Alnterhaltungsvlatt des Vorwärts Nr. 100. Freitag, den 24. Mai- 1901 (Nachdruck verboten-! � Arbeit: Montau in drei Büchern nou Emile Zola. AnS dein Französische» übersetzt von Leopold Roscnz>oeis>. „Sie haben recht", gestand Jordan mit seiner einfachen Ehrlichkeit.„Vielleicht ist meine Verachtung der Politik nur eine instinktive Sclbstvertcidiguitg gegen die leisen Vorwürfe meines Gewissens über meine getvollte Unkenntnis der politischen Vorgänge in unscrin Lande. Aber ehrlich gesprochen, ich glaube, daß ich trotz alledem ein guter Bürger bin, wenn ich mich in mein Laboratorium einschließe, denn jeder dient dem Lande mit den Fähigkeiten, die ihm eigen sind. Und, sehen Sie, die wahren Revolutionäre, die wahren Männer der That. diejenigen, die für die Zukunft die meiste Wahrheit, die meiste Gerechtigkeit anffpeichern, das sind zweifellos die Gelehrten. Eine Regierungsform kommt und geht, ein Volk wird groß, mächtig, blühend und verfällt dann wieder— was liegt daran? Die Wahrheiten der Wissenschaft werden immer weiter überliefert, vor- mehren sich immerzu, bringen immer mehr Licht und feste Gewißheit in die Welt. Der Rückschritt eines Jahrhunderts zählt nicht, das Vorrücken beginnt doch immer wieder, die Menschheit schreitet dem Wissen zu. trotz aller Hindernisse. Einzuwenden, daß man nie alles wissen wird, ist eine Thorheit, es bandelt sich darum, so viel als möglich zn wissen, um so viel Glück als möglich zu erreichen. Und so betrachtet, sind, ich wiederhole es, die politischen Intermezzi, welche die Völker derart üi Aufruhr versetzen, vollkommen belanglos! Während man das Heil des Fortschritts im Erhalten oder Stürzen eines Ministers sucht, ist der Gelehrte der wahre Herrscher der Zukunft, indem er die Menge mit immer neuer Wahrheit er- leuchtet. Alle Ungerechtigkeit wird vergehen,»venu alle Wahr- heit bestehen wird." Ein Stillschweigen folgte. Socnrette hatte die Feder hingelegt und hörte zu. Nachdem er einige Augenblicke sinnend gesessen, fuhr Jordan ohne ersichtlichen Zusammen- hang fort: „Die Arbeit, die Arbeit! Ihr danke ich mein ganzes Leben. Sie sehen, was für ein armer, schwächlicher Mensch ich bin, und ich erinnere mich, daß meine Mutter mich in warme Decken hüllen mußte, wenn ein starker Wind wehte. Dennoch war sie es, die mich zur Arbeit anhielt, als zu einer Kur, deren heilsamer Einfluß außer Zweifel steht. Sie verurteilte mich nicht zu peinlichen Studien, diesen Galeeren, an welche man die in Entwicklung begriffenen Kinder schmiedet. Sic gewöhnte mich an regelmäßige, aber abN'echslungsreiche und anziehende Arbeit. Und sso habe ich arbeiten gelernt, so wie ein Kind atmen und gehen lernt. Die Arbeit ist zur Bethätigung meines Daseins, zur Funktion meiner Glieder und Organe, zum Zweck und Mittel meines Lebens geworden. Ich lebe, weil ich arbeite: zwischen der Welt und mir hat sich das Gleichgewicht hergestellt, ich gebe ihr in Werken wieder, was sie mir an Empfindungen bringt, und ich glaube, daß darin der ganze Begriff der Gesundheit liegt: in einer wohlgeordneten Wcchsclivirknng, in der vollkommenen Anpassung des Organismus an die Bedingungen seiner Um- gebung. llnd so gebrechlich wie ich bin, so habe ich die Gewißheit, daß ich sehr alt werden»verde,»veil ich eine sorg- fälfig konstruierte und mit Verständnis in Gang erhaltene kleine Maschine bin." Lucas hatte sein langsames Hin- und Herwandern unter- ibrochen und hörte gleich Socnrette mit gespannter Anfincrk- famkeit zn. „Darin fliegt die Gelvähr der Gesundheit, das ist die beste lstigicirische Methode, um sich wohl zu fühlen", fuhr Jordan fort.„Die Arbeit ist das Leben selbst, das Leben ist eine unablässige Arbeit chemischer und physikalischer Kräfte. Seitdem das erste Atom sich in Schwingung versetzte, um sich mit den umgebenden Atomcir zu verbinden, hat die große schöpferische Thätigkeit nicht ausgehört, und diese Schöpfungs- khätigkeit,»vclche noch immer dauert,»velche tmmer dauern wird, ist die Aufgabe der Elvigkcit selbst, das unendliche Werk, zu dem»vir alle unfern Stein herbeitragen. Das Universum ist eine gewaltige Werkstatt, wo die Arbeit nie ruht,»vo die unendlich Kleinen ungeheure Leistungen vollbringen.»vo die Materie ohne Unterlaß sich regt, erzeugt und gebiert, von den einfachsten Fermenten bis zu den vollendetsten Lebewesen. Die Felder, die sich mit Halmen bedecken, arbeiten, der unmerklich»vachsende Wald arbeitet, die durch die Thäler rinnenden Flüsse arbeiten, die Meere, die ihre Wogen von Kontinent zu Kontinent rollen, arbeiten, die Welten, die der Rhythmus der Gravitation durch die Unendlichkeit des Raums trägt, arbeiten. Es giebt kein Wesen und kein Ding, das in nnbetveglicher Trägheit