Unterhaltungsblatt des Jorwäris Nr. 90 Donnerstag, den 9 Mai 1901 cNachdru 27] Arbeit. Noinaii in drei Büchern von Emile Zola. Ans dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenzweig. A»r6lien Jordan bekam mit fünfunddreißig Jahren einen Cohn, Severin, der sein einziger blieb, und erst als dieser Sohn ini Jahre 1852, nach dem Tode seines Vaters, dessen Nachfolger wurde, wuchs der Hochofen der Crdcherie zu einem bedeutenden Unternehmen heran. Sövcrin hatte Frantzoise Michon, die Tochter eines Arztes in Magiralles geheiratet, die sich als eine Frau von seltener Herzensgute und außer- ordentlichen Geistesgaben erwies. Ihr Mann, dem sie nicht nur eine zärtliche Gattin, sondern eine kluge Helferin und Beraterin war, trieb auf ihre Vcran/assung neue Stollen ein, verzehnfachte die Förderung der�Mmen und gestaltete den Hochofen fast vollständig neu, indem er ihn mit allen niodernen Vervollkonimnungen versah. Sie sahen sich auch gar bald im Besitze eines großen, stets wachsenden Vermögens, und der einzige Kunimer ihres von ge- dcihlichcr Thätigkeit erfüllten Lebens war ihre Kinder- llosigkeit. Erst nach zehnjähriger Ehe, und als Severin schon vierzig Jahre zählte, wurde ihnen ein Knabe geboren, den sie Martial nannten. und nach abermals zehn Jahren ein Mädchen, Soeurette. Dieser späte Kindersegen machte ihr Glück vollständig, und besonders die Frau war eine be- wundenlugswürdige Mutter, die ihren Sohn zum zweitemnal gebar, indem sie ihn siegreich gegen den Tod verteidigte, und die ihm ihre Seclengüte und ihre Geistesgaben einflößte. Doktor Michon, der Großvater, ein hochherziger Idealist und unerschöpflich gütiger Wohlthäter, einer von den ersten Fourieristen und Saint-Simonisten, hatte sich auf die Crecherie zurückgezogen, wo seine Tochter ihm ein eignes kleines Häuschen hatte bauen lassen, dasselbe, das Lucas jetzt belvohnte. Hier � war er dann inmitten seiner Bücher, unigeben von Sonnen- schein und Blumendnft, gestorben. Und bis zum Tode der unvergleichlichen Mutter, der fünf Jahre nach dem des Großvaters und deni des Vaters erfolgte, hatte fröhliches Ge- deihen und reines Glück auf der Crecherie geherrscht. Martial war dreißig Jahre und Soeurette zwanzig Jahre alt, als sie allein znrückblieben; und seither waren fünf Jahre vergangen. Er hatte, trotz seiner sehr schwachen Gesundheit, trotz der vielen aufeinanderfolgenden Krankheiten, denen seine Mutter ihn mit der Kraft der Liebe entrissen hatte, die technische Hochschule absolviert. Dann war er nach der Crschcric zurückgekehrt, und jede feste Stellung, jedes Ehren- amt verschmähend, dank seines beträchtlichen Vermögens freier Herr seiner selbst, hatte er sich mit leidenschaftlichem Interesse in Forschungen und Untersuchungen über die Anwendung der Elcktricität versenkt. Er ließ arrstoßend an das Wohn- haus ein sehr geräunriges Laboratorium bauen, stellte in einem nahe befindlichen Schuppen eirren Motor von mehreren Pierdekräften auf, und allmählich das Feld seiner Studien immer verengend und vertiefend, be- faßte er sich schließlich fast nur noch nrit dem Problem des Schmelzciis von Metallen in elektrischen Oefen, nicht bloß für das Laboratoriunr, sondern für die praktische Anwendung in der großen Industrie. Von da ab schloß er sich ganz von der Welt ab, lebte wie ein Mönch, ganz nur seinen Experimenten, seinem großen Werke hingegeben, daß ihm zum einzigen Daseinszweck wurde. Die kleine Schwester hatte bei ihm den Platz der hingegangenen Mutter eingenommen. Soeurette war bald feine treue Hüterin, sein guter, unablässig über ihn wachender Engel, und umgab ihn mit der warmen Liebes- atmosphärc, die ihm zum Leben so nöttg war wie die Luft, die er atmete. Sie übernahm die Führung ihres gcmeinschaft- lickien Haushalts, hielt alle kleinen Sorgen des täglichen Lebens von ihm fern, diente ihm sogar als Sekretär und Laboratonumsgehilfe, und alles das geräuschlos, friedlich und sanft, mit einem stillen Lächeln auf den Lippen. Zum Glück funktionierte der Hochofen sozusagen von selbst unter der Leitung des alten Ingenieurs Laroche, der, ein Erbstück noch des Begründers, Aurelicn Jordan, seit mehr als dreißig Jahren im Dienst des Unternehmens stand, so daß der jetzige Jordan, unbekümmert um die zahllosen Ansprüche der Wirklichkeit, sich ganz nur seinen Studien widmen konnte. Er ließ den wackeren Mann den Hochofen nach den hergebrachten Principien leiten, ohne sich für etwa mög« liche Verbcsserungen und