Htnterhaltlmgsblatt des vorwärts Nr. 79. Dienstag, den 23. April. 1901 10) A- L b r i k: (Nachdruck verdaten.) Rani an in drei Büchern von Emile Zola. AuS dein Französischen überfetzt von LeopoldRosenzweig. Niemand antwortete, kein Ton kam aus der dichten Finsternis der Treppe. Und im schwachen Licht der Petroleum- lampe, das ans der geöffneten Thür auf den Treppenabsatz fiel, sah man nur Nanet, der hier auf Vorposten zu stehen schien. „Ah, da bist Du ja, Du Taugenichts!" schrie Nagu. „Was machst Du da, he?" Der Knabe verlor die Fassung nicht, wich nicht einmal zurück. Seine kleine Gestalt aufrichtend, antwortete er tapser. „Ich habe zugehört, um zu wissen, was geschieht." „Und wo ist Deine Schwester? Warum anwortct sie nicht, wenn man sie ruft?" »Die Schwester war oben auf der Treppe mit mir. Aber wie sie Dich koimncn gehört hat, hat sie Furcht gekriegt, dasi Du herauskommst und sie schlägst, und da ist sie lieber himmtetgegaiigen, damit sie fortlaufen kann, wenn Du böse bist." Nagu lachte. Die Dreistigkeit des Knaben belustigte ihn. „Du hast also keine Furcht?" „Wenn Tu mich anrührst, schrei' ich so stark, daß meine Schwester mich hört und fortlaufen kann." Vollkommen besänftigt, beugte der Mann sich über die Treppe und rief wieder: „Josine! Josine! So komm doch und sei nicht dumm. Du weißt doch, daß ich Dich nicht umbringen werde." Wieder folgte tiefes Schweigen, nichts rührte sich, kein Laut kmn aus der Finsternis. Lucas, dessen Anwesenheit nicht mehr nötig war, nahm Abschied, indenr er die Toupe grüßte, die mit zufamniengepreßten Lippen kurz znriicknicrtc. Tüe Kinder waren wieder eingeschlafen. Der alte Ragu hatte sich, die erkaltete Pfeife im Munde, die Wände entlang zu dem Zimmer hingeschleppt, in welchem er schlief. Und Bonnaire, der schweigend auf einem Stuhle saß und seinen Blick, in Gedanken versunken, in die Leere des armfefigen Raums richtete, wartete nur die Ent- senumg der andren ab, um sich ebenfalls an der Seite seiner schrecklichen Frau zur Ruhe zu begeben. „Nur Mut, mein Freund! Auf Wiedersehen!" sagte Lucas, ihm kräftig die Hand drückend. Auf dem Treppenabsatz rief Ragu noch immer, jetzt mit einem bittenden Ton in der Stimme: „Jofinc! So komm doch. Josine k Wenn ich Dir sage, daß ich nicht mehr böse bin!" Und da die Finsternis stumm blieb, wendete er sich zu Nanet, der sich nicht einmengte und seine große Schwester nach ihren: Gefallen handeln ließ. „Sie ist vielleicht fortgelaufen." O nein, wohin hätte sie gehen sotten? Sic muß unten auf der Treppe sitzen." Lucas stieg die schmalen und hohen Stufen hinunter, sich an dem fettigen Strick haltend und vorsichtig mit den Füßen tastend, um nicht in der tiefen Finsternis die steile Treppe hinunterzufallen. Es schien ihm, als stiege er auf einer schmalen Leiter zwischen zwei feuchten Mauern in einen Abgrund hinab. Und je weiter er hinunterkam, desto deut- licher glaubte er ein ersticktes Schluchzen zu hören, das aus der duukleu Tiefe herausdrang. � Von oben rief lviedcr die Stimme Ragns in entschlossenem Tone: „Josine! Josine! Wenn Du nicht herauskommst, so muß ich Dich wohl holen!" Da blieb Lucas stehen, denn er hörte einen leichten Atem näher kommen. Etwas Lindes, Warmes schien heraufzusteigen, leise, kaum hörbar, zitternd. Er drückte sich gegen die Wand, denn er erriet, daß ein armes Geschöpf vorüberkommen werde, unsichtbar, bloß erkennbar am leisen Vorbeistreifen ihres Körpers. „Ich bin es, Jofinc I" sagte er leise, damit sie nicht er- schrecke. Der leichte Atem kam immer näher, und keine Antwort folgte. Aber mit kernm fühlbarer Berührung streifte das un» glückliche, unsichtbare Geschöpf an ihm vorüber. Und eine kleine, fieberische Hand erfaßte die seinige, ein brennender Mund drückte sich auf seine Hand und küßte sie heiß und innig, in unendlicher Dankbarkeit, in einer Hingabe ihres ganzen Wesens. Sie dankte ihm, sie gab sich ihm, ungesehen, verhüllt, in süßer Kindlichkeit. Kein Wort wurde gewechselt, nichts als dieser von heißen Thränen benetzte Kuß in der Finsternis. Der leichte Atem war vorüber, die luftige Gestalt stieg weiter. Und Lucas stand tieferschüttert, im Innersten er- griffen von dieser traumhasten Berührung. Dem: der Kuß dieses unsichtbaren Mundes war ihm ins Herz gedrungen, ein süßer, starker Schauer ivar durch seine Adern gerollt. Er wollte sich überreden, daß er lediglich froh sei, es durch- gesetzt zu haben, daß Josine für diese Nacht ein Obdach gefunden hatte. Aber warum hatte sie geweint, auf der letzten Stufe an der Thürschivclle sitzend? Warum