Interhaüungsm Ti~. 85. Mittwoch, (Nachdruck verdaten.) 221 Arbeit Roman in drei Büchern von Emile Zola. Aus dein Französischen iivcrsetzt von Leopold N o s e n z>v e i g. Delaveau, der fühlte, daß die Stille drückend wurde, sagte endlich: „Ein gefährlicher Mensch, dieser Lange. Der Hauptmann hat recht; halten Sie ihn fest, da Sie ihn einmal haben I" Aber der Präsident Gaunie schüttelte den Kopf und er- widerte in seiner kalten, strengen Art, ohne daß man hätte sagen können, was hinter dieser professionellen Undurchdring- lichkcit sich barg: „Ich innß Ihnen mitteilen, daß der Untersuchungsrichter diesen Mann nach einem einfachen Verhör auf nuiineN Rat heute morgen erlassen hat." Laute Ausrufe ertönten, welche eine wirkliche Furcht unter scherzhafter Uebertreibung verbargen: „O Herr Präsident, Sie ivollen uns also alle ermorden lassen?" Gaume erwiderte bloß mit einer leichten Handbewegung, welche sehr viel besagen konnte. Die Klugheit gebot aller- dings, daß man nicht durch einen Aufsehen erregenden Prozeß unüberlegt hinausgerufenen Worten eine Bedeutung und Verbreitung verleihe, durch welche sie erst recht verderblich ans die Gemüter wirken konnten. Jollivet war verstummt und biß sich auf den Schnurr- bart; er wollte seinem künftigen Schwiegervater nicht offen widersprechen. Aber der Unterpräfekt CHSMard, der sich bis jetzt begnügt hatte, mit dem liebenswürdigen Lächeln eines Menschen, der alles hinter sich hat, zuzuhören, sagte nun lebhaft: „Wie gut begreife ich Sie, Herr Präsident. Sie haben da im Sinne ausgezeichneter politischer Klugheit gehandelt. Nein, meine Herrschaften, der Geist der Masse» ist in Beau- clair nicht schlechter als anderwärts. Derselbe Geist ist überall zu finden, man muß sich ihm eben anbequemen, und das beste ist»och, den gegenwärtigen Zustand der Dinge so lange als möglich aufrecht zu erhalten, denn es scheint mir zweifel- los, daß, wenn es einmal anders wird, es schlinnner wird." Lucas glaubte einen leichten überlegenen Spott im Ton des ehemaligen Pariser Lebemanns zu hören, den die geheime Angst dieser Spießbürger belustigen mochte. Die ganze praktische Politik Ch�telards>var übrigens in diesem einen Wort zusammengefaßt: vollkommene heitere Indifferenz, gleichviel welches Ministerium gerade an der Macht war. Die alte Negierungsmaschinerie ging so kraft des ihr inne- wohnenden Beharrungsvermögens weiter, kreischte, stieß und klapperte und würde aus dem Gefüge gehen und in Staub verfallen, sobald die neue Gesellschaftsordnung da war. Wenn die Komödie ausist, fällt der Vorhang, pflegteer lachend in vertrautem Kreise zu sagen. Der Karren rollte weiter, weil er im Schwung war; aber beim ersten ernst- lichen Anprall ging alles in Trümmer. Und alle die vergeb- lichen Anstrengungen, die man machte, um die alte Baracke noch zu stützen, die schwächlichen Neuerungen, die man ein- führte, die nutzlosen Gesetze, die nian erließ, ohne es auch nur zu wagen, die alten anzuwenden, das wilde Sichvordrängen der Eitelkeiten aller und einzelner, das Wüten und Toben der Parteien, alles das beschleunigte und verschlimmerte nur den Todeskampf der heutigen Gesellschaft. An jedem neuen Tage wunderte sich das herrschende System, daß es noch nicht gestürzt war, und sagte sich, daß es morgen sicher stürzen würde. Und er, per kein Dummkopf war, richtete sich darauf ein, so lange zu dauern, als das System dauerte. Gemüßigter Republikaner, wie sids das gebührte, verckrat er die Regierung gerade nur in dem erforderlichen Maße, um seinen Posten zu behalten, that nur das Notwendigste und wollte vor allen Dingen mit den seiner Fürsorge anvertrauten Staatsbürgern in Frieden leben. Und wenn dann einmal alles zusammenstürzte, so gedachte er sein mög- liches zu thun, um nicht unter den Trünimern erschlagen zu werden. den 1. Mai 1L01 „Sie sehen ja," schloß er,„daß dieser unglückliche Streik, der uns alle so sehr beunruhigte, auf die schönste Weise zu Ende gekommen ist." Gourier, der Bürgermeister, besaß nicht die ironische Phi- losophie des Unterpräfekten, und obgleich beide stets in allen Dingen einig waren, was die Verwaltung der Stadt so sehr erleichterte, konnte er nicht umhin zu protestieren. „Verzeihen Sie, verzeihen Sie, Verehrtester Freund, zu viel Konzessionen würden uns zu weit führen. Ich kenne die Arbeiter, ich