Interhaltungsblatt des vorwärts ?tr. 102� Mittwoch, den 29. Mai 1901 (Nachdruck verboten.) 39] Slvboik: Noman in drei Büchern tion Emile Z d l n. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold Rosen zweig. „O Josine. Josine l" flüsterte Lucas, von unendlicher Zcirt- lichfeit durchflutet. Sie war wiedergekommen, sie gab sich ihm wieder, sie wollte sich ihm inimer geben mit derselben Gebärde leiden- schaftlicher Dankbarkeit, niit diesen Blumen, die ursprünglich ilnd kunstlos waren wie sie; und er fühlte sich davon erfrischt und gekräftigt nach den körperlichen und geistigen Anstrengungeil eines so ereigiüsreicheil und entscheidenden Tags. War dies nicht schon der Lohn des ersten Schritts, der beschlossene» That? Das kleine Sträustchen schmückte ihn dafür, daß er sich heute entschieden hatte, morgen ans Werk zu gehen. In ihr, in Josincn, liebte er das leidende Volk, sie wollte er aus deu Klatten des Ungeheuers befreien. Er hatte sie auf seinem Wege gefunden, die Bejammernswerteste, die Mist- handcltstc, der tiefsten Schmach so- nahe, dast sie auf dem Punkte war. in die Gosse zu sinken. Mit ihrer von der Arbeit verstiinunelten Hand war sie die Verkörperung'des ganzen Geschlechts der Opfer, der Sklaven, die ihre Körper der aufreibenden Mühsal oder dem schändlichen Genuß preis- geben mußten. Wenn er sie erlöste, hatte er das ganze Ge- schlecht mit ihr erlöst. Und in köstlicher Weise fiihlte er, dast sie auch die Liebe war, die Liebe, die notwendig war für die Harmonie, für das Glück des Reichs der Zukunft. Leise rief er sie au. „Josine. Josine I Sie sind es, Josinc!" Aber ohne einen Laut entfloh sie, verschwand in der Finsternis des steinigen Geländes. „Josine, Josine! Sic sind es, ich weist es I Josine, ich muß mit Ihnen sprechen." Da kam sie bebend, glücklich zurück und näherte sich niit ihren leichten Schlitten dem Fenster. Und leise hauchte sie: „Ja, ich bin es, Herr Lucas." Ohne sich mit deni zu beeilen, was er ihr zu sagen hatte, versuchte er, sie besser zu sehen, die zarte, leichte Gestalt von so undeutlichem Umriß, daß sie einer Vision glich, die eine Welle der Finsternis jeden Augenblick wegtragen mochte. „Wollen Sic nur einen Gefallen enveisen? Sagen Sie Bonuaire, daß er niorgen früh zu niir kommen soll. Ich habe ihm eine gute Neuigkeit zu sagen, ich habe Arbeit für ihn gefunden." Sic liest ein leises frohes Lachen hören wie das Zwitschern eines Vogels. „O, Sic sind gut, Sie sind gnt l" „Und," fuhr er mit leiserer Stimme, in liebevollem Tone fort,„ich werde Arbeit für alle haben, die arbeiten wollen. Ja, ich werde dahin wirken, dast allen Menschen Gercchtig- keit und Glück zu teil werde." Sic begriff uild lachte wieder leise, voll Liebe und inniger Erkenntlichkeit. „Dank, tausend Dank. Herr Lucas!" � Die Vision entschwand, er sah den leichten Schatten durch die Büsche davon gleiten; und er war begleitet von einem andern, ganz kleinen Schatten, dein Nanets, den er bisher noch nicht benierkt hatte, und der nun neben seiner großen Schwester her lief. „Josine, Josine I Auf Wicdcrseheil, Josiue I" „Dank, tausend Dank, Herr Lucas I" Er sah nichts mehr von ihr, sie war verschwunden; aber er hörte noch immer ihren freudigen, innigen Dank, den Ton ihrer leisen Stimme, den der Wind ihm zugetragen hatte, lind sein Herz war erfüllt, beseligt von dem süßen Zauber dieses Tones. Lange blieb Lucas am Fenster, von llneildlicher Hoff- nungSfrcudigkcit und Begeisterung durchflutet. Zlvischen der Hölle, wo der Atem der qualvollen Arbeit schwer und keuchend ging, und der Gucrdache, deren Park als schwarzer Fleck auf der ebenen Fläche der Rouniague lag, sah er das alte Beauclair mit seinen morschen, halbverfallenen Häusern, das unter dem dumpfen Druck seines Elends und seiner Leiden schlief. Das war die Kloake, die er assanieren wollte, der alte Kerker der Lohnsklaverei, mit seinen abscheulichen Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, der dem Erdboden gleich gemacht werden mutzte, damit die Menschheit von ihrer jahrhundertealten Vergiftung genese. Und auf demselben Platze baute er im Geiste die Stadt der Zukunft auf, die Stadt der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Glückes, deren weiße Häuser er schon inmitten der grünen Natur lachen sah, von freien und brüderlichen Menschen bewohnt, von heller, froh- licher Sonne beschienen. Plötzlich flammte der Horizont auf, ein starkes rosiges Licht erhellte die Dächer von Beauclair, die Felswand der Monis Blenses, die unendliche Ebene. Es war ein Abstich am Hochofen der Cröcherie, was Lucas zuerst für eine Morgenröte gehalten hatte. Aber es war keine Morgenröte, es war eher der Untergang eines Gestirns, der alte Vulkan, in qualvoller Arbeit an seinen Ambost gebannt, sandte zum letztenmal die Flamme seiner Esse empor. Fortan sollte die Arbeit nur noch Gesundheit und Freude bedeuten, der Morgen der Zukunft war nah. Zweites B n ch. I. Drei Jahre gingen hin, und Lucas gründete seine neue Fabrik, die eine ganze