hatte sie so lange ans die Rufe des Mannes oben nicht geantwortet, der sie wieder bei sich aufnahm? Hatte sie um etivas Verlorenes geschluchzt, verzweifelt einen unerfüllbaren Traun: beweint, ehe sie sich endlich entschloß, hinaufzugehen und das Leben tvieder aufzunehmen, zu dem sie verdammt war? Von oben ließ sich die Stimme Ragus ein letztes Mal vernehmen. „Ah, da bist Du ja, es war schon Zeit! So komm schlafen. Du dummes Mädel, ich bring' Dich heute noch nicht um." Und Lucas eilte fort, so ttcf und unglücklich, daß er ver- suchte, die Ursache der schrecklichen Bitterkeit zu ergründen, die ihn erfüllte. Während er nnt Mühe seinen Weg in dem dunkeln Geivirre der schmutzigen Gassen Alt-Beauclairs fand, dachte er über die letzten Ereignisse nach und fühlte bren- nendes Mitleid mit den: armen Kinde. Sie war das Opfer ihrer Verhältnisse, sie hätte sich nie diesem Nagu ergeben, wäre sie nicht von dem Elend ihrer Klasse erdrückt, verderbt ivorden. Wie ttef mußte der Boden der Menschheit um- gepflügt werden, damit die Arbeit wieder zur Ehre und zur Freude werde, damit die starke, gesunde Liebe aufblühen könne aus der herrlichen Aussaat der Wahrheit und Gerechtigkeit! Mittlerweile war es allerdings das beste, daß daS UN- glückliche Mädchen bei Ragu blieb, wenn dieser sie nicht zu sehr mißhandelte. Der heftige Wind hatte aufgehört, und am Himmel erschienen einzelne Sterne inmitten der dunkeln, jetzt unbeweglichen Wolken. Aber wie finster war die Nacht und in welch unendliche Traurigkeit hüllte die Dunkelheit daS Herz! Plötzlich sah sich Lucas am Ufer der Mionne, nahe der Holzbrttcke. Ihm gegenüber lag die Hölle in unaufhörlicher sausender Arbeit; man hörte den hellen Doppelschlag der Schnell- Hämmer, durch welchen die tieferen Schläge der Quetsch- Hämmer drangen. Ein feuriges Aufleuchten erhellte manchmal die Nacht, bleiche Rauchwolken hingen gleich einem Gewitter- Himmel im Strahlenkreis der Bogenlampen. Diese nächtliche Thätigkcit des Ungeheuers, dessen Oefcn nie erloschen, brachte ihm wieder das Bild der mörderischen Arbeit vor Augen, die den Mensche:: aufgezwungen wurde wie in einer Galeere, um ihnen mit Mißtrauen und Geringschätzung vergolten zu werden. Er sah die kraftvolle Gestalt Bonnaires, sah ihn, wie er ihn eben verlassen hatte, in dem düsteren Zimmer sitzend, gebrochen lvie nach einer Niederlage, mit dem drohenden Gespenst einer Ungewissen Zukunft vor der Seele. Dann tauchte ohne Uebergang eine andre Erinnerung dieses Abends auf, das undeutliche Profil Langes. des Töpfers, wie er mit Leidenschaft eines Propheten seine Verwünschung hinausrief, die Zerstörung Beauclairs unter der Last feiner Sünden verkündete. Aber um diese Stunde lag das bezlvungcne Bcauclair in: Schlafe, eine dunkle, wirre Masse, aus der nicht ein Licht herüberleuchtete. Nichts war wach ringsum als die Hölle mit ihrem nie rastenden Feuer, durch deren Inneres unablässige Donner rollten, deren ewig lodernde Flammen die Menschenleben verzehrten. Eine ferne Uhr schlug Mitternacht in der Finsternis. Lucas überschritt die Brücke und ging die Straße nach Brias — 31 hinab, um in die Gmljnie heimznlehten,>vo sein Bett ihn erwartete. Kurz ehe er sie erreichte, erhellte plötzlich ein starker Schein die ganze Gegend, die beiden Hänge der Monis Bleuses, die schlafenden Dächer der Stadt, bis hinaus in die endlose Fläche der Roumagne. Auf der Berglehne fand aber- mals ein Abstich des Hochofens statt, dessen Profil sich schwarz abhob, wie in einer Feuersbrunst. Lucas hatte den Blick erhoben, mid wieder schien es ihm, als sähe er eine Morgen- röte, den Sonnenaufgang der neuen Menschheit, die er erträumte. lFortsetznng folgt.) (Nachdruck»etfolcn). s?] Vie bttnto Mvihe. Berliner Roman. Von Fritz M a u t h n e r. Doktor Hantinger verbeugte sich gegen den Star, nach dem sich jetzt auch die übrige Gesellschaft hinwandte. Der berühmte Mann grüßte über den kleinen Raum hinüber Doktor Raskel, indem er ihm etwas wie eine Kußhand zu- warf, und sagte: „Sehr interessant, Herr Doktor. Wirklich, sehr interessant. Es hat Eindruck auf mich gemacht." Jetzt lehnte sich Doktor Hantiuger in seinem niedrigen Polsterstuhle bequem zurück, wischte sich den Schweiß von seiner zurückliegenden kleinen Stirn und sprach weiter. Er werde den Herrschaften nur den zweiten und dritten Akt vor- zulesen die Freiheit haben. Die Einrichtung sei so zu ver- stehen, daß jedem Akte unter Tanzbegleitung ein lebendes Bild aus dem Alten Testamente vorausgehe und eines aus dem Neuen Testamente folge. Man solle sich heute