Mnterhalwngsblatt des Vorwärts Nr. 75. Mittwoch, den 17. April. 1901 (Nachdruck verboten.; 12) Si r b v i k: Roman In drei Büchern von Emile Zola. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenz w ei g. Lucas wandte sich rasch und sah den Puddelmeister in Joppe und Beinkleid aus grober Wolle gekleidet vor sich, ein kleines Paket unterm Arm, welches feine Arbeitskleider und sonstigen kleinen Besitztümer enthielt, denn er verließ die Werke nun, um nicht wiederzukehren. »Gewiß, geimß. gehen wir." Aber Bonnaire verweilte noch. Als ob er fürchtete, etwas vergessen zu haben, warf er einen letzten Blick auf den Bretterverschlag, der als Garderobe diente. Dann ruhte sein Ange auf dem Ofen, den er seit zehn Jahren zu dem seinigen gemacht hatte, von dessen Flamme er gelebt, in dessen glühendem Schöße er in Tausenden von Klogrammen den Stahl bezwungen hatte, um ihn dann den Walzwerken zu überliefern. Wenn er auch aus freien Stricken ging, iveil er dies als seine Pflicht gegen sich selbst und seine Kameraden erachtete, so kostete ihn das Losreißen doch nicht nnnder schivcre Ueber- Windung. Er drängte die Bewegung zurück, die ihm die Kehle zuschnürte, und schritt voran. »Nehmen Sic sich in acht, Monsieur, dieses Stück ist»och heiß, es würde Ihnen den Stiefel verbrennen." Kein Iveiteres Wort wurde gewechselt. Sie durchschritten die Halbdunkeln, vom blassen Licht der fernen Vogenlampen schwach erhellten Höfe, gingen an den niedrigen Schuppen vorbei, in welchen die Schnellhämmer wüteten. Sowie sie das Thor der Hölle hinter sich hatten, umfing die schwarze Nacht sie wieder, und die Glut und das Toben des Ungeheuers versanken hinter ihnen. Noch immer blies der Wind und jagte am Himmel die schwarzen, zerrissenen Wolkenmassen vor sich her. Das andre Ufer der Mionne jenseits der Brücke war verödet, kein lebendes Wesen zu sehen. Als Lucas hier auf der Bank, auf der er sie verlassen hatte, Josine lvicderfand, unbeweglich, mit weit geöffneten Augen in die Dunkelheit starrend, den Kopf des schlafenden Nanet an ihre schmale Hüfte gedrückt, da wollte er sich ent- fernen, denn er hielt seine Aufgabe für beendet, da Bonnaire es nun übernehmen ivollte, dein armen Geschöpfe ein Obdach zu verschaffen. Aber Bonnaire schien mit einem Mal ziemlich verlegen, er fürchtete offenbar die Scene, die ihn zu Hause erwartete, wenn seine Frau, die schreckliche Toupe, ihn mit »dieser Dirne" heinikchren sah. Zu allem Ueberfluß hatte er ihr auch von seinem Entschlüsse, die Hölle zu verlassen, noch nichts gesagt, und er sah einen heftigen Zank voraus, wenn sie hörte, daß er ohne Arbeit, aus eignem Willen aufs Pflaster gesetzt war. „Soll ich Sie begleiten?" fragte Lucas.»Ich könnte dann erzählen, wie alles kam." »O ja, das wäre mir sehr erwünscht," sagte Bonnaire sichtlich erleichtert., Zwischen ihm und Josine war kein Wort gewechselt worden. Diese schien sich vor dem Puddelmeister zu schämen; und»venn er auch in seiner Gutherzigkeit eine Art Väter- liches Mitleid für sie empfand, obendrein auch»vußte, lvas sie von Ragu zu erdulden hatte, so nahm er ihr es doch übel, daß sie sich diesem schlechten Kerl ergeben hatte. Als sie die Männer kommen sah, hatte sie Nanet sanft auf- gerüttelt; dann erhoben sich beide unter einem aufmmrternden Wort von Lucas und folgten den vorauschreitcnden Männern schtveigend. Alle vier»vandten sich nach rechts und ge- langten, am Eisenbahndamm hillgehend, alsbald nach Alt-Bcauclair, dessen elende Häuser am Ausgange der Schlucht der Monts Bleuses in einer Art von abscheuliche»» Sumpf lagen und sich bis zum neuen Viertel erstreckten. Es»var ein Gewirre enger, krummer Gassen, ohile Licht und ohne Luft, erfüllt von dein widerlvärsigcn Gestank der Gosse, die nur durch Regengüsse gereinigt»vurde. Es schien unbegreiflich, daß die armselige Bevölkerung hier in solcher Weise zusammengedrängt»var,»vährend dicht vor ihnen die Roumagne ihre unermeßliche Ebene dehnte, über welche die freien Winde des Himmels dahinfuhren wie über ein Meer. Es bedurfte des erbarinungslosen Kampfs uin Geld und Eigentum, um Menschen einen so kärglichen Teil der Erde, llnsrcr Allmutter, zuzumessen, um ihnen nicht einmal den zu»n Leben»»otlvendigen Bodenraum zu gönnen. Spekulanten hatten den Grund aufgekauft, und ein oder zwei Jahrhunderte des Elends hatten schließlich zu dieser Kloake von Wohnungen zu billigein Preis geführt, aus»velchen gleichwohl häufig Leute auf die Straße gesetzt»vurden, so niedrig auch