Unterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 94. Mittwoch, den 15. Mai. 1S01 (Nachdruck verboten.» SIZ A. v b V i t: Roman in drei Büchern von Emile Zola. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold Nosenzweig. Kein Geräusch war jedoch zu hören, kein Schein zu sehen. Diese gewaltige Verdauung vollzog sich lautlos und lichtlos. Man hörte nur das ununterbrochene Herabrieseln der Wassertropfen an den Wanden des Ofens, und aus einiger Entfernung das rastlose Stampfen und Pusten der Gebläscmaschine. Bloß drei oder vier Laternen durchdrangen mit schwachem Schein die von den Schatten der mächtigen Bauten noch verdichtete Finsternis, und man unterschied kaum die dunkeln Umrisse der acht Arbeiter der Nachtschicht, die in Erwartung des Abstiches hin und her gingen. Oben auf der Gichtbühne sah man nichts von den Gestalten der Aufgeber, die schweigend nach den ihnen von unten gegebenen Zeichen die entsprechende Menge von Erz und Coaks in die Gicht schütteten. Kein Ruf war zu hören, keine Flamme zu sehen, es war eine stumme und finstere Verrichtung, etwas Primitives und Gigantisches, das sich in tiefer Dunkelheit vollzog, die Jahrhunderte dauernde gual- volle Entbindung der Menschheit von der Frucht der Zukunft. Von den schlimmen Nachrichten, die er erhalten, erregt, deutete Jordan, als Lucas wieder an seine Seite trat, auf die dunkle Masse der Hochofenanlage. „Sehen Sie nur, lieber Freund, habe ich nicht recht, daß ich das alles am liebsten ganz demolieren möchte, daß ich dieses ungeschlachte und menschenquälerische Ungetüm durch meine einfachen, reinlichen und so leicht zu bedienenden elektrischen Ocfen ersetzen will? Seit dem Tage, da die Menschen zum erstenmal ein Loch in die Erde gruben, um das Erz mit HUse von angezündeten Baumästen zu schmelzen, hat sich die Metallgewinnung im wesentlichen nicht geändert. Es ist noch immer dieselbe primitive und kindliche Methode, unsre Hoch- öfcn sind noch immer die prähistorischen Erdlöcher, nur zu hohlen Säulen erhöht und vergrößert, in die man noch immer das zu schmelzende Erz und das Brennmaterial durcheinander hinabschüttet, um sie da gemeinschaftlich zu verbrennen. Sie gleichen dem Riefenkörpcr eines höllischen Tieres, das unab- lässig mst Kohle und Erz gefüttert wird, das diese in einem Feuersturm verdaut und dann das geschmolzene Metall unten von sich giebt, während die Gase, der Staub, die Schlacken aller Art nach andern Seiten abgestoßen werden. Das ist der eigentliche Prozeß, dieses langsame Hinabsinken der zu verdauenden Stoffe und deren vollständige Verdauung, dieser Prozeß ist heute derselbe wie zur Urzeit, und alle Er findungen und Nerbefierungen verfolgen nur den Zweck, ihn zu erleichtern. So war früher, als man noch keine Lust ein blies, der Prozeß ein langsamerer und das Produkt ein weniger gutes. Dann dachte man daran, kalte Luft ein zublasen; dann ist man darauf gekommen, daß die Resultate viel bessere waren, wenn man die Lust des Gebläses erhitzte: und endlich hat nmn den Gedanken ge- habt, die Gase, die früher auf der Krone des Ofens in hoher Flamme nutzlos verbrannten, zur Wind- erhitzung dienstbar zu machen. So hat der ursprüngliche Hochofen allmählich immer mehr äußere Hilfsorgane angesetzt, die Gebläsemaschine, die Gasreinigungscylinder, die Wind- Erhitzungscylinder und alle die zahlreichen Leitungsrohre, die ihn wie die Maschen eines Netzes umgeben. Aber so viel man ihn auch vervollkommnet hat, er ist kindlich geblieben trotz seines riesigen Körpers, und alle diese Neuerungen haben seinen Organismus obendrein sehr empfindlich gemacht, so daß er fortwährenden Störungen ausgesetzt ist. Sie machen sich keine Vorstellung von den Krankheiten des Ungetüms! Kein kränkliches Kind verursacht seinen Eltern angstvollere Sorgen mit seiner täglichen Verdauung wie der Koloß. Sechs Aufgeber oben, acht Schmelzer unten, ein Schmelz- meister und ein Ingenieur wachen ununterbrochen Tag und Nacht, in zwei Schichten, über die Nahrungsmittel, die man ihni zuführt, über das geschmolzene Metall, das er ab- giebt, voll Unruhe, sobald sich nur die geringsten Störungen in seinem Körper zeigen, sobald der Guß nicht ganz zufrieden- stellend aussieht. Es sind nun fünf Jahre her, daß dieser da angezündet wurde, ohne daß das Feuer in seinem Innern seither auch nur eine Minute lang sein Werk ausgesetzt hätte; und er kann noch fünf Jahre weiterbrennen, ehe man ihn ausbläst, um Reparaturen vorzunehmen. Wenn man so angst- voll und sorgfältig über sein regelmäßiges Funktionieren wacht, so ist es deshalb, weil die große Gefahr darin liegt, daß er von selbst erlösche, infolge irgend