nur recht lebhaft die Aufführung vorstellen. Am Kronprinzen-Theater— das stehe schon ganz fest— werde das eigentliche Theaterstück durch den ge- wöhnlichen schönen Vorhang markiert werden, die Bilder aus deni Alten Testament durch einen blutroten, die aus dem Neuen Testament durch einen schneeweißen Vorhang. Das sei symbolisch. Und wegen der lebenden Bilder habe daS Gapze die Bezeichnung„Mysterium" erhalten. Am 81. Oktober oder am 10. Novernbar, an einem der Lnthertage, werde die erste Aufführung stattfinden, das stehe schon ganz fest. Einer der berühmtesten Dichter Deutschlands werde den Prolog ver- fassen; er sei in diesem Saal gegenwärtig. Die Zuhörer dürften heute niemals vergessen, daß es sich um ein Mysterium handle, daß also, wie in der Kirche, die Andacht da anfangen müsse, wo das Verständnis aufhöre. Alles war still. Nur die Kietz flüsterte ihrer Nachbarin einer bildschönen, neuengagierten Schauspielerin, etwas laut zu:„Wenn's nur'mal was andres ist." Dann griff Hantinger nach dein dicken Manuskript, suchte eine Weile darin herum und beganil mit seiner hohen, unruhigen Stimme die eigentliche Vorlesung. Bohnnann war ausS äußerste gespannt. Die Mitteilung, daß dem zweiten Akte als lebendes Bild„Joseph am Hofe des Pharao" vorausgehen und dazu die Weiber des Pharao einen feierlichen Reigen tanzen sollten, nahm er ruhig auf. Warum sollte seine Poesie nicht durch solche edle Künste noch gehoben werden? Jetzt aber mutzten seine Verse kommen. Er hatte im zweiten Akte drei große Auftritte ver- einigt: die gründliche Unterredung, in welcher der König Salomo die Hirtin Sulamith überredet, seine Gattin zn werden, die ebenbürtige Same, in welcher Sulamith von ihrem Freunde Abschied nimmt, und endlich die rührenden Klagen des Hirtenknaben über die Untreue der Geliebten. Bohrmann verhehlte sich nicht, daß gerade die Einfachheit, ja Kindlichkeit der Handlung wohl Veranlassung gegeben haben konnte, das Ganze ein Oratorium oder ein Mysterium zu nennen. Wie erschrak er aber, als er schon nach wenigen Minuten erkennen n Uchte, daß der Bearbeiter des„Hohen Liedes" nicht allein die Reden in einer geradezu barbarischen Art gc- kürzt und Vers für Vers geändert, sondern auch ihren Sinn in einer schrecklichen, ja geradezu unzüchtigen Weise ent- stellt hatte. Die Ucberredung des Hirtenmädchens hatte in Vohrnianns sauberem Manuskript genau siebcnundztvanzig Seiten ausgefüllt. Das machte bei fünfundzwanzig Zeilen auf jeder Seite— Bohrniann hatte mit den Jahren sich gut in: Rechnen geübt, wenn das auf dem Seminar auch sei» schwacher Punkt gewesen war— sechshundertfünfundsiebig Zeilen. In der BMbeiwng war Vdktor Hantinger mit deiw i_ zehnten Teil ausgekommen. Bohnnann hätte dazwischenschrclen mögen:„Das ist ja falsch I Da sind ja wichtige Gedanken� glieder übersprungen." Wenn die Verse noch wenigstens unverändert geblieben wären I Kaum den vierten oder fünften Teil seines Stücks hatte der Bearbeiter stehen lassen, und das Erhaltene hatte er durchaus geändert, es vergiftet mit Erinnerungen an orienta- tische Unthaten der Gegenwart, an lüsterne Paschas, an Sklaveuhalterei, an Frauenbetrug, ja selbst Eunuchen wurden genannt. Ilm Gottes willen! So behandelt man doch nicht einen biblischen Stoff! Das war sein Stück nicht mehr! Bohnnann blickte ratlos nach Mascha hinüber und be- merkte mit neuem Entsetzen, daß der Kaiser Nero mit ihren Fingern spielte, als ob er die Zuchtlosigkeit im Harem des Judenkönigs hätte mimisch darstellen wollen. Daß Mascha diese Berührung gar nicht bemerkte, das hätte er ihr verziehen. Es war so etwas Geistiges in Mascha! Daß sie aber auf die Vorlesung seines mißhandelten Stücks gar nicht zu achten schien, daß sie zerstreut war, das schmerzte ihn. Nach der Angabe Doktor Hantingers sollte dieser Akt nnt einem lebenden Bilde des verlorenen Sohns„im Weiber-- hause" beschlossen werden. Das Mysterium bestehe darin, daß die unzähligen Weiber Salomos durch einen Tanz der Dirnen wieder in Erinnening gebracht würden. Ein Tanz von Dirnen sei wohl sonst auf der Bühne unzulässig; in einem Mysterium aber werde es wohl— auch nach der Meinung des Herrn v. Dahlem— gestattet werden. Eiir beifälliges Gemurmel folgte, und der berühmte Dichter sagte wieder, es sei sehr interessant. Zum dritten Akte gab Doktor Hantinger die Erklärung. er werde durch einen Siegestanz der Deborah zu dem lebenden Bilde eines jüdischen Heerlagers eingeleitet werden. Tann hätte eigentlich Bohrmanns dritter Akt kommen müssen, von dem der Lehrer sich eine tiefe sittliche