Arbeiterstadt ins Leben rief. Ihr Ge- biet umfaßte mehr als einen Quadratkilometer auf einem großen Terrain unterhalb der vorspringeildcn Felswand der Monis Blenses, das sich in sanfter Senkung vom Park der Crecherie bis zu den Gebäuden der Hölle erstreckte. Da der Anfang sich in bescheidenen Grenzen halten mußte, war vor- erst nur ein Teil dieses Terrains verwendet worden, das übrige war den erhofften Vergrößerungen der Zukunft vor- behalten. Die Fabrikgebäude lehnten sich an die vorspringende Felswand, gerade unterhalb des Hochofens, mit dem die Werkstätten durch zwei Aufzüge verbunden tvarcn. In Er- Wartung der Umwälzung, welche die elektrischen Oefen her- vorrufen sollten, hatte"sich Lucas übrigens nur»venig init dem Hochofen befaßt, hatte ihn lediglich in einigen Einzel- heiten verbessert und liest ihn sonst unter der Leitung Mor- fains in althergebrachter Weise betreiben. Aber in der Ein- richtung der Fabrik hatte er alle erreichbaren Verbesserungen und Fortschritte in Bezug auf die Bauten soivohl als auf die Maschinen durchgeführt, um die Leistungsfähigkeit des Werkes zu steigern und zugleich die Mühe der Arbeiter zu verringern. Und ebenso hatte er es darauf angelegt, dast die Häuser seiner Arbciterstadt, deren jedes in einem Garten stand, behagliche Wohnstätten scieir, in denen das Familienleben fröhlich blühen sollte. Etlva fünfzig solcher Häuser standen bereits auf dem an den Park der Cröchcrie anstoßenden Terrain, eine kleine Stadt, die gegen Beauclair hin vordrang; denn jedes neue Haus»var wie ein Schritt »vcitcr zur Stadt der Zukunft, zur Eroberung deS alten schuldbeladene», und verdammten Ortes. Inmitten des von den Häusern bedeckten Gebietes hatte Lucas das Gemcinhaus errichten lassen, ein großes Gebäude. in »velchcm sich die Schulen, eine Bibliothek, ein Festsaal, ein Spielsaal und ein Bad befanden. Das war alles,»vas er von dem Phalansterium Fouriers beibehalten hatte,»vährend er sonst jeden, ohne ihn an eine bestinimte Linie zu binden, nach seinen. Gefallen bauen liest. und den Zivang der Gemeinschaft nur für getoisse öffentliche Dienste geltend machte. Und hinter den, Gemeinhaus endlich waren die allgemeinen Verkaufsinagazine crrichret, die sich von Tag zu Tag erweiterten und in denen die Arbeiter ihr Gebäck, ihr Fleisch, alle sonstigen Gcnustinittel. Kleider, Utensilien und kleine Gebrauchsgegenstände kaufen konnten. eine gegenseitige Kousuiutionsgenossenschaft. welche die Ergänzung der gegen- seitigen Produktionsgenossenschaft bildete, die die Werke be- trieb. Alles dies mar natürlich nur ein kleiner Anfang, aber es wuchs uud gedieh, und es»var schon ein Urteil über das Gelingen des Werkes möglich. Lucas hätte so rasch nicht vorivärtskoinmen können,»venn er nicht den glücklichen Gedanken gehabt hätte, die Bauarbeiter eben- falls an seiner Schöpfung zu interessieren. Besondere Freude bereitete es ihn, aber, dast es ihm gelungen»var, die ver- schiede», cn Quellen der oberen Felspartien zu fassen und zu vereinigen, so dag sie nun die entstehende Stadt und die Werkstätten mit einer Flut frischen und reinen Wassers durchrieselten, das die Bäder versorgte, die blühenden Gärten begoß und in jedes Haus Erquickung und Gesundheit. brachte. Eines Morgens kam Fauchard, der Auszieher, nach der Crecherie, unt hier einige frühere Kameraden zu besuchen. Er, der willensschwache und unentschlossene Mensch war in der Hölle geblieben, während Bonnaire seinen Schwager Nagu in die neuen Werke niit herüberbrachte, der seinerseits Bourron bestimmt hatte, ihm zu folgen. Diese drei arbeiteten also hier, und zu ihnen kanr Falichard, um einige Fragen an sie zu stellen, da er unfähig war, einen Entschluß zu fassen, in der Stumpfheit, in welche ihn fünfzehn Jahre derselben Arbeit, mit stets derselben Bewegung inmitten derselben Feuersglut versenkt hatten. Seine geistige Trägheit war so groß geworden, daß er seit Monaten diesen Besuch geplant hatte, ohne die Willenskraft zu finden, ihn auszuführen. Und als er Nim die Crecherie betrat, geriet er in Erstaunen. Nach der schwarzen, schmutzigen/ staubigen Hölle, deren plumpe, vernachlässigte Gebäude nur schwach durch kleine Fenster erhellt waren, wirkte es schon wie ein Wunder auf ihn, die leichten, weiten, aus Ziegeln und Eisen erbauten Hallen der Crecherie zu betreten, durch deren große Fenster Luft und Licht in breiten Strömen eindrangen. Alle Fußböden waren mit Cement belegt, wodurch der schädliche Staub bedeutend vcr- mindertwurde;überallwar Wasserim Ueberslußvorhandcn, so daß alles oft gewaschen werden konnte. Und da es fast keinen Ranch gab. dank den alles verzehrenden neuen Einrichtungen in den Schornsteinen, herrschte überall die größte Reinlichkeit, die leicht aufrechtzuerhalten war. Die düstere Höhle des Cyklopen hatte weiten, hellen, sauberen und fröhlichen Werkstätten Platz gemacht, welche die Härte der Arbeit milderten. Aller- dings war die Verwendung der Elektricität noch beschränkt, das Getöse der Maschinen war