vcr- harren könnte, alles»vird mitgerissen, zur Arbeit angehalten,- gezwungen, sein Teil am gemeinsamen Werke zu leisten. Wer nicht arbeitet, vcrsckstvindet dadurch von selbst,»vird als nutzlos und störend abgestoßen, muß dem notivendigcn, unentbehr- lichen Arbeiter Platz machen. DieS ist das einzige Gesetz des Lebens, das in seiner Gesamtheit nichts andres ist, als die in Arbeit begriffene Materie, eine Kraft in unaufhörlicher Thätigkeit. der Gott aller Religionen, die Bereitung des end- gültigen Glücks, nach»velchenr»vir alle das gebieterische Ver- langen in uns tragen." Wieder schlvieg er einen Augenblick, den Blick sinnend in die Ferne gerichtet. „lind welch»vunderbarer Regulator ist die Arbeit,»velche Ordnung schafft sie überall,»vo sie herrscht! Sie ist der Friede und der Genuß, so»vie sie die Gesundheit ist. Ich kann es nicht fassen, »venu ich sie verachtet, herabgelvürdigt sehe, gleich einer Strafe und einer Schande gefürchtet. Sie hat mich nicht nur vom sicheren Tode gerettet, sie hat mir auch alles gegeben. »vas Gutes in mir ist. sie hat meinen Geist gebildet, meine Seele veredelt. Und»velch ausgezeichneter Organisator ist sie. »vie regelt sie die Kräfte des Geistes, die Thätigkeit der Muskeln, die Funktion jeder einzelnen Gruppe in einer zahl- losen Menge von Arbeitern! Sie»vürde für sich allein eine politische Konstitution bilden, eine humane Verfassung, eine feste sociale Basis. Wir»verde« nur geboren, um eine Biene im Bienenkorb zn sein, um eine Sekkinde lang unsre kleine Kraft mit den andren Kräften zn vereinigen,»vir können die Notlvendigkeit nnsres Lebens nicht anders erklären, als daß die Natur noch eines Arbeiters bedurft hat, um ihr Werk zu fördern. Jede andre Erklärung ist hochmütig und falsch. Unsre individuellen Existenzen dienen nur zur Vorbereitung des universellen Lebens der Zukunft. ES ist kein Glück denkbar,»venu»vir es nicht in dem solidarischen Glück der cioigen, gemeinsamen Arbeit suchen. Und daher möchte ich. daß endlich die Religion der Arbeft zur Menschenrcligion werde, daß»vir Hosianna fingen der erlösenden Arbeit, der einzigen Wahrheit, der der höchsten Glückseligkeit, der Gesundheit, den» Frieden!" Er schlvieg. und Soenrctte rief voll Liebe rnid Be- geisternng: „Ja, ja, so ist cS t Wie ivahr und»vie schön ist alles, »vaS Du gesagt hast!" Aber noch tiefer ergriffen schien Lucas. Er stand nn- bclveglich, und in seinen Augen hatte sich ein Heller Strahl entzündet,»vie in denen eines Apostels, den göttliche Er- lcnchtung überkommt. Plötzlich sagte er: „Hören Sie, Jordan. Sie dürfen nichts an Dclaveau verkaufen. Sie müssen soivohl den Hochofen als auch die Mine behalten. Hier haben Sie meine Antlvort, denn ich sehe nun vollkommen klar." Aufs höchste überrascht von diesem nncrwartetcn Ausspruch, dessen Zusammenhang mit dem eben Gesagten er nicht begriff, zwinkerte der Besitzer der Erecheric leicht mit den Augen. „Wie meinen Sic das. mein lieber Lucas? Wie kommen Sie darauf? Erklären Sic sich näher." Der junge Mann konnte jedoch in der starken Erregung, die ihn beherrschte, nicht gleich Worte finden. Dieser Hymnus auf die Arbeit, diese Verherrlichung der Friedensstifterin irnd Weltverjüngerin hatte ihn mit einem Ruck emporgehoben, hatte mit einemmal seinem Blick den ganzen»veiten Horizont entrollt, der bisher von Nebeln verhüllt geivescn. Alles schien ihm plötzlich klar, greifbar, ziveisellos sicher. Ein heiliger Glaube erfüllte ihn»>id lieh ihm Worte von hm«! reißender lleberzeugungskrast. „Sie hülfen nichts nn Delaveau verkaufen. Ich habe heute morgen die aufgelassene Mine besucht. In der Be- schaffeuheit, wie jetzt das Erz gewonnen werden kann, würde es noch immer mit Hilfe des neuen chemischen Verfahrens einen ganz lohnenden Ertrag geben. Und Morfain hat mich zu der Ansicht überzeugt, daß man auf der andern Seite der Scklucht wieder auf reiche Adern stoßen mußte. Da liegen noch unberechenbare Reichtümer. Der Hochofen könnte Roh- eisen mit sehr billigen Gestehnugskosteu liefern, und wenn man ihm ein Stahlwerk angliedern würde, mit Puddelöfen, Ticgelgußöfen, Walzwerken und Dampfhämmern, so könnte man die Fabrikation von Schienen und Trägern im Großen wieder aufnehmen und erfolgreich mit den mächtigsten Werken im Norden und Osten konkurrieren." Das Erstaunen Jordans wuchs, wurde zur starren Vor- blüffung. „Aber ich will nicht reicher werden I" rief er lebhaft. „Ich habe schon zu viel Geld, und ich will gerade darum alles losschlagen, um aller dieser Gewinnsorgcn enthoben zu sein." Mit schöner, feuriger Gebärde fiel Lucas ein: „Lassen Sie mich vollenden, lieber Freund. Nicht Sie reicher machen will ich, sondern die Arbeiter, von denen wir sprachen, die