Ztnterhaltlmgsmatt des Worwarts Nr. 83. Dienstag, den 7. Mai 1901 (Nachdruck«erbotnu 25] Arbvik: Usinan in drei Büchern von Emile Zola. An» dem Französischen übersetzt von Leopold Rose»zweig. Lucien hatte die einfache und geniale Idee ge- habt, daS Triebrad eines Rollwngelchcns, des wohlbekannten 5linderspiclzengs, auf seinem Schiffe zu befestigen, das aus cinenl ausgehöhlten Stück Fichtenholz bestand, und es mit deni Schaufelrad, das er daran angebracht hatte, in Verbindung zu bringen. Das Schiffchen lies so gute zehn Meter Weit, eye es wieder aufgezogen werden mußte. Das Unangenehme war mir, daß er es,»venu es abgelaufen war, mit Hilfe einer Stange wieder zurückholen mußte, wobei er jedesmal beinahe ins Wasser fiel. Starr bor Staunen und Bewunderung waren Paul und seine beiden Gäste am Rande des Teichs stehen geblieben. Louise besonders, deren Augen in ihrem winzigen, launen haften Gesichtchcn leuchteten, war alsbald die Beute einer unbezähmbaren Begierde. Sie streckte die Händchen aus und schrie: „Mir geben I Mir geben l" Sie lief zu Lucien hin, der das Schiffchen eben mit der Stange hereingeholt hatte, um es wieder aufzuziehen. Die Unberdorbcnhcit ihrer INaturen, die gemeinsame Freude an dem Spielzeug machte sie sofort vertraut. „Das Hab' ich selber gemacht, weißt Du?" „O, laß sehen, gieb mir's!" Aber er wollte nicht, er verteidigte sein Eigentum gegen die zerstörenden Händchen. „O nein, dieses nicht, eS war sehr schwer, es zu machen. Du tvirst es zerbreche», laß los l" Aber bald gab er nach, denn er fand sie bewnnderns- würdig: sie war so lustig, so fein und roch so gut. „Ich mach' Dir auch eins, tvcnn Du willst." Dann setzte er das Schiffchen tviedcr aufs Wasser und als die Schaufeln sich drehten und das Fahrzeug hinglitt, klatschte sie begeistert in die Hände und rief, ja, sie wolle auch eins. Sie war nun vollständig erobert, setzte sich zu ihm ins Gras und tvich ihm nicht von der Seite. Paul, der älteste von allen, der mit seinen sieben Jahren schon ein kleiner Mann war, fühlte jedoch unklar die Ver- pflichtung, sich ein tvcnig zu informieren. Er hatte sein Augenmerk auf Antoinctte gerichtet, deren fröhliches, gesundes und hübsches Gesicht ihm Zuversicht einflößte. „Wie alt bist Du denn?" „Ich bin vier Jahre alt, aber Vater sagt, daß ich aus- sehe wie sechs." „Wer ist denn Dein Vater?" „Vater ist Vater, was fragst Du doch dumm!" „Sic lachte so lustig dabei, daß er sich mit der Antwort zufrieden gab und nicht weiter fragte. Er hatte sich eben- falls neben sie gesetzt, und sie waren bald die besten Freunde. Er bemerkte nicht, daß sie ein ärmliches und gar nicht feines Wollkleidchcn trug, so sehr zog ihn ihre frische, gesunde Art und ihre fröhliche Unbekümmertheit an. „Und Dein Vater? Gehören ihm alle diese Bäume? O, wie viel Platz hast Du da zum Spielen! Wir sind bei einem Loch in der Hecke durchgekrochen, weißt Du'" „Du. das ist verboten. Es ist mir auch verboten, hierher zu kommen, weil ich ins Wasser fallen könnte. Und hier ist's so lustig! Es darf niemand wissen, daß wir da sind, sonst lverde»»vir alle bestraft." Da ereignete sich ein kleines Drama. Nanet mit den blonden, krausen Haaren hatte sich in Nise vergafft, deren Kopf noch blonder und krauser war als seiner. Die beiden Kleinen, die zwei Spielzeugen glichen, gingen ohne weiteres aufeinander zu, als ob ihre Begegnung eine notwendige Sache wäre und sie. einander erwartet hätten. Sic faßten sich au den Händen und stießen sich spielend hin und her, indem sie einander anlachten. Nanet, der den Tapferen spielte, sagte: „Der mit seinem Schiff, ich brauchte keine Stange, um es zu holen I Ich würde ganz einfach ins Wasser steigen." Nise. die ebenfalls eine Freundin migewöhnlichcr Spiele war, nahm den Gedanken mit Begeisterung ans. „Ja, ja, wir steigen alle ins Wasser'! Ziehen wir uns alle die Schuhe ans!"i Aber als sie sich vorbeugte, wäre sie beinahe ins Wasser gefallen. Ihr ganzer Kindcrübcrmut verließ sie im Augenblick, wo sie die Nässe an den Schuhen spürte, und sie stieß einen durchdringenden Schrei ans. Nanet jedoch faßte sie mnttg mit seinen schon kräftigen kleinen Armen, hob sie auf und trug sie wie eine Trophäe einige Schritte weit, worauf er sie ins Gras niedersetzte; der kleine Schreck war augenblicklich vergcffen, sie lachte wieder und kugelte gleich darauf nnt ihrem neuen Freunde fröhlich durch das