.Anterhaltmigsblatt des Horivarts Nr. 97. Dienstag, den 21. Mai in01 tNachdruck»erboten.! 841 v b e i 5: Nomn» in drei Büchern von Emile Zola. Ans den» Französischen übersetzt von Leopold Rosenz>v ei p. Und auf jeder Seite des kleinen Buches erstrahlte das herrliche Wort Solidarität, das seinen Titel bildete. Da und dort glänzte ein Satz auf wie Leuchtfeuer. Die Vernunft des Menschen ist unfehlbar, die Wahrheit ist nur eine, was die Wissenschaft festgestellt hat, ist unwiderruflich, ewig. Die Arbeit soll zum Freudenfeste werden. Das Glück eines jeden wird eines Tags nur noch im Glück der andern bestehen, es wird keinen Neid, keinen Haß mehr geben, wenn genug Platz auf der Erde sein wird für das Glück aller. Die Zwischenräder der gesellschaftlichen Maschinerie niüssen beseitigt werden, da sie unnütz sind und Kraft verzehren; der Handel war damit zur Vernichtung verurterlt, der Verbraucher sollte nur mit dem Erzeuger zu thuii haben. Mit einem Sensenhiebe waren alle Parasiten htnweggcmäht, alle die unzähligen Schädlinge zerstört, die von der socialen Äorniption leben, von dein unaufhörlichen Kriege aller gegen alle, unter den» die Menschheit leidet. Keine Armeen, keine Gerichtshöfe, keine Gefängnisse niehr. Und über alleden» strahlte in der endlich aufgegangenen Morgenröte die Gerechtigkeit wie eine flammende Sonne, vertrieb das Elend von der Erde, gab jedem Wesen, das geboren wurde, sein Recht an das Leben, sein tägliches Brot, sein ihm gebührendes Maß an wirklichem Glück. Lucas lies; das Buch sinken und verlor sich in Gedanken. Das große und heldenhafte neunzehnte Jahrhundert rollte sich vor seinein Geiste auf. mit seinen unablässigen Kämpfen. seinem tapferen und leidcnsvollen Ringen zur Wahrheit und Gerechtigkeit hin. Von einein Ende zum andern war es erfüllt von der unwiderstchlicheu demokratischen Bewegung, von dem Aufivärtsstreben des Volks. Die Revolution hatte nur erst das Bürgertum zur Macht gebracht, es bedurfte noch- eines Jahrhunderts, damit die Evolntion sich vollende, damit das ganze Volk sein Teil erhalte. Die Samenkörner keimte» nt dem ohne Unterlaß durchwühlten alten monarchischen Boden; und seit den Tagen von 1848 erhob die sociale Frage ihr Haupt, die Forderungen der Arbeiter traten immer stärker bervor, rüttelten an den Säulen des neuen bürgerlichen Regimes, das im Besitze war, und das durch den egoistischen, tyraiinischeil Besitz seinerseits in Fäulnis verfiel. Und nun. im neuen Jahrhundert, wird, sobald das unaufhaltsame Wachstum des Proletariats den alten socialen Bau gesprengt hat. die Reorganisation der Arbeit die Grundlage der künftigen Gesellschaft bilden, die nur durch eine ge- rechte Verteilung der Güter wird bestehen können. Der ganze Fortschritt, der nahe bevorstehend und unausweichlich ist. liegt darin. Die furchtbare Krise, welche die Monarchien stürzte, als die alte Welt von der persönlichen Sklaverei zur Lohnsklaverei überging, ist nichts im Vergleiche zu der jetzigen Krise, die seit hundert Jahren die Völker rüttelt und schüttelt, zu der Krise des in Entwicklung begriffenen Proletariats, das sich umgestaltet, das etwas andres wird. Und aus diesem Andern wird das glückliche und brüderliche Reich der Zukunft herauswachsen. Lucas legte das Buch leise aus der Hand und löschte das Licht aus. Das Lesen hatte ihn wunderbar beruhigt, er fühlte den friedlichen und erquickenden Schlaf nahen. Wohl hatte er keine klare Antwort gefunden auf die drängenden Fragen, auf die klagenden Hilferufe, die aus der Finsternis zu ihm gedrungen waren und seine Seele in ihren Tiefen aufgerüttelt hatten. Aber er hörte die Rufe nicht mehr, als ob die Enterbten, die sie ausgestoßen hatten, sich nun, in der Ueberzeugnng, daß sie gehört worden waren, in Geduld gesaßt hätten. Der Same war ausgestreut, die Ernte würde ausgehen. Das kleine Buch hatte Leben bekommen in der Hand eines Helden und Apostels, und die Mission wird er- füllt werden, wenn die Stunde dafür gekommen ist in der Entwicklung der Dinge. Und Lucas selbst hatte kein Fieber mehr, er suchte nicht mehr angstvoll nach einem Ausweg, ob- gleich die Losung des großen Problems, das seine Seele er- füllte, gleichsam in der Schwebe blieb. Er fühlte sich be- fruchtet von der Idee, mit der festen Zuversicht, daß er sie zur Welt bringe»» werde. Vielleicht morgen schon, wenn er gut schlafen konnte. Und er gab endlich seinem große»» Ruhe- bedürchris nach und versank, erfüllt von Geist, Zuversicht»rnd Willenskrast, in einen köstlichen Schlaf. Als Lucas am nächsten Morgen um sieben Uhr erwachte und die Sonne am weiten, klaren Himmel sich erheben sah, war fein erster Gedanke, aus dem Hause zu gehen, ehe seine Wirte ihn sehen koirnten, und die Felsentreppe zuin Hochofen hinaufzusteigen. Er wollte Morfam aitfsuchen. mit ihm sprechen und bei ihm gewisse Erkundigungen einziehen. Er gehorchte einer plötzliche»» instinktiven Regung, die ihn vor allem