die Zinse mancher elenden Höhle waren, die zu schlecht für einen Bich- stall geivesen»väre. Wahllos und unsynnnetrisch»varcn die engen Häuser hingestellt, feuchte Baracken, Brutstätten für Un- geziefer und Epidemien: und»vclch trostlosen Anblick bot»in diese Nachtstunde unter dem düsteren Himmel diese verwünschte Stadt der Arbeit, ein finsterer, zusamniengepferchter, schmutziger Ort,— eine entsetzliche, der socialen Ungerechtigkeit entsprossene Vegetation I Bonnaire, der vorausging, bog in ein Gäßchen ein. dann in ein andres und erreichte endlich die Rue des Trois-Lunes. Es war eine der engsten Gassen, ohne Trottoirs, mit Kieseln aus dem Bette der Mionne gepflastert. Das schtvarze. rissige Haus, dessen ersten Stock er belvohnte, hatte sich eines Tags so stark gesenkt, daß es mit vier starken Balken gestützt »Verden milßte; und Ragu bcivohnte mit Josine die zwei Zimmer im zlveiten Stock, deren Dielen von diesen vier Balken vor dein Einsinken beivahrt wurden. Die Treppe ging, steil wie eine Leiter, direkt vom Hausthor, ohne Vor- platz, in die Höhe. „Nun, Monsieur", sagte Bonnaire zu Lucas,„haben Sie die Freundlichkeit, mit mir hinaufznkomnicn." Wieder»var ihm eine Verlegenheit anzumerken. Und Josine begriff, daß er es aus Furcht vor irgend einer Be- schimpfnng nicht»vagte, sie niit in seine Wohnung zu nehmen, obgleich es ihm peinlich war, sie mit dem Kinde abermals auf der Straße zu lassen. Sie sagte mit ihrer resignierten Sanftinut: „Wir beide brauchen nicht mitzukommen. Wir werden oben auf der Treppe»varten." Bonnaire stinnnte rasch zu. »So ist es recht, wartet ein»venig, setzt Euch auf die Treppe, und»venn ich den Schlüssel habe, bringe ich ihn Euch hinauf, und Ihr könnt schlafen gehen." Josine und Nanet verschwanden in der dichten Finsternis der Treppe. Man hörte kein Lebenszeichen mehr von ihnen, sie hatten sich oben verborgen. Dann schritt Bonnaire als Führer voran, Lucas ailf die Höhe der Stufen aufmcrksain niacheud und ihn ermahnend, sich gut an dem fettigen Strick zu halten, der als Geländer diente. „So, da wären wir. Gehen Sie keinen Schritt weiter. Ei ja, die Stufen sind nicht sehr breit, und»venn einer fiele, so»vär's ein böser Sturz." Er öffnete die Thür und ließ Lucas höflich als ersten in ein ziemlich großes Gelaß eintreten, das voin gelben Licht einer Pctroleuinlampe erhellt war. Trotz der späten Stunde saß die Toupe noch bei dieser Lampe und besserte Wäsche aus,»vährend ihr Vater, der alte Ragu, in einem dunkeln Winkel eingeschlummert»var, die erloschene Pfeife zwischen den Kiefern. In einein Bett an der Wand schliefen die ztvei Kinder des Ehepaares, Lucien und Antoinett., s�chs und vier Jahre alt, beide schön und sehr kräftig für ihr Alter. Die Wohnung enthielt neben diesem gemeinschaftlichen Gelasse, Ivo gekocht und gegessen wurde, nur noch zwei Räume, das Schlafzimmer des alten Ragu und das des Ehepaares. Aufs höchste erstaunt, ihren Mann um diese Stunde heimkehren zu sehen, blickte die Toupe, die noch»»ichts wußte, von ihrer Arbeit auf. »Wie, Di» bist's?" Er wollte noch nicht den großen Streit beginnen und ihr sagen, daß er die Werte ganz verlassen habe, sondern lieber vorerst die Angelegenheit Josineits austragen; er antivortete also auslvcichend: „Ja, ich bin fertig geworden und nach Hause gegangen." Und ohne ihr Zeit zu einer»veitcrcn Frage zu lassen, stellte er ihr Lucas vor. „Das ist ein Herr, cw Freund von Monsieur Jordan, der ctlvas von uns haben will; er»vird Dir erklären, uin was es sich handelt." Jminer mehr erstaunt und mißtrauisch,»vandte sich die - 25 Toupe gegen den flmgen Mann, der nun ihre große Aehn- lichkeit mit ihrem Bruder Ragu bemerken konnte. Klein und cholerisch, hatte sie ausgeprägte Züge, dichtes rotes Haar, niedere Stirn, kleine Nase, breite Kinnladen. Der weiße Teint, der den Rothaarigen eigen ist, und der ihr mit ihren achtundzwanzig Jahren ein frisches, jugendliches Aussehen gab, erklärte zur Genüge die lebhafte Begierde, die sie Bonnaire ein» geflößt, und die ihn veranlaßt hatte, sie zu heiraten, obgleich er ihren boshaften Charakter kannte. Run. als seine Frau, verleidete sie ihm das Haus mit ihren unaufhörlichen Zornesausbrüchen, und er mußte sich in allen Einzelheiten des täglichen Lebens ihrem Willen beugen, um Frieden zu haben. Kokett, von dem einzigen Ehrgeiz verzehrt, schön gekleidet zu sein und Schmuck- fachen zu tragen, wurde sie nur sanftmütig, wenn sie ein neues Kleid zum Geschenk bekam. lFortsctzung