noch immer betäubend, die mensch- liche Anstrengung war nicht wesentlich verringert. Kaum ließen einige, bisher nicht erfolgreiche Versuche mit mechanischen Hilfsmitteln bei den Puddelöfen und den Tiegelgußöfen die Hoffnung zu, daß es eines Tages gelingen werde, die mensch- lichcn Arme von den allzu schweren Verrichtungen zu ent- lasten. Man war noch bei den ersten tastenden Schritten auf dem Wege zur Zukunft. Aber doch, welche Verbesserung bedeuteten schon diese einfache Reinlichkeit, diese von Licht und Luft durchfluteten tvcitcn Hallen, diese Heiterkeit überall, die die Arbeit weniger pcinvoll für den Arbeiter machte! Und welch drückender Gegensatz hierzu die finsteren, abstoßenden Höhlen, in denen die Arbeiter der alten benachbarten Fabriken sich in freudloser Mühe abquälten. (Fortfivlmg folgt.) Die FnfcrnAtionale AUtSfkelljmg füe Fe«evMutz«nv Lsetter�Metknugsniefeu. Die Ausstellung, welche im Westen Berlins, dicht vor dem Bahnhof Halensee für einige Wochen errichtet ist. soll dem großen Publikum die Errungenschaflen des menschlichen Geistes auf einem der loichtigsten Gebiete des Kulturlebens vor Augen führen. Unab- lässig ist der erfinderische Geist beschäftigt, Werke der Zerstörung zu ersinnen und zu erbauen; die unisormierteu Träger dieser kullur» vernichtenden Richtung in allen modernen Staaten— eine Richtung, die sich gegenwärtig in China so schön beivährt— lönuen wir im militaristischenDeutschland und besonders in derRcichshauptstadt Berlin täglich, ja beinahe stündlich mit Stolz ihre Einrichtungen benutzen und üben sehen. Aber glücklicherweise sind wir nicht nur Barbaren/ der Barbarismns ist nur eine, wenn leider auch sehr bedeutende Seite im Leben der modernen Völker; daß er aber nicht allbeherrschend ist, zeigen solche Veranstaltungen wie die bei Haleusee recht deutlich. Hier können wir staunend bewundern, was der Mensch in der Bekämpfung der zerstörenden Elemente und Natur- gewalteu Großes geleistet hat, Ivie er gelernt hat, ihnen zu begegnen und seine Werke bor ihnen zu sichern. Freilich könnte noch sehr viel mehr geleistet werden, wenn die besten Kräfte nicht ander- weitig in Anspruch genommen würden. So betrugen die Kosten der Berliner Feuerwehr im Jahre t8g9/1Ü: 1600000 Mark bei einem Bestände von 778 Mann; das niacht auf den Kopf der Bevölkerung 90 Pfennig. Für Heer und Marine, die selbst im Frieden Verhältnis- mäßig zehn- bis zwanzigmal so stark sind, wird pro Kopf der Bc- völkcrung auch mindestens das Zehnfache ausgegeben. Solche Zahlen allein geben uns schon eine Ahnung von dem großartigen Kultur- anfschwnng, den eine spätere vom Alp des Militarismus befreite Zeit erleben wird. Eine historische Abteilung, die einen Vergleich der modernen Leistungen mit denen früherer Jahrhunderte oder gar Jahrtausende ermöglichte, ist in der Ausstellung bei Haleusee nicht vorhanden. Es hat das seinen Grund darin, daß die Methode der Fcuerbekämpfimg Jahrlauseude hindurch eine äußerst primitive war, und erst im letzten Jahrhundert, ja eigentlich erst in der zweiten Hälfte desselben, ans einer Abwehr, aus einer Verhinderung des AnsbreitenS durch Nieder- reißen der nächsten Gebäude, sicb zu einer wirksamen Bekämpfung entwickelt hat. Auch nach der Erfindung der Feuerspritze, die im Au- fang des 16. Jahrhunderts erfolgte, änderte sich nicht viel; erst die etwa ISO Jahre später erfolgte Erfindung des Windkessels machte die Spritze zu dem modernen Instrument, das die Durchführung einer systematischen, aiigrcifendcu Bekämpfung des Feuers ermöglichte. Moderne Spritzen in jeder Gestalt finden wir in Modelleu und in vollständiger Ausführung vertreten. Redender einfachen mit derHand zu bedienenden Spritze sehen wir die Danrpfspritze, die riesige Wasscrmasscu mit ungeheurer Gewalt in die Flammen schlendert; daneben neuere Erfindiinge», welche mit der Dampfspritze in Konkurrenz treten wollen, wie Kohlcnsäurespritzc, Spritze mit elektrischem Betrieb. In engstem Zusammenhange mit diesen Spritzen stchcu die sonstigen Hilfsnpparate, Wasserwagen, Mannschaftswagen, Leiten» aller Art, unter denen die verschiedenen mechanischen Leitern hcrvorragem Sehr vollständig sind die Eiurichtuugcn der Städte Hamburg und Wien vorhanden, Ivie überhaupt das Hauptkontingeiit der Ausstellung von Deutschland gestellt ist, während das Ausland, Italien, die Schweiz, Rußland und andre Staaten, naturgemäß nur sehr ver- einzelt vertreten find. Am interessantesten für die meisten Besucher sind unstreitig die Borführungen der Berliner Feuerwehr, Ivelche abends um 6 Uhr stattfinden. Auf dem weiten Platz hinter dem Ansslellungsgcbäude sind mehrere Häuschen errichtet, an denen später Brandproben vorgenommen werden sollen; daselbst ist auch ein hohes Holzgernst aufgeführt, welches die Vorderfront eines Hauses darstellt. Dort klettern die Feuerwehrleute mit Hilfe ihrer Hakenleitern auf Kommando in die Höhe, lassen Puppen, welche halbcrstickte Menschen darstellen sollen, an Rettungsgürteln hinab und werfen sie auf