Vervollkommnungen zu interessieren, denn er hielt alle diese für bloß relative und unwichtige Fortschritte, während er die radikale Umgestaltung suchte, den elektrischen Schmclzprozcß, der die ganze Metallurgie rcvottttioniercn sollte. Nicht selten mußte Soeurette ein- greisen, und diese oder jene Anordnung im Vereine mit Laroche ttcffen, wenn sie wußte, daß der Geist ihres Bruders ganz von einem neuen Expenment erfüllt war und sie seine Gedankenwelt nicht durch ein völlig fremd- artiges Interesse durchschneiden wollte. Der Plötz- liche Tod Laroches hatte nun diesen glatten, alt- gewohnten Gang der Dinge so arg aus dem Geleise geworfen, daß Jordan, der sich für mehr als genug reich hielt und nicht den genngsten Erwerbssinn besaß, am liebsten den Hochofen kurzer Hand an Delaveau losgeschlagen hätte, dessen Wünsche in dieser Hinsicht ihm bekannt waren; aber Soeurette hatte ihn klugerweise überredet, sich vorher noch mit Lucas zu beraten, in den sie großes Vertrauen setzte. Und so war es gekommen, daß an den jungen Mann die dringende Bitte erging, die ihn so plötzlich nach Beauclair geführt hatte. Lucas war mit dem Geschwisterpaar Jordan bei Boisgelin bekannt worden. als sie sich einen Winter hindurch in Patts aufhielten, wo der junge Gelehrte Material für seine Studien sammelte. Und sehr rasch hatte sich eine starke gegenseitige Sympathie entwickelt, welche sich bei Lucas auf Bewunderung für den Bruder, dessen wissenschaftliches Genie ihm imponierte, und auf mit Hochachtung gemischte Zuneigung für die Schwester gründete, die ihm wie ein göttliches Bild der Herzensgüte erschien. Er arbeitete damals gerade selbst bei dem berühmten Chemiker Bourdin, und war mit der Untersuchung zu stark schwefel- und phosphorhaltiger Erze betraut, welche nutzbar gemacht werden sollten; und Soeurette. die mit der Sorg- sanikeit einer guten Hausfrau an allen gemeinsamen An- gelegenheiten Interesse nahm, ettnnerte sich noch deutlich eines fachmännischen Gespräches, das Lucas eines Abends mit ihren» Bruder geführt und gcwisier Details, die er damals hervorgehoben hatte. Seit mehr als zehn Jahren wurden die Minen, die Aurelien Jordan, der Großvater, auf der Höhe der Monis Bleuses entdeckt hatte, nicht mehr betrieben, denn man war auf sehr schlechte Adern gestoßen, wo das Erz so stark mit Schwefel und Phosphor versetzt war, daß der Hoch- ofcnprozeß nicht mehr die Bestehungskosten hereinbrachte. Der Abbau war also eingestellt, und der Hochofen der Crecherie wurde nun durch die Minen von Grauval bei Brias versorgt, deren ziemlich gutes Erz durch eine eigne kleine Bahn bis zur Gichtbühne geschafft wurde, wie übrigens auch die Kohlen aus den benachbarten Gruben. Aver das verursachte große Spesen, und Soeurette dachte oft an das chemische Verfahren, von welchem Lucas gesprochen hatte, und welches vielleicht die Wiederausnahme des Bergwcrks-Betriebs erniög- lichen würde. Und ihr Wunsch, den Freund zu befragen, ehe ihr Bruder eine Entscheidung traf, war auch auf die Er- wägung zurückzuführen, daß es zum nündesten notwendig wäre, den Wert dessen zu kenneu, was man an Delaveau verkaufte, wenn es denn zum Verkaufe kommen sollte. Die Jordan sollten, nach mehr als zwölfstündiger Reise, mit dem Sechsuhrzug ankommen, und Lucas ließ sich von dem Wagen, der sie vom Bahnhof abholen sollte, nritnehmen, um sie zu- erwarten. Jordan, eine kleine, schwächliche Gestalt mit länglichem, sanftem Gesicht, matten braunen Haaren und eben solchen: Bart, entstieg dem Koupee als erster, in einen Pelzrock gehüllt, obgleich der schöne September- tag angenehm war. Mit seinen schwarzen, glänzenden, scharfblickenden Augen, in welchen seine ganze Lebcnsenergie konzenttiert zu sein schien, bemerkte er Lucas sofort. „Ah, mein lieber Freund! Wie liebenswürdig von Ihnen, daß Sie uns abgewartet haben! Es ist ein schreck- liches Unglück, der arme Vetter ist so ganz allein da unten gestorben, und ich mußte ihn begraben. Und /mir sind Reise» so entsetzlich\— Nun, jetzt ist's vorüber, und wir sind wieder da!" ..Hoffentlich gesund und nicht zu sehr ermüdet?" fragte Lucas. „Nem, nicht zu sehr, ich habe glücklicherweise schlafen können." Soeurette. die sorglich darüber gewacht hatte, daß keine der Decken, die sie vorsichtshalber niitgenommcn hatte, ver- geffen werde, kam nun auch heran. Sie war gar nicht hübsch, von kleiner Gestalt, gleich ihrem Bruder, mit blassem, mattem Gesicht und dem unauffälligen, unbedeutenden Wesen einer