Gras. Aber der schrille Schrei, den die Furcht ihr erpreßte, hatte die Dienstmädchen aus ihrer schwatzenden Vergessenheit aufgestört. Sie eilten herbei und sahen mit Entsetzen die barfüßigen Proletarierkinder, die weiß Gott woher gekommen waren, und die frech genug waren, sich mit den vornehmen, ihrer Hut anvertrauten Kindern zu gesellen und sie zu verführen. Sie sahen so wütend und unheilverkündend aus, wie sie herbeiliefen, daß Lucien eiligst sein Schiffchen ergriff und davon- rannte, so schnell ihn seine Beine tragen konnten, gefolgt von Antoinette und Nanet, die instinktiv sein Beispiel nachahmten. Sie liefen bis zur Hecke, warfen sich zu Boden, schlüpften durch und verschwanden, während die beiden Dienst- mädchcn die drei Kinder nach der Guerdache zurückführten, indem sie ihnen einschärften, ja nichts von dem Geschehenen zu sagen, damit niemand Schelte bekomme. Lucas lachte still in sich hinein, voll innigen Vergnügens an der hübschen Scene,. die er da unter der mütterlichen Sonne, in der freien, wohlwollenden Natur ungesehen beobachtet hatte. Ach, wie schnell verstanden sie sich, die lieben Kleinen, wie leicht lösten sie alle Schwierigkeiten in Unkenntnis der brndcrniörderischen Kämpfe der Erwachsönen, welch' herrlichen Zukunftstraum verkörperten sie in ihrer unverfälschten Mensch- lichkeit l Fünf Minuten später war Lucas beim Herrenhause und damit wieder mitten in die abscheuliche, von Egoismus ver- giftete Gegcutvart versetzt, die zum Schauplatz der erbitterten Kämpfe aller Leidenschaften geivorden ist. Es ivar vier Uhr, und die Gäste nahmen Abschied. Einige Schritte links von der Freitreppe sah Lucas neuer- dings Monsieur JorSme in seinem Rollwagen. Er war von seiner Spazierfahrt zurückgekehrt und hatte dem Diener ein Zeichen gegeben, an dieser Stelle zu halten, als wollte er hier, in der warmen, schon tiefstehcndcn Sonne, die Verabschiedung der Gäste mit ansehen. Auf der Treppe warteten Suzanne und alle andern nur noch auf den Haus- Herrn und Fernande, die noch nicht da waren. Erst nach einigen Minuten kamen sie langsamen Schrittes und ruhig plaudernd heran, sich den Anschein gebend, als sei dieses lange Alleinsein zn zweien die natürlichste Sache von der Welt. Suzanne forderte keine Erklärung heraus, aber Lucas sah das leichte Zittern ihrer Hände und den bitteren Zug in dem licbcnslvürdigcn Lächeln, daS sie als Hausfrau ihren Gästen zeigen mußte. Und, aufs tiefste verletzt, konnte sie sich nicht enthalten, zusammen zu zucken, als Boisgclin sich an den Hauptmann Jollivet wandte und ihm sagte, daß er demnächst bei ihm vorsprechen lverde, um mit seine»» Rat und unter seiner Mithilfe die Parforcejagd zu veranstalten, die er schon lange geplant habe, ohne bisher ganz entschlossen gelvesen zu sein. So war es also entschieden, die Gattin war geschlagen, die Geliebte hatte den Sieg errungen und die Er- füllung ihrer tollen und verschwenderischen Laune durchgesetzt, auf diesem Spaziergange, der einem schamlos vor den Augen aller Welt abgehaltenen Rendezvous glich. Eine heftige Empöruug lvallte in Suzanne auf. Warum nahm sie nicht ihr Kind und ging aus dem Hause? Daun beherrschte sie sich mit merkbarer Anstrengung und nahm wieder ihre ruhige Würde an, bewahrte die Ehre ihres Namens und ihres Hauses mit der Selbstverleugnung der anständigen Frau, verschloß sich wieder in das heldenhaft duldende Schweigen, welches sie als Schutzwchr gegen den sie umgebenden Schmutz aufgerichtet hatte. Und Lucas, der alleS erriet, fühlte ihre Seelenqual nur noch in dem Zittern der armen, fieberheißen Hand, die sie ihm zum Abschied reichte. Monsieur Jeroinc blickte auf alle diese Vorgänge mit seineit starren, lvafferklaren Augen, welche einem die flöBtnicne Frage erweckten, ob hinter ihnen noch Gedankeil. noch ein Geist lebte, der begriff und beurteilte? Dann blickte er auf die Zlbfahrt der Gäste, wie ans ein Dcfils aller gesell- schaftlichcn Mnchtfaktorcn, aller socialen Autoritäten, aller der Herren, die dem Volke als Beispiel dienen. Die Kalesche Ch�telards nahm auffer Gourier und seiner Frau auch den Abbe Marke auf, dem Leonore den Platz an ihrer Seite an- bot, während der Unterpräfekt und der Bürgermeister ihnen freundschaftlich gegenübersaßen. Der Hauptmann Jollivet, der ein gemietetes Tilbury lenkte, entführte seine Braut Lucile und deren Vater, den Präsidenten Eaume, dessen Blicke voll