Hinterhaltungsblatt des Honvüris Nr. 92 Sonntag, den 12. Mai. 1901 Az N v v v i k: (Nachdruck verboten.) Noman in drei Büchern von Emile Zola. Ans dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenz lv ei g. Socnrcttc war eine Menschenfreundin, eine Schülerin des Großvaters Michon, des alten Fourieristen und Saint-Simonisten, der sie, als sie noch ein Kind war, auf den Schoß zu nehmen pflegte und ihr schöne Geschichten erzählte, die er für sie erfand, von auf glücklichen Inseln errichteten Phalansrerien, von Städten, Ivo die Menschen inmitten eines ewigen Früh- lings alle ihre Glückstränme verwirklicht sahen. „Was thun? Was thun?" wiederholte sie schmerzlich, ihre von Liebe und Mitleid erfüllten Augen auf Lucas richtend.„Man müßte doch irgend etwas thun?" Und in starker Erregung rief Lucas aus der Tiefe seines Herzens: „Jawohl, es ist Zeit. Wir müssen handelnl" Aber Jordan schüttelte den Kopf. In sein Gelehrten- dasein eingeschlossen, befaßte er sich niemals mit Politik. Er verachtete sie ungemein, übrigens sehr mit Unrecht, denn es ist schließlich notwendig, daß die Menschen sich für die Art interessieren, wie sie regiert werden. Aber von der Höhe de? reinen Gedankens herab, auf der er lebte, hielt er die Ereignisse und Zufälle des Tages für unbedeutend, für kleine Unebenheiten der Straße. Nach seiner Anschauung führte allein die Wissenschaft die Menschen zur Wahrheit, zur Gerechtigkeit, zum endgültigen Glück, zu jenem vollkommenen Reich der Zukunft, zu welchem die Menschheit so langsamen und qualvollen Schritts hinzieht. Wozu fronnvte es also, sich um sonstige Dinge zu kümmern? Genügte es nicht, daß die Wissenschaft vorwärts schritt? Und sie schreitet vorwärts, jede ihrer Eroberungen ist eine für alle Zeiten fest- stehende. Welche Katastrophen sich daher auch auf dem Wege ereignen möge», am Ziele winkt der Sieg des Lebens, und die Menschheit hat endlich ihre Bestimmung vollendet. Und er, der sanft und mildherzig war wie seine Schwester, verstopfte sich die Ohren gegen die Känipse der Gegenwart, und schloß sich in sein Laboratorium ein, wo er, wie er sagte, an dem Glücke der Zukunft arbeitete. „Handeln?" sagte er nun.„Der Gedanke ist eine That, lind die fruchtbarste, die auf die Welt wirken kann. Kennen wir alle Keime, die im Begriffe sind zu sprießen? Wenn das Unglück dieser Armen mir das Herz zerreißt, so finde ich Trost in dem Gedanken, daß die Saat unausweislich eines Tags aufgehen muß." Lucas, der sich selbst in einem fieberischen und unklaren Seelenzustande befand, wollte bei diesem Thema nicht länger verweilen und erzählte nun von seinem Sonntag, seinem Besuche auf der Guerdache, dem Mittagsmahle, zu dem er geladen worden, den Menschen, mit denen er da zusammengetroffen war. und was sich ereignete und was gesagt wurde. Er fühlte jedoch deutlich, daß seine Hörer kühl wurden, daß alle diese Leute sie nicht interessierten. „Wir sehen die Voisgelin sehr wenig, seitdem sie in Bcauclair sind", erklärte Jordan mit sevrcr ruhigen Offen- hcit.