu seiner Enkelin, die die Guerdache, einen nahegelegeneii Landsitz, bewohnte, an den Werken vorüberkam, gab er seinein Diener ein leichtes Zeichen, langsamer zu gehen; und mit seinen noch immer klaren, scharfen und tiefen Augen sah er lange auf das in Thätigkeit befindliche Ungeheuer, auf die Tagschichtarbeiter, die fortgingen, auf die der Nachtschicht, die herankainen, während die Wolken über den bleiernen .Hiiiimel jagten und die Abeuddämmerling in ein düsteres Schwarzgrau überging. Dann blieb sein Blick auf dem Hause des Direktors hasten, einem quadratischen, mitten in einem Garten stehenden Bau, den er selbst vor vierzig Jahren hatte aufführen lassen, und wo er als König geherrscht und Millionen gcivonnen hatte. „Monsienr Jerome dürfte wohl nicht in Verlegenheit sein, wo er heilte seinen Wein hernimmt," sagte Bourron lachend und init leiser Stimme. Ragu zuckte die Achseln. „Ihr wißt, daß mein Urgroßvater der Kamerad des Vaters von Monsienr Jsrürne war. Sie waren Arbeiter, einer wie der andre, sie arbeiteten an der Streckwalze, einer wie der andre, und der Reichtum hätte gerade so gut auf einen Ragu wie auf einen Qurignon fallen können. Es ist nur Glückssache, wenn es nicht Diebstahl ist." „Sei doch still!" flüsterte Bourron.„Du wirst Dir Uir- annehinlichkeiten zuziehen." Die Kühnheit Ragus verflog sofort, und als Monsieur Jerome, an der Gnrppe vorbeikommeird. sie mit seinen großen, hellen, starren Augen ansah, zog er aufs neue den Hut mit der furchtsamen Ehrerbietung des Arbeiters, der wohl über den Herrn loszieht, dem aber die Sklaverei langer Generationen im Blute steckt, und der vor dem irdischen Gotte zittert, von dem seine ganze Existenz abhängt. Der Bediente schob den Rollwagen langsam vor sich her, und Monsieur Jerönie verschwand auf der schwarzen Straße, die nach Beauclair hinabführt. „Pah." sagte Fauchard philosophisch,„er ist nicht so glücklich in seinem Rollsessel; und wenn er noch Verstand hat, so muß er keine große Freude gehabt habe» an all deni, was sich da Zugetragen hat. Es hat jeder das Seine.— O, Himmcldomrerwetter l Wenn mir Natalie rrur meinen Wein bringt i" Und er wandte sich den Werken zn, mit ihm der junge Fortune, der stnmpfeir Blickes und wortlos zugehört hatte. Ihre gebeugten Gestalten verloren sich in dem zunehmenden Dunkel, das die Massen der Gebäude cinzuhüllerr begann; während Ragu und Bourron, beide Verführer und Verführte in einer Person, ihren Weg nach irgend einer Schenke des Orts fortsetzten. Man konnte sich heute wohl einmal ein Glas Wein und etwas Lustigkeit gönnen, nachdem man so viel Elend erduldet hatte. Dann sah Lucas, den mitleidiges Interesse hier am Geländer der Brücke festhielt, wie Josine mit kleinen, wankenden Schritten vorwärts ging und sich Ragu in den Weg stellte. Einen Augenblick hatte sie wohl gehofft, daß er die Brücke überschreiten und nach Hause gehen werde; denn über die Brücke führte der nächste Weg nach dem alten Beauclair, cinciu Haufen schmutziger Hütten, in welchen die meisten Arbeiter der Hölle wohnten. Aber als sie sah, daß er sich dem neuen Viertel zuwendete, da stand ihr mit eincmmal alles vor Augen, ivaS das bedeutete: die Schenke, der ver- trunkene Lohn, und wieder eine Nacht, die sie halb- verhungert, init dem Kleinen im kalten Wind der Straße wartend, würde verbringen müssen. Und das Ueb ermaß deS Leidens und des Zorns gab ihr solchen Mut, daß sie, die armselige und schwächliche Gestalt, sich gerade vor den Mann hinstellte. „Auguste," sagte sie,„sei menschlich, Du kannst mich doch nicht draußen lassen." Er»vollte, ohne zu antworten, weiter gehen. „Wenn Du noch nicht nach Hause gehst, gieb mir wenig- stcns den Schlüffel. Seit heute früh sind wir auf der Straße und haben nicht einmal einen Bissen Brot gegessen." Nun brach er los. „Wirst Du mich endlich in Ruhe lassen. Was läufst Du mir«ach und hängst Dich an mich?" „Warum hast Du heute früh den Schlüssel mitgenommen? Ich verlange ja nur den Schlüssel, Du kannst nach Hause kommen, wann Du willst. Die Nacht ist da, und Du kannst doch nicht wollen, daß wir auf der Straße schlafen." „Den Schlüssel? Den Schlüssel? Ich Hab' ihn nicht. und wenn ich ihn hätte, so würde ich ihn Dir nicht geben. Ich habe genug von Dir, verstehst Du, ich will nichts mehr von Dir wissen I Es ist mehr als genug, wenn wir zwei Monate lang nichts zu fressen gehabt haben, jetzt ihn meinet- wegen, was