Unruhe die wollüstigen Turteltaubenbewegungen seiner Tochter verfolgten. Endlich bestiegen die Mazelle den großen Landauer, der sie hergeführt hatte, um darin wie in einem weichen Bett halb ausgestreckt ihre Verdauung zu vollenden. Und Monsieur JerLme, den alle nach der Sitte des Hauses schweigend grüßten, folgte ihnen mit den Blicken, wie ein Kind vorüberziehenden Schatten nachblickt, ohne daß irgend ein Gefühl die Linien seines kalten Gesichts ver- änderte. Es blieben nur noch das Ehepaar Delavcau und Lucas, und der Direktor wollte durchaus Lucas in der Victoria Voisgelins mitnehmen, damit er den Weg nicht zu Fuß machen müsse. Es sei das einfachste Ding von der Welt, ihn zu Hause abzusetzen, da sie ja an der Crecherie vorbeiführen. Da der Wagen nur noch einen Klappsitz enthielt, so wollte Fernande die Kleine auf den Schoß nehmen, und das Dienst- mädchen sollte beim Kutscher sitzen. Delaveau drang mit großer Liebenswürdigkeit in Lucas: „Wahrhastig, Monsieur Froment, es ist mir ein Ver- gnügen, Sie mitzunehmen." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten). 46) Vis bttttke Llcihe. Berliner Roman. Von Fritz Mauthner. XXXVII. Gegen drei Uhr klingelte es, so schrill, daß Bohrmann zusammenschrak. Er erkannte den Herrn, dem er öffnete, nicht gleich. Es war Direktor Hantinger, der sich sein schwarzes Bärtchen in die Höhe gezwirbelt hatte und recht vermögen aussah. Er grüßte kurz und ging, ohne eine Aufforderung abzuwarten, ins Wohnzinimer voraus. Bohrmann folgte ihm. Siegfried wandte sich flüchtig um, dann sang er unbekümmert leise weiter. Es war das Lied: Wem Gott Ivill rechte Gunst erweisen Den schickt er in die weite Welt. Hantinger blickte verächtlich in der Stube umher. Er wisse alles, er wisse immer alles. Der gute Bohr- mann habe Schulden. Ja, die Weiber! Hantinger besitze zwar schon den Revers, durch welchen Bohnnann auf alle Rechte verzichte und ihm, dem jetzigen Direktor, alles über- laffen habe. Bohrmann solle sich nicht einbilden, irgend etwas dagegen thun zu können. Er solle sich ferner nicht einbilden, daß das Stück einen Erfolg haben werde. Es sei früher unmöglich gewesen, jetzt sei es eben knapp und zur Rot möglich, weiter nichts. Hantinger habe seinen Rechts- anwalt gefragt. Er brauche sich um Bohnnann gar nicht zu kümmern. Aber sein gutes Herz dränge ihn zu einem freund- schastlichen Vorschlage. Bohrmann habe Schulden, ein Lehrer dürfe keine Schulden haben. Er wolle ihm auf der Stelle noch einmal 500 Mark auf den Tisch legen. Dafür brauche Bohrmann nur noch die Zeilen da zu unterschreiben, mit denen er den Empfang des Geldes bestätige, für alle Zeiten auf jeden Anspruch irgend welcher Art verzichte. Das habe er zwar schon in Ostende gethan. Aber Hantinger sei ein guter Mensch und wolle Ruhe haben. Ganz einfach. Das hohe Lied Bohrmanns sei nur eine Skizze gewesen. Höchstens eine Skizze! Kaum das. Auch Raskel habe gesagt, als Sach- verständiger: höchstens eine Skizze. Die Skizze sei mit circa tausend Mark über und über bezahlt. Ihr Verkäufer werde auf dem Zettel niemals genannt. „Ich bin ganz offen, lieber Herr Bohrmann. Nach der Aufführung werden Sie doppelt froh sein. Es wird ein Rein- fall werden. Aber was für Sie schrecklich wäre, ein Miß- erfolg, weil Sie nur ein Lehrer sind, das ist für mich immer noch ein Relief... Das verstehen Sie nicht... Ich brauche ein Relief... Und Sie brauchen das Geld I" Bohrmann holte tief Atem. So konnte er die Rechnungen bezahlen, diese beschimpfenden Rechnungen vom Schneider. vom Fleischer, vom Bäcker. Aber wie vor Siegfried, so stand auch vor ihm die unsichtbare Lehrerin und hob warnend die Hand. Und Wöhrmann sagte: „Ich danke Ihnen, Herr Direktor, für die gute Absicht. Aber Ihr Geld kann ich nicht annehmen." Hantinger rieb sich die Hände und blickte ihn mit glänzenden Augen wie einen Todfeind an. „So wollen Sie was von mir erpressen? Oder wollen Sie prozessieren? Nicht einmal Ihr Manuskript habe ich 1 Oder Sie?" „Nichts will ich mehr," spgte Bohrmann.