Unterhalt, ingsblatl des Vorwärts Nr. 72 Freitag, den 12. April. 1901 (Nachdruck verboten.) »1 A v b e i k: Roma» in drei Büchern von Emile Zola. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold Nosenzweig. II. Bonnaire, der Puddelmeister. einer der besten Arbeiter der Werke, hatte im letzten Streik eine große Rolle gespielt. Ein intelligenter Kops und ein Mann von stürkem Rechts- gcfühl, den die Unbill des Lohnsklavcntums empörte, hatte er sich aus der Lektüre der Pariser Blätter, die er eifrig las, eine revolutionäre Theorie destilliert, die freilich große Lücken hatte, die aber aus ihm einen ziemlich klar bewußten An- Hänger der kollektivistischen Doktrin niachtc. Im übrigen war das, wie er mit dem schönen, klugen Gleichmaß des gc- sunden, � arbeitsamen Manns sagte, ein Zukunftstraum, der eines fernen Tags in Erfüllung gehen mochte; inzwischen handelte es sich aber darum, so viel Gerechtigkeit, als äugen- blicklich erreichbar war, zu erkämpfen, damit die Genossen so wenig als möglich litten. Seit einiger Zeit war der Streik unvermeidlich geworden. Drei Jahre vorher waren die Werke unter den Händen Michel Qurignons, des Sohnes Monsieur Jeromes, bis an den Rand des Ruins geraten. Da hatte der Schwiegersohn Jeromes, BoiSgelin, ein eleganter Pariser Lebemann, der dessen Tochter Suzanne geheiratet hatte, sich entschlossen, mit den stark geschmolzenen Resten seines Vermögens die Werke zu kaufen, und zwar auf den Rat eines armen Vetters, Delaveau, der die Garantie übernommen hatte, daß die Werke ein dreißigprozentiges Erträgnis des investierten Kapitals liefern würden. Und seit drei Jahren machte Delaveau, ein tüchtiger Ingenieur und rastloser Arbeiter, seine Versprechungen wahr, leitete das Unternehmen mit starker und energischer Hand, machte seinen Willen bis in die letzten Einzelheiten geltend, und hielt alle Untergebenen in eiserner Disciplin. Eine der Ursachen des Untergangs Michel Qurignons war eine schwere Krise, die über die Metallindustrie der Gegend hereingebrochen war, als die Schienen- und Trägererzeugung anfing un- rentabel zu werden, infolge der Entdeckung eines neuen chemischen Verfahrens, welches die Ausbeutung bis dahin zu magerer Erzlager im Norden und Osten mit ungemein geringen Kosten ennöglichte. Die Stahlwerke von Beauclair konnten den gedrückten Marktpreisen nicht mehr folgen. und der Ruin war unabwendbar. Aber die geniale Idee Delavcaus bestand eben darin, die Fabrikation von Schienen und Trägern, die der Norden und Osten zu zwanzig Centimes das Kilo lieferte, ganz aufzulassen, und sich auf die Herstellung von Objekten feinerer Art zu werfen, die eine sorgfältigere Ausführung erfordern, von Kanonen und Ge- schössen zum Beispiel, für die zwei bis drei Frank pro Kilo erzielt werden. Damit war das Gedeihen der Werke wieder gesichert, das Geld, das Boisgelin hineingesteckt hatte, lieferte reichen Ertrag. Die Umwandlung erforderte jedoch natür- licherweise eine neue maschinelle Einrichtung und geschicktere, sorgfältigere Arbeiter, die besser bezahlt werden mußten. Die ursprüngliche Veranlassung des Streiks lag in dieser Lohnerhöhung. Die Arbeiter wurden für die hundert Kilo bezahlt, und Delaveau gestand selbst die Notwendigkeit neuer Lohnsätze zu. Aber er wollte unbedingter Herr der Situation bleiben und besonders jeden Schein vermeiden, als gehorche er den Geboten seiner Arbeiter. Von jeher nur im Vovstcllnngskreis seiner Berufsinteressen lebend, eine befehls- haberische Natur, starr an seinen Rechten festhaltend, wenn auch bemüht, billig und gerecht zu sein, erachtete er be- sonders den Kollektivismus für eine zersetzende Phantasterei und erklärte, daß solche Utopien zu filrchtbaren Katastrophen führen müßten. Und der Zwiespalt zwischen ihm und der kleinen Welt von Arbeitern, über die er herrschte, hatte sich verschärft an dem Tage, wo es Bonnaire gelungen war, eine Vcrteidigungsgewerkschaft ins Leben zu rufen; denn wenn Delaveau die Hilfs- und Pensionskassen, sowie auch die Arbeiterkonsumvereine zugestand, indem er anerkannte, daß es dem Arbeiter nicht verwehrt werden könne, seine Lage zu erleichtern, so war er ein heffiger Gegner der Gewerkschaften, der Jnteressenvereinigungen, in welchen sich die gemeinsame Aktion organisiert. Von da ab trat der Kampfzustand ein, Delaveau zeigte den größten Mangel an gutem Willen bei der Revision der Lohnsätze, er glaubte sich ebenfalls bewaffnen, die Werke gewissermaßen in Belagerungszustand erklären zu sollen. Seitdem