Nr. 338 Abemttments- Dedingvngen: Abonnements-Pietz pränumerando: Pierteljährl. 3L0 Ml., monatl. l.ioMl., wöchentlich LS Psg. frei in» Hau». Einzelne Nummer 5 Psg. Sonntag»- Nummer mit tllustrl-rier Sonntag»- Beilage„Tie Neue Welt" 10 Psg. Post- Abonnement: 3,30 Mark pro Quartal. Eingetragen in der Post- Zeitung». Preisliste sür 1899 unter Et. 7830. Unter Kreuzband sür Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, sür da» übrige Ausland 3 Marl pro Monat. 16» Jahrg. Erscheint täglich ausser Moulag». Vevlinev Volksblnkt. Die Anftrtwns- Gebühr beträgt für die sechsgespaltene Kolonel. »eile oder deren Raum»0 Psg., sür politische und gewerkschastliche Vereins- und Versammlung»-Anzeigen 20 Psg. „Kleine Ansei grn" jede» Wort S Psg. (nur da» erst« Wort seit). Inserate sür die nächst» Nummer müssen bi» l Uhr nachmittag» in derSxpedttion abgegeben werden. Die Srpcdttton ist an Wochen- tagen dt» 7 Uhr abend», an Sonn- und Festtagen bt» S Uhr vormittag» geössn«. Fernsprecher! Amt l, Er. 150B, Telegramm-Adresse: „Sorialdrmokrat Berlin" Centralorgcm der sonatdemokratischen Uartei Deutschlands. kedalllion: SV. 19. Rrutli-Strasse 2. Abonnements-Einladung. Mit dem 1. Oktober eröffnen wir ein neues Abonnement auf den „Vorioärks" mit seinem wöchentlich fünfmal erscheinenden Ilnterhaltuugsblatt und der Sonntags-Beilage ..Vir Nrnr Zvrtt". Jui Unterhaltungsblatt beginnen wir am 1. Oktober mit dem Abdruck eines ergreifenden, psychologischen Romans Von Peter Egge. Für Berlin nehmen sämtliche Zeitungöspediteure sowie ilttsrrc Expedition, Bcuthstr. 3, Bestellungen entgegen zum monatlichen Preise von I Mark 10 Pfennig frei ins Hans. Für außerhalb nehmen sämtliche P o st anst alten Be- stellungc» zum Preise von S Mark SO Pfennig für die Monate Oktober, November, Dezember entgegen.(Eingetragen ist der.Vorwärts" in der Post-Zeitungsliste unter Nr. 7820.) Die Redaktion des„Vorwärts". England und Transvaal. Die von unS publizierte Antwort des englischen Kabinetts auf die Note Transvaals vom 12 d. M. schob die Entscheidung über Krieg und Frieden nochmals hinaus. Optimistische Gemüter schöpfen aus dem zurückhaltenden Ton der englischen Antwort die schöne Hoffnung, daß doch noch der Krieg ver- mieden werden kann. Das macht ihrem guten Herzen alle Ehre, zeugt aber von einer ziemlich geringen Einsicht in den gegenwärtigen Stand der Krisis. Die englische Regierung kann, nachdem die Ehamberlain, Millner und Green einmal durch ihre Praktiken die Sache soweit vorangetrieben haben, nicht gut zurück, ohne sich bloßzustellen und in Süd- afrika einen guten Teil ihres Einflusses zu verlieren, nicht nur bei der Bevölkerung der Transvaal- und der Oranje-Republik, sondern auch derKapkolonie, deren Verhalten gegen das Auftreten des englischen Gouverneurs ohnehin der englischen Negierung wenig in ihre Absichten paßt. Die englische Regierung kann sich eine solche Nachgiebigkeit umsoweniger gestatten, als un- geachtet aller schönen Reden und Protestationen der Morley, Harcourt, Clark, Fostcr usw. es den englischen Interessenten in Südafrika unzweifelhaft gelungen ist, durch ihre tendenziösen Darstellungen in der kapitalistischen Presse den größten Teil des englischen Publikums, auch der nichtsocialistischen Arbeiter schaft, für einen Krieg gegen die Boerenrepublik einzu nehmen. Ein weit sicheres Kennzeichen für den Fortschritt der Krisis als sorgsam ausgeklügelte diplomatische Roten sind die beiderseitig fortgesetzten Riistungen, die Vorschiebung der eng- tischen Truppen an die Transvaalgrenze, die kriegslustigen Auslassungen englischer Regierungsmitglieder, wie der ehren- tverten Herren Fisher und Wyndham, und vor allem die Haltung des Kap-Parlaments, das, um etwaigen gewaltsamen Maßnahmen des englischen Gouverneurs Milner vorzubeugen, sich in Permanenz erklärt hat und dessen Mitgliedern der Ministerpräsident bereits bis November die Diäten ange- wiesen hat. Wenn Englands Regierung trotz aller dieser Zeichen, die beweisen, daß im englischen Kabinett selbst der 5krieg als unvermeidlich gilt, immer wieder zögert, das entscheidende Ultimatum zu stellen, so sind es vor allem drei Gründe, die sie dazu bewegen. Zunächst möchte die englische Regierung ihre Rüstungen einigermaßen vollenden, um gleich mit voller Wucht losschlagen zu können und nicht Natal einer Invasion durch die Transvaalboeren auszusetzen. Dann hätte sie der Traiisvaal-Regiening gar zu gern das Odium aufgeladen, den Krieg durch ihre hinterlistigen Machinationen und ihre Unnachgiebigkeit provoziert zu haben. Wieviel dem englischen Kabinett daran liegt, der Transvaal-Regierung Zweideutigkeiten nachweisen zu können, zeigte deutlich das Jntriguenspiel, das der englische Agent Green sich vor der Absendung der vorletzten Antwort des TranSvaalstaats auf den Chamberlainschen Kom- missionsvorschlag in Pretoria geleistet hat und das der Prä- sidcnt des Oranje-Freistaats in der Sitzung des Raads vom 21. d. M. nicht mit Unrecht als eine Täuschung und einen „indirekten Vertrauensbruch" bezeichnete. Thatsächlich ist es ja auch dadurch gelungen, dem Publikum, das die Green- Milnersche Schiebung nicht mit Aufmerksamkeit verfolgt hat, bie Meinung beizubringen, die Transvaal-Regierung hätte freiangebotene Zugeständuisse hinterher ohne Anlaß wieder zurückgezogen und dadurch England herausgefordert. Als dritter Grund kommt noch hinzu, daß der Krieg in Südafrika höchst wahrscheinlich weit größere Dimensionen annehmen wird, als vor zwei Monaten die englische Regierung voraussetzte. Wenn noch vor kurzem der„Standard" meinte, der Oranje-Freistaat werde sein Schicksal nicht an das der Transvaal-Republik knüpfen, so ist diese Hoffnung jetzt durch den einstimmigen Beschluß auf Unterstützung Transvaals, den der Volsraad des Oranje-Freistaats in der Sitzung am letzten Freitag gefaßt hat, völlig hinfällig geworden. Die energische Erklärung des Raads läßt keinen Zweifel mehr, daß beide südafrikanische Republiken zusammen Hand in Hand gehen werden. So ganz unwahrscheinlich sind sogar jene Berichte nicht, die wissen wollen, schon seit längerer Zeit sei zwischen den Feldkornets beider Staaten ein gemeinsamer Feldzugsplan vereinbart worden. Doch kommen nicht mir diese beiden Staaten in Betracht. Auch bei den Boeren Natals ist die Neigung vorhanden, sich ihren Vettern nördlich des VaalflusseS anzuschließen, und selbst die Afrikander- Partei der Kapkolonie sympathisiert, wenn sie sich auch schwer- lich offen am Kampf beteiligen wird, mit deu Transvaal- Boeren. Und dann die eingeborene Kaffern- und Bantu- Bevölkerung. Kommt es zum Kriege, wird sie kaum ruhig bleiben. Der jetzt in Rhodesia betriebenen Anwerbung von Znltikaffcrn werden sicherlich sobald es ernst wird, die Boeren die Aufstachelung der gegen die englische Bedrückung er- bitterten Matabeles entgegensetzen. Leicht können sich dann am Ende unseres„humanen" Jahrhunderts dieselben grau- samen, blutigen Scenen wiederholen, die im vorigen Jahr- hundert in demKampf Englands nndFrankreichs um Nordamerika die Entfesselung der Rache-Instinkte der rohen Iiidianerhorden gezeitigt hat. Und warum dieser Kampf? In der Hauptsache zum Nutzen der englischeil Minenbesitzer, Sl)areholders(Aktieninhaber) nnd Interessenten der Chartered Company. Aller- dings handelt es sich bei diesem Nutzen um recht ansehnliche Summen. Während z.B. die Goldproduktion Transvaals zu Anfang der achtziger Jahre nur 100(X» bis 200 000 Mark erreichte, betrug sie 1888 bereits 20 Millionen, 1891 58 Millionen und im vorigen Jahre nicht weniger als 346 Millionen Mark. Dabei ist die Ausbeute in stetigem Steigen begriffen. Und an dieser Prodiiktion ist ein enormes englisches Kapital beteiligt. Schon im Jahre 1896, als die Gold- gewiminng kaum die Hälfte der diesjährigen erreichte, bestanden an 200 Minengesillschaften mit einem Gesamtkapital von 1147 Millionen Mark. Tie Zahl der beschäftigten Weißen betrug 9375, die Zahl der in den Minen arbeitenden Schwarzen über 64000. Man begreift, welches bedeutende englische Kapital bei dem Goldminenbetncb Transvaals engagiert ist und lvie groß die Zahl der Beteiligten sein mag, die an dem Aufhören der Zoll- und Finanzwirtschaft der Buren mit ihrer Aufrechterhaltilng der Gewinnabgabe von der Goldproduktion und des Dynamit- Monopols interessiertist. Es sind keineswegs, wie so oft gesagt wird, nur eine Handvoll Minenbesitzer. Dazu gesellen sich dieAktionäre nnd Anhängsel der British South Africa Company, die seit ihrer Begründung mit bedeutender Unterbilanz arbeitet und deren Fehlbetrag sich jetzt- auf etwa 5 689 000 Lstrl. oder 117 Millionen Mark beläuft. Sie alle rechnen darauf, daß nach der Erwerbung Transvaals auch ihr Gebiet vom Staat übernommen und zur selbständigen englischen Kolonie erklärt wird und daß damit zugleich— Cecil Rhodes hat das in der letzten Generalversammlung offen ausgesprochen— eine Uebernahme des Deficits von 117 Millionen Mark auf den Staat erfolgt, d. h. die Aktionäre ihr Geld zurückerhalten. Und nicht zuletzt sprechen die imperialistischen ErpansionS- Politiker mit. die ganz Süd- und Ostafrika im englischen Besitz sehen möchten, als aufnahmefähigen Anlage- und Absatzmarkt für englisches Kapital und dw englische Industrie: groß- afrikanische Pläne, bei denen sich ihnen die Selbständigkeit der beiden südafrikanischen Republiken als erstes Hemmnis hindernd in den Weg stellt. Das sind die Interessen und Wünsche, die England zum Kampf treiben: die aufgeworfene Wahlrechtsfrage ist kaum mehr als ein in den Vordergrund geschobener formeller Vorwand. Im Grunde handelt es sich, wie aus allen offiziellen nnd nichtosfiziellen Auslassungen der Macher hervorklingt, einfach oarum, die Transvaal-Republik in möglichster Abhängigkeit von England zu bringen oder, noch besser, dem britischen skolonialbesitz einzuverleiben. Die Verleihung des Wahlrechts an die englischen„Uitlanders", d. h. die im Transvaalstaat ansässigen Engländer gilt jenen Kreisen nur als Mittel, um mit späterer englischer Nachhilfe der englischen Partei in Trans- vaal einen immer größeren Einfluß in den inneren Angelegenheiten der Republik zu sichern und so deren Einverleibung vorzubereiten. Handelte es sich sür England nur darum, den in Transvaal lebenden Uitlanders eine gewisse Vertretung zu ermöglichen, dann hätte es das Angebot Transvaals vom 15. August annehmen können, daß den Uitlanders das Stimm- recht nach fünfjährigem Aufenthalt und zwar mit rückwirkender Kraft, sowie gleiche Rechte und Privilegien in Bezug auf die Präsi- dentenwahl zugestand, also weit mehr als der englische Gouverneur auf der Bloemfonteiner Konferenz gefordert hatte. Aber England wollte vor allem seine imaginäre Suzeränetät anstecht erhalten, von der in dem Vertrag von 1884 nichts enthalten ist und die von dem besten Kenner der Ssteitfrage, dem Rechtsgelehrten Dr. Farrelly, bestritten wird. Es will eben seine Hand im Spiel behalten, um bei passender Ge- legenheit zuzugreifen. Das wissen die beiden südafrikanischen Republiken, nnd aus dieser Erkenntnis ist ihr Bündnis hervorgegangen. Eben deshalb hat sich auch der Transvaalstaat bisher dem Ein- Expedition: 3�. 19. Beutlz-Skrasle 3. dringen des englischen Elementes in die Verwaltung und Rc- gierung des Landes mit solcher Hartnäckigkeit»vidersetzt. Ob allerdings es nicht weit besser gewesen wäre, wenn die Transvaalregierung dem englischen Vorwand dadurch vorge- beugt hätte, daß sie freiwillig nach dem Jamesouscheu Einfall die Erlangung des Bürgerrechts erleichtert und den Uitlanders eine beschränkte Vertretung zugestanden hätte, das bleibt zum mindesten zweifelhaft. Indem Präsident Krüger sich mit dem englischen Gouverneur auf Feilschen nnd Abdingen einließ, sich zu Anerbieümgen verstand, erkannte er gewisser- maßen au, daß die englische Regierung ein Recht habe, sich in imicrc Angelegenheiten des Transvaalstaats zu mischen. Nichtiger wäre es gewesen, von selbst den Uitlanders gewisse Rechte zu gelvähren, die man ihnen auf die Dauer unter den bestehenden Verhältnissen doch nicht verwehren konnte, und dann, gestützt auf den Vertrag von 1884, einfach alle Zumutungen des Londoner Kabinetts als unberechtigte Ein- Mischung entschieden zurückzuweisen. Von neuen Nachrichten über die Situation in Südafrika sind folgende zu verzeichnen. Die„Times" veröffentlichen folgende Depesche ans Pretoria vom Mittwoch: Die Antwort Transvaals ans die letzten Depeschen der vritischen Regierung steht noch zur Beratung. Eine starke Partei drängt die Regierung, die Entscheidung ohne Verzug hcrbciznfithrcn. Aus Johannesburg wird den„Times" gemeldet: Cinfliiszreiche Beamte der Transvaal- Regierung bezeichnen den Beginn des feindlichen ZustandeS innerhalb einer Woche für wahrscheinlich. Während der letzten Nacht wurden-tOVO Gewehre und eine große Menge Schicszbcdarf im Hause des Johaimcsburger Feldkorncts abgeliefert. Wie a»S B l o e in f o n t e i n gemeldet wird, hat der Raad des Oranjr-Freistaatcs einstimmig eine Resolution angenoimnen. worin die Regierung ansgcsordcrt wird, mit allen Mitteln zur Äusrechterhaltmig deö Friedens beizutragen, damit dic� Unabhängigkeit Transvaals nicht Schaden leide. Ferner beschloß der Raad. der Oranje-Freistaat solle, was auch kommen möge, d i e S a lb e Transvaals» n t e r st ü tz e n. Ans Kapstadt wird telcgrapbiert.: Hier herrscht große Be- sorg nis über die Haltung der Eiugebvrciicu des Vetschnana- ländes lmd der Matabcle. Letztere sind vcwasfuct und scheinen zum Kriege bereit zu sei». Ein Regiment reitender Artillerie- ist nach der Grenze abgegangen._ Volikische UebevMIzt. Berlin, den 28. September. Blindeknh. In der Presse wirbelt es von Krisengerüchten. Man hat das Gefühl, als ob.— nach Veröffentlichung der Zedlitzschen Honorarrechnungen— das Unglaubliche sich ereignet habe. daß der gewandteste aller Staatsmänner in die Falle geraten sei. Miguels Rücktritt wird von den verschiedensten Seiten nunmehr als sicher angekündigt. Für uns hat dieses Blindckuhspiel, dnS sich bei uns innere Politik nennt, nichts Aufregendes. Es ist ganz gleichgültig. ob Herr Miguel sein Regicrungsgeschäft endlich aufgiebt: es würde uns auch nicht überraschen, wenn Herr v. Zedlitz sein Nachfolger»Verden würde. Jnteressailt ist uns der Handel mir unter dem Gesichtspunkt der politischen Moral. Das Reinlichkeitsbedürfnis ist bei uns nicht sonderlich ausgeprägt. Wie wäre es sonst möglich, daß nicht unmittelbar der durch unsere Enthüllung meist kompromittierte Mann— der fruchtbare Lcitartikelschreiber hat keine Bedeutung— der Ocffent- lichkeit eine zwingende Rechtfertigung anbot, daß er an der Jntrigue unbeteiligt ist. Das offiziöse Geschwätz, das jetzt allenthalben auftaucht, hat keinerlei politischen Wert. Wie lächerlich ist es, wenn die„Nordd. Allgem. Zeitung" zu dem Briefe des Freiherrn v. Zedlitz bemerkt: „Wie wir hören, entspricht die vorstehende Erklärung den Wünschen der Staatsregierung, welche auch ihrerseits der Ansicht ist, daß sich eine derartige journalistische Thätigkeit. wie sie von dem Freiherrn v. Zedlitz ausgeübt worden ist, mit der Stellung eines Beamten nicht verträgt." Diese ihre Wünsche hat die Regierung auffällig verspätet in sich entdeckt. Hat die Regierung vor unserer Veröffent- lichung nichts von der Thätigkeit des Herrn v. Zedlitz gehört? Es wäre sonderbar, wenn sich die Regierung über das. was in ihrem eigenen Schoh vorgeht. erst aus dem„Vorwärts" unterrichten inuß. Oder weiß die Regierung am Ende überhaupt nicht mehr. wer die Regierung ist? Ebenso kläglich leer ist eine unnötigerweise in Sperr- druck veröffentlichte Kundgebung der ministeriellen„Berliner Korrespondenz", die ein Generaldcmenti gegen sämtliche Behauptungen liberaler und konservativer Blätter bringt, ohne zu sagen, was denn die Wahrheit ist. Von den Blättern benimmt sich die„Kreuz-Zcitnng" am interessantesten. Sie hat bisher immer noch keine Silbe über den Fall Zedlitz-Miquel geschrieben; sie druckt lediglich das Zedlitzsche Kündigungsschreiben in kleinsten Lettern ab— ohne jede erläuternde Bemerkung. Entweder nimmt die„Kreuz» Zeitung" an, daß ihre Leser, wenn sie sich zu informieren wünschen, zilm„Vorwärts" greifen, oder aber sie ist über- zeugt, daß sie sämtlich längst um diesen Skandal wußten. Auch die brave„Post" hat immer noch nicht verraten. worum es sich eigentlich handelt. Dafür holt sie nach, waS sie im ersten Schreck vergessen, sie druckt ein paar Sätze be» dc::itt:!güli)scr Sßlattcr ab, die sich in üblicher Weise Pttlich rmpörcii, daß der„Vorwärts" das Amt ausübt, über die Verderbnis unserer Zustände schlüssiges Anklagematerial beizubringen. Es ist durchaus konsequent, daß ein aus dreisten Lügen ertapptes Blatt das Bedürfnis nach moralischer Entrüstung verspürt. Uebrigcns nimmt das Blatt in einer witzig ge- nieinten Polemik gegen ein liberales Organ seine Zuflucht zu antisemitischen Scherzen, um den Eindruck der Zedlitziade zu verwischen. Der Antisemitismus ist seit jeher der letzte Schlnnipswinkel aller Abgewirtschafteten. Uebrigens ist Herr v. Miquel als preußischer Minister so Nmuöglich geworden, daß er vielleicht endlich an das Ziel seines Ehrgeizes gelangt uild— Reichskanzler wird. Der Verein für Soeialpolitik hat Mittwochnachmittag seine Generalversammlung in Breslau geschlossen. � Anfang und Ende spiegeln recht detitlich die sich kreuzen» den Strömitugcn wieder, die in dieser Organisation des auf? geklärten Professoren- und Beamtentums— so darf man viel- leicht wrz sagen— von jeher sich geltend machten. Tie einleitende Rede Schmollers betonte diesmal, zwar milde, aber trotz aller vorsichtigen Wenn und Aber stärker, als man es sonst bei dem diplomatisierenden Geheim- rat und Herrcnhäusler gewöhnt ist— die Notwendigkeit einer fortschreitendenHebung der Arbeiterklasse. Der Berliner Gelehrte machte zwar auch hierbei den„Offizieren" der Produktion, dem Großunteruehmertum, seine Reverenz, aber er erkannte im gleichen Atem die Bedeutung der deutschen Arbeiterbewegung an, deren„Führer niit zu den tüchtigsten, fähigsten, idealsten Kräften der Nation" gehörten: „Viele von uns beklagen es. datz eine Veränderung der Gesetzgebung i» Bezug auf das Koalitionsrecht schwebt..... Wir betonen, datz ohne eine grotze und fortgesetzte Socialreform, ohne geistige und sonstige Hebung, ohne Anerkennung der Gleich- bercchtignug der arbeitenden Klassen auf dem Markte»vir den größten Gefahren entgegen gehen____ Ich ivlinschc nicht, datz inan die Arbeiter, mit denen man sieb über praktische Einzelfragen verständigen kann, in ihren Rechten beschränkt, nur deshalb,»veil sie Zukunfts- Pläne haben, die anderen Klassen nicht gefallen. Ich hoffe auch, daß die Regierung