„Sie haben ganz recht. Ich habe mir damals alle Rechte abkaufen lassen. Das Stück, das Sie aufführen wollen, ist nicht mehr mein Stück. Auf den: Zettel dieses Stücks hat mein Name nichts zu suchen. Sie haben ganz recht! Und geschenkt nehme ich nichts von Ihnen.... Wenn Ihnen nicht genügt, was ich damals unterschrieb, so will ich noch einmal jedem Ansprüche entsagen." „Sie sind ein Gentleman! Liebster, teuerster Bohrmann, Sie sind ein idealer Mensch." Bohnnann schrieb, was Hantinger verlangte, und der Direktor ging unter Freundschaftsbeteuerungen eilig fort. Bald werde er wiederkommen und Herrn Bohrmann sein nächstes Stück abkaufen, vielleicht, womöglich. Heute, am Eröffnungstage, habe er sich nur Gewißheit verschaffen wollen. Sonst habe er heute keine Sekunde frei. Aber Bohrmarnis nächstes Stück.... Schon begleitete sich Hantinger mit lustigem Pfeifen die Treppe herunter.... Jetzt mußte Bohnnann also betteln gehen, zu der guten Frau Kietz. Das hatte man ihm geraten. Er wäre sonst vielleicht zu seinem Freunde Müller gegangen, der freilich kaum eine so große Summe besaß. Aber zu Frau Kietz zu gehen war nicht das schlimmste. Bohrmann klingelte gegenüber. Fräulein Reymond sollte Siegsried zu sich nehmen; er traf nur Frau Spindler an. „Mit der Bettelprinzessin haben Sie kein Glück", rief Frau Spindler.„Die Sorte kenne ich I Ausverschämt sein und am Ende ins Wasser gehen, damit man mit der rückständigen Miete dasitzt. Das nennt sich dann anstandig i" „Ich bürge Ihnen für Fräulein Reymond," sagte Bohr- mann entrüstet. »Habe ich's nicht immer gesagt, daß Sie ein netter Mann sind, Herr Bohrmann? Und eine städtische Anstellung haben Sie ja auch. Kommen Sie nur'rin in die jute Stube, und geben Sie mir die Bürgschaft schriftlich. Dann kann der Goldjunge gleich hier bleiben. Er ist bei mir besser aufgehoben, als bei die Reymond." Bohrmann gab seine Bürgschaft schriftlich, wie Frau Spindler es verlangte. Oh Gott! Er eine Bürgschaft I Aber seinen Siegfried ließ er nicht bei der bösen, unbedachten Frau. Er faßte ihn an der Hand und machte sich auf den Weg, wie er war. Er wollte bei Frau Kietz betteln gehen, und da war es gut, daß er nicht den kostbaren gelbgrauen An- zug trug. Unten beim Kaufmann, der ihn herablassend behandelte, entnahm er dem Adreßbuch die Wohnung der Frau Kietz. Draußen, vor dem Rosenthaler Thor. In der Stadtgegend also, wo auch Mascha wohnte. Jetzt fiel es ihm ein, Frau Kies hatte es ihm einmal gesagt; sie wohnte immer noch der Brauerei gegenüber, in den Räumen, in denen sie mit ihrem Seligen glücklich gewesen war. Als es aber fünf Uhr schlug, stand Bohnnann mit seinem Knaben schon eine ganze Weile vor einem freniden f ause. Er fragte nicht einmal, ob der hier wohnte, der... aiser Nero. Merkwürdig, er hatte die Adresse gar nicht gehört. Er stand eben vor einem fremden Haus und ruhte aus, auf dem Bettlcrwege. Siegfried langweilte sich nicht. Er fragte nach hundert Dingen, und sein Vater zwang sich zu richtigen Antworten. Wahrhaftig, der Junge hatte bei Fräulein Neymond ganz tapfer lesen gelernt. Wie ein Großer las er die Finnen- tafeln ab. Gegenüber hielt ein Vierwagen. „Da steht Lose-Bier darauf, Papa. Sind das die, wo Du Dich so geärgert hast?" Endlich. Vor dem Hausthor hielt eine Droschke. Mascha öffnete den Schlag. Als sie den Lehrer erblickte, fuhr sie einen Augenblick zurück. Tann zuckte sie ärgerlich mit dem Kopf, fticn aus, bezahlte den Kutscher und ging, an Bohrmann voriiber, mit einem frech verlegenen Lächeln freundlich grüßend, ins Haus hinein. Bohrmann sagte sich im stillen den Namen der römischen Kaiserin. „Papa, warum drückst Du mir so?" „Du kannst... sagen... warum drückst Du mir so die Hand... oder warum... drückst Du mich so." Jetzt war das Erdbeben da. Es wurde dunkel um Bohr- manu, die Häuser stürzten ein, Berlin versank. Aber nein. Garnichts geschah. Das Leben that ihm nur so weh. „Komm Siegfried I Sei nicht böse, wenn ich Dir nicht antworte. Ich habe einen Kummer gehabt. Sei gut, mein liebes Kind." Was ist das: Kummer? Papa?" XXXVIII. Ein dickes, rotbackiges, freundliches Dienstmädchen öffnete, und Frau Kietz empfing den Lehrer mit gütigem Lächeln. „Das ist recht, Herr Clausing, daß Sie sich'mal sehen lassen. Und den Jungen haben Sie gleich mitgebracht. Recht so." Sie empfing die Gäste in einem altmodischen behaglichen immer, auf dem Mahagonitisch stand Kaffee und allerlei ebäck. „Sie müssen ein Schälchen mittrinken. So'neu juten Kaffee kriegen Sie nicht leicht wieder in Berlin. Sie haben mir'mal nach Karlsbad geschickt. Da bin ich nach acht Tagen durchgebrannt. Sie geben einem ja nicht ordentlich satt zu präpeln. Aber zum Kaffee nehmen sie Sahne. Und wissen Sie. Herr Clansing, det's janze Geheimnis. Rich Karlsbader