Anterhaltungsblatt des Borwürts Nr. 93. Dienstag, den 14. Mai. 1901 (Nachdruck verboten.) 801 M V b£ t fc Roma» in drei Büchern von Emile Zola. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenz>v ei g. „Manches Mal," fuhr Jordan fort,'„habe ich Lust, Dclaveau herbeizurufen und ihm zu sagen, er soll alles nehmen, mich wenn er mir nichts dafür zahlt. Ich strebe nicht nach Gewinn, mid auch die elektrischen Oefen, auf deren Erfindung ich mit ganzer Seele hinarbeite, will ich niemals, wenn mir die Er- findung glücken sollte, zu meinem Vorteil ins Werk setzen, um Geld damit zu machen, sondern ich werde sie der Allgemein- heit geben, zur Bereicherung und zur Erleichterung aller.— Also, das ist abgemacht; sobald unser Freund meinen Plan billigt, werden wir morgen die Frage der Abtretung geniein- schaftlich studieren, und ich mache ein Ende." Während Lucas, immer noch von dem Gefühl des Wider- willens beherrscht, nichts antwortete, well er sich nicht ent- schließen konnte, eine Verantlvortung auf sich zu nehmen, schien Jordan plötzlich von einem Gedanken erfaßt, der ihn erregte. Er schlug seinem Gaste vor, ihn hinauf nach dem Hochofen zu begleiten, um zu sehen, wie es diesem während der drei Tage seiner Ablvesenheit ergangen sei. „Ich bin nicht ohne Unruhe. Es ist nun eine Woche, daß Jordan tot ist, und ich habe ihn noch nicht ersetzt, sondern habe meinen Schmelzmcister Morfain nnt der Leitung der Arbeit betraut. Er ist ein ausgezeichneter Mensch, ist da oben geboren und im Feuer aufgewachsen. Gleichwohl ist die Verantwortung eine sehr schwere für einen einfachen Ar- beiter wie er." Von Besorgnis ergriffen, bat Soeurette: „O Martial. bedenke doch, Du bist eben von der Reise zurückgekehrt, bist ermüdet, Du wirst doch nicht um zehn Uhr nachts ins Freie gehen wollen!" Er umarmte und küßte sie zärtlich. „Laß nur, Schwesterlein, mach Dir keine Sorgen. Du weißt ja, ich thue nie mehr als ich kann. Ich versichere Dich, daß ich besser schlafen werde, wenn ich mich beruhigt habe. Die Nacht ist nicht kalt, und ich werde obendrein meinen Pelz umnehnien." Sie band ihm noch ein großes Tuch um den Hals und begleitete ihn bis über die Freitreppe, um sich zu vergewissern, daß die Nacht in der That köstlich milde lvar; Bäume, Ge- Wässer und Felder lagen in erquickender Ruhe unter einem dunkelsanmietnen, sterufunkelndcn Himmel. „Ich vertraue ihn Ihnen an. Monsieur Fromcnt. Lassen Sie ihn nicht zu lange draußen bleiben." Die beiden Männer stiegen die in den Fels gehauene schmale Treppe hinan, die gleich hinter den» Wohnhaus begann und zu dem Felsplateau in halber Höhe der mächtigen Wand der Mont Bleuses führte, auf welchem der Hochofen stand. Zwischen Tannen und Schlinggewächsen führte der schmale Pfad wie durch ein Labyrinth empor, durch eine Statur von köstlicher, unberührter Wildheit. Bei jeder Wendung des Weges konnten sie die schwarze Masse des Hochofens sehen, der immer deutlicher aus der bläulichen Nacht hervortrat, mit den seltsamen Silhouetten seiner Hilfsapparatc, die sich rings um den Centralhcrd gruppierten. Jordan stieg mit kleinen leichten Schritten voran: und als er aus dem Plateau angekommen war, blieb er vor einer Felsmasse stehen, aus Welcher ein kleines Licht wie ein Stern hervorleuchtete. „Warten Sie," sagte er,„ich will nur nachsehen, ob Morfain nicht in seiner Wohnung ist." „Wo denn, in seines Wohnung?' fragte Lucas erstaunt. „Hier, in dieser alten Grotte, die er zu seiner Behausung erkoren hat, und wo er mit seinem Sohn und seiner Tochter beharrlich wohnen bleibt, obgleich ich ihm wiederholt ein viel wohnlicheres Häuschen angeboten habe. In der Schlucht von Brias bewohnte eine zahlreiche anne Bevölkerung derartige Höhlen. Morfain blieb in der seinigen aus freier Wahl, denn hier war er vor vierzig Jahren geboren worden, hier lebte er dicht bei seiner Arbeit, fast»inmittelbar an der Seite des Hochofens, der sein Leben, sein Gefängnis»md sein Königreich war. Er hatte übrigens als civilisierter Höhlenmensch seine prähistorische Wohnstätte mit manchem Komfort der Jetztzeit misgestattct, hatte die beiden Grottcnmündungen mit einer starken Mauer ver- schlössen, und in dieser eine feste Thür und zwei Fenster mit kleinen Glasscheiben angebracht. Das Innere war in drei Räume geteilt, wovon einer als Schlafzimmer für Vater und Sohn diente, einer als Schlafzimmer für die Tochter und einer als gemeinschaftlicher Wohnraum, als Eßzimmer, Küche und Werkstatt. Alle drei Räume mit ihren Mauer- wänden und der gewölbten Felsendecke waren wohnlich und nett, die Einrichtungsstücke waren aus massivem Holz, mit Beil und Messer in primitiver Weise selbst verfertigt. Wie Jordan schon erwähnt hatte, waren die Morfain vom Vater auf den Sohn Schmelzmeister auf der Cröcherie. Der Großvater hatte bei der Gründung mitgeholfen, und heute überivachte der Enkel den Abstich nach achtzigjähriger, ununterbrochener Familicnherrschaft. Das verlieh