folgt.) (Nachdruck verboten). gI) Vie bimto Vrihv. Berliner Roman. Bon Fritz Mauthner. Anstatt sie aber ihr Anliegen vorbringen zu lassen, be- mühte sich Konrad auffallend, von gleichgültigen Dingen zu reden. Er erinnerte an alte Mitglieder seiner einstigen Schauspielertruppe, an verdorbene und gestorbene Bühnen- großen der kleinsten Städte; er erzählte Anekdoten und suchte die Erinnerungen des Fräulein Rehmond auf- frischen. Sie blieb schweigsam und schien geduldig darauf zu warten, daß sie zu Worte käme. Als aber nach der völligen Erschöpfung Konrads nun auch Bohrmann den Versuch machte, die Aussprache zu verhindern, da unterbrach sie ihn lächelnd und sagte: „Ich bin nicht allzuviel nütze, ober von meinem Willen bringt mich so leicht niemand ab. Ich bin herübergekommen, um meinem guten alten Direktor die Leviten zu lesen und um zwischen Ihnen beiden Aufrichtigkeit herzustellen. Ihre Anwesenheit hier im Hause, mein lieber, guter Direktor.. „Dein lieber Direktor mag ich sein, Elisabeth... zieh' kein Gesicht, Johannes, ich habe alle meine Leute geduzt, und wenn ich die vom Ärmiprinzen-Theater nicht duzen mag, so ist es eine Schande für sie, nur für sie... Dein lieber Direktor, ja. Aber Dein guter Direktor bin ich nicht. Wer darf sich gut nennen? Hast Du die Erbsünde der- gessen? Elisabeth, Du hast nicht Theologie studiert, sonst würdest Du nicht sagen, daß ich gut bin. Du urteilst nach Dir. Aber den heiligen Augustinus hast Du rncht gelesen. Durch die Erbsünde sind wir allesanrt schlecht geworden, und wenn niir nicht mein Katholizismus heilig wäre, weiß der Kuckuck, ich würde übertreten, bloß Eurem Luther zu- liebe, weil der den heiligen Augustinus und die Erbsünde richtig verstanden hat... Ein grundschlechter Kerl bin ich und muß es f' it, damit ich erlöst werden kann. Sieh' zum Beispiel... wir sitzen da um den runden Tisch herum und es steht nichts darauf. Warum muß ich inimerfort an Bier und Sekt denken, trotzdem ich Dich sehe, meine Elisabeth? Weil ich ein grundschlechter Kerl bin. Also hat der heilige Augustinus recht und Luther hat recht.... Deshalb braucht Ihr an mir noch nicht zu der- zweifeln. Wie der heilige Augustinus in sich ging und heilig wurde, da hatte er ein natürliches Kind. Ich brauche mich also gar nicht zu schämen. Und wenn aus den gefallenen Engeln Teufel geworden sind, so kann auch einmal aus einem Teufel ein Engel werden. Alles ist Gnade und Vorher- Bestimmung." Als Konrad innehielt, wollte Bohrmann den Faden auf- nehmen. „Die Vorherbestimmnng, lieber Konrad..." Fräulein Rehmond sah ihn aber mit lächelnden! Kopf- schütteln an, und er verstuinuite. Es blieb lange still in der Stube, dann sagte sie: „Es ist nämlich, lieber Direktor, daß Sie die Gast- freundschaft des Herrn Bohrmann schon zu lange in An- spruch nehmen. Er würde eS Ihnen nie selbst gesagt haben, und auch mir hat er sich nicht anvertraut. Aber als Nach- barin und als seine Freundin,.. nicht wahr, Herr Bohr- mann... da habe ich ein Recht, zu sehen und zu sprechen." Wieder"wurde es still. Dann sprang der Direktor auf und warf sich auf das Sofa. Er drückte seinen Kops in die Ecke, und nur undeutlich vernahm man, was er sprach: „Kam?. i. Unstet und flüchtig � meine Schuld stinkt zum Himmel, denn ich habe meinen Bruder erschlagen." Dann setzte er sich mit verstörtem Gesicht auf das Sofa hin, riß Kragen und Krawatte und beide Stulpen herunter, warf sie zu Boden und rief: „Also gut, ich bin ein Schuft! Und hier hast Du Deine sieben Sachen wieder, mein armer Bruder. Aber aus dem Paradiese vertreiben lasse ich mich nicht l Fällt mir gar nicht ein l Zu dumm! Niemals wieder werde ich es so gut haben wjc hier... setz' Dich zu mir, Elisabeth. Ich will Dir das erklären. Ich muß mich nämlich ausleben... hier aber habe ich alles auf einmal... ich habe die heiligeElisabeth in meinerNähe, so daß meine unsterbliche Seele niemals Schaden leiden kann durch die Gemeinheit meiner Sterblichkeit, Ich muß in Deiner Nähe bleiben, Elisabeth, sonst verschwinde ich aufs neue in dem Veuusbcrge, der da heißet die Kneipe. O, o, Elisabeth, wenn Du wüßtest, wie viele Venusberge die fromme Stadt Berlin in ihren Mauern beherbergt und wie der Gast da be- Handell wird I Ja, selbst die Gattin meines Bruders Johannes kann ich nickst mehr entbehren I... Wenn Ihr wüßtet, wie mir ihre Nähe wohlthut und ihre Uebercinsttmmung... es ist geradezu zauberhaft... im Theater, immer derselbe Geschmack. Und wenn ich nun daran denke, draußen ein Glas zu trinken, manchmal mitten im Akte, dann sagt Frau Hilde auch schon gewiß: Finden Sie es nicht langweilig, Herr Direktor?" Bohrmann begann zu stottern, er werde gewiß einen Freund nicht gegen seinen Willen vertreiben. Fräulein Reh- mond aber unterbrach ihn und sagte mit fester Stimme: „Seien Sie doch nicht schwach! Der Direttor muß fort. Der Kinder wegen muß er fort I Um der Kinder willen werden Sie gehen. lieber Direktor... es ist nicht wahr, daß Sie schlecht sind. Sie sind gut, Sie sind gut." „Ich bin schlecht!" schrie Konrad, legte sich wieder auf's Sofa und warf sich umher wie ein eigensinniges Kind.