liebe sie, ich bin ein alter Republikaner, ein Demokrat von: alten Schlag. Aber wen» ich auch den Arbeitern das Recht zuerkenne, ihr Los zu verbessern, so werde ich nie aufhören, die grundstürzenden Theorien der Kollektivisten zu bekämpfen, die einfach das Ende jeder civilisierten Geineinschaft bedeuten würden." Und in seiner dicken Stimme zitterte noch die über- staudene Angst nach, die Empörung des bedrohten Bürgers, das tiefgewurzelte Bedürfnis nach Repression, das sich dainals in dem Begehren geäußert hatte, das Militär herbeizurufen, um die Streikenden mit Flintenschüssen zur Arbeit zurückzutreiben. „Ich habe in meiner Fabrik alles mögliche für die Arbeiter gcthan: Hilfskassen, Pensionskassen, billige Wohnungen, alle erdenklichen Wohlthaten. WaS also noch? Was wollen sie mehr? Das wäre ja das Ende der Welt, nicht wahr, Monsieur Delaveau?" Der Direktor der Stahlwerke hatte sich bis jetzt darauf beschränkt, mit gesundem Appetit zu essen und zuzuhören, ohne sich in das Gespräch zu mengen. „O. das Ende der Welt!". sagte er mit seiner ruhigen Festigkeit.„Ich will hoffen, daß wir die Welt nicht zu Grunde gehen lassen werden, ohne ein wenig für ihren Fortbestand zu känipfen. Ich bin der Ansicht des Herrn Unterpräfekten, der Streik ist in sehr zufriedenstellender Weise beendigt. Und ich habe sogar eine sehr gute Neuigkeit: Bounaire, der Kollek- tivist, Sie wissen ja, der Rädelsführer, den ich wieder auf- zunehmen gezwungen tvar, der hat sich selbst jnstifiziert und gestern nacht die Werke verlassen. Er ist ein ausgezeichneter Arbeiter, aber ein überspannter Kopf, ein gefährlicher Schwärmer. Ja. ja, die Schwärmerei, die bringt den Menschen ins Ver- derben!" Er>var bestrebt, sich in seinen weiteren Reden als billig denkender, gerechter Mann zu zeigen. Jedennann habe das Recht, seine Interessen zu vertreten. Die Arbeiter hätten, indem sie in den Ausstand traten, geglaubt, die ihrigen zu verfechten. Er, der Direktor der Werke, verfechte die Jnter- essen des Kapitals, des Fundus, des Besitzes, den man ihm anvertraut habe. Und er sei sogar geneigt, hier einige Nach- ficht walten zu lassen, da er sich als der Stärkere fühle. Seine einzige Pflicht sei, das Bestehende zu erhalten, die Fort« dauer des Verhältnisses zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, wie die Weisheit der Erfahrung es allmählich gestaltet habe, zu sichern. Das sei der einzige feste Grund und Boden, und alles, was diesen verlasse, sei verderbliche Schwärmerei,>vie dieser Kollektivismus zum Beispiel, der, in die Wirk- lichkeit übertragen, die fürchterlichste Katastrophe herbei- Ähren würde. Er sprach auch von den Gewcrk- 'chaften, die er unerbittlich bekämpfte, da er in ihnen einen mächtigen Kriegsmechanismus spürte. Und wenn er schließlich triumphierend von der Beendigung des Kampfs sprach, so that er dies lediglich als fleißiger Arbeiter, als guter Ver- Ivalter, der glücklich war, daß der Streik nicht mehr Schaden angerichtet hatte und nicht zur Katastrophe geworden war, die ihn verhindert hätte, dieses Jahr die Verpflichtungen zu erfüllen, die er gegen seinen Vetter übernommen hatte. Die beiden Diener trugen eben gebratene Rebhühner auf und der Kutscher, der für die Weine zu sorgen hatte, schenkte Saint-Emilion ein. „Du kannst mir also bestimmt versichern," sagte Bois- gelin,„daß wir noch nicht zu Kartoffelnahrung verurteilt sind und daß wir ohne Gewissensbisse einen von diesen Rebhuhn- flügeln essen dürfen?" Dieser Scherz, den man ungemein geistreich fand, cnt- fesselte allgemeines, lebhaftes Gelächter. „Ich versichere es Dir," erwiderte Delaveau, ebenfalls lachend.„Schlafe und iß nur ruhig, die Revolution, die «ein SiuTcmmcn dcrnichtcn wird, steht noch nicht vor der Thür." Lucas saß schweigend, während sein Herz höher schlug. So sah sie aus, die Lohnsklaverei, die die Arbeit der andern ausbeutete. Das Kapital streckte fünf Frank vor, ließ den Arbeiter sieben daraus machen und verbrauchte den Ueber- schuß von zwei Frank. Delaveau arbeitete wenigstens, setzte seine Geistes- und Körperkraft ein; aber dieser Boisgelin, der nie das geringste geleistet hatte, mit welchem Rechte lebte er. genoß er inmitten eines solchen Luxus? Lebhaften Ein- druck machte ans Lucas auch die Haltung seiner Nachbarin, der schönen Fernande, die mit großem