einer Störung in seinen Eingeweiden, die man nicht hätte vorhersehen oder rechtzeitig beheben können. Und erlöschen ist für ihn gleich- bedeutend mit dem Tod! Ah, meine kleinen elektnschen Oefen, die von Knaben könnten geleitet werden, sie werden niemands Nachtruhe stören, sie werden immer gesund, leistungsfähig und gehorsam bleiben! Lucas mußte lächeln über die leidenschaftliche Liebe, mit der Jordan von seinen wissenschaftlichen Forschungen sprach. Morfain und Dada waren mittlerweile wieder zu ihnen ge- treten, und der Schmelzmeister deutete beim schwachen Schein einer Laterne auf eines der vier Windleitungsrohre, die in einer Höhe von drei Metern in die Seiten des Kolosses ein- drangen. „Sehen Sie, Monsieur Jordan, dieses Rohr da hatte sich verstopft, und das Unglück wollte es, daß ich gerade schlafen gegangen war, so daß ich die Sache erst am nächsten Morgen bemerkt habe. Da der Wind nicht eindrang, trat eine Abkühlung ein, verbreitete sich offenbar über einen ganzen Bloch das Matena! staute sich und bildete eine Brücke. Infolge- dessen kam nichts mehr herunter, und ich bemerkte es erst beim Absttch, als die Schlacke in dickem, schon ganz schwarzem Fluß herauskam. Sie können sich meinen Schrecken denken, denn ich erinnerte mich an das Unglück von vor zehn Jahren, wo wir infolge einer ähnlichen Geschichte eine ganze Ecke des Ofens demolieren mußten." Noch niemals hatte er so viel gesprochen. Seine Sttmme zitterte bei der Erinnerung an das Unglück von einst, denn es giebt keine schrecklichere Krankheit für den Hochofen alS eine derarttge Abkühlung, die das Feuer allmählich erlöschen läßt und das Erz zu einem starren Block zusammenbäckt. Der Fall ist ein tötlicher, wenn es nicht gelingt, das Feuer wieder zu beleben. Von Schicht zu Schicht kühlt sich die Masse immer mehr ab und vereinigt sich schließlich mtt den Wänden des Ofens zu einem kompakten Körper. Dann bleibt nichts mehr übrig, als den Ofen niederzureißen wie einen alten, nutzlosen, mit Steinen gefüllten Turm. „Und was haben Sie gethan?" fragte Jordan. Morfam antwottete nicht gleich. Er liebte das Un- getüm, deffen glühende Lavaergüffe ihm seit mehr als dreißig Jahren das Gesicht verbrannten. Es war der Riese, der Gebieter, der Feuergott, den er anbetete, gebeugt unter die eiserne Tyramiei des Kultus, dem er sich, seitdem er er- wachsen war, hatte hingeben müssen, um sein tägliches Brot zu erwerben. Und er, der kaum lesen konnte, der unberührt war von dem neuen Geist, der durch die Zeit wehte, nahm den schweren Frohndienst ohne jede Auflehnung auf sich, er war stolz auf seine riesenstarken Arme, auf seinen unablässigen Kampf mit dem Feuer, auf seine Treue gegen den kauernden Moloch, dessen Verdauung er treu überwachte, ohne jemals an eine Unterbrechung des Dienstes zu denken. Der schreckliche barbarische Gott war zum Idol seiner Seele geworden, in seine Anbetung mischte sich eine starke, stille Zärtlichkeit, und die Erinnerung an die schreckliche Ge- fahr, aus der er ihn mit gewaltiger Anstrengung gerettet, machte ihn noch jetzt erbeben. „Was ich gethan habe?" fragte er endlich.„Ich habe zuerst die Coaks-Chargen verdreifacht. Dann versuchte ich daS Rohr mit Hilfe einer Gebläseverstärkung, wie sie Monsieur Laroche manchmal anwandte, freizumachen. Aber es war schon zu arg geworden, als daß dies noch hätte nützen können. Ich mußte das Rohr demontieren und die Stauung mit Hilfe von Brechstangen zu beseittgen suchen. Das war keine leichte Ar- beit und wir haben unsre Anne nicht schonen dürfen. Aber schließlich ist es uns doch gelungen. Luft zu machen, und ich >var sehr froh, wie ich heute früh in der Schlacke Erzstücke gesunden habe. Ich sah daraus, daß die Stauung gelockert und die Brücke eingebrochen ist. Nun ist das Gebläse ganz frei und die Arbeit wieder im besten Gang. Wir werden uns übrigens gleich überzeugen können, der Abstich wird uns zeigen, wie es steht." Und obgleich erschöpft von so langer Nede,� setzte er mit leiserer Stimme hinzu: „Ich glaube, Monsieur Jordan, ich wäre hinaufgegangen und. hätte mich in die Gischt gestürzt, wenn ich Ihnen heute nicht gute Nachrichten hätte geben können. Ich bin nur ein Arbeiter, ein Schmelznicister, und Sie haben so viel Vertrauen zu mir gehabt, daß Sie mir den Posten eines Herrn, eines Ingenieurs anvertraut haben; soll ich mm den Ofen verlöschen lassen und bei Ihrer Rückkehr vor Sie hintreten und Ihnen sagen, daß er tot ist? Nein, lieber wäre ich mit ihm gestorben! Die zwei letzten Nächte habe ich mich nicht schlafen gelegt, ich habe gewacht, wie ich am Bette meiner armen Frau gewacht habe, ehe sie gestorben ist. Und ich kann's