Enterbten, die Opfer der ungerechten, entwürdigten, zur grausamen Galeere gewordeneu Arbeit will ich aus dieser Galeere befreien. Sie haben eben so schön gesagt, daß die Arbeit die feste sociale BasiS sein sollte: in diesem Augenblick ist es mir plötzlich klar geworden, worin das Heil liegt, habe ich erkannt, daß die gerechte und glückliche Gemeinschaft der Zukunft nur durch die Neuordnung der Arbeit begründet werden kann, die allein eine gerechte Verteilung der Güter ermöglicht. Wie ein leuchtender Blitz hat mich die Gewißheit durchzuckt, daß hier das einzige Heil für unser Elend und unsre Leiden liegt, daß das alte, morsche, in allen Fugen krachende Ge- bände nur dauernd wieder erneuert werden kann aus dem Boden der Arbeit aller und für alle, die als höchstes Gesetz, als das Lebeusprincip, das die Welt beherrscht, anerkannt werden muß. Und das ist es, was ich hier ver- suchen will I Ich will wenigstens ein Beispiel geben, will die Neuordnung der Arbeit im Kleinen versuchen, eine Fabrik auf Basis der Brüderlichkeit gründen, ein Modell der künftigen Gemeinschaft schaffen und es jener andren Fabrik entgegen- stellen, die auf der Lohnsklaverei begründet ist, jener alten Galeere, wo der Arbeiter gepeinigt und entwürdigt wirdl" Er fuhr fort, mit vor Begeisterung bebender Stimme zu sprechen, er entwickelte in großen Zügen sein Ideal, alles, was in ihm seit der Lektüre des kleinen Buchs über Fourier gekeimt hatte, seinen Traum einer Vereinigung von Kapital, Arbeit und geistiger Kraft. Jordan sollte das Geld beisteuern, Bonnaire und seine Kameraden ihre Arme, er selber das Hirn, das erfindet nnd leitet. Er hatte wieder begonnen, auf und ab zu gehen, er deutete mit erregter Geberde auf die nahen Dächer von Vcaticlair: dieses Beauclair wollte er retten, wollte er der Schande und dem Verbrechen entreißen, in welchem er es seit drei Tagen versinken sah. Je mehr er den Plan seines VerjüngungSnnteruehmens aufrollte, desto mehr ergriffen ihn selbst Staunen und Verwunderung. Seine Mission sprach ans ihm heraus, diese Mission, von der cr erfüllt gewesen, ohne es zu wissen, deren Wesen zu erkennen er unruhevolleu Geistes, mitlcidgequälten Herzens gestrebt hatte. Nun sah er endlich klar, seine Bahn lag vor ihm. Er fand jetzt von selbst die Autworten auf die peinigenden Fragen, die ihm während seiner Schlaflosigkeit in der vergangenen Nacht aufgestiegen waren, ohne daß er sie hätte lösen können. Und vor allem wandte er seine Seele ganz den Klagerufen der Unglücklichen zu, die aus der leiderfüllten Finsternis zu ihm gedrungen waren, er hörte sie jetzt deutlich, er eilte ihnen zu Hilfe, er wollte sie retten durch die verjüngte, veredelte Arbeit, die die Menschen nicht mehr in feindliche, einander zerfleischende Klassen trennen, sondern sie zusammenschließen sollte zu einer einzigen brüderlichen Familie, in welcher sich alle ihre Kräfte für die Wohlfahrt aller vereinigen. iForisegung folgt.) cNachliruiI v«rdoln>.) Grnkifilmkitmvu. Von Eduard Tschirikow. Nachdem die Aktionäre der Eiscnbabngesellschaft die unerwartet hohe Dividende für das letzte Jahr eingestrichen hoben, entdecken sie ihr gutes Herz und beschließen, den Bahnbcamten Prämien und Gratifikationen zu beschere». Vei der großen Zahl von Bernnteu ist natürlich dafür gesorgt, daß die Prämien nnd Gratifikalionc» nicht besonders groß werden. Es ist ja nun schon einmal so der Welt Lauf, daß die einen das Filetstück, die andern die Knoche», einschließlich Schwanz und Ohren, kurz die Absälle erhalten. Für die unteren Eisenbahnbcamtcn, die gewissermaßen zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt sind, haben selbst diese Absälle Reiz nnd Bedeutung. Man kann sich also leicht vorstellen, welcher Jubel unter ihnen ausbricht, als sie erfahre», daß 80 000 Rubel Prämien und Gratifikationen ausgezahlt werden sollen.... Freude und fröhe Hoffnung gießt diese Nachricht in die Herzen der Angestellten mid ihrer Familien. Tausend kühne Pläne läßt sie in de» Köpfen dieser Galeerensklaven entstehen.... Jetzt kommen die Feiertage; man wird Körper und Geist ausruhen und erfrischen können. Via» wird nicht mehr»nabläjfig immer»nr an das eine zu denken brauchen, wie man sich drehen und wenden soll, um bloß durchzukomme», man wird für eine gewisse Zeit die Not nicht so drückend empfinde», denn es giebt ja Gratifikationen!... Keiner von diesen arme» Schelmen zweifelt daran, daß gerade er eine Belohnung ganz be- sonders vcrdienthabe, dnßsichgcradeübcr ihn der goldene Segen ganz be- sonders reichlich ergießen müsse. Wie kann es auch anders sein! Man arbeitet Tag für Tag von S Uhr früh bis 5 Ilhr abends und von 7 Uhr abends bis 10 oder 11 Uhr nachts, man kommt eigentlich nur zum Schlafen nach Hause, sieht die eigne Familie fast gar nicht, kennt keinen Feiertag, keine Erholung. Mit Haut und Haar hat die verdammte Eisenbahn ihn verschlungen, einen Automaten hat sie aus ihm gemacht, einen schreibende», rechnenden, wiegenden Automaten. .Iwan Petrowitsch I Man sagt— eS giebt Gratifikationen erkundigen sich die Beamten schüchtern, mit verlegenem Lächeln beim Sekretär. .Es giebt, es giebt I... Stören Sie mich jetzt nicht! Gehen Sie wieder an Ihre Arbeit I"... .Pst! Iwan Petrowitsch I" „Was wollen Sic?" „Es heißt, Gratifi...