Anteil diesem für Frauen so wenig interessanten Gespräche folgte, während man ihr die freudige Erregung ansah über die Niederlage der Arbeiter, über den Sieg des Gelds, das sie mit ihren Weißen Raubtierzähnen so gierig zerbiß und verschlang. Ihre roten Lippen öffneten sich leicht und ließen diese ihre spitzen Zähne in einem Lächeln raffinierter Grausamkeit sehen, als ob sie endlich ihren Vcrgeltungs- und Schadensgelüsten Genüge gethan hätte, wie sie so gegenüber dieser sanften Frau saß, die sie betrog, zwischen ihrem eleganten Geliebten, den sie beherrschte, und ihrem blinden Gatten, der ihr die künftigen Millionen erwarb. Sie schien berauscht von Blumenduft, Wein und Tafelgenüssen, berauscht besonders von der geheimen Wonne, ihre strahlende Schönheit als Werkzeug der Zerstörung und des Verderbens gebrauchen zu können. „Giebt es denn nicht bald ein Wohlthätigkeitsfest auf der Präfektur?" fragte Suzanne liebenswürdig, sich an Chlltelard wendend.„Wie wär's, wenn wir nun von andren Dingen als von Politik redeten?" Der galante Unterpräfekt stimmte ihr lebhaft bei. „Selbstverständlich, selbstverständlich, das ist unverzeihlich von uns I Ich will alle Feste geben, die Sie wünschen, gnädige Frau l" Die Konversation zersplitterte sich nunmehr, und jeder sprach von dem. was seinem Interesse zunächst lag. Der Abbe Marie hatte sich begnügt, einige Sätze Delaveaus mit leichtem zustimmendem Nicken zu begleiten; er trat mit großer Vorsicht auf in dieser Gesellschaft, die ihm peinliche Gefühle erweckte durch die Zügellosigkeit des Hausherrn, durch den Skepticismus des Unterpräfekten und die offene Feindschaft des Bürgermeisters, der antiklerikale Ideen zur Schau trug. O, wie der Groll in ihm gärte, gegen diese Gemeinschaft, zu deren Unterstützung er berufen war, und die einein solchen Zusannncnbruch zutrieb! Sein einziger Trost war die fromme Anhänglichkeit seiner Nachbarin, der schönen Leonore, die sich ausschließlich niit ihm befaßte und ihm liebeilslvürdige Worte sagte, während die andren diskutierten. Freilich, auch sie lebte in der Sünde, aber sie beichtete ihre Sünden. Und schon hörte er sie sich vor dem Tribunal des Beichtstuhls an- klagen, sie habe an den Genüssen der Tasel zu viel Wohl- gefallen gefunden und nicht minder an der Nachbarschaft ihres Freundes Ehatelard, dessen Knie während des MahlS liebend an das ihrige gedrückt war. Ebenso hatte der gute Mazelle, der unbeachtet zwischen dem Präsidenten Gaume und dem Hauptmann Jollivet saß. den Mund nur geöffnet, um tüchtige Biffen hineinzustecken, die er langsam kaute, damit er sich den Magen nicht verderbe. Politische Fragen inter- essiertcn ihn nicht mehr, seitdem er. tank seiner Rente, vor allen Stürmen geborgen war. Aber er war geztvungen, den Theorien des Hauptmanns ein aufmerksames Ohr zu leihen. der mit Eifer die Gelegenheit ergriff, sich einem so wohl- wollenden Zuhörer gegenüber ganz auszusprechen. Die Annee sei die Schule der Nation, Frankreich könne, seiner untilg- baren Traintion nach, nur ein kriegerischer Staat sein, welcher erst an dem Tage sein Gleichgewicht wieder finden würde. wo er ganz Europa neuerdings erobert haben und mit dem Säbel beherrschen werde. Es ist Unsinn. den Militär- dienst anzuklagen, daß er der Arbeit verderblich sei. Welcher Arbeit übrigens, wessen Arbeit? Was versteht man denn eigentlich darunter? Der Socialismus ist nichts andres als ein kolossaler Schwindel. Es wird immer Soldaten geben und. tiefer drunten, Leute, die die unangenehmen Geschäfte besorgen müssen. Den Säbel kann man wenigstens sehen, aber wer hat je die Idee gesehen, die vielgerühmtc Idee, die angebliche Beherrscherin der Welt? (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck vcrkvtcn). 