„Sie sind in Paris sehr liebenswürdig gegen uns gewesen: aber wir leben hier in solcher Znrückgezogenheit, daß unsre Beziehungen zu ihnen allmählich fast aufgehört haben. Dann muß ich auch sagen, daß unsre Ideen und Gewohnheiten zu verschieden von den ihrigen sind. Von Delaveau muß man anerkennen, daß er ein kluger und fleißiger Mensch ist, der ganz in seiner Thätigkeit aufgeht, sowie ich in der meinigcn. Und was endlich die feine Gesellschaft von Beauclair betrifft, so will ich Ihnen nicht verhehlen, daß sie mir dermaßen ein Greuel ist, daß ich ihr meine Thür unbedingt verschließe, und daß es mir Vergnügen macht, sie dadurch zu beleidigen und von ihr als gefährlicher Narr ge- mieden zu werden." Soeurctte lachte. „Martial übertreibt ein wenig. Der Abbe Marle kommt *) So imimte der Socialphilosoph Fourier(1772—1837) die Wohnstätten seiner idealen Gemeinschaften, der Phalangen. Anin. d. Uebers, zu uns, der ein wackerer Mann ist, ebenso der Doktor. Novarre und der Lehrer Hermeline, deren Gespräche mich interessieren. Und wenn es auch wahr ist, daß wir lediglich inZ Höflichkeitsbeziehungen zu den Besitzern der Guerdache steheti, so bewahre ich darum eine nicht minder aufrichtige Freundschaft für die gutherzige und liebenswürdige Madame Boisgelin." Jordan neckte sie, wie das manchmal seine Gewohn- heit war: „Sage nur gleich, daß ich allein die Leute vertreibe, und daß Du, wenn ich nicht da wäre, unsre Thür ange.lweit öffnen würdest!" „Selbstverständlich I" versetzte sie munter.„Das Haus ist so, wie Du es haben willst. Wünschest Du, daß ich einen großen Ball gebe? Ich werde den Unterpräfekten Ch�telard den Bürgermeister Gourier, den Präsidenten Gaume, den Hauptmann Jollivet, die Ehepaare Mazelle, Boisgelin und Delaveau einladen, und Du kannst den Ball mit Madame Mazelle eröffnen." Sie fuhren fort in scherzendem Tone zu plaudern, glücklich über ihre Wiederkehr au den häuslichen Herd und über die Gegenwart des Freundes. Beim Dessert wurde dann endlich die große, ernste Frage zur Sprache gebracht. Die beiden Dienstmädchen, die mit stillen, leichten Bewegungen auf- getragen hatten, waren auf ihren geräuschlosen Filzschuhen hinausgegangen. Und in dem kleinen, friedlichen Räume herrschte jene Atmosphäre innigen, freundschaftlichen Beisammen- scins, in welcher sich die Herzen und die Geister öffnen. „Hören Sie also, lieber Freund," sagte Jordan,„was ich von Ihrer Freundschaft erbitten will. Studieren Sie die Frage, und sagen Sie mir einfach, was Sie an meiner Stelle thun würden." Er legte ihm sodann die ganze Sache in allen Einzel- heften dar, und erklärte ihm, welchen Standpunkt er darin infolge seiner Neigungen und seiner ganzen Geistesrichtung einnehme. Er hätte sich längst des Hochofens entledigt, wenn dessen Betrieb nicht seinen altherkömmlichen, unverrückbaren Gang sozusagen von selbst gegangen wäre. Der Betrieb warf genügenden Gewinn ab, aber dieser zählte in seinen Augen nicht; er war reich genug; und um andrerseits diesen Gewinn zu verdoppeln und zu verdreifachen, hätte ein großer Teil der Einrichtungen er- neuert, das Produkt verbessert werden müssen, mit einem Wort, es wäre die volle Hingabe eines Menschen an das Unternehmen erforderlich gewesen. Das aber konnte er und wollte er nicht thun, umsomehr, als diese alten Hochöfen, deren Methode nach seiner Ansicht eine kindliche und barbarische war, ihn nicht interessierten und ihm von keinem Nutzen für seine Experimente mit den elektrischen Oefen sein konnten, auf die er alle seine Gedanken konzentrierte. Er hatte daher deiüffeinigen im alten Geleise weitergehen lassen und sich so wenig als möglich darum gekümmert, indem er nur die Ge- legenheit abwartete, um sich gar nicht mehr darum zu kümmern. „Sie begreifen nun meine Lage, nicht wahr, lieber Freund? Da stirbt plötzlich niein alter Laroche, und die ganze Last des Betriebes, alle damit verbundenen