nicht solchen Prctzstimmen folgen»verde. Thiit sie es, so entständen Gefahren, die nicht geringer>vür»n, als die socialistische. Unser Königtum und Beamtentum erschiene dann nur als Mandatar des GrotzkapitalS." Auch die folgende Beratung über die Hausindustrie zeigte im allgcineinen das Bestreben, nicht um überlebter Interessen willen das Wohl hunderttauseuder von Ar- vettern und eines ganzen ungeheuren ArbeiternachivuchseL aufS Spiel zu fetzen. Man betont die Dringlichkeit des Ein- greifens und ebenso des Erwcckens der Ausgebeuteten zu klarer Einsicht in ihre Lage und zu aktiven» Kampfe gegen die herabdrückenden Tendenzen dieser scheußlichsten Abart des großkapitalistischen Betriebes. Doch schon hierbei tauchen allerlei rückständige Bedenken a»tf über zu starke Einmischung in das Faniilienleben und über drohcirde Abwanderung von» flachen Lande, wenn die dörfliche Hausindustrie nicht mehr als„BeruhigilngSinittel" wirke. Immerhin darf man de»n Vereine dankbar sein, daß auch er eine der brennendsten Fragen unserer Soeialpolitik, die Ausdchiinng des Arbeiterschutzes auf die Hausindustrie, mehr in den Vordergnind der öffentlichen Aufmerksamkeit gerrickt hat, vor allen» durch die fleißigen und lehrreichen Darstellungen in den Vercinsschrtften. Bei der Erörterung der wirtschaftlichen Entwicklung im Detailhandel und des Wettbewerbes der Waren- Häuser und Konsumvereine kam die Mittelstands- frenndlichkeit, auch wo sie nur ans Kosten der Arbeiter als Kon- suinenten misgeübt werden kann, stärker z»lm Ausdruck— nicht in den Referaten der Professoren Sombart und Dr.Rathgen, die in» Gegenteil allen reaktionären Rettungsversuchen den Fehde- Handschuh hinloarsen, wohl aber in der Rede des Handels- kamnier-Syndikus Dr. R o ck e- Hannover, im Schlußwort G i e r k e s, dieses sonderbaren Schwärmers für Anerben, Heinistätten und sonstige tentsche Allheilmittel gegen die Ver- Wüstungen des römischen Rechts, und ebenso wiederholt in der Diskussion. Die Generalversammlung endete so»nit einer Dissonanz, da Sombart sich in einer persönlichen Bemerkung gegen das Schllißivort Gierkes Verlvahren»mißte, das eigentlich mir den Gang der Debatte zusammenfassen, jedoch niemanden attackieren sollte. Jeder demonstrativen Kundgebung, wie im Vorjahre dem Hoch a»if den vierten Stand und der Proklaniicning deS entlassenen Ministers v. Berlepsch zum künftigen Führer, ist der Verein dies»»al ausgewichen. Die Rücksicht ans den inneren Zlisammenhalt so heterogener Elemente, wie sie den Verein bilden, mag daS erklären. Indes ist sie auch die Hauptursache, lvariim der Verein für Soeialpolitik niemals denjenigen Ernfluß auf die öffentliche Meinung und die Socialgcsctzgebung Deutsch- lands getvinnen konnte, von dem die hervorragendstenBrgründer Wohl träumten. Man kämpft nicht; man untersucht und diskutiert, aber man will es mit keiner Seite verderben und kommt zu keinen männlichen Entschließungen, Das auf- geklärte Professoren- und Beamtentum ist eben in Deutschland Stumms und das Centralverbandes»»icht die Macht, die es einst war oder doch zu sein schien. Sonst hätten wir Wohl auch, in einer so konfliktsschwangeren Zeit »vie der Gegenwart, in Breslau kräftigere Verlvahrilngen gegen das Regiment der Scharsmacher, diese Schmach für die deutsche Kultur, hören»nüssen. AeutsiHes Meich. Centrum und ZuchthauSvorlage. Unseren Ausführungen»"iber die Aeutzerungen LieberS zur Zucht- hauSvorlage hatten wir den Bericht der katholischen„Germania" zu Grunde gelegt und sie mit der Einschränkung wiedergegeben:»Die Nichtigkeit des Berichts vorausgesetzt". Herr Lieber hatte nach diesem Bericht gesagt „Wir stehen heute ans demselben Standpunkte, den ich im Namen der Fraktion bei der erstm Lesung darzulegen die Ehre hatte. Wir»Verden dieselben Vcrhaltimgsmahregeln innehalten nnd sind bereits an der Arbeit, positive Borschläge zum Schutze der NrbeitStuilligen gesetzlich zu finden, ohne die der Mißbrauch des KoalitionSrechtes nicht getroffen werden kann." Das Rheinische CcntrumSorgan behauptet nun, die Stelle habe wie folgt gelautet: „Wir werden dieselbe Vcrhaltungslinie innehalte« und sind bereits an der Arbeit, die positiven Vorschläge zum Schutze der Koalitionsfreiheit gesetzgeberisch zu formulieren, ohne die für m>s eine Bestrafung.des MitzbraucheS der Freiheit nicht da ist." Hat daS Herr Lieber gesagt, so stände das allerdings mit feiner NeichstogSerllärung nicht in geradem Widerspruch, aber anderersestS a»lch nicht im vollen Einklang. Jin Reichstag forderte Herr Lieber als'»Lorbedingung" nicht nur den Schutz, sondern auch die Ertvetternng der Koalitionsfreiheit auf alle Staatsbürger, also a»lf die Landarbeiter und das Gesinde. Es wäre gut.»venu Herr Lieber mit Ra»ne»slii»tcrschrift er- klärte, was er eigentlich in Mainz gesagt hat und zugleich die angeführt« in der ersten Lesung abgegebene Erklärung wiederholte. Bis das nicht geschieht, haben»vir anlätzlich der verschiedene» Strömungen im Centrum keinen Lnlatz, unser Mitztrauen aufzugeben.—_ Nationallibernle Nüst, mg gegen da» Koalitionörecht. Wie der»Bert. Lörsen-Zeitung' geschrieben»vird, beteiligen sich an der Borbereitniig von Anträgen zum ZuchthauSgesetz diejenigen Mit- glieder der nationalliberalen Fraktion, namens deren am 19. Juni erklärt»irnrde, datz sie in den§§ 1, 2 und in Absatz t deS ß 4 der RegieningSvorlage tat geeignete Material zu einer Verbesserung des ZlSZ der Gewerbe-Ordnung zu erblicken Vermöchten und die nachher für Kommissions- beratun'g gestimmt haben. Die Gruppe Bassermann-Heyl ist daran nicht de- teiligt.— Der Freist»»» nnd seine Wähler. So»venig die Social- demokratie Anlatz hat, mit den» Ausfall der Wahl in Pirna»inzu- frieden zu fein, so viel Anlatz zu trübseligsten Betrachtungen hätte die freisinnige Partei, deren Wähler den vollsten Beifall der kon- scrvativen ZuchthauZreaktion fächsisch-bösartiaer Spielart gefunden haben. Das Amtsblatt deS Pirimer Wahlkreises stellt den frei- sinnigen Wählern folgendes beschämende Zeugnis ihres Wohl- Verhaltens a>iS: „Von seinem kuru ltschen Holzstnhle in der Berliner Zimmer- stratze wird vielleicht Herr Eugen Richter den parteipäpstlichen Bannstrahl loslassen auf die Getreue» dieses Wahltreises, die es gewagt haben, seinem Gebote zu trotzen, die nicht blotz der Stimme sich nicht enthalten haben, sondern sogar in hellen Haufen, in»nauchc» Orten sogar Mann für Man», für den nationalen Kandidaten, für den„Schildträger der schtvärzesten Reaktion", eingetreten sind. Und die Social- demokratie»»nrd hohnlachend ans die Wahl in Pirna hinweisen, wenn der Tribnn von Hagen mit ihr liebäugelnd in die Laube gehen»vill. DaS braucht aber niemanden anzufechten; der hiesige Freisinn hat seine Probe glänzend bc- sta n d e n..." Die Freisinnige Partei wird diese Lobsprüche des sächsischen Amtsblattes nicht entkräften können. Liegt doch der Beweis vor, datz nicht nur die Wähler des Wahlkreises Pirna für den Antisemiten eintraten, sondern selbst freistimige W a h I k o n, i t e e S die Parole für die Reaktion ausgaben. Das Central-Wahlkomitee in Sebnitz machte sich schuldig durch vollständiges Stillschweigen! es gab keinerlei Weisung für seine Wähler ans. Die freisinnigen Wahlausschüsse in Reu st a d t und L a n g b u r k e r s d o rf aber forderte»», wie die „S. A." mitteilt,»u ciucui durch den ganzen Wahlkreis vcr- breiteten Zlusnif ausdrücklich zur Wahl von Lotze ans!— Müttchc»», 23. Sept. Der Landtag wurde heute nachmittag 2 Uhr vom Pnnz-Regevten mit einer Thronrede eröffnet, welche zunächst daraus hinweist, datz trotz den gesteigerten Ausgaben das Budget ohne autzerordentliche DcckmigSiiiiltet balanciert und dätz außerdem aus den Erübrigungen der Jahre 189li und 1897 erheb« liche Beträge zn Abschreibmigen und für eiimralige außerordentliche Staatsausgaben verwendet werden können. Die Throtirede kündigt sodann verschiedene Gesetzentwürfe an. darunter solche, betreffend den weiteren Ausbau der Staats- E-isen- bahnen, die Ansbreitmig des Lokalbahnnetzes und die Herstellung von Wohnungen für das niedere Eisen« b a h n' p e r s o n a k. Durch einen besonderen Gesetzentwurf wird den Jnbabern von Pfandbriefen der Bayerischen Landwirt- schaftsbank ein Vorrecht vor allen anderen ÄonkurLglänbigern hinsichtlich ihrer Befriedigmig ans den Hypotheken der Bank ge- währt. Andere Gesetzentwürfe stehen in Ziisaniniciihaiig»nit dem Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches. Ferner wird angekündigt eine Revision deS Berggesetzes, ein Gesetz« ciitivurs über die ärztliche Standes- u n d Ehren- g e r t ch t s- O r d n u n g, ein Gesetzentwurf über Dferdeversicherung und erhebliche Mehrfordernngen für die verschievenen Teile des Budgets. Die Thronrede kündigt mich eine staatliche Hilfe für die durch die Ueberschweinmungen Geschädigten an.— Die LandtagSivahl in Sachse«. Zu den gestern mitgeteilten Wahlresultaten aus Ehcmnitz und Umgegend sind heut folgende zu verzeichnen. In Dresden hatte ein LandtagSwahlkreis zn wählen. Vau den 83 in der dritten Wählerklasse zu wählenden Wahlmännern sind 2ö social- demokratische. 8 konservative getvählt worden. Die Wahlbeteiligung war schivach. Von 8881 Wahlberechtigten machten mir 2407 von ihrem Stimmrecht Gebranch. Allerdings wählten auch bei früheren LandtagSwahlen, als noch daö gleiche Wahlrecht bestand, selten mehr als 50 Proz. der Wahlberechtigten. Für die socialdemolratischen Wahlmämier-Kandidaten wurden 1828, die Konservativen 1051 Sttmine« abgegeben. In M y l a u. R e tzs ch- kan, Elfterberg siegten sämtliche— 13— socialdemokrackschen Wahlmänner-Kandidaten, während sich unsere Parteigeiioffeii in Treuen und Lengefcld— in demselben Kreise!— nicht an der Wahl beteiligten. In Pirna beteiligten sich die Soeialdemokraten infolge der ReichStogSwahl nicht; eS stimmten hier nur 17 Proz. der flrwähler.— In O s ch a tz, Würzen<8. stüdt. KreiSs siegten die gegnerischen Wahlmänner, während in R i e s a 2 Socialdemo- kraten nnd 5 Gegner gewählt wurden. In Hainichen nnd Meißen siegten durchweg unsere Genossen, in Meißen mit 1086 gegen 451 Stimmen.— Ausland. Der Mädchenmord in Pol»««. Wie groß die Erregung der Bevölkerung infolge de? Ritual- mordprozefses ist, zeigt eine Meldung aus Prag vom 27. Septbr.: Der in Schlau verhaftete Iosna Ervmann befindet sich auch noch daselbst in Hast. Unter der Menge, welche sich gestern abend an- sammelte,»im seiner Escorticrnng auf den Bahnhof znzuseheu, wurde ein primitiver Galgen herumgetragen, auf welchem der Balg eines krepierten HundeS anfgebcnkt war. Der rohe Spatz erweckte in hohem Matze die Heiter- kcit der Menge. Wegen dieser Ansammlung wurde die Ein- liefenmg ErbmannS nach Kuttenberg verschoben. Erbmcmn de- hanptet, ausweisen zu können, wo er in der Zeit deS MordeS ge- Wesen sei. Da« Alibi de« zweiten von Hilsncr angegebenen angeb- lichen Mörders Wassermann»st bereit« durch den Spitalarzt Dr. Schubert in Deutsch-Brod erbracht worden. Die Wiener»Juristischen Blätter" widmen in ihrer letzten Wochenschau dein in Kuttenberg durchgeführten Prozesse eine Reihe interessanter Betrachtungen, die sich vorwiegend mit der Anklage und ihrem Inhalte beschäftigen. Es heitzt in den- selben:»Weil in aufgeregten Zeiten und bei einer steigenden Verbitterung in der Bevölkerung auf einen Gesamteindrnck basiette Verdikte mir zu leicht zu stände kommen, ist es Pflicht der ihrer Aufgabe bewutzten Staatsbehörde, Anklagen nicht auf bloße Vermutung hin. zu erheben. Kann» jemals wurde diese Pflicht stärker verkannt, als in dem vielbesprochenen Polnaer Prozesse, gleichviel ob der Angeklagte zufälligerweise der Thäter war oder nicht. Die Anklage beruft sich vor allem auf daS allgemeine Gerücht, welches den Angeklagten al» Thäter bezeichnete, obschon nach den weiteren Bemerkungen der Anklageschrift diese» Gerücht nur daran» entstanden war. daß sich der Thäter im Walde, wo der Mord geschah. viel henmitrieb. daß er die Ermordete kennen mutzte,»nid daß er unwajrer weise geleugnet hat, am Tage der Thai in dem Walde gewesen zu sein.' Uiid auf dieses durch nichts unter st iitzte Gerücht wurde der Thäter in Verwahrungshaft genommen, obschon die Hausdurchsuchung kein Resultat ergeben hatte. Auch die Verdachtsmomente der Anklage- schrist sind blotz, datz der Thäter die Ermordete kannte— ein Umstand, der wohl fast bei sämtlichen Bewohnern de? kleinen Fleckens zugetroffen haben dürfte— die vom Thäter bestrittene, von ver- schiedenen Zeugen bestäsigte Annahme, datz er zur Zeit, wo der Mord wahrschciullcheriveise geschah, im Walde war, und der Besitz eines zur VerÜbung der Thai taugliche» Messers und einer lichten Hose, welche in einem Koffer versteckt aufgefunden wurde, an der sich verdächtige Flecken befanden. ES wird also gesien den angeblichen Thäter vorgebracht die allgemeine Antipathie, ein nicht belobtes Vorleben und der Besitz einer Hose mit Flecken. Denn der Umstand, daß er als Nachbar die Ermordet« ianiile, daß er zu der mutmaßlichen Zeit des Mordes auch im Walde war wie sonst oft, fällt gewiß nicht ins Gewicht. Man scheint aber auf das Leugnen wahrer Thatsacheu viel Rachdruck gelegt zu haben, aber nur jemand. der ganz»>»vertraut ist mit dem Verhalten An- ieschuldiater, wird im Versuche, durch Lügen ein Ii b i zu schaffen, einen SchnldbeweiS erblicken. ES ist jedem Praktiker bekannt, datz Leute aus dem Volke alles, auch daS harmloseste, leugnen, sobald sie sich unter einer Anklage-»visieil, und vielleicht nickt so sehr ohne Begrüiidimg; dem» noch immer hat, wie wir sehen, der Satz Montaigne», der doch ein Edelmann und Privilegierter war. seine Wahrheit:„Wenn man mich beschuldigen würde, die Tünne von Notre-Dame gestohlen zu haben, würde ich ans Frankreich fliehen." Die Mitglieder des Wiener Landgerichts werden vielleicht»»och den Fall in Erinnerung haben, wo ein italienischer Arbeiter, eines schweren Raubet angeklagt, jede Verteidigung nnterlietz. zu sechs Jahren verurteilt wurde und. als nach zwei Jahren seine Unschuld sich herausstellte, einfach erklärte, er habe nichts gesprochen und sich in nichts verteidigt,»veil er ja gewußt habe, daß er, einmal an- geklagt, auch verlören sei. Berühmt in der Kriminalgeschichte ist das falsche Alibi des Lesurques, der hauptsächlich auf Grund dieser er- wiesenen Unwahrheit hingerichtet lvnrde. So ist die Anklage im wesentlichen nur der Wiederhall des Ge- rnchte«, da« eine allerdings noch smmiiarischere Jurisdiktion als die der Geschwornen darstellt. Unter den Verdachtsgründen ist ein ein- zigcr, der als solcher gelten kann; das ist der Besitz eines Beinkleides, welches verdächtige Flecken trug. Da ist es nun unbegreiflich, datz über die Frage, ob diese Flecken von Mcnscheitblnt herrühre»», kein Gutachten der Fakultät eingeholt wurde, da die S a ch- verständigen eine jeden Zweifel ausschließend« Antwort nicht geben k o n'n t e n. Daß übrigens selbst Spuren von Menschenblut auf einem Kleidungsstücke allein noch nicht viel bedeuten, ist aus manchem Prozesse bekannt. Merkwürdiger noch als das positive Material der Anklage ist dasjenige, was fehlt— vor allem das Forschen nach Sem Motive. Aber es wurde ein Motiv des Mordes subintelliaiert, und zwar der sogenannte R i t u a l m o r d. Wer den mythologischen Ursprung dieses Märchens kennt, wer weiß, wie von den Römern der Kaiserzeit bis auf die Ehinesen unserer Tage dem Christen- tum dieses Verbrechen angedichtet wurde, wer endlich bedenkt, datz im Laufe der vielen Jahrhunderte des Mittelalters, in welchem dieser Wahn, wenn auch nicht bei den erleuchteten Geistern, so doch in der dumpfen Menge lebte, eine grotze Zahl solcher Fälle hätte konstatiert werden niüffen, wenn an der Snck« eiwaS Wahres wäre, wird sich«in»vriteres Grübeln mit ruhigem Gewissen ersparen. Gewiß könnte einmal im Kopfe eines Nichlvollsinnigcn die Idee zu einem derartigen Morde durch die Schilderungen davon entstehen. ES hat aber die Anklage gar»»icht versucht, den Bestand ähnlicher Gedanken bei dem Angeklagten nach- zuweilen; sie hat übrigens durch die Annahmt von Mttthätern eine solch vereinzelte Lerirrung ausgeschlossen»md damit unausweichlich den religiösen Mord zum Substrat der Anklage genommen. Dabei wurde nicht einmal erwähnt, datz sich zur Zeit bei Verbrechens ein Mörder iin Walde herumtrieb, datz manche Personen, darunter der glaubwürdigste von allen, der Pfarrer, einen fremden wild- aussehenden Mann au» dem Walde trete» sahen, man hat mit großer Emphase die Möglichkeit der Nichtschuld bfi Angeklagten bestritten nnd in Mitte einer erregten Menge ein Verdikt der Ge- schworncn erzielt. Ueber die Verhandlung ivollen wir schon deshalb nicht sprechen, weil hierüber wahrschetnlicherweise noch der Kaffation»- Hof erkennen wird, auch ivollen wir gar nicht behaupten, daß der Verurteilte nicht der Mörder sein konnte. Möglich ist das immer, aber er wurde ohne Beweis« angeklagt und ohne Beweise verurteilt und daö ist für den Juristen ein Jlistizniord. Zwar macht der Schluß der Siiklageschrift, in welchem au» daS Verhalten deS Beschuldigten zum weiblichen Geschlechte berührt wird, beim ersten Lesen den Eindruck, als ob ein g e- schlechtlichcs Motiv mitspielen sollte, obschon die Faffnng der Motte»grob nnd frech' weniger auf Lüsternheit als auf Brutalität deutet. Es ist aber der Anklage dieses Motiv nicht zu Grunde gelegt und bei der Verhandlung ausdrücklich von der StantSaiiwaltschaft eliminiert worden. Aber ebensowenig wird das Motiv des Raubes herangezogen, wobei es»ms unbekannt ist, ob die nötigen Erhebungen in dieser Richtung gepflogen wurden. So viel steht nach der An« klage fest, daß ein allerdings geringwcttigeS silberne« Kreuz geraubt oder gestohlen wurde, welches sich im Be« sitze de« angeblichen Thäter« nicht fand. Beim An- geklagten wurde demnach keine» der beiden Motive angenommen. Ein wichtiges Gegenindiz, datz derTbäter allein nicht im stand« gewesen wäre, das kräftige Mädchen zu überwältigen, fühtte u der Anklage und Verurteilung wegen Mitschuld, ohne i a tz greifbajre Anhaltspunkte für Mitthäter ge- ; e b e n waren. Wenn man also die Anklage überblickt, so hatte .!er Thäter kein Motiv; er war nicht in der Lage, die That allein zn verüben; die germibteii Gegenstände waren nicht in seinem Besitze; er hat kein verbrecherisches Vorleben; es kann gegen ihn nur vor- gebracht werden, datz er trotz seine« Leugnens möglicherweise zur Zeit des Mordes in einem Walde war, in dem er sich nach der An- klage»äglich herumtrieb. Anioesenheit am Thatort« wurde nicht kousiatiert, da ja zwischen einer Waldung und der Stelle des Morde« unterschieden werden nnitz, noch weniger von der Anivesenheit am Thatotte zur Zeit der That. da die Zeit der Ermordung zweifelhaft ist. und endlich fft die Anwesenheit in einem Walde, den noch dazu Wege zu den Nachbarorten durchkreuzen, bei einem, der sich regel- mätzig dort herumtrieb, ebenso wenig gravierend, al« etwa die Anivesenheit eines Stadteinwohners in einer Stadt, in der ein Vcr- brecht» begangen wurde._ Schweiz. Bern, 28. September. Der Nationalrat beschlotz mit 98 gegen 15 Slimme» auf die von seiner Finaiizkommission zur Finanzierung der Kranken- und Unfallversicherungs-Gesetze aemachten Spar- Vorschläge einzugehen. Damit ist daS von der äutzerstcn Linken vor- geschlagene Tabakmouopol abgelehnt. bestreich-Ungarn. Wien, 23. September. Mehrere heutige Abendblätter nennen den ehemaligen Ministerpräsidenten Freiherrn v. Gantsch als für die Kabinettsbildung in Aussicht genommen. Authentisches liegt nicht vor. Frankreich. Pariö, 28. September. Dem»Echo de Patts' zufolge sagte auptmann DeSmickel» vom Dragoner- Regiment in Eommögiie, al« er seinen Leuten den Tagesbefehl GalliffetS er- klätte,»der Minister will, daß wir die uns angethanen Be- chinipflmgen vergeffen, hoffen wir. datz er verstehen werde. miö künftig gegen diejenigen zn verteidige«, deren Schmähungen er bisher unbeachtet liest; denn ich kann mir nicht vorstellen, fuhr DeSmichelS fort, datz wir gezwungen sein sollen, unS selbst zu verteidigen".