Mischung und so'n Mumpitz." Siegfried bekam Kuchen, und Bohrmann mußte eine Taffe trinken. Es that ihm gut. Er war dem Umsinken nahe. „Nee, nee, wie Sie aber aussehen!" Er habe mit Frau Kietz in einer schwierigen Angelegenheit allein zu reden. Frau Kietz nickte dem Lehrer beinahe froh zu. „Recht so I Ich kann mir schon denken I" Sic brachte Siegfried selbst zum Dienstmädchen heraus, empfahl ihn gut und sagte, als sie zurückkam: „Sie wollen was von der Kietzen? Heraus mit der Sprache I Oft thue ich's ungern, aber für Sie recht gern, sehr gern. Sie haben mir von Anfang an gefallen, Herr Clausing." Bohrmann nannte verlegen seinen Namen. Er heiße nicht Clausing. „Ich weiß ja, lieber Herr," sagte Fran Kietz gutmütig lachend.„Ich hab's eigentlich immer gcivnßt. Aber nu habe ich mir mal d'ran gewöhnt, und Se würden mir'ncn rechten Gefallen thun, wenn Sie mir dabei ließen. Lernen is schon schwer, aber umlernen kann ich gar nich mehr in nicinem Alter. Sagen Sie lieber gleich, wie viel Sie wollen. Ich weiß ja l Talentcr kommen immer in Verlegenheit." Mit gesenkten Blicken erwiderte Bohnnann, ihn führe ihre bekannte Großniut... es handle sich um eine fürchterliche Sache, um eine Ehrenfrage... Frau Kietz zog die Augenbrauen hoch. „Na ja, na ja! Das ist nicht hübsch, daß Sie das auch sagen! Ist ja nich nötig I Wie ville denn?" „Ich habe, nicht allein durch meine eigne Schuld... zu- nächst Schulden... abschenliche Schulden... im Betrage von beinahe 600 Mark..." „Recht so, recht so," murmelte Frau Kietz und schien seclenvergnügt. „Das sind gewöhnliche Schulden. Dann brauche ich aber noch um Lebens und Sterbens willen sofort 1800 Mark, um..." „Wofür halten Sie mich?" schrie Frau Kietz und ihr Ge- ficht wurde dunkelrot.„Halten Sie mich für dumm? Oder wollen Sie mich dumm machen? Wo soll ich das Geld her- nehmen? Da glaubt jeder hergelaufene Schuldenmacher, er braucht nur an den alten, dicken Geldsack zu klopfen I Habe ich mein Geld gestohlen?" Schwankend vor Scham und Hilflosigkeit stand Bohrmann auf und suchte nach seinem Hut. „Werden Sie wohl sitzen bleiben, Herr Clausing! Ge- bildet bin ich nicht I Zanken werde ich doch noch dürfen I Warum sind Sie so dumm? Warum erkundigen Sie sich nicht vorher? Alle haben sich vorher erkundigt. Und mehr als zweihundert Thaler auf einmal gebe ich nicht I Mein seliger Mann, der mehr Grütze hatte, als der Lose und seine Frau dazu, der hat nur auf dem Sterbebette noch gesagt... Trude, hat er gesagt. Du wirst es dazu haben. Eni paar hundert Thaler für'nen armen Teufel wirst Du alle- mal übrig haben. Allemal, hat er gesagt. Es war ein goldenes Herz, sage ich Ihnen, nicht wie der Lose und die. Allemal. hat er gesagt, und ein paar hundert Thaler sind zweihundert Thalcr, wo sie jetzt 600 Mark zn sagen. Und mehr habe ich nicht übrig. Aber zweihundert Thaler allemal." (Fortsetzung folgt.) Mlvinvs �euillekon. — Von der Appenzeller LandSgemrlnde. Auf den letzten Soniitog im April hat das Volk der beide» Appenzeller Halbkantone seinen Gesctzgebnngstag gelegt. Filr Inner- Rhoden in der Kirche zu Appenzell, für Außer- Rhoden abivechselnd in den Dörfern Hnndivil und Trogen sammelt sich die ans allen Schlveizcrbürgern dieser Distrikte bestehende.Landsgemeiude"— ein Volk in Waffen, denn die Vcrsaffnng macht jedem das Erscheinen mit Seiten« gewehr zur Pflicht—, um die oberen Behörden zu wählen und über die vom Kantonsrat(dem Klein- Parlament) ausgearbeiteten Gesetzvorlagen abzustimmm. Außer« Rhoden. dessen Broßparlameut unter freien, Himmel tagt, also keine Beschränkung des Raums für den Zuhörer kcmit, wird deshalb besonders gern von allen denen aufgesucht, die für diese eigenartige Erinnerung an das alte germanische„Ding" und seine Bcdeutimg Verständnis haben, und so pilgerte ich am 28. April nach dem bei Herisau gelegenen Dörfchen Hnndivil, dem diesmalige» Breniipnnkt der nußerrhodischen Politik. Mußte schon der Weg durch die so»ncnbeglä»zte Frühlings« Landschaft, i» deren wechselnde Bilder der nahe SäntiS die Runen alpiner Majestät zauberte, daS Herz de» Eindrücken der Stunde weit öffnen, so bot vollends die lebendige Staffage dieser gewaltigen Scenerie überreiche Ausbeute für den Beobachter.„ES war, als ob die Menschheit auf der Wand'rung wäre," die von Appenzell a. Rh.»