Ihnen wohl jetzt sage», die Suppe, die Sie mich vorhin haben effen sehen, war die erste, die ich seit achtundvierzig Stunden gegessen habe, denn mein Magen war verstopft wie der Ofen. Ich sage das nicht, um mich zu entschuldigen, ich will Ihnen nur sagen, wie glücklich ich bin, daß ich Ihr Vertrauen nicht getäuscht habe." Er weinte beinahe, dieser im Feuer gehärtete Riese mit den stählernen Gliedern. Jordan drückte ihm bewegt beide Hände. „Mein wackerer Morfain, ich weiß, daß Sie ein Tapferer sind und daß Sie, wenn ein Unglück geschehen wäre, bis zum äußersten gekämpft hätten." Dada stand in der Dunkelheit etwas abseits, ohne sich mit einem Wort oder einer Geberde in das Gespräch ein- zumengen; und er rührte sich erst, als sein Vater ihm das Zeichen zum Abstich gab. Innerhalb vierundzwanzig Stunden fanden fünf Abstiche statt, ungefähr alle fünf Stunden einer. Die Leistungsfähigkeit des Hochofens war achtzig Tonnen pro Tag, er wurde aber zur Zeit nur auf fünzig Tonnen. be- schickt, was immerhin noch zehn Tonnen für den Abstich er- gab. Beim schwachen Licht der Laternen waren schweigend alle Vorbereitungen getroffen, Rinnen und flache Mulden in den feinen Sand der großen Gußhalle gegraben worden. Es war nur noch die Schlacke abzulassen; man sah nichts als die dunkeln Gestalten der Arbeiter, die hin und her gingen und ohne Hast Verrichtungen besorgten, von denen man nichts verstand, während aus dem Bauche des kauernden Molochs kein Laut hervordrang und nian nur das leise Nieseln des Wassers hörte, das an seinem Gemäuer herabtropfte. „Monsieur Jordan," fragte Morfain,„wünschen Sie die Schlacken auslaufen zu sehen?" Jordan und Lucas folgten ihm einige Schritte weit auf einen kleinen aus Abfällen gebildeten Hügel. Die Ablaß- öffnung für die Schlacke befand sich an der rechten Seite des Ofens; sie war bereits geöffnet und ließ die funkelnde Masse der Schlacke entströmen, als ob hier der volle Kessel des ge- schmolzenen Metalls abgeschäumt würde. Die Masse rann langsam und dickflüssig heraus und ergoß sich in kleine Blech- rollwagen, wo ihre hellleuchtende Farbe alsbald in Dunkelheit überging. „Die Farbe ist gut, wie Sie sehen, Monsieur Jordan," sagte Morfain erfreut..„O, wir sind außer Gefahr, das ist sicher. Sie werden sehen, Sic werden sehen!" Er führte sie wieder an die Vorderseite des Hochofens unter die Abstichhalle, deren Dunkelheit durch die Laternen nur schwach erhellt wurde. Dada bohrte mit einem einzigen Stoß seiner herkulischen Anne einen Feuerspieß in den Thon- pfropfen, der das Abstichloch verschloß; dann schlugen die acht Arbeiter derNachtschicht nüt Hilfe einer Ramnie taktmäßig auf den Feuerspieß, um ihn durchzutreiben. Man konnte kaum ihre dunkeln Gestalten unterscheiden, man hörte nur die dumpfen Schläge der Ramme. Plötzlich erschien etwas wie ein blendender Stern in der Finsternis, ein enger Durchstich zu der Glut des Innern. Aber es kam noch nichts als ein dünner Faden geschmolzenen Metalls. Dada mußte einen andren Spieß ergreifen, ihn hineinstoßen und ihn mit Riesenkrast herumdrehen, um das Loch zu erweitern. Da erfolgte die Eruption, das Metall schoß in mächtigem Strahle mit wildem Ungestüm heraus, eilte in glühenden Bächen durch die Rinnen, verbreitete sich in den Mulden zu feurigen Seen, deren Leuchten und Gluthitze die Augen verbrannte. Und aus dieser Feuer- fläche sprühten ununterbrochen dichte Garben von Funken auf, blaue Funken von herrlicher Zartheit der Farbe, goldene Raketen von wundervoller Pracht, wie leuchtende Korn- blunien inmitten goldener Achren. Wenn der Strom auf ein Hi.nderflis top» feuchtem Lgnde traf, verstärkte. M das. Sprühen der Funken und Raketen derart, daß sie in prächtigen Garben hoch emporschössen. Wie bei einem zauberhaften Sonnenaufgange hatte ein starkes Licht sich verbreitet, be- strahlte grell das Gemäuer des Hochofens, erhellte die tiefften Hintergründe der Halle, die Pfeiler und das Dachgebälke, deren geringste Einzelheiten deutlich sichtbar wurden. Alles trat mit wunderbarer, unvermittelter Klarheit aus der Finsternis hervor, die naheliegenden Bauten und Apparate, die Hilfsorgane des Ungetüms, die Arbeiter der Nachtschicht, deren Gestalten bisher so schattenhaft vorbeigehuscht waren, und die sich mit einemmal in scharfen, festen Umrissen dem Blick darboten, gleich obskuren Helden der Arbeit, die plötzlich des Ruhms teilhaftig geworden. Und die flammende Helle beschränkte sich nicht auf dieses Gebiet, das helle Sonnen- anfgangslicht drang hinaus ins Land, hob die mächtige Wand der Monis Bleuses aus der Finsternis, bestrahlte die schlafenden Dächer von Beauclair und verlor sich in der Weite, in der unermeßlichen Ebene der Roumagne. „Der Guß ist ausgezeichnet," sagte Jordan, der die Qualität des Metalls nach der Farbe und Durchsichtigkeit des Strahls beurteilte. „Ja, ja. Monsieur Jordan," versetzte Morfain mit be- scheidenem Triumph.