Du willst!" Er fchttc ihr das wild und brutal ins Gesicht; und sie, das arme, gebrechliche Geschöpf, das unter der ihr angethanen Schmach zitterte, hielt gleichwohl stand, mit Sanftmut, mit der verzweifelten Beharrlichkeit der Unglücklichen, die die Erde sich vor ihnen aufthnn sehen. „O, wie hartherzig Du bist? Wenn Du heute nacht nach Hause kommst, können»vir ja weiter sprechen. Morgen will ich gehen. Aber hatte, heute, gieb mir den Schlüssel I" Da wurde der Mann von blinder Wut erfaßt und stieß sie roh zur Seite. „Himmel und Hölle! Ist denn die Straße nicht für alle Leute da? Verkriech Dich, wo Du Lust hast. Mich gehst Du nichts mehr an, sag' ich Dir?" Und als der kleine Nanet, wie er seine große Schwester in Schluchzen ausbrechen sah, in seiner resoluten Art vortrat, den Blondkopf mit den wirren Haaren gegen den bösen Mann erhoben, schrie Ragu: „Der Balg auch noch, die ganze Familie hängt sich an mich! Wart, Nichtsnutz, ich werde Dir gleich einen Fußtritt versetzen I" Josine zog den Kleinen rasch an sich. Und die beiden blieben im Kot der Straße stehen, zitternd vor Kälte und Elend, während die beiden Arbeiter ihren Weg fortsetzten und bald in der Dunkelheit gegen Beauclair hin verschwanden, dessen Lichter sich allmähsich entzündeten. Bourron, im Grunde ein guter Mensch, hatte eine Bewegung gemacht, als wollte er sich einmengen. Aber aus falschem Schamgefühl gegenüber dein hübschen, mädchenverführeudcn Kameraden, unter dessen Einfluß er stand, hatte er es bleiben lassen. Josine ivar stehen geblieben, offenbar unschlüssig, ob sie den nutzlosen Versuch machen sollte, ihnen zn folge». Dann, als die beiden verschwunden waren, raffte sie sich auf und ging mit der Be- harrlichkeit der Verzweiflung laugsam hinter ihnen drein, de» kleinen Bruder an der Hand führend, vorsichtig an den Mauern hinschleichend, als ob sie fürchtete, daß die Männer sie sehen und umkehren könnten, um sie mit Schlägen ab- zuhalten, sich an ihre Schritte zu heften. Lucas hätte in seiner Empörung sich beinahe auf Ragu geivorfen und ihn gezüchtigt. Ach. dieses Arbeiterelend! Die erbarmungslose, erdrückend schwere Arbeit Venvandelt die Menschen zu Bestien, die sich das armselige, hart erworbene Brot gegenseitig entreißen. Während der zlveiMonate desStreiks hatten sich die Leute in täglichen, wütenden Zänkereien gierig um jeden Bissen Brot gebalgt; und nun ain ersten Lohntag eilte der Mann hastig zur Schenke, um sich die laug entbehrte Betäubung des Alkohols zu schaffen, unbekümmert um die Gefährtin seiner Leiden, die Frau oder Geliebte. Und Lucas durchlebte im Geiste wieder die vier Jahre, die er in einer Vorstadt von Paris in einer der dumpfen, ungesunden Kasernen verbracht hatte,>vo das Elend des Arbeiters in allen Stockwerken jammert nnd sich schlügt. Wie viel Dramen hatte er gesehen, wie viel Schmerzen hatte er vergeblich zn lindern versucht I Das furchtbare Problem der Qualen und _ o; Demütigungen des Lohnsklcwentums halte sich in seiner ganzen Größe vor ihm aufgerichtet; er hatte die grauenhafte Un- gerechtiglkeit der socialen Einrichtungen dicht vor Augen ge- habt, hatte mit dem Finger an das entsetzliche Krebsgeschwür ge- rührt, das am Leibe der menschlichen Gesellschaft frißt; er hatte viele Stunden, von edlen» Fieber durchglüht, damit verbracht, über ein Heilmittel nachzudenken, und war überall gegen die eherne Mauer der bestehenden Wirklichkeiten ge- stoßen. Und heute nun, da er infolge eines unvorher- gesehenen Vorfalles plötzlich nach Beauclair gekommen war, bot sich ihm gleich am ersten Abend diese grausame Scene, der Anblick dieses bleichen, unglücklichen Geschöpfs, das, auf die Straße gestoßen, Hungers sterben mußte durch die Schuld des gefräßigen Ungeheuers, dessen Feuer er im Innern seines Leibes brausen hörte, während er den schwarzen Rauch in dicken Wolken gegen den schicksalsdüsteren Himmel stieß. Ein kurzer Regenguß fiel herab, von dem klagenden Winde in schiefen Linien hingepeitscht. Lucas war auf der Brücke stehen geblieben und trachtete in der von deil schwarz- grauen Wolken verdüsterten Dämmerung sich in der Gegend zurechtzufinden. Zu seiner Rechten erstreckten sich längs der Straße nach Brias hin die Gebäude der Hölle; unter seinen Füßen floß die Mionne, während sich zu seiner Linken der Eisenbahndanim der Linie von Brias nach Magnollcs hinzog. Dies alles erfüllte die ganze Breite