Wirkung versprochen hatte. Die Königin von Saba trat auf und teilte ihrer Ver- trauten— die eben von Fräulein Reymond gespielt werden sollte— mit, daß sie aus dem fernen Saba nach Jerusalem gekontmen sei, um durch ihre in Arabien gerühmte Schön- heit, durch die Reichtümer ihres Landes und durch ihren Witz den jüdischen König seinem Gotte Jehovah zn ent- fremden. Der ganze Akt bestand darauf nur noch aus einer Nnterhaltung zwischen der Königin und dem König und endigte damit, daß die Königin von Saba sich vor dem gottesfürchtigen Hirtenmädchen demütigte, um mit Hilfe des unschuldigen Kindes ihre Zwecke besser erreichen zn können. Hier war clivas mehr vom ursprünglichen Texte stehen ge- blieben, aber dafür war Zeile für Zeile in der unschicklichsten Weise geändert worden. Und selbst neue Personen und neue Auftritte einzulegen, hatte sich der Bearbeiter nicht gescheut. Als die Königin von Saba sich gegen das Ende hin von zwei KebSweibern die Gewohnheiten Salomos erklären ließ, sich nachher beim Hirtenmädchen danut einschmeichelte, daß sie Liebcstränke lehren könnte, und als dann ganz unver- mittelt die frommen Schlußworte der Sulamith, die er sich iir ganz anderent Zusammenhange gedacht hatte, folgten, da verlor Bohnnann gänzlich seine Fassung. Er hörte nur noch, daß Doktor Hantiuger von der Ent- hauptnug des Täufers sprach, deren Darstellung mit einem frechen Tanz der Herodias den Akt beschließen sollte. Dann brach ein lebhafter Beifall los, und Bohrmann blickte verstört um sich. Alles war aufgestanden, und Doktor Hantiuger hier, Doktor Raskel dort wurden umdrängt und mit Glückwünschen bedacht. Daß Hantinger der Bearbeiter sei, schien man als bekannt oder als selbstverständlich vorauszusetzen; vom Dichter der zn Grunde liegenden„Skizze" war nicht die Rede. Hautinger nahm in seiner aufgeregten Weise jedes Lob nnt verlegenem Händereiben hin und redete etwas von einem Tank, den er seinen Mitarbeitern schnlde, nicht nur den: genialen Doktor Raskel. Doktor Raskel sprach selbstbewußter. Er interessiere sich nun einmal für das Kronprinzen-Theater. Man könne heutzutage recht gut die reinsten Knnstforschungen mit einem praktischen Blick verbinden. Heutzutage müsse man mehr als je den Zeitgeist verstehen und vor allein dein Publikum das ewig Schöne in etilem ganz neuen Gewände cntgegenbriugeu. Doktor Hantiuger gebühre allein der Ruhm und der Erfolg. Doktor Raskel sei nur der Kritiker. Bohrmann vernahm das alles, weil er sich da und dort in die Gruppe eindrängie. So stieb er auch auf Hilde»md Konrad, die miteinander lachten. Bohrmann faßte seinen Freund hart an der Hand. »Was soll ich thun?" fragte er mit unterdrücktem Grimm. »Was ist denn?" fragte Konrad ganz erstaunt, und Bohr- mann berichtete ihm mit steigender Aufregung den Sach- verhalt. „Sei froh, daß Du für den alten Ladenhüter überhaupt was gekriegt hast," sagte Konrad.„Mit Deinem König Salomo hättest Du keinen Hund hinter dem Ofen hervor- gelockt. Wenn die Bande wirklich was damit niacht, so macht sie's n,it den Tänzerinnen. Ich habe von den bloßen Titeln der Tänze einen Riesendurst bekominen. Das ist ein gutes Zeichen." Alle sprachen durcheinander, niemand künnnerte sich um Bohnnann, und so stieg in ihm der Wunsch auf, von sich zu reden, seinen Namen zu hören, seinen Anteil anerkannt zu wissen. Er trat mit mahnenden Augen vor Doktor Hantinger hin, aber der sah ihn gar nicht an. Er stellte sich drohend Mascha gegenüber, aber sie nickte ihm zerstreut und freund- lich zu. Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter. „Ist Ahnen was, Herr Clausing?" fragte Frau Kietz herzlich.„Sie sehen ganz misepetrig aus." Die Gäste wurden von Herrn Lose eingeladen, ihm in den Salon zu folgen und dort die gehabten Eindrücke freund- lich auszutauschen. Man erwarte zu der bescheidenen Mahl- zeit noch weitere Gäste. Die Herren und Damen fanden es ini Boudoir furchtbar gemütlich und wollten gar nicht gehen. Mascha niußte lachend einen nach dem andren Hinanstreiben. Dracklin versteckte sich im Scherz hinter einen japanischen Ofenschirm und mußte von da mit scheinbarer Gewalt fortgeholt werden. Es handle sich um eine Ueberraschung, erklärte der ein- geiveihte Vetter den Intimen des Hauses. Für die Vor- lesung sei Mascha schwarz und hoch gekleidet gewesen. So a» der Tafel zu erscheinen� wäre ein Verstoß gegen die gute . Sitte, den Maschalinchen sich niemals zu Schulden kommen lassen würde. Und das neue Kleid sei noch gar nicht an- probiert, es sei erst während der Vorlesung abgeliefert worden. Das Boudoir