„Es ist gute Arbeit, wie es zu erwarten war. Aber ich freue mich sehr, daß Sie heute gekommen sind und es selbst gesehen haben. Jetzt brauchen Sie nicht mehr unruhig zu sein." Lucas war der ganzen Prozedur mit lebhaftem Interesse gefolgt. Die Hitze war so stark, daß er das Brennen durch die Kleider spürte. Eine nach der andern hatten sich alle Mulden gefüllt, der feine Saud der Halle war in einen leuchtenden See verwandelt. Und als die zehn Tonnen Metall ausgeflossen waren, fuhr aus der Oeffnung noch ein letzter Sturm von Flammen und Funken hervor: der ge- waltige Atem der Gcbläsemaschine, der den Eisenkasten ge« leert hatte und nun als ein Höllenorkan ftei hervorbrach. Aber schon hatten die Masseln begonnen, sich abzukühlen, das blendende weiße Licht ging in Rosa, dann in Rot, endlich in Braun über. Das Funkensprühen hatte aufgehört, das Feld der leuchtenden blauen Blumen und gelben Nehren war ab- gemäht. Und rasch senkte sich die Dunkelheit wieder herab, Finsternis umhüllte die Halle, den Hochofen, die Bauten und Apparate, während die Laternen ihre schwachstrahlenden Sterne wieder zu entzünden schienen. Man unterschied nur noch undeutlich die schattenhaften, hin und her huschenden Gestalten der Arbeiter und die Dadas, der mit Hilfe zweier Kameraden die Abstichöffnung mit einem neuen Pfropfen aus feuerfestem Thon verstopfte, unter dem tiefe» Schweigen der Gebläsemaschine, die während dieser Arbeit abgestellt worden war. lFortsetzung folgt.) «Nachdruck verdaten.) Dev Vednev. Von Anton Tschechow. Eines schönen Morgens fand die Beerdigung des KollcgienassesforS Kirill Jwanowitfch Waivilanoiv statt, der zivei in nnserm Vaterlande verbreiteten Uebeln— einem bösen Weibe und dem AlkoholismuS— zum Opfer gefallen war. Als sich der Leichenzug von der Jlirche nach dein Friedhof fortbewegte, setzte sich einer der Kollegen des Verstorbene», ein gewisser Poplawsky, in eine Droschke und jagte zu seinem Freunde Gregor Petrowitsch Sapoikin, einen, jungen, aber schon recht populären Manne. Sapoikin besitzt das seltene Talent, ans dem Stegreif Hochzeiis-, Jubiläums- und Leichenreden halten zu können. Er kau» zu jeder beliebigen Zeit sprechen, im Halbschlaf, auf nüchternem Magen, in sinnlos trunkenem Zustande, im Fieber. Sein Redeflutz ist glatt, gleichmätzig wie das Wasser aus einer Dachrinne und unerschöpflich: in seinem Sprachschatz gicbt es rührselige Worte wie Sand am Meere. „Ich habe eine Bitte an Dich, Freundchen," sagte Poplawsky, nachdem er ihn begrüßt hatte.„Ziehe Dich augenblicklich an und konime mit mir I Es ist einer der Unsren gestorben, wir sind gerade dabei, ihn der Erde zu übergeben, da mutz doch zum Abschied irgend etlvas gesagt werde»... auf Dir ruhen alle Hoffnungen. Wäre irgend ein Unbedeutenderer gestorben, so hätten wir Dich nicht be- laftigt; aber hier handelt es sich um den Sekretär....einer Säule der Kanzlei sozusagen. Es geht doch nicht, eine Persönlichkeit von dieser Bedeutung ohne Sang und Klang zu beerdigen." „Ach. der Sekretär!" sogte Sapoikin gähnend,„das ist doch der Säufer?" „Ja, der Säufer. Es wird Bliny gebe» und Sakuska... Di« Droschke wird Dir gestellt. Komm' mit. Liebster I Latz mal am Grab.« so ktsvaS Ciceronisches lv�, Dank ist Dir sicher." Snpoikiil willigte qcrn ein. Er fuhr fich durchs Hnar,' setzte ein melcincholisches Gesicht ciuf und ging»nt Poplawsky fort. „Ich habe Euren Sekretär gekannt," sagte er, als er die Droschke bestieg,„das war ein Erzschurke, wie es wenige giebt; Gott Hab' ihn selig I" „Weijjt Du, Grischa, ans Tote soll man doch nicht schnupfe»." „Natürlich, de mortuis nihil uisi bene, aber ein Spitzbube war er doch." Die Freunde hatten den Leichenzug eingeholt und sich ihm an- geschlossen. Der Leichemvagen bewegte fich langsam vorwärts) so dast sie bis zum Kirchhofe Zeit hatten, einige Male in eine Kneipe zu springen, um für das Seelenheil des Verstorbenen ein paar Gläschen zu leeren. Auf dem Friedhofe wurde eine Messe gelesen. Schwiegermutter, Frau und Schivägcrin weinte» nach altem Brauch sehr. Als der Sarg in die Gruft versenkt wurde, rief die Gattin des Dahingeschiedenen laut aus:„Legt mich zu ihm I" Aber ste folgte schließlich ihrem Manne nicht inö Grab, da sie jedenfalls an die ihr zustehende Pension dachte. Sapoikin, der gewartet hatte, bis alles still wurde, trat vor, sah alle Unistehcnden an und begann: „Darf man seinen