43) Die lumke Meihe. Berliner Roman. Von Fritz Mauthner. Fräulein Reymond wehrte zweimal fast heftig mit der Hand ab. „Da ist mein Drama.. „Was ist damit? Bitte, erzählen Sie I" Wirr und ungeordnet drängte Bohrmanns unseliger Zu- stand jetzt über seine Lippen. ihm selbst überraschend. Wie er weiter sprach, schienen ihm die Worte. die er fand, erst sein Gefühl zu offenbaren. Seinen Glauben wollte er wieder haben l Seinen Kinderglauben und seinen Glauben an die Menschheit! Der Kreis, in welchen ihn die Fremde hinein- gezogen hatte, nahm ihm beides. Er ballte die Fäuste, wäh- rend er in undeutlichen Andeutungen zu sagen versuchte, was er seit Weihnachten schrecklich Schönes erlebt hatte. Fräulein Reymond machte wieder die abwehrende Be- wegung; es war wie Ekel. Traurig flüsterte sie: „Und doch ist es nicht das, was Sie jetzt drückt. Das war eine Lehrzeit. Sie sollen nicht bedauern, sie durchgemacht zu haben. Wenn es nur wirklich vorbei wäre. Ich glaub's nicht... Was ist mit Ihrem Drama?" Wieder erzählte Bohrmann wirr und unsicher: wie sich ihm jetzt die Fürsprache der fremden Frau darstellte, und der Handel mit Hantinger und nun gar die Aenderung des Stücks. Es sei ihm beinahe, als ob er nicht einwilligen sollte, als ob er niemals hätte einwilligen sollen. Nicht um der fremden Frau willen, nicht um des Mammons willen und auch jetzt nicht— leise sagte er es— aus weltlicher Eitelkeit. „Ich vertraue," sagte Fräulein Reymond,„daß Sie keine Sünde wider den heiligen Geist begehen werden. Es wäre die einzige, die ich nicht... Was bin aber ich?" „Lassen Sie mich Ihre Hand daraufhin fassen, daß ich die Sünde wider den heiligen Heist nicht begehen werde." Da klingelte es. und Lenchen kam im Hemd herein- gesprungen. „Warum schläfst Du nicht, mein Kind?" fragte Bohrmann erschreckt.„Ist Siegsried nicht wohl?" „Du mußt gleich hinüberkommen, Papa... wenn Fräulein Reymond es Dir erlaubt. Mascha ist da. Sie hat einen wundervollen Regenmantel an." Es gab Bohrmann einen Ruck. Aber er faßte sich und antwortete: „Frau Lose, willst Du sagen." „Na ja. Aber warum soll ich nicht Mascha sagen? Du sagst jetzt auch immer nur Mascha. Wahrhastigen Gott, Fräulein Reymond, Papa sagt immer nur Mascha." Bohrnmnn ergriff die Hand der Schauspielerin. Das arme Mädchen erschien ihm jetzt entsetzlich bleich und traurig. „Ich achte Sie hoch, Fräulein Reymond. Ich achte kein Weib wie Sie, Fräulein Reymond. Haben Sie nur immer Vertrauen zu mir. Ich nmß jetzt..." Er ging mit Lenchen an der Hand in seine Wohnung zurück. Mascha empfing ihn ganz unbefangen. „Ihre Frau ist wie gewöhnlich mit dem Direktor aus- gegangen? Es war gut. daß Lenchen nicht schlief. Sie ist übrigens merkwürdig entwickelt für ihr Alter." Lenchen hatte sich an Mascha herangedrängt und streichelte ihr die Hand. „Darf ich aufbleiben?" Bohrmann schickte sie wieder ins Bett zurück. „Das hilft nichts," sagte Mascha lachend.„Solche Kinder lauschen immer." „O nicht doch," sagte Bohrmann. Es war ihm nicht recht, daß Mascha zu so später Stunde gekommen war, da sie ihn allein glauben mußte; es war ihm nicht reckst, daß sie seine Unterhaltung mit Fräulein Reymond unterbrochen hatte; aber dennoch hatte sich seiner eine Wonne- volle Aufregung bemächtigt und ein leises Zittern. Freilich, sein gutes Gewissen war Mascha nicht, aber seine Göttin, seine Huldgöttin, und vielleicht... vielleicht brachte sie noch einnial den hohen Rausch zurück, den Rausch der Liebe und des Dichtertnms. Sie setzte sich aufs Sofa nieder, dort, wo Konrad in den wenigen Wochen schon den Sitz eingedrückt hatte. Sie plauderte nicht in ihrer kindlichen Weise. Es lag eine gewisse Müdigkeit auf ihren Zügen; sie schien gealtert. Als ob sie— Bohrmann mußte an so häßliche Tinge denken als ob sie sich nicht geschminkt hätte; oder als ob sie den lila � Schleier abgenommen hätte. Uuverschleicrt, ungeschminkt sprach sie jetzt mit ihm, als ob er... auch so einer gewesen wäre. Hans Bohrmann sei doch eigentlich ein ganz abscheulicher Heuchler. Früher als alle andren habe er die Zukunft Hantingers voraus berechnet, habe sich mit ihm geeinigt und werde jetzt den Vorteil einstreichen. Es thne ihr zwar leid, baß sie ihn nicht mehr als ein Naturkind betrachten könne, aber eigentlich sei es so richtiger. Sie habe dabei was ge- lernt. Sie hätte früher nie geglaubt, daß ein Gemeindclehrer mit einer so prachtvollen Bauchwelle ein so gerissener Geschäftsmann wäre. Er verstehe sie nicht, antwortete Bohrmann. Er habe diesem Herrn Hantinger in einer Notlage alle seine Rechte ' verkauft. Und nach den Aendenmge», die man an dem Stücke vorgenommen habe, werde er einen starken Entschluß fassen. Wieder wurde ihm jetzt froh ums Herz. Seine Ans- regung legte sich, und wie im Traume glaubte er seinen guten Engel über sich zu erblicken, sein Gewissen, Fräulein Rcymond. Mascha blickte ihn neugierig an. „Man weiß wirklich nicht, was