der Schlucht zwischen den letzten Ausläufern der Monis Bleuses, die hier auseinander traten, um sich gegen die gewaltige Ebene der Roumagne zu öffnen. Und hier, auf dieser Art von Aestuariuin, wo die Schlucht sich in die Ebene ergoß, drängten sich die Häuser des alten Beauclair, ein armseliger Haufen von Arbeiter- Hütten, an welche sich gegen das Flachland hin eine kleine, neue Stadt anschloß; in dieser befanden sich die Unterpräfektur, das Stadthaus, das Bezirksgericht und das Gefängnis, während die Kirche, deren alte Mauern zu zerbröckeln drohten, mitten zwischen der neuen Stadt und dem alten Flecken stand. Der Distriktshauptort zählte etwa sechstausend Seelen, von denen nahe an fünftausend arme, stumpfe Seelen in elenden, von der ungerechten Arbeit gebrochenen und gekrümmten Körpern waren. Lucas fand sich vollends zurecht, als er jenseits der Hölle in halber Höhe eines Abhangs des Monts Bleuses den Hochofen der Crecherie herüberragen sah, dessen schwere Um- risse noch undeutlich sichtbar waren. Die Arbeit, die Arbeit I Wer wird sie endlich erhöhen, wer sie umgestalten nach dem natürlichen Gesetze der Wahrheit und Gerechtigkeit, damit sie als die erhabene und ausgleichende Allmacht hinieden walte, damit eine gerechte Verteilung der Güter dieser Erde eintrete und jedem Menschen endlich sein Anteil am Glück zugemessen werde t (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten). 23) Die bnnke Nrihv. Berliner Roman. Von Fritz Mauthner. Mit dem Aufpasser war schwerlich Herr Lose gemeint, sondern offenbar der Vetter, der Assessor, der Mascha nicht von der Seite ging oder sich an Bohrniann anschloß, als ob er ihn lieb gehabt hätte. Was hatte der sich aber um Mascha zu bekümmern? Endlich kam es zur Allssprache. Während alle Mitglieder des Kreises nach dem gewohnten fürstlichen Mittagessen, das sie Frühstück oder Dejeuner nannten, sich zu einem kleinen Schläfchen zurückgezogen hatten, und Bohrmann in einem Strandzelt bei einer Flasche Selterwasser, das er bereits ganz gut auf Französisch bestellen konnte, über das Büßer- gewand der Königin von Saba nachdachte, gesellte sich Maschas Vetter wieder zu ihm, ließ einen giftig- grünen Liqueur kominen und begann freundschaftlich zu plaudern. Heute abend treffe der Rechtsanwalt aus Berlin ein, und morgen werde die neue Direktion des Kronprinzen- Theaters entweder zu stände kommen oder an die Luft gesetzt werden. Bohrmann fragte bescheiden, was man den beiden Direktoren eigentlich vorwerfe; seit gestern merke er etwas; Lopinsky lasse sich nicht sehen, Schmidt- Leftbvre stoße Drohuilgen aus, und Herr Ncumann habe über beide Herren starke... eigentlich ehrenrührige Worte gebraucht. „Mein verehrter Herr Bohrmann," sagte der Assessor und mischte feinen Liqueur solange mit Wasser, bis die Farbe matter aber noch giftiger wurde.„Das lvissen Sie nicht? 8— Das weiß doch sogar die Kietz. Schmidt- Leföbvre ist einfach unmöglich wie immer, aber er ist unschuldig und leidet un- schuldig. Stanislaus jedoch ist ein ganz gerissener Hallunke. Er hat so lange geschoben und geschoben, bis man ihm ein großes Stück Geld, ich glaube an die 30000 Mark, in die Hand geben mußte. Nur für eine Viertelstunde, um Dekorationen und Kostüme und was weiß ich, auszulösen, die der vorige Direktor heimlich und unberechtigterweise der- pfändet hatte. Diese 30000 Mark sind verschwunden. Stanislaus hat seine Schulden damit bezahlt. Alle Achtung übrigens, ganz ohne Talent kriegt man nicht soviel geborgt." „Schrecklich," murnrelte Bohrmann. „Ich kann Ihrem Urteil nicht völlig beistimmen, verehrter Herr Bohrmann. Es ist nur unbequem, daß diese Kleinigkeit jetzt an deni Gelde fehlt, das Petters aus Bremen bereits gespuckt hat, wie mein Vetter Neumann so schön sagt, und daß irgend jemand das Loch stopfen muß. Sie bearbeiten schon wieder die dicke Kietz. Aber ich wette darauf, Petters wird noch einnial herausrücken müssen. Die Szekal glaubt nun einmal an Lopinsky. Bunte Reihe I" „Es ist schrecklich," sagte Bohrniann.