das ausgebreitete Sprungtuch; bald kommen auch Spritzen angerasselt, die mechanische Leiter wird aufgerichtet, Mannschaften klimmen auf ihr bis zur höchsten Spitze dcS Baues und richten von dort das Ende des mit hinnufgenommenen Schlanchs nach den als gefährdet augeiiommeiien Stellen, wohin sich, von der Dampfspritze getrieben, förnitiche Wasser- fluten ergießen. Zum Schluß der Vorführung wird ein großer Holzstoß ent- zündet, aus dem nun ungeheure Rauchmassen aufwirbeln. Ein Feucrwehnnann in voller Ausrüstung dringt in diese Rauchmasscn ein, ans denen er völlig ungefährdet wieder zurückkommt. Es soll hierdurch die rauchschützende Wirkung der Ausrüstung zur deutlichen Anschauung gebracht werde». Die ungefährdete Atmung im Rauch, also die Zuführung guter Lust, resp. frischen Sauerstoffes, ist eine nicht nur für Feuerwehr- lcute ungemein wichtige Sache; auch in Bergwerken ipielt diese Luftzuführung eine sehr erhebliche Rolle, und mannigfache Apparate find ersomicn worden, um sie zu ermöglichen. Die Alis- stellung der Sauerstoff-Fabrik Berlin, die sich in der Haupt- halle befindet, zeigt eine ganze Reihe verschiedener neuer und neuester Erfindungen auf diesem Gebiet. Eine außerordentlich wirksame ist von dem' Branddirektor der Berliner Feuerwehr, Herrn Giersberg, gemacht worden; bei dem älteren uou der Firma auch ansgestcllten Pneumatophor von Welcher»!. Gärtner ge» schicht das Ausatmen in denselben Raum hinein, aus welchem auch eingeatmet wird; die ausgeatmete schädliche Kohlensäure soll durch Natronlauge absorbiert werden. Weiter kann bei diesem Apparat nur der Mund zum Atmen benutzt werden, während die Nase, die vor dem Einatmen der giftigen Gase im Schacht oder im Rauche des Feuers geschützt werden muß, durch eine starke Klemme von der Luft ab- gesperrt ist. Beides sind Uebclstände, die bei dem neuen Rettungsapparat von Giersberg vermieden sind: neben manchen andren Vorteilen besitzt dieser Apparat de», daß der Ein-»md Ausatniungsraum getrennt find, sowie den, daß die Nnsenllemme durch eine geistvolle Vorrichtung ersetzt ist, die es erlaubt, Nase und Mund zu gleicher Zeit ftir die Atmung zu bethätigen. Uebrigcns sei hier eine Zwischenbemerkung gestattet. Gln»ibt wohl jemand, daß der Branddirektor Gicrsberg durch die Ausstcht auf Gewinn zu seiner Erfindung angeregt tvurde? Natürlich ge- währt eine solche Erfindung, falls sie sich bewährt, heutzutage reichen Gewinn: aber die Gewinnjucht ist doch niemals der Ansporn, sondern diesen bildet das notwendige Bedürfnis, sich zu bethätigen, sich aus- zulebcn und zu Ivirken. Solche Beispiele sollen sich die überklugen Herren vor Augen halten, die vom SocialismuS ein Nachlassen und Erschlaffen jeder Initiative auf technischem Gebiet erwarten. Es giebt Beispiele genug, ivelche zeigen, daß die Sicherung der Existenz den Geist zur Bcthätigung anspornt, anstatt ihn zu erschlaffen. Reben der Ausrüstung der Feuerwehr nimmt das Rettungs- Wesen einen breiten Raum ein, und zwar das Rettungswesen in weitestem Umfange, nicht bloß aus Feuersgcfahr. In inniger Beziehung zur Rettung steht weiter die vorsorgcnde Verhütung der Gefahr. Dahin gehört n. a. ein vor der Haupthalle befindliches kleines Asbesthäuschen, von dem wir nur hoffen wollen» dah es int Ernstfälle beut bcrhecrciiden Elemente energischeren und ersolgreicheren Widerstand leisten wird, als das deriihmte Haus, das der Wcltmarschall nach China mitgenommen. Ganz besondere Fortschritte sind ans dem Gebiete des Melde- Wesens für Feuer gemacht ivorden; diesen Eindruck erhält man so- fort, wenn man die Haupthalle der Ausstellung betritt. Schnelle Benachrichtigung und schnelle Bereitschaft sind in der That bon der gröstten Wichtigkeit. Von der Bereitschaft auf den ständigen Feuer- wachen geben die ausgestellten Modelle derselben und ihre Ein- richtungcn ein anschauliches Bild; unter letzteren kann man auch die verschiedenen Systeme erblicken, nach welchen die Pferde schnellstens in Dienslsähigkeit versetzt werden. Bei dem Erklären dieser Systeme wirken sie alle gleich gut; welches sich aber in der Praxis am besten bewährt, kann man daraus doch nicht erkennen. Das Meldewescn ist mit Hilfe der Elektricität zu einen» sehr komplizierte», aber doch austerordentlich sicher und rasch funktio- nietenden System ansgebant worden. Telephone der verschiedensten Art, automatische Auslösung elektrischer Klingeln und viele andere Arten der schnellsten Benachrichtigung werden von den Vertretern der einzelnen Firmen, die sie in den Verkehr gebracht haben oder bringen wollen, dem Publikum bereitwilligst erklärt und in Gang gesetzt, so dast ein Gefühl ruhiger Sicherheit einen überkommen könnte — wenn solche Einrichtungen schon in jedem Hause vorhanden wären. Von bemerkenswerten Einzelheiten will ich die AnSstcllimg der Stadt Wien hervorheben. Die schöne Kaiscrstadt an der Donau hat ihre Feuerwehr-Einrichtullgcn in recht schöner Weis« zur Ansch.ttmilg gebracht. Mannschaftswagen, Riistwagen mit sämtiichen