stoße an Maschas Schlaf- und Ankleidezimnier. Ter Assessor half die Gäste unter Lachen hinaustreiben. (Fortsctzmig folgt.) Vor Vjövnson. Lindau sandte mir eine Einladnng, in der er mich bat. mit Björns»» znsammen bei ihm zu speisen, da der Dichter mir einiges über„Paul Lange und Tora Parsberg" sagen wolle. Das Stück sei hier nnd da mißverstanden worden, selbst von Georg Brandes, und Björnsou möchte nun selbst seine Intentionen dar- legen, damit sich die Mißverständnisse nicht wie eine ewige Krankhest fortschleppten. Daß mir die Einladung eine Frende war, brauche ich keigenr zu sagen, der einmal mit dem Dichter zusammen Ivar oder besser: keinem, der ihip aus. seinen Werken keimt, wirklich kennt und versteht. Außer dein Gastgeber nnd einer nahen Verwandten waren nur Björnson, seine Fra» und seine Tochter anivesend. Während das Gespräch nun hin- und herüber flog, erzählte der Dichter dann und wann von seiner Dichtung. Ich Ivcrde wiedergebe», was mir im Gedächtnis geblieben ist, wobei ich glaube garantieren zu dürfen, daß ich die Hauptsache richtig treffe. Für den Wortlaut n»d derartige Aenßerlichkeitcn kann ich natürlich nicht cinstehen, da ich ja z» einen» Mittagessen und nicht zu eiuci» Jntervieiv gekommen ivar. Björnson ist ein in Deutschland mit Recht gefeierter Dichter und so sei es»rir gestattet, in einigen Worten de» menschlichen Eindruck zu schildern, den ich von ihm erhalte» habe. Vielleicht wird der Kenner seiner Dichtimgeu findeir, daß der mensch- liche Eindruck in seiner Art auch ein Kommentar ist. Ich fand Björnson frischer nnd wohler, als da ich vor seiner Reise nach Paris hier in Berlin mit ihn» zusamincn war. Nicht daß er lebhafter iin Gespräch gelvesen wäre(lebhaft ivar er auch damals), aber er war lebhaft, ohne daß man die Erschöpfung fürchtete, die ihn» seine Lebhaftigkeit verursachen könnte. Bei einen» Freund in meiner nordschleswigschen Heimat (Ivo ja die Volkssprache dänisch ist) steht im Arbeitszinuner eine Büste Björnsons. Ich weiß nicht, von wem sie ist, glaube aber, sie treu in der Erinnerung zu haben. Ein mächtiger Kopf, der streng, unerbittlich, kühn ins Zimmer blickt, ein Mann des Kampfs, der Idee, der Agitation, des Radikalismus; ein aggressives vulkanisches Temperament! ei» Mensch, der sich zornig erhebt, wen» in sein Revier ein Ungliickswnru» hineingerät, der nicht hincingehört. Die Bilder, die ich kenne, atmen denselben Geist und dieser Geist lebt auch in seinein Wesen. Es ist dieser Geist, der ihn treibt, sich mit ewig frischem Jngendmnt in die Händel dieser böse» Welt zu mischen, ohne philiströse Besorgnisse um seine„dichterische Objektivität" und derartige Raritäten. In, Gespräch merkt man diese Seite seines Wesens, wenn er erregt wird nnd die Augen dnrcki die Brillengläser blitzen, daß selbst die Gläser zu blitzen scheinen. Es ist indessen»»»»r eine Seite des Manns. In der Ruhe ist er so mild und gut und verzeihend, wie etwa ein stiller Superintendent meiner Heimat. Dann blitzt sein Wesen nicht mehr! dann geht väterliches Vertrauen davon aus. Dann ist die Flamme, die in ihm ist, zu ruhigen» Schein ge- worden. Dann ist er gläubig und naiv wie ein Kiiid. Eine härte Kampfnatur nnd naiver Kindessinn, das scheinen nicht nur, das sind für sich betrachtet, Widersprüche. Wo»st die Synthese? In welcher Harmonie heben sie sich in Björnsons Wesen ans? Iin Glauben, im reinen Glauben an die Idee. Der Glaube an das Gute niacht ihn so mild»nd menschlich fromm und der Glaube lodert in ihm wie eine heiße Flamme und niacht ihn zum harte»» unerbittlichen Streiter. Eil» dänischer Kritiker hat diese doppelseitige(und doch ganze) Natur unvergleichlich zum Ausdruck gebracht. Ich habe das Wort schon früher citiert! aber man darf eS ziveimal brauchen, ohne daß es ermüdet. Er hat, sagt der Däne, zwei Bärei» in seinem Namen(Björil— Björn), aber zivischci» beiden leuchtet ei» milder Stern. Nnd nun zu der Dichtung. Es wird notiveudig sein, sie in kurzen Worten im Gedächtnis der Leser zu beleben, um Björnsons Worten einen Hintergrund zu geben. Paul Lange, der eigentliche Held, ist Staatsminister. Er legt sein Amt nieder und steht eben in» Begriff zu gehen, wie man in der Politik so häufig„geht"— in»» wiederznkonimen, wenn die Zeit seineu freiheitlichen Ideen ent» gegcngcreift ist. Majestät wünscht, daß er noch vor seinem Scheiden den Chef des Ministeriums gegen ein Mißtranens» Votum schützen soll, das in der Kammer gegen ihn ein- gebracht ivcrden soll. Da er das Ministcrinm verläßt, sst seine Unabhängigkeit über jeden Zweisei