man von Ihnen denken soll. Und daß Sie sich den Direktor bei Ihrer Frau gefallen lassen l Daß Sie zu der ganzen Geschichte schweige»! Soll ich da auch an Ihre Unschuld glauben?" Bohrmann verstand nicht, es stieg ihm nur etwas wie Zorn oder Scham heiß ins Gesicht empor. Da knackte es an der Thür. Mascha rief: „Wenn Du nicht gleich zu Bett gehst. Du freche Göre, so setzt es Keile!" „Sehen Sie, Sie können noch rot werden.... Und dann werden Sie doch auch nicht leugne», daß die Reymond Ihre Geliebte ist?" Bohrniann schreckte auf, dann lächelte er. Also... Mascha war eifersüchtig. Nun klärte sich vielleicht alles auf. Voll Eifersricht wußte er auch etwas z» erzählen. Eifersucht gab häßliche Gedanken ein. Darum also hatte sie ihn ge- mieden, darum hatte sie eben abschcriliche Dinge über Hilde gesprochen, die er nicht verstehen wollte, die ihn aber trotzdem nicht in Ruhe ließen. „Nein," sagte er ruhig.„Sie thun dem Fräulein Reymond unrecht. Wer so glücklich war... eine Huld- göttin..." Er stand dicht vor Mascha. Sie griff nach seinen beiden Händen und schaute ihm aufmerksam ins Gesicht. „Hänschen, Häuschen! Am Ende sind Sie wirklich der reine Thor l Sie glauben gar nicht, wie oft ich deshalb an Sie denken mußte." Vohrmaun stürzte auf die Knie. „Nicht rein I Rein sind wir ja nicht!" Leise und immer leiser— während Mascha wnniend nach der Thür blickte— stammelte er von seiner Schiy'ucht und den Bildern, die seine Sehnsucht ihm vormaltc. Jedes böse Wort berichtete er ihr, das er von ihren Freunden über sie gehört hatte, seine Zweifel und seine Verzweiflung. seine Leiden und seine Gewissensqualen. Langsani hatte sich unter seinen Worten Mascha ver- wandelt. Die Müdigkeit schwand und der Zug von Alter. So Pflegte sie auszusehen. wenn ihre geistige Liebe sich in eine irdische verwandelte. Sie kniff die Augen ein und netzte die Lippen mit dem roten Zünglein. Seine Hände hatte sie nicht losgelassen! sie lehnte sich zurück und flüsterte: „Küsse niich I Komm l" Da sprang er auf und ließ ihre Hände los. Es war still in der Stube. Er hörte seinen eigenen Atem und glaubte hinter den Thüren atmen zu hören. Verzweifelt fuhr er sich über die Stirn und flüsterte: „Mascha, was willst Du aus mir machen? Hinter dieser dünnen Bretterwand schlafe» die Kinder." Und er hätte hinzufügen mögen: und nebenan weint Fräulein Reymond. Mascha blieb in ihrer Stellung. „Ich glaube an Dich," flüsterte sie.„Du wirst mich ent- sühnen und entsündigeu, wie Deine Lippen mich immer ent- sündigt haben. Komm, küsse niich! Habe doch Mitleid mit mir! Gerade weil... Du verstehst das nicht!" „Kommen Sie zu sich, gnädige Frau," sagte Bohrmann leise niit gefalteten Händen.„Sie werden es mir danken, daß ich der Versuchung widerstand. Denn nie wieder hätte die Erinnerung an die unschuldigen Kinder Ihre Seele zur Ruhe kommen lassen...." Mascha stand auf, als ob nichts geschehen wäre, und schraubte die Lampe höher. „Sie sind ein braver Vater. Ich dachte auch an nichts Böses, als ich herkam, erst wie Sie wieder so kindlich... ich kani eigentlich wegen Dracklin.... Sie hören doch nicht auf die Klatschereien über ihn und mich? Es ist nichts als Güte und Freundschaft, was ich für ihn enipfinde... Er hat heute endlich die Rolle des Königs Salomo zugeschickt be- komme». Da ist im vierten Akt die erste draniatische Scene... sagt er... und da hat die Königin von Saba das Schlußwort. Wer das Schlußwort hat, wird herausgenifen. Dracklin will das Schlußwort haben, und Sie müssen mir den Gefallen thun, da noch ein Dutzend Verse anzufügen. Bitte, lieber Haus!... Das muß Ihnen doch eine Kleinig- keit sein." Bohrmann autlvortete nicht gleich. Er fühlte die Ver- lockung, Mascha gegenüber sich als Dichter zu bewähren und vielleicht auch dem Hantinger den Herrn zu zeigen, so oder so. Am Ende, das„Hohe Lied" war doch sein Werk. Da hörte er gedämpft die keifende Stimme von Frau Spindler. Er stellte sich das abgehärmte Gesicht von Fräulein Reymond deutlich vor und sagte: „Nein, teuerste Frau Mascha. Mögen die andern aus meinen» Werke macheu, was sie wollen. Ich bin kein Handels- nraun.. Da unterbrach ihn Mascha. Er solle doch nicht jetzt noch den Naturburschen spielen. Sie durchschaue ihn ganz gut. Er sei auch nicht anders als alle. Ihre Sehnsucht nach einen» Urmenschen sei wieder einmal