Geräte»», 'pneninatische Schiebleitrr, Gasspritze mitTrchIcitcr, Danipfsp»itze u.a. sind in schöner Ordnung aufgestellt. Von den ähnlichen Ansstellungc» andrer Städte zeichnet sich die der Stadt Wicn aber dadurch aus, dag sie auch eine vollständig eingerichtete»md geschmnck- voll ausgestattete Centrale zur Ausstellung gebracht hat. Anstcrden» hat sie ein kleines Fcuerivehr-Mnscum errichtet, in welchen» ein prachtvolles Album»nit schönen Darstellungen ausliegt, durch Ivelche die historische Entwicklung des Feuerlöschwesens in Wien zur An- schaunng gebracht wird. Die Wände sind mitBilderu geschmückt, in denen einzelne grojje Brände soivie andre auf die Thätigkeit der Feuerwehr bezügliche Gegenstände dargestellt sind. Damit auch der heitere Scherz nicht fehle, hat dort ein Bildchen.Brennende Liebe" Platz gefunden: Ans einer Bank in» verschwiegenen Park sitzt ein Pärchen, sich glückselig umschlungen haltend; ans der nahen Straste rasselt die Feuerlvehr vorbei, und ein kleiner Amor sucht sie nach dem Platz der Liebenden zu locken, damit sie dort in abkühlende Aktion trete.— Bt. Nleines Feuilleton» — Henrik Ibsen. In der.R. Fr. Pr." giebt ein gegenwärtig in Wicn lebender Bekannter des nordischen Dichters, der während dessen Aufenthalt in Deutschland durch viele Jahre mit ihm in leb- basten» freuudschnftlichem Verkehr stand,»Iber die Lebensgeivohnhciten JbsenS, solvie über die Art seines geistigen Schaffens die folgenden, interessanten Einzelheiten. Von Ende der siebziger Jahre bis Ende der neunziger Jahre hat Ibsen grösttentcils ablvechselnd in Rom, Dresden oder München gelebt. Aus dieser Periode stammen be- kanntlich seine bedeutendsten Werke. Mit staunenslvcrter Regel- mästigkeit erschien alle zwei Jahre kurz vor Weihnachten ein neuer Band aus der F-'der des Meisters. Wenn Ibsen eine Arbeit voll- ständig abgeschlossen hatte, benutzte er das nächste halbe Jahr, um Stoff für ein neues Werk zu suchen. Während des ziveiten halbe» Jahres traf er dann die Wahl des Stoffes, der inillleriveile in seinem Kopfe bereits bestimmtere Formen angenommen halte. Die eigentliche Arbeit deS Schreibens hat Ibsen immer erst im ziveiten Jahre in Angriff genommen. Wenn der Dichter mit seiner Arbeit fertig zu sei» glaubte, hat er dieselbe imitier wieder bon»ciin» mit seiner wunderbar klaren und saubere» Handschrift selbst abgeschrieben, um zn korrigieren und de» Stil zu feilen tind dann ein vollkommen«mkorrigierteS Exemplar dem Drucke zu übergeben. Kenner behaupten, dast er auf diese Weise zu der Schlichtheit, Ungesnchtheit und Natürlichkeit seines Dialogs gelangt sei. da ihn während der Zeit des Abschreibe»?, wo das Stück bereits fertig war, nur noch der Dialog beschäftigte. Ibsen hat in den beiden Jahren, ii» denen ein neues Stück cnlstnnd der verschiedenen Beschäftignng entsprechend verschieden gelebt. Im ersten Jahre pflegte er in eine Sommerfrische zu gehen und dort recht lange zu bleiben. Am liebsten und häufigsten suchte er Gossensast auf, Ivo er sehr intim mit Oskar v. Slcdwitz verkehrt hat. Während de? zweiten Jahrs blieb er im Sommer zu Hanse. Da hat er mln eifrig gearbeitet, iiud zwar in folgender Weise: Er stand des Morgens a»lf niid kleidete sich an, wozu er ungefähr zwei bis drei Stunden brauchte. Einmal hat er sich selbst dabei ertappt, dast er nicht weniger als drei Viertelstundc»» lang änstcrlich nichts iveiter gethaii hat, als sich die Hosenträger anzuziehen, ein Beweis, dast er während dessen mit seiner Arbeit miierlicb beschäftigt»var. Hierauf bat er bis Mittag fleitzig gearbeitet. Ziemlich spät pflegte er das Mittngmahl zu nehmen, und begab sich danach, lvenn er in München lebte, ins .Cafs Maximilian", in Christiania ins„GrandHotel". Immer erschien er genau zur selben Stunde im Kaffeehause, immer nahm er am selben Tisch Platz und immer trank er dasselbe: einen Eognac und ein Glas Bier. Im Kasfeehanse las Ibsen mit grosten» Interesse die Zeitungen. Den Abend hat der Dichter meist zn Hause verbracht. Interessant ist es, dast sich Ibsen viel mehr um das Leben, wie es sich ihm alltäglich darbot, geküinmert hat, als um die Liiteralur. Infolge dessen hat er nur iveuig Bücher gelesen, dafür war er, wie erwähnt, ein eifriger Zeitnngsleser, der alles in den Blättern genau las und auch den Jnjcratenteil nicht überging. So konnte es passieren, dast er eines Tages, als er in München in einer litterarischen Gesell- schaft fast iuid die Rede auf Georg Ebers kam, ganz naiv ftagte: .Wer ist Georg Ebers?" Gleich darauf sprach man von dem bc- rühmten Prozcst der Adele Spitzeder, der mehrere Jahre zurück lag. Ibsen wnstte hierüber bis ins kleinste Detail Bescheid. Von seiner absoluten Regelnlästigkeit wich Ibsen nusterst selten und äusterst ungern ab. Rur sehr schwer hat er sich gc- legcutlich zu einer Kunftreise nach Berlin oder Wien entschliestcn können. Wenn er in fremde Gesellschaft kam. war er znnächst wortkarg. Nndrerseits konnte der Dichter, weint ein Gelage recht lange dauerte und