Frau, die sich dabei bescheidet, eine gute Wirtschafterin und Krankenpflegerin zu sein. Aber ihr liebevolles Lächeln er- hellte mit unbeschreiblichem Zauber ihr reizloses Gesicht, in welchem es ebenfalls nichts Schönes gab als die warm- strahlenden Augen, in deren Tiefe als das zurückgedrängte Liebesbedürfnis ihrer Natur brannte, deffen sie selbst sich nicht bewußt war. Sie hatte bisher nur ihren Bruder geliebt, sie liebte ihn als weltabgcschlossen lebendes Mädchen, die ihrem Gotte die ganze Welt opfert. Ehe sie noch an Lucas das Wort richtete, rief sie ihrem Bruder zu: „Martial, nimm Dein Halstuch um, Du wirst Dich erkälten l" Dann wendete sie sich in herzlichstem Tone an Lucas: „Wie sehr müssen wir uns bei Ihnen entschuldigen, Monsieur Froment, und was haben Sie von uns gedacht, als Sie uns bei Ihrer Ankunft nicht hier trafen! Haben Sie sich wenigstens behaglich gefühlt bei uns, hat man Sie gut bedient?" „Ausgezeichnet, ich habe wie ein Fürst gelebt." »O, Sie scherzen I Vor meiner Abreise habe ich alle An- ordnungen getroffen, damit es Ihnen ja an nichts fehle; aber ich war nicht da, um alles zu beaufsichtigen, und Sie können sich nicht vorstellen, welche Vorwürfe ich mir gemacht habe, daß wir Sie so allein in unsrem leeren Hause gelassen haben." Sie bestiegen nun den Wagen, und Lucas beruhigte sie vollständig, indem er ihnen versicherte, daß er zwei höchst inhaltsreiche Tage verlebt habe, von denen er ihnen erzählen werde. Als sie auf der CrScherie ankamen, wurde Jordan, obgleich es schon Nacht geworden war, nicht müde, um sich zu blicken, so überglücklich, wieder in seine gewohnte Lebens- weise zurückzukehren, daß er laute Freudenrufe ausstieß. Es schien ihm, als ob er viele Wochen in der Fremde gewesen sei. Wie konnte man nur Vergnügen daran sinden, so von Ort zu Ort zu ziehen, wenn das ganze menschliche Glück in dem engen Winkel lag, wo man dachte und arbeitete, wo das Geleise der Gewohnheit einen der Mühe überhob, zu seinen Füßen zu blicken? Nach- dem er rasch den Staub der Reise abgewaschen hatte, bestand er darauf, während Soeurette sich mit der Vor- bereitung des Diners befaßte, Lucas mit in sein Labora- torium zu führen; er konnte es nicht erwarten, wieder den Fuß dahin zu setzen, und er sagte mit seinem leisen Lachen, daß er nicht eher Appetit zum Essen haben könne, als bis er ein wenig von der Luft des Raum? eingeatmet habe, in welchem er sein Leben verbrachte. ..Das ist mein Lieblingsgeruch, mein lieber Freund. Ja- wohl, von allen Gerüchen, die es giebt, liebe ich den ani meisten, der hier in dem Räume herrscht, in welchem ich arbeite. Dieser Geruch begeistert und befruchtet mich." Jordan hatte an einem Knopf gedreht, und der ganze Raun: erstrahlte in hellem elektrischen! Lichte. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck vervolcu) M Die bunfe Deihe. Berliner Roman. Von Fritz Mauthner. (Schlutz.) Bevor Bohnnann noch zuspringen konnte, hatte Fräulein Reymond sich umgewendet und das Kind zurückgerissen. Jetzt lag sie neben Siegfried im Grase. Als Bohrmann ganz wirr dazutrat, fand er das Mädchen ohnmächtig. Aber fest hielt sie die Hand Siegfrieds in der ihren. Er rief nicht um Hilfe, er strich ihr über Haar und Wangen und wußte nicht, waS er sonst thun sollte. Endlich kani sie wieder zu sich. Vcrtvirrt blickte sie zu Bohrmann auf. „Wie konnuen Sie hierher? Gerade Sie?" „Ich habe... drüben... Sie sollten etwas ge- nießen." „Bitte, bitte, Tante Kläre," rief Siegfried,„ich habe so viel Kuchen." Wenn es beim Buchstabieren recht gut gegangen war, hatte er zur Belohnung„Tante Kläre" sagen dürfen. Er setzte sich aufs Gras neben das Mädchen und leerte eifrig seine Taschen. Er bat so lange, bis Fräulein Reymond einige Bissen zu sich nahm. Dann richtete sie sich halb empor und aß ein ganzes Stück Sandtorte. Plötzlich brach sie in Schluchzen aus und murmelte in verzweifelndem Tone: „Pfui, pfui, so einen Hunger zu haben." Efft als sie sich ausgeweint hatte, faßte Bohrmann sie unter beiden Armen und hob sie empor. „Kommen Sie, kommen Sie, mein liebes, liebes Fräu- lein.... Sie wissen ja gar nicht, was alles vorgefallen ist. ... Sie werden sich entsetzen. Aber es giebt auch gute Menschen.... Und ich muß Ihnen von Frau Kietz erzählen. •.. Sie werden lachen, so gut ist sie." „Weinen wenigstens kann ich nicht mehr." „Der Kuchen ist auch von ihr," sagte Siegfried.