betrogen worden. Aber dumm mache»» lasse sie sich nicht. Mascha Lose nicht! Auch er wolle ja nur irgendwo in der bunten Reihe seine»» Platz finden. In Osteude habe er doch nur Schulden gemacht, um Lizzi zu schmeicheln und durch sie Neumann zu gewinnen; das Geschäft»lit Hautiuger sei sehr klug gewesen; Hilde lasse er gewähren, um den betrunkenen Direktor für sich zu haben. Jetzt habe er sogar ihr selbst wieder den Leidenschaftlichen gespielt, trotzdem er doch sehe, daß ihr der Dracklin lieber sei... platonisch natürlich. Da hörte man den Drücker im Schlüssellochc der Flur- thür, und Hilde trat nüt den» nassen Regenschirm in der Hand ein. Bohrmann war der Unterbrechung eigentlich froh. Dennoch fragte er in einen» Ton, den Hilde nicht an ihm kannte: „So früh? Ist das Theater de»»»» schon aus?" „Das ist mir neu, daß Du spionierst... Guten Abend, gnädige Frm». Lassen Sie sich auch tvieder einmal sehen?... Wir waren gar nicht im Theater... Es»var schon tvieder der Freischütz. Der wächst einem ja z»tm Halse heraus. Wir sind spazieren gegangen." „Bei diese», Wetter?" fragte Bohrmann, und es war ihm, als hätte eine freinde Stimnie ans ihm heraus gefragt. Eine Pailse folgte. Dann legte Hilde ruhig ihren großen Hut aus den Tisch und sagte: „Geht's also endlich los? Fängst Du zu schimpfen an?... Un» so schlimmer oder un» so besser, wie Du willst.... Na!... Frau Lose scheint ziemlich lange da- gewesen zu sein?" „Wir haben»ins verplaudert," sagte Mascha lächelnd. „Das kann ja borkommei». Aber ich muß jetzt fort. Mein arnler Man»» wird sonst ungeduldig.... Das Kleidchen steht Ihnen wirklich ganz hübsch. Frau Hilde." „Herr Dracklii» hat es jüngst entzückend gesunden, Frau Lose." „Nicht wahr, er ist ein reizender Mensch! Und so be- scheiden." Mascha ging und duldete eS nicht, daß Frau Hilde sie hinausbegleitete. lForisehirng sola».» TN ai. Und alle lockere» Vögel singen»vieder ihre verbotenste» Lieder. Sie haben sich das unverniinflige Gelverbe innner noch nicht ab- gclvöhnt. Zlvar aus IBerlin hat man jetzt selbst die stimmlosen Spatzen von dein Asphalt gescheucht, seitdem die Pferde vor den elektrischen Stratzcnbahnmitraillcllsci» geflohen sind, und die delikaten Verdaunngserzengnissc der paar noch übriggebliebenen arme» Schlacht- roffc der Rachegöttin der Reinlichkeit verfallen sind denn» flinke Burschen jeden Fall in flagranti ertappen und verschtvindcn lassen. Auch niste» in den Schornsteinen keine Drosseln und die Grohstadt-Finken beschränken sich auf de» verheerenden Firlefink des Lustigen Ehemannö vom Ueberbrettl, der zu einem»Vahren Raub- und Galgenvogel getvorden ist. Freilich auf der Leipziger Strasze sinqe» noch etliche Nachtigrille», aber es sind gebildete Nachtigallen, die das ganze Jahr über sich produzieren und nicht, wen» sie die unsittlichen Flitterivochcn der leicbtsinnigen Hochzciterei hinter sich haben, mürrisch und niüd verstummen; sie sitzen wohl geborgen unter einem' Glas- dach ans üppigen Palmen, haben statt des Magens und des Herzens ein kleines niedliches Uhrwerk,»nd wenn man es anfzicht, schluchzen sie prompt und solid ivohl eine Stunde lang. Wertheim leistet für dreijähriges regelrechtes Schluchzen Garantie. Zch glaube, dag Eugen Nichter, der das automatische Instrument dem von Menschenhand bedienten 5llavier Ivcit vorzieht, tveil ersteres so schön hintereinander spielt,� ohne z» stocke»»nd fehl zu greifen— ich glaube, Eugen Richter wird auch die ausziehbaren, um acht Uhr abends pünktlich die Kehle schließende» Nachtigallen im Wintergarten des Bazars de» unzuverlässigen Störren der dnft- atmende» Mainächte vorziehen, da es von unrentabler schwärmender Jngendschnsucht und nnbekkdideten Küssen zwischen Personen schand- bar verschiedenen Geschlechts allüberall Iveht»nd webt. Aber wendet Ihr nur ein paar tausend Schritte daran, so kommt Ihr schnell in die Gefilde, da es noch Vogel gicbt, die nach eignem Lieben und Belieben und nicht auf Geheiß eines metallenen Räder- iverks singe», die über alle Stacheldrahtzäune hinwegfliegen und iveiw sie bei Laune sind, keck und ausgelasscir aus den golden flimmernden Lüften selbst dem stolzen Ortsschulzeu und dem noch stolzeren Gendarmen einen Ivcichen Gruß auf Hut und Helm hinab- senden. Und diese eine Respekts- und Autoritätsvcrletzung ist nur die natürliche