er so die rauhe Seite hervorkehrte, beklagten sich dieÄrbeiter, daß sie keine persönliche Freiheit mehr hätten. Sie wurden genau überwacht in ihren Handlungen, in ihren Gedanken, seihst außerhalb der Werke. Diejenigen, welche sich unterwürfig und schmeichlerisch zeigten, vielleicht auch spionierten, genossen die Gunst der Direktion, während die Stolzen und Unabhängigen als gefährliche Menschen be- handelt wurden. Und da der Chef, als Konservativer und instinktiver Verteidiger des Bestehenden, offenkundig nur Leute haben wollte, die ihm ergeben waren, so thaten alle seine Untergebenen, die Ingenieure, die Werkmeister. die Auf- jeher noch ein übriges und forderten mit unerbittlicher Strenge Gehorsam und das, was sie gute Gesinnung nannten. Bonnaire, in seinem Freiheits- und Gerechtigkeitsgefühl verletzt, stand natürlich an der Spitze der Unzufriedenen. Er begab sich eines Tages mit einigen Kameraden zu Delaveau, uni ihre Beschwerden vorzubringen. Er sprach sehr freimütig, was aber nur zur Folge hatte, daß der Chef aufgebracht wurde und sich in der Frage der Lohnerhöhung ungefügiger als je erwies. Er glaubte nicht an die Möglichkeit eines allgemeinen Streiks seiner Leute, denn die Metallarbeiter sind schwer erregbar, und seit Jahren hatte es in der Hölle keinen Streik ge- geben, während die Minenarbciter in den Kohlengruben von Brias alle Augenblick in den Ausstand traten. Und als dieser allgemeine Streik entgegen seiner Annahme dennoch ausbrach, als eines morgens kaum zweihundert Arbeiter von tausend antraten und er den Betrieb einstellen mußte, da versetzte ihn dies in einen solchen verbissenen Zorn, daß er fortan ganz starrsinnig und unnachgiebig wurde. Er begann damit. daß er die Delegierten der Gewerkschaft mitsamt Bonnaire vor die Thür setzte, als sie zuni Zweck von Unterhand- lungen zu ihm kamen. Er sei Herr in seinem Hause/ der Zwiespalt bestehe zwischen ihm und seinen Arbeitern, und er habe es nur mit seinen Arbeitern zu thun. Bonnaire kam also, blas von drei Kameraden begleitet, wieder. Aber sie er- reichten von ihm nichts als Argumentationen und Vcrcch- nungen, die darauf hinausliefen, daß er das Gedeihen der Werke in Frage stellen würde, wenn er die Löhne erhöhte. Man habe ihm Kapitalien anvertraut, man habe ihm die Leitung eines Werkes übertragen, und seine unverrückbare Pflicht sei es, dafür zu sorgen, daß die Werke gewinnbringend blieben, daß die Kapitalien den versprochenen Ertrag ab- würfen. Sicherlich verschloß er sich der Menschlichkeit nicht, aber er glaubte vollkommen ehrenhaft zu handeln, wenn er die Verpflichtungen erfüllte, die er auf sich genommen hatte, und aus den Werken, die er leitete, so viel Gewinn als möglich zog. Alles andre war nur Träumerei, sinnloser Optimismus, gefährliche Utopie. Und so war es gekommen, daß nach mehreren ähnlichen Unterredungen, wobei jede Partei ihren Standpunkt immer schroffer hervorkehrte, der Streik volle zwei Monate gedauert hatte, verderblich ebenso für die Arbeiter, deren Elend dadurch bis zur Unerträglichkeit gesteigert wurde, wie für das Werk, dessen ganzer Mechanismus feierte und in seiner Brauchbarkeit Abbruch erlitt. Endlich hatte man sich gegenseitig Zugeständnisse gemacht und sich auf die neuen Lohnsätze geeinigt. Aber noch eine Woche lang hatte sich Delaveau geweigert, einzelne Arbeiter wieder aufzunehmen, die, welche er die Rädelsführer nannte, und unter denen sich Bonnaire befand. Er nährte einen starken Groll gegen diesen, obgleich er anerkannte, daß er einer seiner geschicktesten und nüchternsten Arbeiter war. Und als er endlich nachgab und ihn gleich den andern wieder aufnahm, erklärte er. daß er nur dem Zwang weiche, daß er etwas thue, was ihm gegen die Natur gehe, bloß um Frieden zu haben. Als Bonnaire dies hörte, hielt er sein Urteil für ge- sprachen. Zuerst wollte;er sich nicht in dieser Weise de- gnadigen lassen und weigerte sich, seinen Posten wieder einzunehnien. Aber als die andern Arbeiter, die ihn sehr liebten, erklärten. daß sie ohne ihn nicht antreten würden, hatte er in schöner Selbstüberwindung nachgegeben, um nicht Schuld an einem neuen Bruche zu tragen. Die. Genossen hatten genug gelitten, sein Entschluß' war gesaßt. er, Wollte das einzige Opfer sein, ohne daß ein andrer die Kosten des errungenen halben Sieges zu tragen habe. Und so hatte er denn am Donnerstag zugleich mit den andern die Arbeit aufgenommen, aber mit dem stillen Entschlüsse, am Sonntag auszutreten, da er überzeugt war, daß