„Aber ich bin schon ganz pumpsatt. Wenn ich nicht so müde wäre, hätte ich gewiß Bauchweh. Papa, ich will zu Bett." Bohrmann nahm den Knaben auf seine linke Schulter und reichte der Freundin ganz geschickt seinen rechten Arm. „Sie sind zu schwach, mein liebstes Fräulein; ich möchte eine Droschke nehmen, aber das Geld ist doch da, um die Rechnungen zu bezahlen. Meine Frau hat mich nämlich böslich verlassen. Bitte, sagen Sie nichts. Da ist viel zu sagen in der Sache. Aber noch mehr zu thun. Ich weiß nicht aus, nicht ein. Sie müsien mir helfen. Ich weiß mir ohne Sie nicht zu raten. Und was sollte aus Siegfried werden? Lenchen hat sie mit fortgenommen. Das arme Kind I Und doch wieder... Siegfrieds wegen... ach Gott l" Sie gingen deni Königsplatze zu. Dort wollte Bohrmann in eine Pferdebahn steigen. Siegfried war eingeschlafen. Wer sie so vorübergehen sah, der mußte an ein gutes Ehepaar denken, das mit seinem Kinde nach Hause geht. Fräulein Reymond sprach kein Wort. Auch nachher nicht, während sie nebeneinander in der Pferdebahn saßen und Bohrmann seinen Knaben auf den Schoß genommen hatte. Ms sie aber wieder wie verstört aufblickte und zusammen- gezuckt war, und als Bohrmann nach ihrer Hand griff, er- widerte sie den Dnick und sagte leise: „Wenn S i e nur nicht davon sprechen k..." Es war ein weiter Weg, die halbe Ringbahn. Sie saßen schweigend neben einander. Nicht weit von ihrer Wohnung stiegen sie aus. Hier hatte Bohrmann einen Einfall, einen so guten Einfall, daß er zum erstenmal wieder lächeln mußte. In einem großen Geschäft kaufte er Brot und ein viertel Pfund Aufschnitt und — das war der gute Einsall— eine halbe Flasche Rotwein. Fräulein Reymond sah so entsetzlich blaß aus. Und das war kein Prunk wie damals die Aalsuppe. Bohrmann trug seinen Knaben die vier Stockwerke hin- auf, und auch Fräulein Neymond hing schwer an feinem Arm. Es dauerte lange, bevor sie oben ankameu, in der Lehrerswohnung. Dort brachte Fräulein Reymond den Knaben erst zu Bett, während Bohnnann in der guten Stube ordentlich den Tisch deckte und Brot und Wein und Aufschnitt sauber aufstellte. Er wartete geduldig. Er hörte aus dem Schlafzimmer stilles, beinahe ruhiges Weinen, wie das Weinen eines Kindes. Es war aber nicht Siegfried; der schlief fest. Endlich trat Fräulein Reymond wieder ein; er hatte zwei Holzstühle nebeneinander an den Tisch gerückt. Sie setzte sich neben ihn, blickte ihn nicht an und- sagte: „Ich habe vorhin wohl nicht recht gehört. Was habe« Sie mir erzählt?" Bohrmann berichtete von seiner Frau, von den: furchtbaren Schreck mit den Schulden und von der Frau Kietz. Als Fräu- lein Reymond nicht antwortete, sagte er unvermittelt: „Sie find anders, als ich, mein liebstes Fräulein. Sie find tapfer und ehrlich I Sie haben, ohne zu straucheln, den Kampf um die Kunst aufgenommen. Aber glauben Sie mir, die Kunst ist nur zum Zusehen. Von draußen, da macht sie glücklich. Aber nur nicht dazu gehören!" „Ohne zu straucheln, sagen Sie, Herr Bohrmann. Sie sollen nicht so achwngsvoll mit mir sprechen. Um meiner Schande willen hat mich ja mein Vater fortgejagt." „Was Sie gethan haben, mein liebes Fräulein Reh- mond, das kann nur ein Irrtum gewesen sein. Ich, ich habe Schändlicheres begangen, aber glauben Sie mir, auch ich nur aus Irrtum." Jetzt blickten sie sich beide an. Bohrmann faßte die großen Hände des Mädchens und legte seine Stirn auf die Hände. .Wieder schwiegen sie eine Weile. Er fuhr auf, als sie sich plötzlich bewegte. Schon glaubte er, sie wolle ihm diese Vertraulichkeit verbieten. Sie hatte jedoch nur nach dem Brote gegriffen. Errötend rief sie: „Was werden Sie von mir denken! Aber ich habe solchen Hunger." Da wurde er vergnügt. Um ihr die Verlegenheit zu ersparen, fing auch er zu essen an, anfangs mit Widerstreben. Dann aber ging's auch bei ihm, und bald war nicht ein Krümchen Brot mehr übrig und kein Tropfen. Nur einige Schalen von Wurstschnitten lagen auf dem Teller. „Ich habe zu wenig eingekauft," sagte er.„Ich bin so ungeschickt. Was soll nun aus Siegfried werden?" Fräulein Rehmolch hatte wieder die strahlende Größe in ihren Augen. „Sie müssen mir noch eines sagen, Herr Bohrmann, aber ich kann Sie nicht danach fragen." „Sie meinen jenes Weib? Oder mein Stück? So wahr Gott lebt, ich bin ftei von allem. Nur die Schlechtig- keit und die Sünde wird mich nie wieder verlassen. Wenn Sie wüßten, Fräulein Neymond, was dieses Weib mir von der Welt erzählt hat. Nichts soll hier herrschen als ge- nieiner Hunger, gemeine Eitelkeit und gemeine Liebel Hundert solche Dinge hat sie mich gelehrt." „Vielleicht ist etwas daran wahr, Herr Bohrmann. Viel- leicht ist es wirklich nur Hunger und Eitelkeit und Liebe, was uns bewegt. Aber gemein muß es nicht sein, wenn es uns bewegt." „Ach, Fräulein Rcymond!" Siegftied rief von nebenan: „Ich habe Leibwehl Aber bitte, sag's nicht Mama'n, sonst krieg' ich eins." „Was mach' ich nur?" rief Bohrmann.