drängte, sich ein genaues Urteil über die aufgelassene Mine zu bilden, von der Morfain, der auf dem Berge geboren und aufgewachsen war. jeden Stein kennen mußte. Und in der That, der Schmelzmeister, den er nach der diirchgetvachtcu Nacht bei dem nun ztveifellos»nieder gesunden Hochofen fand, geriet in Eifer, sobald das Gespräch auf die Mine kam. Er, Morfain, hatte über die Sache immer seine eignen Ge- danken gehabt, auf die niemand hören wollte, obgleich er sie oft genug wiederholte. Nach seiner Ansicht hatte der alte Laroche unrecht gethan, so rasch die Hoffnung aufzugeben lind den Abbau einzustellen, sotvie dieser aufgehört hatte, lohnend zu sein. Freilich war das Erz so schlecht geworden, so schtvefel- und phosphorhaltig, daß es keinen guten Guß mehr ergab. Aber Morfain war überzeugt, daß man lediglich auf eine durchziehende schlechte Ader gestoßen sei, und daß man nur die Stollen weiter vorbauen, oder noch besser einen neuen an einer andren, von ihm bezeichnete»» Stelle hätte eintreiben niüssen,»im»nieder auf das frühere vorzügliche Erz zu stoßen. Er stützte diese Ueberzeugnng auf eine Reihe von Anzeichen, auf seine genauen Kenntnisse aller benachbarten Berge, die er seit vierzig Jahren beging und untersuchte. Er war freilich nicht gebildet, er war ilur ein einfacher Arbeiter, der sich»nit den Herren Ingenieuren nicht in einen Streit einlassen konnte. Trotzdem war er erstaunt, daß man nicht mehr Vertrauen in seinen Spürsinn setzte, und daß man es achsclzuckcnd nicht einmal der Mühe wert gefunden hatte, sich durch einige Son- dierungen von der Nichtigkeit dessen zu überzeugen, was er behauptete. Die ruhige Sicherheit des Mannes machte tiefen Eindruck auf Lucas, um so mehr als er die Indolenz strenge verurteilte. mit der der alte Laroche die Mine auch dann noch nutzlos hatte liegen lassen, als die Erfindung des neuen che»nischen Verfahrens die Nutzbarmachung auch des schlechten Eltzes ermöglicht hätte. Nach dem heutigen Stande der Wissenschaft war der Betrieb der Mine unbedingt lvieder auf- zunehmen, selbst wenn man bemüßigt sein sollte, das Erz cheimsch zu behandeln. Und»vic erst, wenn Morfain»nit seiner Ucberzeugung recht behalten sollte, wenn»nan auf neue, reiche und reine Adern stieße! Er nahm bereitwillig den Vor- schlag des Schinelzmeisters an, mit ihm einen Spaziergang zu den verlassenen Stollen zu niachcn, damit er ihm seine Ansicht an Ort und Stelle darlegen könne. Der Aufstieg in der klaren, kühlen Morgenluft durch die felsige,»vilde Einsam- keit, in welcher der Lavendel duftete,»var köstlich. Drei Stunden lang kletterten die beiden Männer durch die Schluchten der Felswand, drangen in Höhlen ein, folgten den tannenbewachsenei» Hängen,»vo stellenweise das nackte Gestein hervortrat wie das Skelett eines verscharrte»» Riesenkörpers. U»»d allmählich übertrug sich die Ueberzeugnng Morfains auf Lucas, erfüllte ihn wenigstens mit einer ahnenden Hoffnung, daß die Trägheit der Menschen hier einen Schatz habe»in- gehoben liegenlassen, den die Erde, die unerschöpfliche Mutter, noch immer herzugeben bereit»var. Es war Mittag vorüber und Lucas verzehrte ein einfaches Mahl von Eiern und Milchspeise oben auf den Monis Bleuses. Als er gegen zwei Uhr hochgestimmt, die Brust geweitet von der freien Bergluft, zurückkehrte,»mlrde er von seinen Wirten, die seinetwegen schon in Unruhe geivesen waren, da sie sich sein Ausbleiben nicht erklären konnten, mit lebhaften Aus» rufen enipfangen. Er entschuldigte sich, daß er ihnen nichts von seiner Absicht eines Spazierganges aus die Höhe gesagt hatte, erzählte, daß er sich verirrt und bei Vaueröleuten gegessen habe. Er gestattete sich diese kleine Lüge, weil er die Geschwister Jordan nicht allein und noch bei Tisch traf. Wie an jedem zweiten Dienstag des Monats hatten sie drei Gäste: den Abbe Marie, den Doktor Novarre und den Lehrer Her- meline, die Soeurette gern an ihrem Tisch vereinigte, und die sie scherzhaft ihren Großen Rat nannte, weil sie ihr in ihren wohlthätigen Werken beistanden. Die so festverschlosscne Crechcrie. wo Jordan in fast klöster- lichcr Abgeschiedenheit ein stilles Gclehrtendasein führte, öffnete sich diesen drei Männern, die als vertraute Freunde behandelt wurden. Man hätte freilich nicht sagen können, daß sie diese Gunst ihrer Einigkeit dankten, denn sie stritten fortwährend mit einander; aber ihre Diskussionen unter- hielten Soeurette. und sie freute sich darüber, daß sie auch Jordan zu zerstreuen schienen, denn er hörte lächelnd zu. „Sie haben also schon gcgcffcn?" sagte sie zu Lucas. „Aber Sie trinken doch eine Tasse Kaffee mit uns, nicht wahr „Die Tasse Kaffee wird gern angenommen," erwiderte er heiter.