Sorgen fallen auf mich. Sie können sich gar nicht vorstellen, was es alles zu thun giebt, ein Menschenleben reichte kaum dazu hin, wenn man die Sache ernstlich anfassen wollte. Um keinen Preis der Welt werde ich aber meine Studien und Forschungen aufgeben. Das beste ist also, ich verkaufe den Hochofen, und ich bin dazu auch so ziemlich entschlossen. aber ich lege Wert darauf, vorerst Ihre Meinung zu hören." Lucas fand nichts gegen das Gehörte einzuwenden. „Es versteht sich von selbst," sagte er,„daß Sie nicht Ihre Arbeiten verlassen, Jhreganze Existenz umwandeln können. Sie und die Welt würden zu viel dabei verlieren. Trotzdem glaube ich. daß Sie noch überlegen sollten; es giebt vielleicht noch andre Auskunftsmittel. Und dann, um zu verkaufen, be- darf es eines Käufers." „O, den Käufer habe ich," erwiderte Jordan.„Delaveau spekuliert schon lange darauf, den Hochofen mit seinen Stahl- werken zu vereinigen. Er hat mich schon darauf sondiert, und ich brauche bloß zu winken." Bei dem Namen Delaveau machte LucaS eine kleine .' Gebärde der Ueberraschung. denn er begriff nnn mit einem Male, warum dieser so unruhig und so dringend in feinen Fragen gewesen. Und als sein Wirt, der die Gebärde bemerkt hatte, ihn fragte, ob er etwas gegen den Direktor der Stahl- werke einzuwenden hätte, erwiderte er: „Nein, nein, ich halte ihn gleich Ihnen für einen klugen und thätigen Mann."' „Gewiß," sagte Jordan,„und er böte den Vorzug, daß die Sache in erfahrene Hände käme. Ich würde mich wohl, fürchte ich, auf sehr lange Annuitäten einlassen müssen, denn es fehlt ihm an Geld, Boisgelin hat kein flüssiges Kapital mehr. Aber daran liegt mir schließlich nichts, ich kann warten, die Sicherstellung auf die Werke würde mir genügen." Dann unterbrach er sich und sah Lucas gerade in die Augen. „Nun also, raten Sie mir ein Ende zu machen und mit Delaveau in Unterhandlung zu treten?" Der junge Mann zögerte mit der Antwort. Ein starkes Unbehagen, ein unbesieglichcr Widerwille erfüllte sein ganzes Wesen bei dem Gedanken an diese Transaktion. Was war es denn nur? Warum empörte sich alles so in ihm, als ob er, indem er dazu jriet, den Hochofen diesem Manu aus- zuliefern, eine schlechte That beginge, die ihm sein Gewiffen nie verzeihen würde? Gleichwohl konnte er keinen vernünftigen Grund finden, der ihm das Recht gegeben hätte, das Gegen- teil zu raten. So sagte er endlich: „Alles, was Sie mir da sagen, ist durchaus vernünftig, und ich kann nur mit Ihnen übereinstimmen. Dennoch möchte ich Ihnen raten, sich Zeit zu lassen, noch ein wenig zu überlegen." Bis jetzt hatte Soeurette sehr aufmerksam zugehört, ohne sich einzumengen. Sie schien den geheimen Widerwillen Lucas' zu teilen und warf von Zeit zu Zeit einen unruhigen Blick auf ihn, als erwarte sie ängstlich seinen Ausspruch. „Es handelt sich nicht nur um den Hochofen," sagte sie endlich,„sondern um das sehr große felsige Terrain, das dazu gehört und das meines Erachtens nicht davon zu trennen ist." Ihr Bruder machte eine ungeduldige Gebärde, die seinen Wunsch zu erkennen gab. sich der ganzen Sache rasch und mit einem Schlage zu entledigen. „Delaveau soll auch das Terrain haben, wenn er es will. Was sollen wir damit anfangen? Nichts als nackte Felsen, auf denen nicht einmal Unkraut wachsen will. Das ganze ist wertlos, da die Mine nicht mehr ertragsfähig ist." „Ist das so sicher, daß sie nicht mehr ertragsfähig ist? Ich erinnere mich, Monsieur Froment, daß Sie uns