änilich, und wäre wie einst der Heerbann auf« geboten, so dicht besetzt zeigten sich die nach Hnndwil führenden Straßen mit bewehrten Männern jeden Alters»nd Bernfs; ähnlich, nur bunter in de» Trachte», mag es in andren Gegenden tvohl vor Seinpach oder Grandson ausgesehen haben. Diesmal galt das Ge- Waffen einer friedlichen Bürgerpflicht, für deren Ausübung es als einziges Kennzeichen dient, mag's nun der zierliche Galantcriedegen von Urgroßvaters Zeiten her oder das viel demokratischer aussehende Bajonett der Mitiz-Jnsantcrie sein, a» dessen großer Zahl nian zu- gleich die Wirlnng der heutige» Wehrpflicht erkennt. Das wirkliche Schwert kam in den zwei prächtige» Exemplaren zu Ehre», die in Hnndivil ans dem Podium für den Regierungsrat aufgepflanzt waren: mächtige Zweihänder für ein Ricscngeschlecht, mit kunstvolle», Ranken« werk ans Schmicdearveit am Griff, einer Ambraser Sanimlung zur Zierde gereichend, wenn sie überhaupt feil wären. Der amphitheatralijch aufsteigende weit« Platz vor dem Podium, auf den die einfach-romantisch« Kirche und das Rathaus herabschauen, füllt sich rasch; der Umzug einer von zwei Hellebardiere» ge« führte» und wie diese in daS hübsche geschlitzte Wams des 14. Jahr« Hunderts gekleideten kleinen Kapelle von Pseifern»ild Trommlern, die sich>i»ler dem Abspielen einer wenige Accorde umfassenden alten Melodie feierlich um den Platz bewegen, deutet auf baldigen Beginn der Versa»,»iluiig. Die etwa 11 000 Köpfe zählende Landsgemeinde, der alle über 18 Jahre alten Schweizerdürger angehören, hat sich mit einer Raschheit, die die Beivnnderung großstädtischer Polizei» Organe erregen müßte— kaum, daß es eines Eingreifens der wenigen zum Dienst befohlene» Soldaten bedurfte— auf dem Platz geordnet,»nd lurz vor 11 Uhr. der angesetzten Stunde, ertönt, vom Podium her unter Musikbegleitung dirigiert, der Landsgemeinde« Sang. Die vier Strophen des Liedes sind verklungen, vom Rathaus her erscheint unter den, Geleit der Musik in feier« lichern Zuge der Regierungsrat. an der Spitze der seitherige Landanrnran, eine prächtige Attinghansen- Gestalt, in Zweispitz und schwarze», Mantel; der Landweivel beschließt den Zug. Was nun folgt, ist die denkbar eigenartigste ParlamentSseeu«„nd zugleich der inachtvollsle Ausdruck von Bolkssouveränetät: die Menge, die beim Sichtbarwerde» des Regien, ngSrats auf dem Podium ebenso wie dieser das Haupt entblößt hat, hö,t in achtungsvollein Schweigen daS„Seid willkommen!" und de» Bericht des Landammaims über das vcrfloffene Jahr an, um hierauf zu de» eigeutlichen Ge« schäfteu zu schreiten. Deren Erledigung setzt bei dem Leiter der Versammlulig wie bei dem Landweibel eine» beneidenswerten Stinun« aufwand voraus: 11 000 Menschen unter freiem Hinimel sich ver- ständlich zu mache», das erimiett a» die Leistungen Stentors, von denen Ho», er erzählt. In Hnndwil wurde es thatsächlich geleistet. Nachdem der Landammai», den Gegenstand der Verhandlung be« zeichnet hatte, wendet sich der Weibel an die Versammelten mit der Frage:„Herr Landammaii» I Herren Regierungsräte I(Und nun mit mächtigem Crescendo dc-Z Organsi: Getlene. liebe Sckivcizcr- bürgcr und Vundesgenossen! Wem'S N>ohlgcfallt, dab....... der erhebe seine Hand." Das; bei diesen Massenabstinnnungc», dciic» allerdings stets die Gegenprobe folgt, Zweifel iiber das Ergebnis änderst selten sind, kennzeichnet die Geübtheit der Vcrsainmlnng. So entschied das Handaufheben der Landsgemcinde in einer knappen halbe» Stunde Über die Zu- samnicnsetzung der Regierung für das kommende Jahr(ivobei die Nengclvählteii durch die kostümierte Kapelle mitten ans dem Volke heraus abgeholt und zum Podium geleitet iverden), über den neuen Landammann, über die fernere Mitgliedschaft deS kantonalen Ober- gerichts, über die Nebision der KantonSverfassnng. Gegen die Eni- scheidung des Volks giebt eS keine Berufung als an das Volk selbst, die übertragenen Ehrenämter müssen, bon besonderen blnSnahmc- fällen abgcfchcn, angenommen iverden der nach dem Ablauf der vorgeschriebenen Zeit Zurücktretende hat auf keine aiidre Anerkennung als auf diejenige seines Gewissens Anspruch.— (E-r. in der„Frlf. Ztg.") Theater. N e s i d e n z- T h e a t e r. Der dumme H a>» S von E. v o n K e y s e r l i» g.