* .Ich habe schon zwanzigmal gesagt: ja!" ärgert sich der Sekretär. Endlich kommen sie, die Gratifikationen nämlich. Es ist nur noch nötig, sie z» verteilen. Zn diesem Zweck versammeln sich die hohen nnd höchsten Bor« gesetzten in feierlicher Sitzung. „Meine Herren I" beginnt der Präsident.„Die General- Versammlung der Aktionäre hat beschlossen, für geleistete U«berst»»de» Gratifikationen in der Höhe von insgesamt 80 000 Rubel auszahlen zn lassen." Die Herren schmunzeln. „ES fragt sich»nn, in welcher Weise diese Summe zu verleilen ist?— Sie haben wohl jeder eine Liste Ihrer Untergebenen mit- gebracht, meine Herren?... Es versteht sich natürlich von selbst, daß alle diejenigen, welche für Ueberstnnden ini Laufe des Jahrs bereits Nemuncrationen erhalten haben, nicht berücksichtigt werde» dürfen. Es ist doch nicht gut angängig, eine und dieselbe Arbeit doppelt zn belohnen." Man legt die Liste» vor, nnd eS zeigt sich, daß die Zahl derer, welche nach dieser Einschränkung für die Gratifikationen überhaupt in Betracht kommen, nickt besonders groß ist Die Mehrheit des Unter- Personals hat inr Laufe des Jahrs Ueberstnnden gemacht und dafür je drei oder fünf Rubel erhalten, wird also in den Listen gestrichen. Man rechnet und rechnet, und siehe da— ein glänzendes Resultat l Fast die ganzen 80 000 Rubel fließe» in die Taschen der hohen und höchsten Borgesetzten, tveil man ihnen im Laufe des Jahres keine drei oder fünf Rnbelchen für Ueberstnnden ausgezahlt hat. Dem Herr» Präsidenten— 6000, de» Herren Mitglieder» des Anffichtsrats— je 2000, den Herren Betriebschess— je 2000, ihre» Assistenten— je 1000 usw. usw. Ein Rest von 10 000 Rubel ivird schließlich unter die übrigen Angestellte» verteilt, denen im Laufe des Jahres keine Prämie» für Ueberstnnden z» teil gelvorden sind. Die Teilung ist zu Ende. Hunderte von Herzen pochen un« ruhig und harre» des Augenblicks, da man ihren Namen und die töhc der Gratifikation nenne» wird. Man drängt sich in den orridorcn vor der Hauptkasie. Die Gesichter find rot. die Augen brennen; man gestikuliert heftig und spricht unnlhig, nervös durch« einander... »Iwan Petrowitsch, wieviel kommt auf meinen Teil?" »Hm... Sie? Sie stehen gar nicht auf der Liste." »Aber wieso?" »Bekamen Sie nichts im Lauf des Jahrs außer ihrem Gehalt?" »Ja, drei Rubel allerdings..." »Also bekommen Sie jetzt nichts." „Wieso? Jivan Petrowitsch I"... ruft mit zitternder Stimme der Galeerensklave. »Ach, störe» Sie hier nicht... bitte I"— Kleines �euillekon. th. Extrafahrt. Sonnabendabend a»f dem Stettiner Bahnhof. Menschen, Menschen und wieder Menschen,«ie schieben und drängen und stoßen einander. Ein Gesurr von Stimmen, hin und wieder klingt eine besonders hervor:»Links müsse» wir cum". „Nein, hinten rechts hält der Ziisi nnch Stettin." „Au I... Dränqel» Sie doch nicht so I" „Besetzt!... Besetzt I" „Aber Sie sehen doch, dnß alles voll ist, hier wird nicht ge- stände», wie auf der Stadtbahn," Endlich sind alle untergebracht. Ein schriller Pfiff, ein Schütter» durch die Wagen, der Zug rollt in die Nacht hinaus. In den Conpes macht man es sich bequem und mustert seine Reisegesellschaft. Ganz nette Gesellschaft. Alles„gutes Publikum". Was man in bürgerlichen Kreisen„Pöbel" nennt, ist nicht zn sehen, eine Extrafahrt an die See kostet Geld, der„Pöbel" hat keiiis. Die Damen nehmen die Hüte ab und ziehen die Jacken aus, auch die Herren setzen sich znrecht. Einer und der andre versucht zu schlafen, die meisten plairdem noch. Man wird schnell bekannt, „Wie lange fahren wir nach Stettin?" fragt die dicke Dame in der Ecke. „Na, so nm zwei Uhr sind wir da!" „Wie kommt man denn zu den Dampfent?" „Ach. das ist nicht weit. Wenn sie aus dem Bahnhof raus- kommen, gleich links herum an der Oder entlang." „Kinder, eigentlich ist es grofiartig. in einem Tag an die See und zurück." „Fahren wir wirklich übers Meer?" Die junge Fran sieht ihren Gatten zweifelnd an. Er drückt ganz leise ihre Hand.