„Ich bin schlecht l Ein Hundsfott bin ich und will es bleiben! Die Erb- sünde! Ich lass' mir nicht sagen, daß ich gut bin. So ist sie immer, meine Elisabeth. Sie sagt mrr, daß ich gut bin. und damit schlägt sie mich breit; aber ich will nicht, ich will nicht! Ich bin nicht gut. ich bin nicht gut!" Er schrie es, als wollte er die Erinnerung an die Stimme des Mädchens übertönen. Fräulein Neymond war aufgestanden und beugte sich zu ihm herab. „Sie sind ein guter Mensch, lieber Herr Direktor." Da schwieg Konrad still und lächelte ganz glücklich. „Hexe I" sagte er herzlich.„Hast eigentlich recht." Behaglich stand er auf und holte sich die Stiefel hinter dein Sofa hervor. Er zog sie an die Füße und sagte dabei: „Alles ist eitel. Auch diese Oderkähne werden nicht mehr lange halten. Und so will ich das Paradies verlassen, augenblicks! Grüßt mir Fran Hilde und sagt ihr: Johanna geht, und nimmer kehrt sie wieder." Das ginge nicht, unterbrach ihn Bohnnann. Hilde würde ihrem Gatten mit Recht zürnen, wenn sie den gemeinsamen Freund nicht mehr vorfände. Um Siegfrieds willen sollte Konrad alles in Ruhe mit Hilde besprechen, bis morgen bleiben und dann in der Nähe eine Wohnung suchen. „In der Nähe der Frankfurter Linden?" rief sKonrad. „Niemals! Der Direktor des Kronprinzen-Theaters muß unter den wirklichen Linden wohnen. Ein feine Gareonwohnung. Ihr werdet schon sehen." Fräulein Rehmond blieb noch ein Weilchen, Bohrmann erzählte ihr, er habe seinen Aufsatz über die Karte von Palästtna vollendet, und sie lobte ihn dafür. Dann ging sie, um Frau Hilde nicht argwöhnen zu lassen, daß der Entschluß des Direktors von ihr beeinflußt worden sei. Als Hilde eine Stunde später nach Hause kam, um die Kinder abzugeben und den Direktor zur Sommeroper abzu- holen, erfuhr sie die Neuigkeit, während Siegfried, sich über- stürzend, die Erlebnisse im Theater berichtete und auch Lcnchen eifrig dazwischensprach. Zu Bohrmanns freudiger Ueberraschung nahni Hilde die Nachricht gut auf. Man könne aus der Entfernung gut Freund bleiben. Es sei vielleicht besser so. Sie werde morgen früh, wenn es dem Direktor recht sei, mit ihm zu- sammen eine möblierte Stube suchen gehen. Einstweilen ging sie mit ihn: ganz heiter fort, und Bohr- mann brachte die Kinder zu Fräulein Reymond. Am liebsten wäre er heute bei Siegfried geblieben, um sein Geplauder anzuhören; aber er habe die Verabredung mit den Lehrern, und er wolle noch vorher den Aufsatz über die biblische Geographie zur Post tragen. XXIX. Direktor Konrad Schmidt-Lefvbvre hatte die Wohnung verlassen und für seine erste Einrichtung etwas von Bohr- manns feiner Wäsche mitgenommen; er war fort, aber sonst hatte sich kaum etwas verändert. Hilde ging immer noch, fast jeden Tag, mit ihm ins Theater und hatte daheim nicht viel von ihrer schläfrigen Freundlichkeit eingebüßt. An einem solchen Abend, während Bohrmann Hefte korrigierte und die Kinder unter Siegfrieds Leitung, wie sie jetzt öfter thaten, Theater spielten, erschien kein Geringerer als Doktor Kattowitzer bei Bohrmann. Er habe das Original in seinem Milieu sehen wollen. Bohnnann war ein wenig stolz auf den berühmten Gast und brachte unklare Ent- schuldigungen vor. Er wußte selbst nicht, was er ent- schuldigen sollte. Doktor Kattowitzer sprach von der Eröffnung des Krön- prinzen-Theaters und von seinem eignen Lustspiele„Die gelbe Katze" wie von Dingen, die jedermann wissen müßte. Wenn das Kronprinzen- Theater mit der„Iphigenie" eingeweiht würde, dann gebe es„Die gelbe Katze" eben ani zweiten Abend, dann war„Iphigenie" eben nur ein Lever de ridean. Doktor Kattowitzer wollte sich ausschütten vor Lachen, als Bohrmann antwortete, Goethes„Iphigenie" sei doch ein Trauerspiel, und als er hinzufügte, er verstehe nicht alles, weil seine Frau zwar Mitglied eines Lesezirkels von Familien- Journalen