„Ich weiß mir ja gar nicht zu helfen." „Bitte, lieber Herr Vohrmann, lasten Sie Siegfried bei mir schlafen. Um meinetwillen. Dann fühle ich mich gut zu etwas. Tann thu' ich's gewiß nicht. Dann haben sie beide mich gerettet, Sie und Siegsried." Der Knabe war wieder eingeschlafen. Fräulein Reymond stand auf und nahm ihn behutsam auf den Arm. „Sie sind zu schlvach, Fräulein Reymond." „Und eben sagten Sie, ich wäre stark... Morgen wollen wir weiter sprechen." Bohrniaun blickte düster zu Boden. „Morgen. Wie soll ich morgen meinen Kollegen unter bie Augen treten?" „Sie wollten ja fort von Berlin, Herr Bohrmann." „Bleiben Sie in Berlin, Fräulein Reymond?" „Ich werde morgen an meinen Vater schreiben, Herr Vohrmann. Ich werde ihn um Verzeihung bitten. Und ich werde ihm erzählen, daß Sie mich gerettet haben... Gute Nacht, lieber Herr Bohrmann." „Gute Nacht, liebes Fräulein Reymond." lNachdruck verboten.) Vevlhr als LZttndrlsPtAdi im 13, und 14. Inhehnndork. lSchluß.) Zu jeuer Zeit haben auch die Frauen im Handel eine Rolle gespielt. Da das Stadtrccht die Ausübung des Handelsbetriebs an das UiitereigcMum einer Kauflainmcr im Äaufhause knüpfte, so er- eignete es sich oft, daß eine Frau, die durch Erbgang oder Kauf in den Besitz einer solchen gelangt war, den Handel auf rechtlicher Basis betrieb. Frauen betrieben sowohl Großhandel als Kramhaudel und Hvkcrei selbständig. Die Mißgunst des männlichen Konknrrciite» aber erschwerte ihnen dies soviel als möglich. Das Stadtbnch bestimmte, die Frau müste zum Verklagen säumiger Zahler einen Vonnllud habeit, beschränkte ihr also die schnelle Wahrnehmung ihrer Rechte. Es bestimmte ztvar auch, daß die Kinder eines verstorbenen Gildegenossen„das halbe Gewerk ihres Vaters erben sollten", setzte also die Töchter den Söhnen gleich. Indessen fanden sich in sämt» lichen Gewerksstatuten Bestimmnngen, wonach nur die Söhne beim Eintritt in das väterliche GeWerk begünstigt werden sollten; nur bei den Schneidern Verlins findet fich die besondere Vorschrift, daß Meisterssöhne das ganze, Töchter das halbe Geiverk ihres Vaters erben sollten. So war auch hier der Mann der Frau gegenüber bevorzugt. Charakteristisch ist die Art, wie das Handelsrecht die Juden behandelt. Hier sieht man wieder, wie früher systematisch die Juden von der Ertverbsarbeit ausgeschlossen wurden. In die Kaufmanns- und Handwerker-Innungen konnten sie nicht eintreten. Dergestalt rechtlos gemacht, zwang mau sie, nur Geldgeschäfte zu treiben, um dann hernach laut zu lamentieren über die Bedeutung, die dabei die entrechteten Juden sich erwarben. Da die Juden durch das Stadtrecht von der Ausübung der Gewerbe ausgeschlossen waren, konnten sie von dem in ihren Händen befindlichen Gelde keinen Gebrauch machen. Sie waren ge- zwungen, es herzuleihen und vom Zinsennehmen zu leben, lind alle waren geldbedürftig: Fürst, Ritter, Bürger, Bauer: auch für den Kaiser wurden sie eine Geldquelle. Deshalb gewährte er ihnen gegen besondere Abgaben seinen Schutz, wodurch sie wenigstens etwas gegen die Willkür der Landesherren geschützt waren, ans welche später der.Judenschutz" des Kaisers überging. In Berlin-Kölln waren die Juden bis znni Beginn des 1s. Jahrhunderts eine Finanzquelle der Markgrasen. Danach wurden sie zu einer Finanzquelle der Stadt. Das Stadtbuch unterschied zwischen den„reichen Juden", d. h. denen, die in eignen Häusern wohnten, und den„gemeinen Juden", welche bei den reichen mit einwohnten oder vor der Stadt saßen. Man zog sie zu schweren Steuerleistungen heran und erhob die für jene Zeit hohe Summe von vierteljährlich je 1ö Schillingen allein von neun Wohnhäusern der Juden. Und als in der Mitte des 14. Jahrhunderts in Berlin wie in andren deutsche» Städten der „schwarze Tod" auftrat, war dies für den Rat Veranlassung, die Juden nun noch mehr als zuvor zu schröpfen. Seit 1342 wurden die Juden noch besonders gebrandschatzt durch die landesherrliche Einführung einer allgemeinen Judensteuer von einem Gulden pro Kopf, die, so scheint eZ, besonders drückend für sie gelvesen ist und die man ihnen