eines Abends erzählten, daß man in die Lage gekommen sei, sehr magere Minen im Osten nutzbar zu machen, dank einem neuen chemischen Verfahren. Warum ist dieses Verfahren bei uns noch nicht versucht worden?" Abermals hob Jordan die Arme mit ungeduldiger Gebärde empor. „Warum, liebes Kind, warum? Weil Laroche zu keiner Initiative fähig war; weil ich selbst keine Zeit hatte, mich damit zu befassen; weil alles in einem gewissen hergebrachten Geleise ging und anders nicht zu gehen vermochtel Wenn ich alles verkaufen will, so ist es eben, um nichts mehr davon hören zu müssen, da es vollkommen ausgeschlossen ist, daß ich selbst die Sache leite, und da es mich krank macht, oaran zu denken." Er war aufgestanden, um im Zinimer aus und ab zu gehen, und sie schwieg, als sie ihn so erregt sah, aus Furcht, ihn in Fieber zu versetzen. (Fortsetzung folgt.) Sonnkttgsplaudevei. Die Kerls, die sich erlaube», von Volkes Gnaden im Reichstage Gesetze herzustellen, sollen immer noch keine Diäte» erhalte», weil das Reichstags-Mandat ein Ehrenamt sei, während allerdings Generale, Minister zc. sich bezahlen lassen niiissen. Es ist schmerzlich für einen Volksvertreter, allein zum Idealismus verurteilt zu sein. Müssen da die M. d. R. nicht übermütig werden und aller bezahlten Autoritäten spotten? Der Reichstag erlangt auf diese Weise fast die hohe ideale Würde einer freiwilligen Feuerwehr, deren Mitglieder jedoch deshalb noch idealer sind, als die Abgeordneten, loeil sie, Ivenn sie bei den Uebungen fehlen, Strafgelder zahle» müssen. Es ist wirklich unbegreiflich� daß man nicht auch im Reichstag längst diesen letzten Schritt gethan hat, um der dauerndeit quantitativen Beschlutzunfähigkeit— gegen die qualitative hilft nur die Mündigwerdmig des Volks— zu steuern. Warum nimmt man sich nicht die freiwillige Feuerwehr zum Vorbild: Wer nicht pünktlich zn den parlamentarischen Uebungen erscheint, mutz pro Tag und Stunde einen Thaler entrichten. Die Strafgelder würden in einem Fond angesammelt werden, aus dem dann am Schlutz jeder Session diejenigen Mitglieder prämiiert werden, die am wenigsten geredet haben. Auf die Art erreicht nian leicht und sicher ein erhabenes Doppelziel: ein stets voll besetztes und schweiglustiges Haus. Inzwischen ist im Volk ein Granen vor der Diätenleere ent- standen. Nicht mit Unrecht schiebt man die vielen schlechten Gesetze auf die materielle Not. Wie soll man mit knurrendem Magen und trockener Kehle gute Arbeit verrichten? Aus solcher Erwägung heraus sind einige edelgesinnte Männer auf einen rettenden Gedanken ver- fallen. Zwar find sie nicht in der verfnsiungsinätzigcn Lage, aus ihrer Tasche bare Diäten zn zahlen, aber sie haben einen Ausweg gefunden. Sie haben das Trucksystem im Reichstag eingeführt, dergestalt, dah die Abgeordneten für ihre Beinllhunge» zwar nicht in bar, aber in Landesproduktcn entschädigt werden. Das Mittel hat sich, wie ich versichern kann,' ganz ausgezeichnet be- währt. Es ist bekanntlich zuerst in der W e i n l o m m i s s i o n des Reichstags eingeführt worden und das überraschende Ergebnis war, datz die 28 Mitglieder der Kommission nebst den 13 Bundesrats- Bevollmächtigten und RegierungSkonnnissaren nicht nur stets vollzählig beieinander waren, sondern auch aus den Sitzungen gar nicht herauskamen. Die Lieferanten der Weine hatte» die Bedingung gestellt, datz die Mitglieder der Kommission un- bedingt sachverständig und Männer der Praxis werden mützten. Die