— Kriegsmimstcr Galliffet ordnete auS Anlaß dieser Aeußerungcn des Hauptnmnns Desmichels über seinen Tagesbefehl an, daß eine Untersuchung gegen denselben eingeleitet werde.— KricgSininister Galliffet richtete an Picquart ein Schreiben, in wclckiem es heißt, daß die auf sein (Picqnarts) Ansuchen eröffneteItlntersuchniig nicht de» leiseste» Berdacht über sein Verhalten wahrend der Zeit, da er Chef des Nachrichtendienstes ivar, zulassen. Spanien. Oporto, 27. September. Während der letzten Tage ist die Pest mit größerer Heftigkeit aufgetreten. Wom 23. Sep- tcmber wurden 3 Pcftcrkran'nngen mit 2 Todesfällen gemeldet; am 2s. erkrankten i und starben 2, am 25. kmn eine Erkrankung vor und am 26. d. Mts. 4 Erkrankungen. Auch sind außerhalb des MilitärkordonS und zwar in Vcndanova 10 Pesterkrankungen und 5 Todesfälle vorgekommen. Man hat deshalb beschlossen, den Kordon zu erweitern.— Italien. Die Kommunaltvahlen, die seit einigen Monaten in den der- schiedencn Teilen Italiens vor sich gehen, bringen immer neue Siege für die Socialdemokratie. Im ganze» hat unsere Partei bis jetzt in 156 Gemeinden 463 Sitze und außerdem 36 Man» date für die Provinzialräte errungen. I» S i z i l i e n, wo früher die socialistische Bewegung sehr weit zurück war, sind 30 Sitze in den Geineinderäten unserer Partei zugefallen.— Serbien. Belgrad, 28. September. Das Standgericht verurteilte gestern wegen Majcstätöbeleidignng den Professor WeSritsch zu zwei Jahren, den Professor Pawlowitsch zu drei Jahren Haft soivie zwei andere Angeklagte zu mehrjähriger Hast. Zuverlässig verlautet, der Belagerungszustand werde demnächst aufgehoben werde».— •• Von einem Mitglicde deS serbischen Komitees in Genf geht die Mitteilung auS, daß dieses in ganz Europa eine Agitation gegen das Urteil im Hoch Verratsprozeß einleiten will. Das Komitee besäße Schriftstücke, die beweisen sollen, daß der Prozeß von der serbische» Regierung seit langer Zeit vorbereitet war.— Gesamt-Parteitag der Socialdemokratie Ocstreichs. Brünn, 27. September 1809. Heute wurde der vierte Punkt der Tagesordnung: „Die tuteriiationale Socialdemokratie und der Nationalitäten- streit in Oestraich" m Kiigriff genommen. Hierzu liegen zwei Resokntionen vor: Resolution». „Da die nationalen Wirren in Oesireich jede» politischen Fortichritt und jede kulturelle Entwicklung der Volker lähmen, da diese Wirren in erster Linie ans die politische NÜckständigkeit unserer öffentlichen Einrichtungen zurückzuführen sind und da ins- besondere die Fortführung des nationalen Streits eines jener Mittel ist, durch welche die herrschenden Klassen sich ihre Herrschaft stchem und die wirklichen Volksinteressen an jeder kräftigen Aeußerung hindern erklärt der Parteitag: die endliche Regelung der Nationalitäten» und Sprachenstage sn Oestreich im Sinne des gleichen Rechtes und der Gleich» berechtigung und Verminst ist vor allem eine kulturelle Forderung, daher im Lebensinteresie deS Proletariats gelegen; sie ist nur möglich in einem wahrhaft demokratischen Gemein« Wesen, das auf da« allgemeine. gleiche und direkte Wahlrecht ge» gründet ist, denn erst in einem solchen Gemeinwesen kviinen die arbeitenden Klassen, die in Wahrheit die den Staat und die Ge- sellschnft erhaltenden Elemente sind, zu Worte kommen. Die Pflege und Entwickelnng der nationalen Eigenart aller Völker in Oestreich ist nur möglich auf der Grundlage des gleichen Rechts und unter Vermeidung jeder Unterdrückung, daher muß bor allem andern jeder buremikrattsch» staatliche CentraliSmuS, ebenso wie die feudalen Privilegien der Länder perhorresciert werden. Unter diesen Voranssetzimgen, aber auch nur unter diesen, wird cS möglich sein, in Oestreich an Stelle deS nationalen Haders nationale Ordnung zu setzen, und zwar unter Anerkennung folgender leitender Grundsätze: 1. Oestreich kann mir ein demokratischer Nationalitätenstaat sein.(Nationalitäten- vundesstant.) 2. Dieser Bimdesdaat gliedert sich in autonome, nationale SelbstverwaltungSgcbiete, die sich möglichst den Sprachgrenzen an- passen. 3. Die Selbstverwaltiiiigs- Gebiete jeder Nation bilden zu- sammen je eine natioualr Einheit, die ihre nntionaleil— das heißt sprachlichen nnd kulturellen— Angelegenheiten völlig autonom regelt und besorgt. _ 4. Die nationalen Minderheiten in solchen Gebieten, die ge- mncht sind, werden durch ein eigenes Gesetz in ihrer nationalen Bethäligim� geschützt. 5. Wir anerkennen kein nationales Vorrecht, verwerfen daher die Fordermig einer Staatssprache, wogegen wir die schon jetzt bestehende Thatsache der deutschen Verkehrssprache, so lange eine andre nicht gegeben ist, mir als praktische Notwendigkeit ansehen, ohne daraus ein die andern Sprachen ausschließendes Privilegium erwachsen zu lassen. Der Parteitag als das Organ der internationalen Socialdemokratie in Oesterreich spricht die Ueberzengmig ans, daß auf Grundlage dieser leitenden Sätze eine Verständigung der Völker möglich ist; er erklärt feierlich, daß er das Recht jeder Nationalität ans nationale Existenz nnd nationale Entwicklung anerkennt, daß aber die Völker jeden Fortschritt ihrer Kultur nur in enger Solidarität miteinander, nicht im kleinlichen Streit gegen« einander erringen können, daß insbesondere die Arbeiterklasse aller Zungen im Interesse jeder einzelnen Nation wie im Interesse der Gesamtheit an der internationalen Kampfgenossenschaft und Vcr« brnderung festhält und ihren politischen und gewerkschaftlichen Kampf in einheitlicher Geschlosicnbcit führen muß." Die Exekutive der s L d s l a v i s che n socialdemokratischen Partei schlagt eine Resolution vor. die im Gegensatz zu der vorftchenden jede Identisikation des Volkes mit einem Territorium verwirft und folgende leitende Grundsätze aufstellt: „1. Oestreich muß ein demokratischer Nationalitäten-BundeS» staat werden; 2. jedes in Oestreich lebende Volk ist ohne Rücksicht auf die von seinen Mitgliedern bewohnten Territorien eine autonome Gruppe, welche alle ihre nationalen(sprachlichen und kulturellen Aiigelegenheiten) ganz selbständig regelt und besorgt; 3. territoriale Gebiete haben nur einen rein administrativen Cbarakter und sind ohne jeden Einfluß auf die nationalen Ver- Hältnisse; 4. im Staate sind alle Sprachen vollkommen gleichberechtigt; es sind demnach alle nationalen Vorrechte, also auch jegliche Staalssprache auszuschließen; die Notwendigkeit deS gegenseitigen Verkehrs wird die freien Völker selbst anleiten, auch jene Sprachen zu erlernen, welche sie nebst der Muttersprache zum praktischen Gebrauch benötigen. Der Parteitag spricht seine Ueberzeugimg auS, daß eine Ver- ständignng der Nationen auf Grund dieser Fundamentalp rincipien möglich ist. Der Parteitag betont feierlich, daß er jeder Nation da»»nein- geschränkte Recht auf selbständige nationale Existenz zuerkennt. erklärt aber zugleich, daß die Stationen nur in engem gegenseitigen Anschluß, keinesfalls aber in kleinlichen Zwistigkeiten kulturell fort- schreiten können. Die Arbeiterschaft aller Nationen bleibt im Jnteresie deS Ganzen sowie im Interesse der einzelne» Teile nach ivie vor auf dem Standpunkt der internationalen Bereinig, mg und Brüderlichkeit und wird nicht den Grundsatz verkennen, daß sie ihren Kampf in geschlossener Masse führen muß. Referent ist Redacteur Josef Seliger- Teplitz: Es klingt wie ein Widerspruch, wenn ein Kongreß der internationalen Socialdemokratie das Problem der Nationalitätenfrage zu lösen trachten muß. Das Bürgertum hat aber seine geschichtliche Aufgabe nicht zu erfüllen gewußt.' In diesem Oestreich bleibt dem Proletariat nichts weiter übrig, als zu diesem Problem Stellung zu nehmen. Wir müssen um des Proletariats willen nach einem Ausweg auS der unhaltbaren Lage suchen, in die Oestreich geraten ist. Nur ein Gedanke kann un» auch bei dieser Frage leiten: die Interessen des östreichischen Proletariats zu schützen. Fast ousschließ- lich wird der Nationalitätenkampf auf Kosten der Arbeiter geführt. Wo Blut in diesem Kampfe fließt, ist es Arbeiterblut. Durch den Rationalitätenkampf wird unser ganzes politische Leben vom nationalen Chauvinismus beherrscht, so daß für die politischen und wirtschaftlichen Interessen des Proletariats kein Raum bleibt. Daß das Nationalitätenproblem in Oestreich ungelöst ge- blieben ist, hat den Feudalen und Klerikalen OeftreichS die Möa- lichkeit gewährt, eine Ration gegen die andere auszuspielen und so einen beherrschenden Einfluß ans die inneren Verhältnisse des LandeS auszuüben. Also verlangt auch daS allgemeine Kuiturinteresse gebieterisch die Lösung der Nationalitätenfrage. Die Nationalitäten- frage war bisher eine Machtsrage zwischen Deutschen und Slaven. ' ES handelt sich um eine Lösung des Problems nicht nur für den Staat, sondern auch für Land und Gemeinde. Ueberall muß der Grund zur Nationalitätenhetze beseitigt werden. Weder deutsche Chauvinisten noch czechische Chauvinisten wollen die Lösung deS Nationalitätcnproblems. In den, Augenblick, wo die Reibungsflächen zwischen den Nationalitäten beseitigt sind, entzieht man dielen Parteien den Boden, die nie Kulturparteicn sein werden. Neben diesen Parteien haben auch die Klerikalen und Feudalen ein Interesse an der Nationalitätenhetze, denn der nationale Ausgleich in Oestreich kann sich nur ans demokratischem Wege vollziehen und bedeutet das Ende ihrer Herrschaft. Die Arbeiter haben kein sogenanntes„östreichisches Gefühl", eS ist ihnen durch Flintenschüsse ausgetrieben worden, aber wir wisie», daß wir noch manches Jahrzehnt in diesem Lande leben müssen und de-halb müssen wir nach einem Ausweg suchen, um das Zusammen- leben der Völker halbwegs erträglich zu machen. Es iväre eine Uitterlassun�ssiinde der Socialdemokratie, wollte sie sich nicht der Lösung dieser Frage widmen, die für die Lösung inzwischen reif geworden ist. Die Lösung der Nationalitätenfrage kann nur auf demokratischem Wege darin gefunden werden, daß jeder Nation freie Bahn für ihre Entwicklung gegeben wird. Keine Nation darf der andern in ihre nationalen Angelegenheiten hinein- sprechen, keine Nation darf ihre Machtstellung dazu benutzen, den Entwicklungsgang einer andern Nation zu beeinträchtigen. Jeder Nation muß volles Selbstbestimmnngsrecht gewährt werde». Oest- reich mutz zerteilt werden in Nationen, die eignes Selbstvcrwaltungs- gebiet haben, um ihre lediglich nationalen Angelegenheiten selbst zu regeln. Daneben sind natürlich eine ganze Reihe geincin- sanier Dinge vorhanden, die gcmeinsanier Regelung be- dürfen. Heute ist die Errichtung eines Gymnasiums, einer Schule, einer Universität ein Gegenstand des Tausch- Handels zwischen Regierung nnd Parteien. Wird aber die Er- rlchtung von Schulen, wird die Pflege der Kunst und Wissen- schaft Sache des nationalen VcrivaltimgsgebietS, dann beseitigen wir eine Reihe von Anlässen zur Nationalitätenhetze. Diese nationalen SclbstvcrwaltuiigSgebict« können nur auf demokratischer Grundlage errichtet werden. Die Regelung der ge- meinsameu Angelegenheiten muß von einem Neichsparlament er- folgen, daS durch allgemeln«, gleiche Wahlen zu stände ge- kommen ist. WaS vnstehcn wir nnter der nationalen Eigenart eines Volkes? Das Ergebnis seiner besonderen Killtnrentwicklnng. Jedem Volke soll diese kulturelle Eigenart garantiert werden, die besonders in den Erzengntssen der Kunst zum AnSdnick gelangt. Der deutsche Arbeiter versteht am besten doch mir dentschc Kunst. Jede Nation muß ihre sprachlichen und kulturellen Angelegenheiten durchaus autonom regeln. Daneben muh den nationalen Minoritäten in gemischten Be- zirken durch Neichsgesetze Schutz gewährt werden. Wir wollen keiner Sprache in Oestreich ein Privilegium zukommen lasten, verschließen aber die Augen nicht vor der Thatsache, daß das Deutsche Verkehrssprache ist, das zur Versländigmig der Völker unter einander am geeignetsten ist. Deutsch ist die VerständiaungSsprache zwischen Norden und Süden, das einzig mögliche Verständigungs- mittel zwischen den Nationalitäten Ocstreichs. Was die von der Partcivertrctnng vorgelegte Resolution be- trifft, so wird sie wohl noch einer gründlichen' Durchsicht unterzogen werden. Ich habe die Empfindung, daß sie noch nicht das letzte Wort ist, nnd das erschwert meine Aufgabe als Referent. Wir find heute nicht in der Lage, ein Bild von dem zukünftigen Staat Oestreich, so wie wir ihn uns denken, in alle» Einzelheiten zu gebe», Das ist auch nicht unsere Aufgabe. Wir können nur die Richtung angebe», die Oestreich einschlagen muß, wenn eS erhalten bleiben soll. An Stelle des Rationalitäteilkampseß, der die ökonomischen Gegensätze manchmal verschleiert, muß der reine Klassenkampf treten. Den Ausgleich zwischen den Nationalitäten anzustreben, ist ein Gebot de? KlasienintcrcsieS der östreichischen Arbeiterschaft.(Beifall.) Der Korreferent N e m e tz- Prag hebt hervor, daß sich über die Nntionalitätenfraae die Staatsmänner Ocstreichs nnd die bürgerlichen Politiker die Köpfe zerbrechen, sie aber nicht lösen können. Unsere Lösniig kann nur so sein, wie sie den Arbeiterintercsscn am meisten dient, ohne den Anspruch erheben zu können, alle Schwierigkeiten zu beseitigen. Die sprachlichen Unterschiede wären keine so großen Kampsobjckte, wenn nicht wirtschaftliche Unterschiede den Untergrund der nationalen Kämpfe bildeten. In einem deutschen Partciblatte hat die Insinuation gestanden, daß wir czechische» Socialdcmokraten mit den Jmigczcchen Be- rühnmgSpmikte hätten. Da» ist nicht der Fall. Durch ihre Erklärung gegen daS böhmische Staatsrecht im Parlament haben die czechischen isocialdemokrateii das Tischtuch zwischen sich und den Jungczechen endgültig zerschnitten. Sie haben keinen Begriff, wie roh und ge- waltthätig die junge emporstrebende czechische Bourgeoisie gegen uns vorgeht. Wir werden von ihr Verräter genannt, wir sollen ihr in den Ann fallen, wenn sie sich an die Stelle der deutschen Bour- geoisie setzen will. Und auch praktisch haben wir Stellung ge- nommen. Bei den Demonstrationen im Jahre 1897 zu Prag herrschte in den Bezirken, wo die Massen unserer Anhänger sitzen, völlige Ruhe, während überall sonst Polizei und Militär mcht n, ächtig genug waren, die Auswüchse des nationalen Chauvinismus zu vcrhiiideru. Wir sind also ebenso gute Socialdemokraten, wie die anderen. Was nun die Resolution der Gesamtexekutive anlangt— die Resolution der Südslaven unterscheidet sich nicht wesentlich von ihr(Widerspruch)— so zerfällt sie in einen theoretischen und eine» praktischen Teil. Der theoretische Teil»st durchaus anticeutralistisch und wir sind mit ihm vollkoinnren einver- standen. Der praktische Teil aber ist noch ceuttalistischer alö der jetzt herrsche, ide östreichische CentraliSmuS.(Widerspruch.) Heute haben die Länder doch Selbstverwaltung in finanzieller Beziehung. Im praktischen Teil der Nesolution aber ist nur von SclbstverwaltungS- gebieten in nationaler und kultureller Hinsicht die Rede, in finan- zieller Beziehung aber herrscht die Einheit. Dadurch wird der Cen« traliSmus nicht beseitigt, sondern gestärkt. Weiter wollen Sie dem Bnreaukratismus den Kragen umdrehen; im fünften Punkt der Resolution aber ist vom Deutschen al« der VertehrSsprache die Rede. WaS heißt Verkehrssprache? Doch wohl die Sprache, der sich auch sämtliche Behörden bedienen sollen. Damit würde eine östreichische Bareaukratie groß gezogen werden, die noch ärger wäre, als die heutige. Wohl heißt es in der Resolution, alles solle auf demokratischer Grundlage ausgebaut werden. Dann müssen wir aber zunächst erst die Demokratie erreichen und brauchen uns jetzt nicht über solche Sachen schlüssig zu werden. Wir beantragen daher an Stelle der fünf praktischen Postulate der Nesolution folgenden allgemeinen Satz zu stellen: .Oestreich kann nur bestehen als demokratischer Nationalitäten- staat, aufgebaut auf den Pruieipien ehrlicher Gleichberechtigung. Die nationaleii Minoritäten sind in ihren nationalen Bestrebungen und Bedürfnissen durch ein besonderes Reichsgesetz zu schützen." Wir halten es für richtig, auch in finanzieller Beziehung durch- auS autonome Gebiete zu schaffen, sonst entsteht ja immer die Frage: wer soll zahlen, und damit neue Streitpunkte. Wir brauchen uns bei dieser Debatte nicht zu ereifern. Wenn heute etlvas beschlossen würde ohne Zustimmung der andern, so lvürde daS erbittern und verstimmen. Wir werden schon«inen gemeinschaft- liche» Weg finden. Das kann aber nur durch Kompromisse, durch gegenseitige Anpassung geschehen. Ich schlage daher eine Kommission vor. die auf Grundlage der Resolution der Gesamtexekutive eine geiiieiiisame Resolution ab faßt, die uns als Richtschnur dienen kann. (Beifall.) H ü b e r- Wien beantragt, diese Kommission sofort und ohiu weitere Debatte einzusetzen. Dr. Adler: Der Kommission muß zunächst durch unsere Verhandlungen, durch eine Art Generaldebatte, Material geliefert lverden. Der Antrag Hüber wird abgelehnt. Es folgte imninehr eine längere Diskussion, über die wir in der nächsten Nummer anSführlich berichten lverden. Zum Schluß lvurde eine Kommisston gebildet, der die Resolutionen zur Beratung überwiesen wurden. »• Brünn, den 28. September.