„Sie sind wirNich zu liebenswürdig gegen mich, während ich eigentlich die stärksten Vorwürfe verdiente." Die kleine Gesellschaft begab sich in den Salon. durch dessen geöffnete Fenster man auf die Rasenflächen und die Bäume des Parks sah, die ihren kräftigen Duft hcrcinsandten. Aus einem Tischchen stand eine Porzellanvasc mit einem Strauß herrlicher Rosen. die der Doktor Novarre liebevoll züchtete, und von denen er jedesmal Soeurette einige mitbrachte, wenn er ans die Crechcrie geladen war. Während der Kaffee gereicht wurde, sehten der Pfarrer und der Lehrer ihre Diskussion fort; seit dem Beginn der Mahlzeit hatten sie niäit ausgehört, über die Fragen der Bildung und Erziehung nnteinandcr zu streiten. „Wenn Sie bei ihren Schülern nichts ausrichten," sagte der Abbe Marie,„so ist es. weil Sie Gott aus Ihrer Schule verjagt haben. Gott ist der Herr der Geister,»vir wissen alles nur durch ihn." Der große starke Mann mit der Adlernase und dem vollen Gesicht mit den regelmäßigen Züge» sprach mit der starren Autorität seines Glaubens, sehte alles Heil der Welt ans den Katholizismus und auf die strikte, huchstabengctrcuc Befolgung seiner Dogmen. Und ihm gegenüber saß Hcnncline, der Lehrer, ein kleiner nragerer Mann mit knochigem Gesicht, spitzem Kinn und eckiger Stirn, ebenso starrsinnig. fonnalistisch und autoritär, der mit kaltem Grimm seine Religion dcS mechanischen, durch Gesetze und militärische Strenge zu fördernden Fortschritts verfocht. „Ach, lassen Sie mich zufrieden mit Ihrem Gott, der die Menschen nur zum Irrtum und zu Leiden führt! Wenn ich bei meinen Schülern nichts ausrichte, so kommt dies einnial davon, daß nian sie zu früh wegnimnit, um sie in die Fabriken zu schicken. Und ferner kommt es hauptsächlich davon, die die Disciplin sich immer niehr lockert und daß der Lehrer gar keine Autorität mehr hat. Wenn ich meinen Jungen ein paar odentliche Stockstreiche geben dürfte, so würde ihnen das schon den Schädel öffnen." Da Soeurette einen kleinen Ruf des Entsetzens ausstieß, sehte er seine Ansicht ausführlicher auseinander. Nach seiner Ueberzcugung gab es nur eine Rettung aus der allgemeinen Verderbnis: die Lsinder unter die Disciplin der Freiheit zu beuge», ihnen das republikanische Bewußtsein so einzuprägen, mit Gewalt, wenn es sein nmß, daß es ihnen zeitlebens im Blute bleibt. Sein Ideal war. aus jedem Schüler einen Diener des Staats, einen Sklaveir des Staats zu machen, der seine Individualität dem Staate vollständig opfert. Für ihn gab es nichts Höheres, als daß alle dasselbe auf dieselbe Art lernen sollen, zu demselben Zwecke, der Allgemeinheit zu dienen. Das war seine harte und trostlose Religion einer von den Rcminiscenzen der Vergangenheit mit Stockstreichen zu befreienden Demokratie, die dann aufs neue zu Zwangsarbeit verurteilt sein und unter der Zuchtrute der Herren ihr vorgeschriebenes Glück finden sollte. „Außerhalb des Katholizismus ist nur Finsternis," wieder- holte starrsinnig der Abbe Marle. „Aber er steht ja vor dem Zusammenbruch I" rief Hermeline.„Eben darum bedürfen wir eines neuen gesell- schaftlichen Gerüstes." Der Pfarrer war sich zweifellos sehr wohl bewußt, daß der Katholizismus im entscheidenden Kampfe mit der Wissenschaft lag, welche jeden Tag weiter siegreich vordrang. Aber er wollte es nicht offen zugeben, er gestand nicht einmal ein, daß seine 5tirche leerer und leerer wurde. „Das Gerüst des Katholizismus," versetzte er,„ist»och so stark, so ewig, so göttlich, daß Sie seine Konstruktion nach- ahmen, wenn Sie davon sprechen, was weiß ich, was für einen atheisttschen Staat aufzubauen, in welchem Gott durch eine Maschine ersetzt würde, die die Menschen regierte und erzöge I" „Eine Maschine, warum nicht?" rief Hermeline, gereizt durch das Stück Wahrheit, das in dem Angriff des Priesters lag.„Rom ist nie etwas andres gewesen als ein Vampyr, der das Blut der Welt gesogen hat." Wenn der Streit zwischen den beiden sich zu solcher Heftigkeit gesteigert hatte. Pflegte der Doktor Novarre in seiner leicht ironischen, versöhnlichen Art einzugreisen. „Nun, nun, meine Herren, ereifern Sie sich nicht. Sie sind nicht mehr weit von einer Verständigung, da Sie sich gegenseitig vorwerfen, daß der eine des andren Religion nach- ahme. Der Doktor, ein kleiner, schmächtiger Mann mit fein- gesonnter Nase und glänzenden Augen, war ein toleranter, ein wenig ironischer Geist, der, ganz der Wissenschaft ergeben, den politischen und socialen Fragen sein tieferes Interesse venveigerte. Er sagte, gleich Jordan, dessen intimer Freund er war. daß er die Wahrheiten nur an dem Tage in sich auf- nehme, wo sie wissenschaftlich bewiesen seien. JmZübrigeniwar er ein bescheidener, fast schüchterner Mann, ohne jeden Ehrgeiz, der sich damit begnügte, seine Kranken nach bestem Wissen zu behandeln, und der keine andre Leidenschaft hatte, als die Pflege seiner Rosen innerhalb der Mauern seines Gartens, wo er einsam in glücklichem Frieden lebte. (Fortsetzung folgt.) VevfÄll. (Deutsches Theater.) An der„Mutter Mari a" von E r n st R o s in e r ist nur der eine Umstand vcnicrkenswcrt, datz es in einer Mittagsvorstellung dcS Deutschen Theaters