ihm ein stolzes Selbstgefühl wie ein unantastbarer Adelsbrief. Vor vier Jahren war seine Frair gestorben und hatte ihn mit einem sechzehnjährigen Sohn und einer vierzehnjährigen Tochter zurückgelassen. Der Sohn war sogleich beim Hochofen in die Arbeit getreten, die Tochter hatte die Bewartung der Männer übernommen, kochte für sie und hielt das Haus in Ordnung als gute Wirtin. So ging das bis heute weiter, der Sohn war nun zwanzig, das Mädchen achtzehn Jahre alt, und der Vater sah geruhig, wie sein Geschlecht sich fort- setzte, und gedachte dereinst feinem Sohne den Hochofen zu übergeben, so wie ihn sein Vater ihm übergeben hatte. „Ah, Sie sind hier, Morfain V" sagte Jordan, die Thür aufdrückend, die nur durch eine einfache Klinke schloß.„Ich bin zurückgekommen und wollte sehen, wie es hier steht." In der von einer kleinen, rußenden Lampe erhellten Felsenhöhle saßen Vater und Sohn an einem Tische und aßen ihre Suppe vor der Nachtarbeit, während das Mädchen, hinter ihnen stehend, sie bediente. Ihre mächtigen Schatten erfüllten fast ganz den kleinen Raum, in welchem das ernste Schweigen herrschte, das sie fast immer bewahrten. Morfain erwiderte mit tiefer, bedächtiger Stimme: „Wir haben eine bösa-Geschichte gehabt, Monsieur Jordan. Aber ich glaube, daß ivir nun ruhig sein können." Er hatte sich erhoben gleich seinem Sohne und stand nun zwischen diesem und seiner Tochter: alle drei waren sie Riesengestalten. breitschulterig und hochgewachsen, so daß ihre Stirnen fast die niedrige, rauchgeschwärzte Felsendecke berührten. Sie sahen aus wie wiedererstandene Menschen aus uralter Zeit, diese Abkömmlinge einer Arbeiterfamilie, die in hundertjährigem, unablässigem Ringen die Natur be- zwungen hatte. Lucas betrachtete mit Erstaunen den Riesen Morfain, diesen gewaltigen Eyklopen, der daS Feuer bändigte. Ein mächtiger Kopf, ein großes, von Flammcnglut durchfurchtes und ge- röstetes Gesicht; eine beulige Stirn, eine Adlernase und tief- glühende Augen über Wangen, die von Lavaströmcn ver- wüstet schienen; ein Mund mit dicken, geschweiften, blntigroten Lippen i und Hände, die die Kraft und die Farbe von stählernen Zangen hatten. Dann wandte Lucas seinen Blick auf den Sohn, Dada, wie er mit dem Kindcrnamen hieß, der ihm ge- blieben war, seitdem er sich als ganz kleines Kind beinahe sekNe Fingerchen") an einer noch heißen Massel verbrannt hätte. Auch er ein Hüne, fast ebenso riesig wie sein Vater, mit dessen breitem Gesicht, der gebieterischen Nase und den glühenden Augen, aber noch nicht so im Feuer gebrannt und gehärtet wie der ältere Mann, und— er konnte lesen— mit einer neuen Gedankenspur im Gesicht, die seine Züge eigen- artig nnlderte und erhellte. Dann sah Lucas die Tochter an,„mein Blauchen", wie ihr Vater sie zärtlich nannte, denn ihre großen Augen waren blau, so wundervoll, strahlend, unergründlich blau, daß man durch sie in einen endlos tiefen, leuchtenden Himmel zu blicken glaubte. Eine herrliche Walküreugestalt von Ursprung- licher Schönheit, das schönste, verschlossenste, scheuestc Mädchen der Gegend, die aber in ihrer scheuen Verschlossenheit Bücher las und Träumen nachhing, in welchen sie Dinge aus der Ferne herankommen sah, die ihr Vater nie gesehen •) Voigt, Finger, klingt im Kindermund wie va. 9Iiim. d. llcbers. — 3 Hatte, und bereit geheime Erwartung sie mit einem Schauer erfüllte. Lucas stand voll erstaunter Bewunderung vor diesen drei gewaltigen Menschen, diesem Riesengeschlecht, in welchem er die Verkörperung des ewigen Miihens der Menschen auf ihrem Wege vorwärts, den Stolz der quäl- vollen, unaufhörlich erneuten Anstrengung, den uralten Adel der mörderischen Arbeit erblickte. Aber Jordan war durch den Bescheid, den er erhalten hatte, von neuer Unruhe erfüllt worden. „Eine böse Geschichte, Morfain? Was war's denn?" „Ja, Monsieur Jordan, eines der Windleitungsrohre hatte sich verstopft. Zwei Tage lang habe ich geglaubt, dast es ein Unglück geben würde, und ich habe nicht sthlafen können vor Aufregung, daß mir so etwas während Ihrer Abwesenheit zustoßen soll! Vielleicht wollen Sie selbst mitkommen und die Sache ansehen, wenn Sie Zeit haben. Wir sind gerade unmittelbar vor einem Abstich." Die beiden Männer vollendeten im Stehen hastig ihre Mahlzeit, während das Mädchen bereits den Tisch abräumte. Sie sprachen nur wenig untereinander, sie verstanden sich durch einen Blick, eine Gebärde. Doch sagte der Vater im Fortgehen zu Blauchen mit seiner rauhen Stimme, in der ein Ton der Zärtlichkeit mitklang: „Du kannst auslöschen und brauchst uns nicht zu erwarten; wir werden wieder drüben schlafen." Und während Morfain und Dada mit Jordan voraus- gingen, wandte sich Lucas noch einmal um und sah das Mädchen an der Thür der barbarischen Behausung stehen, hoch und gewaltig wie eine Priesterin aus alter Zeit, mit ihren großen, strahlenden blauen Augen, die traumverloren in die weite Nacht hinausblickten. Alsbald