„Ja, überS Meer." „Und dann sollst Du mal sehen, Hans, dann kommen wir an Wollin vorbei; da zeige ich Dir den Platz, wo Vineta versunken ist." „Kinder, aber Flundern kaufen ivir uns in Heringsdorf. Habt Ihr nicht überhaupt loas zu siittern da? Ich habe Hunger!" Es wird geschwatzt und gelacht, geschwärmt und gegessen. Die junge Fra» hält noch immer ihres Maniics Hand, eine harte abgearbeitete Hand. Sie tragen keine elegante Reisekleidung, alle beide nicht, aber mit tranriiverlornen Blicken seheir sie ins Weite. Wenn es auch nur für einen Tag ist, der Wunsch ihrcS Lebens wird sich erfüllen, sie werden es sehen: das Meer. Im Nebencoupce tönt lautes Lachen, irgend eine Stimme nift: „Ach Dil lieber Jott's Meer; de Ostsee ist ja blofi'n Tümpel I" Drangen im Schatten der Nacht fliegen die Stationen vorbei: Blankenburg. Carow, Buch, Bernau, Biesenthal. Dann ein Meer von Lichtern: EvcrSwalde— fünfzehn Minuten Aufenthalt l Die Thüren fliege» auf. Lachen und Schreien.— Die kleinen Konditorjungen laufen den Perron entlang:„Spritzkuchen, Spritzkuchen l" „Hier Bier!"„Die Gläser Herl" „Hier Spritzkuchen I".Einmal Spritzkuchen I"„Zweimal Spritz- kncheu!" Alle Welt ruft nach Spritzluchen. Daztvischeu eine schrille Slinime:„H»jo I... Hnjo I" erst vereinzelt, dann rascher:„Hnjo I Hujo I Hnjo!"„Hnjo" ist offenbar verlorengegangen, der ganze Perron schreit mit. Wieder saust der Zug durch die Nacht. Es ist stiller geivordcu in den Conpees, man schläft. Nur vorn im ersten Wagen wird ge- sungen, es ist mehr Kreischen und Johlen, als Gesang, aber manch- mal hört mau doch vereinzelte Worte:„Air dem Baume, da hängt 'ne Pflaume". „Gräfilich," sagt die dicke Dame und setzt sich von neuem zum Schlafen zurecht. Stettin, es ist nachts 2 Uhr, eine Flut von Menschen ergiefit sich ans dem Bahnhof in die Stadt. Am Bolllverk entlang, die Oderwellcn brechen sich glucksend an den hölzernen Bohlen. Wenn die Mittags- sonne grell ans dem Pflaster liegt, ist es hier wahrscheinlich äußerst nüchtern, jetzt brütet die Nacht in Galscn und Gäfichen, das erste Morgengrauen bricht eben an, die Stadt liegt im Zivielicht, märchen- Haft ivunderbar. Vineta. der Flut entstiegen. Hochgieblige Häuser, dichtgestapelte Warenballen, auf dem Wasser die Schiffe: Herings- knttcr und stolze Kanffahrer, Vcrgnügungsdampfcr, stolze Jachten. „Kinder, det is ja jrade so schön, wie zu Hause an der Fischer- brücke I" Ein Trupp junger Leute rennt lachend vorüber. Sie renne» überhaupt alle, nm» muß eile», wenn man mit will. Die„Frcya" strahlt im Lichterglanz, ein mächtiger Koloß, wiegt sie sich auf den Wellen. Jetzt ist der letzte Passagier an Bord, die Zugbrücken werden aufgezogen, der Anker fliegt in die Höhe. Ein allgemeines Hurra— langsam erst, dann immer schneller gleitet das Schiff die Oder abwärts. In den Salons, auf den Decks eine lachende, plaudernde, fröhliche Gesellschaft. Die Zimperlichen bleiben in den Kajüten, sie scheuen die Morgenkühle. Auf den roten Plüschsofas liegen sie in Decken gemummelt und schnarchen, oder jammern, daß sie nicht schlafen können.„Nein, beim Himmel, es ist eine Strapaze, solche Extrasahrt. In der Bülowstraße in seinem Bett liegt man bequemer." Aber das sind nur Einzelne, im allgemeine» ist mau vergnügt. Oben auf dein Deck herrscht qualvolle Enge, man steht zusammen und drängt und schiebt sich, aber mit Humor. Die Stimmen surren wieder alle durcheinauder. «Wir fahren»ach Rügen", sagt die dicke Dame— sie sagt es schoir zun» sechsten Mal und so laut, daß olle es hören können. Sie ist sehr stolz, daß sie nach Rügen fährt; auf Rügen ist es am teuersten. Der Vulkan taucht auf, riefige Werfftei»; in den Docks liegt ein Kriegsschiff, ein Japaner. Da sperre» sie Mund und Rase auf.' Das ist doch anders, wie an der Fischerbrücke. Der Morgen dämmert herauf, es ist beinah hell. Die Ufe. treten deiitlicher hervor. Rechts flaches Land, endlose Marschen, nm hier und da ein Baum, ein einsames Haus, in iveiter Ferne eine verlorne Heide. Links Hügel. Pominersche Bnchcnivälder, freund- liche Dörfer, wogende Saaten. In den Thälern liegt noch der Nebel, oben auf den Bergen ist alles klar. Und dazwischen die Oder, breit, prächtig, mit ihren gewaltigen Wassermassen, der Strom, der zun, Meere geht. Auf dem Platz neben der Maschine sitzen sie und spielen Skat. Auf den, Hinterdeck bläst die Schiffsknpelle, vorn an der Spitze ivird gesungen: Wir find die Zigeuner von Adlershof. Dazwischen schrillt die Stimme vom Eberstvalder Bahnhof wieder:„Hnjo l Hujo!" ein ganzer Chor fällt ein, es sind Studenten, sie haben einen Kreis gebildet, in dem sich zivei von ihnen boxen. „Feste auf die Weste I" hetzt ein behäbiger Herr mit dicken Brillantknöpfen. Dann ein allgemeines Gebrüll:„Hujo, Hujo, Hujo l" Es geht über das ganze Schiff. Aber draußen liegt daS Stcttiner Haff still und lveit, strahlend und Icuchtcird im