Ausgeburt ihres ganzen ungebcrdigcn Wesens. Ich habe nie begriffen,>vic sich Geheimräte, Rcscrvelicutenants, Fabrikbesitzer, Oberlehrer und Pastoren so eifrig um den Schutz der Singvögel bemühen mögen, obwohl diese dreiste Gesellschaft doch Iveder Bnreaustunden noch Polizeivcrordnnngen noch irgend ein Bcsitzrccht anerkennt. Ja, wenn sie»och Militärmärsche pfeifen, Heil dir im Siegerkranz schmettern, das Flottenlied zwitschern oder einen andächtigen Choral anstimme» würden! Aber die lasterhafte Brut spottet jeglichem Patriotismus, singt von Liebe, Kindern, Freiheit, Sonne, grünen Schoten und roten Kirschen. Und vor allem und am schlimmsten; Sie wissen so gar nichts vom Vaterland, sie fliege» unbekümmert über die Grenzsteine, die doch nach der»nenncßlichen Weisheit der durch Unteroffiziere erzogenen Menschheit vom Schicksal als blutige Opfcrsteine gesetzt sind, auf denen die Nationen sich die Hälse abschneiden»nid die Leiber knnstvoll durchlöchern müssen. Es giebt keine gemeingefährlichere Internationale als das Volk der Singvögel, die bei Deutschen, Franzosen, Russen, Briten, Chinesen und Fenerländern gleicheruiaße» tirilieren und revolutionär das iveltgeschichlliche Gesetz nicht anerkennen, daß, tvenn eS dein Zeichner beliebt, auf der Landkarte einen grünei» neben einen rosa Strich zu setzen, damit die strikte Anwcisnilg gegeben ist, daß die in» grünen den im rosa Gebiet hansenden Bürgern nach Möglichkeit interessante schivere und tödliche Kirochciibrüchc,'Miiskelzerfleischnngen und Aderrisse beibringen sollen. O> Ihr Gchciniräte, Reserve- lieutenants, Fabrikbesitzer, Oberlehrer und Pastoren, laffet ab von dem gefährlichen Schutz der Singvögel. Ich sage Euch, sie sind Eure geschivorcnen Feinde und Verderber, die Elirer Herrlichkeit mit ihren entfesselten, über aller Ordnung und Sitte jubeludeii Liedern den Garaus machen»verde», finteinalen tvenn der Mai kommt. Das sind die»»»viderstehlichcn Verführer, sie locken und dränge»», sie schaffen die Macht der Sehnsucht und die Sehirsncht der Macht, sie rufen zur Freiheit ins Freie, und die plumpen grausamen Grenzsteine,»vclche die Völker trennten und an einander hetzte», zerfallen vor ihren Lieder»» in Staub.... Als»ach den» Ende des Socialistengesetzes die zukunftbetvußte Arbeiterschaft der Welt zim» erstenmal ihre»»'Maitag feierte, da ging ein Entsetzen durch die Cirkel der Herrschenden. Das schlechte Gcivisien überfiel die Mächtigen, die bange Erkenntnis, daß diese ungezählten Massen natürlich an physischer,»»oralischer und geistiger Kraft unendlich den paar Bevorzugten überlegen seien, die von der Gnade gesellschaftlicher Willkür leben. Wie tvemi wirklich diese»»»»- heimlichen Proletarier zun» Beivnßtsein ihrer iiiiüberivindlichen Stärke gelangten,»venn der Mai, dessen Beginn sie zu ihren, HoffniingSfest ivählten, auch in ihren Adern und ihre» Herzen aufblühte und in drän- gcnder Triebkraft ungestümes junges flügeliveites Begehren aufbrausen ließe I Würden nicht»virklich eines Tags alle Räder rasten, auf de» Feldern der Gruudherren die Ernte verfaulen und kein Haus»»ehr empor wachsen? Bräche nicht dann all die Herrlichkeit der Herren zusanunen, denen die Arbeit der andren ein Lebe» in Glanz und Fülle und Behagen schafft! Und dieser gefährliche Wahn- sinn, just den ersten Mai zun» Proletarierfeste zu erküren I Wer bürgt den Besitzenden dafür, daß der Frühlingszanber die für einen Tag selbstherrlich aus den» Joch Erlösten nicht völlig bclhörte»nid sie iiberhanpt nicht niehr in die Sklaverei zurückkehrten, sondern daß sie die künstlich und listig gcivundenei» Banden»uit einer Anspannung der sich reckenden Muskeln zerrissen! So nagte das schlechte Gewisse»», so ängstigte das geheime Sch>vächcgcfühl. Und während frischer stürmischer Maimut in de» Gemütern der Proletarier sich erhob, befiel die Sklavenvvgte mitten im lachenden Austrieb des lichten Laubs und der keimenden Blüten düstere dinnpfc Weltinitergangsstinininng. Aber— glücklicherweise— noch waren sie die Herren und sie»vürden voi» ihren Herren- rechten Gebrauch»nache»». Ihr Schrcibertroß begann das Verbrecherische des MaifcstcS zu beweisen, den Frevel, aus eigne»» Recht Kontrakt« I brach zu üben. Das Unternehmertum drohte mit der Verhängung | des Hungers. Die Polizei rüstete sich gewaltig, als gelte es ein