sei, er selbst aber nur Abonnent auf die All- gemeine Lehrerzeitung. Ein politisches Tagesjournal halte er nicht; in dieser Richtung wolle er und dürfe er sich nicht weiter bilden. „Jetzt sagen Sie noch," rief Kattowitzer,„daß Sie nicht wissen, was ein Freibillet ist, und ich lasse Sie auf dem nächsten Schriftstellertage hinter Glaswänden aus- stellen." Doktor Kattowitzer schien zu wissen, daß Fräulein Reh- mond Bohrmanns Flurnachbarin sei. Denn im Laufe des Gesprächs äußerte er plötzlich Pen Wunsch, diese viel- versprechende junge Dame endlich auch persönlich kennen zu lernen, nachdem er in Ostcnde für sie gebürgt habe. Die Proben zur„Gelben Katze" würden am 1. September los- gehen, und vielleicht ließe sich eine kleine Nolle für die famose Schönheit finden. Bohrniann beeilte sich, seinen Besuch Hinüberzugeleiten. Fräulein Reymond las eben die„Jungfrau von Orleans", und so bat sie der einflußreiche Autor, nachdem einige Redens- arten gewechselt worden waren, ihm doch einmal den ersten großen Monolog vorzusprechen. Kattowitzer hatte eine freundliche Beschützcrmicne ange- nommen; er strich der Anfängerin wohlwollend über die schöne große Hand und erklärte, daß sie offenbar vorzüg- liche Mittel habe, und daß ihm das Zuhören ein Vergnügen sein werde. Man könne zwar eine vorzügliche Jungfrau sein und doch nichts für„Die gelbe Katze", aber der Monolog sei auch ganz hübsch. Er lerne immer gern von dem Kollegen Schiller. Während sie die Verse sprach, schüttelte Doktor Kattowitzer zwar einige Male verwundert den Kopf; nach seiner eignen Erkläning bedeutete das aber, daß ihm dieses Mitglied des Kronprinzen-Theaters gefalle. Nach der Deklamation bat er den Lehrer, ihn mit der Künstlerin allein zu lassen; er habe einige technische Ausstellungen zu niachen, welche die junge Danie gewiß lieber ohne Zeugen höre. Als sich Doktor Kattowitzer nachher bei Bohrmann kurz empfahl, lautete sein Urteil nicht gerade günstig, fast verdrießlich; sie sei nicht übel, sehr interessant sogar, wisse aber offenbar noch nicht, worauf es beim Theater ankomme. Infolge dieses Besuchs bestellte Bohrniann sofort eine Berliner Tageszeituug und wählte das Blatt, für welches Doktor Raskel schrieb. Doktor Kattowitzer hatte ihm ans Herz gelegt, diesen„Hallunken" günstig zu stimmen. Bohr- mann fiel eS schwer, sich an diesen scherzhasten Ton unter seinen neuen Freunden zu gewöhnen. Er lernte aber jetzt in Doktor Raskel einen hervorragenden Aesthetiker kennen. Bohrmann hatte keine Zeit, in seinem Blatte mehr zu lesen, als das Theater-Feuilleton. Und hierin schon war des Anregenden, ja fast Ablenkenden fast zu viel. Er hätte nie geglaubt, daß eS in Berlin täglich so viele Theater- ereignisse gebe. Auf den Anschlagsäulen sah man wohl die Zettel, aber man hatte doch niemals Zeit oder Lust, lange stehen zu bleiben; auch veiftand man ja nur selten, welche Wichtigkeit die Worte auf diesen Zetteln hatten. Aus seinen» Feuilleton erst erfuhr er. welche Bedeutung für das Kunstleben der Gegenwart alles hatte, wie das Publikum zu allen diesen Stücken drängte, und wie unzählig viele Mnstler Berlin besaß. Und nim gar das Kronpriuzen-Theater I Keine Nummer ohne ein Wort über das Kronprinzen- Theater und immer an der ersten Stelle des Feuilletons. Es kräukte ihn ein wenig, daß dabei von seinem Drama niemals die Rede war; er nahm sich vor, Doktor Raskel demnächst seine Aufwartung zu machen, wenn er auch entschlossen war. nicht durch Fräulein Maucrhofer um seine Gunst zu buhlen. Aber schön wäre es gewesen, so oft genannt zu werden, wie Freund Kattowitzer. tFortfetzung folgt.) TlntttrmiZsettschclfMche Mebovfichk. Von Curt Grottewitz. Wenn wir das Antlitz der Erde auf einer Karte oder ans einem Globus betrachten, so werden wir nicht leicht irgend eine Gesetz- Mäßigkeit in der wirren Verteilung des Lands und des Wassers, in der Bildung von Kksteiilinie», Meeresbuchten und Inseln finden. Sind indes in der Darstellung der Erdoberfläche die MeercStiefen verzeichnet, in der Weise, daß etiva gleichtiefe Stellen durch besondere Schraffierung zu einheitlichen Zonen verbunden sind, so werden uns manche Linien des festen Lands verständlicher. Viele Vorspränge deS Lands erkennen wir dann als besondere Höhen eines vom Wasser nur wenig iiberspülten Ufers, Meeresbuchten werden zu Thäler» zwischen zwei Bcrgzngen, Halbinsel» sind nur der Rücken eines nach beiden Seite» ins Meer sich verlierenden Landes. Vor allem aber verbinde» sich, wenn