versüßte, indem man sich andrerseits als ihr wohl- wollender Protektor aufspielte. Eine große Anzahl Bestimmungen des Stadibnches beziehen fich auf die Stellung der Handwerksknechte oder Knappen. Sie schließen sich den sonst in Deutschland gültigen Rats- und Zunftverordnnngen an, durch die die Verhältnisse der Lohnarbeiter, des Handwerks und des daraus resultierenden Handels„geregelt" wurden. Ans den sparsamen Notizen im Jnnungsbriefe für die Wollenweber von 1236, dem reichhaltigeren Knappenb'riefe, welchen der Rat den Woll- und Leineivebcrknechten 1331 erteilte. dem Statut des Rats von Kölln stir die Schlächter und Wurstmacher vom gleichen Jahre, lassen sich Folgerungen auk die Lage der Arbeiter in Handwerk und Handel ziehen. Vielfach ist damals schon, wie in ganz Deutschland. Stücklohn, nicht Tagclohn die Regel gewesen. Bei den Webern bestand sogar eine Bestimmung, die dem Gesellen verbot, den Dienst bei einem Meister zn verlasten, bevor er nicht eine bestimmte Tuchmenge hergestellt hatte. Ferner war vorgeschrieben, daß jeder arbeitsuchende Geselle sich an den dafür be« stimmten Platz in der Stadt begeben mußte; diesen nannte man den „xlos".' Hier mußte er sich jedem, der ihm den geforderten Lohn zahlte, verdingen. Man ivollte dadurch wohl verhindern, daß die besonders brutalen und ausbeuterischen Meister von den Gesellen hätten gemieden werden können. Harte und willkürlich ver- hängte Strafen' hinderten dann den Arbeiter, zn ungelegener Zeit den Dienst zu verlassen; er mußte einfach aushalten, wie andrer- seits die einzelnen Berliner und Köllner Zunftstatuten den Meistern verboten, fich gegenseitig die„Knechte" abspenstig zu machen. Auch Organisationen hatten die Gesellen bereits gebildet. Von 1331 ist noch ein Knappenbrief der Tuch- und Leineweber- gehilfen erhalten. Diese hatte eine der vielen in Deutschland be- stehenden„Bruderschaften" gebildet, eine Genossenschaft zum Zweck der Beerdigung ihrer Mitglieder, eine Sterbekasse. Gleichzeitig hatte diese Genofienschaft Strafgewalt über ihre Mitglieder bis zu dem Reckte der gänzlichen Ausschließung, also dem Verluste des Rechts, Gehilfe im Handtverke Berlins und Köllns zu sein. Eine wichtige Rolle spielten im Haudclsgetriebe die„melrslore" oder Makler. Es gab deren laut Stadtbuch in Berlin zwei, in Kölln einen. Unter den zahlreichen Beschränkungen, denen der stcmde Handel in Berlin unterlag, war es namentlich die Niederlage mit ihren Weitläufigkeiten und Unkosten, die es zum dringenden Be- diirfnis machte, daß Personen in Berlin die durchpassierenden Waren auslegten, für den Eigentümer verkauften, den Rest verluden, den Weitertransport bcivirkten usw. Dieses Geschäft besorgte der Makler. Er entlohnte die Führer des Wagentransports, bezahlte den Zoll, schloß die Handelsgeschäfte ab. dingte Fuhrleute und Schiffer für den Weitertransport. Der Makler bekleidete ein städtisches Amt und wurde vom Rat in Eid und Pflicht genommen. Im allgemeinen gingen im 13. und 14. Jahrhundert in den Handelssachen die Pflichten des Verkäufers weiter als heilte.� Er mußte nach den Bestimmungen des StadtbucheS dem Käufer einer Ware stets dafür haften, daß ihm die gekaufte Sache nicht als flcftichlene oder geraubte von einem Dritten bc- schlagnahmt Ivnrde. Immerhin aber beseitigte diese Pflictit des Verkäufers zur Gewährleistung für beschlagnahmte Ware nicht den Ilebelstand, daß der Verkäufer nie recht sicher ivar. daß er nicht ei» Kaufobjekt als geraubt oder gestohlen dem Beraubten wieder«verde herausgebe» müssen. Jeder Händler hatte sich im übrigen dem vom Rate festgesetzten Maße und Gewichte gu bedienen, wobei gegen Zuwiderhandeln schwere Strafen festgesetzt waren. Sämtliche in Berlin gebrauchten Maße wurden vom Rate geaicht; das Ein- brennen der Marke besorgte der Marktmeister. Die Pcstkrankheiten', von denen Deutschland im 13. und 14. Jahrhundert heimgesucht wurde, zwangen die Stadtverwaltungen zu strenge» Vorsichtsmaßregeln zumal in Bezug auf die eingebrachten Lebensmittel. Das geschah auch in Berlin-Kölln. Die Bäcker und Schlächter wurden beim Eintritt in die Innung vom Rat durch Eid verpflichtet, und streng wachte er darüber, daß die Lebensmittel stets reichlich, unverdorben und preiswürdig auf de» Markt ge- laugte». Der Salzvcrkauf stand unter Aufsicht zweier sogenannter Salzmeister, denn da im Mittelalter bei den schtvierigen Transport« Verhältnissen nniinalische Nahrnngsstoffe auf weitere Entfernungen nur in geräuchertem