(Privattclc�ramm des.Vorwärts'.) Der Parteitag gelangte heute zu einer volligen Einigung in der Nationalitätenfrage. Die Kommission berichtete über das Ergebnis ihrer Verhandlungen. Sie gelangte zu einmütiger Anerkemiung der Grundlagen der vö» der Gcsamtexekutive vorgeschlagenen Resolution Den Punkten eins bis vier des zweiten Teiles dieser Resolution gab sie eine etwa? präcisere Fassung, erklärte sich aber dagegen, daß daS Deutsche als Verkehrssprache bezeichnet wird. Die Verkehrssprache soll vielmehr vom Rcichsparlament festgestellt lverden. Die so abgeänderte Resolution wurde darauf debattclos ein- stimmig angenommen unter einer begeisterten Demonstration für die internationale Socialdemokratie. Parteifragen im„Vorwärts". Genossin Luxemburg sendet unS im Anschluß an den Schrift- Wechsel in unserer Nuimner vom 24. d. M. nachfolgende„Schluß- aiitwort" unter der Aufschrift.Demokratie in der Beuthstraße": Nach der zweiten Replik des.Vorwärts" können lvir uns nur auf einige Bemerkungen beschränken. 1. Der„Vorwärts" versteht nicht, worin er denn seinen Pflichten weniger nachgekommen sei, ivie andere Parteiblätter, z. B. die .Leipz. VolkSztg.", die„nur" ihre Zustimmung zu meinen Artikeln in der Bernstein-Frage ausgedrückt habe. Er, der„Vorwärts", habe ja seinerseits die Artikel von Kautsky gebrachtl Also der „Vorwärts" erklärt damit den KautSkyschen Standpunkt für den seinen?! Ja, warum habend die Biederen nicht früher gesagt? Wir stehen ja gleichfalls mitsamt der Masse der Partei auf dem Kautskqichen Standpunkt I Wir wären somit Bundesgenossen? ES war also wieder»ur so ein verwünschtes Mißverständnis I Aber ivie erklärt sich denn der„Vorwärts"- Artikel.Title Hoffnungen", wo der von Kautsky in demselben.Vorwärts" nachgewiesene Umfall Bernsteins als eine„lächerliche" Einbildung von freisinnigen Biedermännern erklärt wurde? Der»Vorwärts" ist eben in der glücklichen Lage, nie Gefahr laufen zu»riisse», eine falsche Meinung zu haben oder seine Meinung zu wechseln— eine Sünde, der er bei anderen nachspürt— aus einem höchst einfachen Grunde: weil er nie eine Meinung hat. Dies sichert ihm übrigens eine große Ucbcrlegenheit nicht mir über die Redaktion der.Leipziger Volks- zeitung", wie er zu meinen scheint, sondern auch über manche Freunde in seiner nüchsteli Nähe, so z. B. über seinen apiritus rector Genossen Auer(vergl. Auer in Erfurt und Auer in Stuttgart), über seine» elften Mitarbeiter Genossen Schippe! usw. Bei diesen entrüstet sich übrigens der.Vorwärts" über den Meimmgölvechsel nicht,— viel- leicht, weil dieser gerade in einem Umfall zum Opportunismus be- steht.... 2. Der. Vorwärts" irrt sich, wenn er meint, die.Vorwärts"- Debatten auf de» Parteitagen seien uns unbekannt. Wir haben sie anfs anfmcrksamste verfolgt, um nachträglich zu sehen, wie der „Vorwärts" von der„großen Armee der Parteigenossen"— der er so gut gedient zu haben glaubt— geliebkost wurde. ' Wir haben ans diesen Parteitagsdebatten nur den einen Ein- druck giiviiiiicn können: die Redacteure des„Vorwärts" werden allerdings nie in der Weise die Redaltion verlassen, wie wir es in Dresden gethair habe», d. h.— aus eigenem freien Willen. Es giebt nämlich zweierlei organische Lebewesen: solche, die ein Rück- grat haben und deshalb auch gehen, zuweilen sogar laufen. Es giebt andere, die keines haben, deshalb nur kriechen und— kleben____ Daß ihnen die Notwendigkeit zu gehen.tragikomisch" vorkommen müßte, glauben wir schon... 3. Noch ein Mißverständnis müssen wir zum Schluß zerstreuen — diesmal ein wirtliche«. Es ist nämlich bloß ein Mißverständnis, wenn die Redacteure des„VonvärtS" der angenehmen Einbildung leben, ihre heutige Wirtschaft sei ein legitimes Kind der Demokratie. Ihre Abstammung ist thatsächlich eine viel weniger schmeichelhafte, denn nicht der Demokratie, sondern bloß einer unglücklichen Verkettung fataler Umstände verdanken wir die jetzige Redaktionsführung des Eentralorgaii». Indem die Partei ihr leitendes Organ dem Genossen Liebknecht anvertraute, einem Manne mit glänzender Feder, dessen Geschichte die der Partei, dessen politische Ueberzeugung die der großen Masse der Partei ist, wollte sie ein Centralorgan haben, das seiner Nicht, mg und seinem Talent entsprach. Leider ist aber Genosse Liebknecht viel mehr als mir ein Chef- redacteur und wird von sciiien Pflichten als Reichstags-Abgeordneter. ol« der beliebteste Agitator, endlich von seinen internatio- » a l e n Pflichten so in Anspruch genommen, daß die Redaltions- sührung thatsächlich in dt« Hände einer anonymen Gesellschaft ohne Talent, Meinung»md Vergangenheit geraten ist, von deren Bestem sich nur sagen läßt, daß(die Welt von seiner socialistischen Gesinnung genau in der Stunde erfahren hat, als eine Redacteur- stelle im„Vorwärts" vakant wurde. Wäre dies nicht der Fall, so müßte Genosse Liebknecht, um den sehnlichsten Wunsch„der großen Armee der Patteigenossen" zu erfüllen, einen großen Besen nehmen, die ganze Redaktton so gründlich außfegen. daß der Staub fliegt, und einmal eine wirkliche Chefredaktiou durchführen. Wir können aber den allen Liebknecht noch weniger auf de» anderen Posten entbehren, und so erfreut sich die Demo- kratte in der Beuthstraße leider einer anarchischen Selbständigkeit. Die» alle» sagen wir nicht etwa, um den„Vorwärts" zu kränken oder jemand zu ergötzen, sondern nur um handgreiflich zu zeigen, daß die Redaktion deS„Vorwärts" sich gründlich irrt, wenn sie glaubt, irgend jemand in derjPartei zu befriedigen, und daß es not- wendig ist, daß der kommende Parteitag wenigstens seiiierscits zur Besserung der trauttaen Lage thut, WaS sich unter den gegebenen Verhältnissen thun läßt. Damit schließen wir unsererseits die Diskussion. Berlin-Fttedenau. Rosa Luxemburg. Genossin Luxemburg ist im vorstehenden Schreiben das Opfer eines erh eiternden Mitzverftändnisses geworden, das schon in ihrem früheren Brief<„V/' vom 24. September) zum Ausdrucke frnn, von mir aber damals nicht bemerkt wurde. Der Leitartikel„Eitle Hoffnungen" im„Vorlvürts" vom 28. März d. I. rührt nämlich nicht von einem meiner Kollegen her, gegen welche Genossin Luxemburg die Rolle der Kapitolwäch'terin übernommen hat, sondern von mir selbst. Der Artikel enthält kein Wort zur Verteidigung Bernsteins und richtet nur seinen Spott wie der Titel besagt, gegen die Bourgeoisblätter, die Bernstein als den Ihrigen begrüßten. Daß Bernstein sich auch in seiner Schrift für die„Umwandlung der Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum und für die genossenschaftliche(socialistische) Organisation der Produktion" ausgesprochen hat, wird die Genossin Luxemburg nicht bestreiten können. Hat er sich ja sogar für den„Klassenkampf erklärt. Wenn ich dies in jenem Artikel hervorhob, um die Gedanken losigkeit unserer Gegner zu kennzeichnen, so habe ich damit nichts gesagt, ivas meinem bekannten Urteil über die Bernsteinsche Schrift irgend zuwiderliefe. Dieselbe wimmelt eben von Widersprüchen; sie wirft in ihrer unwissenschafb lichen Art der Behandlung alles wie Kraut und Rüben durcheinander, und bringt neben den unsocialistischen Ausführungen, welche in der Partei io lebhafte Opposition hervorgerufen haben, auch manches Unanfechtbare, wenn auch nicht Nene. An dem, was die Genossin Luxemburg über die Redaktionsverhält msic des„Vorwärts" sagt, ist nur so viel richtig, daß in Bezug auf die schwebenden Parteifragen die Redacteure nicht immer der gleichen Auffassung sind. Hierin liegt unzweifelhaft eine Schwierigkeit. So lange jedoch nicht ein Radikalmittel gefunden ist, welches verbürgt, daß in allen Fragen nur Gleichdenkende in unseren Partev blättern thätig sind, oder so lange nicht bestimmt wird, daß die Minderheit einfach majorisiert wird, muß ebenso ein Ausgleich gesucht werden, wie innerhalb der Partei selbst bei streitigen Einzel fragen; das ist die Pflicht vernünftiger Menschen, die in der Hauptsache das Gleiche wolle». Daß es mit einer Ncdaktions d i k t a t u r nicht geht, das sollte Genossin Luxcnrburg doch aus eigener Erfahrung wissen. Ich würde fürchten, ineine Kollegen zu beleidigen, wenn ich sie gegen die niedrigen Angriffe der Genossin Luxemburg verteidigen wollte. Ebenso erübrigt es sich, die phantastischen, auf völliger Unkenntnis der Redakiioiisverhältiiisse beruhenden Anspielungen über spmtus rector, ersten Mitarbeiter jc. einer besonderen Widerlegung zu würdigen, Zum Schluß sei noch bemerkt, daß die Antworten auf die Aus- laiiungen des Fräulein Luxemburg e i n st i m nr i g e Meinung der Redaktion waren. W. L i e b t n e ch t. Eeilenilmi'iUiniilinig des Vereiits für Zocichölitik. Breslau, den 27. September 1899. In der Diskussion über das Thema Entwicklnugötcudenzen im Detailhandel spricht zunächst der Stadtverordnete K a i s e r- Breslau, der Vor sitzende des dortigen Vereins der Detnillistcn, in sehr lebhafter Weise gegen die Warenhäuser und Konsumvereine. Seine auf dem Niveau einer Mittelstands- Ngirationsrede stehenden Aus sührungeu erregen durch ihre oft drastischen, und auch recht unsachlichen Wendungen die Heiterkeit der Versammlung. Der Breslauer Konsumverein, der als eingetragene Genossenschaft steuer frei sei. habe viele hunderte Mittelstandsexistenzen vernichtet. Redner luill den Konsumvereinen die Verteilung von Dividenden verbieten; für die Warenhäuser verlangt er eine hohe Umsatzsteuer, vielleicht in Verbindung init einer progressiven Branchenstencr. Der nächste Diskussionsredner Rechtsanwalt Dr. Meschel söhn- Berlin stellt zunächst die Frage: Sind ausreichende Gründe vorhanden, ein Einschreiten der Gesetzgebung herbei zu führen? BeweiSpflichlig dafür feien diejenigen, die das notwendige Hebel der Gesetze vermehren wollen. Die Frage sei zu verneinen— das Notgeschrei einer Reihe von Gewerbetreibenden beweise nichts. Wirtschaftlich notleidende Geschäfts leute werden stets objektive Ursachen für ihren Zusammenbruch an- geben, die unabhängig von ihren persönlichen Verhältnissen einwirken. In Hamburg hat nach der Cholera eine große Zahl von kleinen Ge werbetreibenden die Zahlungen mit der Behauptung eingestellt, die Cholera sei die Ursache ihres Ruins. Es konnte in sehr zahlreichen Fällen nachgewiesen werden, daß schon vorher Nebcrschuldung vor- handen war. Die Statistik widerlegt da? Bestehen eines Notstandes der kleinen Gewerbetreibenden. Die Konkurse in den 14 größten Städten Deutschlands sind in den letzten Versammlnng. 27. Sitzung vom Donnerstag, den 23. September, nachmittags S Uhr. Vor Beginn der Plenarsitzung haben die Abteilungen 4 Aus- schüsse zu wählen. Es werden u. a. in den Ausschuh für die Frage der Krankenversicherung der Heimarbeiter auch die Stadtvv. Borg- w a n n und Bruns, in den Ausschuh für den Antrag Singer, bc- treffend die gewerbliche Beschäftigung von Schulkindern. Stadtvv. Singer und Tolksdorf, in den AuSschuh für die Vorlage wegen Aufnahme einer neuen Strahe— Berlüngernng der Lübeckerstrahe bis zur Spree— in den Bebauungsplan Stadtv. Wernau entsendet. Die Mandatsniedcrlegnng des Stadtv. Dr. Bergmann macht die Neubesetzung mehrerer Stellen in der Verwaltung erforderlich. Es werden geivählt in die Ar b e i t s h a u s Verwaltung Stadtv. K l u t h. in die Waise n Verwaltung Stadtv. M i ch e l e t. Die Ersatzwahlen für die Deputation für die Kranken anstalten und die vffentlichc Gesundheitspflege und für die Park deputation, zu welcher mehrfache Meldungen vorliegen, sollen in der nächsten Sitzung stattfinden. Auf der Tagesordnung der geheimen Sitzung steht als letzter Gegenstand der Antrag sämtlicher Fraktionen auf Gewährung einer Entschädigung von I20 M. für den Bürgermeister Kirschner. » Stadtv. Meyer stellt den Antrag, den Gegenstand als ersten in öffentlicher Sitzung zu verhandeln. Stadtv. Meyer: Alle Gründe, welche sonst für Verhandlung in geheimer Sitzung sprachen, treffen hier nicht zu. Es handelt sich hier um eine Anerkennung der umfassenden Leistungen und eminenten Verdienste des Bürgermeisters, um die Führung der Geschäfte seit dein 1. Oktober 1893. Ich glaube nicht, dah überhaupt eine Debatte sich an den Antrag knüpfen wird.(Allgemeine Zustimmung.) Wohl aber müssen wir dringend wünschen, dah die Sache vor dem 1. Oktober er. zum Abschluh gelangt, und deshalb beantrage ich Verweisung an einen Ausschuh von zehn Personen, der sofort vom Vorstande zu emennen ist und noch in heutiger Sitzung Bericht zu erstatten hat. Nahezu einstimmig wird dieser Antrag ohne weitere Debatte angenommen. Der erste Gegenstand der Tagesordnung für die öffentliche Sitzung, die Angelegenheit betreffend die O r d i n a r i a t e jüdischer Lehrerinnen an den Gemeindeschnlen, wird wegen Abwesenheit des Referenten Hcnnes von der heutigen Tagesordnung abgesetzt und soll als erster auf die nächste Tagesordnung gelangen. Zur Verhandlung gelangt nunmehr der Antrag Singer und Genossen, dahinlautcnd: Die Versammlung wolle beschliehen, den Magistrat zu ersuchen: in Geinähheit des Z 105b, Absatz 2, der Gewerbe-Ordnung ein Ortsstatut zu erlassen, durch welches für Berlin I. die Beschäftigung von Gehilfen, Lehrlingen und Arbeitern im Handelsgewerbe an Sonn« und Fe st tagen in Fabrik-, Speditions-, En gros- und Bankgeschäften gänzlich untersagt wird, II. die Beschäftigung von Gehilfen, Lehrlingen und Arbeitern im Handelsgewerbe an Sonn- und Festtagen in Detail- g e s ch ä f t e n und sonstigen Verkaufsstellen auf drei Stunden eingeschränkt wird mit der Mahgabe, dah die Beschäftigung vormittags 10 Uhr beendet sein muh. Eine am 20. d. M. in der Berliner Ressource stattgehabte VeD sammlung von Handlungsgehilfen und-gehilfinncn hat den Beschluh gefaht, die Erwartung auszusprechen, dah die Versammlung diesem Antrag Folge geben wird, und ihre Resolution mit einer eingehenden Begründung der Versammlung übersandt. Stadtv. Singer: Schon im Januar 1892 haben wir einen analogen Antrag gestellt, über welchen im März 1892 ein Ausschnh- bericht erstattet wurde. Der Ausschutz wollte den Antrag ablehnen, dagegen setzte unser Vorsteher Langcrhans den Antrag durch, die Sache zu vertagen, bis das Konsistorium dem Wunsche der städti- schen Behörden, die Stunde des Sonntags-Hanptgottcsdienstcs von 10 auf 11 Uhr zu verlegen, nachgckoinmen sei. Ich habe damals schon bemerkt, dah das die Sache all celendas graecas vertagen hcihe, und das ist eingetroffen: wir wissen weder, ob Verhandlungen statt- gefunden haben, noch ivas ihr Resultat gewesen ist. Das kann uns aber nicht hindern, auf die Sache jetzt zurückzukommen. Nachdem wir sieben Jahre gewartet haben, wird niemand heilte noch einwenden wollen, dah die Sache nicht spruchreif sei. Die Bestimmung der Gelverbe-Ordnung, wonach den Gemeinde» das Recht zusteht, durch Ortsstatut die SonntagSarbeit noch weiter einzuschränken, als sie vorschreibt, ist seiner Zeit vom Reichstag in der Hoffnung und dem Vertrauen gefaht worden, dah die Gemeinden, namentlich die grohen, in umfassender Weise davon Gebranch machen würden. Diejenigen ReichstagS-Mitglicder, welche den Mehrheitsstandpunkt dieser Versammlung vertreten, haben damals direkt erklärt, dah für Berlin absolut kein Grund vorliege. an den fünf Stunden festzuhalten, so der Abgeordnete Dr. Hirsch. Dadurch, dah der Gottesdienst von 10—12 stattfindet, wird die Sonntagsarbeit in die Zeit von 7— 10 und 10—2 zerrissen, die Sonntagsruhe im Handclsgewerbe wird dadurch ebenfalls zerrissen und geradezu illusorisch gemacht. Die jungen Leute müssen mehr- fache Gänge machen, sie find genötigt, sich umzukleiden, und bei unseren Verkehrsverhältnissen dauert cS auch noch eine gute Weile, bis sie am Nachmittag in den Genuh einer wirklichen Sonntagsruhe kommen. In dieser Frage herrscht übrigens, wie in keiner anderen, llebereinstiminnug zwischen fast allen Arbeitgebern und den Arbeitnehmern; die Schwierigkeit liegt nur darin, dah der einzelne Arbeitgeber nicht zu seinem Schaden eine Ausnahme machen kam', während sein Nachbar und Konkurrent das Geschäft '"<"<55 hält. I» dieser Versammlung hier sitzen ja auch zafftMche Gewerbetreibende und auch solche, welche Groh- betriebe mit vielen Angestellten haben; sie iverden de« stätigen, dah in den Grohgeschästen mit der Sonntagsarbeit eigent- lich nicht viel los ist; die jungen Leute komnien hin, stehen zwei Etnnden herum, und gemacht wird nicht eben viel. Die meisten dieser Grohgcschäfte sind ja ohnehin heute schon Sonntags über- Haupt geschlossen. Sollen nun diese humanen Arbeitgeber noch dafür bestraft werden, dah sie human sind, indem man die geringe Zahl derer, die nicht schliehen, noch besonders fchützr? Diesem ersten Teile unseres Antrages dürften also gar keine Bedenken eiitgcgenstehcn; diese Art Geschäfte können geschlossen iverden. Gröhere Geschäfte dieser Art, namentlich Bank- grichäftc, fangen ja schon an, ihren Angestellte» am Sonnabend- nachmittag frei zu geben, wo dann von Sonntagsarbeit sclbftver- standlich leine Rede ist. Viel wichtiger freilich ist der zweite Teil des Antrages, die Sonntagsarbeit in Detailgeschäften out drei Stunden zu beschränken. Wir halten die Zeit von 7— 10 Uhr für völlig genügend. Ob diese Zeit ausgedehnt werden soll bis 11 Uhr, kommt gar nicht mehr in Betracht, da keine Aussicht vorhanden ist, dah die kirchlichen Behörden ihren Staiidpnnkt ändern. Es hciht imuier, nian müsse den Arbeitern Gelegenheit geben, am Sonntag ihre Einkäufe zn besorgen. Am Sonnabendabend halten ja die Ge- schäfte bis spät in die Nacht offen, und wer dann noch nicht seine Besorgungen gemacht hat. tann mit den drei Stunden des Sonntags früh sehr wohl auskommen. Die Arbeiter haben ja in ihrer grohen Mehrheit eine zehnstündige Arbeits- zeit, zumal die organisierten ,i»d leistungsfähigen: für die Auge st eilten aberkommt eine Arbeitszeit fast bis zu 17 Stunden in Betracht. Nach amtlichen Er- »nittelungeu haben nur 15 Proz. eine Arbeitszeit von 12. 22 Proz. von 13, 17 von 14, 18 von 15, 21 von 16 und von über 16 Stunden! Und zu diesen Angestellten gehören auch die Lehr- linge, und man weih doch, dah dieseÄn gestellten viel- fach in engen, schecht gelüfteten Räumen und in gesundheits n achteiligen Betrieben ihrer Arbeit obliege nmüssenl Hier muh die Versammlung aus Gerechtigkeits- und Menschlichkeitsgefühl eingreifen und den Magistrat ersuchen, von seinem Recht endlich einmal Gebrauch zu machen.' Wie auf fast allen Gebieten socialer Fürsorge marschiert auch hier Berlin wiederum hintenan. In Süddeutschland z. B. ist man sich der socialen Pflichten mehr bewuht als bei uns. Das Stuttgarter Ortsstatut verbietet ganz nach unserem ersten Antrage die Sonntagsbeschäftigung überhaupt, und der Handelsstand ist dort gelvih deshalb nicht zurückgegangen: auch für die Detailgeschäfte existieren dort günstigere Bediiigniigen als in Berlin, oblvohl die dreistündige Arbeitszeit noch nicht ein- geführt ist. In Fürth dürfen die jungen Leute derselben Kategorie nur iVe Stunden vormittags beschäftigt iverden, Riiruberg hat absolute» Schluh. Als ich unter dem Ausnahmegesetz vier Jahre lang ailsgewiesen war und in Sachsen wohnen muhte, hat mir dort niemals etwas gröhere Freude gemacht, als der gänzliche Schluh aller Handelsgeschäfte am Sonntage. In O e st r e i ch ist für Wien eine Statthalterei- Verordnung erlassen, ivonach die Forderungen unseres Antrages zu einem erheblichen Teile entsprochen ist: ini Sommer dürfen dort z. B. Lebensmittel-Geschäfte nur von 5—10 Uhr morgens offen halten: Comptoirarbeit ist gänzlich ver- boten.