erhaben nnd seine Worte »lüssen Eindruck machen. Paul Lange kam» sich nicht entschließen und giebt eine ausiveichende Antwort. In diese Situation kommt ein radikaler Politiker, der den Chef unter allen Umständen beseitigen will, da er unznverläsfig und intrigant sei. Der Staatsminister ivendet ein, daß der Mensch doch niehc sei als seine Fehler, läßt sich aber von der bewußten»nierbittlichen Politik des andren fortreißen und verspricht, den Chef nicht zu stützen. Dasselbe Versprechen giebt er den» Präsidenten des Storlhings und»st damit zweimal ge» bunden. Nun erscheint Tora Parsberg in seinemHotel, das stolze, schöne, aristokratische Weib, das er liebt' Sie facht mit ihren» selbst- beivnßten Wesen seinen Mut»nid sein Vertrauen an und macht ihn stark genug, seine eigne Meinung den Partcipolitikern gegenüber zu behaupten— und Paul Langes Meinung geht ja dahin, daß der Chef— trotz allem— Unterstützung verdient. Also unterstützt er ihn wirklich im Storthing. Nun ist er in den Parteikampf hinein- geraten, der bekanntlich nicht mit sich spaßen läßt. Die Zeitungen nennen ihn„Verräter" und drucken aus früherer Zeit Briefe ab, in denen er sich unter andren Umständen sehr herb über seinen Chef äußert! nian meidet ihn, als'.venn er über Nacht von Aussatz befallen wäre nnd als um» gar bekannt wird, daß er den Gesandschaftsposten in London bekommt, bringt mau das mit seiner Verteidigung in einen kansalen Zusammenhang und tansendstimmig gellt der Schrei„Lump" gen Himmel. Paul Lange fühlt sich feige, geschändet, bespiecn, der Verachtung preisgegeben und in diese niedrige Existenz will er die strahlende. stolze Tora nicht hineinbringe». Seine Excellenz der Herr Staats- minister geht in ein Nebenzimmer und schießt sich eine Kugel durch den Kopf. Wenn man die Dichtung als politisches Drama auffaßt, ist nian sofort den schwerste» Mißverständnissen ausgesetzt. Es ist eine psychologische Tragödie nnd als solche ist sie sehr tief, sehr wahr, sehr erschütternd. Der Gegensatz heißt nicht„Paul Lange(Jiidividualität) und Paiteigeist", sondern, wie der Titel schon andeutet, Paul Länge nnd Tora Parsberg. Die Politik ist Milieu, nicht Motiv. Im Gegensatz zivischen dqn Helden und dem glänzenden Weib, das er liebt, liegt der Schlüssel zum Verständnis. Ein politischer Held, der ein zweifaches Wort nicht ans politischen, sondern ans psychologischen Gründen bricht, wäre ein sonderbarer Held. WnS aber den» Politiker Lang« genommen ivird, das kommt der tief erfaßten Menschennatur zu gute. Im Privatleben, sagte Björnson, schützen wir die feinen, aber schivachen Charaktere. Es sind nicht die schlechtesten Menschen, die trinken. Sind es feine Seelen, schützen»vir sie, sind milde, ver- zeihen und suchen zu retten, ivas zu retten ist. In der Oeffent- lichkeit thun wir das nicht. Da treten wir nieder, zertrete», zerstören. Die ganze Mahnung dcS Dramas läßt sich ans die ein- sache Formel bringen: Seid gut! Die Frommen wolle» das Reich Gottes mehren. Ich ivollte'durch diese Dichtung für das Reich der Güte einige Mensche»» gewinnen. Feine Naturen hervor- zubringen, ist der Sinn der Kultur. Paul Lange ist eine feine Natur, aber schivach. Er ist von unten hcranfgelomme»,(ein Einporkömniling im guten Sinne des Worts); er ist zu viel getreten tvorden, trägt zu viele Wunden,«n» frei und stolz zu sein. Sein Gegcnbild ist Tora Pars- berg, die von oben kommt»liid den unbekümmerten Stolz mit sich bringt. Ich glaube nicht an die Initiative des Weibes, gber ich glaube«u ihre Hilfe, Ei»e guuze Reihe von Fragen können wir ohne sie nicht lösen. Tora sollte Paul Lange helfen. Als er aber in den rasenden Parteikampf hineinkommt, packt ihn die Schwäche. Er, der von unten kommt, fühlt sich wieder unten und getreten. In diese Existenz will er das stolze Weib, das er liebt, nicht hineinbringen. Finden Sie nicht, daß gerade das ein feiner psychologischer �»g ist? Ich sagte:„Ja" und dachte: es ,st ein erschütternder Zug. Er hatte die Scham feiner Naturen, dieser Paul Lange. Er war schwach, aber auch fein. Er Ivollte nicht beschmutze». Im Schicksal Paul Langes reiht sich ein psychologisches Moment unerbittlich an das andre. Er mutz so notwendig sterben, ivie zwei- mal zwei vier ist. Man hat dem Dichter den Vorwurf gemacht, sein Held stürbe an einigen Zeitungsartikeln, ein Vorwurf, der meines Erachtens ebenso geistreich ist', als wenn man von Eslert Lövborg(in„Hcdda Gabler") sagt, er stürbe an einer durch- bummelten Nacht. Paul Lange geht nicht an„einigen Zeitungs- ariikcln" zu Grunde, sondern an den inneren Bedingungen seiner Natur, die in der Dichtung in aller Klarheit enthüllt sind. E s stürmen natürlich nicht nur Zeitungsartikel auf ihnein, meinte Björn so n, es giebt da auch andre Moniente. Aber das Drama gestattet nicht, alle zu b e r ii cksichtigen. Darum habe ich daS eine herausgegriffen. Einmal im Gespräch wurde der Dichter sehr ernst. Sehen Sie, meinte er, ich habe auch einmal ähnlich g c u r t e i lt lvie diejenigen, die Paul Lange gerichtet haben. Ja, das habe ich.