— MittagSvorstellnngcn sind an sich eine sehr schöne Cache. Mit den VcrcinSvorstcllnngen zusanimen bilden sie ein notweiidiges Gegengeivicht gegen den geschäftlichen MaterialiSinus der Direktoren. Darum»nih ina» sie principicll in Schuh nehmen, auch wenn.sie hier und da Rieten bringen. Rur miis; man freilich verlangen, dah die Leitung Kritik und Publikttni nicht bemüht, »vcnn' ein negatives Ergebnis mit tödlicher Sicherheit voraus- gesagt werden kann.'Mindestens die Möglichkeit eines künstlerischen Erfolgs muß vorhanden sein, wenn derartige Vor- stcllnngcn einen Sinn haben sollen. Bei der letzten Matinee des Resideiiz-Theaters aber habe ich eine solche Rköglichkcit niit dem besten Willen nicht entdecke» können. Augenscheinlich wollte die Bühne um jeden Preis eine litterarische Vorstcllmig bieten, damit in den eitnngen auch einmal littcrarisch von ihr die Rede sei. In dieser otlage nahm sie. was eben zu kriege» war und beging so ein lln- recht am Autor, an den Darstellern, an« Publik»», und an»iiS. Keyserling wurde als Theaterdichter zunächst durch sein .FriihliiigSopser" bekannt, da? in einer Matinee der.Freien Bühne" mit schönem Erfolg aufgeführt wurde. Man sah freilich, dah tiia» es wohl mit einem Dichter, nicht aber eigentlich mit einem Dra- niatikcr zu thun hatte. Die Poesie, die in der Dichtung lebte nnd ivebte, lieh das aber vergessen nnd stimmte den Kritiker hosfnnngs- voll. Es klang eine weiche, verhaltene schnsüchlige Lyrik hindurch, von der mau sich gern gesangcn nehmen lieh.... Keyserlings ncueS Stück ist leider inihlungen. ES scheinen wieder lprische Werte gewesen zu sein, die ihn gereizt haben. Er hat sie indessen nicht z» heben vermocht. Was ihm vorgeschwebt hat, mag interessant genug gewesen sein: Er bat aber daher nicht den festen, energischen Ausdruck finden könuen, den die Bühne nun einmal verlangt. Ei» Dichter, aber kein Dramatiker. Die Formel klingt diesmal um vieles hoffnungsloser. ' Was hat nun eigentlich Keyserling vorgeschwebt? Da seine künstlerischen Ausdrncksinittel ihn verlassen, ist man bis z» einem gewissen Grad auf Vennntungen angewiesen. Es»st ivohl eine Art von WaldeStraum gewesen, mit all der Freiheit im Wechsel von Raum und Zeit, die man Trauindichtungen zu- gestehen muh. Der..dmninc HanS" ist ein kleiner Hirtenjunge, der den Wald schivärmcrisch liebt. Der gnädige Herr aber— wir sind nun plötzlich im l8. Jahrhundert— ivill den Wald abholzen lassen und die Waldhänsler vertreiben. Die Waldhäusler aber ver- schwören sich nnd ein entlassener Angestellter deS Schlosse? erschieht den gnädigen Herrn auf der Jagd. Der..dminne Hans" nimmt «»>» die Schuld für den Mord auf sich, iveil er sich sagt, dah einer sterben muh. damit der Wald gerettet ivird. In seinen letzten Stunden— der Gefangenwärter trägt plötzlich wieder inodernc Uniform— spielt eine jtinderlicbschaft mit dem kleinen tvilden Schlohfräulcin ivehmütig hinein. Im.dniumen Hans" ivollte Keyserling vermutlich die Gestalt eines kindlichen TrüunicrS geben, der die Herze» rührt, indem er einem harten, tragischen Geschick ver- fällt. Gelungen ist es ihm keineswegs. Es fehlte die Kraft, den zarte» Tranm auf der Bühne lebendig zu ninche». Die Ausführung ivar im allgemeinen»inhig. Jenes Gefühl der Unsicherheit, das halbfertige Vorstellungen mit sich bringen, machte sich in miaugeuehnier Weise geltend. Frau E y i o l d t. die ivohl in dankbarer Erinnenliig au ihren schönen Erfolg im.Frühliugsopfer" eine undankbare Rolle übernonnnen hatte, und Herr Böttcher, der den„dinnmen HanS" spielte, schienen mir am gkivisseiihaftcsten bei der Sache zu sein.— E. 8. Figaros Hochzeit. Zn niifrer Kritik der entzückende» französischen fiomödie teilt uns Herr W i l l h G r» n Iv a I d mit, dah er die grohe Rolle des Figaro in ganz kurzer Zeit hat iibernchnicn nnüfsen. Unter diesen Umständen kann ihm ans seiner Unsicherheit natürlich kein Vorwurf gemacht«Verden. Wir freuen uns, dah die fatale Erscheininig nicht dem mangelnden Ernst des Schauspielers, sondern der Ungunst widriger Umstände zuzuschreiben ist. Die Vorstellungen der..Freien Volksbühne" im Lessing-Theater haben einen sehr erfreulichen Ansschwnng genonnncn. Weil wir diesen Aufschwung nicht gefährden möchten, sahen wir nnS zu scharfem Protest vcranlaht.