— Wenn die Rcichsgesetzgebnng eine Reihe von Entscheidlmgen in das Ermessen der Gemeindebehörden legt, lhut sie es doch, damit auch Gebrauch davon gemacht werde: sie begicbt sich der eigenen Entscheidung, weil sie die lokalen Verhältnisse nicht so genau kennt, legt aber den Gemeinden mit dem Rechte auch die Pflicht auf, den Gedanken des Gesetzes zur Ausführung zu bringen. Bleibt es bei der bisherigen Sterilität, so wird schlichlich der Koimnune eine derartige Latitüde nicht niehr gegeben, sondern von Gesetzes wegen das Entsprechende vorgeschrieben iverden. Wer also die Sc'lbstverwaltnng erhalten und fördern will, muh dahin wirken, dah diese Vollniacht der Gemeinde endlich Inhalt gewinnt. Wenn Sie auch für diesen Antrag AiiSschnhbcratiuig beabsichtigen, wollen wir nicht dagegen sein, wünschen aber dringend, dah der Antrag damit nicht begraben, sondeni schliehlich in der allein der Stadt Berlin würdigen Weise zur Verwirklichung gebracht wird. Stadtv. U l l st e i n erkennt an. dah die Arbeitszeit der An- gestellten eine sehr lange ist, hält aber AnSschnhberatung für nötig, um die grohc Schwierigkeiten bietende Frage gründlich zu erörtern. Der Antrag Singer gehe sehr weit. Die Haiiptschwierigteit biete die Lage der Stnndcn des Hanptgoltesdicnstes. Würde die Zeit bis 11 freigegeben sein, dann wäre diese Hanptichwierigkeit beseitigt. Wenn auch viele Geschäfte um 10 Uhr schliehen, so hielte» doch eine grohe Zahl auch nach 12 Uhr wieder offen, besonders die Lebensinittel- und die Cigarrengcschäfte. Ter Kleinhandel überhaupt befinde sich gegen wärtig in einer Krisis. hervorgerufen durch die Konjunivereine und die Grohbazare. Auch die Lage Berlins,!dic»miiiitelbare Nachbar- schast von Kommniieii. Ivo diese Beschränkungen nicht gelten würben, sprächen gegcn-eine ortsslatnlarische Regelung. Leichter werde eine Verständigung über den ersten Teil des Antrages Singer sein. S o radikal, wie der Antrag sorinuliert sei, lverde man nicht vorgehen köniien. aber ein Entgegen kommen werde immerhin möglich sein. Bürgermeister K i r s ch n e r: ES sind vor einigen Wochen Petitionen desselben Inhalts beim Magistrat eiiigegangcn; sie sind der Geiverbedepiltation überwiesen, welche hoffentlich in der nächsten Zeit darüber berichten wird. Die Materie bedarf auch nach meiner persönlichen Anffassuiig einer eingehenden Prüsung: so gewisser- mähen mit eine in Ruck und generell wird sich die Sache nicht machen lassen. Bei allem Wohlwollen gegen die Beteiligten legt doch das Interesse der Handeltreibenden und der Arbeitgeber die Prüfung nahe, ob man nicht in demselben Augenblick, wo>nan einen Schaden heilen ivill, einen Schaden zufügt. (Sehr richtig! und Beifall.) Stadtv.' K r a n s e: Fm Interesse der Angestellte» und der Ge- werbctrcibcnden muh diese Angelegenheit ernstlich erwogen werde»; deshalb gebe» wir(die Fraktion der Linken) der Anregung einer AuSschuhberatung freudig unsere Znstinimniig. Stadtv. Wa l l a ch hält Nach de» Erklärungen des BürgermeislerS Ansschuhberatung für überflüssig(lebhafter Widerspruch)»nd bc- antragt, die BeschluhfassuNg über den Antrag auszusetzen, bis der Magistrat eine entsprechende Vorlage macht. Damit schlicht die Debatte. Stadtv. Singer(Schlnhwort): Entgegen dem Antrage Wallach bitte ich nochmals um Ansschnhbcratnng. Einmal wünsche ich nicht, dah die Sache abermals ans sieben Jahre vertagt wird: dann aber und hauptsächlich wünsche ich. dah die Bersaninilling in der Frage von ihren Anfangsstadien an mitarbeitet und mit den Vertretern des Magistrats kooperiert. Die Anna hin« des Antrages Wallach würde nur eine Berich leppnng der Angelegenheit bedeuten, und das Schick- sal der Krailkcuvcrsichrrnng der Hmisindustrie-Slrbciter sollte uns warnen, wieder auf diesen Weg zu treten. Fast einstimmig ivird der Antrag Singer einem AuSschuh über- wiesen. Von dem Stadtv. Hugo Sachs ist beantragt: Den Magistrat zu ersuchen, eine Z u s a m m e n st e l l n n g der Ortsstatute, tltegnlative, Verträge mit Gesell- schasten, Tarife n. dgl. zu bewirken und dieselbe durch Tnick ver- vielfältigen zu lassen. Der A n t r a g st e l l e r bezeichnet eine solche Znsaiiimcnstcllnng, die man Stadtbnch oder Bnrgcrbnch nennen könnte und auch dem Pnbliknm durch den Biichhandcl zugänglich»lachen mühte, als unbedingte Notwendigkeit und hat nur den dringenden Wunsch, dah dieselbe nickt auf so schandbarem Papier wie die Vorlagen und die Sitzungsberichte der Versammlungen gedruckt werden möge. Ter Slntrag wird angenommen. Den Jahresabschlnh der städtischen Gaswerke für 1898 be- antragt der Vorsteher Langerhans dem Rechnungsausschuh zu überweisen. Stadtv. Singer:' Ich möchte den Magistrat fragen, was an der Zeitnngsiiachricht ist, dah der Preis des Leuchtgases verbilligt iverden und gleichzeitig eine Erhöhung des Preises des Koch- und JndnstriegaseS erfolgen soll. Ich habe die dringende Bitte, die durchaus als notwendig erkannte Verbilliginig des Leuchtgases nicht durch Erhöhung des Preises des Kochgases illusorisch zu machen. Die Preise der städtischen Gasaiistallen sind schon auherordcntlich hoch: kein Privat-Gewerbetreibender dürfte sich darauf einlassen, bei seinem Produkt mehr als 100 Proz. zu verdienen, er würde von der öffentlichen Meinung mit einem Namen belegt werden, den ich hier aus Respekt vor dem Magistrat nicht ausspreche. Die Schaffung eines Einheitspreises ist auhcrordentlich wünschenswert.(Unterbrechung, Rufe: Zur Sache I Der Vor st eher kann auch den Zusannnen- hang der Anfrage mit der Vorlage nicht erkennen.) Ich halte den Jah'reSabschluh eines solchen städtischen Uiitenlehmens allerdings für den Ort. derartige Wunsche zu äußern. Vom Magistratstisch wird eine Antwort nicht gegeben. Vorsteher Langerhans erklärt dies damit, dah der Magistrat auf die An- frage bei diesem Anlah nicht vorbereitet war und keinen Kommissar entsandt hat. Die Vorlage geht an de» RechnungSauSschuh. Nach Erledigung einiger kleinerer Vorlagen von untergeordneter Bedeutung berichtet Stadtv. Meyer namens des zu Begiim der Sitznng eingesetzten AusschnsseS(dem auch Stadt. Singer an- gehörte) über den Antrag, betr. die Bewilligung einer Summe von 12 000 M. an den Bürgermeister. Der Ausschnh sei voll- kommen einmütig gewesen in der Anerkennung der auherordentlichen Dienste, welche der Bürgermeister im letzten Jahre der Verwaltung geleistet habe und beantrage einstimmig, den Antrag anzunehmc» und den Magistrat zu ersuchen, diesem Beschlüsse beizutreten. Einstimmig wird demgemäß beschlossen. Schluh 7 Uhr._ Der 7. ultmatiMle Ceographell- Kongrch. In Berlin verweilen gegenwärtig die hervorragendsten Geographen der Welt, um die von allen Nationen gemeinsam zu lösenden Aufgaben ihrer Wissenschaft zu besprechen. Dahin gehören u. a. eine aleichmähige und svstematisch zu betreibende Seeenforichnng, sowie die systeniatische Erfor)chung des Südpolargebietes, beides Aufgaben, die in frucht- bringender Weise nur auf Grund internationaler Vereinbarung aus- zuführen sind. Als im Jahre 1870 der erste derartige Kongreß in Antwerpen zusanunentrat, waren deutsche Gelehrte dort nicht vertreten, weil in dem Kriegs- und Einigungsjahre Deutschlands naturgemäß d'.e Interessen friedlicher internationaler Bestrebungen zurücktraten. Seitdem hat sich auch Deutschland in hervorragendem Maße an der Mitarbeit an de» geographischen Aufgaben beteiligt: ivir erinnern nur an die internationnle Polarforschung aus dem Winter 1882/83, an die Plankton- Expedition vom Jahre 1888 und an die deutsche Tiefsec-Expcdition des Jahres 1898/99. Daher war es nur natürlich, dah der sechste vor vier Jahren in London abgehaltene Kongreß beschloh, den nächsten.in Berlin zu ver- anstalten. Derselbe wurde gestern vormittag um Vell Uhr von dem Präsideuten Professor v. NichtHofen eröffnet. Nach den üblichen An- sprachen der staatlichen und städtischen Behörden— Fürst Hohenlohe, der neue Kultusminister Dr. Studt sowie der Bürgermeister Kirschner liehen sich vernehmen— nahm Prof. v. NichtHofen das Wort, um zunächst seinen Dank an die Behörden abzustatten. Weitergehend schilderte er in fesselnder Rede die Bedeutung des 19. Jahrhunderts für die Entwicklung der Erdforschung. Gerade sie steht in engster Beziehung zu der Entwicklung der Völker und Staaten und hat infolgedessen im verflossenen Jahr- hlliidert die großartigsten Erfolge errungeil. Zwar war die Zeit der Entdeckunge» grohen Stils schon am Anfange unseres Jahrhunderts vorüber, da die Länder der Erde in ihre» Umrissen damals bekannt waren. Aber das Innere der Koiitiiiente ist erst im Laufe unseres Jahrhunderts unserer Kenntnis erschlossen worden, daS nördlichste Anierika, das Innere von Central- asien, die Stromgebiete Afrikas und zuletzt das innere Anstralien. Diese Forschungsarbeit fordert von dem Gelehrten auch alle die Eigenschaften, die von je als männlich niid heldenhaft gegolten haben: daher wird die grohc Menge von der Persönlichkeit dieser Forscher mehr als in andern Wissensgebieten iit ihren Bann gezogen, und so ihr Interesse an der Erdkunde geweckt. Aber auch die andere Seite der Forschung, die wissenschaftliche Bertiefung der Kenntnisse, steht in Bezug auf die Summe der nufgeivendeteii Arbeitskraft und die Bedentnng ihrer Erfolge keineswegs hinter der ersten zurück, und zieht auch iii immer höberem Maße die Ansmerksaulkeit aller, die an dem Fortschritt der Wissenschaften Auteil nehmen, ans sich. Dann ivürdigte R. ein- gehend die Naturwissenschaften, die in den letzten 30 Jahre» die Grundlage der geographische» Forschung geworden sind, und schloß mit einem Ausblick auf die Aufgaben des Kongresses. Auf die bedeutsame Rede Richthofens folgten nach Erledigung einiger Forinalitäte» noch zwei Vorträge von Prof. Cbini-Leipzig: Die denlschc Tiessee-Cxpedition der Valdivia, und vom Fürst Alvert von Monaco: Ergebnisse seiner diesjährigen Expedition in die ostgrön« ländischen Gewässer. Als erstes Resultat der deutschen Expedition gelangte schon vor fast einem Jahre die Knude von der Wiedcmnffindiliig der Bouvet- Insel zu nnS. Professor Chnn schilderte diese in anregender Weise. Sie war 1739 von dem sranzösischen Admiral Bouvet entdeckt worden, mid im Anfange unseres Jahrhunderts von zwei cnglifchcn Kapitänen wieder gefunden iporden. Aber spätere Schiffe, die jene Gegenden besuchten, auch der berühmte James'Roß, dessen antarktische Fahrten für»nserc Kenntnis des Südpolargebiets griiildlegend sind, tonnteil keine Spur der Insel finden, von der mcttt daher amiahm, daß sie der ninnncr ruhenden Thätigkeit des WasietS zum Opfer gefallen sei. Die deutsche Expedition, welche wider Cr- warten im äußersten Süden der Erdkugel eine Tiessce von 5000 Meter »nd darüber fand, stellte Ende November in der Bouvet-Regioit einen untersecischen Rücken fest, der nur 200—300 Meter tief volü Wasser bedeckt ist, und sich schliehlich in der Insel aus dem Wasser erhebt. Ans die weiteren Einzelheiten der intercssanten Forschungsreise tonnen wir nicht eingehen. Ihre Ergebnisse decken sich vielfach mit denjenigen, die im nächsten Vortrage vom Fürsten von Monges geschildert wurden; auch das ostgrönländische Meer, das seine Expedition befnhr, zeigte sich ebenso, wie die von der Valdivia dnrchforschten Meere, in allen Tiefen von Lebewesen bewohnt, die jeder Mccresschicht eine» besonderen Charakter verleihen. b. Die Nttthat in der Luiseustrasze. Von neuem ist Berlin durch eine Blntthat aufgeregt worden, die an Nbschculichkcit alle Verbrechen ähnlicher Art' i»' den Schattelt stellt. Der fünfzehnjährige Laufbursche Franz Wegcner aus Nixdorf hat seine 33jährige Grohinutter, die Witwe Kaps, hier in ihre» Wohnung, Liilsenstrahe 4. zu ermorden versucht, sie beraubt und unter» »ahm dann mit erschütternder Geinütsruhe das Geld zu verjubclil. Hierbei ist er ertappt worden. Der Vorfall wird in folgende» Einzelheiten berichtet: Der junge Wegcner, der Sohn eines Arbeiters aus Rixdorf, ist ein arbeitssweuer Bursche und schon zu wiederholten Malen aus der Lehre entlause». Seit einer Woche bereits trieb er sich wieder ohne Beschäftigung herum. Als sein Vater ihm hierfür eine derbe Züch- tigiing erteilte, lief der Bursche, dein der Hang zum VagabundtereN nicht auSziltrcibc» war. zu seiner in der Luisenstrahe 4 wohnhaften Großmutter, der 83 Jahre alten Witive Justine Friederike Kaps geborenen Barleben. Am Dienstagnachmittag traf er bei der alten Frau ein und beklagte sich bei derselbe» über seinen Vater, der ihn schlage, mid bat um Reisegeld, daniit er nach Hamburg und eventuell nach Amerika fahren könne. Die Großnintter, die durch daS Hallest von Schlafburschen ihren Lebcnsiniterhalt zum Teil erwirbt, schlug ihm indessen die Bitte ab. Nun fragte sie der Bursche, ob vielleicht ihre Schlafburschen schon Geld bekomnien hätten. Die Frau gab darauf eine ausweichende Antwort und eS war dann keine 'Rede mehr von der Angelegenheit. Mittwochmorgen verliehen die beiden Schlasbnrschen KirkS und Wagendorf bereits um 6l/i Uhr die im vierten Stock gelegene Wohnung. Frau Kaps blieb noch im Bette liegen, ebenso ihr Enkel, den sie bei sich hehalteit hatte. Bald aber erhob sich der Bursche und fiel über seine alte Grohmutter her. Mit einer M a n g e I r o l l e. die in der Stube stand, schlug er auf die wehrlos im Bette liegende Greisin ein und versetzte ihr zwei kräftige Schläge über den Kopf, einen qner über den Kopf, einen über das linke Auge. Dann griff er, als die Frau aus dem Bette gesprungen und unter neuen Schlägen zu- sammengebrochen war. zuni Messer, und versetzte seinem Opfer mehrere Stiche, einen in der Nähe der Schlagader in den Hals, einen zweiten durch das rechte Ohr und einen dritten in den Mund. Dieser Stich durchbohrte die Zunge, so dah die Unglückliche nicht um �ilfe rufen konnte. Eine Tochter des im dritten Stock wohnenden äpeziers Meyen hörte kurz nach 7 Uhr das Fallen der Frau, legte dem Geräusch aber keine Bedentiing bei, da sie weiter nichts wahr» nahm. Die Greisin lag nun regungslos am Boden und der Un- fia� rjnunlc, da,z sie tod sci. Tahcx machte er sich mivcrzüalich au den Naili'. Mit ttfijtitie» H.uidc,: ris; er in Gemeinschaft mit einem vorher hcrocilferüseiien Ämunten, dem im übrigen passiv gc- M'MWAMWOGF'MW einem Hol�kästchen sechs Berliner Stadtobligationen üver je 1000 Mark ,md 100 Mark bares Geld ans. die ihr erst kürzlich Bcrwandte ans Amerika geschickt hatten. Die Barschen eigneten sich die Wertpapiere und das bare Geld gn und durch- suchten bann unch � noch die Räume der Schlasdurscheu. Deren kioffer, die verschlossen irnreii, VKmöchlcii sie aber nicht zu öffnen. daher mit voracinnhenen Kleidnngsffilchcn und Lbnfchc. Wegeier Medjgte sich seines hlutbcflrckten Zcugxs. wusch sich Hände und Gesicht und zog Wasche, SUeider und Stiesel eines der Cchlnsbiirschxn an. Nun teilten sich die Buben ihpen Nanb. vcr- lieszeu die Wohiinilg und schloffen sie hiziter sich ab. Unangcfochteii gelangten sie ins Freie. Kapke begab sich, wcuigstcus seiner Behauv- tung nach, zum Bahnhof, um nach Magdeburg zu fahren. Wegcner aber giiig. als ob nichts voraefallels wäre, in den Straffen umher, begleitete schlicfflich ein Mädchen in dessen Wohtnibg und prahlte btcr niit.seinem Gelhe. Das führte zu sMer Festnahme. DoS Mädchen schöpfte Verdacht niid peraulaffte. daff der Vlirschc auf die Wache de? So. Reviers gebracht wurde. Unterdeffeu lag die Witwe Kaps hilflos in ihrer Wohniing. Eine ihr gegenüber wohnende Witwe May der- snchie wiederholt, bei ihr(iiiilnh zn rthaltcn, hekam aber kpiife Aimvört. Sic glaubte daint, die alte GroffMnster sei mit ihrem Enkel nach Nixdorf gefahren, mn eine Aiissöhiiung zwischen Vater und Vvhsl zu vcr- suchen. Kurz vor 8 Ilbr vorgestern abend kam der Echlgsbnrschc Wagendorf von der Arhcit nach Hause. Er fand die Greisin im Bette liegen, in das sie sichs wieder zum Bcwnfftscin gekommen, mühsam geschleppt hatte. Wagendorf holte sofort einen Arzt, der die Schwerverwiiiidete nach der Charits bringen ließ, und die Polizei. Cilie große Plntlgche aiis dem Fnffbodcii bezeichnete die Stelle, an der der E»kel mit sejiicm Taschenmesser die Groffmuttcr bearbeitet hatte. Auch das Bett>var blntbesndelt. Der verhaftete Putsche Franz Wcgener ist einer der durch- tnebenften Vnrsclien, die die Groffstadt nnsichcr machen. Obwohl Sohn eines achtbaren Arbeiters, war er schon seit laiiger Zeit ein TaugcnjchtS nnd auch zeitweilig in Zwaiigserzichnng.' Seit drei Tagen suchte ihn die Polizei. Der Schraiibeufnbrikant Brav in der Scbastianstr. 