seines Bleibens nicht länger sei. Er vertraute sich niemand an, sondern verständigte einfach am Sonnabendmorgen die Direktion, daß er am Abend austrete; und wenn er diese Nacht noch in der Hölle arbeitete, so war es lediglich, weil er eine be- gonnene Arbeit zu vollenden hatte. Er wollte als gewissen- hafter, ehrlicher Arbeiter abtreten. Lucas nannte dem Thorwächter seinen Namen und fragte, ob er unverzüglich mit dem Puddclmeister Bonnaire sprechen könne, worauf der Thorwächter ihm ohne weiteres die Halle im zweiten Hof links bezeichnete, wo sich die Puddelöfen und die Walzwerke befanden. Die schlecht gepflasterten Höfe glichen infolge der Regen der letzten Tage einem Sumpfe; sie waren durchkreuzt von einem Gewirre von Eisenbahn-Geleisen, durch welche sich das Geleise zog, das die Werke mit dem Bahnhof Beauclair verband. Unter dem blassen Licht der Bogenlanipcn, durch die Schatten, welche die Maschinenschuppeu, der Härteturm für die Kanonen, die ungeschlachten, wie einer barbarischen Kultur entstammten Fornien der Cementieröfcn warfen, glitt eine kleine Lokomotive langsam bald vor, bald zurück, indem sie von Zeit zu Zeit einen scharfen WarnungSpfiff ausstieß, damit ihr niemand unter die Räder gerate. Das aber, was den Besuchern der Werke zuerst und am stärksten zu Bewußt- sein kam, das war der betäubende Doppelschlag der beiden Schnellhämmer, die da gleich vorn in einer Art Keller unter- gebracht waren, deren Köpfe in rasendem Tempo auf das glühende Eisen niederschlugen und es mit ihren stählernen Stirnen in wenigen Sekunden flachdrücktcn, ausdehnten und zu Stangen streckten. Die Arbeiter, die hier beschäftigt waren, die Strecker, waren stille, schweigsame Leute, die sich inniitten dieses unaufhörlichen, entsetzlichen Getöses nur durch Zeichen verständigten. Nachdem Lucas ein niedriges Gebäude passiert hatte, in welchem zwei andre Hänimer wüteten, erreichte er den zweiten Hof. auf dessen durch- wühltem Boden Haufen von Roheisenstücken darauf warteten. der Bearbeitung zugeführt zu werden. Einige Männer verluden gerade ein mächtiges Guß- stück. eine Schraubenwelle für ein Torpedoboot, auf einen Eisenbahnwagen, den die kleine Lokomotive sodann fortführen sollte. Diese kam eben mit lauteni Pfiff heran und zwang ihn, ihr auszuweichen; er folgte einem schmalen Gang zwischen symmetrisch aufgeschichteten Masseln, dem Roh- Material, und erreichte so endlich die Halle der Puddelöfen und Walzwerke. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten). so) Die bunte Deihv. Berliner Roman. Bon Fritz Mauthner. Bohrmann glaubte, sein Freund phantasiere, und suchte ihn zu beruhigen. Der aber war einmal ins Beichten ge- raten und beichtete abscheuliche, widerwärtige Dinge. Der Lehrer war nur froh, mit ihm allein zu sein. Tann hob sich plötzlich wieder Konrads Mut. Man glaube, ihm die Kon- Zession schon abgekauft zu haben. Aber man täusche sich in ihm. Lopinsky werde bald abgewirtschaftet haben. Er allein werde die Zügel der Direktion in die Hand nehmen, er werde den Karl Moor spielen und den Franz Moor dazu, an einem Abend, und den Kerl, von dem jetzt so viel die Rede sei, na, den Kerl mit dem Säuferwahnsinn und den Ge- spensterstücken, den werde er Sonntagnachmittags saufführen. die Gespenster bei bengalischer Beleuchtung und ver- dunkeltem Zuschauerraum. Gespensterstücke müßten sein. Und einen Schiller- Cyklus werde er zusammenschlagen, daß das königliche Schauspielhaus wackeln solle. Wackeln I Den ganzen Wallenstein an einem Abend werde er herausbringen, und den Wallenstein werde er selber hinlegen, in einem ganz neuen Panzer und mit hohen Lederstiefeln. Da, im ersren Teil, komme ein schönes Lied vor, das werde er ganz allein singen. Er habe eine schöne Stimme. Jeden Tag könnte er predigen. „Ein freies Leben führen wir, ein Leben voller Wonne l" Bohrmann war trotz seiner poetischen Ader zu fremd in der Literatur, um alle Irrtümer seines Freunds zu bemerken. Nur daß das Näuberlied nicht in den Wallenstein gehöre, fiel ihm auf, und er korrigierte es. Das sei ganz einerlei, rief Konrad.- Das sei Pedanterie. Schürzen-Stipendiaten sollten keine Pedanten sein. Er habe sich auch nur versprochen. Er wisse ganz gut, als Wallen- stein habe er zu fingen:„Wohl auf. Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!" Und ein Pferd werde er auf die Bühne bringen. daß die Spießer bis auf die siebente Reihe zittern sollten. Einen Rappen! Mit den hohen, gelben Stulpenstiefeln werde er sich auf den Rappen schwingen. Und überhaupt, er werde den halben Wallenstein zu Pferde spielen. „Nuancen wird das geben, Bruder, Nuancen, sag' ich Dir! Ohne Nuancen ist alles Quark." Es war merkwürdig, wie sachlich er sprach, wie hübsch und überzeugt er aussah, wenn dieser Geist über ihn kam. Bohrmann glaubte nicht, daß der Direktor noch die sittliche Kraft zu seinen Reformen haben werde. Aber es lebte doch offenbar ein edles Streben in ihm. Bon Zeit zu Zeit erwachte in Bohnnann das Behagen daran, unter so ernsten Gesprächen, so vornehm und mit so rasender Schnelligkeit durch die Welt zu fahren. Von den Einrichtungen der ersten und zweiten Klasse wollte er seinem Siegfried erzählen, und auch der treuen Freundin seines Sohnes, der edlen Kläre Reynrond, die so aufmerksam zuzuhören wußte. Er tastete nach seiner Brusttasche, ob der Vertrag für Fräulein Reyinond noch da sei. Das war wenigstens ein Glück ohne Reue, das er aus Ostende mitbrachte. Je mehr sie sich Berlin näherten, desto häufiger mußte er an Fräulein Neymond denken. Er hatte nichts Arges im Sinn, aber er hätte sich für sein Leben gern über das Ge- heimnis beruhigen lassen, das zwischen Konrad und Fräulein Kläre Reymond bestand. Die Sonne war untergegangen, und sie hatten nur noch eine Stunde bis Berlin. Da sagte Bohrniann leichthin: „Nicht wahr. Konrad, Fräulein Rehmond ist doch ein großes Talent für die Bühne?" Konrad antwortete nicht gleich. In der Dänunenmg blickte er zum Fenster hinaus, als ob er nicht gehört hätte. Dann kam es aber wie aus einer geöffneten Schleuse. Johannes solle sich schämen, solle nicht so neugierig sein. Kläre sei das vornehmste Geschöpf, das er auf seinen Lebenswegen kennen gelernt habe. Ihr einziges Geheimnis sei ihm heilig. Eher werde er sich die Zunge abbeißen, als es verraten. Und ohne sich zu unterbrechen, gab er das Geheimnis zum besten; ausführlich, mit predigerhafter Moral und dann wieder boshaft, erzählte er, was er wußte und was er dachte. „So ist sie zu mir gekommen," schloß er.„Die eine unselige Stunde mit D... hat keine Folgen gehabt... Eine andre hätte geschwiegen oder hätte sich aufgeblasen mit der Liebe des berühmten und schönen Heldenliebhabers. Kläre aber handelte nach dem vierten Gebot, sie ging hin zu ihrem Herrn Vater und beichtete ihm alles. Und dieses übertünchte Grab, dieser alte Esel, dieser Rektor an der Bürgerschule, dieser Pharisäer, dieser geschminkte Tragödien- vater hat sie aus dem Haus gejagt. Mach' Dir die Sache klar, Johannes, und Du kannst es auf die Bühne bringen. Der Herr Rektor erzieht fein Kind zum Deklamieren und zum Paradepferd der Klasse. Der Herr Rektor macht sein Kind verrückt, der Herr Rektor setzt ihr die Raupen in den Kopf, der Herr Rektor läßt sie von dem berühmten und schönen Heldenliebhaber bei Gelegenheit seines Gast- spieles prüfen. Der Herr Rektor schickt das siebzehnjährige Ding dem Heldenliebhaber in sein Hotelzimmer. Allein! Zu ihm l Und nachher jagt er sie aus dem Hause. So ist sie zu mir gekommen. Ich hatte damals ein famoses Ensemble in Halle. Der berühmte D... spielte bei mir. Lauter volle Häuser. Im Egmont habe ich selbst den Oranien gespielt, großartig sage ich Dir. Da empfiehlt mir nach der Ab- rechnung, das war bei mir immer nach dem zweiten Akt, der Kerl das arme Mädel. Ich sollte sie nicht verachten, weil sie sein war. Wir haben beide gelacht, wir Schufte. Und so habe ich sie engagiert. Laß niich in Ruh, Johannes, und wenn Du an Gott glaubst, so freue Dich, daß dereinst ein herrlicher Engel mehr vor dem himmlischen Thron singen wird." Konrad streckte sich aus und schloß die Augen. Bohrmann schwieg tief erschüttert. So habe auch dieses anue Fräulein Reyniond eine Schuld zu bereuen l DaL hätte er nie geglaubt. Aber gut war sie doch, und er nahm sich vor, sie nicht merken zu lassen, daß er ihren einzigen Fehllritt kannte. Er mußte bitterlich weinen. Stoßweise, wie aus dem Schlaf, begann Konrad wieder: „Und jetzt glaubst Du, sündiger Mensch, sie sei nachher meine Geliebte gewesen... Alles habe» ich ihr geboten, alles hat sie abgelehnt... durch den Schmutz ist sie geschritten, und selbst der Rand ihres Gewandes ist rein geblieben wie ein Tautropfen in einer Rosenknospe... nichts hat sie verführt... nicht einmal meine Konzession. Meine Schuld war es nicht, daß sie ein Engel geblieben ist in meiner Nähe... dann freilich bin ich selbst brav geworden, ein braver Schuft, ein reuiger Sünder... wie ein treuer Hund... vor ihrer Kammerthür, hinter den Coulissen... wie