ernste Aufgabe war ja, den Unterschied zwischen Naturwein und Kunstwein festzustellen, und das gelang infolge der reichen Sendungen so vollkommen und so schnell, datz man vom ersten Tage an in- stinktiv nur den Naturwein trank und die Kunstprodukte verächtlich beiseite schob. Die Herren hatten sich im Augenblick eine ungeheuer- liche Fachkenntnis angeeignet. Die fleißige und fröhliche Stimmung der Komuüssioii wurde nur im Anfang dnrch einen kleinen Zwischenfall vorübergehend ge- trübt. Es wurde die Frage aufgeivorfen, was mit de» Vorräten an Kunstweinen anzufangen wäre, da man sie doch unmöglich trinken könne. Von uiisrer Seite wurde vorgeschlagen, datz sich unbedingt die anwesenden Centrumsmitglieder diesem Opfer unterziehen mützten. Der Abg. Würm wies in ausführlicher, mit schweren historischen Beweisgründen befrachteter Rede darauf hin, wie die katholischen Kollegen ihrer ganzen Weltanschammg nach berufen und verpflichtet seien' zu entsagen und sich zu kasteien. Das Trinken von natürlichen Weinen gehöre unter die sinnlichen Lüste, die des Teufels seien und darum von jedem jronnnen Manne gemieden werden müssen. Dagegen sei so ein aus Schivefelsäure, Fuchsin und Petroleum erzeugter Kunstwein eine„Schickung" und Pönitenz, die ein Ccntrumsmann schon um des Gebots der Nächstenliebe willen auf sich nehme» müsse. Aus allen diesen Gründen bitte er dringend, datz die Kollegen vom Centruin sich der Prüfung der Kunstweine unterzögen. Kaplan Dasbach widersprach mit großer Heftigkeit. Lieber würde er seinem Freunde Rören den Gefallen thuu und sich ohrfeigen lassen, als einen Tropfen von solchem Teufelszeug zu trinken. Wurm habe ganz und gar die katholische Weltanschauung mitzvcrstanden. Den Nnturivein habe Gott erschaffen und eS sei mithin ein gottgefällig Werk, ihn zn trinken. Dagegen sei der Kunstivein ein Produkt menschlichen Aberwitzes, eine Folge zener frevelhaften Wissenschaft, auf die auch die gottlose Socialdemokratie zurückzuführen sei. Wer Kunstivein genieße, fördere die atheistische Wissenschaft und damit den Untergang der Gesellschaft. Er begreife nicht, wie gerade Wurm, als Chemiker, sich weigere, die Folgen seiner Wissenschaft praktisch zn erproben. Wurm antwortete scharf, Dasbach verrate seinen eignen Glanben und bekenne sich zu der irdischen Wollust des Diesseits. Der Frei» sinnige Winter meyer schlug vermittelnd vor, es sei doch anzunehmen, datz die konservativen und agrarischen Mitglieder gern bereit sein würden, die Kunstweine zn proben, da sie in Anbetracht ihres grotzen Notstandes nichts Gutes gewohnt seien und froh sei» würden, überhaupt etivas Trinkbares zubekommen. Nösicke vom Bund der Land« wirte erwiderte energisch, die chemische Weiupanscherei ruiniere das kleine reelle Winzergcwerbe und man könne seine» Freunden nicht zumuten, die Schmutzkonkurrenz für den Bauern auch noch zu unter- stützen. Aber vielleicht hätten die Nationalliberalcn dafür Veriven- dung, die seien ja darauf dressiert, alles zn schlucken. Der national- liberale Professor Paaschs gab zu, daff er für seine Person inimer bereit sei, alles und jedes zu nehmen, wenn er aber die Wahl habe zwischen dein kleineren Vorteil und dem größeren Nebel, so sei er es sich, seinem Vatcrlande und seiner Familie schuldig, den ersiereu zu wählen. Paaschs schloß mit einem ergreifenden Gebet, in dem er den Naturivein segnete. Die Debatte ging noch eine Weile weiter, eS fielen sehr spitzige Bemerkungen, einmal