72 hatte ihm einen Hinidertmartschein zum Wechseln anvertraut. Der Bursche ließ ihn auch wechielff, brachte das Geld aber mit einem Frauenzimmer durch. Bei diesem hielt er sich seit drei Tagen in der Beffetstraffe ans imd führte ein Iiisiigcs Leben. Nachdem er gestern morgen dic Blntthat verübt hatte, bilnimclte er erst durch die Stadl, verkaufte bei Neubauer ü. Eo. 2 Obligationen über je 500 M. und »cftichte dann wieder das Btädchcii in der Besselstraffe. Denl Wirt seiner Frenndin übergab er vier Obligationen zum Einwechseln. Der Mann übergab sie, da ihm die Geschichte nicht geheuer vorkam, der Polizei, während Neubauer u. Comp, die Scheine an der Börse dcrkausteu. Die Polizei des 35. Neviers überlieferte den Burschen der Kriminalpolizei. Dieser war unterdeffen schon vom 2g. Revier die Mit- teilung von der Unterschläanng der 100 M. in der Scbastianstraffe zu- gegangen. Als nmi abends die Meldung von dem Mordversuch nnd dem Ltaub in der Luisenstraffe einlief, erkannte die Geheimpolizei sogleich, daff sie den Mordbnbcn bereits in den Händen hatte. Man sagte dem Burschen die That auf den Kopf zu, und er legte auch ein Geständnis ab. Nun spielte aber Ernst Kapke eine andere Nolle. Wegcner er- zählte, daff er sich mit Kapke verabredet habe, seine Groß- mntter zu. bcstchleu. Um 7 Uhr habe er ihn auf sein Klingeln ciiigelasseil. Kopse habe die Greifin, als sie erwacht sei, gewürgt, während er sie geschlagen und gestochen habe. Bei einer eingehenden Besichtigung'des Thatortes fand aber Kriminallomniiffar Kaehler mehrere Aiihalispuiikte, die eine Teilnähme Kapkes als ansgcschlosscii erscheinen licffcn. Zininchst fand man nur die bliiligeii Kleider Wegeners allein, und von de» KleidiliigSstückeii des Schlafburschen fehlte auch mir ein Anzug. Bezüglich der Obligationen fanden sich auch mir Belege über 3000 M., während Wegener seinem Spießgesellen die Hälfte abgegeben haben Ivollte. Gewißheit gab dann die Ucberfnllcne und Beraubte selbst, als sie einen Aiigenblick vernommeii werden konnte. Sie bekundete, daff nur ihr Enkel allem der Thäter sei. Konmiiffar Kaehler nahm mm den Burschen gestern mittag noch einmal scharf ii>S Gebet. Da gestand er dann endlich, die That allein ansge fit h r t zn habe». Die hundert Mark ans der Sebastianstraffe habe er durchgebracht gehabt. Um neue Geldmittel zu bekommen, habe er sich an seine Groffmuttcr gewandt, damit aber keinen Erfolg gehabt. Während der Nacht sci ihm der Gedanke gekommen, die atr'e Frau zu ennorden, falls sie ihm�fortgesctzt das verlangte Geld verweigern sollte. Er habe die Frau mit der linken Hand am Halse gepackt und gewürgt, mit der rechten sein Messer, daS er erst am Abend vorher gekauft habe,, aus der Tasche gezogen und ans die Groß- snutter eingestochen. Die alte Frau habe sich noch einnial auf- gerafft, fei aber von ihm wieder zu Boden geworfen und weiter ge- stochcn worden. Da er sie»och nicht für tot gehalten habe, so habe er sie iiun noch wiederholt mit dem Mangelholz ijver den Kopf geschlagen. Der Mordbube wurde nun gefesselt in einer Troschke von Kriminalbeamten nach dem Untersuchniigsgefängnis zu Moabit gebracht. Ter Bursche niacht einen widerlichen Eindruck. Er hat das Wesen eines hartgesottenen Berbrechers unki zeigt nicht eine Spur von Reue. r Lokales. Illuster Wahlkreis. Die Parteigenossen iverden auf die heute tlbend im Lokal„Zum alten Dcssmier" stattsindende Versammlung deö Wahlvereins aufmerksam gemacht. Reichstags- Abgeordneter Franz Tutzauer ivird über:„Die Reform- bedürftigkeit der Gewerbegerichte" sprechen. Beginn 8>/z Uhr. Zahl- reichen Besuch der Mitglieder erwartet' Der Vorstand. Freie Volksbühne. Die zlveitc Abteilung hat ihre„Faust"- Lorstellung Sonntag, 1. Oktober, nachmittags W-k Uhr. im Ostend- Theater, während die Vorstellung der fünften Abteilung(gelbe Karten) Freitags„Journalistin" um 2'�/« Uhr im Lcssüig-Zheatcr beginnt. Nachzügler haben keinen Anspruch auf eine» Platz. Weiteres siehe heutiges Inserat. Der Vorstand. I. A.: G. W i n k l e r. Die Furcht bor der„Begehrlichkeit", sie ist der wichtigste, ja oft der einzige Beweggrund, von dem sich die städtischen Behörden bestimmen lassen, wenn von ihnen verlangt ivird, daß sie ettvas für die weniger gut situierten BevölkerungSkreise thun. Werden— so fragen sie sich da— nicht neue Wünsche koipmen, wenn wir diese hier befriedigen, wird nicht die Begehrlichkeit wachsen, wenn ivir die geforderte Hilfe gewähren? Um dem vorzubeugen, richten sie daim ihr Augenmerk von vornherein nicht darauf, wie den Mißständen am wirksamsten abzuhelfen ist, sondern darauf, wie man eS an- sangen muß, ihnen möglichst wenig abzuhelfen. Die in der DounerStag-Niimmer mitgeteilt« fleufferung der städtischen Schuldeputation über ihre Besorgnis, daß durch eine zu freigebige Speisung armer Schulkinder die Begehrlichkeit weniger gut erzogener Kinder herausgefordert werden könnte, ist daS neueste Beispiel. Es handelt sich hier aber nicht bloß um esn« Special- meimmg einer einzelneu Vorwästungsdeputation oder gar mn eine private Anficht eines einzelnen Magistratsmitgliedes. Was die Schuldeputation in dem vorliegenden Falle offen ausgesprochen hat, das ist— nicht immer ebenso offen, aber doch immer deutlich genug erkennbar der leitende Gesichtspunkt auf den meisten Gebieten der städtischen Verwaltung. Wenn st ä d t i s ch e A>, g e st e l l t e eine Besserung ihrer wirtschaftlichen Lag» fordern, dann erhebt der Magistrat seine warnende Stimme und grebt der Stadtverordneten-Versamm- luiig zn bedcuken, daff dadurch leicht auch andere Gruppen von städtischen Beaniten und Arbeitern angeregt iverden konnten, mit ähnlichen Forderungen an die Vcr- waltiing heranzutreten. Und die Getreuen, die dem Magistrat in der Stadivcrordnetcn-Veriammliiiig sitzen, stecken die Kopse zu- samntcn und picken bedeutnugSvoll und stimmen mit ein jy die bittere Klage über die höse Begehrlichkeit der städtischen Kulis. Die„Begehrlichkeit" wird aber picht bloff ins Feld geführt, Weng es sich um Anfbesscrung von Löhnen für städtische Arbeiter, von Ge- hältern für Burcaubeamte und Lehrer Handeft. Wo irgend in der weniger bemittelten Bevölkerung ein Wunsch nach Maßregeln so histl p q�iti s ch c r R a tu r oder auch nur nach V c s s e rn n g bereits v o r h a ii d e n e r städtischer E i n r i ch t n n g e n ntif- teilt, da wird nach demselben Grundsatz Versahren— nach� den: Grundsatz, nicht zu rasch und picht zu weit nach? zugeben, um nicht neue, noch größere Wünsche rege z u machen. Wenn der„kleine Mai!»" Bcsscrniig der Zustände auf dem Gebiete des Gcmeiiideschuswescns fordert, banp bekommt er die Antwort: Was willst Du denn eigentlich. Du hast ja die Schule für Deine Kinder ohnedies ganz umsonst I Wenn Förder>ing der öffentlichen Hygiene durch Schaffung einer gznügciiden Zahl von städtischen Bade-Anstalten usw. verlangt wird, dann schreit man ühxr den unerhörten„hygienischen Luxus", den heutzutage selbst arme Leute treiben tvollcn. Damit das nickt ausartet, wird dann immer hübsch langsam und vorsichtig und nur Schritt für Schritt vorgegangen. Ja, warum verfährt man denn nicht auch in anderen Dingen mit derselben Langsamkeit und V p r s i ch t? Waruni wurden z. B. bei der letzten Gemeindestcner-Neform die Haus-' b e s i tz e r so anberordentlich rücksichtsvoll behandelt, warum wurde ihnen die bekannte Kanalisations- Liebesgabe be- willigt? Warum wurde dafür den Gewerbetreibenden. auch den kleinen und klenisten, um so in e h r aufgepackt? Warum winde damals beschlpffe», die Steuer für das er- b ä r m l i ch e E i u k o m nz c n v o n HOO—(ICKj M a r k wieder zu er- hebe»? Warum sind Huiiderttäuiende vpn Mark übrig für bse Verherrlichung irgend welcher patriotischer Er- c i g n i s s e? Warum weicht man zurück vor den Angriffen ans die S e I b st v e r iv a l t n n g Berlins? Wo ist denn da mit einem Male die Furcht vor der Begehrlichkeit geblieben, wo die Besorgnis, daß neue, größere Wünsche nachsolgen tönnte», iveim zu rasch und zu ivcit nachgegeben wird?! Wie weggeblasen ist sie! Es ist»nr die„Pegehrlichkeir" der u n b e m i tt x I t e n Bc- völkernug, des„niederen Volkes", die man fürchtet. Üiid diese Furcht teilen im Grunde alle bürgerlichen Fraktionen der Stadtverordncten-Versaimnlung, ob sie min den„entschiedenen Frei- sinn" vertreten oder nicht. Auch von„entschieden frei- sinniger" Seite ist der Standpnnkt eingenommen worden, daß man die„sich steigernden Anforderungen" der ärmeren Bevölkerung eindämmen müsse, auch„ e n t- schieden freisinnige" Männer haben sich an dem Schutz der G e l d s a ck- I n t e r e s s e n beteiligt. Sie sind, daran zweifeln wir nicht, dabei ihrer ehrlichen Ueberzengung gefolgt, aber sie dürfen sich hinterher nicht wunder», wen» auch die arbeitende V e v ö I k e r ii n g Berlins ihrer lieber zeugung folgt und solchen„Volksfreunden" den Lauspaff giebt. In der gestrige» Stadlvcrordnctcn-Sibuug wurde der von den Sladtvv. S i n g e r n n d Genossen gestellte Antrag beraten, die Versammlung solle dcii Magistrat ersuchen, von der ihm durch die Ecivcrvc-Lrdnnng gewahrten Be- fngnis Gebrauch zu machen und durch O r t s st a t n t die S o n n t a g s a r b c i t i m H a n d e I S g c iv e r b e weiter ein- zu schränken. Ein ähnlicher Antrag war bereits vor 7 Jahren von der socialdempkratjschc» Fraktion in der Stadtverordneten- Vcrsannnlnng gestellt tvgrden, die Sache wurde aber damals vertagt, weil tnaii erst„Erfahrmige» sainmcln" zu"mpffen glaubte. In seiner Begriindnna des jetzt gestellten neuen Antrages zeigte Genosse Singer, daff die Ansdehniliig der Sonntagsruhe im HandclSge. verde»ichr mir im Interesse der Haiidclsangestellten, sondern auch in dem der kleinen Geschäftsinhaber liegt, daß sie wegen der langeii und aystrengenden Arbeit der Handcksängestellten not- wendig ist, leicht durchgeführt werden kann und anderswo auch vielfach bereits durchgeführt ist. Im übrigen erfordere es auch die Rücksicht ans die Wahrung der Selbst- Verwaltung, daß Berlin cben>o ivie viele andere Städte von dem ihm verliehenen Rechte Gebrauch mache und in der weiteren Regelung der Sonntagsruhe selbständig handle. Stadtverordneter Ullstein crkiäite namens seiner Fraktion, er stehe dem Singer- scheu Antrag wöhlwoNend gegenüber, wülische aber die Ueberlvxistmg an einen Ausschuß zur Porberatung und Prüfung. Der Antrag sei doch zu w e i I g e h e n d und z u r ad i k a F; für den Kleinhandel lscge dgs Bedürfnis vor, die Geschäfte auch feniex iioch von 12 bis 2 Uhr a>n Sonntag offen zu halte». Er ivolle die SountagSarbest cinschränten � Herr Ullstein versprach sich hier in seines Eifer und sagte„Sonntagsruhe"— aper nur. 10 weit es gehe. AT..... nf Herr Bürgermeister Ki rf ch n e r die Mitteilung machte, daß die Geiverbedcpntakion gns Anlaß einiger ihr kürzlich ziigegangcncn Petinonen sich gegenwärtig mir der Angelegenheit beschäftige und daß man den Aiitragsicllern, s o W e i t z nlä s j j a, entgegeukoiiiincii" werde, beantragte Stadtv. Wallach, noch ciiiinal zu vertagen, bis der Magistrat selber mit einer Vorlage kouime. Genosse Singer befürchtete davon eine neue Ver- jchleppllng. Er wies die Versanimliing darauf hin, daß es wünschenS- wert sei, daß gerade sie an den s o c i a l p o l i t i s ch e n Fragen in i t q r b e i t e. Die llebxxweisung au einen Ausschuß ivnroe darauf mit großer Mehrheit beschlossen. Möge das Ergebiiis der Ausschuß- beratung ein solches sein. daß man nicht länger sagen mnß, Berlin hinkt in allen Fragen der socialpolitischeli g si x s o r g e für die w i r l s ch a f t l i ch S ch lv a ch e n hinter vielen weit kleineren Städten hex. Kuchkprse für Acxzte sollen in Berlin eingerichtet werden. Die„Wiener Mcdjzlnijche Presse" schreibt:„Nach dem Mnstcr »ichrercr Universitäten der Vereinigten Staaten Nordamerikas wird die Berliner Universität in kürzester Zeit an zivei Berliner Kochschnlrn Kurse für Acrzte einrichten lassen. Eine derartige Institution erscheint in jeder Hinsicht überaus nach- ahmensivcri, denn dem Grundsätze.jlhast geführt waren, tomite aber in dem einzelnen Fall« noch zu leiucr Klarheit komme», Zersowsky ging dann weg. und erklärte, daß er auf alle Fälle für Deckung sorgen werde. Daran hat er jedoch ernstlich nicht gedacht. Ex hielt sich abends noch eine Zeitlang in seine Junggesellen- Wohuuug agf und mächte sich dann ans dem Staube. Vorgestern morgen erwartet« man ihn vergeblich en Geschäfte. In seine», Pulte, das man durch einen Schlosser öffnen ließ, lagen noch 2300 M. Nachfragen in seiner Wohnung ergaben, daß der Tesraudant das Weite gesucht Halle. Di« geschädigt« Firma machte der Polizei Anzeige, die sofort die Behörden aller Haseuplätze in Kvuutnis setzte. Ein Steckbrief gegen den Flüchtige» ist bereits ans- gefertigt. Wieviel Zerioivsty veruntreut hat. ließ sich bei der Art seiner Buchführung»och nicht festste Ile». Man ichätzt die Summe zunächst aus 30000 M. Wahrscheinlich aber ist sie viel größer. Berliner Lidreffbitch 1900. Die HasiKlisteu für den Jahr- gang 1P00 de-Z Adreßbuchs sjir Vxrli» und stziue Vororte(Verlag van Aggust Scherl) sind sninmehr de» HanSeigentümcrii bezw. Verwaltern zur Verteilung an die HailShgstnngspgrMnd« zugegangen. Im Interesse der Geiiauigseit m,d Zuverlässigkeit der Enttragunge» ist es dringend gehosen, daß die Haushqltungsvorstände die Listen persönlich anSftillcit. Nur dadurch werden genaue Schreibweise des Namens verbürg» und Wünsche der Eintttlgenden(bxtr, Znsätze zur Berufs- oder Stgudesbezeichnung. Angabe der Sprechstunde iisiv.) belgmit, so daß sie vo» der Adreßvuch- Redatrion berücksichtigt werden könne». Die Abholung der Listen erfolgt bereits am DienS- tag, den 3. Oktober. Es ist daher erforderlich, daß die Ausfiillnng der Listen möglichst sofort geschieht. Näheres ersehen Misere Leser aus dem betreffenden Inserat in der heutigen Nummer. Abendunterricht für Arbeiter. Eine Anzahl Stndciiten der hiesigen Universität geht, wie uns mitgeteilt wird, mit der Abfickt um, Abendkurse für Arbeiter einzurichten. Der Unterrickt soll sich erstrecken auf Sprachen(Englisch nnd Französisch). Physik, Mathematik und Chemie. Die betreffende» Herren stelle» sich unentgeltlick zur Verfügung: nur soll 1 M. zur Deckung der Unkosten pro Somestcr erhoben iverden. Die nötigen Schulräume hofft man vom Magistrat bewilligt zu erhalten. Der Beginn des ersten Kursus ist auf den 18. Oktober festgesetzt! Meldungen nimmt entgegen Herr I. G omme r, gtud. phil., Elsässerstr. 78. Freireligiöse Gcincinde, Herr Direftor Archeuhold von der Trcptow-Sternwarte hält Sonnabend, den 30. Septembsr, in Kellers Fcstiälen»inen astronomischen Vortrag: Der Welten Einstehen und Vergehen". Nach dem Vortrage findet»in Vokal- und Instrumental- Konzert statt. Die Freireligiöse Gemeinde hat diese Veranstaltung zum Besten ihres Bausands getroffen, dem der gesamte Ueberschnb des Festes zufließen soll. Wir zweisei» nicht daran, datz der gute Zweck des Abends vollkommen erreicht wird. Jnglotchen macht die Gemeinde darauf aufmerksam, daß ihre Vorträge regelmäßig an den SomitnfibormUtngcn 10 Vi Uhr im Englischen Garten. Alcxander- straße 27 c, stattfinden. Kranziisisch. Am Itt Oktober Beginn neuer Kurse für Anfänger und Vargescbrülciie� ES wird nicht nur die Granimntil und Korrespondenz. sondern auch die Konversation berücksichtigt. �fiL Sprechen beginnt bereits auf der Asit'rMsp, sodasi der Schftler nach Absolvicrung der Kurse mit den wichtigsten krainniatifchcn Regeln und der Briefsorm vertraut, sich in dem fremden Idiom mit Leichtigkeit ausdrucken kann. 4 M. pro Halbjahr. Die 8. städtische Fortbildungsschule, Putbuserstr. 23. Frucrbcricht. In den letzten Tagen hatte die Wehr Verhältnis- mäßig tveuig zu tinin. Eine Alarmierung nach W a n t c u f f e l« st r a ß e 90. die Mittwochabend erfolgte, war auf groben Unfug am öffentlichen Melder zunickzuführen. Der Thäter winde diesmal gefaßt. Zur selben Zeit erfolgte P o t s d a m e r st r. 7lZb ein WohnuugSbrand, der die Wehr längere Zeit beschäftigte und Möbel. Regale usw. zerstörte. Zwei mibcdeu'lcndc Brände Ivare» W o l l i n e r- st ratze 39/40 und K l o st e r st r. 64 zu beseitigen. Donnerstag früh i' Uhr gingen W a l d e ni a r st r a tz e in einem Waschinenhanse Holz- Vorräte in Flaniuien ggf. Mittags brannten.K ö n i g g r ä tz e r? st r a tz e 43/44 Papier und Baumlvolle. Nns de» Nachbarorten. Lichtenberg- Fricdrichsbcrg. Eine Petition, welche die katholischen Hausvarer der hiesigen Gemciude an die Regierung ge- richtet hatten, enthielt die Forderung, die Regierung möge einem Be- Ichs i> tz der Hcmciudevertrettlng die Geuehmigung versagen, wonach die katholische«schule statt ans dem zuerst ins Auge gefatzten Bauplatz neben der katholischen ftiiche auf einein Grundstück der Terraiugcsellschatt„Vürgerheim" errichtet werden soll. Diese Petition h.ii eine schnelle Crlcdignng gefunden. Die Regierung verlangte von de» Peteinea die iöstenlose Uebergabe des von ihnen für so vorteilhast erachteten Grundstücks an die Gemeinde, dann könne ihrem Wunsche Rechnung getragen werden. Dieses Niierbicteli ist von den Haus- välern abgelehnt worden, so datz cS jedenfalls bei dem Grundstück des„Bürgcrheinis" bleiben Ivird. Eine Beihilfe vo>i 48 000 Mqrk hat die Rcgicrnng zu diesem Schnlbau für den Fall in Aussicht gestellt. datz die Gemeinde gleich ein 12 klassigcs Gebäude errichtet. Die Gemeinde- Vertretung will die Frage, ob ein 12 klassiges oder ei» ISklassiges Echnl gebände anigesührt werden soll, noch osfc» lassen.— Mit Telegraphen und Ferusprech- Anlage soll die Postageniur Wilhelm sbexg ötiseh«1 werden, uachdein die von der Postbcbölde verlangte Garantie für Einnahmen ju Höhe von nnndefteiis 10 Proz. der Anlagekosleii ld. i. ein Betrag vcn b0M. jährlichs von der Gemeinde übernommen worden ist. Als� Gebühr werden für die Dauer eines Gesprächs bis drei Minüse» 25 Pf. erhoben werden.— Bon seinem mit Stroh hochbeladenen Wagen wurde ein Ltuticher des Fnhrherni Harmann am Mittwochabend i» der Vlumenthalstratze überfahren, nachdem der Mann infolge KrampfaiifallS auf die Slratze gefallen war! trotzdem der Wagen über Unterleib und Beine fortging, scheint der Mann ohne ernstere Verletzungen dauongekommen'zu sein. Ein Komitee zur Begründung einer„Geineiimützigen Geselle schuft* hat sich i» Schöneberg gebildet. Neben der Abhältuiig vor Volks- Nnterhaltungsabenden sowie Gründung einei -Hu ndert Thaler-Sterbekasse* m>d Errichtung eines .M o n u m e n f a l- S p r i n g b r u n Ii e n S* zur Erinuerung an Schonebcrgs Erhebuli �"' philäntroprscher Sck lachtfelde den Arbeitem beigebrachten Wnudeii zu heilen. Wir i oeifeln stark daran, datz eS möglich ist. mit Wassersuppe» und Thcc- uoeuden das graue Elend aus der Welt zu schaffen. Au der Spitze dieses Unternchmcus steht ein Nedactcur Namens Hans v. Ja nutz- l i e W-- z- R e i n s e i s. _@iii Mordversuch ist in der Nacht zum Mittivoch in Spandau verübt worden! Ort dcx That war ein auf der Havel am Ufer des Schlssseiguers Fermum liegender Kohlenkahn. Der darauf beschäf tigte Bootsmann Grunert aus Breslau war Dienstagabends nock in die Stadt gegangen und hatte verschieden« Schänkeii besucht. Ali er nachts 2 Uhr wieder auf den Kahn kam. erbrach er de» vcr- fchlossciien Schlafraum seines Arbeitgebers, des Schtstseigenliimers Bäsch ans Breslau; er stürzte auf diesen zu. packte ihn an der Kehle und suchte ihn zu erwürgeu. Der Ueberfalleiie ertvachtc und erkamite d-n' m der Kajüte brcniipnden schwachen Licht den Bootsmaim. Dieser führte mit eiiiem Beil einen Schlag nach dem Kopf de» im jöette liegenden Mannes; letzterer fing iiidcS de» Hieb mit der zur Abwehr erhobenen rechten Hand auf; es gelang ihm dabei, das Beil zu erfassen, er sprang auf und nunmehr begannen die beiden Mäniier mit cinaiider zu riiig«», wobei der Schifiseiguer Sieger blieb. Er machte feinen Angreifer kampstinfähigj fesselte ihn und veraiilatztc am Morgen die Verhaftung des Grunert. Zwölf Ccntucr Tokegraphendraht im Werte von über 1000 Mark sind in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch von den in Wilmersdorf zwischen der Charlotten- und Brüderstrqtze gezogenen Fernsprechleitliilgen gestohlen worden. Die Drähte, 67 an der Zahl, � sind von den Dieben, welche dazu die Gejläiige erklettert haben, in einer Länge von z u s a tu in e» 490 Meter abgeschnitten und dann auf einem Handwagen fortgeschafft. Vo» Einwohnern Grünaus war der Verdacht angeregt worden, datz die Räubereien a» der Oberspree von Berliner Zu- Haltern ins Wert gesetzt worden seien. Durch Nachforschungen der hiesigen Kriminalpolizei gelangte man zu der Ueberzeugung, datz nicht Zuhälter, sondern actverbSmätzige Eiiibrcchcr ihr« Hand im Spiel haben mutzten. Diese Ansicht ist auch zur Geivitzhest geworden, beim es ist durch Nachforschimgen an, vorgcjirige» Tage uud gcftcr» möglich geworden, zwei der Räuber, die„Arbener* Rüliiig und Pfeiffer, als Teilnehmer an den Raiibzügen zu er- mittel» und festzunchmen. Dieselben sind schon mehrfach vorbestraft. darunter auch wegen Einbruchs. Rüting wurde nach langem Suchen Mutivochabeud in einem berüchtigten Lokal« des Slidoste»« fest- geiiominen, wo er unter falschem Namen iveilte. Er ließ sich erst nach langen, Leugnen herbei, seine» richtigen Nanieil»siv. zu »eiinni, und hat dann gestern nach uerschiedeiieii Kreuzverhöre» "'.'