ein treuer Hund, und seitdem weiß sie... nichts hat sie gelernt, nicht den Kopf gerade halten, und nicht einen Ann bewegen... auf der diesseitigen Bühne wird sie nie die Anne bewegen können... drüben aber, vor dem himmlischen Throne, wo man in die Augen sieht, ins Herz, in die Nieren, da werden die himmlischen Heerscharen kommen und sie be- grüßen... Sie ist die Kunst... sie ist die Reinheit... heilige Elisabeth... was?... laß niich schlafen." XXVII. Auf dem Bahnhofe Alexanderplatz erst hatte sich Konrad erwecken lassen. An Ort und Stelle mußte die siegreiche Heimkehr trotz Bohrnianns Widerstreben mit einer Flasche Wein begossen werden, die der Direktor fast allein austrank. Dann mußte eine Droschke genommen werden, obgleich Konrad gar kein Gepäck besaß und der Lehrer nur seinen Rucksack. Als sie kurz vor zehn Uhr vor dem Hause hielten, fühlte Bohrmann ein beängstigendes Gefühl. Er mußte plötzlich an den Tag seines ExanienS denken. Er hatte zwar jeden Tag eine der merkwürdigen internationalen Postkarten, über und über beschrieben, nach Hause gesandt, aber seine Ankunft hatte er nicht rechtzeitig angezeigt. Er sehnte sich danach, Frau und Kinder wiederzusehen und ihnen von den Wundern des Meeres, von den Tagen unter fremden Nationen zu berichten. Aber er hatte noch mehr zu verschweigen, als zu erzählen. Er stieg aus der Droschke und wollte von Konrad Ab- schied nehmen. „Nein, Bruderherz, Du wirst mich nicht preisgeben I Ich wüßte ja doch nicht, wo ich mein Haupt niederlegen soll in dieser ungewöhnlich schwarzen Nacht, denn ich glaube, ich bin bezecht. Ich weiß, ich bin ein Lump, aber bringe mich zu Deiner Frau. Mascha Lose hat mir Deine Frau empfohlen. Wenn ich nicht bezecht wäre, ich würde zu Dir sprechen: Gehe links, ich will rechts gehen. Aber ich bin ein Lump und bin bezecht, und Du mußt mich zu Deiner Frau bringen. Thu's. Bruderherz, und denk'. Gottes Wege sind wunderbar." Oben gab es Schrecken, Ucberraschung und Freude. Hilde hatte mit einer fremden Frau und Lenchen bei einer Punsch- bowle gesessen. Reste von Kartoffeln und Häringen waren beiseite geschoben. Die fremde Frau, die rasch ein buntes Tuch um die Schulter warf und eine große schwarze Tasche an sich nahm, machte sich zum Fortgehen bereit, um nicht zu stören. Sie habe den Ankauf der Plüschgarnitur vernnttelt, für einen Spottpreis. Während die Frau eilig fortging, bemerkte Bohnnann erst, daß die gute Stube ordentlich gefüllt war mit dieser dunkelblauen Plüschgarnitur. Hilde schien ein schlechtes Ge- wissen zu haben. Aber das war ihm lieb; so hatte auch er etwas zu verzeihen. Siegfried kam im Hemdchen herein- gelaufen und schien glücklich, Vater wiederzusehen. Doch er schlief auf Bohrmanns Ann sofort wieder ein, bevor dieser noch die Mitbringsel für die Kinder ausgepackt hatte. Lkonrad hatte sich recht gewandt der Frau Lehrerin vor- gestellt. Er sei der Direktor des Kronprinzen-Theaters. Wo das Drania... Dingsda... sie wisse schon... ein hoch- poetisches Werk... aufgeführt würde. Mit Siegfried auf dem Arm, mit Lenchen auf dem Schoß, fing Bohnnann durcheinander zu erzählen an. Von den fremden Nationen und von der Brandung, von den französischen Speisen und den Kellnern. Gewaltsam mußte er andre Erinnerungen unterdrücken. Um sich zu fassen, that er Konrad gern mit einem Glase Punsch Bescheid. Hilde fragte nach diesem und jenem und bald auch, wie er mit seinem Geld ausgekommen sei. Errötend reichte er ihr seine Börse, die noch einiges deutsches Geld und— zum Andenken— zwei französische Silbcrmünzen enthielt. Als Lenchen endlich über Müdigkeit zu klagen anfing, bemerkte Hilde, daß Direktor Schmidt-Leföbvre eingeschlafen war. Ausgestreckt lag er auf dem Blauplüschenen. „Er ist an keine Ordnung gewöhnt," sagte Bohnnann entschuldigend.„Ihm hat wohl immer eine bürgerliche Häus- lichkeit wie die unsre gefehlt. Ich werde ihn wecken und es ihm vorhalten, daß er das neue kostbare Stück nicht ge- schont hat." „Lass' nur," sagte Hilde. Sie betrachtete träumerisch den schlafenden Mann, legte ihm dann ein Küchenhandtuch unter seine Stiefel, ließ ihren Rock hinuntcrgleiten und breitete ihn sorgsam über die Beine des Schläfers. „Lass' nur," wiederholte sie fast herzlich.