Augen und Ohren trauen oder ist dieser Sarg, sind diese verlveinten Gesichter, diese Seufzer und Weh- klage« vielleicht nur ein schrecklicher Traum? Ach, all' das ist leider kein Traum, und unser Auge täuscht uns nicht I Der Mann, den wir noch jüngst so froh. so jugendfrisch und unberührt sahen, er, der noch jüngst vor unsern Augen gleich einer emsigen Biene seinen Honig in den allgemeinen Bienenstock der staatlichen Organi- sation trug, er, der... dieser selbe Mann ist jetzt zu Asche, zu einer ITata morgana geworden. Der nnerbittlickie Tod legte seine starre Hand auf ihn zu einer Zeit, als er trotz seines vorgerückte» Alters»och voll frischer Kraft und strahlender Hoffnungen war. Welch' unersetzlicher Verlust! Wer kann ihn uns ersetzen? Gute Beamte haben wir viel, aber Prokofy Ossyphtsch ivar ein Anscrlvählter, Er war in tiefster Seele seinem ehrenvollen Amte ergeben, er schonte keine Kräfte und gönnte sich keinen Schlaf, er ivar im- antastbar, unbestechlich... wie verachtete er die, die ihn zum Schaden der allgemeinen Interessen bestechen wollten, die ihn durch verlockende, materielle Güter zum Verräter an seiner Pflicht machen wollten! Mit eignen Augen sahen wir,>vie Prokofy Ossyphtsch sein kleines Gebalt mit seinen ärmeren Kameraden teilte, und eben haben Sie selbst die Klagen der Witwen und Waisen ge- hört, die von seinen Wohlthaten gelebt habe». Seiner Dienstpflicht und dem Wohlthun ganz und gar ergeben, kannte er im Leben leine Freuden und gönnte sich sogar nicht das Glück des Familienlebens; es ist Ihnen ja bekannt, daß er bis zum Ende seines Lebens Hage- stolz blieb... Und wer kann ihn uns als Kollegen ersetzen? Wie steht sein rasiertes, freundliches, und gutmütig lächelndes Gesicht vor meinen Augen? Ich höre seine weiche, zärtlich freundschaftliche Stimme. Friede Deiner Asche, Prokofy Ossyphtsch! Ruhe sanft, Du ehrlicher, edler Kämpfer 1" Sapoikin fuhr in seinem Nachrufe fort; doch die Hörer be- gnnnc» zu tuscheln. Die Rede gefiel allen und rief manch« Thräne hervor, aber vieles darin schien zu seltsam. Erstens war c« uu- verständlich, weshalb der Redner den Verstorbenen Prokofy Ossyphtsch nannte, während er doch Kirill Jwanotvitsch hieß. Zweitens ivar allen bekannt, daß der Verstorbene sein ganzes Lebe» hindurch mit seiner legitimen Frau in Unfrieden gelebt halte, folglich auch nicht Hagestölz genannt werden konnte, drittens' hatte er einen roten Vollbart getragen, nie hatte er sich rasieren lassen, und deshalb tvar es unverständlich, weöhalb der Redner von seinem rasierten Gesicht sprach. Die Hörer tvaren stutzig geworden, sie blickten einander an und zuckten die Achseln. „Prokofy Ossyphtsch," sprach der Redner begeistert, indem er in die Gruft blickte,„Dein Antlitz war nicht schön, sogar häßlich. Du warst mürrisch und schroff, aber wir alle wußten, daß unter dieser äußeren Hülle ein ehrliches Freundcsherz schlug." Da bemerkten die Zuhörer, wie etwas Seltsames mit dem Redner vorging. Er blickte starr auf einen Punkt, machte eine unruhige Bewegung und zuckte die Achseln. Plötzlich hielt er inne, er öffnete erstaunt den Mund und wendete sich an seinen Freund Poplawsky. „Höre mal, er lebt ja noch!" sagte er mit einem Blicke des Entsetzens. „Wer lebt?" „Nun, Prokofy Ossyphtsch. er steht ja an jenem Denkmal." „Der ist doch gar nicht gestorben, Kirill Jwanolvitsch ist der Tote I" „Aber Du hast mir doch selbst gesagt, daß Euer Sekretär ge- storben ist." „Kirill Jwanowitsch war auch unser Sekretär, das hast Du komischer Kerl verwechselt. Prokofy Ossyphtsch ist allerdings unser früherer Sekretär gewesen, er ist aber vor z>vei Jahren in die zwefte Abteilung versetzt worden." „Mit Euch mag der Teufel fertig werden I" „Warum hast Du den Nachruf unterbrochen? Rede weiter, es wird peinlich." Sapoikin wandte sich wieder zur Gruft und führte seine Rede mit der früheren Beredsamkeit zu Ende. An einem Denkmal stand in der That Prokofy Offhpytsch, ein alter Beamter mit rasiertem Gesicht. Er sah den Redner böse an. „Was ist Dir blas eingefallen?" sagte» lachend die Beamten. die mit Sapoikin zusammen von, Begräbnis zurückkehrten.