...'""fassendes Gestäubiiis abgelegt. Sei» Mitschuldiger Piciffcr ist bereits mit Zuchlljaus bestraft. Er wupdx gestern in frühester Morgeiistnnde in eineni im Osteij slinf Treppen hock gelegenen Quartier eines Hinterhanseö ermittelt und festgenommen. Als alter Verbrecher hat er»ur so viel ziigestaiiden, als ihm Schritt für Schritt nachgewiesen werden konnte. Er will»nr bei dem Hanffschcn Ranbanfall sich beteiligt haben, dagegen von dem Naubanfall in dem Nestaurant„Rübezahl* nichts wissen, ob- gleich Rüting ihm seine Teilnahm» direkt ins Gesicht gesagt hat. Rüting trug bei der Verhaftung sogar die bei Haust geraubte» Bein- klcider. Die Nachforschilngen wurden von dem Kriminalkom>iussar Damm geleitet. �Ltiich am Wanufce macht sich jetzt«ine Diebesbande be- incrloap. die ebenso ivie die an der Obcrsprce den Wasserweg bevor- ziigt. Dein Biichdriiikeretbefitzer Langsnichsidt, dessen Villa in der Scestrage 17 liegt, ist von seinem Bootssteg ein rotgebeiztes Boot mit dem Stander des kaiserlichen Nachtklubs am Bug gestohlen worden. GeviiLzks-Seitimg. Der Polizeistaat. Eine kaum glaubliche Affaire führte gestern den Rechtsanwalt Ernst Karl Wilhelm Fleisch in an» unter der Anklage der Leaniteubeleidigling vor die zweite Strafkammer am Landgericht H, Der Angeklagte ging am 2. Auguft dieses Jahres dnrch Lichtenberg»nd wurde Zeuge, als der Gendarni K l e b b a, der, nebenbei hemerkt, erst seit kurzer Zeit Äendarmeriedlenste thut, den Kutscher Koch ausschrieb. weil dieser aus seinem Wagen geschlafen haben sollte. Als sich der Gendarm von dem Wagen fortwandte. trat der An- geklagt« an den aufgeschriebenen Kutscher heran und sagt« zu diesem: „Sie haben nichts Unrechtes begmuKNl Ich habe hxn Vorgang mit angesehen! Schreiben Sie sich meinen Namen auf, ich bin der Rechtsanwalt Fleischmann aiiS Berlin I" Sosort oxchte sich der Gendarm um und verlangte vom Angeklagten Angabe seiner Per- sonalien und Legitimation. Dieser erklärte:„Ich lehne es ap, Ihnen meine» Namen zu nennen, Sie haben keine Veranlassling, mich danach zp fragen!" Der Gendarm hakfe nun aber gehört, wie der Angeklagte dem Kutscher seinen Namen nannte und hatte verstanden„Rechtsanwalt Hcilmann". Er ging jsi ein Restaurant und sah dort das Adreßbuch nqch. koniste aber natürlicherweise den falsch verstandenen Namen nicht finden. Etwa eine Stiliide später kehrte der Rechtsanwalt auf demselben Wege zurück. Der Gendarm sqh ihn von der Kneipe aiiS, er trat auf die Straße u>id frug wieder nach Namen und Wohnung. Dop Rechts- anwalt erklärte wiederum, er habe gar keiiieu Aulatz, seinen Namen zu nennen, worauf der Gendarm ihn ausfprdcrtc. ihm zum Amssbureau zu folgen. Der Rechtsanwalt soll aber dabei geäntzert haben:„Ich mache Sie darauf anfmcrksam, datz Sie ungesetzlich handeln I" Wegen dieses Wortes wurde er wegen Beleidigung angeklagt. Vor Gericht be- hauptete er, zu dem Gendarmen nur' gesagt zu haben, derselbe würde sich strafbar machen, wenn er ihn sistiere, denn er habe kciir Recht dazu. Trotzdem beantragte der Staatsantpalt 100 M. Geld- strafe. Der Gerichtshof erkannte aber, datz unter den öbivaltcuden Umständen, selbst wenn es richtig sei, datz der Aiiaclkagte gesagt habe,„Sie handeln nugesetzlich I" darin keilte Beleidigliiig zu finden sei. Demgcmätz kantete das Zrteil aiff Freisprechung. Schnititzige Geschichte» kamen in einer Verhandlung zur Sprache, welche gestern vor der 130. Abteilung des Schöffengerichts stattfand. Der praktische Arzt Dr. Louis Eohn, Neue König- stratzp 48, war nebst seiner Wirtschafterin, der unverehelichten Braun, der geinciiischaftlichen schweren Körp'erverlctziliig be- schuldigt. Durch die Beweisaufnahme wurde folgender Sachverhalt festgestellt: Zu den näheren Bekannten des Angeklagten Dr. Cohfi gehörte das seit nclin Jahren verheiratete G.'sche Ehcpagr. G. schöpfte in diesem Frühjahre Verdacht, datz der Vcr- kehr zivischen seiner Ehefrau und dem Dr. Cohn die Grenzefi des Erlaubten überschreite iiiid auf seine Vorhalttiiigen gestand Frau *-!-k------— schickte seine Fräp i G. ihm dies auch ein. Der betrogene Ehemann zu ihren Elter» zurück und schrieb dann dem Dr. Cohn einen Brief wenig schnieichcsbafteii Inhalts. Als der Adressat diesem Schreiben keine Beachtung schenkte, begab G. sich an ciiiem Junitage zu ihm, in der Absicht, sich mit ihm äusznsprcchen. Der umstand, naß G. eine Hlliidepeitsche bei sich führte, Netz den Angeklagten qhnefl, was eS mit der„Aussprache" auf sich babe. Er tvar deshalb auf seiner Hut. Bevor G. ein Wort gesprochen hatte oder eine drohentze Beivcguug machen kviinte, erhielt er von dem Angeklagten einen so ivnchtigesi Faiistschlag ins Gesicht, datz ihm das Nasenbein zcrtrüninicit iourde. Dann packte Dr. Cohn den viel schwächereu und halb betäubten Besucher, warf ihn mit dem Gesicht nach unten zu Boden, kniete auf ihn und bearbeitete seinen Kopf mit Faiistschlögen. Zugleich rief er seiner Wirkschafkeriii z», sie solle den UUlerkörper des G. mit eiiiem Stocke schlagen und als hie Braun dieser Aufforderung nach besten Kräften nachkam, feuerte Dx. Cohn sie durch die Rufe„Immer fest!" au, nichi zu erlahmen. AlS der Gemitzhaiidelte versuchte, sich empor zu richten, griff Dr. Cohn z» einem cncrgischcrep Mittel, er holte einefl HguSschlüsscl aus der Tasche lind schlug den G. damit wicdcrholt auf den Hinter- köpf. Der Geschlageue konnte au«ine Gegenwehr nicht denken, blutüberströmt und fchlver verletzt wurde er nach der Sanitätswache gebracht. Der Staatsanwalt beantragte gegen den Angeklagten Dr. Cohn eine Geldstrafe vo» 300 M., gegen die Praun 50 M. Geldstrafe. Der Gerichtshof ging mit Bezug auf de» Angeklagten Dr. Eohn erheblich über de» Antrag hinaus. Nur der Uiustaiid. datz der An- gctlagte eines thätliche» Angriffs gewärtig sein komite, habe den Gerichtshof verhindert, auf eine Freiheitsstrafe zu erkennen. Die Strafe sei aber ans 500 M., im Nichtbeitreibungsfalle auf 100 Tage Gefängnis bemessen worden. In betreff der Mitangeklagten Braun lvurde nach dem Antrage auf 50 M. erkannt. Wieviel Strafe setzt es, wenn ein Hofverwalter aus U e b e r m ii t e i» b i h ch e n seinen Arbeiter totschießt? Äiitwort: Sechs Wochen Gefängnis. Wer es nicht glauben will, lese folgenden Gerichtsbericht ans E i S l e b e n: „Milde Richter fand der Hofvcrwaltcr August Kraul aus Hclnistedt, der gegen Ende April in Beescnstcdt vom Fenster seiner Wohnung aus'rein aus U c b e r m u t auf d c n Ar- beiter Stößel geschossen hatte, der ans dem Hofe an der Lauchciipnmpe beschäftigt wgs. Kraul wollte den Arbeiter, wie er sagte,„nur durch die Schürze schietzcn", traf ihn aber iuF Kuiegelcn'k, woran Stößel starb. Konfl wurde vom biefigeii Landgericht zu sechs Woche» Gefängnis venirteilt. Wäre Kraul wohl so billig weggekommen, wemi er a» seinem „guädigcn Herrn" in gleicher Weise und mit gleichem Erfolge seine Treffsicherheit erprobt hätte?" Thörichte Frage, Unter dem Zuchthauskur» ffnd sechs Woche» Gesängiiis noch eine recht ni i l d e Strafe, wemi ein ehreiihgster Arbeiter eiiiem der fsir den Staat besouder» nütz- lichen Elemente ein paar Schelttporte zugerufen hat! Vpvlfiiumtfimss«. J» _» einer öffentlichen Versauiinliiug, welche die Arbeiter- Bildungs schule am vergangciien Somitag arrangiert hatte, hielt der Genosse Liebknecht einen Vortrag über:«Die matcrjqlistische Gcichichtßpuffasiimg", Der Redner'»ahm einen den Darlcgiiiige» Bernsteins eiilgcgenstchendcii Stgudpuiilt ein. Di« im Verqvld«rgewrvbe beschäftigten Arbeiter und Arbeiterintie» hielten am Mittwoch in den„Arminhallen" eine öffentliche Bersanimliiiig ab. Der VertrauenSma»» Lange er- stalter zunächst de» Knffenbericht. Die Einnahme betrug 720,78 M., die Ausgabe 32,80 M.»nd der Bestand 687,98 M.: außerdem ivurdeu 573,15 M. für die dänische» Arbeiter abgeführt. Da der Vertrauens- mann Lange sein Amt niederlegt, wird a» seiner Stelle der bis- hcrige Revisor S t e i d e I gewählt und an dessen Stelle als Revisor A tz»> a ii». Alsdann loinmt zur Erörteruiig die ÄutN'prt der Arbeitgeber der Rahmeiibranche auf die vo» den Gehilse» gestelllcu Forderungen. Tie Innung hat erklärt, daß ein Lohn voi> 24 M. fsir brauchbare(!) Gehilfen nicht zuviel sei. im übrigen aber werde» die Arbriler darauf hingewicsen. mit ihren Arbeitgeber» direkt zu verhandelii. Ans der Diskussio» geht eine gewiste Geneigtheit der Arbeitgeber zu Koiizessioiieii hervor, tveuii auch fast jede Firma bald die eine, bald die aiidore Fordermig nicht bewilligen zu können er- klart. Z» weiteren Verhandluiigcn mit den Prinzipalen wird eine fünfgliedrige Äoniinissivii gcivählt, bestehend aus Schnorre, Spate. Hopf n er, Eblert und H e t M a n n. Alsdann wird eine Stesolution angeiioninten, in der da» Entgegenkommen der Jiniung als nicht getiügend bezeichnet wird, die Versamnilung sich jedoch mit einer Uiiterhaudlung von Kommission zu Kommission ein- verstanden erklärt. Den streikenden Etelnarbettern werden 100 M. qus der Lokalkasse bewilligt. Die Mehl- und Getreidekutschcr und Speicherarbeiter hatte» sich am Sonntag, de» 24. September, sehr zahlreich im Englischen Garten eingefunden. Di» Tagesordnung lautete:„Wie ver- besicrii wir unsere Lage und wollen die Mehl- und Getreidekutscher »nd Speicherarbeiter Lohnforderimaen stellen?" Der Referent Schu- n, a II Ii führte n. a. aus: Die Arbeitszeit sei«ine überaus lange: dieselbe währe 16-18 Stunden, der Lohn se, so aeriug. datz er kann, zmii Leben zureiche. Im Durchschnitt werden 20—22 M. Pro Woche verRent; das mache pro Stunde 12 bis 13 Pfennige. Daß dies ein auskömmlicher Lohn sei, könne niemand behaupten. Die in obigem Berufe Thätigen hätten deshalb alle Ursach«, für«ine Berbefferung ihrer Log« einzutreten. Die» sei nur. dadurch möglich, datz sich alle Mann für Mann d«m E,ntralv«rband der Handels- und LerkehrS-Arbeittr anschließen."' An den Vortrag schloß sich eine lebhafte Diskussion; im Verlaufe derselben wurde folgende Resolution einstimniig angenommen:„Die Versammlung beschließt, an die Fnhrhcrrii Lohnfordeniiigen zu stellen. Zur Formulierung derselben wählt die Verianimlimg ein« 13 glicdrige Kommission, welche beauftragt wird, am Sonntag, den 1. Oktober einer weiteren Versaminliiiig Bericht zu erstatten. Die Versammlung entscheidet dann endgiiltig über die eventuelle Arbeitseinstellung. Die Versammelten verpflichten sich, Mann für Mann dem Centralverband Handels-, Trausport- und VerkehrLarbeiter beizutreten, um den Uiiternchmern gegenüber den nötige» Siiickhalt zu ver- chäffeii." Hier gewählt Woche uL'iitjtt.[vwt.. ryp Mission festgesetzt mid den Unteriichmcrn dann am Diestag früh zugesaildt werden, dqmit dieselben in der Lage sind, bis z»ni Doimers- tag Antwort zu erteilen. Am Donnerstag findet abermals eine Ver- samniluug statt, in der die weiteren Schritte beschlossen werden sollen. Die Textilarbeiter nahmen am 20. September in einer Ver« sammlimg Stelliiiig zu dem Streik bei Feibisch. Von den ein- geladenen Fabrikanten war nur Herr Benjamin erschienen. ES wurde befaimi gegeben, datz die Firmen Baader und Ben- ja min u. C o.' die 9Vzstniidige Arbeitszeit probeweise eingeführt npd den Lehrmädchen einen Lohn von 6 M. bewilligt haben. Es ivurde bedauert, datz die genannten Firmen die bescheidenen Forderiiiigen der Arbeiter nicht bewilligt haben, schließlich stimmte aber die Versammlung einer Rcsolittian H üb s ch zu, ivelche besagt, daß man, so lange der Streik bei Fcibisch dauere, sich mit dciii Bewilligten zufrieden geben wollte, da bei Feibisch die Löhne noch viel niedriger seien. In der Versammlung am 28. September wählte die Filiale I des Tertilarbeiter-Verbandes Srcinicke zum Schriftführep, sowie ein Vergnügungskomitee von sieben Mit- gliedern. Der Bibliothekar berichtet, datz die Bibliothek jetzt 100 Bände umsasse, von denen im letzten Jahre 63 Bände von 42 Lesern geliehen wurden. Beschlossen wurde, die Agitatious- kommissioii zu beaustragen, öffentliche Versammluiigen zu Gunsten der bei Feibtsch Streikenden zu veranstalten und ein Flugblatt zu Ceutealvcrcin der im Ndreffenwcseu chäftiate»! Soiuiolenb, den ZV. Septem che», Wallstr. h?: Generalveriamuilung. niid verwandten Branchen iember, abends 3 Uhr, bei August DevittiMtes. Fcncrsbrmist in Danzia. Donnerstagfrüh brach auf dem Etablisscnixnt der.Danzigcr Oelmühle" Grotzfeuer� aus. Sechs Tamuffpritzeu waren in Thätigkeit; auch von der kaiserlichen Werft ivurde wirksame Hilfe geleistet. Uni die Mittagszeit gelang es, das Schaden ist nach der„Daiiziger Zeitung" auf IVe Mill. Mark zu schätzen. v' I« Stein bei T«utsch-Eylau find, wie die„Elbinger Zeitung" meldet, mehrere Wohnhäuser iiiedergcbraiint. Eine Frau und em Knabe kamen bei dem Brande ums Leben. Zum Hauöciustnrz in Köln. Die Einsturz-Katastrophe in Köln erweift sich viel ichlinuner und trauriger, als man erwartet hatte. Die Hoffininq, datz ein Teil der Verschütteten bis zu ihrer Rettuiig»och am Leben bleiben dürfte, mutz mau wohl fahren lassen, Uever den gegenivärtigen Stand der Arbeiten und die Ur- fachen des Einsturzes imrd vom gestrigen Tage berichtet: Während der verfloffenen ganzen Nacht wurden bei strömendem Regen die Aufräiimungsapbeiten durch die Bcrufsfeuerwehr und durch eiij'e Compqgiiie Rcserveivchr vorgcnomiiicii. 50 Zimmerleute sind an dem eingestürzten Hause fortgesetzt beschäftigt, ohne datz es gelingen wollte, weitere Opfer aufzufiiidest. Bisher sind zwei Tote zu Tage gefördert wördeii. Sechs Leichen befinden sich noch unter den Trümment. Nach Ansicht der Sachverständigen war bei Ausführung des Baues eine»eiie Wand lose an die alte angelehiit ivordcn, ohne nüt dieser verknüpft zu sei». Dadurch sind Maueriverk und eiserne Träger ausgewichen, ivorauf der siinfslöckige Bau vollständig ein- stürzte. Die Polizei ordnete die Nänniuiig mehrerer Nebenbauten an, da Ivcitere Einsturzgiisahr droht. Bisher find aus den Trümmer» des eiiigcsti'irzten Neubaues acht Leichen herausgeschafft worden; vier Arbeiter werden»och verniitzt. TaS Erdbeben in Klcinasien. Ausführlichen Mitteilungeii aus KousjajUigßpcl züsolge ssnh bei dem Erdbeben im Vilajet Aidiu mehrere Hundert Menschen uingekomnien, Tanseiide sind obdachlos. Der Schaden wird auf zwei Millionen Psund geschätzt. Behufs Einleitung von ßammttingen haben sich HilsSkomitees gebildet. Fortdauernd werde» leichte Erdstöße im Epdbeben-Centrum Seraiköi wahrgenomme»._ Marktpreise von Berlin am 27. September ISSN »ach Srmltteliingen des kgl........ ♦Iffielje» P.-Str. »sNogiien Fmicr-Eierste. Hafer pul ,»Nittel .. gexitzg Pichlftrvh Heu j)Erbie,l WSpeisebohiien fwinieu„ Karivssel», neue Rindfleisch, Kenl« t kg i>« Bauch„ «1 Ermittelt pro 16,50 14,50 13,80 15,10 14,40 13,70 4,10 0,70 40,- 50,- 70,- 7,— 1,00 1,80 Tanne 14,00 18,00 12,50 14,50 13,80 13,20 3 50 4,- 25,- 25,- 20,- 6- 1,20 | 1,-1 von der PolizelprsifidiuniS. Schweinefleisch 1kg Kalbfleisch HflMjelMch tor Eier «arpsen Aal« «ande, Hechte Barsche Schleie Bleie Krebse «0 Stück 1 bx per Schock 1,60 1,60 1,60 2,60 4,60 2,20 2,80 2,60 2,- 1,80 2,80 1,40 12,- 2,- 2,80 1,20 1,20 1- I ,- 0,80 1,40 0,80 2- Censtolflest« der Preub. Landwirt- W>t.«DWWWWWIWWD.„ WWW, W, W» lchsiltsksiW'Np-?iv!itt>l>>Sssielle->»>d uingerechuet vom Polizeipräsidium W den Doppel-Cen" CeiNNcr. f) Klei»hai>d«lsprciif. Produkte»mark treid em arlt war der »nicm Getreide waren N den letzten Taaep merkltl vom 28. September 1899. Auf dem G e- u HR. nach Die Sei aaser war fest aber still; R Am Spiritus sein. keiten dürsten jetzt voll erledigt unverändert. m> märkte war die Haltung heute sehr reserviert, da man abwartet, in welcher Weiss sich die Geschaftsthätigkeit der mit 1. Oktober ins Leben tretenden„Sentratstelle sür Spirilusverivertiing" entwickeln wird. Der Preis stir Loco wie Termine war behauptet. 70er wurde mit 43,80 M. (unverändert) bezahlt. Kariofselsabrikate. Feuchte Kartoiselstärke per 100 Kg. brutto inN. Sack— ,— M. Prima trockene Kartpssetslärke per 100 Kg. brutto inkl. Sack und Mehl 21,10 M. Supra trockene Kartoffelstärke— ,— M. Kaitoffeluiehl per 106 Kg. brutto. Prima Kartoffelmehl 21,10 M., prompt M. per 100 Kg. Eierbericht vom 28. September. Normale Eier je nach Qualität von 3,05—3,60 M. per Schoch Aussortiert« kleine War« je nach Qualität von 2,80 bis 2,90 M. per Schock. Kalkeier je nach Qualität von— bis — M. per Schock. Tendenz: matt. Wetter- Prognose für Freitag, den LS. September 180». Etwas kühler, zeitweise bester, vielsach wolkig mit leichten Regensällcn und ziemlich frische» südwestliche» Winden- Berliner Wetterbureau. Briefkasten der Redaktion. Dt« juristische Sprechstund« findet Montag, Dienstag«nd Freitag abc»»S vo« V biS 8 Uhr statt. «SS. 1. Ja. 2. DoS kann als fahrlässiger Memeid ausgesagt werden. W.«. SS. 1. Ja. 2. Nein, Sie können sich vertreten laffen. Falls siegen, würden die tzwwaltskosten dem Gegner auferlegt.— Leesor. Schristltche Antwort erteilen wir nicht, Falls kein PassuS im S total entgegen steht, mühte dt, Kaff» zahl»«. Sie aiübien diese zunächst bei der A Nufsichtsbehörde verklagen�— VIS W. A. Es bleibt Ihnen nur der gerichtliche Weg als zulassiger und zweckmäßiger. Wenn Sie wollen, können Sie sich aber au den Kreis-Schulinspektor oder an die Regierung wenden. — OPPelnerstr. 19. Der Vertrag bindet auf ein Jahr, es sei denn, daß das Mädchen dienstunfähig ist.— 19 Weistensee. Der Vater haftet nicht, der Eigentiinier würde abgewiesen werden, wenn es sich nicht etwa um eine Scheibe der Mietswohnung handelt. — Stargnrdcrstraste. Die Verjährung tritt in 5 Jahre» ein. Jedoch unterbricht jede gegen den Thätcr gerichtete Handlung des Richters die Verjährungsfrist.