„Das könnte mir eher an ihm gefallen, daß er sich gehen läßt. Nur nicht immer so gebildet... Also Dein Stück wird jetzt bestimmt aufgeführt?... Ach. bist Du schläfrig!..." Bohrmann wachte spät auf. Als er ins Wohnzimmer trat, verletzte ihn jetzt, bei Tageslicht, die Farbe der neuen Plüschmöbel. Noch mehr verletzte ihn die Art, wie Hilde und Konrad, gleich alten Kameraden, am Frühstückstisch saßen, weniger achtsam gekleidet, als sich das wohl selbst zwischen Mann und Fnrn schickte. Konrad hatte keinen Kragen und keinen Schlips umgelegt; Hilde hatte ihr Haar nicht gemacht und ihre Füße in Pantoffeln stecken. „Du mußt dem Herrn Direktor," sagte sie lachend,„einen Kragen borgen, Du hast ja jetzt genug davon." Lebhaft fuhr Konrad in der unterbrochenen Erzählung fort. Er habe lauter vorteilhafte Verträge abgeschlossen: mit dem reichen Pettcrs, mit den ersten Künstlerinnen Deutsch- lands, mit den besten Autoren, nur sein Direktor Lopinsky sei— die Freundschaft in Ehren ein ganz erbärmlicher Hallunke. Die Kinder kamen, und Bohrmann mußte ordentlich er- zählen. Vom Rauschen der Nordsee, von Ebbe und Flut und von der ersten Eisenbahnklasse. Die Kinder horchten lauf, und Lenchen wollte wissen, wie die Damen im Wasser gekleidet gingen. Hilde lachte. So ein Racker. Aus dem Modejournal wußte sie alles besser als Bohrmann es an Ort und Stelle be- obachtet hatte. (Fortsetzung folgt.) Kleines �euillekon- — Seit wann raucht man Cigarrcn in Dentschlaud? Der„Frkf. Ztg." wird geschrieben: Es ist bemerkeiislvert, datz das Tabakrauchea nicht in der primitiven Form gerollter oder gclvickcltcr Tabaksblätter— der Cigarre— sondern' vermittelst eines wenn auch leinfachen Gerätes— der Pfeife— die weiteste Verbreitung in der alten Welt gefunden und daß erst verhältnismäßig spät die Cigarre als geeigneter zum Tabaksgennß die Pfeife zu verdrängen und zu ersetzen begonnen hat. Wie wir wiffen, ist dies auch heute nur teilweise gelungen, und in manchen Ländern behauptet sich die Pfeife aus althergebrachter Geivohnheit, in andren, die daS Tabakmonopol haben, aus Sparsamkcitsrücksichten. In Deutsch- land, wo man bis jetzt vom Tabakmonopol verschont geblieben ist und wo man noch verhältnismäßig nicht zu teuer und gut raucht, hat die Cigarre eine wohlverdiente Beliebtheit und große Verbreitung erlangt. Dieser Umstand rechtfertigt also die Frage, seit wann die Alleinherrschaft der Pfeife in Deutschland aufgehört und die Miiherrfchnft der Cigarre begonnen hat. Anfangs der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts waren in Frankfurt a. M. in verschiedenen Privatdurchgängen und Höfen Warnungen angeheftet, in denen das Rauchen aus Pfeifen ohne Deckel und von„sogenannte» Cigarros" verboten Ivar. Die Sprache dieses Verbots zeigt deutlich, daß die Cigarre in Frankfurt damals etivas Ungewohntes, wenn auch nicht Unbekanntes war, und beweist, wie langsam sich der Glimmstengel in Deutsch» land einbürgerte. Denn schon 1313 soll, Ivie Weber in seinem „Dcmokritos" berichtet, der General Moreau bei Abnahme seiner zerschmetterten Füße eine Cigarre ruhig fortgeraucht haben. Weniger heroisch aber glaubhafter klingt, was ein Doktor Chrlstian Müller in der Beschreibung seiner„Reise von Berlin nach Paris im Jahre 1312 durch Preußen, Sachsen, Ocstrcich von der Cigarre meldet. Er erzählt nämlich, daß sein ihm unentbehrlicher Cigarrenvorrat von dein östrcichischen Zollbeamten überaus nachsichtig behandelt worden sei, als er bei Pctersivalde die sächsich-böhmische Grenze überschritten. Da Doktor Müller mit seinem Cigarrenvorrat aus Berlin kam, so muß dort das Cigarrenrauchcn unter der besseren Gesellschaft schon verbreitet gewesen sein, wie dies sicher auch in Hamburg der Fall war. In letzterer Stadt war schon im Jahre 1801 die Cigarre öffentlich zum Verkauf ausgebotcn worden und ein hierauf bezüg» licheS Inserat in dein Beiblatt Nr. 64 des„Hamburgischen un» parthehischcn Correspoudcntcn" vom 22. April 1801 lautet wörtlich: Cigarros Amerikanische Cigarros von der besten Sorte sind sowohl Pfund- weise, als auch in Kisten und größeren Quantitäten zu billigen Preisen zu haben bei Carl Hermann He mm erde Pelzerstraße No. 89. Daraus geht unzweifelhaft hervor, daß die Cigarre seit mindestens 100 Jahren in Deutschland geraucht wird, es ist aber nicht ausgeschlossen, daß sie schon früher i» den Seestädten unsres Baterlandes bekannt war. Allerdings scheint das Cigarrcnraucheu vor 100 Jahren auch in Hamburg noch nicht sehr verbreitet oder gar allgemein gewesen zu sein, denn als infolge des dänisch-englischen Kriegs von 1801 das Gebiet Hamburgs von dänischen Truppen— Ivorunter Artillerie— besetzt wurde, enthielt eine vom 22. April datierte und durch den Magistrat der Hansestadt erlassene Warnung vor Fenersgefahr ivohl das Verbot, ,sich mit brennender Pfeife den Pulvervorräten der Dänen zu nähern, aber der Cigarre war darin nicht Erwähnung gethan.