— Und ich verstand mit cinemmal, warum gerade diese Dichtung ihm so nahe steht— näher als selbst„Neber miste Kraft". DaS Gespräch zwischen dem Dichter und mir wurde, wie ich um der Gewissenhaftigkeit willen hinzufügen will, norwegisch geführt. Ich glaube aber nicht, dasiBjöriisoiimeinellebersetzuiigbeanstattdenwird. Uebrigeus möchte ich das Mißverständnis nicht aufkommen lassen, als ob ich in diesen Zeilen dein Dichter meine ästhetische Vernunft gefangen gegeben hätte— das darf meines Erachtens ein Kritiker nie. Als das Stück vor etwa drei Jahren erschien, habe ich bereits(in der Hauptsache) dieselbe Ausfassung in einem Berliner Blatt vertreten. Wenn man mir vorwirft, datz ich mir damit selbst «in gutes Zeugnis ausstelle, so stelle ich, scheint mir. doch dem Dichter ein noch besseres aus— das nämlich, daß seine Intentionen in der Dichtung klar und ergreifend zum Ausdruck gekommen sind.— Erich Schlaikjer. Musik. Wie wenig meistens das Anhören von Konzerten nnsrem Publikum aus einem inneren Drange kommt, ersieht man auch aus dein konventionellen Aufhören der sogenannten Saison. Die meist- berufenen Konzerte sind mit Anfang und Ende April abgeschnappt, die„Philharmoniker" find auf ferne Weideplätze gegangen, und das— noch nicht einmal ,un die„oberen Zehutäuscud" ver- «änderte— Gesamtpublikuin verlangt kaum nach einein Ersatz. Die- relativ willigen, absolut geuonmien ziemlich vielen Konzerte voir jetzt nähern sich immer mehr dem Bier- Charakter, der zoologischen Gartcnluft. Trotzdem giebt es auch unter ihnen noch schwer- ernste Abende. So stellte in der letzten Woche die Sopranistin Graes Fordes aus London au den Kritiker in- sofern starke Ausordeningen, als sie in ihren Vorzügen mid Nachteile» extreme Gegensätze vereinigt. Die mittleren und hohen Töne haben— gleich einer uurnhigen Flamme— meist etwas so Flackerndes und Flimmerndes, das; einem das Anhören bald beinahe unerträglich wird. Die höchsten Töne jedoch, etwa vom as2 an, sind auffallend ruhig und ivohlgebildet, frei und amnutend. Ii» übrigen haben alle Töne die Borzüge einer Geschmeidigkeit usw., sind aber gar sehr dünn und allzu hell und allzu„ungesättigt". Wenn ivir den Vortrag von Schuberts„Forelle" mit d e in ver- gleichen, Ivas noch vor kurzem Fran Prof. Schmidt- Kochne mit diesem Lied geleistet bat, so tvird einem das Piepsige und Aeußerliche des Gesanges von Fräulein Fordes recht unsyinpathisch. Dagegen ist sie mit hohen Coloratureu und dann auch mit graziösen' NnterhaltuiigSsachen wie z. B. einer Villmiclle (etiva— ländliches Siedchen) ganz in ihrem Element.— Dem mitwirkenden Geiger Otto S P am e r(auch ans London) gegenüber handelte es sich um den beknuuten schweren kritischen Staiid, datz »»au alles zur Kunst Nötige als anwesend koustatieren kann und nur eine anscheinende Kleinigkeit verrnifse» mutz: den göttlichen Fmikeir. Den hat Herr Spanier mm eben nicht; sonst aber hat er alles, IvaS man hier braucht. Auch das letzte Konzert des mit immer frischen Nobitäten an- rückenden„Berliner T o n k ü n st t e r- V e r e i n s" am Freitag stellte der Kritik heikle Aufgaben. Es handelte sich diesmal um specifisch ernste, gewichtige Musik. Ein sechsstimmiger gemischter Chor von Arthur E g i d i(Manuskript) und eine Orgel- sonate � 0- moll op. 21 von Richard Bart mutz waren wohl im allgemeinen nicht nur die bedeutendsten Leistungen des Abends, fondem auch die, welche sich verhältnismäßig am wenigsten in spielenden Zuthaten, im Entfalten von virtuosen Geschicklichkeiten ergingen. Erstente fene Sonate vor allem durch prägnante Melodik und der erwähnte Chor besonders durch prägnante Rhythinik, so zeigten ein paar andre Gesänge wieder, das noch immer den größten Teil nnster Gesangskompositionen niederhaltende Unheil der„Versklaberei", wie wir uns ausdrücken möchten. Texte in ge« bundener Rede werden einfach so komponiert, wie sie ein miaust geweckter Schulstmge herunterdeklamiert, BerSstückchcn nach Vers- stückchen, ohne Rücksicht darauf, ob es sich um Abteilungen des Verses oder um solche des Sinnes, um Einschnitte in Versen oder zivischcn Versen und dergleichen mehr handelt. Bei der jetzt bevor- stehenden Zeit der�Liedcrtafeleicn wird man sich gerade dagegen mit viel Geduld rüsten müssen.