dabei die Getränke, namentlich der Champagner, von vorzüglicher Qualität waren nnd reichlich flössen, bis zur Ans- gelassenheit lustig werde»»nd stimdenlang ganz allein sprechen. Nach einem solchen Excesse hatte der Dichter dann für längere Zeit wieder genug. Als im Berliner Lessing-Theater des Dichters»Hedda Gabler" zum erstenmale aufgeführt wurde, fast er bis wcnige Minute» vor Beginit der Aufführung mit einigen jüngeren Freunden in der geinüllichen Ecke einer duullcit Wcinkneipc»nd war mir schwer zu bewege», ins Theater zn fahren. Im.Cafs Maximalian" in München war Ibsen der Gegciistaiid allgemeiner Alifmctksainkcit. Fast immer fasten in einiger Eiitfennnig einige junge Maler und habe» den Dichter heimlich gezeichnet. So lange eS ging, that Ibsen, als bemerkte er dies nicht. Manchmal wurde cS ihm aber doch zu viel. Da vergrub er einfach feinen Kopf i» einer grosten Zeitung und entzog so den Malern das Modell. An dem alt- gewohnten Kaffcehanstisch empfing Ibsen auch am liebsten Besuche guter Frcnnde tind Bckannier. So kam es aber auch, dast viele Unbefiigtc einfach an Ibsen im Kaffcchanse herantraten, sich ihm vorstellten»nd zu ihm setzten. Allerdings fiel es solchen„Uiigcbeteneil" sehr schwer, auch nur ein Wort aus dem Dichter hcrauszubriilge». Im Laufe der Zeit wurden ihm solche Sitiuttioiieil aber doch niibchaglich. Das ist der eigentliche Grund, weshalb er so oft seiiieu Aufenthalt gewechselt hat. In München kursiert im Handel tind befindet sich auch im Privatbesitz eine graste Zahl von Skizzen, die Ibsen im.Cafö Maximilian" darstellen. In Bezug auf seine Erscheiiuiiig und Kleidung ist Ibsen stets von penibelster Sauberkeit und Sorgfalt. Er trägt iiiuner langeil schwarze« Schlustrock, weiße Kravatte iuid Etz linder. Ibsen geht auf der Straste äusterst langsam. ES gewinnt den Ruschci», als ob er sich um gar nichts kümmert. Dabei entgeht seinen listigen scharfen Augen hinter der goldenen Brille nicht daS geringste von dem Lebe» tmd Treiben tiiu ihn.— k. Daö Rauchen und der Charakter.«Zeige mir, wie Du die Cigarr« ins Gesicht steckst, tind ich will Dir jagen, wer Du bist", das wäre eine neue origiuelle Variante des alten Satzes. Ein eng» lischer Kciiner stellt»ämlich auf Grund seiner sorgfältigen Sindieit folgende Betrachtungen an: Der aufmerksame Beobachter kann auf der Straste den Charakter der Mänucr an der Art erkemien, wie sie ihre Cigarctten nnd Cigarre» rauchen. Ein Mann kann ein« sehr verschwiegene Nainr haben, sein Gesicht kam» seine Empfinduiigeit verbergen wie eine steinerne Maner, seine Art zu sprechen braucht nichts zn verraten, beobachtet mau ihn aber mit seiller Cigarre. achtet mau ans seine Art, sie zwischei» den Lippen oder den Fingern zn halten, sieht man, wie er de» Rauch aus den» Munde ausstöstt, ivas er mit der Asche thut, ob er die Cigarre bis aus de» lctzleu Stummel a»fra»cht oder st« halb fortivirft, so besitzt man den Schlüssel zn seiner inneren Natur und kau» in seinen» Charakter»vi« in einem Buche lesen. Cigmette» und Cigarre» offenbare» den Charakter viel besser als Pleife». In der Siegel steckt der Mann die Pfeife in eine Ecke jeincs Mundes, bläst die Ranch- wollen von sich, und damit ist alle Bcobachtiuig zu Ende; nnr wenn er sehr heftig pafft, kann man es als ein sicheres Zeichen einer nervösen reizbaren Gemütsart nehme». A»lS dem Stopfen einer Pfeife kam» mau allerdings auch mancherlei erkennen. Stopft jemand z. B. seine» Pfeifenkopf schnell nnd überreichlich, lästt er lose Tabaksfäden über den Rand hängen,»vährend er das Streich- Hölzchen anflegt, so hat man es mit einem gutmütigen Menschen zu thun, dercdelniülig gegen einen Fehler, sorglos und gleichgültig ist. schnell Freundschaften schliestt, aber sie ebenso leicht vergistt. Die Grund- tage für diese charakterologischen Studien aber bleibt die Cigarre. Hänsig sieht inaii Männer ihre Cigarre» ans der oberen Westentasche nehmen. Man ninst daraus durchaus nicht schliesten, dast sie zu arm sind, sich Cigarrentaschen zn taufen. Im Gegenteil, entweder sind sie zu unordentlich, sie zn halten, oder zn bequem, die Cigarre» ein- znordnen. Dieselben Männer beiden fast regelmäßig die Spitzen der Cigarre» ab, anstatt ein Taichemneffer oder einen Cignrren- abschneider zn benutzen, eine närrische Angewohnheit, die nicht nur den Mund mit Tabakstückchen füllt, sondern auch das Deckblatt in Niiordnnng bringt und oft ein sonst ausgezeichnetes Kraut verdirbt.' Ist die Cigarre zum Rauchen vvrbereitet, so bevbnchle»«an, wie der Betreffende sie zwischen den Zähnen hält. Der Epikuräer faßt seine Cigarre nicht nur nilt den Zähnen, iveiii» er das Streichholz anlegt, sondern mit dem Finger und Daumeu seiner linke» Hand, und nach jedem dritten giiR ctiun inmint er bnS duftende Kraut aus dem Munde und prüft das gtühende Ende, um ja sicher zu sein, das; er rundherum gleich- uiäsziq angezündet hat. Viele Männer halten die Cigarre mit den Vorderzähnen und stoßen den Nmich an beiden Seiten des Krauts aus! andre