erreichten die vier Männer den schwarzen Turm deS Hochofens. Nach sehr altem Modell gebaut, war er kaum fünfzehn Meter hoch, gedrungen und massig. Allmäh- lich hatte man ihn jedoch niit immer mehr Vervollkommnungen, mit neuen Organen umgeben, die nun eine Art kleines Dorf unt ihn bildeten. Da war vorerst die Guß- halle mit ihrem feinen Sandboden, ein neuer, zierlicher Bau mit schlanken Eisensäulen, die das Ziegeldach trugen. So- dann zur linken Hand in einem Schuppen mit Glasfenstern das Gebläse, die Dampfmaschine, die dem Ofen den Wind zuführte; während sich zur Rechten zwei Gruppen hoher Cylinder befanden, in welchen die Verbrennungsgase zuerst von Staub gereinigt und sodann dazu verwendet wurden, die Luft des Gebläses zu erhitzen, damit sie mit hoher Temperatur in die Schmelzzone des Ofens eintrete. Endlich die Wasser- behälter, welche aus zahlreichen Röhren ununterbrochen die Wände des Ofens berieselten, seine Ziegel erfrischten und vor der Verbrennung durch die furchtbare Glut seines Innern bewahrten. So verschwand das Ungetüm fast voll- ständig unter der Menge der vielgestaltigen Hilfseinrichtungen, die es umgaben, unter einem Gedränge von Bauten und Reservoiren, einem Gewirr eiserner Röhren, deren Gesamtheit, besonders in der Nacht, monströse Umrisse von barbarischer Phantastik zeigte. Oben an der Felswand sah mau die Brücke, über welche die Wagen mit Erz und Coaks auf die Höhe der Gicht gelangten; und der schwarze Cylinder des Ofens war von seiner Mitte bis hinab zur Rast von einer mächtigen eisernen Armatur umgeben, welche dem Mauerwerk als festes Gerüst diente, und auf welchem die Wasserleitungs- und die vier Windleitungsrohre ruhten. Ganz unten befand sich dann noch der Eisenkasten, der das geschmolzene Metall auf- nahm und dessen Abstichöffnung mit einem Pfropf aus feuer- festen: Thon verschlossen war. So stand der Ofen da, ein Riesentier von drohender, angsteinflößender Form, dessen Verdanungsapparat Steine verschlang und geschmolzenes Metall von sich gab.(Fortsetzung folgt.) Dcv„DolKsfeinV im„Deutschen Tchenkee". Als Jbscn seine„Gespenster" geschrieben hatte, erhob sich der Ästhetische»nd sittliche Mob seiner Heimat Ividcr ihn. Er hatte das Bild einer Ehe entrollt, daS schlecht zu der Heiligkeit patzte, die diese Institution noch immer für sich in Anspruch»imnit. Nach seiner„Nora" hatte man ihm die Frage entgegengehalten: Was wird aus den Kindern, wenn die Fron in erster Linie Mensch sein Ivill? Er antwortete. indem er in den„Ge- spcnstcrn" zeigte, lvaS ans den Kindern leird oder werden kann, wenn die Frau auf ihr Menschentum verzichtet, um zur 0— HciratSware zu werden. Es ist ein tristes Resultat, das er uns in Oswald zeigt, aber wer als Dichter die Korruption schildern will, kann ja selbst beim besten Willen keine anmutigen Idyllen schaffen. Jedem Einsichtigen mutzte sofort klar sein, dntz die„Gespenster" aus ergrimmter Sittlichkeit heraus geboren waren. Die Einsichtigen aber waren damals in Norwegen und nicht nur in Norwegen stark in der Minderheit. Man lietz den Dichter für die Greuel bützen, die in seinem Stoff lagen. Man verdächtigte seine Moral, beschuldigte ihn, die Gesellschaft zu untergraben und warf ihn kurzer Hand zu den zweifei- haften Individuen. In der Presse ging cinHöllcnspcktakcl los; ein Pfeifen. Johlen und Schimpfen setzte ein, wie es Jbscn seit seinem„Bund der Jugend", der einen wilden Skandal hervorrief, nicht mehr gehört hatte. Der Dichter hatte damals bereits„den Kirchhof, der Nor- wegen heitzt" verlassen und befand sich, wenn ich nicht irre, in Aegypten. Die Zeitungen dringen ja aber auch dahin, und so blieben ihm die angenehmen Beschimfungcn nicht erspart. Ein neues Drama war die Antwort, und das Drama hietz der„Volksfeind". Das Drama ist also in polemischer Absicht entstanden und ver- leugnet in seinem ganzen Charakter diesen Ursprung nicht. Um seine satyrischen Hiebe anzubringen, sündigt der Dichter mitunter gegen die Gesetze der dramatischen Charakteristik, was er in dieser Periode sonst nicht mehr zu thun pflegte. Er lätzt die Personen gelegentlich sagen, was seiner polemischen Absicht eut- spricht, nicht aber, was ihrer Situation, ihrer Psychologie und ihrem Interesse entsprechen würde. Man merkt sehr deutlich, datz er etwas will, und datz der Wille ihn gelegentlich über die Grenzen hinausführt, die niemand sonst sorgfältiger zu beobachten pflegt, als eben er. Andrerseits bringt der poleniische Ursprung der Dichtung auch einen Vorteil mit sich. Jbscn hat es mit einer Er- scheiuung des modernen Lebens zu thun, und darum ist das Drama von bewegter moderner Wirklichkeit erfüllt. Vielleicht wird es zu den Dramen Ibsens gehören, die sich am längsten auf der Bühne behaupten. Jedenfalls sollten diejenigen nicht versäumen, es sich anzusehen, die zwar Ibsens Skepsis, nicht aber Ibsens Humor kennen. Bekanntlich behandelt der Dichter den Konflikt zwischen einer geistig vornehmen