— — Die spiralig gedrehten Tierhörncr folgen i» ihrer Windungsrichtung nur dem allgemeinen Gesetz, daß die beiden Spirale» stets in entgegengesetzter Richtung gedreht sind, wechseln aber darin, daß die Ncchtshandspirale bald auf der linken, bald auf der rechten Seite des Kopfes steht. Wenn man zur Erleichterung der Anschauung, schreibt„Prometheus" nach„Nature", einen Korken- zicher als Beispiel einer rechtshändigen Spirale zur Hand nimmt, so kann man sich leicht überzeugen, daß bei den Antilopen die rechts- händige Spirale auf der linken Seite des Kopfes und die linkshändige auf der re'chte» Seite steht, was man als gekreuzt bezeichnen kann. Bei den Schafen steht die rechtshändige Spirale auf der rechten und die linkshändige auf der linken, also gleichlaufend oder homonym. Die Wildzicgen, namentlich der Markhurbock, stimmen darin mit den Antilopen, und die Rinder, wenn eine Hornwindung erkennbar ist, mit den Schafen, wobei i,n ganzen ivenig Ausnahmen vorkommen sollen, übereiu. Eine solche Ausnahme bildet das Natur- schaf, welches eincu Uebergang zu den Ziege» bildet.— Litterarisches. k. Eine chinesische E n c y k l o p ä d i e. In der letzten Nummer des„Nineteenth Century" beschreibt Herbert Giles die riesige chinesische Enchklopädie, deren Zerstörung, tvie er sagt,„die schwerste litterarische Katastrophe ist, die die Welt je gesehen hat." Im Jahre 1403 ernannte Dung Lo. der drifte Kaiser der Ming- Dynastie, unter dem Vorsitz von Hsieh Chi», dem ersten Gelehrte» der damaligen Zeit, eine Kommisston zur Vorbereitung einer Encyklopädie. Mit Hilfe von 148 Kollegen vollendete Hsieh Chi» sein Werk in einem Jahr und vier Monaten. Es befriedigte den Kaiser aber durchaus nicht, der darauf eine neue Kommission er- nannte, in der Hsieh Chin als einer von drei Kommissären saß. Mit den Direktoren und einen» Stabe von Assistenten bestand die Äom- Mission im ganzen aus 2169 Personen. Es sollte alles gesammelt iverden, was jemals über die Schriften des Koufucius, über Ge- schichte, Philosophie und allgemeine Litteratur geschrieben»vordei» war. Am Ende des Jahrs 1407 wurde ein Sammeliverk vorgelegt, daß so- gleich die kaiserliche Billigung erhielt und das„Große Musterivert Uung Los" genannt wurde.. DasWerk bestand aus 22377 Abteilungen und 11 100 Bänden, die je'/e Zoll dick waren, so daß, wenn alle Bäilde flach über einander gelegt würden, die so gebildete Säule eine Höhe von 450 Fuß erreichen würde. Jede Abteilung enthält erwa zivanzig Blätter, das ganze Werk also 917 480 Seiten. Seitden» die Stadt Peking im Jahre 1860 zuerst den Fremden geöffnet wurde, sind alle Gesuche fremder Gelehrten, diese iutcressnnten Reliquien auch nur zu besichtigen, kurz abgelehnt ivorden. China hat seinen Schatz nun durch die mißleitete Geivqltthätigkeit seiner eignen Söhne verloren, und die einzigen Hände, die sich ausstreckten, ihn vor der Zerstörung zu bewahren, waren die jener Fremden, denen man ihn so eifer- süchtig vorenthalten hat.— Kunst. a. K o n st a n t i n M e u n i e r, einer der größten Bildhauer der Gegenwart, feiert heute den 70. Geburtstag. Seine Vaterstadt uud sein Wohnort ist Brüssel. Dort erhielt er auf der Akademie seine erste Ausbildung unter Fraiiin dann wurde er Maler und sein Lehrer Dergouse lenkte ihn auf die Darstellung des Lebens der arbeitenden Klassen hin. Von entscheidender Bedeutung für seine Ent- »vicklung aber wurde ein Aufenthalt im Kohlenrevier von Charlcroi und Möns, ivohin ihi» ein Auftrag illustrativer Art geführt halte. So studierte er das Lebe» der Arbeiter an der Quelle, und es er- schloß sich ihm ein Gebiet, das ihm eine unerschöpfliche Fülle moderner Typen bot. Meunier stellte die Männer der Arbeit anfangs in Gemälden und Pastellen, später in den weltbekannten kleinen Bronzen, seltener in lebensgroßen Figuren dar. Als Maler gab er mit Vorliebe auch Bilder großer Fabrilstädte und Betriebe. Die höchste Meisterschaft aber errang er als Bildhauer. Nie hal ein Künstler die Arbeiter in den Bergwerken und auf dem Felde schärfer und charakteristischer dargestellt als Konstantin Meunier. Die National- galerie in Berlin besitzt von Meunier den Bronzeguß der„Rückkehr des verlorenen Sohnes", das Dresdner Albertinum eine große Relief- darstcllung der Industrie. Im Museum zu Brüffel wird eine Bronze- gruppe„Das Grubenunglück" aufbewahrt; sie zeigt eine Mutter au der Leiche ihres SohueS. Eine Zeitlang war Meunier Lehrer an der Akademie zu Löwen.