schien es sogar, als ob man statt andrer Ar- gumente die Weinflaschen und Gläser gegeneinander gebrauchen wollte, bis schließlich der Weinkönig Dr. D e i n h a r d einen all- gemein versöhnenden Konipromitzantrag einbrachte. Er schlug vor, die vorhandenen Vorräte an Kunstwein der Regierung als Material zu überweisen. Der Vorschlag Ivnrde unter großem Jubel eiustinimig angenommen. Graf Posado wsky setzte seine bekannte Duldtrnnene auf. da er aber einerseits solche Angriffe gewöhnt ist und außerdem oevfassungSmützig nichts gegen den Antrag thun konnte, begnügte er sich damit, seine Ltommissaren anzuweisen, das ihm überwiesene Material herauszutragen. Das geschah in großer Eile und nunmehr war das Feld rein. Die Verhandlungen nahmen ihren ungehörtcn Verlauf und niemals war eine Kommijfiou so einmütig. Alle Unterschiede der Partei, des Standes und der Konfession waren geschwunden. Meist saßen die Mitglieder Ann in Arm bei einander. Es war ein schönes Bild zu sehen, wie Wurm— trotz des mangelhaften Registers zu den letzten Fabrikinspektionsberichten— zärtlich den Grafen Posadowsky in seinem Ivallenden Bart traute. Schrcmpf, der tvackere Feind der Friedrichstraße, schäkerte mit nnsrem Freunde Ehrhardt, und behauptete wiederholt, es sei abends ganz nett im Sündenbabel. Der berühmte Bürgermeister Hegelmeyer versicherte den Genossen Antrick seiuer lebenslänglichen Frenndschaft, der Agrarier Lücke und der Freisinnige Wintermehcr waren innig umschlungen und ließe» teils die Börse, teils den Bund der Landwirte hoch leben. Paasch« saß auf Dasbachs Schoß und meinte, er fühle sich jetzt erst ganz heilig. Schmidt-Elberfeld aber tauschte einen Bruderknß nach dem andern mit dem Antisemiten Gräfe, der durchaus zum Judentum übertreten ivollte, weil der Jude Noah den Wein erfunden habe. Die Vorlage wurde zumeist singend erledigt. Der Abg. Dein- Harb zeigte sich in dieser Hinsicht besonders hervorragend. Wer hätte widerstehe» können, wenn er mit sonorer Stimme wie folgt das Wort nahm: O Freunde, dieser Paragraph, Dideldeiduin Holdrio, Der ist brav, der ist brav, Dideldeidnm Holdrio. Nehmt ihn alle wie ein Mann, Dideldeidum Holdrio, Mit getränkter Kehle an, Dideldeiduin Holdrio. Dieses Eine sag' ich»och, Dideldeidum Holdrio: ParagraphuS lebe hoch! worauf dann die Kommission dreimal begeistert hoch rief und das gerade fällige Glas Wein bis zur Neige leerte. So eilten die Tage. Eine große Anzahl der Mitglieder hatte sich so tief in dse Materie eingelebt, daß ihnen die ganze Welt draußen entschwunden war. Einige hatten vergessen, daß sie verheiratet waren. Die Ansichtskarten, die sie schrieben, enthielten die größte geographische Verwirrung. Meseritz wurde mit Leipzig, Kirchen mit Kneipen, Müller niit Schulze verivechsell. Paasche behauptete, er sei Social- demokrat, Dasbach begeisterte sich für Höckel und die Barrisous, und Herr v. Gersdorff erklärte, jeder, der behaupte, er sei Reserve- lieuteuant, kriegte es mit ihm zu thun, er sei bloß ein Mo— Ma— Mi— Mensch. Rösicke vom Bund der Landwirte donnerte wider den Brotwucher, und Genosse Ehrhardt behauptete unablässig, er hätte seinen schwarzen Adlerorden verlegt.... Siebzehn Sitzungen waren dermaßen im Fluge verflossen, und die achtzehnte näherte sich der achten Stunde emsiger Arbeit, da ergriff plötzlich der Vorsitzende das Wort und sang: Meine Herren I Keinen Tropfen im Becher m c h r I Alles verstummte und tvard bleich ob der Kunde. Aber eine