Natur und der kompakten dumpfen Majorität. Es gic'bt Koustlsionsräte, die darin einen An- griff ans die Demokratie zu sehen belieben. Es ist uns nicht gut genug, diese angenehme Ansicht zu Ividerlegcn. Die Aufführung im„Deutschen Theater" war durchweg prachtvoll. Vielleicht besinnt sich Brahur doch noch darauf, datz die europäische Littcratur iveder mit Hauptmann noch mit Herrn Hirsch- fcld anfängt und dntz sie sich im„Probekandidatcn" noch nicht erschöpft hat. Die dramatische Inzucht, die er zu treiben beliebt, kann ihn sehr wohl»in Geschäft und Ansehen bringen. Den„Volksfeind" spielte Bafs ermann, der natnrgcmätz im Vordergrund des Interesses stand. Er trug einen vollen, schonen und verdienten Erfolg davon. Die süddeutsche Dialcktfärbnng, die er der Rolle gab, stimmte vortrefflich zum Charakter Stockmanns. In dieser sonnigen, humorvollen, volksfrenndlichcn Gestalt steckt etwas, das an süddeutsche Art erinnert— im Gegensatz zu preußischem Junkcrgcnäsel. Schon in der Maske betonte Basier- mann die Intelligenz des Gelehrten und verschonte uns so mit dem bramarbasierenden Biedermann, den viele Darsteller zu geben be- lieben. Der burschikose, sorglose Leichtsinn der Gestalt kam sonnig zum Ausdruck. In der großen Volksscenc war er. ohne auch nur ein Haar von der einfachsten Natürlichkeit abzuweichen, von großer Kraft und Wirkung. Er hat im Deutschen Theater sehr schnell den Vordergrund erobert und wird ihn zu behaupten wissen. Hoffentlich kommt er bald einmal in die Lage, uns zu zeigen, dntz sein stilistisches Princip ihm auch gestattet, etwa den Hamlet zu spielen. Wäre es auch nur, weil er in einer solchen Rolle gezwungen wäre, zwar nicht mit seinem Princip, doch aber mit dem F a n a t i s- m u s seines Priucips zu brechen. Wir haben ihm häufig gesagt, ivollen es aber heute wiederholen, datz Bühnennatnr schlietzlich docff etwas anderes ist als Natur schlechthin. Es versteht sich von selbst. dntz ein Schauspieler, der sich mit fanatischer Ehrlichkeit von allem „Theater" fern hält, eine Erscheinung ist, der gerade die Herzen der Besten zufliegen müssen. Neben der Titelrolle war Fischers Gerber» meistcr die bedeutendste Leistung des Abends— eine saftige Pracht- gestalt von unwidcrstchlichcr Komik. Daß Else Lehmann. Sauer und Reinhardt auch im„Volksfeind" die guten Schau- spicler waren, die sie immer und unter alle» Ilmständen sind, ver- steht sich ja eigentlich von selbst. Mit der Partie des Kapitäns wußte Schwaiger leider nichts anzufangen.— E. 8. Mleines Feuilleton. — Ei» altes Rcklamcschild. In Pompeji sind einige Tuf- reliefs erhalten, welche, in die Stratzenwände der Läden oder Häuser eingelassen, die dort getriebenen Gewerbe verkündeten. Auch ist bekannt, daß man im Altertum ebenfalls WirlShanszeichcn hatte; und es scheint sicher, datz die Bezeichnung von Stationen in den römischen Jlinerarien, wie z. V. beim Hahn, beim Wagenrad, beim großen Adler, bei der Gans von Gast- und Rasthans-Aushänge- schildern genommen sind. Weniger hat man in Griechenland und im Osten solche Schilder gefunden; mag daran schuld sein, datz daS Material ein vergängliches war oder datz die Hantierung auf der Straße und der Handel auf offnem Markte die Anlocknngsschilder unnötig machten. Aber doch kennt man z. V. das Nnshänge- schild eines griechischen GarkochS, auf dem ein Knlbskopf und Kalbsfütze in verschiedener Herstellungsart dargestellt sind. Aus späterer Zeit ist ein Wirtshausschild«zum Kamel" litternrisch über- liefert.— Ein tvirlliches Straßen- Reklameschild aus der ptole- maischen Zeit hat vor kurzem Otto Rubensohn in der Festschrift zum 70. Geburtstage von Johannes Bahlen(1900) veröffeutlMt. Es befindet sich im Museum zu Gizeh, wurde zu Saqqarah 1877 gefunden und stellt ein Tenipelchc» dar, dessen dreieckiger Giebel durch zlvei nackte, ägyptisch frisierte Frauen gehalten wird. Ein Apisstier und eine griechische Inschrift ist mit schwarzer Farbe aufgemalt. Mau hat diese Stelle früher für ein Grabmouuincnt oder ein Lx voto gehalten. Gegen das crstere spricht schon der oben auf der Rückseite laufende Kanal, der den Strick zum Anfhäugeu durchließ; gegen beide Dentuugen der Inhalt der von Rubeuson richtig gelesenen— es sind Trimctcr, bezeichnend für das Bcherrschtwerden selbst des Volkslebens durch die Metrik der Alexandriner— Worte:„Ich deute Träume in der Gottheit Auftrag. Sei Tyche hold. Ein Kreter ist es, der solches deutet." Der Eigennamen fehlt; aber mit seiner Her- knuft will sich der Kreter jedenfalls empfehlen, obwohl man denken könnte, daß nach dein Satze:„Alle Kreter sind Lügner" man sich einen Bewohner der langgestreckten Insel als Trnumdcuter im Altertum ebenso wenig herausgesucht haben lvürde, als in Frank- reich heutzutage einen Gascogner. Da aber, wie Rubensohn richtig anführt, das ägyptische Heer sehr stark mit kretischen Söldnern, welche mit Weib und Kindern in Aegypten lebten, durchsetzt war, so hat sich der