Ivieder halte» sie in einer Ecke des Mundes, Wer von sehr lebhafter Gemütsart ist, hält die Cigarre selten einige Zeit zivischen den Lippen, sondern macht ein paar Züge und läßt die Cigarre zwischen Finger und Daumen ruhen. Wer einen entschlossenen, energischen oder auch streitsüchtigen und ungeduldigen Charakter hat, verrät sich oft selbst dadurch, daß er beim Nanche» seiner Cigarre eine Neigung»ach oben giebt. Ein beschau- licher, träumerischer Mann tvird sie im Gegenteil nach dein Kinn zu senken, wohingegen gleichmäßig gestimmte Naturen ihre Cigarren gewöhnlich wagerecht halten. Leute von mürrischer, nachdenklicher Gemütsart kauen das Ende zn einer schrecklichen breiigen Masse. Nichts spricht deutlicher von schmnhigem Geiz als die Geivohnheit, einen Cigarrenslnmmel auf die schmale Klinge eines Taschenmessers z» stecken und weiter z» rauchen, bis die Glut fast die Lippen berührt.... Noch ein Wort über die Cigarette. Man beobachte einen Mann, der gern sarkastisch ist. Die meiste» Mensche» halten die Cigarette zivischen dem ersten und ziveiten Finger. Er hält sie aber ivie eine Stecknadel, das glühende Ende von der Hand entfernt, und tvährend beißende Bemerkungen von seinen Lippen fallen, prüft er die Spitze seiner Cigarette, als wenn sie eine Merkioürdigkeit wäre! der überlegene Mann aber hält sie gern lose zivischen den Lippen und wirft den Kopf etwas zurück.— Theater. Lessing-Theater. Der tolle V i s m a r ck von Walter Harlan.— Ich bin häufig andrer Meinung geiveseii als Herr Neu in a n n- H o f e r. Heute aber bin ich in der Lage, ihm voll, ganz und unentivegt zustimmen zu können. Er beging eine That direktorialer Weisheit, eine That deS feinsten künstlerischen Verständnisses, eine That sympathischer Menschenliebe, als er den„Tollen Bismarck" des Herrn Harlan un- mittelbar vor Thoresschluß herausgab. Man soll lange suchen, ehe Ulan eine so seichte und traurige Dilettanten- arbeit Iviedersiiidet. Das Publikum spendete übrigens rauschenden Beifall. Ich kannte das Publikum des Lessiug- Theaters gar nicht wieder. Vielleicht kannte Herr Harlan die Versammelten besser. � Der erste Akt spielt auf dem Kniephos. Ivo ein paar stiermäßig besoffene Kumpane Bismarcks auf dem Fußboden schnarchten. Der eine„Darsteller" legte sich so ins Zeug. daß man ihn auch in den hinteren Parkettreihen gehört haben muß. Der Mann besitzt entschieden Talent und muß zudem von einem ungelvöhnlich glühenden Kuusteifer beseelt sein. Ein Diener ver- sucht die Schlafenden durch Trompetensignale zu wecken— ohne Erfolg. Man schläft halt gut,>ven» man vernünftig, oder— je nach der AussassungSweise— auch»nvernünftig gezecht hat. Bismarck iveiß die Sache aber zu deichseln. Er schießt eine Pistole koS, daß der Kalk nur so von der Decke prasselt. Das hilft. Die Schläfer werden wach und sagen„Guten Morgen". Im selben Akt rettete Bismarck auch einem Neitlnccht d�S Leben und wir haben so Gelegenheit, die historischen Kenntnisse des Herrn Harlan zu bewundern. Dann wäre noch eine verrückte Eng- länderi» zn verzeichnen, die Bismarck anschwärmt und ihn durchaus heiraten will. Vielleicht ist es amb»ickit nnwesentlich. daß Bismarck damals die„Vossische Zeitung" laS. Ich will es jedenfalls nicht verschweigen. Im nächsten Akt lernen ivir Johanna von Puttkammer nebst ihren Eltern kennen. Der Sicherblickende merkt hier, daß die Engländerin schließlich doch ohne Mann abdampfen muß. Ob Herr Harlan damit eine politische Demonstration gegen England de- absichtigte. Iveiß ich nicht. Bei seiner ganzen Anffnssung historischer Dinge halte ich das aber nicht für ganz anSgeschlossen.' llebrigens hat mir in diesem Akt am besten Frau Meher gefalle», die ihre Rolle kurz entschlossen parodierte. Meines Erachtens entsprach das durchaus dem Charakter des Stücks, das ja auch eine Parodie ist. wenn auch eine nnfreiwillige. Im dritten Alt verlobt sich Bismarck mit Johanna von Puttkammer. Damit schien mir das Wesentliche des Abends erledigt zu sein und ich verschwand. Es gab dann noch einen vierten Akt, den die Anwesenden hoffentlich ohne Schaden überstanden haben. Mit den Darstellern darf man nicht rechten. Daß Klein aus diesem Bismarck nichts zu machen wußte, ist allzu verständlich. Frl. Saue r entfaltete als Johanna ihre ganze stille und unendlich gewinnende Anmut. Es blieb vergebens. Am richtigsten hatte, wie gesagt, Frau Meyer die Situation erfaßt.