man den Meeresspiegel nur um mehrere Hundert Meter er- niedrigt sich denkt, benachbarte Inseln häufig genug zu einem zu- sammenhängcnden Festlnnde. Ja, große Inselgruppen, die nahe an einem Erdteil liegen, erscheinen bei dieser Betrachtung mit dem Kontinent selbst vereinigt. So stellen zum Beispiel die Antillen zwischen dem südöstlichen Nordamerika und Südamerika eine Brücke her, die allem Anschein nach früher eine wirkliche Landbrücke ivar. Um dieser Annahme aber eine sichere Grundlage zu geben, müssen diese Inseln auf ihre Beschafienheit und ans ihre Natur hin geprüft werden. Der direkteste Weg, um eine solche Prüfling zu erzielen, wäre der, die Inseln nach Ueberresten früherer Tiere und Pflanzen zu unter- suchen, die, wenn sie mit dem Fcstlande oder untereinander früher zusammengehangen haben, Ilebereisiimmung zeigen müssen. Allein dieser Weg ist doch beschwerlich, da solche Ueberreste nicht leicht, oft nach vieler Mühe überhaupt nicht oder nur sehr unvollständig ge- fundcn iverden. Auch eine gewisse Ucbereinslimmung in der Art und im Aufbau geologischer Schichten kann in vielen Fällen den früheren Znsammenhang ziveier Gebiete erweisen. Allein eine geologische Untersuchung ist meist ebenso schwierig, und wo nicht Bergwerke, Steinbrüche und ähnliche Bodeuaufschlüffe dem Forscher entgegen- kommen, nur durch Zusanimenwirken vieler Personen und Anwendung großer technischer Hilfsmittel ermöglicht. Viel einfacher ist es, die Beziehungen von Inseln untereinander und zn dem Fcftlaude auS dem Charakter ihrer lebenden Natur zu schließen. Diese Methode wird äußerst häufig angewandt. Denn die heutige Tier- und Pflanzemvclt einer Insel wird mit der lebenden Natur deS- jcnigen benachbarten Lands übereinstimmen, mit dem es früher in Verbindung gestanden hat, und um so mehr, je weniger Zeit seit der Unterbrechmrg des Zusammenhangs verflössen ist. Soivohl bei der Bildung der Antillen als auch bei den zwischen Asien und Australien gelegenen Inseln und bei dem Jnselreich Japan ist erst kürzlich diese Methode von neuem an- gewandt worden. Es ist nun möglich, daß viele Tiere und Pflanzen entweder über das Wasser oder durch die Luft oder gar durch menschliche Verschleppung erst neuerdings auf Inseln gebracht worden sein können. Man wird deshalb solche Lebewesen der Inseln vor allem berücksichtigen, bei denen eine derartige Herkunft ausgeschlossen ist. Man ivird also Pflanzen ansscheidcn, deren Samen durch Wind oder durch Transport auf Treibholz usw. leicht verschleppt werden kann. Ebenso könne» die Vögel, ivenigstcns die mit Flügeln begabten, hierbei nicht in Betracht gezogen werden, da sie weite MeoreS- strecken zu überfliegen vermögen. Am besten geeignet sind die Säugetiere, mit Ausschluß der Fledermäuse und derjenigen, die schlvimmen können, außerdem die Reptilien und Amphibien und auch die Süßivasser-Mollnsken. Auf Grund solcher tiergeographischen Beobachtungen behandelt F. Doflein in seinem kürzlich erschienenen naturwissenschaftlichen Reiscwerke„Bon den Antillen zuni fernen Westen" sJena, Gustav Fischer) die Frage nach der Entstehung der Antillen. Heute bilden diese eine fortlaufende Kette, welche die große, von Nord-, Central- und Südamerika gebildete Meeresbucht nach Osten absperrt, indem sie von der Vereinigten Staaten-Halb- insel Florida über die Bahama-Jnseln, Kuba, Haiti, Puerto Rico und die kleinen Antillen bis an die Mündung des Orinoko verläuft. Die großen wie die kleinen Antillen haben eine sehr spärliche Säuge- 000— tierwelt und in dieser fehlen außerdein alle höheren Vcr- treter der Klasse. Denn die Fledermäuse kommen als fliegende Tiere, die leicht vom Fcstlmide her auf die Inseln gelangen konnten, nicht in Betracht. Es giedt hier eine den Antillen eigentümliche Gattung von Insektenfressern und einige Nagetiere, alle andren Ordnungen von Säugern fehle» vollständig. Ausfällig ist be- sonders, daß keine Affen in den noch vorhandenen undurchdringlichen Wäldern der Antillen leben. Diese Tiere würden sich hier, ivenn sie je vorhanden geivesen wären, auch sicher erhalten habe». Dagegen ist es leichter erklärlich, daß sich auf de», beschränkten Ran», von Jnseln, die noch dazu von, Menschen zum Teil urbar gemacht worden find, keine so großen Tiere, ivie es die Hnfer und Raubtiere sind, erhalten haben. Die Affen trete» erst in der jüngeren Tcrtiärzeit auf, Nagetiere und Insektenfresser bereits in den älteren. Danach würden die Antillen sich etiva in, Miocän(dem