gottgesaudte kretische Wahrsager zweifellos seinen Landsleuten empfehlen wollen. Es ist nicht nuzunchmen, daß er Tcmpcl- nngestelltcr des Sarapcunts war, in dessen Nähe zu Memphis die Stelle gefunden wurde, und auf welches der aufgemalte Apis schließen lassen könnte. In dein Sarapiskult spielen allerdings die Traumdeutungen eine große Nolle; und der Tempelschlaf dieses Kults, rcsp. die dabei vorkommenden Träume wurden durch eigene Beamte dcS Tempels gedeutet, während beim Asklcpios- Tcmpelschlaf der Gläubige seine Schlüsse aus der Erscheinung selbst zieht. Aber als Priester hätte der Kreter getviß keines markt- schreicrischcn Schildes bedurft; und dem frommen Mann, der von seiner göttlichen Sendung zum Traumdeiltcn spricht, hat man viel- leicht nicht gewagt, dieses Geschäft zu unterbinden.— Noch zwei interessante Details entnimmt die„Miipch. Allg. Ztg." dem Nuben- sohnschcn Aufsatz. In der Nähe des Snrapcions von Memphis wird heute noch„Es-Sign-Yousef, Josephs Gefängnis" gezeigt, wo Joseph den Traum des Pharao gedeutet habe. Angesichts der zahl- reichen erhaltenen Sarapeunt-Traumdentungcii möchte man da wohl einen Znsaminenhang konstatiereii.— Theater. Freie Volksbühne:„Der grüne K a k a d n" von Schuitzler. Die„Freie Volksbühne" blickt im allgemeinen auf einen erfreulichen Winter zurück. Daß die Meinungen über dieses oder jenes Stück auseinandergehen, ist ja selbstverständlich. Im ganze» aber Ivar die Saison erfreulich, ersprießlich und fruchtbar. Ich gehöre zu den Kritikern, die der„Freien Volksbühne" eine große Bedeutung beimessen, nicht iveil ich eben im„Vorwärts" die Kritiken schreibe, sondern aus ganz allgcincincn ästhetischen Gründen. Ich gehöre eben darin» auch zu den Kritikern, die an die„Freie Volksbühne" An- spräche stellen, und freue mich also um so mehr, ein günstiges End- rcsnltat verzeichne» zu können. Der Spielplan hat sich in er- sreulichcr Weise gehoben; die Censur ist tvirkungSvoll bekämpft tvorden; im Lesfing-Theatcr ist mit der Abhängigkeit vom Sousfleur- kästen fast ganz gebrochen; erste Kräfte werde» ins Feuer geschickt — kurz: Hinaufeulwicklnug auf der ganzen Linie. Für nächsten Winter hat die Leitung auch das aufstrebende„Berliner Theater" gewonnen-, Ivozu man ihr von Herzen Glück wünschen darf. S ch n i tz l e r s„Grüner Kakadu" beschloß den Winter. DaS Stück ist so bekannt, daß sich eine eingehende Besprechung er- übrigt. Es ist nach unsrer Meinung die beste Arbeit des Wiener Poeten. Das phantastische Stimmungsbild ans den Tagen der großen Revolution, das er biete» tvill, kommt voll und kräftig zum Ausdruck. Es ist ivirklich in seiner besondere» Art ein lnltur- historisches Dokinnent. Nach den sonstigen Leistungen SchnitzlerS sollte man ihm de» psychologischen und schließlich auch historischen Tief- blick, den er hier beiveist, gar nicht zutrauen. Es verschlägt-dem gegenüber wenig, daß ein bißchen technisches Naffincmeut i» der Sache steckt. Von den Darsteller» muß in erster Linie Richard Heising genannt Iverden, der als Groin das ganze übrige Ensemble in Grund und Boden spielte. Sein Name lvar im Programm nicht fett ge- druckt, um so mehr ist es Pflicht der Kritik, ihn zu unterstreiche». Man kann sich natürlich»ach einer Leistung keine bestimmte Meinung über einen Schauspieler bilden, aber immerhin tvill ich mit meinem Namen unterzeichnen, daß er diese Rolle in der besten deutschen Umgebung als ebenbürtiger Künstler spielen kann. Ick, habe Herrn Heising zum erstenmal gesehen; hoffentlich sorgt die Leitung der„Freien Volksbühne" dafür, daß es nicht das letzte Mal gewesen ist. Von den Aristokraten verdienen Adolf Klei» junior und I iv a l d Erwähmuig. Adolf Klein senior war sehr äußerlich und K o b e r ivar farblos und »schtvamin" bedenklich.— E. S. Musik. ES gicbt innerhalb unseres Musiklebens nicht bald eine Persön- lichkcit, in der sich solvohl umfassendes künstlerisches Können tvie auch ein gutes Stück Musikgeschichte, insbesondre Geschichte der Gesangstechnik, so glänzend darstellen, tvie es bei Frau M a r c e l l a S e m b r i ch der Fall ist. Ware» tvir an die Leistungen dieser, die Lyrik der Coloratur mit der Dramatik des Ausdrucks mehr oder minder eng verbindenden Sängerin vorlvicgend aus Konzerten gewöhnt, so ergänzte sie zu Beginn des vorigen Winters diese Eindrücke durch Leistungen als Bühnensängerin und als— künstlerische Organisatorin. Sie hatte' Ende Ok- tober 1900 eine förmliche italienische„slogiorrs" hierhergebracht, die sie— übrigens keine Italienerin, sondern halb Deutsche, halb Polin— eigens und ersichtlich mit besonderen,, künstlerischem Bedacht zusammengestellt und eingearbeitet hatte. Der Erfolg scheint damals äußerlich gering gewesen z» sein, schon der hohen Eintritts- preise halber; innerlich ivar er um so größer, und Ivohl jeder Hörer der damaligen„Barbier"-Anfführu»g konnte die Erinnerung an deren Gesamtgeist tvie auch an die meisten Einzelleistunge»' festhalten. Neben