sofort vorgenommene Auszählung ergab, daß in der That alle Flaschen leer waren. Da wurde der Rest des Gesetzes en bloc angenommen und die Sitzung geschlossen. Als dann i» der zweiten Lesung im Plenum bei einem Para- graphe» eine Meiumigsverschiedenheit entstand, wollte Dasbach durch- aus RückVerweisung der Vorlage an die K o m m i s s i o n beantragen. Erst als ihni Deinhard ins Ohr flüsterte: Aber Mensch, es ist ja nichts mehr da I— gab er seine Absicht auf. Es ist kein Ziveifel, daß der Vorgang der Wciukommission Nach- folge finde» wird Insbesondere sollen in der Handelsvertrags- kommission von sämtlichen 2000 Positionen des Tarifs hinreichende Warenproben zur Verfügung gestellt werden, auf daß man an der Hand der praktischen Erfahrung prüfen könne, ob und welche Zölle sie vertragen könnten. Es soll zu diesem Zweck ausnahmsweise eine LS7gliedrige Kommission gewählt werden.— Joe. Kleines Feuilleton. dr. DaS Schwalbeunrst. Auf den Rasenrabatten lag der Sonnenschein, unter dem Zeltdach der Veranda war es schattig und kühl. Die beiden Schwestern hatten die Handarbeit vorgenommen, aber nur die eine stickte, die jüngere lehnte lässig in dem bequemen Gartenstuhl und hielt die Hände im Schoß. Träumerisch blinzelte sie über die Steinbrüstung in die Landschaft hinaus. Es ivar ein hübsches Bild, das sich da bot. Von, der Garten mit seinen weiten Rasenfläche», seinen üppigen Beeten»nd dem plätschernden Spring- brunnen, in, Hintergrunde die Baumpartien des Parks. Linden, Kastanien und dunkle Blutbuchen dazivische». Hier und da war ein Durchblick geschnitten und man sah»och weiter in das Land hiiunis. Wiesen und Wälder stiegen auf, der Strom blitzte, die kleinen Hütten des Arbeiterdorfs schoben sich zwischen Ackerfurche» und Kartoffelland. Zwischen hindurch schlängelte sich die Chauffee. Staubig und sonnig lag sie da, die steifen Pappeln gaben nur ivcnig Schatten. Still war sie anch. Ab und zu schritt ein Mann oder eine Frau hastig vorbei. Tagelöhner, die auf die Felder gingen, sonst kein Laut. Dann aberklang auf einmal Räderrollen. Vom Dorf her kam ein Gefährt, ein armseliges Wägelchen mit dürftigem Hausrat bepackt. Der Mann machte selbst das Zugtier, seitwärts saß seine Frau, den Säugling im Ann, ein paar größere Kinder liefe» barfbeinig nebenher. Langsam nnd schwerfällig bewegte sich der Zug durch den tiefen Saud. Das Fräulein sah ihm ein Weilchen nach, dann drehte sie den Kopf zur Schwester:„Da ziehen ja Beckers. Es ist Recht, daß Kurt fest geblieben ist." Die junge Frau warf einen flüchtigen Blick auf die Landstraße: »So ziehen sie? Ja wirklich! Natürlich ist es Recht von Kurt. In solchen Sachen ist er immer fest. Wem's bei uns nicht paßt, der geht eben." „Hat sich Becker aber nicht gedacht, daß er rausfliegc» würde." „Nein, ivahrscheiulich nicht. Die Leute, die denken, wenn sie sagen, die Wohnung ist ungesund, dann baut man ihnen gleich eine Villa. Als ov mau das Geld so übrig hätte I" „Die denken überhaupt nicht." Das Fräulein machte ein ve» ächtlickes Gesicht." .Ja, man sollte es meinen, und die Wohnung war auch sehr schön, das bische» Nässe— als ob es in den andern Hänsern nicht naß wäre; im Sommer wird es schon trocknen." „Die Frau war ja heut früh noch einmal hier," sagte da? Fräulein. „Ja, sie hat Kurt ein Lamento gemacht: Er sollte ihren Mann doch nur behalten, sie kämen ins Elend. Es nähme ihn auf den andern Gütern keiner. Natürlich, die Nachbarn werden sich bedanken, so