dritte» der vier resp. fünf Abschnitte des Tertiärs) also in verhält,, is»,äßig neuer Zeit von, Festland losgelöst haben. Doch von welche», Festland? Alle Tiere der Antillen zeigen eine unverkennbare Aehnlichkeit mit südamerikanischen Tieren, obwohl auch Bezichmigen zn Nordamerika zu crkeniien sind. Offenbar aber stände» die Inseln mit Süd- amerika viel länger in Verbindung, als mit den Vereinigten Staaten. Die gesamten Inseln habe» aber keineswegs eine einheitliche Fauna. Die großen Antillen stehen in mancher Beziehung selbständig den kleinen gegenüber. Allein man kann sagen, daß fast jede Insel ihre Eigen- tümlichkeit hat, die uiigcmei» giftige Lanzettschlange besitzen nur die beiden kleine,, Jnseln Martinique und St. Lucia, manche Jnseln sind überhaupt mit Giftschlangen reichlich versehe», auf andren wieder fehlen sie gänzlich. Kurzum die Bezichmigen der Jnseln untereinander sind sehr mannigsallig. Das deutet darauf hin, daß auch ihre Entstehung nicht einheitlich verlief. Einzelne Jnseln mochten »och miteinander verbunden sein, tvährend andre sich schon getrennt hatten. Diese Entstehniigstveise läßt sich leicht begreifen, wenn man annimmt, daß ein mit den, Festland verbnndeues Bergland infolge gcotcktonischer Ursachen sich ins Meer hinabsenkte. Isolierte Berg- spitzen trennten sich früher als Jnseln ab Ivie ausgedehnte Hoch- plateanS, die erst, als das Land sehr tief sank, i» ihren wenig ans- geprägten Bodenvertiefiingen von» Meere überflutet und dadurch in einzelne Landgebiete zerteilt tviirde». (Schluß folgt.) Kleines Feuilleton. — Ein altäaypttscher Bratenbardc. Eine», Schriststüac des zweiten Jahrtausends vor unsrcr Zeitrechnung entnimmt die „M. A. Z." das folgende Spottgedicht auf eine» offenbar damals in der Gesellschaft viel gefeierten und auch ebenso sehr beneidete» Sänger. Dieser Heldentenor des alten Reichs der Pharaonen hatte mit den meisten seiner Kollegen der Neuzeit— es hat sich darin wahrlich nichts geändert!— gemeinsam eine gute Kehle, die gleich prächtig ausgebildet war für jene Bewegungen, die der Kehlkopf beim Gesänge, und die, welche' die Gurgel bei», Schlucken aller denkbaren Flüssigkeiten ausführt. Und jener Sänger des alten Reichs im Lande ftemi konnte sich vielleicht»och höherer Fähigkeiten„ach letzterer Richtung hin rühmen. Er muß ein rechter„lustiger Musikant" gewesen sein, vielleicht das Urbild jenes heileren Geselle», de» u»S Emanuel Geibel einst zu München im Hause der„Krokodile" besungen hat. Jedenfalls war der gefeierte Sänger, der auch die Harfe meisterlich schlug, ein beliebter Gesellschafter, denn er war Hans in allen Gassen und immer eiiigeladei,, wenn eS wo ein Fest gab, aber er hatte seine kleinen Schwächen. DaS geht ans folgenden Zeilen eines Spottgedichts hervor, das de», berühmten Mann in der bekannten liebensivürdigen Weise gewidmet war, mit der oft— es war auch damals so— Künstler unter sich nette Sachen sagen. Jener Kollege des ägyptischen Heldeutcnors hat's auch gut gekannt, wie folgende Zeilen zeigen: „Schöner als die der Nachtigall und des Hirtenvogels ist Deine Stimme,— Dir aber gilt sie, Begnadeler, nichts, denn ein gcwal- tiger Krug leuchtenden Merissa-Bieres ist Dir mehr wert, als Dein Gesang.— Zu den Festen der Fürsten lade» sie Dich— Dich eines Ziegelstreichers Sohn— Und wie einen Herr» begrüßt Dich die Diener- schar.— Deine Harfe stellt Dir eine blühende Magd neben de» schwellende» Pfühl— Aber Deine Augen sehen die Harfe nicht. Dein Herz sinnt nicht goldene Gesänge— Deine Auge» messen, wieviel des guten Essens auf die Tafel kommt— Und Dein Magen ist so unersättlich wie Deine Kehle immer trocken ist.— Wie ein Mast» ticr so stopfest Du die guten Speisen in den Rachen.— Wie ein Kamel legst Du Dich wieder an den Boden, um ans den Krügen Merissa zn saufen.— Schläuche voll süßen Weines trocknen von Dir aus.— Deines Gastfreunds Freude bist Du nicht.— Er lud Dich ein,»in seine Freunde Deiner Lieder Schönheit hören zu lasse».— Du aber hast, wie schon so oft, gar nichts hören lassen— Als widerliches Grunzen und Schnarchen.— Unter den, Tisch, gemästet und vollen Bauchs lagst Du auf der Harfe— Gesungen hast Dn nicht, aber geschnarcht im Rausche, Du Vieh!"