der Truppensühreri» ragten damals ganz besonders die beiden Bässe hervor: der mächtige tiefe Baß Arimondi als Basilio und der Bufsobaß Tavecchia als Bartolo— letzterer noch spcciell ausgezeichnet durch seine Vermeidung aller Mätzchen und sonst aller gctvvhnlichen Komik. Nun hat Fran Sembrich abermals ihre italienische Truppe, mit einigen ncncn Ergänzungen, hierher gebracht und hat am letzten Sonnabend in der Eröffnungsvorstellung nicht nur den voraus- zusehenden großen Kunstcrfolg. sondern auch den tveniger voraus- zusehenden äußeren Erfolg vor einem den hohen Preisen ent- sprechenden Publikum davongetragen. Als Anfang Ivar„Don P a s q u a I c" gewählt worden, jene echt italienische, auf den alten Type» der lustigen Prellerei aufgebaute kölnische Oper D o n i- z e t t i s. Sie ivar zuerst 1813 zu Paris, 18S2 auch zu Berlin auf- geführt worden. Obschon allgemein anerkannt und beliebt, ist sie doch bei uns kein reguläres Repcrtoirstück geworden, zu- mal seit Adelina Patti' schweigt. Eine Hauptursache davon dürfte die Schwierigkeit sein, dieses feine, gänzlich ohne äußeren Esfekt arbeitende und eine intime Küuftlerschaft verlangende Meisterwerk so ganz mit Hingebung an seine Eigenart herauszubringe». Vor allein ist hier nötig, mittels des bei eauto— weder ohne ihn noch auch mit ihm als bloßem Selbst- zweck— einen lebhaften dialogischen Ausdruck zu schaffen und Komödie zu spielen ohne ein direktes Betreiben der Komik. Gerade in diesen zwei Punkten gipfelt die Knust des Sembrich-Ensembles. Wie hier zugleich wohlklingend und mit reichem, seelischem Ausdruck gesungen wird, das ist im allgemeinen schlechtweg musterhaft. Im allgemeinen: d. h. die eine Ausnahme, der Tenor D e Lara, fiel ans diesem Gesamtton merklich heraus. Erstens ist er der typische, vor de», Publikum aufgepflanzte„Feldtelegraph" mit dem mechanisch gehobenen Arm(übrigens finde, sich auch bei den andren trotz ihres ansgezcichiietc» Spiels manches Hineinsiugcu ins Publikum und manche Typik der Arinbewegnug). Zweitens bestätigt De Lara die Erfahrung, daß die italienischen Tcnore häufig einen Stimm- klang ähnlich ivie eine gelvöhnliche Pfeife haben, der hier»och dazu übermäßig hell und flach, in de» hohen Lagen außerdem nicht recht frei ist. Die übrigen aber leistete» in jeder Beziehiing Vedcntendes. Baßbuffo. in der Titelrolle des geprellten Alten, war abermals Tavecchia. Er geht in der drastischen Eharaktcrisiernng sehr weit, fällt jedoch wiederum niemals ins Posscumnchen. In dieser und in mancher andre» Beziehung ist vielen unsrer hiesigen Sänger der Besuch der an Zahl anscheinend spärlichen Scinbrich-Abende lebhaft zu empfehlen.— lz. Bölkerknnde. k. Chinesische Astrologe». Der Telegraph ineldct anl China, daß sich die kaiserliche Familie von Si-Ngan-Fn„ach Kai- Tong-Fu begebe» will und nur noch die Festsetzung des günstigen Tags von den Astrologen abwartet. Diese Thatsache, schreibt der „Mali»", rennzeichnet wieder die große Rolle, die die Astrologen in dem Leben des chinesischen Volks spiele». Vor der Erscheinung des Taoismns, den Lao-Tse 600 Jahre vor unsrer Zeitrechnung gepredigt, folgte» die alten Chinesen fast 3000 Jahre lang einer gesunden Naturphilosophie. Lao-Tse erfand die Theorien einer seltsamen Seeleuwanderung; er zeigte überall„böse Einflüsse", die der geheimen Gegenwart unzähliger Teufel zu ver- danken sind, und von da an wurde das chinesische Volk der Sklave der tollsten Glaubenslehren, das Opfer der lächerlichsten Schrecken. Allen„bösen Schicksalen", die täglich die Individuell bedrohen, muß durch Amulette vorgebeugt werden, und»>a» muß auch die Wirkung der bösen Einflüsse vorhersehen. Daher rührt die Notwendigkeit der Astrologen und Wahrsager. Nichts geschieht ohne sie; ihr Beruf ist offiziell. Sie haben ciiien Laden oder laufen durch die Straße» und riifcn die Kundschaft durch Harfentöne, ein Gong oder Kastagnette». Sie sind zuerst bei der Geburt jedes Kinds nötig. Sie bestimmen die Stunde, den Tag, den Monat, daS Jahr, den Stand des Himmels, die Windrichtung, die Gestalt der Konstellationen. Keine chinesische Familie würde einwillige,,, einen Schwiegersohn oder eine Schwiegertochter zu»ehinen, die nicht ihr Horoskop hätten. Ein in, Jahre 1401 in China gezeigtes Drama zeigt in dieser Beziehung schon dieselben Sitten wie heute. Wenn Eltern ei» Kind verheiraten wolle», lassen sie durch eine Unter- Händlerin der andern Familie zunächst allgemein die Frage üorlegem Wird dieser erste Schritt gut aufgenommen, so zeigen' die beiden Familien sich gegenseitig die Horoskopblätter der jungen Leute. Jede Familie zeigt die Blätter einem von ihr gewählten Wahr- sager, der infolge von Berechnungen das Geschick der Bc- treffenden vorhersagt. Ehe man eine Tochter verheiratet, ist es von Bedcntnng zu wiffen, ob ihr Gatte glücklich sein wird. Liefern die Berechnungen des Astrologen gute Prophezeiungen, so kann zur Ver- lobung geschritten