— E. S. Aus dem Tierlebeu. — Aus dem Leben der Spinnen. Dr. R e h schreibt in der „Umschau": Obwohl Spinnen zu den biologisch intcresfantesten Tieren gehören, ist ihre Lebensiveise in vieler Beziehung noch recht mibe- lannt. Recht ivertvoll erscheine» daher die Beobachlungen. die P. Wcstberg über das Leben der Spinnen, na»ie»tlick> der Kreuzspinne angestellt Hab Wen» sie ein Netz svinncn, ihren Ort ver» lassen uslv. will, handelt es sich für sie zuerst oäriim, zivci entferntcre Punkte zu verbinde». Zu dicseiii Zwecke klettert' die Spinne auf einen erhöhten Punkt nnd„schieht" von hier ans bei belvegtcr Lnft ein Fadenbüschel von ca. 1ö Centimetern Länge in die Lnft, d. h. sie preht es durch starken Mnskcldruck aus ihren Spinnwarzcn heraus, verlängert es dann allmählich und tvartet, bi? ein Faden irgendwo haftet, also eine Fadenbrücke hergestellt ist. Will sie min ein Netz anfertigen, so stellt sie zuerst die Mitte und die Peripherie her, dnim die Radien, zuletzt erst die Spiralen, zuerst von imicii nach anhen, dann von aiihcn nach iiuien; der Stütztcil des Nestes besteht ans trockenen Fäden. dazwischen spinnt die Spinne klebrige, die sogenaimten Fangfäde», so dah das Netz also einen recht verwickelten Bau erhält.— Eigentninlich ist auch die Verarbeitung der meist aus Fliegen nnd andren Insekten bestehenden Beute. Diese ivird nämlich nicht verzehrt und im Darmkanal verdaut, sondern anherhalb mit cinem stark peptoni- sicrcnden Speichel, der gekochtes Eiiveih sehr, rohes Kalbfleisch weniger»nd Rindfleisch recht ivcnig angreift, Übergossen nnd in Lösung gebracht, die von der Spinne aufgesaugt wird, so dah nur die nnlöslichen Chitintcilc übrig bleiben. Es findet hier also eine Verdanmig anherhalb dcs Körpers statt. Dieser Speichel bildet eine ivasscrhelle, neiitral reagierende, giftige Flüssigkeit, die aus den Kieferklancn in die Wunden dringt.—' Qumoristisckies. — D i e j» n g c F r a u.„... Nun, wie gcfällls den» Ihrem Gatten in der Ehe?" „... Ach, der altmodische Mensch sühli sich g l ü ck l i ch l"— — Doppelsinnig. Herr Wainpcrl kommt spät nachts an- geheitcri nach Hause; seine Ehehälfte, höchst erzürnt, erwartet ihn, bewaffnet mit W a s ch k r n g und S t i c s c l z i c h c r. W a m p e r l:„Karo.. 5taro.. Karolinchcu, Du schaust— mich— hcrite— so vorwurfsvoll an!"— — Ein klassischer Lehrling. Fritz(der Prügel be- kommt):„Meestcr, lassen Sie ab!, In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister' l"— Notizen. — Das Residenz-Theater wird vom Veginn der Winter- saison ab an jedem Freitagabend eine littcrärische Auf- führniig veranstalte».— — Die S e c e s s i o n S b ü h n e wird im Jnni im Theater des Westens gastieren.— — Die Vorsiellinigen der D c n t s ch e n G e n o s s e n s ch a f t s- B ü h n e im Thalia-Thcater finden vom 28. Mai vis zum 6. Juni statt.— — Vi a r i a Reisen hofer ist vom 1. September ab auf drei Jahre für das R c s i d e n z- T h e a t c r engagiert worden.— — D' A»» n u z i o S Dra in a„ G i a c o n d a" erzielte bei der � Erslansfithrnng im Stuttgarter Wilhelm a-Theater nur eine matte Wirknilg.— — Ein russisches Theater i st in S a»n a r k a n d lCciilral-Asie») begründet worden. Die erste Vorstellnng im Palast von Tmncrla». der gegen 5000 PcifcfiiCu bcin>ohnte>i, brachte ausgewählte Stücke von Tolstcg». a., auch die Hauptfreiien ans der „Macht der Finsternis".— — Der F i»» l L n d e r M ä n n e r- G e s a» g v e r e i n „L n o nie n Laulü" ans HelsingforS veranstaltet am l». Jnni in der Philharnionie ein Konzert.— — I» dem Wettbewerb für P l n f o n d in a l e r e i e n. der vom Verlag der„Mappe"(München. Georg V. W. Eallwey) ansgeschrtebc» Ivar, erhielten Preise: Eichler u. Müller in Berlin (800 Äk.), Joseph Lichtenberg in München(250 Mo, Eichlcr u. Müller in Berlin(200 M.), Friedrich Adler in München(150 M.) nnd Heinrich Heinemann in Hamburg(100 M).— t. E i n Denkmal f ü r H n x i e y, den nach Darwin gröhten englischen Naturforscher des 10. JahrhiinderlS, soll in seiner Geburts- stadt Ealing errichtet iverden.— — Der sranzösischc Aeronant de la Vaulx beabsichtigt im Jnni das ni i t t e 1 1 ü n d i s ch c Rk e c r mit einem Ballon zu überfliegen, der 8000 Kiibikmetcr Waficrstosf fasic» und mit zahlreichen wisienschaftlichen Instrumenten soivie mit Proviant für drei Wochen versehen sein ivird.— — Zur Eclangmig eines G e s ch iv i n d i g k c i t s m e s s e r S f ü r elektrische M o t o r iv n g c n schreibt die Grohe Berliner S t r a h e ii b n h n Preise von 8000 M. und 1500 M. aiiS. Die Entwürfe und Konstruktionen sind bis zum 1. Seplembcr einzu- liefern.— Bcralitivortlich-r Redacteur: Heinrich«Senker i» Gr.-Lichterfeldc. Druck und Verlag von Ntax Babing in Berlin.