— — Die Kraniche des JbhkuS bei den Fellache». In dem Januarheft des„Palestine Exploration Fund" erzählt Philipp I. Baldensperger eine bei den Fellachen umgehende Geschichte. welche die Neugierde des Fellachenweibes charakterisieren soll, aber auch als Pendant zu den Kranichen des Jbykus gelten kann: Ein Fellach ermordete einen Wanderer und hörte diese» vor seinem Tode sagen:„Mein Mörder wird bekannt werden". Der Mörder sagte:„Ich werde Dich unter diesen Steinhaufen begraben, und man wird nicht einmal merken, daß Du gemordet worden bist; denn wir sind weit entfernt von jeder», enschlichen Niederlassung." Gerade trieb der Wind cincn fliegenden Dornbusch vorbei. Da sprach der Sterbende: „Der Dornbusch wird die Kunde verbreiten." Er starb, ward von dem Mörder begraben, und sein Heimatdorf hatte ihn vergessen. Jahre vergingen; eines Tags sah der Mörder einen Dornbusch von? Winde getrieben an seine», Fenster vorbeifliegen. Da mußte er lächeln; sein Weib frng ihn, warn», er den Mund verziehe; er wollte den Grund nicht sagen, endlich sprach er, daß er sich an etwas erinnert habe, was an einen, ähnlichen Tage wie de», heutigen geschehen sei. Da ließ die Evastochter nicht ab zu fragen, bis er ihr alles erzählte. Er bat sie noch, das Geheim- nis zu bewahren, und sie lachten beide über ihre Thorheit. Da be- gab es sich, daß der Mann mit seiner Frau in heftigen Streit ge- riet, der Mann begann die Frau zu schlagen und sie rief laut: „Er wird mich morden wie jenen Wanderer, der unter den Steinen liegt, und bei Gott, der Dornbusch wird alles verraten!" Das hörten die Nachbarn; so verbreitete sich durch den Dornbusch die Kunde von dem Mord und der Mörder entging seiner Strafe nicht.— — Der Perubalsam und seine Gewinnung in Central- Amerika. Der sogenaniitc Pernbalsa», kommt fast ausschließlich aus der kleinen centralamerikanischen Siepublik San Salvador. Der Name Pernbalsa,» ist dadurch entstanden, daß der Balsam zu den Zeiten der Spanier von San Salvador zunächst„ach der Hafenstadt Eallao in Peru und von hier nach Europa gebracht wurde. Der Balsambaun, (zlzroxykm Pereirae) wächst im wilden Zustande entweder vcr- einzelt oder in kleinen Gruppe» zusaninien und wird 15—20 Meter hoch. lieber die Gewinnimg macht P. Prcuß in den Berichten der „Deutschen pharm. Gesellschaft" folgende Angaben: Sobald die Bäume einen Sta»»u,»mfa»g von etwa 16 Centimetcr erreicht haben, wird mit der Anzapfung„nd Balsanigewinnnng begonnen. Dieselbe wird während des ganze» Jahrs vorgenommen, hauptsächlich in den Trockeinnonaten vom Dezember bis April. Der ans- fließende Balsam wird von Zenglappen aufgesogen, das Ausfließen durch Erwärmen der angeschlagenci, Stellen befördert und später der Balsam durch Anspressen und Auskochen der Lappe» gewonnen. Wenn die angeschlagenen Stellen erschöpft sind, kratzt der Arbeiter mit dem Messer die ganze bearbeitete Rinde bis anfS Holz herunter. Dieselbe wird zerstampft und mit Wasser ausgekocht und so der dick- flüssige„Nindeiibalsam" gewonnen, welcher mit de», obigen«Lappen« balsan," gemischt wird.— Humoristisches. — Aus Th r o I.„Du, Loisl, wer isch scll gewesen, der Andre Hofer?" „Sell kmmt'st lei wissen, des is der, der wo den Feigeiikaffee erfunden hat."— — Kirchweih-Priigel. Amtsrichter:„Was wollen Sie?" Bauer:„Mein Zaun". Amtsrichter:„Was?" Bauer:„Freili, i brauch'». Oes habt's n' da heri», scho seit'» letzten Kirta als corpes dallcü."— sf.Simpl.") Notizen. — Das Ensemble des Deutschen Theaters wird vom 20. April ab 10 Vorstellungen im B u d a p e st e r L u st- spieltheater geben, während das, nigrische Nationaltheater in, Juli ebenfalls 10 V o r st e l l» n g e n in, Deutschen Theater geben wird.— — Die Marwitz- Oper beginnt am 15. Jnni mit H. M a r s ch n e r s. H a n S H e i l i» g'" ihre diesjährige Spielzeit i», Schiller-Theater.— — Anna R e i n i s ch hat ihren Kontrakt mit den, Opern- Hans gelöst.— — Snllivans„achgelassenes O P e r n-F r a g»> e» t, „Die Einerald-Jnsel", ist von Eduard German vollendet worden und wird a», 27. d. M. i», Savoy-Theatcr in London zur Aufführung gelangen.— — In Paris ist der czechische Historie» utaler Wenzel Brozik, 50 Jahre alt, g e st o r b e n. Eine seiner prunkvollen Schildereie»,„Die Gesandtschaft König Ladislaws von Ungarn und Böhmen bei der Brautwerbung a», Hofe Karls VII. von Frankreich", hängt in der Berliner Nationalgalerie.— '—Preise von 800. 500 und 300 M. sind für die besten Entwürfe zu einem K r e i s h a u s e in Z e r b st ans- geschrieben. Der späteste Einliefernngstermin ist der 20. Mai; alleS Nähere teilt die Kreis-Kommnnalverwaltung in Zerbst mit.— Verantwortlicher Redacteur: Heinrich Wetzker in Gr.-Lichterfclde. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.