aufgeführt iverden konnte. Ich will voraus- schicken, daß ich die übrige» Arbeiten der Dame(Ernst Rosmer ist ein Pseudonym) nickit kenne. Ich bitte also mein Urteil, das leider nicht milde ausfallen kann, nur auf das vorliegende Stück be- ziehen zu wollen. Ich schicke diese paar Zeilen voraus, weil mir von urteilsfähiger Seite gesagt worden ist, datz Frau NoSiuer bereits recht feine Leistungen aufzuweisen hat, und weil ich nickit in de» Verdacht kommen möchte, diese mir unbekannten Sachen ebenso niedrig einzuschätzen, tvie ich leider„Mutter Maria" einzuschätzen gczwimge» bin. Ich will mit dem Bekenntnis beginnen, datz ich von dem Stück, wie man zu sagen pflegt, nicht die Bohne verstanden habe, oder doch nur das eine verstanden habe, datz es sich um eine überaus traurige, seichte und zum Teil geradezu blvdsiunige Schwätzerei handeit. NichtSdeftowcniger will ich versuchen, den Gang der Hand- lung niederzuschreiben. Vielleicht ist einer meiner Leser so glücklich, den tieferen Sinn dcS Unsinns zu entdecken. Befehlen wir also unsere Seele dem Himmel und fangen wir an: Die Handlung spielt im Hochgebirge. Zu Anfang ist ei» Eremit auf der Sccnc, der im Stück der verständigste und liebenswürdigste Charakter ist. Er ist überhaupt der einzige Charakter, in dessen Adern menschliches Blut rollt. Wenn es auch in den Grnndzügcn kein neuer Mensch ist, den ivir kennen lernen, so ist es doch immerhin ein Mensch und das genügt in der triste» Ohnmacht dieses Stücks vollkommen. um angenehm auf- zufallen. Wahrend der ersten Scene, in der unser Eremit ein durchaus nicht poesieloses Ziviegespräch»nt dem Tode führte, glaubte ich an eine feine, wen» auch vielleicht kleine Arbeit. Dann tritt so ein rabiater Naturbursche auf, so eine Art Uebermcnsch an Willen und Muskeln, der an den Jäger i»„Wenn wir Toten erwachen" anklingt. In dieser Scene— in der zweiten des Stücks— geht der eigentliche Jammer an. Die Scene selbst ist immer noch Hoffnungsboll, zumal da K a y tz l e r den Jäger mit grotzer Kraft und Frische spielte. Bon da an geht es leider abwärts. Der Jäger oder Bergsteiger oder was er sonst ist, hat eininal oben in> vereisten Hochgebirg ein schönes Weib ge- sehen, so eine Art Fee des Hochgebirgs, die im Mondschein droben mit ihren liebenswürdigen Schwestern sinnbcthörende Tänze aufführt. Dieses Weib will also der kühne Willciisnrensch erringen. Datz die Sache schief geht, ivissen Ivir bereits, da der dunkle Engel des Todes, der ans der Bühne weilt, uns davon unterrichtet hat. Der Tod führt persönlich eine» Bergrutsch herbei, wobei er allerlei Beschwörendes hersagt, das ich zu meinem �Bedauern nicht verstanden habe. Der Jäger versammelt sich also zu seinen Vätern, und der Schauspieler, der die Rolle spielt, kann sich abschminken und nach Hause gehen, was mich bereits in diesen: Stadium der Handlung mit Neid erfüllte. An Stelle des Jägers kommt nun die Fee, die er gesucht hat, vom Berge hernieder. Sie vennitzt ihren Gürtel, den ihr' der Jäger geraubt' hat. Später stellt sich heraus, datz er sie auch geküht hat, mitbin also mindestens in den Vorhof seiner Seligkeit gelangt ist. Mit diesem Gürtel mutz es eine recht sonderbare Bc- ivandtiiiS haben— die Fee bekommt plötzlich ein menschliches Herz, fühlt so etivas wie Liebessehnsncht und wird ein irdisches Weib, Sie geht nun ins Thal hernieder z» den Menschen, und wir finden sie wieder, wie sie hochschwanger als Bettelweib vor der Thür einer Kapelle liegt. Ich habe zunächst leise lächeln müssen, als ich sah, daß sie die kurze Spanne ihres Menschendaseins bereits in dieser weiblich— allzu weiblichen Weise benutzt hatte. Später scheint es jedoch, als ob das ganze Unglück von jenem Kuß des Jägers her- rührte, und da habe ich mich aufrichtig gefreut, dafi wir ans dieser sündigen Erde für einen Knfi nicht ganz so hart z» büßen brauchen. Wie Maria— so heißt die Fee— in ihrem hilflosen Elend so daliegt, erscheint der Tod, um ihr noch»»geborenes Kind zu holen! sie ringt indessen mit ihm und besiegt ihn, woraus man am Ende schließen darf, daß gegen den Tod trotz des Sprichworts den- noch ein Kraut gewachsen ist. Das Kind kommt also auf der Straße zur Welt und lebt. Im nächsten Akt finden wir Maria an der Wiege ihres Kindes wieder, strahlend vor Mntterglück. Der alte Einsiedler besucht sie und bringt ans einige Augenblicke wieder etwas nienschliche Wärme ans die Bühne. Er scheint sich vergeblich beniüht zu haben, ihr das Vaterunser bei- zubringen— sie lehnt es unter Anzeichen heftigen Widerivillens ab. Vielleicht kommt es daher, daß sie einmal ei» heidnisches Fabelwesen war, aber im Grunde ist sie doch jetzt Mensch, Weib, Mutter ge- worden. Halten wir uns indefien nicht mit so geringfügigen Wider- sprüchen auf. Beruhigen wir uns dabei, daß sie zlvar Mensch geworden ist, daß ihr aber doch noch das alte Heidentum im Blute steckt. In der Nacht kommen nun die andern Feen zu ihr, tanzen