— E. 8. oe. Schiller-Theater. Es giebt doch noch Idealismus auf der Welt. Am schwüle» Psingstabcnd, Ivo man jeden mit den Vorbereitungen zur Landpartie beschäftigt wähnt, ein volles Hans; das allein geht schon nicht mit rechten Dingen zu. lind wenn mm herauskommt, daß das Stück, dem dieser Magnetismus eigen, weder „Faust" heißt noch„FlachSmann als Erzieher", sondern daß Roderich B e n e d i x solches mit seinem„G e f ä n g n i S" gelhan hat, dann ist das Wunder doppelt groß. Es war aber auch wirklich schön. Ei» Seelengleichklang von sanfter Reinheit schien Bühne und Parterre zu entzücken; in den unglaublich gemütlichen Harmlosigkeiten, die das„Gefängnis" vier Akte hindurch bietet, versank aller Hader und Streit der Gegenwart, und dankbar blickte männiglich zn den Bretter» empor, wo eine Welt auflebte, in der das berühmte Stammpublikum des Hauses sich selbst wiederfand. Ein Zuschauer im besten Mannesalter aber zerdrückte eine Thräne, indem er seufzend die Wahrnehmung von sich gab, daß Zeit und Menschen anders würden. Als er znletzt, vor fünfzehn Jahren, das Stück im Schanspielhanse gesehe», sei es noch unauffällig im modernen Kostüm gegeben worden, inni aber erinnere ihn das Schiller-Theater an den Flügelschlag der Zeit, indem es den guten Benedix historisch bringe in der Tracht der fünfziger Jahre. Da sieht man, daß einer alt wird, klagte er voll Wehmut. So naturgetreu ivard der historische Benedix auf der Bühne kopiert, daß vor allem die Frauen auch in jener süßlichen Zierlichkeit lispelten, die damals die wahre Kunst ausgemacht haben soll. Schade um die wackere Direktion, daß sie den Vorsatz, ihr Publikum ans dem Philistergnalm zu lichteren Höhen cmporznführen, zeit- tveilig mit solchen Schnurren sühnen muß.— Humoriftif cves. — Neues von Serenissimus. Serenissimus reilet mit Forstmeister durch de» Wald. Ist ganz entzückt von dem prächtigen Bestand und ivill Forstmeister allerhöchste Zufriedenheit zu erklären geben.„Aeh— schöner Kiefennvald I Haben Sie gut gemacht. lieber Forstmeisterl Haben Sie gut gemacht!" Forstmeister räuspert sich, als ob er was sagen wollte.„Äeh— was dagegen? Lob ver- dient! Reichlich verdient!" Serenissinnis lächelt gnädig.„Mit Ver« laubl Wollte mir nur allenniterthänigst zn bemerken erlaube», daß Kiefernwald eigentlich nicht Kiefernwald, sondern Tannenwald l" Serenissimus runzelt Stirn; ärgert sich, daß Unterthan besser wissen will wie Serenissimus, schweigt aber. Bald darauf ein freies Feld. Rechts Hafer, links Geich?. Serenissimus deutet auf Haferfeld:„Prächtiger Weizen I Wahrhaft prächtiger Weizen I" Forstmeister lächelt nur.„lind hier herrlicher Roggen— da— links mein ich I" Forstmeister schweigt wieder. Serenissinnis gekränkt:„Aeh— warum sagt er nichts, Forstmeister? Weiß schon wieder besser?"„Mit Verlaub--"„Was? Sckion wieder Verlaub? Vom Laub mag er was verstehen— dafür eben Forstmann l Aber Getreide? Das versteh ich besser!"— („Sndd. Postillon".) Notizen. — Für eine Biographie Verdis ist ein Preis von IYOV Lire ausgeschrieben worden. Die Schrift soll eine erzieherische Tendenz haben. � —„Die Hoffnung", ein Drama des Holländers H e r m-wi n Hcyerman, wird anfangs der nächsten Saison im DentsHMii Theater aufgeführt werden.— — Leipziger Litteraten wollen in Verbindung mit Leipziger Schauspielern anfangs Oktober ein„B u n t e s B r e t t l Lorjiotnuin mobile" eröffnen.— —„P a n i in Bus eh", daS Tanzspiel Felix M o t t l s und Otto JnliuS B i e r b a u m s. gelangt im Juni am Münchner H o f t h e a t e r zur ersten Aufführung.— — Beide Teile von B j ö r n s o n s., U e b e r u n s r e K r a f t" sind mit inilvesentlichen Strichen von der Censnr für die Rnffiihrnng im Wiener„Deutschen Volts-Theater" für die nächste Saison freigegeben worden.— — Kasjeustücke des Wiener B u r g t b e a t e r S. ES brachten:„Nofenmontag" mit Anfführnngen lOOOOV Kronen Einnahmen,.Flachsmann als Erzieher"<20 Aiifsühnnigen) 87 lXX) Kronen, „State Robe"<13 Anfführnngenj 56 000 Kronen,„Zivei Eisen im Feuer"<15 Ansführnngeii) 51 000 Kronen usw. Die letzten Novitäten brachten insgesamt in 88 Aufführnngen 356 000 Kronen.— — G e r h n r t Haupt m a» n s ,. F n h r»i a» n H e n s ch e l" hat bei der Aufführung im Pariser Dbeätre Antoine wenig angesprochen.— — Für die königl. Gemäldegalerie in Dresden sind ans der Internationale» RunstanSstellung ans Mitteln der Pröll« Heuer- Stiftung 12 Gemälde, darunter auch ein Oskar F r e n z e l:„Abend in der Marsch" angekauft worden.— — Preisgekrönt wurden von den von Keller n. Reiner ausgeschriebenen Entwürfen für ein modernes Speise- zimmer die Einsendungen des Architekten Paul Troost in Elber« seid<1000 M.), des Architekten Karl Suinetsberger in Wien(600 M.) und des Zeichners M. A. Nicolai in Dresden<400 M.).— Eine T h o m a« A n s st e l l» n g, die Gemälde, Original-Stcin« drucke, Radierungen und über 200 öteprodukiionen nach Gemälden deS Künstlers bringt, wird anfangs Juni in Heidelberg ver- anstaltet werden! die Ausstellung wird 14 Tage lang geöffnet sein.— — Das größte Haus der Welt. Der Sultan läßt in Mekka einen Khan errichten, welcher das größte Hans der Welt werden dürfte, insoweit darin die größte Anzahl von Menschen Auf- nähme findet. ES soll der Beherbergung der jährlich in großen Masse» zusammenströmenden Pilger dienen und deren 6000 aufnehmen könne». Das nächstgrößte ist das Freihaus in Wien! eS besitzt 1500 Zimmer, 13 Höfe und 31 Treppenhäuser und ist von über 2100 Personeu bewohnt.—_ Verantwortlicher Redacteur: Heinrich Wetzker in Gr.-Lichterselde. Druck und Verlag von Via« Babing in Berlin.