gekröntes Haupt zu übcrivachen, und in der Kaserne ivaren die Truppen konsigniert, gewärtig, auf den ersten Wink die blühende Erde blntig zu färben. Als aber die erste Maifeier vorüber war undf weder ein Straßen« kämpf noch ein Generalstreik ausgebrochen, da tvurden die Verängstigten »vicdcr tapfer und ergötzten sich an allerlei Heldenthaten, mit den Ehikanen, die ihnen ihre ivirtschaftliche Uebennacht ermöglichte, die Teilnehmer an dem. Fest des Völkerfiühlings zu quäle». Seitdem ist über ein Jahrzehnt verflossen, und Heuer jährt sich zun» ztvölftenmale das Fest der befreienden und befreiten Arbeit. Und da das Proletariat sich auch seinen Feiertag,»vie sein Brot, unter schivere» Opfern, in zähem Mut, besonnen»ind leidenschaftlich zugleich Schritt für Schritt ertrotzen mußte, da nicht plötzlich mit einein Male alles erreicht und gestaltet lverden konnte, »vie es ursprünglich geplant war, Ivllrden die Feder« söldncr der Sklavenhalter anders»mterwiefen, und nun pfiffen sie Spottlieder statt der schreckenden, drohenden Trutz- gesnnge und höhnten über die roten Landpartien ,»id das revolu- tionäre Kaffeckochen. Dabei vergaßen ihre Austraggeber trotzdem nicht, über die Feiernden Jahr für Jahr das ivirtschaftliche Stand- recht zu erklären und harte Bußen ihnen aufzuerlegen für die Unthat, daß sie sich ein paar helle Stunden der Freude und der Zu- verficht gönnten. Es»nnß also ivohl doch eitel Heuchelei sein,»venn die Zeitungen des UnlernehincrtmnS das Maifest als einen»»eilen harmlosen blauen Montag verunglimpfen, dem kein tieferer Sinn und keine edlere Weihe innewohne. Denn dann»väre die schivere Ahndung des nilschiildigen blauen Monlagsverguiigens eine sinnlose wahnivitzigc Grausamkeit. Aber es ist den Herrschenden auch»virklich gar nicht so leicht zu Mut,»vie ihre Schreiber lügen. So sehr sie es leugnen, vor sich und unS, sie könncii sich selbst nicht entziehen der geheimnisvollen Macht des Jdcalfcstes des Proletariats, das keine Ländergrenzen kennt. Mag immer»»an von Landpartien und Kaffeckochen ivitzclnd schwatzen, diese FrühlingSfahrteu in die freie Natur sind in der That gefährlich für die Aneigner der Arbeit. In der Freiheit der Natur erivacht das Selbstbewußtsein der Gebeugte», wächst das Kraftgcfühl der in» Gleichmaß endlosen Frohudicnstes Ermatteten. Der Mcnschcnstolz erhebt sich nngestün», und sie empfinden lvicder voll und glühend,»vas allen Sterblichen dieses reiche Leben zu spenden vermöchte,»venn es nicht zertreten tvürde unter den plunipen Fiißen der Gewalt. Die Seelen, die in» Dunst und Lärm der Arbcitssäle erschlafften, erquicken sich»vunderbar und berauschen sich an den» Gebitd der befreiten und geeinten gleichen Menschheit. Hütet Euch, Gefahren drohen Euch von jeden» sprießenden Blatt, von jeder sich öffnenden Blüte, von den Kätzchen der Weiden, den» Sonnen« spiel auf den Waldsccn, und vor allein von den freien Liedern der Vögel in den Lüften. Sie lehren uns alle die Schönheit der Welt und das Recht der Gesamtheit auf diese Schönheit. Diese Land« Partien am ersten Mai sind»virklich geheime Revolutionen, und Ihr seid so machtlos sie zu hemmen und zu erwürgen,»vie Ihr nicht»nit allen Euren Bajonetten, Kanonen und Geldsäckeu diesen uubotniäßigen ersten Mai einzufnnge» vermvgt. Zivar unzählige Menschen könnt Ihr zun» Tode, zun» Hunger und zur Not verurteilen, Ihr könnt Strascxpeditioncn rüsten, Lcichcnsclder schaffen, friedliche Dörfer einäschern— aber eines könnt Ihr nicht: der erste Mai ist un- erreichbar Eurer Geivalt, Ihr tötet nicht sei» Licht und brecht nicht seine Blüten. N» S aber singen die Vögel wieder die verbotensten Lieder, auch eine uralte Weise mit verjüngteul Sinn: Wohl kombt der Mai mit inanchcrlei der Blüinlein zart, nach seiner Art, erquicket das verdorben Ivlls durch Winters Gewalt, Deß freu' ich mich ganz»naii.iigfalt. AN's, das da lebt sich jetzt erhebt; des Vogels Gsaug, »velchcr so lang verschiviegen waS, auch Laub»nid GraS das grünet schon: deshalb ich auch nit trauern kann. Und sonderlich e r f r e»» ich»n i ch heimlichen deß, ich>v e i ß»v o h l»v e ß darvon man nit viel s u n d e r S spricht noch sagen s o l l: Will u»i S Glück>v o h l, so g e h t'S unS wohl. 3 oc. Verantwortlicher Redacteur: Heinrich BSehter in Ar.-Lichterfelde. Druck und Verlag von Mar Badiiig in Berlin.