einen Nörgelfritzen zu nehme». Wir haben ihn auch geschildert, was er wert ist." „Wohin gehen sie denn nun?" „Weiß ich nicht. Soll mir auch sehr egal sein. Hier ist er ja nicht hciniatSberechtigt, sonst hätten ivir ihn noch womöglich inS Armenhaus bekomme». Ich glaube, sie wollen nach Nachmitz, da ist die Frau zu Hause." Das Fräulein nahm die Stickerei wieder auf, ein Weilchen arbeitete sie schweigend, dann ließ sie die Arbeit von neuem fallen und sah gedanlenvöll vor sich hin:„Eigentlich that die Frau mir leid. Ich traf sie vor Kurts Bureau. Sie ivar so unglücklich. Nun hätten sie sich hier so schön eingearbeitet nnd gedacht, da für immer zu HauS zu sein, und nun müßten sie ranS nnd ihr Mann hätte es gar nicht so gemeint...." „Jawohl, nicht so genieint." Die junge Frau warf den Kopf zurück.„Erst laufen sie durch das Dorf und hetzen, die Wohnungen wären ungesund, und ihr Kind wäre infolgedessen gestorben und die alte Trebbin hätte ihre Gicht davon, und dann war's nicht so ge« meint. 5kurt hat ihr Bescheid gesagt. Wem's nicht paßt, wie es ist, der geht eben." „Ja gewiß!" DaS Fräulein nickte. Der weiche Zug in ihrem Gesicht war wieder verschnmnden. Dann richtete sie sich plötzlich auf' und klatschte in die Hände:„Else, Else, da sind die Schwalben wieder, sie bauen." „Wirklich?" Die junge Frau sprang auf, beide beugie sich über die Brüstung.„Sie bauen wieder am Gicbe>,' jagte junge Frau,„ich hätte eS nicht gedacht. Es heißt doch, wo sie einmal beim Bauen gestört sind, da fangen sie nicht wieder au." „Habt Ihr den Bengel eigentlich herausbekommen?" fragte das Fräulein. „Ja, StillcrS Johann war es. Er sagt. eS wäre nur cm Ver» sehe», er hätte probieren wollen, ob er den Stein auf das Dach werfen könnte und dabei wäre er ihm au das angefangene Nest ge- flogen." „So ein Schwindel!" „Nicht wahr? Und dann steht ihm die Alte noch bei und sajjt, das Kind hätte die ganze Nacht geheult, weil es heißt, wer ein Schwalbennest zerstört, den straft Golt. Nun fürchtet er sich so. Mein Man» hat ihn ganz gehörig verwichst." „Das ist Recht." „Ja. das meine ich auch. Eine solche Roheit. Die kleinen Tiere geben sich soviel Mühe, ihr Heim zu bauen, und dann kommt solch rüder Bcngcl und vernichtet eS. Ich sage auch immer, wer so ein Vogelnest zerstören kann, der steht noch unter dem Tier, aber tief unter dem Tier."— — Die Ergebnisse der nordamerikanischen Erdiiiessnng. In Nordamerika werden seit vielen Jahren nach einem einheitlichen Plan große Vermessungen ausgeführt, die nicht nur die Unterlage für genaue Landesausnahmeu, sonder» auch für eine neue und schärfere Ermittelung der Größe und Gestalt der Erde bilden. So ist unter 39 Grad nördlicher Breite ei» Bogen der Erdoberfläche ver« messen worden, der vom Atlantischen bis zum Stillen Ocean reicht und dessen Endpunkte 49 Grad Längenuntersckied aufweisen. Der höchste Vermessungspunkt dieses ungeheuren Bogens liegt in 4300 Meter Sechöhe. Aus dieser Vermessung in Verbindung mit der- jenigen an den großen Seen ergiebt sich für den äquatorialen Halb- messcr der Erde eine Größe von 6 377 312 Meter, für den Polarhalb- messer 6 363 309 Meter. Ein zweiter, schräg zum Meridian liegender Bogen von 22 Gl.'ad Ausdehnung ist von der nordöstlichen Grenze in 363 Maine l>iS z»in süd>vestlichcn Ende von Alabama am Golf von Mexiko gemessen lvorden. Ans dieser Messung folgt für den äquatorialen Erdhalbnicsscr eine Länge von ö 378 157 Meter, für den Polarhalbmcsscr