„Schon wieder dieses Wort. So hat die gnädige Frau Lose wirklich recht, wenn sie ihr entsetzliches Bild von der bunten Reihe häufig gebraucht." Der Assessor trank ruhig von seinem gelbgrünen Liqueur. Er blickte den Lehrer dabei mit seinen klugen Augen scharf und drohend an. Nach einer langen Pause sagte er endlich: „Sie sind also eingeweiht, mein bester Herr Bohrmann? Wenn ich gewußt hätte, daß Sie die Unschuld vom Lande nur spielen, daß Sie gar nicht der weltfremde Schulmeister sind, für den nian Sie ausgiebt, so hätten wir uns früher und rascher verständigen können. Mit dem Wort von der bunten Reihe haben Sie sich verraten. Ich will jetzt deutsch mit Ihnen sprechen." Bohrmann errötete. Er hatte auf den Lippen, daß er das Wort von der bunten Reihe nur so nachgesprochen habe, daß er wirklich ein weltfremder Schulmeister sei. Aber der leise drohende Ton, eine gewisse Schneidigkeit im Ausdruck des Assessors reizte ihn und er schlvieg. Der Assessor fuhr fort, er kenne Maschas Philosophie von der bunten Reihe sehr genau, er habe den guten Major selbst, Maschas Entdecker, recht gut gekannt. Es gehe in den besseren Kreisen wirklich ungefähr so zu, und nicht nur hinter den Coulissen der Theater und der Malerateliers. Auch ciil arnler Teufel von Assessor habe an jeder Hand eine Freundin nötig und habe oft an zloei Händen lange nicht genug. Er habe auch gar nichts dagegen. daß der vortreffliche Herr Bohrmann die Schulmeisteret satt habe und sich in den Ring einführen lasse. Er habe bis auf einen Punkt, bis auf Mascha, gar nichts dagegen, daß der vortreffliche Herr Bohrmann alle seine Register ziehe, um sich mit Hilfe der Weiber so lange über Wasser zu halten, bis sein Stück einen Erfolg hätte. Register? Zog er denn Register? Wie beim Orgel- spielen? Bohnnann fühlte sich verpflichtet, den Verdacht zu ent- kräften, besonders daß er die Schulmcistcrei satt habe. Auch fand er in den Ausdrücken des Assessors, trotzdem Mascha ihm eigentlich schon ähnliche Dinge gesagt hatte, eine beleidigende Absicht. Aber er hielt an sich. Der Assessor wollte ihm offenbar auch noch seine Meinung über den einen Punkt sagen, über Mascha. Das mußte er lioch hören. Schlau sein I So schwieg er in wachsender Verlegenheit, llnd sein Erröten machte den Assessor noch sicherer. „Mein bester Herr Bohrniann," sagte er,„was Mascha voil der bunten Reihe zu sagen pflegt, das ist nicht ganz richtig oder vielmehr nicht ganz vollständig. Unsereiner, ich meine Sie und ich, braucht mehr als zwei Hände, mehr als zwei Nachbarinnen. Wer vorwärts kommen will, muß von allen Seiten unterstützt werden. Und da bleiben Caram- bolagen nicht aus. Ja, selbst wenn nur die eine Mascha zwischen Ihnen und mir säße, so könnte es sich er- eignen, daß es mir einmal nicht paßte, alles mit Ihnen zu teilen. Sie versteh'» mich doch? Sie sind jetzt von Mascha in den Ring eingeführt. Gut. Ich gönne Ihnen die Szekal und die Kietz dazu. Wenn Sie mir aber bei Mascha mal ernstlich iils Gehege kommen..." „Herr Assessor," stammelte Bohrmann in verlegenem Zorn. „Sie verstehen mich doch, bester Herr Bohnnann? Haben Sie doch Geduld! Es wird auch für Sie die Zeit kominen, - 21 vielleicht bald. Hier und jetzt paßt es mir noch nicht, und ich wünsche, daß Sie Ihre Absichten auf Mascha vertagen, sonst.. „Sonst?" wiederholte Bohrmann und stand langsam auf. Jeder Blutstropfen war aus seinem Gesicht gewichen. „Sonst, mein bester Herr Bohrmann, könnte sich daraus ein Mißverständnis ergeben, das nur mit den Waffen an- ständiger Leute auszufechten wäre. Sie versteh'n mich doch?" Bohrmann verstand ganz gut. Dieser Assessor hatte eben schamlose Gedanken über Mascha ausgesprochen und hatte ihn, den unscheinbaren Schullehrer, mit einem Duell bedroht. Nur flüchtig dachte Bohrmann an die gute Hilde und an den armen Siegfried. Der schneidige Assessor ver- stand sich gewiß gut auf Pistolen und Degen. Einerlei. Bohrmann dachte in diesem Augenblick nicht mehr an seine dichterische Zukunft. Nur an Mascha dachte er und an seine Standcsehre; der Schulmeister sollte nicht vor dem Assessor zurückweichen. Und so sagte er mit bleichem Gesichte, aber mit fester Stimme: „Ihre Anspielungen habe ich nicht alle verstanden, Herr Assessor: daß Sie mich aber beleidigen wollen und daß Sie mir gedroht haben, das habe ich wohl verstanden. Ich bin unerfahren in solchen Dingen, Herr Assessor, aber ich bin nicht feige. Ich bitte Sie, mir die Form anzugeben, in welcher ich Ihnen zu antworten habe, damit Sie sich mit mir schlagen. Und wenn Sie mir selbst nicht helfen wollen, so werde ich fragen oder es in einen: Buche nachlesen und Sie zum Zweikampfe herausfordern. Ich weiß, es giebt solche Bücher." Eine bange Pause entstand. Dann sprang der Asscflor lachend auf. Der schneidige