„Du hast ja einem Lebenden die Grabrede gehalten." „Das war nicht schön von Ihnen, junger Mann", sagte Prokofy Ossyphtsch brummend,„Ihre Rede' mag für einen Toten passen, in Bezug ans einen Lebende» kann sie nur ironisch gemeint sein. Ich bitte Sie, Ivas haben Sie gesagt? Unantastbar ... nicht käuflich... nimmt keine Bestechung... so etwas kann man von einem Lebenden doch nur im Spott sagen. Und lver hat sie gebeten, sich über niein Gesicht auszulassen? Man mag ja nicht hübsch, man kann ja häßlich sein, aber lvozn müssen Sic niciue Physiognomie so vor aller Welt bloßstellen? Das kränkt ja I"— Kleines Feuilleton. or. Die Schleppe. Mit kritischen Blicken musterten sie die Spaziergänger. Selbst die Kanzleiräli» fand noch Zeit, über das Strickzeug fort hin und wieder auf die Promenade zu sehen. „Da kommt schon wieder eine Blaue," sagte Frau Berger,„Blau ist wirklich das allermodernstc." „Aber ein eigentümliches Blau," meinte ihre Nachbarin,„es sieht so verwaschen aus." „Ist aber trotzdem recht niedlich." „Björnsoublau nennt man das," erklärte das kleine Fräulein Rieth" sie>var Verkäuferin in einem Warenhaus und kannte die Be- zeichnungen. „Ja, nach dem, von dem sie jetzt die vielen Stücke geben." Frau Berger besuchte das Theater und zeigte sich gern als die Ge- bildete. „Er schreibt sehr schöne Stücke. Haben Sie schon etivas von ihm gesehen?" Fräulein Rieth lvandte sich an die Kaiizleirätin, die schüttelte den Kopf:„Nein ich gehe nicht ins Theater, und wenn, da»» bloß zu einem Stück von Schiller, die neuen sind immer so unanständig. Sehen Sie mal bloß den Hut da drüben, ist es möglich?" „Er ist ja ganz einfach, nur drei Rosen d'rauf." „Na ich denke, gleich drei Rosen, und Ivie sie aufgesteckt sind, geradezu frech. So etlvas würde meine Grete nie trogen, nicht wahr Grctchen?" Fräulein Grctchen saß»eben Frau Berger und häkelte, ste ließ die Arbeit fallen und sah dem Hut»ach:„Nein, das wär mir zu auffallend; überhaupt die großen Hüte l Ich trage lieber englische, die sind viel voruchmer." „Und auch viel billiger." Frau Bergers Stinime klang etwas boshaft. In Gretcheus Stirn grub sich eine Falte:„Na, darum ist eS nicht! Aber sehen Sie bloß die Rotsammtne da drüben. Ist daS nicht Blödsinn? Ein Sammtkleid hier für den Staub?" „Ja. sie schleifen den Sammet und die Spitzen über den Damm, als wären es Plündern," sagte die Kaiizleirätin. „Und den Staub, den sie aufwirbelt I Die ganze» Schleppen sind abscheulich," stimmte Fräulein Rieth bei. „Ach Gott, findest Du? DaS finde ich gar nicht." Fräiilein Grctchen schüttelte den Kopf. „Nein, die Schleppen sind nett," nickte Frau Berger. „Sie geben der Figur so etivas Vollkommenes, das ganze Kleid sieht eleganter aus. wenn es eine Schleppe hat." «Ich trage auch Schleppen," ergänzte die Konzleirätin,„und an Gretchens neuem Grünen ivird auch eine gemacht." „Ja. ich möchte auch nicht ohne Schleppe gehen," meinte Frau Berger.„Ach nein, solche kurzen Röcke, das sieht so abgeknabbert aus." „Als ob das Geld nicht gereicht hätte," nickte Grctchen. «Aber teuer ist es doch," sagte Fräulein Rieth.„Wenn man einen solchen Schlepprock drei Wochen getragen hat, ist der Stoff durch und man muß eineii neuen Stoß daran setzen." „Na dann setzt man ihn eben." „Auf solch Endchen Stoß kommt eS doch nicht an." Frau Berger lachte:„Man kann ja auch Gummistöße tragen, die sind nicht teuer; sehe» Sie mal solchen; drei Mark kostet einer und hält doch immer fünf Wochen." Sie hob ihre» Kleider- saum in die Höhe und zeigte den Stoß. „Ja natürlich, man kann sich doch schützen", sagte Gretchen, „und ivenn die Schleppen Mode sind, dann mutz man sie doch eben tragen." „Ich trage doch keine." Fräulein Rieth schüttelte den Kopf. „Rein— und ivenn sie zehnmal Mode sind. Man belästig; die Leute damit und..." „Ach lieber Himmel I Daran soll man auch noch denken?" „Was gehen uns denn die ander» Leute an?" „Da möchte man weit kommen, wenn man darauf Rücksicht nehmen wollte." Die drei andern sprachen beinahe gleichzeitig. „Im Zimmer lasse ich sie mir ja gefallen," beharrte Fräulein Rieth,„an Gesellschaftskleidern, ja, da ist ste wirklich hübsch. Aber auf der Straße? Nein, Pfui I Wenn man denkt, wo sie überall herumfcgt und das nimmt man alles mit, den Schmutz und den Staub." — 376 „!Ka das muy man eben ausbürsten." DieJStimme der Kanzlei- rätin klang etwas von oben herab. Fräulein Rieth schüttelte sich.„Jawohl, ausbürsten. Brr! Em- innl Hab ich'ne Schleppe getragen, aber nie wieder. Was da raus- kommt, wenn man sie ausbürstet! Und das soll man einatmen? Nein ich danke! Das ist ja ungesund." „Na ja, Du"— Fräulein G retchen mas; sie mit einem hoch- mtttig mitleidigen Blick.—„Du mußt Dir das ja auch alles allein machen. Du armes Ding; wir geben solche Arbeit doch aber unserm Dienstmädchen."