—" s,z. Mleines Feuillekon- — Vermehrung der Pflauzeu. Um die Samenmenge einer Anzahl einheimischer Pflanzen und damit ihre Vermehrungsmötflich- keit zu bestimmen, wenn alle Samen zu stlichttragendcn Pflanzen ertvüchsen, hat Leon Bedel den Samcnertrag vieler einheimischer Pflanzen festgestellt. Er verfuhr dabei, nach dem„Promechelis", so, daß er die Früchte oder Fruchtstände(bei 5loinpositcn und ähn- lichen Pflanzen) zählte, dann den mittleren Sameninhalt der ein- zeliien Frucht oder des Fruchtstandes mit ihrer Zahl mnltiplieierte. Eine Pflanze deS haarigen Weidenröschen trug z. B. 3292 Früchte und 121 Blumen, die noch eben so viel Früchte ergeben haben würden, zusammen also 3110 Früchte, von denen eine Ausluahl von S Früchten verschiedener Größe je 181, 208, 213, 228 und 230 Samen, im Mittel also 212.6 eiithiell. Znsamme» wurden also 726 211 Samen von dieser einzigen Pflanze erzeugt. Bei einem Exemplar der großen Klette wurden 366 Kröpfe gezahlt und zehn daraus gc- wählte Köpfe ergaben je 80, 8ö, 87, 87, 90, 96, 97, 100 und 107 Samen, d. h. 928 Samen zusammen, also 92,8 Samen inr Einzel- köpfchen, was also für die 366 Fruchtstände im gesamt 33964 Samen beträgt. Man ersieht leicht, daß stark berztvergke Pflanzen, tvclche viel Einzelblüten oder Bliitenstände treiben, die meisten Samen liefern, ein- oder wcnigblütige Pflanzen weniger, obwohl einzelne der letzteren, wie z. 8). die Mohnarten, durch große Samenzahl in jeder Frucht die geringe Zahl der Früchte ausgleiche». Aäiune mit weitverzweigter Krone, deren Früchts viel Samen erhalten, wie Weiden, Kiefern, Elsen, würden natürlich noch viel höhere Zahlen ergeben.— Humoristisches. — Verdächtig. Fremder:„Kannst Du Deinen Vater nicht'mal rufen?" Schlächter Sföhnchen:„Nein, der ist beim Wurst- machen— und da schließt er sich immer ein!"— — Zeitbild.„... Ich weiß allerdings noch n i ch t. ob Sie der rechte Mann für mich sind; wir können uns aber einst- weilen immerhin doch schon heiraten!"— Notizen. — Der„Verein zur Förderung der Kunst" vcra»- staltet am 26. April einen ,W i l h e l m Raabe-Abend; Adolf Bartels wird den cinleitenden Vortrag lialtcn.— —„In der Redaktion der Frau«nzeitnng", ein Vühnenscherz von ElSbeth Meyer-Förster, geht demnächst im Bunten Theater, mit der Verfasserin und einigen andern Schriftstellerinnen als Darstellerinnen, in Sccne.— — In das Gesellschnftsregister des hiesigen Amtsgerichts ist die Firma„E. von Wolzogens Buntes Theater(lieber- brettl) G. in. b. H. und dem Sitze in Berlin" eingetragen worden. Das Stammkapital beträgt 75 000 M. Gcichäftssührer sind Schrift- stcller Ernst von Wolzogen in Berlin und Kansmaim Moritz Mnsgkat in Charlottenburg.— —„Die Hoffnung auf Segen", ei» Schifferdrama des Holländers Hermann H ei j ermann, gelangt i» der Bearbeitung von Karl Heine am 21. April im Karl Schultze-Theater zu Hamburg zur Erstaufführnng.— — G. v. Berlepschs und A. V a n in b e r g s Drama ,.D e r Nachtwächter von S ch l u r n" ist vom Deutschen Volks- theater in Wien zur Aufführung migenommeu worden.— — Das Ballett von der K o p e n h a g e» e r Hofbühue giebt im Theater des Westens 15 Gastspiel-Vorstellnngcn.— — In D r e S d e n ist am Sonnabend die zweite i n t c r- n a t i o n a I o Ii» n ft a n s st e l l n n g eröffnet worden.— — Der Gelehrte Menke ans Hannover, welcher eine wissenschaftliche Expedition zur Erforschung der S ü d s e e- I u s c l n leitete, wurde nebst einem andren Mitglicde von Eiugcborpcn der Magiieran-Jiiselu ermordet.— — Eine totale Sonnenfinsternis, die in Südafrika, Indien, Polynesien, Australien»nd im Indischen Ocean sichtbar sein wird, findet am 13. Mai statt. Die Totalität dauert llV» Minuten.— — Einen Fall von bemerkenswertem Einfluß des elek- irischen Lichts auf die Vegetation teilt die„Gartenflora" nach der„Revue Horticole" mit. In Genf bewahrten im vergangenen Winter die Platanen der öffentlichen Promenaden an mehreren Stellen der Stadt an den Zweigen, die durch die Strahlen der Bogeiilampeir beleuchtet waren, lange Zeit ihr Land schön grün, während die andren Zweige dasselbe längst abgeworfen hatten.' Im Januar komite man diese Blätter noch grün an den betreffenden Bäumen sehen, und erst der starke Frost brachte sie zum Abfall.— Verantwortlicher Nedactenr: Heinrich Weykcr in Gr.-Lichterfelde. Druck und Verlag von Max B.iding in Berlin.-,