werden. Der Wahrsager verdient sei» Geld red- lich! trotz der Hebung gebraucht er zu seinen komplizierten Berech- nungeu noch ein Bnch, eine Art Rechenknecht zum Addieren, Snb- trahieren, Multiplizieren und Kombinieren der verschiedenen Zahlen. Man wählt mit Vorliebe einen blinden Wahrsager, der seinen Rechen- knecht auswendig keiint und daher seinen Kollege» überlegen ist. Die Chinesen haben in den Sternenhinmiel den Hof der Kaiser, die Sitten des Volks und die grossen, göttlich verehrten Menschen verlegt. Die 28 chinesischen Sternbilder haben zuerst Tiername» wie: Schlange, Drache, Tiger, Fledermaus usw. In jedem Sternbild haben die Sterne Namen wie: Erster Ratgeber des Kaisers, General, zweiter Pädagog des Erbprinzen, Großes Tribunal, Ende der Dinge, Harpunenglocke, Königreich der Hunde, Huhn des Hinmiels, Wolke und Regen, Blitz, Gefahr, Thränen, Grab usiv. Der Einbildungs- kraft der Astrologen ist also freier Spielraum gelassen, zwischen der Gegenwart dieser Sterne am Himmel und dem Geschick der Menschen Beziehungen herzustellen. Manchmal mischt sich etwas Poesie in diese Kindereien, wie die Legende von dem berühmtesten chinesischen Dichter Li-Tai-Pe zeigt. Sein Familien- näine war Li; kurz vor seiner Geburt glaubte seine Mutter zu be- merken, daß der Mvrgenstern ganz besonders glänzte, und sie wollte, daß ihr Sohn den Namen dieses Stern Tni-Pe erhielt. Der Wahr- sagcr prophezeite, das Kind würde ein großer Dichter Iverden und außer den Wissenschaften alles verachten. Dem ivar auch so, und Li-Tai-Pe spielt in einem hübschen Gedicht darauf an. Außer den Wahrsagern sind auch die Mandarinen offizielle Astrologen. Jeder muß in seiner Residenz die Sonne und den Mond zur Zeit von Verfinsterungen reite». Sie errichten in dem Haupt- zimmer ihres Hauses vor dem Fenster einen Altar. Kerzen brennen, zahlreiche Knicbeugungen iverden vorgenommen, man hört lvinuncrnde, seufzende Anrufungen... und die Sonne oder der Mond zeige» sich wieder, die Gebete Iverden erhört.„Es gicbt kein Beispiel in unsren Annalen," sagt ein zeitgenössischer chinesischer Schriftsteller.„daß der Gott Fo de» Bitten unsrer Mandarine» sein Ohr verschlossen und Sonne oder Mond hat umkomme» lassen. Und das beiveist, daß nnsre Lehrer ihm angenehm sind und ihm heilig scheinen." Das Volt aber sagt, daß der Mond nicht zu Grunde gehen kann, weil er bewohnt ist. Als Beweis erzählt man, daß ein Dichter aus Neugierde eine seiner drei Seelen zum Mond hinanfsteigcn ließ, wo diese dramatischen Vorstellungen beiwohnte und die Kunst des Theaters zurück- brachte... Medizinisches. — Heilung von Masern durch rotes Licht. Ein französischer Arzt, Dr. C h a t i n i e r e, fand, wie das„Wissen für Alle" berichtet, durch Versuche, daß rotes Lichk für die Heilung von Masern sich sehr vorteilhaft verwenden laffe. da die roten Strahlen des Spektrums bei dieser Krankheit eine besonders kräftige Wirkung zeigen. Die Kranken werden in Räumlichkeiten gebracht, in denen eine Beleuchtung gleich der Dunkelkammer eincS Photographeu herrscht, indem die Fenster mit roten Vorhänge» verhängt oder mit rothem Seidenpapier überklebt iverden, während des abends über die Lampe ein roter Schirm gebreitet wird. Der genannte Arzt, sowie verschiedene seiner Kollegen kurierten bei ver- schiedenen Patienten diese Krankheit ohne Medizin— angeblich— in zwei bis drei Tagen. Der Erfolg, der mit dieser Beleuchtung er- zielt wird, soll seine Ursache darin haben, daß die roten Strahlen der Haut für den Heilnngsprozcß die nötige Ruhe verschaffen, während alle andren Lichtstrahlen und besonders die ultravioletten, die Haut heftig erregen. Dr. Chatiniöre hatte schon früher von Bauernfrauen in den Vogcsen gesehen, daß sie ihre an Masern erkrankten Kinder in rote Tücher einwickelten. Die Einwirkung ver- schicdenfarbiger Strahlen ans die Nerven wurde schon vor Jahren beobachtet und Dr. Donza hatte auch diese Wirkung in der Praxis zu verwerten gesucht, indem er die Melancholie mit rotem und die Tollwut mit blauem Licht heilen wollte.— Geologisches. — Erdbeben auf Island. Der isländische Forscher Th. Tboroddsen veröffentlicht in den„Geographischen Mitteilungen" seine Untersuchungen über die starken Erdbeben, die im August und September 1306 das südliche Tiesland von Island verwüstet haben. Daß dabei nur vier Menschenleben verloren gingen, ist lediglich dem Umstände zuzuschreiben, daß Island nur sehr dünn bevölkert ist und die eigentümliche Bauart der dortigen Häuser den Bewohnern einen AnSweg ins Freie gestaltete, bevor die Gebäude zusammenstürzten. In einem Bezirke wurden von 588 Gehöften 86 gänzlich zerstört und 427 mehr oder weniger beschädigt, in einem andern Bezirk blieben von 690 Gehöften nur 2 unversehrt. Die Erderschütternugen wanderten von Ost nach West, die verderblichslen Stöße waren fünf an der Zahl und erfolgte» in der Zeit vom 26. August bis 16. September. Während BerantwortUcher Redarteur: Heinrich Ströbei in der Beben war die Erdoberfläche häufig in vollständiger Wellen- bewegnng, so daß weder Mensch noch Tier aufrecht stehen konnte. Ein auf einem Basaltrücken stehender Pfarrhof wurde so erschüttert, daß ein 2 Meter hoher Kachelofen 7,5 Meter weit fortgeschlendert wurde und die auf dem Erdboden liegenden Leute sich nicht halten konnten, sondeni den M'hang hinuntergeworfen wurden. Die Erdbebenivellen gingen von dem die Tiefebene umgebenden Halbkreise von Bergen ans, auf dem Hochlande waren die Erschütterungen schwach, an vielen Punkten dort wurden sie gar nicht gespürt. Bevor ein Stoß erfolgte, wurde meist ein sausender Laut, oft auch 5tnall und Gedröhne und anhaltender Lärm in der Erde gehört. Die Berge schüttelten große Steinniassen ab, so daß viele Bergstürze erfolgten. Ein isoliert ans der Ebene bis 227 Meter Höhe aufsteigender Berg namens Skardsfjall schüttelte sich wie ein Pudel, der aus dem Wasser kommt! er wurde vielfach zerspalten und die dicken Erdschichten, welche seine Abhänge bedeckten, wurden herabgerissen, so daß sie sich in großen Haufen am Fuße des Berges sanmieltcn. In mehreren Landschaften ent- standen meilenlange Spalten und auf verschiedenen derselben entstanden große trichterförmige Löcher. Wo diese Spalten sich durch Seen und Sümpfe zogen, verschlangen sie deren Wassermassen. Viele unter den zahlreichen warmen Quellen des betroffenen Gebiets erlitten Veränderungen. Eine neue warme Quelle entstand nach einem heftigen Stoße unter gewaltigem Brüllen und Pfeifen, ivobei sie Wasser, Dampf und Steine 266 Meter hoch emporschlenderte. Ihre Ergiebigkeit halte jedoch nicht lange Bestand, und als Thoroddscn im Juni 1397 die Stelle besuchte, fand er ein ruhiges, mit heißem, klarem Wasser angefülltes Becken. Die weltbekannten Geysire erlitten verschiedene Acndernngcn, der 1789 entstandene Springqucll, der unter dem Namen Strokkor bekannt ist, stellte seine Thätigkeit völlig ein. Später hat der Geysir neue Kraft gewonnen und häufigere und höhere Ausbrüche gehabt. Mehrere kalte Quellen verschwanden und neue bildeten sich an andren Stellen. Die Vulkane Hekla, Katla und benachbarte ver- hielten sich zu dem Erdbeben völlig passiv. Es scheint, daß die von dem Erdbeben heimgesuchte Ebene in der Tiefe unter dem Boden in verschiedene Stücke zerteilt ist und die fortgesetzten Bewegungen in diese Querlinie» sowie die Verschiebungen zwischen den einzelnen Stücken scheinen nach Thoroddscn die Ursachen der zahlreichen Erd- beben dieser Gebiete zu sein.— «umoriftncdes. — A n z ü g l i ch. Ordengeschmückter Negier ungSrat zu einem Bauern, dessen Ochse ans der ViehauSstellnng den ersten Preis bekommen:„Das Tier ist ordentlich stolz auf seine Aus- zcichnung, tvie?" Bauer:„Ja. wissen S', Herr RegierungSrat, jeder OchS freut si, wenn cahm was nmg'hängt wird."— — Zu spät. Ein Jockey zum andren:„So'» Pech, wenn mer vorher gewußt hätten, daß der Gaul so viel Geld einbringt, dann hätten mer»ich geheiratet."— s.Simpl.") Notizen. — T o l st o j s Drama„Die Leiche" darf kaut Anordnung der russischen Eeusur n i a> t aufgeführt werde»: ferner sollen Tolstojs Werke aus allen öffentlichen Bibliotheken entfernt werden.— — Das Vermögen der P e u s i o n S a» st a l t deutscher Journalisten u n d S ch r i f t st e l l e r beziffert sich nach dem Geschäftsbericht für 1966 ans 666 666 M.— — HanS P a g a y ist auf fünf Jahre für das Residenz- Theater engagiert worden.— —„Schall u n d Stauch" veranstaltet am 22. Mai, nach- mittags 8 llhr, im D e u t s ch e n T h e a t e r eine letzte K ü u st l e r« v o r st e l l» ri g.— —„Der Götze von Venedigs, ei» Schauspiel von Rudolf v. G o t l s ch a l l. errang bei der Erstaufführung im Leipzigser Neue n Stadt-Theater einen freundlichen Erfolg.— — Karl Schön her rs Drama„Bildschnitzer" errang bei der Ausführung im königlichen Theater zu Kopen- Hagen einen großen Erfolg.— — Den Erben Richard Wagners wurde eine Million ge- boten. wenn sie einem Unternehmer die Ausführung des „ P a r s i v a l" für fünf Jahre freigäben. Die Erben' haben abgelehnt.— a. Die AuSstellungSkommission hat 26 Werke der Großen Berliner Kunstausstellung für die Berliner Rationalgalerie und andre öffentliche Sammlungen Preußens angekauft.— a. Ein neuer Menzel:„Besuch im Walzwerk", ein Werk aus dem Jahre 1! 61, hängt seit Sonntag im Ehrensaal der Großen Berliner K u n st a u S st e I l u n g.— — Eine unterirdische Erdbeben st ation soll im Bergwerk von Przibram(Böhmen) in einer Tiefe von 1 166 Metern errichtet werden. Diese Station wird mit denselben Jnstru- menten ausgestattet sein, wie eine gleichzeitig in Przibram auf der Erdoberfläche zu errichtende Station, wodurch eine korrespondierende Beobachtung über und unter der Erde ermöglicht sein wird.— — Ein Fische rei-Museum wird auf der Elbinsel F i n k e n w ä r d e r, in der Nähe von Hamburg, errichtet werden.— li». Drncl und Verlag von Max Babing in Berlin.