— Aus dem Pflanzenleben. — Der Meerrettich. A. Sliwa schreibt in der Wochen- scbrift„Nerthus": Der Meerrettich(Coeirle-rria armoracia) gedeiht am besten in einem kräftigen, mit verrottetem Kuhdünger SO bis 60 Centimeter tief rigolten, frischen Boden und in offener Lage. Die vorteilhafteste Fortpflanzungsweise ist die Anzucht aus starken Nebenwurzeln. Diese über den Winter in Sand aufbewahrten Nebenwurzeln bereitet man in der Weise zur Pflanzung vor, daß man sie mif 25—30 Centimeter Länge kürzt, mittels eines ivolleuen Lappens von allen Faserwurzeln befteit, wobei man jedoch die warzenartigen Auswüchse oben und unten zu schonen hat. Auf den Beeten zieht man zwei Linien, jede etwa 15 Centimeter vom Rand entfernt. Mittels eines 50 Centimeter langen � Holzes werden die Pflanzlöcher unter Annahme eines seitlichen Abstandes von 45 Centi- meter und eines ebensolchen im Verbände dergestalt bereitet, daß dieselben schräg nach der Mitte des Beetes zu laufen; das obere Ende der Wurzelschnittlänge soll etwa 3 Centimeter unter die Oberfläche des Bodens zu liegen kommen. Hierauf wird der Schnittling angedrückt und angegossen. Im Laufe des Sommers ist der Boden cinigemale zu lockern und von Unkraut reinzuhalte». Am schön glatte und starke Stangen zu erzielen, legt man anfangs Juli die Wurzel» bis auf ein Drittel ihrer Länge bloß, hebt sie recht behutsam und ohne daran zu ziehen, in die Höhe und entfernt die in ihrem oberen Teil entwickelten Nebenwurzel» mittels des Messers, die Fasenvurzeln durch Abreiben und bedeckt sie, nachdem sie wieder in ihre Lage zurückgebracht worden, mit Erde, die man gut andrückt. Gleichzeitig schneidet niau alle etlva zur Enttvicklung gelangten Köpfe bis aus die zwei besten weg. Im August kann sich diese Arbeit wieder- holen.— Astronomisches. — Neues vom Himmel. Der Polarstern gehört, wie sich herausgestellt hat, zu den merkwürdigsten Fixsternen, die unfrer Beobachtung zugänglich sind. Vor kaum zwei Jahren machte Pro- feffor Canchbell von der Lick-Sternwarte den in Chikago ver- sammelte» Astrophysikern die überraschende Mitteilung, daß gemäß seinen spektroskopischen Aufnahmen der Polarsten: ein System von drei Siemen bilde, von denen nur einer uns direkt sichtbar ist. Die spektroskopische Untersuchung ergab nämlich, daß der Polarstern in der Richtung gegen die Erde hin eine veränderliche Ge- schwindigkeit befitzt, die in einer Periode von weniger als vier Tagen steh wiederholt. Daraus folgt, daß der Stern innerhab dieser Zeit mit einem unsichtbaren Begleiter um den gemeinsamen Schwerpunkt sich belvegt. Weiterhin erkannte Professor Campbell, daß diese Betvegung des Doppessystenis sich wiederum, aber sehr langsam, ändert, so daß man zur Annahme eines dritten Körpers genötigt wird. Diese Bewegung unifaßt aber einen Zeitraum von vielen Jahren, dessen Dauer natürlich noch nicht bestimmt werden konnte. Nach Aufstellung des großen photographischen Refraktors im astro-physikalischen Observatoriuin zu Potsdam hat Dr. I. Hart- mann Untersuchungen über den Polarstern angestellt und die von Professor Campbell gefundenen Thatsachen völlig bestätigen kömien. Wie die der preußischen Akademie der Wissenschaften soeben vor- gelegte Abhandlung von Dr. Hartmann näher nachweist, beträgt»ach den Potsdamer Beobachtungen die Nmlaufszeit des Polarsterns und seines näheren Begleiters 3 Tage 23 Stunden 14 Minuten 21 Sekunden und die Aenderung der Geschivindigkeit innerhalb dieser Periode ist 6 Kilometer in der Sekunde. Wird diese periodische Geschwindigkeit in Abrechnnng gebracht, so bleibt für die Bewegung des Sterns noch eine erhebliche Geschwindigkeit übrig, welche vom Jahre 1888, aus dem die ersten Beobachtungen darüber vorliegen, bis zum August 1899 abnahm, seitdem aber wieder wächst. Sie betrug 1888 für die Sekunde 25,3 Kilometer, 1899 11,7 Kilometer, im November 1900 nach Hartmanns Messungen 12,1 Kilometer und im Januar 1901 nach demselben Beobachter 13,3 Kilometer. Um die Dauer dieses Umlaufs zu ermitteln, wird es notwendig, den Stern noch jahrelang spektroskopisch zu verfolgen. Nach Dr. Hartniaun kann man inzwischen in ganz roher Schätzung annehmen, daß der sichtbare Stern gemeinsam mit seinem unsichtbaren Begleiter um einen dritten Körper in ungefähr 15 Jahren eine Bahn mit einer Geschwindigkeit von etwa 6 Kilometern für die Sekunde durchläuft und demnach der Durchmesser dieser Vahu mindestens dreimal so groß sein muß als der Durchmesser der Erdbahn. Eine merkwürdige Entdeckung an: Stcrilenhimmel hat Professor Wolf in Heidelberg mit Hilfe des dortigen großen photographischeu Teleskops gemacht, nämlich einen Haufen von Nebel- flecken. Derselbe steht im Stern bildeHaar derBer enice. Professor Wolf schreibt:„Um die Stelle stehe» zahlreiche klein« Nebelflecke so dicht zusammen, daß man bei»: Anblick dieser Gegend söruilich über das merkwürdige Aussehen dieses NebelhaufenS erschrickt.' Ich finde, daß dort mindestens 103 Nebelflecke auf rnicr Fläche von der Größe des Vollmonds beisammen stehen. Darüber sind 4 oder 5 größere und central verdichtete Nebel sowie mehrere langgestreckte, die weitaus meisten haben aber rundliche Form und sind kleiner." Die Deutung eines solchen Nebelhaufens vom Standpunkt der Welten- bildungslehre ist zur Zeit noch nicht möglich, jedenfalls aber gehört eine solche Gestaltung zu den größten Merkwürdigkeiten des Weltalls.