— Technisches. — Selen in der Glasindustrie. Ueber eine wenig bekannte Verwendung des Selens äußert sich O. N. W i t t in seinen Berichten über die Chemie auf der Pariser Weltausstellung. DaS Etablissement Malötra in Ronen verarbeitet Schwefelkiese auf Schwefelsäure, die einen Selengehalt von 0.6Proz. aufweise» sollen. Außer seiner merkwürdigen elektrischen Widerstandssteigcrung im Dunkeln hat das Selen die Eigenschaft-,. schon in Spuren dem Glase eine rosenrote Färbung zu geben. Die Er- ziclung dunkelroter Färbungen durch Einverleibung reichlicherer Mengen von Selen scheint»ücht zu gelingen, sondern das Selen wird unbenutzt verflüchtsgt. Die rosa Färbung aber, welche durch die harftiäckig zurückgehaltenen Spuren von Selen hervorgebracht wird. kompensiert in vollkommenster Weise eine dem Glase durch den meist vorhandene» Eisengehalt anhaftende Grünfärbung. Das Selen spielt somit heutzutage als physikalisches Entfärbungsmittel für GlaS eine wichtige Rolle; die Glasfabriken aber, welche sich dieses Hilfsnüttels bedienen, mache» ein Geheimnis daraus.— Humorististstes. — In der Sprechstunde. Arzt: �,Es geht schon viel besser,»och einige Tage»ind Ihr Fuß ist wieder' ganz gesund. Freilich dürfen Sie mir nie mehr Flöte blasen." A s s i st c n t snachdem sich der Patient entfernt hat):„Vcr- zeihen Sie, Herr Doltor, aber ich kann Ihre letzte Vorschrift nicht verstehen." Arzt:„Sie begreifen nicht, warum der Fußkranke keine Flöte mehr blasen darf? Das ist doch sehr einfach I Der Mann wohnt gerade über mir!"— — Gefühlvoll. Mau»(der die Treppe hinabgcpurzelt ist): „Wie sieht mein Auge aus?" Frau:„Schwarzblau... sieh einmal in den Spiegel, so ein Kleid wollte ich mir immer anschaffen!"— — Abhilfe. Lehrer:„Mit dem Schreiben will's halt gar nicht recht vorwärts gehen bei Ihrem Buben." Vater:„Macht nichts Herr Lehrer; Hab' ihm schon a Schreib- maschiu' kauft."— („Mcggend. Humorist. 331.*) Notizen. — E i» e B n ch h a n d l u n g a l s C e» s o r. Die Buchhandlung F. Festersen u. Co. in Basel, die das Zeitungsverkaufsmonopol auf allen Bahnhöfen der Schweizer Centralbahn hat, verkauft den „ S i ni p I i c i s s i m u s" nicht mehr, um die Sittlichkeit des in der Schweiz rciscnden Publikums nicht zu gefährden.— — Ein H c i ni für altersschwache S ch r i f t st e l l e r nüt einem Hörsaale und einer Schule zum Andenken an Puschkin wurde in Odessa eröffnet.— — Das dritte schwäbische M u s i k f c st ,. das dciüsche Musik des 19. Jahrhunderts von Beethoven bis Wagner bringen soll, wird am 26. und 27. Mai in Augsburg abgehalten werden; den Chor werden 800 Stimmen bilden.— — Offen Vachs Operette„H o f f m a n n s Erzählungen" wird im Repertoire der Wiener H o f o p e r erscheinen.— a. Zu der im nächsten Jahre in Karlsruhe stattfindenden Kunstausstellung hat die Stadt einen Zuschuß von 50 000 M. bewilligt.— — Eine i n t c r n a t i o n a l e P l a k a t- A u s st e l l u n g wird in Bio nie Carlo stattfinden. Entwürfe, die mir in der Zeit vom 1. Januar 1893 bis zum 31. Dezember 1900 angefertigt sein dürfen, werden bis zum 6. Mai angenommen. Ueber den Preis von 2000 F r. entscheiden die Besucher der Ausstellung.— — Preise von insgesamt 2000 M. für 15 farbige Original- entwürfe von Jntcrieurs, Einzeldekorationrn und Polsterinöbel- Arrangements hat die„Deutsche T a p e z i e r e r- Z e i t u n g" fBerg u. Schoch, Berlin, Schillingstr. 30) ausgeschrieben.— — DerSchmelzpuntt desGoldes. Heycock und Neville hatten vor einiger Zeit den Schmelzpunkt des Goldes bei 1061,7 Grad gefunden. H. Holborn und A. Day. welche diese Bestimmung mit aller Sorgfalt Iviederholt haben, geben als Mittelzahl ihrer Versuche im Januarheft' der„Annalen der Physik und Chemie" 1063,5 Grad an.— — Papier aus Zuckerrohr. In Kcnilworth, Louisiana, soll eine große Fabrik errichtet werden zur Herstellung von Papier aus„Megratz" oder„Bagasse", einem Nebenprodukt des Zuckerrohrs. Die Fabrik soll täglich 25 Tonnen gewöhnliches Einwickelpapier er- zeugen. Von 100 Tonnen Rohr sollen 9 Tonnen Zucker neben im- gefähr 3 Tonnen Papier gewonnen iverden, während die Rückstände iioch als Dünger, Piehfiitter oder Rohmaterial zur Branntwein- Erzeugung Verwendung finden.— Die nächste Nummer des Uifterhaltungsblatts erscheint am «onntag, den 14. April. Verantwortlicher Redactcu:: Heinrich Wryker in Gr.-Lichterfelde. Druck und Verlag von Max Boving in Berlin.