ihr was vor und locken sie wieder in die mondbeschienene Eisregion zurück. Während sie tanzt, kommt der unvermeidliche Tod und macht ihr Kind zunächst krank, was mir von seiner Seite ein Uebcrgriff in ei» fremdes Ressort zu sein scheint. Der Versuch, am nächste» Morgen die Krankheit durch ein Vaterunser zu bannen, mißlingt, da Maria noch immer nicht recht niit dem Bete»' zu stände kommen kann. Das Kind stirbt also und Frau G e ß n e r, die die Mutter spielt, schlägt ans der Bühne lang hin— Bravissimo I In, letzten Akt ist Maria in Schmerz aufgelöst und stirbt schließlich, was von den leidenden Zuschauern nicht ohne Genug- thnung begrüßt wurde. Der Tod scheint ihr ain letzten Ende noch zu attestieren, daß sie es nun doch fertig gebracht habe, so etwas tvie eine„Mutter Maria" in symbolischer Bedeutung zu werden. Er war indessen vorsichtig genug, mit der Bemerkung zu schließen, daß er die eigentliche Lösung des Rätsels' mitnehme. Wie schade! Ich bin zlvar kein Freund voin Rätsellösen, am lvcnigstcn im Theater, aber schließlich nimmt man doch gern etwas mit. wenn man einige Stunden geopfert hat— sei es auch nur ein aufgelöstes Rätsel. Daß der Tod so häufig durch die Dichtungen der Mode spukt, ist ein Zeichen, daß er auch durch die Welt spukt und somit ein Zeichen von Verfall. Daß ein Teil dcS Publikums sich durch bunte Märchen über diese Thatsache himvegzntröstcn sucht, ist wiederum Verfall, und daß das„Deutsche Theater" derartige Erzeugnisse spielt, ist zum drittenmal Verfall. Unter den Darstellern hatte es F i s ch e r am besten, der de» liebenswürdigen Einsiedler mit liebensivürdigcm Hrmior spielte. Herr S o m m c r st o r f war in der deklamatorischen Partie des Todes gut, während Frau G e ß n e r recht äußerlich tragierte, was uns zu einer„Mutter Maria" nicht gm>z zu stimmen scheint. Im übrigen hatte sie— einmal ihren äußerlichen Stil zugegeben— einige wirkungsvoll« Moniente.— Erich Schlaikjer. Kleines JsemHelon. — Die Rnsbildnng der Sinne beim Arzte. In der„Leipz. Ztg." schreibt ein Fachmann: Von allen gelehrten Bernsen erfordert keiner eine solche AnSbildnng aller Sinne wie der ärztliche. Sieht man von Gernchsempfindnngen ab, die als aufdringlich auch dem Laien nicht entgehen können, so bleiben noch andre übrig, die allein der Arzt zu unterscheiden im stände ist. Er deutet z. B. die Atmnngslnft der Zuckerkranken, die bei Erkrankungen der Mund- schleimhaut nach chronischen Vergiftungen durch Metalle, wie Blei, Quecksilber, und den häufig ganz eigenartigen Geruch bei Eni- zündnngen des Rachens. Namentlich die älteren Aerzte legen großen Wert auf das Vermögen, verschiedene charakteristische Gerüche ans- zulegen, und auch heute findet man Erfahrene, die sofort eine Wahr- scheinlichkeits-Diagnose beim Betreten des Krankenzimmers von Scharlachkranken. Tuberkulösen, Frauen in kritischen Zeilen abzugeben inr stände sind. Weniger in Betracht kommt die Ausbildung des Gc- schmacks, obgleich auch an diesen Sinn vorzüglich beim Studium der Krankenkost-Zubcrcitung Anforderungen gestellt werden. Gedankenlosen Verordnungen legt der Widcrivillcn der Kranken gegen bestimmte Arzneien berechtigte Hindernisse in den Weg, veranlaßt zum Aus- sinnen der sogenannten Korrigenticn, d. i. geschmackverbessernden Mittel. Allerdings sind die Zeiten vorüber, da der Arzt in dem Extrem seiner Selbstverleugnung— horribile dictu— Naturalia kostete, was indes weniger ernst zu suehmen ist. erinnere man sich, daß er früher den widerlichsten Dingen Heilkraft zusprach und sie ordinierte. Beiläufig sei erwähnt, daß ein Stoff, der in den früher auch schon bei den alten Aegyptern gebräuchlichen wunderlichen Riedikamenten cuthalten war, auch jetzt in der Heilkunde eine Rolle spielt, nämlich der künstlich synthetisch hergestellte Harnstoff ein Triumph der neuen Chemie. Wie der Gobelinweber 400 verschiedene Arten Gelb, der Musiker feinste Tonschwingungen, der Blinde tastend den Charakter der Hochdruckbuchstaben durch Uebung auseinanderzuhalten vermag, so muß der Arzt darauf Bedacht nehmen, sein Gesicht, Gehör und Gefühl zu vervollkommnen. Ein geschärfter Blick, geübt durch den Anschauungsunterricht der anatomischen Lehrknrse und der Klinik, übersieht im Moment den ganzen Habitus des Kranken. Er schätzt den Gesichtsansdruck, die Wölbung der Brust, die kleinste Verkrümmung der Wirbelsäule. Aus Abweichungen des Skeletts vom Normalen, ans deni Zurückbleiben einer Brusthälfte bei der Atmung, aus dem Verhalten einzelner Mnskelgrnppen zieht er seine Schlüsse. Je nach der Sachlage waffnet er sich mit den vcr- schiedenen Arten von Untersuchungsspiegeln und wirst die von der Lichtquelle erborgten Strahlen in das Auge, das Ohr, den Mund, die Nase, den Kehlkopf und in die Luftröhre bis zu der Stelle, wo sie sich zu teilen anschickt. Mit geeigneten Instrumenten macht er sich das direkte Licht der Sonne bei Frauenkrankheiten zu Nutze. Er führt minutiös gearbeitete, genial erdachte Träger und Leiter des elektrischen Lichts in den Magen, in die Blase und prüft die Bilder des Röntgenschirmes. Eine reichfließende Quelle der Befriedigung gewährt ihm die mikro- skopische Untersuchung. Hier ist es seinem Scharfsinn überlassen, Befunde zu deuten, Farbkontraste im Präparat zu unterscheiden; das Winzigste darf ihm nicht entgehen. Er lernt es ans den Wirkungen des Polarisationsapparats, des Stereoskops, der C.