Wiederschcin der ersten Morgenröte. Die Welle» tragen Iveißc Schaunikännne, Schiffe gleiten an» fernen Horizonf dahin. Der Himmel im Osten schimmert wie flüssiges Gold. Irgend jemand schreit: „Die Sonne geht auf!" „Kinder, des kriegt man»ich alle Dage zu sehen I Hat denn keiner wat zu trinken da? Den jroßen Moment muffen wir be« jicßcn!" Die Studenten stürzen nach vorn, rennen ein paar Damen über den Haufen und werfen ein halbes Dutzend Feldslühle um, biS in die untersten Kajüten hört man ihr Gejohle. Usedom und Wollin tauchen aus der Flut. Grüne Inseln Wald« nmranscht, auf den Buhnen sitzen Mövcnschwänne, über den Weißen Häuschen von Slvineinünde steigt der Leuchtturm auf. Am Lotsenamt legt das Schiff an. Passagiere gehen, andre kommen, ein neues Halloh und Jnchhh! Die Schiffsmusik setzt ein. Die Herren schwenke» die Hüte, die Damen ihre Tücher, weiter geht es. Auf dem Hinterdeck stehen ein Herr und eine Dame, sie zanken sich, man hört die scheltenden Stimmen bis nach vorn. Der Herr sagt:„Aber mein Gott, noch mehr Ansichts-Postkarten. jetzt haben »vir fast für'» Thalcr verschrieben, nun weiß es doch die ganze Be- kanntschaft, daß wir an der Ostsee waren." Breiter und breiter wird der Strom. Die Ufer weichen, daS Land versinkt. Himmel und Wasser, Waffer und Himmel! Die junge Frau und ihr Mann sitzen an der Spitze des Schiffs. Er hat den Arm nm ihre Schulter gelegt, ihre Augen schauen vorwärts und tauchen strahlend in die grünen, unbegrenzten Wasserweiten:„DaS Meer... das Meer l"— — Ter BolkS Humor bei den polnische»« Juden. DaS Leben und Treiben der polnischen Inden in volksknndlicher Be- Ziehung ist in den letzten Jahren von verschiedenen Forschen! unter» sucht»vorden. Unter diesen nimmt H. Lew mit einem in polnischer Sprache erschienenen zweibändigen Werk Über den jüdischen Volks- Humor eine hervorragende Stelle ein. Eine besondere Rolle spielen, wie W. Bn'giel daraus hervorhebt, in Polen die Volkswitzbolde oder Chojseks, die nach Art der indischen Volkserzählcr alljährlich zn gewissen Zeiten von Dorf zu Dorf ziehen und gegen geringe Zehrimg und Geldlohmmg Märchen und Scblvänke erzähle». Manche Witzbolde lebe» fort in der Volks- Erinnerung durch ihre Satiren. So Herschek ans Oslropol, von dem Bngicl berichtet, wie er dem Rabbiner sein neuestes Erlebnis erzählt: „Heute früh komme ich ans dem Hause. Da begegnet mir der Engel des Bösen und fragt, wie ich nnch befinde. Schlecht, sage ich. habe kein Geld und der Sabbat naht.— Geh zum Rabbiner, sagt der Engel, und stiehl ihm eine» silbernen Leuchter, was du dafür erhältst, wird für die Sabbatansgabe» genügen.— Ich gehe weiter, da be- geguet mir der Engel des Guten und fragt nach meinem Befinden. Ich erzähle ihm, daß es mir schlecht gehe und was mir der Engel des Bösen geraten habe.— Bei Gott, ruft er ans, versündige dich nicht!— Aber ich will nicht vor Hunger sterben.— Nim, dann wende dich persönlich an den Rabbiner.— Wenn du gut sein willst, so thue es für uiich.— Ja, sagte der Engel des Guten, ich würde es herzlich gern thnn. aber siehst du, ich Hab' bis jetzt noch nie die Schwelle des Rabbinerhanses betreten." Auch an Abderiten fehlt es unter den polnischen Inden nicht, und als ihre Heimstätte gilt das Städtchen Chelm. Von einem Einwohner desselben wird die auch sonst verbreitete Geschichte erzählt, daß er nach einer benachbarten Stadt wollte, hin nach Lublin, und beim Schlafengehe» abends die Füße nach der Richtung seines Reiseziels ausstreckte, nm den Weg nicht zn verfehlen. Jeniand geht vorüber und dreht den Schlafenden nach der entgegen» gesetzten Richtung. Am andern Mvrgcn setzt dieser seinen Weg ü» der Richtung seines Wegweisers fort und gerät in Verwunderung, daß Lublin seinem Heimatorte Chelm so völlig ähnlich ist. Auch begegnet er auf dem Wege einem triefäugigen Weibe, das ihn aus- schilt. Gottes Wunder, sagt der Chelmer, die ist doch ganz ähnlich meinem Frauchen! Weshalb gerade das Städtchen Chelm zur zweifelhaften Ehre dcS polnischen Abderas gekommen ist, bleibt dunkel.— Theater.•. 2 Deutsches Theater: Schall u n d R a u&).