— Btiiller. Das außereheliche Kind behält den Namen der Mutter, auch wenn feine Eltem sich verheiraten. Es erhält jedoch den Stauen des Vaters, wenn dieser es zu standesamtlichem(oder eventuell zu gerichtlichem) Protokoll als sein Kind anerkennt. Nach dem I.Januar 1900 gcitügt die notariell oder gerichtlich beglaubigte Einwilligung in die andere Namensführung auch dann, wenn der Ehemann nicht Vater des vor der Ehe geborenen Kindes seiner Frau ist.— Pankow. Nein. — K. L. M. I. Falls nicht konkrete(bestimmte) Thatsachen vorliegen, deren Vorhandensein der Verkäufer zu Unrecht behauptet hat, ist der Vertrag gültig. e. Beide Kontrahenten hahen sich derStempelsteucrkontravention schuldig gemacht. Z. Geldstrafe, etwa 20 M. 4. Ja, 6. Ja, aber er kann Schadensersatz ver- langen.— Zwölfjähriger Abonnent. Ja.— E. D. 99., I. X. 500. Nein — F. L. Union. Bis zum I. Januar 1900, wenn dadurch der standes- geniäße Unterhalt Ihrer Familie nicht gefährdet wird, nach dem I. Januar 1900 überhaupt nicht.— G. D. SO. Die mündliche Vereinbarung über Erhöhung des Mietszinses ist ausreichend und gültig.— E. D. 47. Leider würden Sie in» Wege der Klage nichts ausrichten; es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn eö dem bösen Nachbar nicht gefällt.— C. H. 31. Sie müßten sich niit einem Antrag aus Regelung des Erziehungsrechts an das Voruiundschastsgericht wenden. — H. B. 108. 1.— 3. Nein. 4. Eine Art Bankinstitut.— I. B. Sä. Disziplinarstrafe, wahrscheinlich Venveis und Geldstrafen.— F. G. S7. Ja, kündigen Sie, um nicht noch bis zum lö. S. 1901 gebunden zu fein.— W. V. 79. 1. Die näheren Bestimmungen sind uicht veröffentlicht. 2. Geringe körperliche Fehler.— P. R. K. 98. 1.— 2. Nein, denn ein zum Spiel hingegebenes Darlehen ist nicht etnklagbar. 3. Der Besitzer. W. R. K. Die vermögensrechtliche Lage der Eheleute nach geschiedener Ehe richtet sich danach, welcher Teil für schuldig erklärt ist.— G. F. 0. Klage ist nicht erforderlich.— Frau H. 100. Das Geld siele an die Armendircktion.— H. K. 61, Wird das Kind vor dem 1. Januar 1900 geboren, so hat dasselbe und seine Mutter Alimentenanspruch, sonst nicht. — Kulzinsti. Sie können ohne Wartezeit vom Tage der Fälligkeit der Summe ab, also nach Ablauf des 1. Oktober, klagen. Ihre anderen An- fragen gelangen gelegentlich zur Besprechung.— Fensterscheibe. Sie sind zur Zahlung nicht verpflichter.— W. 71. 1. Sie gehört der Straßenbahn- Benlfsgenossenschaft an. 2. Unverständlich.— B. B. 100. 1, 2, 3. Nein. 4. Ja.— Invalide 78. Zur Erlangung der Invalidenrente ist jetzt der Nachweis von 23S, vom 1. Januar 1900 ab der von 200 Klebemarken er- forderlich.— K. M., Moabit. Ein Testament wäre erforderlich. Die Höhe der Kosten richtet sich nach der Höhe des Objekts. Beträgt dasselbe 400 M., so kostet die protokollarische Aufnahme 8 M. Benutzen Sie jedoch den im Briefkasten häufig angegebenen Weg zur Errichiung eines Testaments, so beträgt der Kostenpunkt die Hälfte.— 1000. Nein. — K. K. S. 1. Fällt der Ziehtag an sich auf einen Sonntag, so tritt statt des Sonntags der Sonnabeitd ein. Ziehtag ist mangels anderer Abrede der Zweite. 2. Zuchthaus.— A. L. Eine Beleidigungsklage wäre nicht ohne Aussicht auf Erfolg.— A. B. 100. Ein rechtlich durchführbarer Anspruch steht Ihnen leider nicht zu. OeutscherHolzarbeiter-Verband. Heute, Freitag, abends 8Vz Uhr, bei Cohn, Benthstr. 80-81: Sitzung der Orts- Verwaltung. 'Achtung! Glaser. Achtung! Slm Sonntag, den 1. Oktober, mittags IS Uhr, im Lokale „Arminhallen", Kommandanteustrahe SV: CDeffeull. Versaminluttg Tagcs-Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Clnli. 2. Abrechnung voni Streik. 3. Neu- Wahl der Vertrauensleute.— Pflicht jedes Kollegen ist es, in der Ver- samutlung zu erscheinen.[2931t] Der«ertranensmann. Marmorarbeiter Berlins u. Umgeg. Am Sonntag, den 1. Oktober, mittags IS Uhr, im Lokale „Englischer Garten", Nlexanderstraste S7o: Oelfenil. üersammEung. ... Tages- Ordnung: 1. Der Stand unserer Lohnbewegung. 2. Ver- schicdenes._[274/15]__ Die Lohnkommissio». Achtung! Posamentiere! Sonnabend, 30. September, abends 8V- Uhr, Alte Jakobstr. 7S: Oeffentliche Versammlung sämtlicher Posamenticre und Berufsgenoffe». Tages-Ordnuitg: 1. Der Stand des Streiks. 2. Diskusston. 3. Verschiedenes. DV Es ist Pflicht aller arbeitenden Kollegen, in dieser Versautuilung zu erscheinen. löz/g __ Die r.ohnkominisBlon. Konsum•herein„Berlin- Nord" (Eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht). Am Freifag, den 29. September, nachmittags 2 Uhr: Eröffnung der 1. Verkrunfsstelle ................. Vineta-Platz No. 1. Geöffnet von 8-8 Uhr, Sonnabends bis TO Uhr. Sonntags bleibt das Geschäft geschlossen. JHP" Die Waren werden nur an itglicder verabfolgt und werden dieselben im eigenen Interesse ersucht, ihren Bedarf nur aus der Genossenschaft zu beziehen, da sämtliche Artikel am Platze.— Kenawfnnlinien finden in der Verkanfsstcllc jederzeit statt. 260/9__ Der Vorstand. Deutsch. Metallarbeiter-Verband Vcrwaltnngsstelle Berlin. Freitag, den SS. September, abends SVz Uhr, im Lokale „Lniscnstädtifches Äonzcrthaus", Alte Jakobstr. 37: Bersammlnng der Former. Tages-Ordnung: Beschlußfassuilg über unsere Lohnbewegung. Jeder Former und Berufsgenoffe muß anwesend sein. Verein deutscher Schuhmacher Sonnabend, den SO. d. M. abends LThr: Uttgliederversammlultg der Schafte-Branche bei diebiUer, Rosenthalerstrahe Nr. 57. 170/10 Zahlreiches Erscheinen erwartet Hie Ortsvenvaltung. Am rioilutag, den I. Oktober, vormittags 10 Uhr, im Lokal deS Herr» Leder, Biömarckstrnstc 74: Nttslttiimlung für ChiU'lottkllbilrg. Tages- Ordnuilg: Die gegenwärtigen Streiks und Lohnbewegungen in der Metallindustrie. Referent Alwin Börsten. 114/9 Die Ortsversvaitnnjg. FacliYerein der Musikinstrumenten- Arbeiter und Berufsgenossen Berlins und Umgegend. Montag, den S. Oktober 18S9, abends 8�» Uhr: Mitglieder- Bersammlnng bei Herrn G r a« m a n», Ra»l>yi>str. 27. Tages- Ordnung: 1. Vortrag. S. Diskussion. 3. Vereinsaiigclegeiihciteli. Die Mitglieder werden ersucht, recht pünktlich und zahlreich zu erscheinen. - Sonnabend, den 14. Oktober 1800: Stiftungs�Fest in SchnegreJsbergs Festsälen, Hasenheide 21. Billets sind zu haben im Arbeitsnachweis, Naunynstr. 78 bei Herrn Krandniann und beim Vorsitzenden<4. Darsow, Grünauerstraße 2ä, Herren SO Pf., Damen 2S Pf. 142/17 Unterrichten Sie sich! über das Micisrecht nach dem neuen Bürgerlichen Gesetzbuch. Erschöpfende Aliskunft hierüber giebt die Broschüre: s2S10L» M Rechte«ä Pflichte« m Mieters von Rich. Lipinski. Preis einschließlich Porto 83 Bkennige. Zu beziehen durch alle Buchbandlungen und den Verlag von Rtcta. idplnski, Leipzig. Reudiiitzeritrasre 11.__ Wilmei'sdoB'f. Jeden Sonntag: Grosser Bali. Der große Saal mit Bühne steht auch Sonntags den geehrten Vereinen zu Festlichkeiten zur Verfügung. Einige'Sonnabende sind ebenfalls noch frei. s261(>L*] Emil Witte. Chapl Ottenburg, 100 Berlincrstr. 109, empfiehlt speciell heiße Sand-, Trockenliist-, Loh-, Tannin-, Dampfbäder, täglich für Damen und Herren von 8 Uhr morgens bis 9 Uhr abendc-, Sonntags bis 1 Uhr. Bäderlieferung für sämtliche Krankenfnssen. s2S8SL* Wilhelmsbad, Zähne 211 10 Jahre Garantie. Vollkommen schmerzloses Zahnziehen 1 M. Plomben 1,50 M. Teilzahl, wöchentl. 1 M. Xalmarzt Wolf. Leipzlgerstr. 22. Sprachst. 9-7. Noacks Festsäle Brniincnstr. 16.[29146 Sonnabend, den 4, November: Umstiiildehalber freiismorbe« Hirschfleisch Ncrwlchtt Anse 50 11. 55. Kanineben 75; Hasen, iliihncr, Unten, Tauben. A. Ritsehl, DrMilttflr. 61. 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Lebensjahre. 29376 Dies zeigen tiefbetrübt, um stille Teilnahme bittend, an Berlin, den 26. September 1899. Frau Ang. Xickel nebst Sohn, Vreslauerstr. 21. Die Beerdigung findet am Sonnl-ag, den 1. Oktober, nachm. 4Uhr, von der Leichenhalle des St. Gcorgcn-Kirchhofö, Landsberger Allee 21/23, auS statt. MM 14 Tagel aus Probe versende ich überall hiw[26068* l ßarzer Kmckll-Mel. Bitte verlange» Sie Preisliste frei hin von Ij. G. Müller. Bvgel- züchterei, Nordhanse» a. H. Empfehle Freunden».Genossen mein Weiß- it. Bqr.-Bitt-LM. Bobert Dieseler, ISTi"; Chart otkenburg. M. Schmerberg[22908* Wllmsrsdo rferstrasseia?,' Uhrmacher und Goldarbeiter. Grobes Lager von Bkren and Goldwaren zu äuß. bill. Preisen. optische Artikel. Ohrlöchtt werd. schmerzlos gestochen. ophastoffe auch Nohe■ i» Rips, Damast, ErSpe. Phantasie,(Sobeli» und Plüsch spoltbillig![24208* Zqzx- Proben frnnco!"W Süiiicrttoiit"'m a"m"n Emil Lefevre, zu Fabrikpreisen. Berlin Orniiieustr. Nr. 159. 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Friedrlchsbcrg: Anton Kopp. Friedrich Karlpr. 4. Pankow: Kiimmcrt, Kaiser Friedrichstr. lc>. Bixdorf: E. Ostcrman», Ercksir. 6. E. Resserau, Hermaiinstr. 50. «dittneberg: Wilh.Bnumler, ÄpaslciPauIusstclZ. �Veissensee: Heinrich Bachmanii» Lehderstr, 1. Julius Schillert, Köniachanssec 39a. Roh. Lichichwager, Gllftav-Adolf« straße 16. Verantwortlich» Redacteur: Robert Schmidt in Berlin. Für deu Inseratenteil veraimvortUch: Db. Glocke in Berlin. Dmck und Verlag von Mar«adiug tu Berlin. fftti&l( V, sTsamrats j i- iVQ, P n r iX'/ve 'Deut ransn Prelordz ir. 228. i6. m%m. 2. Ktilllge des„Kmiills" Dttlim Mlksdllltt. Freiw. 29.5.»tmdn 18SS. \ Bisen lathnen Gold/älder -- Kalel ----- �-Damofer/inien �jryr Cy r owr ißast-Cosidor*\J WW&telk__\ /-'.jrf fnsf BsSStoi ferfin JQK Die Zllstände in Süd-Afrika erregen gegenwärtig die ernsteste Aufmerksamkeit aller Politiker. Es kommt hinzu, daß die Frage des Besitzes der Delagoa-Bai ihrer Entscheidung entgegenzugehen scheint. In unserer beistehenden Karte ist eine Uebcrsicht über die Besitz- Verhältnisse ganz Süd-Afrikas gc- geben, welche sowohl Deutsch- Südwest-Slfrika als auch uocb den südlichen Teil der portugiesischen Kolonie an der afrikanischen West- küste, Angola, umsaht, im Norden bis zu den südlichen Gebieten des Kongostaates und Deutsch-Ost- Afrika hinaufreicht, im Osten ganz Portugiesisch-Mozambique sowie lveiter die inneren Gebiete Süd- Afrikas, die sich in englischem Besitz befinden, darstellt. Durch die mit verschiedenartigen Signa- tureu gezeichneten Umgrenzungen der einzelnen Gebiete treten dem Leser die Besitzverhältnisse in Süd-Afrika sofort deutlich vor Augen. Die Delagoa-Bai nähert sich am meisten der Ostgrenze Trans- vaals und von der Stadt Lorcnzo Marques aus führt bekanntlich eine zum großen Teil mit deutschem Kapital gebaute Bahn nach Trans- vaal hinein. Diese Bahn sowie der Hafenort bilden daS begehrenswerte Objekt für England, und es ist wiederholt schon gemeldet worden, wenn auch noch nicht bestätigt, daß Portugal die Dcla- goa-Bai an England verkauft habe. An allen Einfallspunkten der englischen Grenze haben dieVoereu starke Verteidigungsstelliingen geschaffen, ivelche auch bei einer Offensive des holländischen Hirten- Volkes nicht wertlos sein werden, da sie dann die Stützpunkte des Vormarsches und die immer be- reiten Sicherungen eines etwa nötigen Rückzuges bilden. Vevsanrntlungen. Der Wahlvercin für de» sechsten Reichstags- Wahlkreis hielt am Dienstag eine Versammlung im„Wedding-Kasino", Schul- stratze 27, ab. Als der Vorsitzende Max Kiesel die Versammlung eröffnete, erhob sich der überwachende Polizeiliciitenant mit den Worten:„Sie haben mir erst die Anmcldnngsbcscheinignng vor- zuzeigen." Kiesel:„Das habe ich nur nötig, wenn Sie es vcr- langen. Sie haben es aber bis jetzt noch nicht verlangt." Lieutenant:„Sie haben mir. che Sie die Vorinmnilnlig eröffnen, die Bescheinigung hierher zu bringen. Glanben Sie denn, daß ich Ihnen»achlnufcn werde?" Kiesel:„Herr Lieutenant, das Verciusgesetz schreibt vor, daß ich Ihnen auf Ihr Verlangen die Bescheinigung vorzulegen habe, nicht aber, daß ich sie Ihnen nnauf- gefordert vorzeigen muß!" Lieutenant:„Nun, dann zeigen Sie mir die Bescheinigung." Kiesel:„Bitte, hier ist sie." Lieutenant:„Ihr Stand?" Kiesel:„Das steht ja in der Bescheinigung." Lieutenant:„Da steht nur der Name. Welches ist Ihr Stand? Kiesel:„Cigarrenarbeiter." Damit war dieser Zwischenfall erledigt, und nunmehr nahm Genosse M a r k w a l d das Wort zu einem Vortrage, in welchem er das Per- halten der bürgerlichen und andererseits der socialdemokratischen Stadl- verordneten gegenüber einer Reihe wichtiger kommunaler An- gelcgcnheiten schilderte und zeigte, daß jeder, der eine konsequente Vertretung der Interesse» der breiten Volksmasse wolle, nicht anders als sociaidemokratisch wählen könne.— Die Genossen H i n tz c. Tausche!, Pfeifer und L e h m a n n ergänzten die Ans- führungcn des Rcscrcnten. Die Versammlung nahm eine Resolution an, durch welche sich die Genossen verpflichten, trotz der Erbärmlichkeit des Dreiklassenwahl-Gesetzes mit ganzer Kraft für die Wahl social- demokratischer Stadtverordneter einzutreten. I» Rixdorf fand am 24. d. M. eine Versammlung der Kutscher. Mitfahrer, Hausdiener und Packer statt, in welcher zunächst der Genosse Ad. H o f f m a n n über„Aus was wir stolz sind" referierte. Nach dem mit großem Beifall aus- genommenen Vortrag folgte die Besprechung über die Gewerbe- gerichtswahlen. Kollege Rein hielt das einleitende Referat. Er erläuterte in kurzen Zügen die Entstehnng und die Einrichtung des Gewcrbcgcrichts und weift darauf hin, daß dasselbe große Vorteile für jeglichen Berns bietet. Er ermahnt alle, dafür Sorge zn tragen, dag die aufgestellten Kandidaten der Berufskollegen gc- wählt werden. Ebenso sei es Pflicht eines jeden, sich an der Wahl zu beteiligen. Der Vorsitzende Mohr teilt sodann mit, daß von feiten des Gewerbekartells Fischer und Weiß als Kandidaten aufgestellt sind und empfiehlt die Annahme dcS Vorschlags, ivgS auch einstimmig erfolgt. Nach Erledigung einiger interner An- gelegcnhciten wird die Versammlung geschlossen. Miihlcnbcck. Da in unserem Orte kein Versammlungslokal zur Verfügung steht, sand am Sonntag eine öffentliche Versammlung in dem benachbarten Orte S u m t statt. Die Versauimlung beschäftigte sich hauptsächlich mit der Lokalsrage. Genosse Frciwaldte Pankoiv gab den Bericht über den schon seit Jahren sich hinziehenden Kampf zwischen den Arbeitern und Saalinhabcrn Mühlcnbecks. Große Heiterkeit erregte es, als der überwachende Bcaune den Genossen F r e i w a I d t unterbrach, sich an den Rand des Podiums stellte, und zur Versammlung gewendet. den Vorsitzenden ersuchte, den Redner zu unterbrechen, weil derselbe aus- führte,„der Gastwirt Grothe und Ortsvorstchcr Grothc sind vcr- schwägert". Das ist eine Beleidigung, die darf ich nicht dulden— sprach» und setzte sich unter dem homerischen Gelächter der Ver- sammlnug. In der Diskussion wurde gerügt, daß etliche organisier� Maurer Mühlcnbecks trotz der Sanlspcrre und des Beschlusses, die Lokale zn meiden, dort verkehrten. Eine Resolution, den Kampf gegen die Mnhlenbecker Gastwirte weiter fortzusetzen, Ivnrde angenommen. Weiter wurde beschlossen, die von der Agitationskommission hcransgcgebeuo Zeitung„Die Fackel" zu abonnieren. In die ausgelegten Abonncnicntslistcn zeichneten sich säst sämtliche Teilnehmer der Versammlung ein. Mit einem Hoch auf die socialdcmokratischc Arbeiterbewegung wurde die stark besuchte Vcrsanunlung geschlossen. Die Hauslisten für das Adreßbuch, Jahrgang 1900, sind nunmehr den Herren Hauseigenthümern bezw. Verwaltern zur Weitergabe-an die verehrlichen Haushaltungs-Vorstände zugegangen. Die letzteren werden hiermit gebeten, die erforderlichen Angaben recht genau und deutlich in die Hauslisten einzutragen und diese schnell weiter zu geben. Da die Abholung der Hanslisten Dienstag, den 3. Oetober, beginnt, so richte ich an diejenigen Hanshalwngs-Vorstältde in Berlin, denen die Hauslisten bisher noch nicht vorgelegt wurden, das Ersuchen, bei ihren Herren Hauseigenthümern oder Verwaltern wegen der Liste Nachfrage zu halten und für die schleunigste Eintragung der erforderlichen Angaben Sorge zn tragen oder mir diese Angaben unverzüglich direct zugehen zu lassen. Im Hinblick daraus, daß die Bewohner der Neichshauptstadt das größte Interesse an einem vollkommenen und zuverlässigen Adreßbuche haben, darf ich wohl erwarten, daß alle Einwohner durch recht genaue Ausfüllung der Hauslisten und durch deren schleunige Weitergabe die iiuihevolle und kostspielige Zusammenstellung des Adreßbuchs unterstützen werden. r.TWttinrwi.! rn,, rmtst_ Adrrbliuch für Werttn und Aororte WDI Berlin, den 28. September 1899. SW. Zimmcrstraße 39/41. August Scherl» Kür de» J»li»lt der Inserate iibcriiiuimt die Ncdaktio» dein piidlikm» qe�enülier keinerlei BerantNiortiing. Elzrnkev. kzrcttag, den 29. September. Neues Opern- Theater(Kroll». Geschloffen. Opernhaus. I. Sinsouie-Abend der kiwigl. Kapelle. Anfang 7 Uhr. Schauspielhaus. Ewige Liebe. Auf. 7Vz vhr. Deutsches. Kollege Crampton. Ans. 7l/z Ulir. Lessing. I�a.?rinoipsssa(ilior�io. Anfang?>/- Uhr. Berliner. Götz von Berlichingen. Anfang 7'/, Uhr. Schiller. Nora. Anfang 8 Uhr. Nene?. Colinette. Auf. 7>/z Uhr. Westen. Die Reise nach China. 'Anfang 7Vz Uhr. Thalia. Der Platzmajor. Anfang 7>/z Uhr. Nesidenz. Der Schlafwagen- Eon- trolcnr. Vorher: Zum Einsiedler. Ansang 7V, Uhr. Luisen. Romeo und Julia. Anfang 8 Uhr. Cculral. Die Geisha. Anfang 7Vz Uhr. Ostend. Um tausend Mark. Anfang � 8 Uhr. Victoria. Die»veige Henne. An- fang 7Vz Uhr. Friedrich- Wilhel,»städtisches. Die Reise»ach der Teufclsinsel. Anfang 8 Uhr. Mctropol.. Berlin lacht. Anfang 7H-2 Uhr. Apollo. Iran Lnna. Specialitäten- Borstclliiiig. Anfang 8 Uhr. Neichshallen. Stcttiner Sanger. Anfang 8 Uhr. Passage- Paiiuptikniu. Speciali- ifftrn-Vorstcllnng. Urania. 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AuZ bem Inhal! heben wir hervor: Zm» Kitraerlichen Eeletzbnch fW-eko-rlrag, k-----—'— Nechlsstellung der Oherecht, uneheliche recht).— Die Relchztaziuiahlen von 1898 mit Angabe der in jedem Wahlkreise auf jede Partei abgegebe- ne» Stlinmen. unier Beifügung der lepaldemotrattschen Zihnmen und Prozentsätze von iSotz.— vortral!« una Sloaraphirn der sviinldniiokratifchen Uei»»wae- Adarordneteu. — Äie sojiirldemvliratlkchen Zaildtagsabgeordneten i» den cii>|el»r» SuiidevKaaten. � Adressen n»d Amlsb-kirhe der Fadrihlnfprbtorrn, der deut- Iche»»Üewrrlikchnfts- Vrganlka» tivuen»nd Arbeitrrkrhrrtarlatr, SebüHrenlarlfe kür Telegramme, Porlotaren, Einnahme- und Ausgabelabellen zc. Wie die früheren Jahrgänge durfte auch der für l!K» feilte freunde befriedigen. Ter Verlag war insveton- dere deftrebr, auch den diesjährigen Kalender»u einem piaktizchen Nachschlageduch fiir Lmel'tiZchAftei» � zu gestallm. Duchhaudluiig Vorwärts glrrllit SW., ScntljSr. 2. Neichshallen. 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