oder gesalzenem Zustande versandt werde» konnten, spielte daS Salz eine wichtige Nolle. Es ivar eine beträcht« liche Fiuanzquelle der Stadt. Aber trotz der Verordnungen und gesetzlichen Schranken Ivare» die Mißstände im Handel noch immer groß genug. Die Rückständig- keit der Zeit, der Druck der weltlichen Machthaber und der Einfluß der Kirche hinderte» eine freie Entwicklung. Eine Anzahl kleiner Herren gefährdeten den einheitlichen Rechtsschutz, die Sicherheit der Verkehrsivege, und wen» auch in den Städten die Arbeit inßEhren und Achtung stand, kam der Handel doch nicht zu einer gedeihlichen Weiterentwicklung. DicS Ivar erst der Fall, als Kirchentum und Herrentum ihre Macht einbüßten und die arbeitende Hand laugsam zu Rechten gelaugte.— E. B. Kleines Leuillekon. k. Ueber die Häufigkeit deutscher Rufuamen im Verhältnis zu fremden macht die soeben erschienene.Zeitschrift des allgemeinen deutschen Sprachvereins" eine interessante Mitteilung. Sehr lehr- reich sind dafür die zur Grundlage geuoiumene» Jahresberichte des Zwickaucr Rcalgymnasiums aus den Jahren 1372, 1880 und 1898. Danach zeigt sich ein ganz auffälliges Zurückgehen der fremden Rufnamen. 1872 halten 55,28 Proz. der Schüler deutsche Vornamen, 1880 stieg diese Zahl auf 60,11 Proz. und 1898 auf 73,79 Proz. Fremde Namen wie Benjamin, Immanuel, Christian, David, Adam, Jakob, Magnus, Clemens, Victor, Lorenz, Iwan. Enge», die noch 1872 zahlreich Ivare». sind 1898 vollständig ver- fchwunden. Von deutschen Vornamen kehren»nr Volkmar, Gotthard, Hilmar, Traugott. Ulrich in dem Bericht von 1898 nicht wieder. Der Name Emil, der 1872 noch von 16 Schülern getragen wurde, kommt jetzt nur noch zweimal vor. Julius sank von 3 auf 1, Paul von 27 auf 8 herab. Die Liste der deutschen Namen ist in ständiger Zu- nähme begriffen: Erich kommt 1880 einmal, 1898 neunmal vor, Kurt steigt von 12 im Jahre 1372 auf 30 im Jahre 1898, Rudolf von 9 auf 15, Walter von 0 auf 21. Zu berücksichtigen ist. daß die Zahl der verschiedenen Vornamen im ersten Bericht 74 beträgt, im letzten nur 58. Von diesen 58 aber sind 42 deutsche Vornamen, und die Zahl der fremden ist in demselben Zeitraum von 1872—98 von 28 auf 16 zurückgegangen.— ie. Milchzicgc contr« Milchkuh. Die Kuh gilt so unbestritten als die bevorzugte Milchlieferantin, daß es wohl viele Leute gar nicht mehr für möglich halten, es könne jemals anders gewesen sein oder anders werden, lind doch besitzt die. Kuh verschiedene Eigen- schaften, die sie verhältnismäßig ungeeignet zur Erfüllung dieses Berufs erscheinen lassen, ganz besonders ihre starke Neigung zur Tuberkulose, die es nebst andren Gründen zu einem höchst bedenk- lichen Unternehmen macht, Milch in rohem Zustande zu genießen. Da nun aber von der tierischen Milch heutzutage in hohem Grade die Ernährung und das Wachstum unsrer Nachkommen« schaft abhängig ist, so bleibt die Milchsrage sortgcsetzt eine der wichtigsten der Gesundheitspflege und wird von den Vertretern dieser Wissenschaft auch nach Ge- bühr gewürdigt. Man ist denn auch schon dahin gekommen, sich nach andren Hauslhiere» umzusehen, deren Milch die der Kuh mindestens gleichwertig ersetzen könnte, ohne dieselbe» Gefahren zu bieten. So' ist darauf hingewiesen worden, daß die Eselsmilch in ihrer Zusammensetzung der Muttermilch am meisten ähnlich sei. Vor allem kommt man aber jetzt zur Anerkennung der Thatsache, daß die Ziegenmilch ganz hervorragende Eigeuschasten besitzt, die sie zu einer gesteigerten Verwendung geeignet erscheinen lassen. Jedenfalls ist es unzweifelhaft, daß in den Zeiten älterer Kultur die Milchziege als Amme des Meuscheugeschlcchls die Stelle der Milchkuh vertreten hat. Man braucht nur an die Sage zu denken, laut derer das Zeus- lind von der Ziege Amaltheia ernährt wurde, deren Horn der spätere Göttervater dann zum Zeichen seiner Dankbarkeit der Welt als daS Verantwortlicher Redacteur: Heinrich BöeNter in Gr.-Lick klassische Füllhorn schenkte. Die Ziege ist gegen Tuberkulose zwar nicht gänzlich gefeit, unterliegt dieser Krankheit aber weit seiteuer als die Kuh. Auf 1000 Ziegen dürfte»och nicht eine tuberkulöse kommen, während die Kühe oft in ganze» Herden mit dieser Krankheit verseucht sind. Es ist zwar ziemlich allgemein der Glaube verbreitet, daß die Ziegenmilch in allen Fälle» einen unangenehmen Geschmack und Geruch habe, aber das ist nicht wahr. Jedenfalls giebt eS zahlreiche Ziegenrasscn, auf die dieses Urteil nicht zutrifft. Wemi nun außerdem berechnet wird-, daß 6— 8 Ziegen, deren Haltung etwa ebcnsoviele Kosten verursacht wie die einer Kinh, während einer Milchzcit sogar mehr Milch liefern als die Kuh, so würde in der That alles dafür sprechen, der Zucht von Ziegen mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden als bisher.