— Die «viiudcrliche Gesellschaft, die sich unter dem Ivuudcrliche» Namen „Schall und Rauch" aufgethan hat, ist sehr schncll dclicbt geworden, Gleich der erste Abend, den sie veranstaltete, brachte einen stürmischen Erfolg— die verschiedenen Parodien ans„Don Carlos" ivareu glänzend. Ob die folgcndcir„Abende" sich auf derselben Höhe ge- halten haben, weif; ich nicht. Die„Abende" fanden ja zu einer etwas ungewöhnlichen Zeit slatt, nämlich nachts, und ich war im verflossenen Winter leider verhindert, den nächtlichen Veranslallnngeu heiznwohne». Da ich indessen nicht durch meine Tugend verhindert Ivar, hoffe ich, das Versäumte in der nächsten Saison nachholen zu können. Ncbrigens scheint es mir zn viel verlangt, das; derartige Veranstaltnngen' sich inimer ans der gleichen Höhe zeigen sollten. Laune und Frohsinn lassen sich nicht komniandicrcn. Es genügt völlig, da ff die Mitwirkenden iibrrhanpt Laune und Frohsinn besitzen und das haben sie bereits in sehr erfrenlicher Weise bewiesen. Vielleicht könnte es nicht schaden, wenn es bei den regelmäßigen Zusarnmcukünftcn noch etwas luigczivungeuer herginge. Etrvns „rchr Dreistigkeit in den Pointen wäre schon zu wünschen. Wenn dabei die Korrektheit einigen Schaden nehmen ssollte, ivürde ich das als einen Gelvinn betrachten. Zigennersröhlichkeit und 5iorrcktheit vertragen sich ungefähr so gut, rvie ich mich etwa mit einer englischen Gonvcrnante vertragen tviirde. Die öffentliche' Wohlthätigkeits- Vorstellung, die an einem schönen Mainachnrittag im„Deutschen Theater" stattfand. verlief sehr lustig. Es versteht sich von selbst, daff ein wirkliches Theater nicht eigentlich � die richtige Stätte für die Produkte des höheren Bier- Humors ist. Nichtsdestoweniger stellte sich eine sehr vergnügte Stimmung ein, die schliefflich in der W c b e r- P a r 0 d i c von Kayffler ihren Höhepunkt erreichte. ES Ivar ein sehr glücklicher Einfall, die Weber im Sinne eines gewissen Patriotismus zu bearbeiten und sie dann spielen zu lassen, während Serenifsimns in höchsteigner Person in der Prosceniumsloge saff. Mir persönlich machte auch die Sccne ans einer Gemäldegalerie groffe Freude. Die verschiedenen Gestalten, die dort an einem Bild von Rem- brandt vorüberschwankten und uns ihr angenehmes Innere offen- harten, waren von großer Komik und leider auch keineswegs ohne Lrbcnswahrhrit. Es wäre zu viel kritischer Ernst für eine so lustige Sache, wenn man jede einzelne Nummer des Programms erwähnen wollte. Reinhardt brachte als böhmischer Fremdenführer eine Reihe sehr hübscher Pointen. S ch in a s 0 w leistete sich im„Dichter nach Maß" einen ungewöhnlich wilden Kalauer und M a r c e l l Salz er erfreute durch vortreffliche Recitationen. Mit einem Wort: cS war sehr nett.— E. 8. Völkerkunde. k. E i n interessantes N e g c r v 0 l k. Einige Züge von einem Negcrvolk im Norden von Uganda erzählt der Missionar Vnckley, der vor kurzein nach Europa zurückgekehrt ist. Es handelt sich nrn die B a k e d i s oder, ivie sie sich selbst nennen, L a n g 0, an den Ufern des Kiodscha-Sccs. Wenige Europäer sind bis jetzt in das Gebiet dieses.Ivilden und seltsamen Volkes gedrungen Bucklcy ist der erste Reisende, der genauere Mitteilungen Über sie macht. Die Bakedis, Männer, Frauen und Kinder, gehen völlig nackt; sie behaupten, eS wäre durchaus lächerlich, sich in Kleider einznhüllc». Ihre Häuser sind rund Ivie Bienenkörbe, sie sind auS groffen Stangen, Astwerk und trockenem Kraut zusammengesetzt', das Dacki kommt bis auf ctiva IVe Meter über de» Erdboden herab U»d die Thür ist kaum mehr als 1 Meter hoch. Der Durchmesser der Hütte überschreitet niemals S Meter. Der Bakedi begnügt sich nur selten mit einer Frau, und für jede neue Fron baut er ein neues Haus. Einige angesehene Personen haben so ganze Dörfer für ihre Frauen gebaut. Die Bakedis sind groß, schlank und wegen ihrer Tapferkeit bei den Nachbarvölkern gefürchtet. Sie sind das intelligenteste Volk von Uganda, und sie haben einige eigenartige Sitten', die diese Behauptung des Reisenden zn bestätigen scheine». So sind ihre Dörfer alle von einer Einfriedigung von Äaltns um- geben, die zumSchntz gegen die wilden Tiere und gegen dcnFeind dienen soll. Diese findet sich fast überall im inneren Afrika, aber wa? man kaum an andern Orten finden dürfte, ist eine ziveite Umfriedignng, die auf die erste folgt und iveniger groß, ivcnn auch ebenso dickit mit Kaktus besetzt ist. Und Ivozn dient diese? Als Zufluchtsort für die Ehemänner, wenn ihre Schwiegcrniiiltcr sie quälen und aus gar zu großer Rühe bedrängen. Diese Einrichtung scheint allerdings die vorähneudc Klugheit der Bakedis zu beweisen, aber sie zeigt auch, daff ihre so gerühmte Tapferkeit vor einer solchen Prüfung nicht standhält. Ihre Klugheit bewährt sich auch sonst. Wie anderswo sind auch bei ihnen nächtliche Liebesabenteuer eine Gefahr für die jungen Leute. Um dieser zn begegnen, werden bei den BakcdicS alle jungen Mädchen des Dorfes, so bald die Sonne unter- geht, in ein gemeinsames Haus geführt, Ivo sie die Nacht über bleiben müsse»'. Und um dieses Haus streut man Asche, so daff, wenn eines dieser jungen Mädchen heimlich hinausginge, die Abdrücke ihrer Fiiffe sie verraten würden. Ebenso baut man auf einem hoch- liegenden Boden ein Hans für die jungen Leute und nicht ver- heirateten Männer, die dort die Nacht zubringen müssen. Dieses Haus, das sich immer außerhalb der Einfriedignng des Dorfes besindet, ist so schwer zugänglich, daff seine Insassen nur mit Hilfe von Leitern zn ihm gelangen können. Sobald sie nun alle ein- geschlossen sind, unigiebt man auch diese mit einer Ascheuschicht, so daß sie hier ebenso wie die jungen Mädchen in ihrem Schlnfhause eingeschlossen sind.