Spott war von seinen Lippen verschwunden, und gemütlich sagte er, Bohrmmm habe ihn ganz mißverstanden, und er bitte um Entschuldigung, wenn sein Ton nicht ganz der richtige gewesen wäre. Es sei doch klar, daß sie beide der schönen Mascha ein bißchen den Hof machten. Bohrmann solle sich auf des Assessors Eifersucht lieber ein bißchen einbilden. Und aus so einen: kleinen Auftritt entstehe zwischen Gentlemcn gewöhnlich eine gewisse Herzlichkeit. Bohrmann war gerührt. Er wußte selbst nicht, ob sein eigner tapferer Entschluß, sich zu schlagen, oder ob die Güte des Assessors ihn so weich stimnite. Jedenfalls schlug er ehrlich in die dargebotene Hand und nahn: sogar ein Glas von dem giftiggrünen Liqueur an. der Absinth hieß. Er hätte sich nun gerne ganz rückhaltlos über Mascha ausgesprochen und den Assessor dies und jenes gefragt. Der aber er- kundigte sich immer wieder nach Bohnnanns dichterischen� Plänen, vor allem nach dem„Hohen Liede". Nur einmal sprach er noch von Mascha. Er gab zn, daß er eifersüchtig sei und deshalb das Alleinsein zwischen Mascha und seinem lieben Bohrmann zn verhindern suche. „Der ewige Krieg zwischen uns Männern, lieber Bohr- mann," rief er.„Aber darum keine Feindschaft I" XXlI. Am Abend dieses Tags befand sich Bohrnmnns, d. h. Maschas Gesellschaft in einer gewissen Aufregung. Während des fremdländischen Diner- Abendbrots war ein Telegramm des Rechtsanwalts eingetroffen, das seine Ankunft anzeigte. Das Blatt ging von Hand zn Hand. Alle blickten nach den beiden leeren Stühlen zur Rechten der Szekal, wo sonst die beiden Direktoren gesessen hatten. Herr Petters machte eine strenge Miene, und die Kietz sagte, man solle sie in Ruhe lassen. Nach dem Essen schwärmten alle an den Strand hinaus, und Bohrmann konnte beobachten, wie Frau Kietz und Herr Petters unaufhörlich unüvorben wurden, und wie Neumann bald zu der einen, bald zu der andren Gruppe trat. Auf der Digue strahlte das helle Licht, an: Strande unten aber war es schon dunkel, als Mascha hinabging und sich dort in einen leeren Strandkorb setzte. Bohrmann durfte sich zu ihren Füßen in den weichen Sand legen: der Assessor aber stand wie eine Schildivache neben ihr. Sic hatte wie zufällig ihr linkes Füßchen auf BohrmannS Knie gesetzt. Der Assessor spottete über die Bemühungen Neumanns. „Sieh nur, Mascha, lvie sie die dicke Kietz und den durch- wachsenen Petters bearbeiten... wahrhaftig, wie zwei Stücke Rindfleisch." Nach einer längeren Pause fragte Mascha plötzlich, ob Bohrmann mit seiner Stube zufrieden sei? Welche Nummer sein Zimmer habe? Ter Assessor antwortete statt seiner: „Es ist gar kein Zimmer und hat darum keine Nummer. Wenn Du es besichtigen willst, Mascha, so kannst Du es zu jeder Zeit in meiner Begleitung thun. Allein betrittst Du dieses Haus natürlich nicht, das willst Du auch gar nicht... Mascha wollte Sie durchaus in unsrem Hotel unterbringen, lieber Bohr- mann. Am Ende hätte ich Ihnen sogar mein Zimmer ein- räumen sollen. Aber ich wollte nicht. Ich finde es hochpoesisch, mit Mascha einen gemeinsamen Balkon nach dem Meer hinaus zu haben." „Das teure Hotel," sagte Bohnnann, wäre für mich auch..." „Na, da siehst Du, Mascha." „Du bist entsetzlich." rief Mascha.„Wir müssen etwas thun, lieber Hans, um die Aufsicht dieses entsetzlichen Vetters zu täuschen. Er wacht über meinen Ruf..." „Geniert Erich nicht, Kiirder," rief der Assessor.„Reden dürft Ihr alles." „Garstiger Mensch," sagte Mascha.„Aber gut l Wenn er es nicht anders haben will, wollen wir in seiner Gegenwart flirten... Sind Sie mir treu, mein lieber Hans Bohrmann? Lassen Sie sich auch hier nicht verlocker:?" „Hier?" antwortete Bohnnann.„Von wem denn?" „Von den schönen Pariserinnen." „Die kenne ich ja gar nicht." iFortsetzung folgt.) Dev Viberpelx. tFrcie Volksbühne.) . Wen» man die menschliche Anspruchslosigkeit bewundern will. braucht man nur eine der landläufigen.Lustspiele" zu besuchen. Es ist erstainilich, wie wenig Typen die„Poeten" brauchen. um das Publikum zu belustigen. Dieselben Figuren stellen sich wieder und innner wieder vor und das Publikum freut sich jedesmal, als sähe es sie zum erstenmal. Ein Backfisch, der allerlei„schreck- liche" Dinge sagt und dabei zun: Sterben verliebt ist; eine ver« schrobene Mama, die„vornehm" ist und hoch hinaus will; ein gemüt- licher Papa, der praktischen Verstand hat und schließlich Recht bekommt; ein