-unerg. obscura mit ihren ProjcklionSbildcrn, er wird zum Photographen, zum Färber und Maler, mit dem Metermaß und dem Tastcrzirkel in der Hand zum Vermcsscr. Nicht minder zahlreich sind die Aufgabe» für die Uebung seines GehörS. Die Schlüsse, die er ans dem zieht, was sein Trommelfell dem arbeitenden Gehirn zuträgt, sind oft von der tvniiderbarstcn Feinheit. Kein Kranker, fühlt er das Ohr des Arztes an seiner Brust, kann die Zickzacklinien der Gedanken ahnen, fdie sich zuletzt doch in den einen Punkt der Gewißheit, der sicheren Diagnose vcr- einen. Die feinsten Tonqualitäten der den Körper durchrauschenden sich an den Herzklappen reibenden Blntwelle müssen nach Zeit und Ort auseinander gehalten werden, die viclgeartetcn Geräusche der die Lunge durchflichenden Luftsäule als normal oder krank- Haft unterschieden werden. Unter dem Finger entstehen, je nachdem er auf hohle, lnft- und flüssigkeitshaltige oder feste Organe klopft. Schallunterschiede, die von größter Wichtigkeit sind und zeigen, ob diese Orgaue an ihrer richtigen Stelle liegen, ob sie von normaler Gestalt und Große sind, oder ob ihnen krank- haste Beschaffenheit zuzusprechen ist. Bei der Percussion spielt auch die Tastempfindung eine gewisse Rolle, die allein in Betracht kommt, wenn die fühlende Fingerspitze, die Hand, unter Umständen mit der Sonde bewaffnet, Aufschluß geben muß über die Grenze» bestimmter Körperteile. Das Tastgcsühl übernnttelt die Empfindung abnormer Widerstände, unterscheidet über Glätte und Rauhigkeit von Körperoberflächen, ob hart ob weich, ob warm ob kalt, sie fühlt die mannigfachen Verschiedenheiten der Arterienwandung und ihre Füllung. So fördern die ivohlgeschulten Sinne in ihrer Gesamtheit in ihrem gegenwärtigen Ergänzen und durch ihre gemeinsame Thätig« keit die ärztliche Kunst und dienen dem Wohle des Kranken.— — Für den Nährwert des Brotcö ist hauptsächlich sein Gc» halt an Stärkemehl entscheidend, und wie lockeres, weißes Brot, be- strichen mit Schmalz oder Butter und belegt mit Käse oder Fleisch, ein vorzüglicher Träger für diese Nahrungsmittel ist, so ergänzt eS wegen seines Reichtums an Kohlehydraten in einer solchen Ver- bindung gleichzeitig aufs beste Fette und Eiweißkörper zu dem für die Ernährung des Körpers notwendigen Gemenge an Nährwerte». Das Brot enthält jedoch auch an und für sich Eiweiß, Fett. Salze, Wasser in folgendem Verhältnis: Eilveiß 6—10 Proz., Stärke 50 bis 80 Proz, Fett 0,8—0,9 Proz,, Salze 0,1—1,5 Proz., Wasser 11 bis 42 Proz. Dazu kommt nun noch im Kleienbrot die Cellulose, die in der Kleie, der mitgebackcuen Hülle des Weizenkorns vorhanden ist, und z. V. als Grahambrot wegen ihres mechanischen Darmreizes ein gutes Stnhlmitlel ist, aber die Verdaulichkeit des Brots selbst vermindert. Denn mit der Kornhülle kommen in das Brot- mehl auch die der Innenseite dieser Hülle ansitzenden Eiwcißzellcn des Korns, die der Praktiker mit Recht„Kleber" nennt. Das Eilveiß- gchalt des Wcizcnkorns beträgt z. B. bis 16 Proz., und es wäre im Princip ein sehr großer Gewinn, könnte diese ganze Menge im Brote zur Verwertung kommen. Die Neigung des Klebers aber, zu säuern und feucht zu werden, iviegt den durch seine Anwesenheit bedingten höheren Nährwert des Brots in keiner Weise auf, weil wir dadurch ein sehr schlvcr verdauliches Brot er- halte», das fast den Mehlklößen gleich zu stellen ist: auch diese sind nahrhafter als Brot, weil sie nicht durch die das Brot locker und dadurch verdaulicher machende Gärung einen Teil ihrer Nährwerte verloren habe»; aber sie sind in der Form der bayrischen Knödel kaum, und höchstens in der Zubereitung als Nudeln oder als kleine württcm- bergische Spätzeln für den Durchschiüttsmagen zu bewältigen. Für ein gutes Brot eignet sich in erster Linie, tvie die„Blätter für Gesund- heitspflege" mitteilen, der Weizen, der die meisten Nährwerte besitzt, sodann der Roggen, während Hafer, trotz seines Reichtums an Eilveiß und Fetten und Gerste aus mechanischen Gründen ivenigcr in Betracht kommen. Neben der Wahl der Frucht muß aber auf die Zubereitung geachtet werden, vor allem, daß der Gärungsprozeß bestimmte Grenzen nicht überschreitet. Denn durch die Gärung, die daS Brot verdaulich macht, lverden gleichzeitig die Stärke und etlva vorhan- dencs Eiweiß zerstört»nd die Kunst des Bäckers muß nun verstehen, die Gärung so rechtzeitig zu unterbreche», daß nicht der Verlust an Nährivertcn unterhalb des Geivinnes bleibt, den die Hebung der