— Aus dem Tierreiche. — D c r a t ta u t i s ch e P a l 0 l 0 w n r m. Der vielgcschilderte Palolowurm(Lycidice viridis! des Pacifischen Meers, dessen inassen- Haftes Erscheinen beim Eintritt des letzten Mondviertels im Oktober oder November, oder in beiden Nächten auf den Fidjchi-Jnseln und auf Samba Veranlassung zu besonderen Freiid'eiifesken gicbt, hat einen Kollegen bei den Tortngas-Jnseln. gesunde», den sein Entdecker Goldsborough Meyer' den atlantischen Palolo- wurm nennt. Wie bei seinem pacifischen Gegenstück knüpft sich auch die Erscheinung dieses Wurms(Staurocephalus gregaricus) an eine bestimmte Mondphase, uiid er tritt nur einmal im Jahre»lassenhast ans, während er sich die ganze übrige Zeit in den Korallen- und Rnlliporcnbänken des Ufers verbirgt. Znr ge- gcbcncn Zeit erscheinen dann die erste» Eremplarc des Wurms gegen 4 Uhr morgens an der Meeresoberfläche und vermehren sich von da an rapide. Kurze Zeit»ach dem Erscheinen zeigen sich die Hinteren Abschnitte des WnrmkörpcrS, welche die Fort- Pflanzungs-Elcinente.(Eier und Sameulörpcrj enthalte», von heftigen Konvulsionen heimgesucht 1 sie bersten auf und c»t- leeren dieselben, aber um S Uhr vormittags ist alles vorüber: die Würmer Ivie die befruchteten Eier sind wieder in die Tiefe gcsniikcn. Ein Unterschied zwischen dem schon seit de» Tagen des Rumphins der Wissenschaft bekannt gewordenen pacifischen und dem atlantischen Palolowurme besteht darin, daff dort der Kopf mit dem Vorderteil des Wnrmcs in den Koralldnslöcken sitzen bleibt und nur die losgelösten Hinteren Abschnitte des Körpers an die Ober- fläche entläßt, während hier die ganzen Wnrmkörpcr in die Höhe steige». Der Einfluff des MondstandcS ist hier ebenso deutlich und unerklärt wie dort.—(„Prometheus.") Huuioriftislkies.� — Ein vorsichtiger Vater. Preußischer Mi n i st c r: „Darf ich um die Hand Ihrer Tochter bitten?" Bankier:„Ihr Antrag ehrt mich ungemein! aber ich gebe meine Tochter principiell nur einem Man», der in sicherer Stellung ist."— — Unpassend. Erster Backfisch:„Was ist denn eigentlich„nnpasseud"? Ziveiter Backfisch:„Das ist, Ivenn es jemand sieht."— S i n n s p r n ch. Was sonst uns nur die„W 0 ch c" brachte Mit jedes sieb'ten Morgens Schein, Was je in Sensationen machte, DaS schwätzt nun in den„Tag" hinein. („Jugend".) Notizen. —„Schall und Rauch" wird seine Produktionen dem- nächst bei Schuster«. Löffler in Buchform gesammelt ver- öffentlichen.— — Das» cncst c Beul in er Theaterprojekt ist die Gründung eines V 0 l k S t h e a t e r S, in dem Possen und VolkSstiicke gegeben werden sollen.— — Saint-Saöns' neue Oper„Barbaren", zn welcher Victoricn Sardou das Textbuch geschrieben hat, wird im Oktober zur Aufführung kommen. Die Handlung spielt in dem kleine» Städtchen Orange in Südfrnnkreich. am Theater und vor den Thoren der Stadt, während des Einfalls der Cimbern, ein Jahr- hundert vor Christi Geburt.— — V ö ck l i n S Gemälde ,, C e>1 t a n r in der Dorf- schmiede" ist von der u n g r i s ch c u N a t i 0 n a l-g ä l e r i c in. B u d a p e st angekauft worden.— — Das H e r b a r i n m des N a t n r h i st 0 r i s ch c n Hof- Museums in Wien besteht gegcnlvärtig ans 1000000 Spannblättern, d. i. mit getrockneten Pflanzen belegten Bogen. Hundert Jahre hat eS gebraucht, bis diese in fünf große» Sälen des zweiten Stocklverks im Mnsenmpnlast am Ring untergebrachte Riesensammlung so stark wurde.— t. Neue G 0 I d l a g c r sind nach dem Londoner„Engincer". an den Ufern deS Masar-sii im Bezirk Bäldschuaii in Buchara cnt- deckt worden.— — Das Alter der Salpctersäure-Fabrikation. Eine Mitteilung von Oskar Gnltinaun in der Londoner Abteilung der Society c>k Chemical Indnstry über die Anfänge der Fabrikation von Schwefelsäure und Salpetersäure belehrt uns, daß Salpetersäure schon vor 2000 Jahren fabriziert wurde. Sie diente den alten Aegyptern, um Muster auf der Wickelung der Mumien herzustellen.— — Die 100 Quadrat in eile u Flächeninhalt der heutigen Rheinpfalz wiesen vor 1792 zahlreiche Territorien> auf, die von nicht weniger als 42 kleinen Potentaten„regiert" wurden.—_ Die nächste Nummer des Unterhaltungsblatts erscheint am Sonntag, den 26. Mai. Verantwortlicher Redactenr: Heinrich Wetzker in Gr.-Lichterfelde. Druck n»d Verlag von Max Babing in Berlin.