schüchterner Liebhaber; ein flotter Liebhaber; ein schlechter Kerl, der zum Schluß hinausgeworfen wird— das sind die Elemente, ans denen Dutzende und Aberdutzende von sogenannten „Lustspielen" zusammengesetzt sind. Die Komik ruht dabei in den Persoiienvcrwcchselnngen und in den Situationen. Die verschrobene Mama beispielslveise himmelt einen Grafen an, der sich schließlich als Wcinreiscnder entpuppt. Ist der Autor besonders reich, sozusagen in der„Verschwendung der Natur" gebildet, dann läßt er den wirk» liche» Grafen noch von dem gemütlichen Papa wie einen Wein- reisenden abgekanzelt werden. Der schüchterne Liebhaber stottert in seiner Ilnbeholfenhcit etwas von Liebe, das eine alte Jungfer auf sich bezieht. Der flotte Liebhaber trifft mit dem lebenslustigen Papa in einer allzu fidelcn Kneipe zusammen usw. usw. Ist das Publikum nicht mehr naiv genug, sich über derartige Dinge anfzuregen, wird das Ragout durch einen pikante» Zusatz schmack- haster gemacht. Hier giebt es nur ein ewiges, unvergängliches Motiv: den Ehebruch. Der Ehebruch gilt in der bürgerlichen Welt in: allgemeinen ja als verwerflich. Man muß ihn aber doch von Herzen lieben, da die Ainüseure des Publikums(die ihre Auftraggeber kcnnen müsse») ihn so fleißig be- nutzen. Ein Mann, der i» Begleitung seiner Frau reist, und in: Hotel mit einer früheren Geliebten zusammen- trifft, ist ein Gemälde menschlicher Leidenschaften, das stets der höchsten Bewunderung sicher ist. Neuerdings greifen die schlechten Lnstspiclsitten ans Kreise über, die man sonst zu den besseren rechnete. Zuletzt hat Otto Ernst in seinem„FlachSmann" eine seichte Familien- blatt-Geschichte znsammengefabelt, die durch das Protzen mit Ge- sinninigsfcstigkcit nur noch' unangenehmer wird. Der breite Erfolg, den er gehabt hat, läßt darauf schließen, daß die Menschen anspruchs« loser werden, wenn sie in Massen zusammen kommen. Auch im Parlament erregt ja schallende Heiterkeit, was am Viertisch kaum ein melancholisches Lächeln hervorrufen würde. Man muß an dieses allgemeine Lustspielelend denken, wenn man die erlösende Wirkung begreifen lvill, die Hauptmanns„Biberpelz" bei seinen: Erscheine» ausübte. Es war endlich einmal wieder eine ehrliche Dichtung, die sich nicht von: Leben entfernte, um in der Kinderstube Beifall zu finden. Es Ivar endlich einmal wieder ein Poet, der Menschen zeigte, und kein„Bühnenschriftsteller", der die bekannten Typen zu einem neuen Arrangement zusammenschob. ES Ivar endlich einmal wieder eine Komödie, in der wirklich ein hnmoristisches Motiv steckte. Die„Bühnenschriftsteller" von Kotzebue bis ans Otto Ernst glauben in ihres Herzens Einfalt, daß eine Geschichte, die gut ausgeht und mit allerhand Spaßen verbrämt ist, bereits ein Lustspiel sei. Analog dieser geistreichen Definition wäre eiue Geschichte, die schlecht ausgeht und thränenreich vorgetragen wird, eine Tragödie. Nun muß aber in der Tragödie die Notwendigkeitlwalten, und in der Komödie ist es keineswegs anders. Wer da glaubt, daß die Komödie sich von der trogischen Knnstform am ersten dadurch unterscheide. daß man es in ihr mit der Aesthetik nicht so genau zn nehmen brauche. hat nie auch nur eine Komödie empfunden, geschweige denn. daß er jemals eine wird schreiben können. Sobald in der Tragödie der tragische Untergang zu vermeiden wäre, hört die Tragödie auf und das Reich der nnglücklichen Zufälle beginnt. Und wiederum, sobald ivir in der Komödie um das humoristische Motiv auch ohne die Befreiung des Lachens oder Lächelns Herrn»- kommen, hört die Komödie auf und das Reich der willkürlichen Einzelspähe beginnt. Die humoristische Notlvendigkcit ist genau so zwingend wie die tragische. Erst wenn wir um einen Charakter gar nicht anders herrimkommen. als indem wir uns vor seinen Wider- sprächen in das Reich des HrmrorS flüchten, haben wir es mit einem humoristischen Charakter z» thun. Dah ein Mensch dann und wann znnr Lachen Beranlassnng giebt, macht ihn noch lange nicht zu einer hllinoristischen Rntnr im Sinne der Komödie,>vie ja auch einzelne Unglücksfalle den Menschen noch lange nicht zu einer tragischen Natur machen. In beiden Fällen ivollen wir vor der unerbittliche» Notwendigkeit stehen. Davon haben die wenigsten Komödienschreiber eine Ahnung. Hauptmann aber hat davon nicht nur eine Ahnung, sondern in seinem„Biberpelz" steckt thatsächlich «in humoristischer Charakter(nämlich die ,.Wolffen"> i>»d das unter- scheidet allerdings die Differenz in ihrem innersten Wesen, sozusagen grundsätzlich von dem landläufigen Schund, der uns gelvöhnlich belästigt. In, ersten Akt spürt man deutlich eine Schwäche der Haupt- mannschen Dramen, die ihnen gefährlich werden kann. Insofern gc- fährlich, als sie in gelvissen Partien sehr schnell der Zeit zum Raube fallen iverde». die Milieuzeichnung ist im ersten Akt recht sehr ver- bläht. Zum Teil liegt das natürlich an der Ausführung. Sobald die Dichtung das„Deutsche Theater" verläßt, um in die lveite Welt zu gehen, fällt ein Teil der Milicuzeichmiug iveg, kommt abends in der Darstellung einfach nicht zur Geltung. Das ist schon eine recht böse Sache und sollte jedem eine Mahmmg sein, das Milieu in die bescheidene Rolle eiueS stimmunggebende» Moments zurückzudrängen. Es kommt aber noch ein andrer Um- stand hinzu. In den Anfängen des Materialismus ivar die breite sorgfältige Milieuzeichunng etwas Neues. Man interessierte sich da- fiir, hörte aufmerksam hin und kam so auf seine Kosten. Inzwischen ist die Sache aber alt geworden und da sie an sich undramatisch ist. entstehen i», Drama tote Parsie», die nicht angenehm sind. Der Reiz der Neuheit ist hin. Den eigentliche» Wert deS„Biberpelzes" macht der Charakter der„Wolffen" aus. Sie ist im Grunde eine gescheidte, strebsame, fleißige Frau, aber es läßt sich nicht leugnen,— sie stiehlt. Dah das «in Fehler ist, muh jeder zugeben. Andrerseits aber hat man an ihrem kecken Wesen so viel Freude, daß man ihr unmöglich gram sein kann und so sprengt man den ganzen Widerspruch in die Lust, indem man lacht. Mit der Gestalt der Wolffen wird nur und ansschliehlich der Humor fertig— das eben ist ihr Wert nud ihr kinistle- rischer Raug. Zinn Erfolg des Stücks hat eine zweite, ebenfalls sehr gelungene Gestalt beigetragen— der Amtsvorsteher. Herr v. Wehrhan. Hauptnnmn geitzelt hier einen Typus, der im neuen deutschen Reich sehr häufig vorkommt— den„schneidigen" Beamten. der den Leute»„die Kandare" anlegen will mid eins der höchsten Güter der Nation in der kleinlichen Chikanienuig der Opposition sieht. Dah dieser„schneidige" Herr von dem Mnttertvitz der Wolffen in so prächtiger Weise düpiert wird, bildet nicht den geringsten Reiz der Komödie. Aber auch sonst find eine Reihe von hübschen Gestalten vorhanden, so der schwerfällige Mann der„Wolffen", der krakehlsüchtige freisinnige Rentier Krüger, der biedere verschnapste Amtsdiener usw. Die Aufführung in der„Freien Volksbühne", der ich leider nicht bis zum Schluß beilvohnen konnte, setzte in, ersten Akt etwas matt ein. Der zweite strahlte aber schon in viel frischeren Farben und die Besetzung der Hauptrollen schien mir einen lustigen Verlauf der Vor- pellung zu verbürgen.— E r i ch S ch l a i k j e r. Kleines Femllelott. — Oliven-Manna. Ii, der Gegend der Biba»berge(Algier) giebt es bei Mansurah eine ziemlich grohe Anzahl von Oliven- bäume», ivclche im Sommer eine beträchtliche Menge Manna absondern. Die Eingeborenen nennen dieses Mauna, ivelches Trabut vollkommen identtsch mit den, gewöhnlichen, arzneilich vcNvendetcn Eschcn-Manna fand, Olivenhonig. Die Bäume, von deren Rinde und gröberen Arsten das Manna abflieht, sind offenbar krank; es scheint, als lvcn» sich der Bast unter Einwirkung eines Krankhests- erzeugcrs an de» wunden Stellen gänzlich in Mannazucker verwandle. Es bilden sich lveite, krebsartige Wunde», die das nackte Holz zeige». In- dessen heilen solche Wunden und andre öffnen sich, wöbe, das Holz sich schwärzt. Die von der Krankheit angegriffenen Bäume reifen inzwischen Früchte und bleibe» ziemlich kräftig; wem, man sie fällt, findet man ein sehr dichtes, schwarz geädertes Holz, welches vielleicht zu Kiliistarbeitei, Auweudung finde» könnte. Trabut glaubt, dah der Ansteckuiigsstoff, für den er eine vielleicht i», Canibin», lebende Bakterie ansieht, durch Grillen oder andre Insekten übertrage» werde. Nach einer Analyse von Battandier enthält das Oliven-Manua Verantwortlicher Redictenr: Heinrich Wefcker in Gr. Li 52 Prozent Mannst, 7.8 Prozent glnkoseartigen, reduzierenden Zucker, S.Z Prozent durch Alkohol fällbare Substanz und 13 Prozent Wasier. Den Rest bilden Trümmer von Insekten, Rindenteile und andre Ber« uiireiinguugen.