Verdaulichkeit bedeutet. Darum laßt man den Brotteig nur beftiimnte Zeit gären. Roch besser als diese gewöhn- liche Gärung auf Kosten des Nährwertes des verwandten Mehls mit' Hilfe von Sauerteig, der aus Mehl, Wasser und faulendem Kleber besteht, ist der Znsatz von doppeltkohlensaurem Natron und Salzsäure zum Brotteig, wodurch das Brot ebenfalls locker wird, ohne in seinem Nährwert gegen den verwandten Teig uachziistchen. Auch der Wassergehalt des Brotes spricht bei seiner Abschätzung niit, wasserarmes Brot ist entschieden zu bevorzugen, weshalb Äcrzte oft altbackenes Brot oder Zwieback, zweifach ge- backenes Brot, empfehlen. Wer im Zinnner sitzt und dadurch seine Verdauung in mancher Beziehung becinträchligt, soll lieber Weiß- brot essen, während der Fcldarbeiter das klcberreichere, weniger leicht verdauliche Schwarzbrot genießen mag.— Ans dem Tierleben. -- u e b e r interessante Anpassungen berichtet der Basler Anatom R. Bnrckhardt einige Thatsachen von weiterem Interesse. Das Nestjnnge des ncnkaledonischen Rallen kranichs ist in der Farbe auffällig verschieden vom alten Vogel. Während letzterer in der Haaplsachc einförmig grau ist, besteht der Grundton der Färbung des Jungen aus Kastanienbraun bis Rostbraun, in ivelche Farben aber auffällige, unregel- mäßige ockergelbe, schwarz umrandete Flcckenstreifen verteilt find.' so daß die Farben- Centren mit den am meisten vorspringenden Punkten deS niederkauernden Ncstlings zusammenfallen und die ganze Färbung de» Eindruck erweckt, als ob sie gerade dazu dienen sollte, über' die plastische Verteilung von Licht und Schatten auf dein Körper hinwegzutäuschen. Da das Rest wohl im Urwalddickicht, vielleicht auf einem niederen Baumstnink zu suchen ist, dürste die Zeichnung und Färbung des Jungen ebenfalls einen flechtcnbewachsencn Baumftrunk nachahmen.— Ferner haben Messungen ergeben, daß beim Nestjnugcn die Länge der Beine im Verhältnis zum übrigen Körper viel geringer ist, als beim alte» Vogel, Ivie es ähnlich auch bei den Kranichen der Fall ist. Auch dieser Unterschied dürfte in der Verschiedenheit der Lebenstveise der im sumpfigen Dickicht sich aufhaltenden Jungen und der am Strande lebende» Alten beruhen. Erstcre können sich in ihrem Aufenthalts- ort naturgemäß mir wenig bewegen, letztere müssen Lanfbeine haben. So tritt dann die Streckung des Beins verhältnismäßig spät, rasch und plötzlich ein, wenn das Junge das Nest dauenid verläßt und sich nach dem Aufenthaltsorte der alten Bogel bcgicbt.— s, Umschau.'s Aus der Pflanzenwelt. � Der Kürbis als Nutz« und Zierpflanze. A. Gerhard Ruschpler schreibt in der Wochenschrift„Rerthus": Ii« sehr vielen Teilen Deutschlands wird der Kürbis hinsichtlich seines Wertes»och Iveit unterschätzt, während er in Frankreich, Eng- land und Nordanierika allgemein als Volksnahrungsmittel gilt. Dort wird er zur Suppe, zun> Backen und Einmache» benntzt und ein gut mit Zucker eingemachter Kürbis gereicht jeder Tafel zur Ehre. Der Kürbis wächst überall und selbst in ranheu Lagen gedeiht er soweit, daß Sorte», ivelche mau im halbreifen Ziistande verbraucht, gezogen werden können. So eignet sich ganz besonders VeAStable de Marrow zu,,, Verkochen in, halbreifen Zlistande. denn er besitzt halbreif eine» de», Blumenkohl ähnlichen Geschmack. Der Kürbis will viel Dünger nnd�viel Wasser zu», Gedeihen haben und cS genügt nicht, nur den Boden zu düngen, man muß auch. nachdem das Beet ca. 30 Centimeter tief umgegraben ist. bei 2 Meter Abstand Löcher ausheben, welche SO Centinietcc Durchmesser und 30 Centimeter Tiefe anfwcisc». Diese Löcher füllt man mit verrottetem Dünger, der mit Kon, posterde, etwas Lehm und reichlich Saud vermischt ist. Obenauf bringt man gewöhnliche Erde. Dann ist es vorteilhaft, daS Niveau nach dem Pflanzloch fallen z» lassen, weil sich da,», das Regeuwafser leichter nach den Wurzeln hinzieht und das künstliche Bewässern erleichtert. In kleineren Gärten wird sehr härffig der Kürbis ans dem Kompost- Haufen gezogen, eS ist dies insofern ein großer Fehler, als dadurch dem ftomposthaiife» die besten Bestandteile entzogen werden und mir höchst minderwertige Erde übrig bleibt; die Kürbisse sind dort also mit zu großen Opfern gewonnen. Mau säet die Kerne a», besten in kleine Töpfe und setzt die Pflänzchcn dann Mitte Mai aus. wobei mau wie bei den Gurke» und Melonen zwei Pflanzen zusammen i» die Löcher bringt und später die schwächere entfernt. Nach dem vierten Blatt wird die Ranke abgeschnitten, worauf sich die kräftige» Scitentriebe bilden. Will man viel Kiirbistc ziehen und kommt es nicht auf die Größe a». oder will inan sie im unreifen Znstande veNvenden, so läßt mau alle Früchte an den Ranke» wachsen, will man dagegen nur wenige, aber recht große erzielen, dann schneidet nian die Ranken drei Blätter über der Frucht ab. Ebenso werden die kleinen unreifen Früchte in der Küche baldigst verwendet, damit die großen schneller vorwärts kommen. Man kann de» Kürbis auch an Ort und Stelle aussäen, inden, mal, 2—3 Kerne 4 Centimeter tief in die Pflanzlöcher steckt, später werden auch hier die schwächste» Pflanzen entfenit. Von Anfang an müssen die jungen Kürbisse gut Verantwortlicher Redacteuv: Heinrich letzter tu Gr.