— („Köln. Ztg.") Technisches. is. Kleider aus T o r f f a f e r n. Vor etwa 10 Jahren wurden die ersten Versuche mit der Verwendung der Torffasen: für Gewebe angestellt, kamen aber zu keinem günstigen Ergebnis, da die damals hergestellten Fasern zu hart und brüchig waren, um ein gutes Spinnnlatcrial abzugeben, sich außerdem auch nur schwer bleichen oder färben ließen. Eine Verbcssenmg der Faser er- zielte zuerst der Wiener Ingenieur Zichorner, der ohne Anwendung von Chemikalien eine Art von Torfivolle erzeugte, die sich zwar nicht zu feinem Garn verspinnen ließ, aber doch zur Herstellung grober Gewebe biegsam genug war. Es zeigte sich auch zugleich ihr großer Vorzug in der Auftmhmefähigkeit für Wasser und in der geringe» Wärmeleitung. Gewebe aus Torfwolle sind also als ein ausgezeichneter Schutz gegen Feuchtigkeit und Temperatureinflüsse zu schätzen, ferner brennen sie schwer und sind recht haltbar, außerdem billig. Zschorner verfertigte auch eine Torfwatte, die sich alS Verbandszeug, als Füllsel für Kopfkissen und Bettdecken eignet. Ferner fertigte er große Decken und Seile aus Torfgarn, während er die Rückstände zur Herstellung von Papier benutzte. Noch weiter ging dann Geige aus Düsseldorf, der eine feine Torffaser herstellte, die außerordentlich ausirahmefähig für Feuchtigkeit ist und auch gebleicht oder gefärbt werden kann. Die Gewinnung geschieht durch die Behandlung mit Säuren und Alkalien und nachträgliches Kochen der entstandenen Flüssigkeit, wodurch die Torfzellen zersetzt und alle wertlosen Teile ausgeschieden werden, so daß eine aus reiner Cellulose bestehende Torfwolle zurückbleibt. Diese ist weich und elastisch und kann geradeso wie Schafwolle versponnen werden, sie kann daher auch inVermischungmitBannuvolle oder Schafwolle zurHerstcllnng von Geweben benutzt iverden. Torfkleider nehmen im Sommer den Schweiß in sich auf und halten im Winter die Kälte ab. Als Ver« bandzeug benutzt, saugen sie die Ausscheidungen der Wunde aus« gezeichnet auf, ferner ivird Torfwolle empfohlen als Bettunterlage für Kranke, als Polsterung ftir Schienen, außerdem zur Herstellung von Filzhüten und Teppichen.— Humoristisches. — Unverzeihlich. Professor(zu seiner aus dem Dienst tretenden Haushälterin): Sie tvaren sehr sauber, pünktlich und accurat in Ihren Arbeiten— nur eines kann ich Ihnen nicht vergessen, daß Sie die Endsilben immer verschluckt haben!"— — Hinten her» m. Backfisch(in der Buchhandlung): „Was kostet der„Schiller" da im Fenster?" Buchhändler:„Zehn Mark!" Backfisch:„Ach, wie teuer ist denn das Kochbuch, welches rechts daneben steht?" Buchhändler:„Das kommt auf zwei Mark I" Backfisch(zögernd):„Und der Liebesbriefstcller links?" Buchhändler:„Fünfzig Pfennig." Backfisch:„Dann geben Sie nur, bitte, den."— — Verräterische Kritik. Herr:„Sehen Sie, gnädiges Fräulein, dort geht der Verfasser des neueste:: Sensations-Romans i .Sumpfluft." Dame:„Der? Nicht möglich! Der sieht ja aus tvie ein ganz anständiger Mensch!"— Notizen. e. Gabriele K'Annunzio schreibt ein Gedicht über den heilige» Franz von Assisi, das von dem Komponisten Rossi in Musik gesetzt iverden soll.— Dieser Gabriel wird noch die ganze Welt- und Heiligeugcschichte cinschlachten. Ja, es ist schwer heut zu Tage, wenn man Peierlein auf alle» lsttcrarischen Modesuppen sein will!— — Die Leipziger Finkenschaft wird am 13. Juni Hebbels„Judith" mit Matkowsky und Louise Dumont in den Hauptrollen im alten Stadt-Theater zur Anfführung bringen.— ,— H a l e v y s Oper„Der B l i tz" wird von der Marwitz- Oper während ihrer diesjährigen Spielzeit im Schiller- Theater aufgeführt iverden.— — Der Verein Düsseldorfer Künstler zu gegen- seitiger Ilnterstützung und Hilfe umfaßt jetzt 161 einheimische und 24 auswärtige Mitglieder. Außerdem sind 24 einheimische und aus- wärtige Künstlerinnen zu der Beschickung der Kunstausstellungen durch die Kommission des Vereins berechtigt. Das Vermögen betrug Ende 1900 440850 Mark, das Vermögen der Künstler-Wiltveukasse 129 787 M.— — Zur Gründung einer deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und Naturlvissenschaften fordern Prof. Kahlbauin-Basel, Prof. Pagel-Berli» und Dr. Sudhoff« Hochdahl auf.— Verantwortlicher Redactcur: Heinrich Ströliel in Berlin. Druck und Verlag von Max Vading in Verlin.