—(„Prometheus.") Musik. Häufig geschieht es, daß ei» Kunstwerk einen geschichtlichen oder in eine bestimmte Geschichtsperiode verlegten Stoff tm Gcivmid einer andren geschichtlichen Zeit vorführt. So etwa, wenn griechische oder römische Personen im Milieu der Rokokozcit dargestellt werden, oder wem, biblische Stoffe in altdeutsche», Gelvaud erscheinen. Ein musikalisches Drama wird es nicht leicht haben, einen historischen Gegenstand auch im Siime der Tonformei, der betreffenden Zeit zn behandeln; hier ivird lvvhl— tvas ja keineswegs»nhistorisch ist— die gegenwärtige Musik die paffendste Formensprache sein. Statt dieser kann aber»nsteiivillig auch eine veraltete Koiupositionslveise benutzt lverden, un, einen Stoff einzukleiden, der Hinwiderum noch ein paar Generationen hinter der Zeit dieser Weise liegt. Rokokospicl mit Mnsik ans der um hundert Fahre später'liegenden Zeit des Singsangs nnsrer Großeltern, der gefühllos- g'estihlvollen Can- tilane dididi d i h di-di-di- d i h— das war das 5?ci»izcicheii und wohl auch das einzig Interessante an einer einaktigen Operette, die Soimtagnachmittags im F r i e d r i ch- W i l h e l m- städtischen Theater herauskam. Sie heiht„Das Medaillon" und dreht sich darum, dah der Liebhaber, im, von der Herzogin die EiiUvilligung zur Heirat mit seiner Geliebten zn erreichen, jener ein Medaillon zeigt, auf dessen einer Seite die Geliebte gemalt ist, nud d offen andre Seite ans einem Spiegel besteht; die Herzogin saht das Medaillon unrichtig an, erblickt sich selbst»nd fühlt ini» eine Gemeinheit gegen sich begangen, bis endlich die Sache aufgeklärt mjrd. Dies olles ist in einem uiiorigiiwllc», doch begnem einwiegenden Singsang von jener erwähnten Art getaucht. Einen Meister- und Mnstergcsang gab die Auffiihnlng gerade nicht. Doch ivar der äußere Erfolg recht lebhast. Walter Mortier heiht der Kompouist, und als Librcttist fungierte der bewährte Textmachcr Victor L s o n.— Dem Einakter folgten, als eine wahrhaft musikalische Erholung, der 2. und 3. Akt der„Fledermaus", eine der vielen Vorstadtanfstihrungen dieses Zugstücks. Einen solchen Abstand von der Königliche» Oper, was Mangel au Feinheit und Durcharbeitung betrifft, sollte man denn doch de», a»S hoher Knust und tiefer Nnkuust znsammcngcsctztcu Haus unter den Linden nicht«inräumeii.— sz. Humoriftncdes. — Naiv, Wirt(den meteorologischen Bericht in der Zeitung lesend):„An dem Tage, an welche», Sie Ihr 25 jähriges Dienst- jnbilän», feiern, findet ja auch eine Mondfinsternis statt!" Nachtwächter(bescheiden):„Das kann ich aber eigentlich gar nicht verlangen I" — Anzüglich,„... Und ich bleib dabei: daS viele Vier- triuke» niacht den Mensche» dumm I" „3' mert' an mir>io'»ix: an' Jeden kann's halt nct so an, wie Eahnal"— Notizen. —„Die Gesellschaft" ist am I, April in den Besitz des Münchner Schriftstellers Wilhelm W e i g a n d übergegangen. Als Redactenr zeichnet Dr. A. S e i d l. Die HerailSgeber beabsichtigen die„Gesellschaft" wöchentlich erscheinen zn lassen und sie z» einem Centralorgan vorwiegend süddeutscher Kunst- und Kultur- intereffen zu gestalten.— — Ferdinand Bonn Ivird nächstens in, Schiller- Theater in Ibsens„Krouprälendenten"»nd Shakespeares„Der Kaufmann vo» Venedig" gastieren.— — G c r h a r t Hauptmann arbeitet gegenwärtig an einer Komödie»Der rote Hahn". Das Stück ist eine Fortsetzung des„Biberpelzes". Dieser zweite Teil endet mit dem Tode der Waschfrau Wolffen; auch Wehrhahu spielt eine Rolle in dem Stück.— — E ii u n s neue Oper„Hirtin und Schornsteinfeger" erzielte bei der Erstanfflihnnig in K op euh a g en einen starken Erfolg.— — Richard W a g n e r S„Siegfried" wird Anfang nächsten Jahre« in der Pariser großen Oper mit Jean de Reszke und Mm. Aktö in den Hauptrollen zur Aufführung gc- langen.— — Eine Ausstellung der Sammlung Felix Königs wird am Mittwoch im zweiten Co rncli uS-Saale der Ratio ii algalerie eröffnet.— — Im M ii f e n m für Völkerkunde ist eine Sammlung japanisch-buddhistischer Bildwerke zur AiiSstellinig gelaugt.— — Die an den bewaldeten Ufern des Victoria- Nyanza früher in Massen vorkommende E l e n- A n t i l o p e ist fast a u s g e- st o r b e u. Ebenso befürchtet man. daß eine am Victoriasce noch häufiger vorkommende, sonst jedoch höchst seltene O t t e r» a r t Fisi rnadji(Hyäne des Wassers), deren Fell zu den kostbarsten gehört, bald aussterben wird, da die Nachstellungen nach diesem wertvollen Tier fortwährend zunehmen.—__ hterfelde. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.