-Lict gegossen werden, sind sie größer, so werde» de», Wasser Dungstoffe beigefügt, doch»ehiue man nur schwache Lösungen. Diejenigen Früchte, welche i», reifen Zustande verwendet werden sollen, also zur Saat oder zum Einmacheu bestimmt find, müssen so lange auf dem Lande an der Ranke belassen werden, bis Frost eintreten will. Sie werden dann an einem trockne» kühlen Ort aufbeivahrt. damit sie nicht schrumpfen. Der Samen behält seine Keinckraft circa acht Jahre. Es giebt eine sehr große Anzahl Sorten von Speise- und Zuckerkürbisten; ich führe einige der wichtigsten und Schönsten hier an. Der gewal» tigste ist der genetzte gelbe Melonen« Ccutner- Riesenkürbis, er wird bis 10v Kilogramm schiver und eignet sich zum Einmache». Er hat einige Abarten, wie den grünen, silbergrauen und den scharlachroten Cenlner-Speisekürbis.— Sehr schön ist roter Türkenbund, er hat sehr süßes, festes Fleisch, hält sich im Winter sehr lange, bleibt aber sehr oft nur klein. Der aus Südamerika stammende Valparaiso lgelb sowie dunkelrot) ist sehr zuckerhaltig. Der Vegetable de Marrow ist schon oben erwähnt. Der grün und weiß gestreiste, der halb gelb, halb grüne, der rote und der weiße Birneu-ZierkürbiS sind ganz reizende Arte». Zur Bekleidung von Laube» und zum Einmachen eignet sich vorzüglich der Augurienkürbis mit seinen grün und weiß marmorierten Früchten. Zierlich sind auch der rot und gelb gestreifte und der weiße Apfelkürbis. Auch der kleine Apfelsinen- kiirbis ist niedlich, ebenso der kleine gelbe Eierkiirbis. Eigenartig ist der marmorierte LroocIcueeK. Ferner seien erwähnt der Flaschen» kiirbis, der GlockenkürbiS, der korsische, plattgedrückte, I-» Galeuse, der kleine ZwiebellürbiS, die kleinen Coloquinten, die Herkuleskeule, der allerkleinfte Stachclbeerkürbis und das Pulverhorn.— Humoristisches. — Talentvoll. Kunde:.Scheint ein aufgeweacr J»»ge zu sein, Ihr neuer Lehrliugl" Wein hä>, dler:.Na, ich sag' Ihnen, er ist erst drei Monat bei mir..., aber der Bengel macht schon einen b e f s e r' n Rotwein wie ich!"— — Immer der Gleiche. Gymnasiallehrer: „Rieke, Rieke, was habe» Sie wieder gen, acht? l Die Gans ist ja total verbrannt I... Sie werden znr Strafe heute noch drei Gänse brate»!'— Notizen. — Eine Gesamtausgabe aller Schriften Wilh. R a a b e s wird für den Herbst vorbereitet.— — Von Wilhelm v. Polenz erscheint in Kürze eine völlig umgearbeitete Ausgabe des Romaus.Der Pfarrer von Breite udorf" und ei»»euer Band Dorfgeschichte»»Lug- i„ s l a i, d".— ic. 24 000 M. für eine Bibel. In Loudou wurde eine kostbare Manuskript- Bibel in Wyclifs Ueberfetzmig für 24 000 M. verkauft. Der Foliant, der 15>/4 Zoll zu 10�« Zoll mißt, ist i» eng- lischcr Frakturschrift aus Schreibpergamcut von eine», euglifchen Schreiber»», 14t0 geschrieben. DaS Manuskript ist reich mit orna- »lentalei, und niit Blumen verzierte» großen Anfaiigevlichstabcu und Randleisten in Gold und Farve» illustriert. Dabei ist dies« Pergament- bibcl nicht einmal vollständig.— — B j ö r i, s o i, s.La b o r« m u S" erlebt am 30. Mai am Stuttgarter Hoftheater feine erste Anfsührnng in Deutsch- land.— — Strindbergs neue Bühncnarbcit. M i t s o in m er" hatte bei der Erstanfsührnng am Stockholmer Svcnsla- Theater Erfolg.— c. Ein Neger-Theater, das ausschließlich für Schwarze bestimmt fein soll, will man in Chicago begründen.— — Felix Ehrl, Oberregisienr am Theater des Westen», geht am 1. September auf denselben Posten au das H.a in b u r g e r Stadt-Theater.— — Die italienische Operiigcsellschaft der Sembrich bringt in»ächstcr Zeit.1-» ssrva padrone", die einzige komische Oper von Palestrina.— — An ton Dvorschacks neue Oper ,.R u s s a l k a" ist von der Wiener Hofoper zur Aiifsühuuig angenommen worden.— — In der Konkurrenz für das große Giebelfeld „Inspiration", Bronzengruppeii-Schauspiel und Oper, am H. S t a d t- t h e a t e r i n K ö I n hat der Bildhauer MaxMeißner(Friedenau) den Preis erhalten.— — In der zoologischen Schansaminlnng des Museums für Naturkunde sind jetzt Fährten von jagdbaren deutschen Säugetieren und Vögeln ausgestellt. Sie sind dauerhaft in Sand eingedrückt von dem Förster Gericke in Bad Aeinerz in Schlesien. Es sind die Fahrten männlicher, weiblicher und junger Tiere folgender Säugetiere: Rothirsch, Damhirsch. Wildschwein, Hase, Kaninchen, Marder. Iltis, Hermelin, Wiesel, Dachs, Fischotter, Katze, soivohl im ruhigen Gang, als auch im flüchtigen Lauf. Die Vogelfahrten sind eingedrückt von Mäuucheii und Weibchen folgender Arten: Auerhuhu, Birkhuhn, Haselhuhn, Fasan, Rebhuhn, Waldschnepfe.—_ erselde. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.