— Kunst. —hl. Die dritte K u n st n u s st e l I u n g der Berliner Secessi on 1901 wurde am Mittwoch mittags wie in den Vor- jähren mit einer Ansprache ihres Vorsitzenden Max Liebermnnn eröffnet. Nach dem erste» Eindruck zu urteilen, ist sie noch besser gelungen als die beiden ersten. Die Secession versteht in der That ihr Programm innezuhalten, bei möglichster Beschränkung in der Zahl— der Katalog weist auch diesmal nur 351 Nummern auf— mir Werke zur Ausstellung zu bringe», die etwas Eignes zu bieten haben, sich aber ans kein Programm einzuschwören. Man wird nicht leicht wieder eine Ausstellung finden, bei der fast jedes einzelne Werk Beachtung verdient, bei der andrerseits keines durch außerhalb der Kunst liegende Mittel Sensation erregt. Es sind in der Hauptsache Werke, die nicht schreien, sondern in die man sich, in jedes für sich, still versenken soll. Es ist daher auch unmöglich, aus ihrer Zahl schon heute einzelne besonders herauszugreifen. Nur daß die beide» großen Toten des vergangenen Jahres, Arnold Böcklin und Wilhelm Leibi, namentlich der letzlere hervorragend vertreten sind, mag erwähnt werden. Was die jetzige Ausstellung der Secession von den beiden ersten unterscheidet, ist die stärkere Betonung der Kunst des Ausland s. Von den französischen Impressionisten sind bedeutendere Werke zu sehen als bisher; in erster Linie ist Claude M o n e t mit einige» ganz prächtigen älteren Bildern vertrete». Dazu gesellen sich zwei ergreifende Bilder von den» alten Jozef Jsraöls und hervorragende Arbeiten von dem verstorbenen Jacob Maris aus dem Haag, ein paar prächtige Schweden u. a. Die Plastik umfaßt nur etwa 50 Nummern, aber es ist viel Ausgezeichnetes darunter. Von Auguste Rodin sind sieben Werke, unter ihnen ein Bürger von Calais in großem Abguß»»d die„innere Stimme" aus seinem Victor Hugo-Denkmal, ausgestellt.— Technisches.' — Unterirdische hydroelektrische Werke. Ein großartiges Werk der Jngenieurkuust ist im Staate Washington ent- standen. Es handelte sich dort um die Ausnutzung der Snognalmie- sälle zur Kraftlieferung an die umliegenden Ortschaften. Verschiedene Gründe sprachen mit. die ganze Maschiueuaiilage in einer höchst eigenartigen Weise anzuordnen. Da die Anordnug der Maschinen über Tage zu große Kosten venirsacht hätte, weil umfangreiche Sprengungen dazu nötig gewesen, entschloß man sich, das ganze Werk im Felsen selbst unterzubringen. Im Innern des Basaltfelscn wurde ein Saal ausgesprengt von 69 Meter Länge, 9 Meter Höhe und 12 Meter Breite, Mauern sind nicht errichtet, sondern die Basaltwände gewähren im Glänze von 600 Glühlampen einen geradezu feen- haften Anblick. Der Zugaug ist durch einen Schacht von 80 Meter Tiefe ermöglicht mittels elektrischen Aufzugs. Zur Sicherheit ist ein 200 Meter langer Tunnel angelegt, der ins Freie führt. Im Saale befindet sich mm die Maschincnaulage selbst, die vier Turbinen mit je einer Dynamomaschine für Drehstrom enthält. Da- mit wird vorläufig nur ein kleiner Teil der Wasserfälle ausgenutzt. Der erzeugte hochgespannte elektrische Strom wird zu den um« liegenden Ortschaften geleitet und dort in Licht oder motorische Kraft umgesetzt.— Humoristisches. — H i n a u s g e g e b c n. Fremder:„Hier in diesem Orte sollen besonders dumme Leute sein." Bauer:„lind dos g'spassigc is— daß ka G'scheiter dazu kommt."— — Bon der K o n t r o l l v e r s a m m l u u g. Bezirks- Hauptmann(zu den Soldaten des Beurlaubtenstands): „... Und zum Schluß möchte ich es allen denen, die noch keinem Soldatenverein angehören, dringend ans Herz legen, einem Krieger- oder Landwehrvercin beizutreten; denn diese Vereine erhalten und befestigen das Band der Kameradschaft und bilden das festeste Bollwerk gegcnalleUmsturzbestrebungen...(einen gähnenden Reservisten bemerkend) Sie da, der dritte Mann im zweiten Glicde! Was bilden die Soldaten vereine?" Reservist:„Spalier! Herr Hauptmann I"— — I m C i f e r. Wirt(zu einem verdächtig aussehenden Gaste): „Hier sofort zahle» I Sie denke» wohl, Sie können sich zu Tode trinken und dann durchbrennen?"— („Meggend. hum. VI.") ierfelde. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin-