Mnterhaltungsblalt des vorwärts N?. 103: Donnerstag, den 30 Mar. 1S01 (Nachdruck verboten.) ,'40} N v v s i k: Noman in drei Büchern von Emile Zola. Ans dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenz Iv ei g. Fauchard dachte Bonnaire, den Puddelmeistcr, an seinem Ofen zu finden, und Ivar überrascht, als er sah, daß er in derselben Halle ein Schienentvalzwerk beaufsichtigte. „Wie, Du hast das Puddeln aufgegeben?" „Nein, aber wir machen hier so ziemlich alles. Das ist die Lorschrift: zwei Stunden diese Arbeit, zwei Stunden diese. Und wahrhaftig, man ruht sich dabei ein wenig aus." In Wirklichkeit bereitete es Lucas aber ziemliche Schwierigkeit, die von ihm angeworbenen Arbeiter dazu zu bringen, etwas andres zu thun als ihre altgewohnte Ver- richtung. Die vollständige Durchführung der Reform war erst in späterer Zeit möglich, nachdem die jungen Leute des Nach- Wuchses sich in der Lehre verschiedene Fertigkeiten nach- einander angeeignet hatten. Die Arbeit konnte nur an- ziehend gemacht werden, indem der Arbeiter seine Thätigkeit häufig ivechselte und auf jede Art der Verrichtung nur wenige Stunden verwendete. „O," seufzte Fauchard,„das würde mir Wohlthun, wenn ich einmal was andres thun dürfte, als immer mir Tiegel aus meinem Ofen herauszuheben. Aber ich kann nicht, es geht nicht." Das klappernde Getöse der Walzwerke war so stark, daß er laut schreien mußte. Er schwieg und benutzte eine kurze Pause, um Ragu und Bourron zu begrüßen, die alle Hände voll zu thun hatten, um die Schienen in Empfang zu nehmen, Die ganze Prozedur war ihm fast wieder neu. An der Hölle wurden jetzt keine Schienen niehr gemacht, und er sah der Herstellung dieser mit wirren Gedanken zu, denen er keinen Ausdruck hätte geben können. In seiner Verstumpfung, in seiner körperlichen und geistigen Verkommenheit litt er be- sonders unter dem unklaren Gefühl, daß er ein Mensch von Intelligenz und Willenskraft hätte sein können. Ein kleines Flämnichen brannte noch in ihm, wie das einer Nachtlampe, die nicht erlischt. Und welch traurig drückendes Bewußtsein, daß er hätte können ein freier, gesunder und fröhlicher Mensch sein, ohne den vertierenden Kerker, in welchen die Lohnsklaverei ihn geworfen hatte! Die Schienen, die sich immerzu verlängerten und verlängerten, waren wie eine Straße, wie eine Bahn ohne Ende, auf welcher feine Gedanken hinglitten und sich in die Zukunft verloren, die keine Hoffnung für ihn barg, und deren er sich nicht einmal klar bewußt war. In der nächsten, der großen Gußhallc, befand sich ein Schmelzofen für schwere Stücke. Das geschmolzene Metall floß in große, mit Thon ausgekleidete Pfannen, aus welchen es dann mechanisch in die Formen gegossen wurde. Elektische Brückenkräne von außerordentlicher Kraft hoben sodann die mächtigen Gußblöcke auf und brachten sie zu den Walz- werken und von dort in die Bohr- und Vernietnngs- Werk- stätten. Besonders für die großen Stücke, für die gewaltigen Brücken- und Bauträger aller Art, gab es riesige Walzwerke, lvelche die Blöcke in die gewollte Form brachten und sie nach Bedarf auch bogen, so daß sie vollständig zum Auf- montieren bereit waren. Die Walzenstraßen für die ge- tvöhnlichen Träger mrd Schienen, die in immer gleich- bleibenden Profilen hergestellt werden, arbeiteten nnt außer- ordentlicher Gleichiuäßigkeit und Schnelligkeit. Aus dem Glühherd kam der Stahlblock kurz und dick wie ein mensch- lischer Rumpf, blendende Helle ausstrahlend, hervor und wurde in das erste Kaliber der sich gegeneinander drehenden Walzen gefaßt; verdünnt und gestreckt kam er in die Ocfsnung des zweiten 5kalibers, aus dem er wieder dünner und gestreckter hervorging; und so, von Kaliber zu Kaliber, formten die Walzen das Stück immer niehr, bis es endlich das richtige Profil der Schiene und die regelmäßige Länge von zehn Metern erhalten hatte. Alles dies vollzog sich unter betäubendem Getöse in den Zahn- rädern und zwischen den Walzen, ähnlich dem Zähneknirschen eines Riefen, der all dieses Eisen zerkaute. Und Schienen folgten aus Schienen mit außerordentlicher Schnelligkeit, man konnte kaum den Verwandlungen des Jngots folgen, bis es als neue Schiene hervorquoll, um sich den andern verlängernd anzuschließen, als ob sie als stählerne Bahnen sich immer weiter erstrecken und, alle noch unbekannten Länder durch- dringend, einen Ring um die Erde schließen wollten. „Für wen ist denn das alles bestimmt?" fragte Fauchard betäubt. „Für die Chinesen," erwiderte Ragu scherzend. In diesem Augenblicke kam Lucas an den Walzwerken vorbei. Er verbrachte gewöhnlich den Vormittag in den Werkstätten, warf einen Blick in jeden Raum und sprach kameradschaftlich mit den Arbeitern. Er war genötigt ge- Wesen, die hergebrachte Rangordnung mit Werkmeistern, Auf- sehern, Ingenieuren, Fabrikbcaniten und kaufmännischer Direktion beizubehalten. Aber er war darauf bedacht, die Anzahl der Vorgesetzten und Beamten so viel als möglich herabzusetzen, und erzielte damit erhebliche) Ersparnisse. Seine ersten Erwartungen und Hoffnungen hatten sich übrigens bereits erfüllt: obgleich die einstigen reichen Erzadern noch nicht wieder aufgefunden worden waren, so gab schon das jetzt geförderte Erz nach chemischer Behandlung brauchbares Roheisen mit billigen Gestehungskosten, und damit war die Herstellung von Schienen und Trägern genügend lohnend ge- worden, um der Fabrik einen guten Ertrag zu sichern. Alle Beteiligten konnten leben, die Ziffer der Geschäfte stieg von Jahr zu Jahr, und das war für ihn das Wesentliche, denn ihm war es darum zu thun, die Zukunft des Werks zu sichern. und er war gewiß, den Sieg zu erringen, wenn die Arbeiter bei jeder Gewinnteilung ein Wachsen ihrer Wohlfahrt in größerer Lebensfreude und geringerer Mühe erkennen konnten. Gleichwohl verging ihm kein Tag ohne Aufregung und Kampf inmitten dieser koniplizierten Schöpfung, die er zu lenken und zu über- Ivachen hatte: es galt, bedeutende Summen flüssig zu machen und richtig anzuwenden, ein ganzes kleines Volk zu führen und zu leiten, seine Sorgen waren gleichzeitig die eines Apostels, eines Ingenieurs und eines Finanzmanns. Der endliche Erfolg schien ihm allerdings zweifellos, aber welchen Gefahren, welchen Zufälligkeiten war er noch ausgesetzt! Er blieb nur einen Augenblick inmitten des Getöses stehen und begrüßte mit freundlichem Lächeln Bonnaire, Ragu und Bourron, ohne Fauchard zu bemerken. Ihm gefiel es besonders in dieser Halle der Walzwerke; er beobachtete mit Freude die Fabrikation der Träger lind Schienen, wackere Friedensarbeit, wie er heiter sagte, und stellte sie in Gegen- satz zu der bösen Kriegsarbeit, der Arbeit der benachbarten Werke, wo mit so hohen Kosten und unter so viel Sorgfalt Kanonen und Geschosse hergestellt wurden. Aufs höchste ver- feiuerte Werkzeuge, außerordentliche Geschicklichkeit der Hände vereinigten sich zu keinem andern Zwecke, als um die grauen- haften Zcrstörungsmaschinen zu bauen, die die Völker Milliarden kosten und die sie in ENvartung des Kriegs zu Grunde richten, wenn nicht der Krieg selbst sie verbluten läßt. O, mögen doch die eisernen Träger sich immerzu vermehren, nützliche Gebäude errichten, glückliche Städte bauen. Brücken über Thäler und Flüsse schlagen, mögen die Schienen endlos aus den Walzwerken hervorquellen, ihre eisernen Bahnen über die Erde hin verlängern, die Grenzen der Länder verivischen, die Völker zusammenführen, die ganze Welt der brüderlichen Civilisation der Zukunft erobern! Während nun Lucas in die nächste Halle eintrat, wo der große Dampfhammer eben in Thätigkeit gesetzt wurde, um die einzelnen Teile einer mächtigen Brücke zu schmieden, wurde das Walzwerk abgestellt, da ein neues Profil eingelegt werden sollte. Und Fauchard konnte nun em Gespräch mit seinen gewesenen Kameraden anknüpfen. „Es geht also vorwärts hier, ihr seid zufrieden?" fragte er. „O ja, wir sind zufrieden." erwiderte Bonnaire.„Wir haben nur acht Stunden Arbeitszeit, und da wir die Arbeit immer wechseln, ist sie angenehmer, und man strengt sich weniger an." Der große, starke Mann mit dem breiten Gesichte voll Gutmüttgkeit und Gesundheit Ivar eine der festen Stützen des neuen llnternehmens. Er gehörte dem Direktiousrate an, und er bewahrte Lucas besondere Dankbarkeit dafür, daß er ihm Arbeit gegeben hatte zur Zeit, als er genötigt gewesen war, die Hölle zu verlassen, ohne zu wisse», weher er morgen Brot nehmen sollte. Sein intrausigcuter Kollektivismus war jedoch unzufrieden mit dem System einfacher Association, welches in der Crecherie herrschte nud in welchem dem Kapital ein bedeutender Anteil eingeräumt war. Der Revolutionär in ihn«, der abstrakte Theoretiker empörte sich. Aber er war vernünftig, er arbeitete ehrlich und eifrig und veranlaßte die andren, ebenso ehrlich und eifrig zu arbeiten, denn er hatte versprochen, die Ergebnisse des Versuchs abzuwarten. „Ihr verdient also viel hier?" fragte Fauchard wieder. „Zweimal so viel wie früher?" Ragu lachte und ertviderte spottend: „Zweimal so viel? Sage lieber hundert Francs täglich, ohne den Champagner und die Cigarren." Er tvar einfach Bonnaire gefolgt und hatte in der Cröcherie Arbeit genommen. Aber obgleich er sich hier nicht schlecht befand, sich im Gegenteil verhältnismäßig großer Behaglich- keit erfreute, schienen ihn zu viel Ordnung und Sicherheit in seinem Dasein unzufrieden zu machen, denn er sprach schon spottend und geringschätzig von seinem neuen Glück. „Hundert Francs!" rief Fauchard betäubt.„Du Verdienst hundert Francs?" Bourron, nach wie vor der Schatten Ragus, Wieb den Scherz noch weiter. „Hundert Francs für den Anfang. Und am Sonntag bekommt man das Karussell bezahlt." Bonnaire zuckte geringschätzig und ernsthaft die Achseln, gegenüber der Spaßhaftigkeit der beidern andern. „Du siehst ja. daß sie Unsinn reden und Dich nur zum Narren halten. Alles in allem genommen, entfällt bei der Ver- teilung des Gewinns nicht mehr täglich auf uns, als Ihr be- kommt. Aber der Gewinn wächst, und es ist sicher, das wir mit der Zeit sehr schöne Anteile bekommen werden. Dann haben wir alle möglichen Vorteile, unsre Zukunft ist gesichert, unser Leben ist viel weniger teuer, dank unfern gemeinsamen Ma- gazinen und den schönen kleinen Häusern, die wir fast um- sonst bewohnen. Es ist freilich noch nicht die volle Gerechtig- keit, aber wir sind auf dem Wege." Ragu lächelte noch immer spöttisch, und er fühlte jetzt das Bedürfnis, einem andern Haß Genüge zu thun; denn wenn er über die Crecherie spottete, so sprach er von der Hölle nur mit verbissener Wut. „Und der Dclavcau, was macht er denn für ein Gesicht, der Kerl? Mich freut nur das eine, daß diese neue Fabrik ihn gehörig ärgern muß, die man ihm da vor die Nase hin- gebaut hat, und die ganz danach aussieht, als ob sie gute Geschäfte machen wollte. Er ist wütend, was?" tFortsetzung folgt.) (Nochdruck verboten.) Der Hevv Mttkevoffizivv. Von Anton T s ch e ch o f f. Deutsch von Wladimir C z u n i ck o Iv. „Unteroffizier Prischibejclv! Sic sind angeklagt, am 3. Scp- tember den Polizci-Aufseher Shigin, de» Ecmcinde-Acltcsten Slljapoiv, den Polizcidiciier Jefinwiv, die Zeugen Iwanow und Gawrilow und noch sechs Vancru mit Worten und thätlicki beleidigt zu haben, ivobei Sie den drei ersten die Beleidigung bei Ausübung ihres Amts zu- gefügt haben. Gestehen Sie Ihr Vergehen ei»?" Prischibejclv, ein älterer llnteroffizicr mit bortstoppeligeni Ge- ficht, legt die Hände militärisch an die Hosennähte und antwortet mit heiserer gedämpfter Stimme, indem er jedes Wort abhackt, als kommandiere er: «Euer Wohlgeboren, Herr Friedensrichter! Es ist nach'den Paragraphen des Gesetzes, daß man jeden Umstand beiderseitig attestiere» mutz. Nicht ich bin schuld, sondern alle andren. Die ganze Sache Ivar wegen einer tote» Leiche, Gott Hab' sie selig! Ich komme also am Dritten mit meiner Frau Anfissa ruhig und ivohl- anständig einhergegailge», da sehe ich, am Fluß steht ein Hanfe der- schiedcne» Volks. Was ist das hier für ein Volksauflans? frage ich. Aus lvclchcr Veranlassung? Steht es vielleicht im Gesetz, daß daS Volk sich zusammenrotten soll? Ich schreie also: Auseinander! Ich begann das Volk anseinanderzupnffen, damit es nach Hause gehe, und befahl dem Polizeidiencr, die Leute ivegzujage»..." „Erlauben Sie, Sie sind doch aber nicht der Polizei-Anfseher, nicht der Gcmeinde-Aelteste; ist denil das Ihre Sache, das Volk aus- rinanderziitreibcn?" „Natürlich nicht! Natürlich nicht l" erschallen Stimmen aus allen Ecken des Gcrichtsaals.„Es ist nicht zuni Aushalten init ihm. Euer Wohlgeboren! Fünfzehn Jahre schon haben lvir unter ihm zu leiden! Seitdem er ans dem Dienste zurückgekehrt ist, ist's im Dorfe kein Leben mehr. Ave klagen darüber!' „Das ist richtig, Encr Wohlgeboren 1" sagte der Gemeinde- Aelteste.„Das ganze Dorf klagt darüber. Es ist mit ihm nicht zum Aushalten I Gicbt es eine Prozession, eine Hochzeit oder irgend ein Ereignis, überall schreit und lärmt er, und will seine Ordnung einführen. Die Burschen reißt er an den Ohren, ans die Weiber paßt er ans, daß nicht was vorkommt, wie so ein Schwiegervater... Neulich gilig er die Häuser ab und befahl, daß keine Lieder ge- snngen werden und kein Licht angezündet lvird. Es giebt so ein Gesetz nicht, sagt er. daß man Lieder singen dürfe." „Warten Sic, Sie werden Ihre Aussagen später machen", sagt der Friedensrichter;„jetzt lvird Prischibejclv fortfahren. Fahren Sie fort, Prischibejclv I" „Zu Befehl!" schnauzt der Unteroffizier.„Sie belieben zu sagen, Encr Wohlgeboren, daß es nicht meine Sache sei, das Volk anscinandcrziltreiben... Schön... lind die OrdnnngSstöningen? Darf man es den» znlasscn, daß das Volk skandaliert? Wo steht es denn im Gesetz, daß das Volk seinen Willen haben darf? Ich kann das nicht gestatten. Wenn ich sie nicht auseinandertreiben und zur Vcrantwortnng ziehen werde, wer lvird es dann thun? Niemand kennt dort die richtigen Gesetze; im ganzen Dorf, kann man sagen, bin ich allein, der weiß wie man mit Leuten einfachen Standes mnzugehen hat. und ich verstehe alles. Euer Wohlgeboren. Ich bin lein Bauer, ich bin Nntcroffizier, Zcnghauswärter a. D., habe in Warschan im Stabe gedient, habe dann, wie Sie zu lvissen belieben, bei der Feuerwehr gestanden, habe später diese Stellung lvcgen fchlvacher Gesundheit aufgegeben und bin zwei Jahre im klassischen Progyinnasinm Portier gelvesen.... Ich kenne alle Ver- fügnngen. So ein einfacher Bauer aber kapiert nichts und hat mir zu gehorchen, lveil es zu seinem eignen Nutzen ist. Nehmen wir zum Beispiel den vorliegenden Fall.... Ich treibe das Volk ans- einander, ans dem Ufer aber liegt im Sande die ertrunkene Leiche eines toten Menschen. Auf Grund welcher Verordnungen liegt sie hier? frage ich. Ist das etwa in der Ordnung? Wo hat der Polizei-Anfseher seine Augen? Polizci-Aufseher, frage ich, lvarnnr setzst Du nicht die Obrigkeit davon in Kenntnis? Vielleicht ist dieser Ertrunkene selbst ertrunken, vielleicht riecht aber die Sache nach Sibirien. Vielleicht ist hier ein kriminaler Mord... Der Polizei- Aufseher Shigin aber kümmert sich überhaupt nicht darum und raucht nnr seine Cigarette.„Was ist daS hier bei Euch für ein Vorgesetzter? Wo habt Ihr den her?" sagt er.„Wir lvissen selber, lvaS wir zn thun haben!" Ossenbar ivcißt Du es nicht, wenn Du hier stehst und zuschaust. Du Schafskopf I sage ich.„Ich", sagt er.„habe schon gestern dem Kreischef davon Msiteilung gemacht."„Wozu denn, frage ich, dein Krcischef? Nach lvelchcm Paragraphen des Gesetzes? Kann denn in solche» Sachen, die Ertrunkene, Erhängte und ähnliches betreffen, der KreiSchef etwas thun? Hier, sage ich, ist ein Kriminalverbrechen ,' eine Civilsacho... Hier muß man schnell dem Herrn Ilntersnchnngsrichter und dem Gerichtshof eine Estafette schicken. Und vor allem, sage ich, mußt Du ciu Protokoll aufsetzen und es dem Herrn Friedensrichter'zustellen. Er aber, der Polizei-Anfseher, hört zn mid lacht. Und ldic Bauern ebenfalls. Alle haben gelacht. Euer Wohlgeboren. Ich kann es be- schwören... Dieser hier hat gelacht, der da und Shigin hat ge- lacht. WaS, sage ich, fletscht Ihr die Zähne? Ter Polizei-Anfseher aber sagt zu mir:„Dem Friedensrichter sind solche Sachen nicht zuständig." Bei diesen Worten lvurde es mir ganz heiß.— Polizei» Äufscher, Du hast es doch gesagt?" wendet sich der Unteroffizier an den Polizei-Anfseher Shigin. „�a... „Tille haben es gehört, lvic Du das vor den» ganzen einfachen Volk...„Dem Friedensrichter sind solche Sachen nicht zuständig." Alle habeil das gehört.... Mir, Euer Wohlgeboren, wurde es ganz beiß, ich verlor die Fassung. Wiederhol', sage ich, wiederhol', daß Dichf der... lvaS Du gesagt hast I Und er sagt mir lviedcr die- selben Worte.... Da ging ich auf ihn los. Wie darfst Du so lvas über den Herrn Friedensrichter äußern? Du, ein Polizei- Aufseher, n»d bist gegen die Obrigkeit? He? Ja lveißt Du dcim, sage ich, daß der Herr Friedensrichter, wenn er will, Dich für soiche Worte der Gonvernements- Gendarmerie- Verwaltung über- gcaeu kann wegen Deiner miznverlKssigen Aufführung? Weißt Du auch, sage ich. wohin Dich der Herr Friedensrichter für solche politischen Aenßernngen expedieren kann? Da sagt der Gemeinde- älteste:„Der Friedensrichter," sagt er,„kann über seine Macht- besugnis nicht hinaus. Nur kleine Sachen sind ihm zuständig." So hat er gesagt, alle haben es gehört... Wie. Du Ivagst, sage ich, die Obrigkeit herabzusetzen? Na, sage ich, bei mir sind solche Späße nicht angebracht, sonst kann das schlimme Folgen haben. In War- schau zilin Beispiel, als ich Portier war im klassischen Progyinnasinm, wenn ich irgend lvclchc unpassende Worte hörte, so guckte ich gleich auf die Straße hinaus, ob nicht ein Gendarm vorbei- geht, dann tvinktc ich ihn herbei und denunzierte ihm alles... Hier im Dorf aber, ivcm soll man es da sagen?... Da packte mich denn die Wut. Es kränkte mich, daß das Volk von heute in Eigenwillen und Ungehorsam verkommt, ich holte aus und... natürlich nicht, daß es zu stark tväre, aber regelrecht, ein iveisig, damit er es sich nächstens nicht erlaube, über Euer Wohlgeboren in dieser Weise zn reden.... Für den Aeltcsten trat der Polizei- Aufseher ein. Ich gab also auch dem Polizei-Anfscher eins... Und nun ging's los.... Ich hatte mich etivas erregt, Euer Wohl- geboren, aber ohne Prügel kann man auch nicht anSlonnnen. Wenn man eine» dummen Menschen nicht prügelt, so nimmt man nur eine Sünde auf seine eigne Seele. Besonders, wenn er cS verdient hat... wenn z. B. Unordnung.. „Erlauben Sie 1 Es sind doch Leute genug da, um nach der Ordnung zu sehen. Da ist der Polizci-Llufscher, der Genieindc- älteste, der Polizeidicncr.. „Der Polizei-Aufseher kann nicht nach allem sehen, außerdem versteht er auch nicht das, was ich verstehe.. „Aber so begreifen Sie doch endlich, daß das nicht Ihre Sache ist!" „Wie beliebt? Wieso denn nicht meine? Komisch... Die Leute skandalieren und es ist nicht meine Sache I Soll ich sie denn vielleicht dafür loben? Sie beklagen sich bei Ihnen jetzt z. B., daß ich ihnen verbiete, Lieder zu fingen. Und ivas ist denn an den Liedern Gutes? Anstatt irgend eine Arbeit vorzunehmen, singe» sie... Da haben sie noch die Mode eingeführt, des Abends bei Licht zu sitzen. Es ist Zeit, schlafen zu gehen, und anstatt dessen giebt's da Gespräche und Gelächter. Ich habe es mir auf- geschrieben I" „Was haben Sie sich aufgeschrieben?" „Wer bei Licht sitzt." Prischibcjciv holt aus der Tasche einen schmutzigen Zettel hervor, setzt die Brille auf und liest: „Bauern, welche bei Licht sitzen: Iwan Prochorow, Salvlva Miliforow, Pjotr Pctrow. Die Soldntcnwitwe Schustrowa lebt in ungesetzlicher Unsittlichkcit mit Ssemjon Kißlow. Jgnat Swertschkolv beschäftigt sich mit Zauberei und seine Frau Matvra ist eine Hexe, geht des Nachts fremde Kühe melken." „Genug!" sagt der Friedensrichter und beginnt die Vernehmung der Zeugen. Der Iluteroffizier Prischibejetv ri'ukt die Brille auf die Stirn und blickt den Friedensrichter verioundert an. der offenbar nicht auf seiner Seite zu sein scheint. Seine hervorstehenden Augen glänzen und die Nase wird purpurrot. Er blickt den Friedensrichter und die Zeugen an und kann es durchaus nicht begreifen, warum der Friedensrichter sich so aufregt und warmn aus a"en Ecken des Ge- richtssaals bald unzufriedenes Gemurmel, bald unterdrücktes Ge- lächtcr ertönt. Auch das Urteil— drei Monate Arrest— bleibt ihm unverständlich. „Ich Arrest? Wofür?" fragt er, mit de» Händen eine ratlose Geste machend.„Nach ivelchcm Paragraphen des Gesetzes?" Und cS wird ihm klar, daß die Welt sich verändert habe, und daß cS jetzt kein Lebe» mehr sei. Finstere, trübe Gedanken be- mächtigte» sich seiner. Aber als er aus dem Saale hinausgeht und die Bauern erblickt, die sich drängen und lebhaft sprechen, streckt er, zufolge einer Gewohnheit, die er nicht mehr benicistcru kann, die Hände ans und schreit mit heiserer, lvütcnder Stimme: „Ihr Leute, auseinander I Macht kein Gedränge! Marsch, nach Hause I"— Mlvines Feuilleton» or. Ter Leienuau». Langsam ging der Leiermann die sonnige Chaussee entlang. Schritt für Schritt ging er. Der Tag Ivar lvann und die Drehorgel drückte, es war ein mühevolles Wandern. Er war auch schon Ivcit herumgewesen heut. Mit dem Zug nach Ncnbabclsberg und von da nach Stolpe. Jetzt Ivollte er nach Bcelitzhof, der Verdienst Ivar karg gewesen, alles bloß kleine Münze, Kupfcrgcld. Da oben an der Chaussee kamen viele„Spaziergänger", da gab's ain Ende doch noch lvaS zu holen. Die erste» Häuser von Wannsce tauchten ans, elegante Villen in schattigen Gärten. Der Mann sah in das frische Grün und seufzte, es mußte sich gut Ivohnen da drin, besser als in seiner engen Hofivohnilng entschieden,„aber drehorgclu litten sie da nicht, das Ivär' Arincleutsmusik, viel zu getvöhnlich für eine Villa"/ Drüben über de» Damm iveg lag ein Schiveizcrhäuschcn. Auf dein Kiesplatz unter der Kastanie saß' eine sehr elegante Gesellschaft, Herren und Damen, sie lachten und schlvatzten und ivaren offenbar sehr vergnügt. Der Leiermann hemmte seinen Schritt und sah hinüber. Ob er es da einmal versuchte? Vielleicht vom Gartcngittcr aus? Tic Leute Ivaren so fröhlich, am Ende nahmen sie cS für einen Scherz und es fielen ein paar Groschen für ihn ab. Dann brauchte er nicht mehr»ach Bcelitzhof, dann spielte er nur noch oben am Bahnhof ein paar Stückchen und fuhr gleich nach Hanse. Zögernd schritt er über den Damm, er war noch immer im- gewiß, ob er cS wagen sollte oder nicht. Da hatten die im Garten ihn aber auch schon gesehen, eine Dame rief:„Ein Leiermann I" Alle Köpfe flogen zu ihm herum, er setzte eben die Kurbel an. Der alte Herr am oberen Ende der Tafel machte eine Miene des Entsetzens:„Na, um HinuncISwillen, nur nicht so'n Gedudel in »nsrcr schönen Stille I" Dabei hob er die Hand und lvolltc ab- winken, aber die jungen Mädchen umringten ihn und fielen ihm lachend in die Arme:„Ach nein, Onkel I... Laß ihn spielen, Onkel!... Wir können ja danach tanze», Onkel I" Und nun stimmten jubelnd auch die Herren ein:„Tanzen I Tanzen I" .'n recht schönen Walzerl" rief der eine hinaus zu dem Leier- »mn». Der trat dicht an das zierliche Gartengitter und drehte die Orgel. Hell und frisch zogen die„Donauwelle»" in's Grüne. Drinnen auf der» Kiesplatz drehten sich die Paare. Es war ein Lachen und ein Jubel, selbst die älteren Damen jauchzten mit. Der alte Herr hatte seinen Platz verlassen rmd ging im Garten auf und ab; vor dem Leiermann blieb er stehen und nahm die Cigarre aus dem Munde.„Warmer Tag heut, was?" „Na ja,'s geht." Der Leiermann rückte mit der freien Hand höflich seine Mütze. Es passierte ihm nichl oft. daß ihn Jemand einer Ansprache würdigte, am wenigsten ein so feiner Herr. Da war es doch gut, daß er hier geblieben und nicht gleich durchgegangen war nach Bcelitzhof: der gab hier sicher ein Fünfgroschenstiick. Er steckte einen neuen Walzer ein. Der alte Herr stützte sich auf den Gartenzaun. „Wohl schon weit herum gewesen heut'?" „Na cS geht, Herr, komme von Stolpe." „Hübsches Endchen. Wie geht denn's Geschäft?* „Na ich danke, Herr, so so". Der Leiermann lachte etwas. „Schlechte Zeiten, Herr, viel bringt's nicht ein, nnd wenn man noch'ne kranke Frau zu Haus hat.." Er sah nachdenklich in die grünen Büsche. Der alte Herr that einen Zug ans der Cigarette:„Kranke Frau, hm... hm... was fehlt ihr denn?" „'n Beinschaden hat se... schon drei Jahre.... Ja. s. das kost' ivas... nnd die Schmerzen!" Ter Leiermann wurde gesprächig. Die frenndliche Teilnahme that ihm wohl.„Ja, vor'chtcs Jahr könnt' se doch wenigstens noch gehen, aber im liegt se ganz fest, ach ja." Er seufzte und machte eine kleine Pause. Dann' griff er rasch von neuem nach der Kurbel. Aber die jungen Leute auf dem Nasen waren ganz außer Atem. Die Damen sanken in die Stühle und lachten und fächelten sich mit den Taschentüchern Kühlung zu, auch die Herren standen umher nnd schnappten nach Luft. Der alte Herr winkle dem Leiermann zu:„Nee, nee, mm lassen Sie nur gut sein, morgen ist auch noch ein Tag. Da!" Er langte über den Zaun nnd drückte ihm etwas in die Hand. Ter Leiermann lüftete noch einmal dankend sein Käppchen, erst als er ein Endchcn weiter war, sah er auf die Münze in seiner Hand. Es war ein Sechser. Er schob ihn in die Tasche, er sagte nichts, aber seine Zähne preßten sich zusammen. Ein elender Sechser. Dafür hatte er eine Stunde und noch länger aufgespielt. Für Bcelitzhof war es zu spät geworden, der Abend dämmerte bereits, er konnte mit dem kargen Verdienst vom Vormittag nach Hause fahren, Das Leben war schlvcr... ach ja! In dem Garten vor der Schivcizerbilla saß die Gesellschaft und aß Fruchteis; das war eine schöne Erquickung nach dem wilden Tanz. �„Und Onkel war so freundlich zu dem Leiermann," sagte bc- wundernd eine der jungen Damen. Aber der alte Herr lehnte ab: „Ach Gott, freundlich, wißt Ihr, das ist so mein Princip; man muß zu der Art Leute immer freundlich sein, dann denken sie, das ist. ein netter Mann, der gicbt recht viel, und strengen sich desto mehr an; und nachher giebt man ihnen einfach einen Sechser."— Theater. Die G c n o s s e n s ch a f t s b ü h n e:„'s M a i k a t' l". „Dreas Frau".— Zunächst also haben wir wieder einmal eine neue Bühne. Wie lange ivir uns ihrer freuen dürfen, ist noch nicht abzusehen. Daß sie eine feste Institution im Leben der Hauptstadt wird, glauben vermutlich auch ihre Urheber nicht. Bühucnvereine entstehen und vergehen sehr schnell in Berlin. Sie werden gegründet, einige Stücke fallen durch, und dann schlafen sie wieder ein. Das ist so der typische Verlauf. Natürlich muß eine neue Bühne auch etwas Neues bringen. Bei der Genoffenschastsbühne liegt das Nene zu- nächst in der Organisation. Es ist da etwas mit Anteilscheinen a 10 Mark, durch die man sozusagen Thcatcrbcsitzer wird. Ich habe die Geschichte nicht ganz begriffen und wage daher nicht, ihre Bedeutung für die deutsche Kultur anzuzweifeln. Dann gicbt es auch noch die„neue" Einrichtung, daß der Name der Autoren erst bei der zweiten Vorstellung bekannt gegeben wird. Will man damit der Clique zu Leibe? Aber, meine Herren, ei» Autor, der zu einer Clique gehört, wird sich schwer hüten, seine Freunde in Verlegenheit zu bringen. Die Clique wird unter allen llmständen unterrichtet sein. Also wozu der Firlefanz? Uebrigens tviißten die Journalisten natürlich trotzdem die Namen. Journalisten wissen eben alles. Das erste Stück, das man spielte, war eine grobe Skizze nach einem epischen Stoff, die kein ernsthaftes Wort der Erwähnung ver- dient. Das zweite Stück war ein konventionelles Theaterstück wie andre mehr. Die Mache ist geschickt, so daß das Interesse wach gchallcn wird. Wenn der Konflikt nicht so verbraucht wäre— die Frau, die ihren Mann betrügt—, hätte es auch an einer öffcnt- lichen Bühne aufgeführt werden können. Wegen solcher Arbeiten eine neue Bühne zu gründen, ist einfach grotesk. Die Darstellung war im allgcincincn gut. Besonders freuten wir uns, wieder einmal Frl. Hedwig W a n g e l zu sehen, ans die wir die Direktoren nach- drücklich aufmerksam machen möchten. Ihre Leistung in Strindbergs „Vater"(als Frau des Nitlmeistcrs) ist noch in unvergessener Er- innerung. � E> S, Archäologisches. ""— DieverschiittetenStädte i n O st- T u r k e st a n. Nördlich doin Kuen-Iün»nd südlich vom Jorkand-Flusse, also im Herzen von Asien, in der Nähe der heutigen Stadt Chotan, dehnt sich eine Wüste aus, Ivelche den Namen Takla Makan, d. h. die mit Thon- geschirr-Trümmer bedeckte Ebene führt. Innerhalb dieses Gebietes befinden sich, wie schon Marco Polo berichtete, vom Saude vcr- schüttete uralte Städte, und der Engländer Johnson brachte 1866 von dort die Nachricht, das; die Heuligen Bewohner jener Gegend gelegentlich iin Saude goldene Kunstgegenstände fänden. Etiva sieben Jahre später stellte infolgedessen Forsyth dort an verschiedenen Punkten Ausgrabungen an und stieß auf Münzen und Glasscherben. Man zeigte ihm sogar einen 3 Kilogramm schweren Goldschmuck, der in der Nähe von Chotan ausgegraben worden war, ferner alte Münzen und eine kleine Buddha-Statue. Sven Hcdin ließ 1896 in der Nähe von Chotan nachgraben, wobei Thonsachen. Münzen und Siegel zu Tage kamen. Im darauf folgenden Jahre besuchte Högberg diese Gegend und brachte eine Anzahl alter Mannskripte in unbekannten Schriftzügcu nach Europa. Nördlich vom Jarkand-Dnrja, im Gebiete von Turfa», sind ebenfalls Ueberbleibsel alter Städte entdeckr worden, zuerst 1873 von dem Botaniker Ltcgel, dann 1893 von der russischen archäologischen Expedition unter Führung von Klementz. Dieser fand zahlreiche Trümmer von Städten und Bau- werken sowie Ruinen buddhistischer Klöster und Tempel. Außerdem wurden viele Höhlenbanten entdeckt, die im Innern noch Spuren von Malereien trugen. Diese Höhlenbauten, deren nicht weniger als 162 aufgefunden wurde», dienten wahrscheinlich buddhistischen Mönchen' als Wohnungen. Die Malereien, für welche Tusche und Leimfarben benutzt wurden, stellen Scenen ans den religiösen An- schanungen und Lehren des Buddha dar. Leider sind die»leisten durch die fanatischen Mohammedaner bei der Eroberung des Landes zerstört worden, besonders an den Wänden, während die Deckenmalereien besser erhalten sind. Zahlreiche Inschriften wurden in diesen Höhlen entdeckt, teils in Sanskrit, teils in uigurischer und chinesischer Sprache, dagegen keine M» tibetanischer. Endlich fanden sich zahlreiche Fragmente alter Manuskripte im Sande, offenbar Neste alter buddhistischer Klostcrbibliotheke», auch Fragmente buddhistischer Holzdriickbücher. Außer den Russen haben auch die Engländer in Ost- Turkesta» kostbare Altertümer er- worben. Darunter befinden sich auf Baumrinde geschriebene Manuskripte, die dein fünften Jahrhundert unsrer Zeitrechnung e»t- stammen. Die meisten sind in der SanSkritsprache geschrieben und religiösen, d. h. abergläubischen oder auch medizinischen Inhalts. Aus der Gegend von Chotan stammen mehrere Manuskripte in im- » bekannter Schrift sowie Bücher in Holzdruck. die vielleicht buddhistische Gebelbücher sind, aber die Slbristzüge, welche sie ent- halten, sind nicht zu deute». Eine systematische archäologische Durchforschung jenes Gebiets dürfte die wichtigsten Entdeckungen zu Tage fördern.— Aus dem Tierleben. — Unser populärster Waldvogel, der Kuckuck, den freilich die wenigsten wirklich gesehen haben, wird in der hiesigen Gegend mit jedem Frühling seltener. Im Grunewald und in der Jnngfernhcide hört man ihn nur noch ziemlich selten rufen, häufiger in der Spandauer Stadlhcide und den angrenzenden Waldrevieren, noch niehr hinter Finkenkrng im Brieselang. Das hat nun freilich zum Teil auch seinen Grund darin, daß diese Waldungen mehr Laubholz enthalten, ivorauf der Kuckuck ja seine Lieblingsuahrung, die laug- haarigen Bärenraupen, findet. Aber die Hauptursach« für die bc- dauerliche Vennindenmg deS uützlickien Waldhüters sind wieder Menschen, die Eicrsammler nämlich. Bekanntlich legt das Kuckucks« Weibchen seine Eier in die Nester kleiner Singvögel, ivie Bachstelzen, Meisen, Rotkehlchen usw.. und zwar immer nur ein Ei in das einzeln« Nest. Nach neueren, sehr gewissenhaften Forschungen legt jedes Kuckuckswcibche» im Sommer gegen 26 Eier, so daß sich doch hier- nach der Kuckuck stark vermehren müßte. Die Eier sind fast regel« mäßig den Eiern der Vögel ähnlich, in deren Nest sie gefunden werden, und in Anbetracht des tanbengroßcn Vogels nur recht klein. Nun hat es das Knckucksivcibchcn aber nicht in der Gcivalt, sciiicu Eiern die gerade notiveudige Färbung zu gebe», ivie früher behauptet wurde, sondern jedes Weibchen legt seine Eier möglichst nur in die Nester derselben Vogclart, wahrscheinlich in das Nest derjenigen Vogelfamilie. der seine einstigen Pflege-Eltcrn angehörten. Mit den Kuckuckscicrn treiben die Eiersammler eine» schivuughaften Handel. Aber nicht ettva das einzelne Kuckucksei hat Wert, sondern erst das ganze Gelege mit dem Neste. Die Eier werden sorgfältig ausgeblasen und dann an Museen oder Liebhaber verkauft. In jeder Großstadt sind Handlungen, die das Geschäft vermitteln. Zudem sind die Eier- sanunler aller Länder förmlich organisiert oder stehen zum gegen- seitigcn Austausche der seltenen Eicrfnnde in reger Verbindung. Nach Gelegen mit einem Kuckiicksei herrscht aber innner noch Nachfrage,' und so ist es erklärlich, daß manche Sammler im Mai und im Juni fast täglich die Waldungen nach Kuckucks- eiern durchstreifen. Mit großer Findigkeit wissen sie auch die betreffenden Singvögclnestcr aufzuspüren. Ost beobachten sie diese sogar schon, bevor noch das Kuckucksei hinzugelegt worden ist. Leider führt dieser Sammeleifer schließlich zur allmählichen Ausrottung des beliebten Waldvogels, und darum sollte dagegen»nnachsichtlich eingeschritten werden. Kein andrer unsrer Vögel ist im stände, die rauhhaarigen Raupen zu fressen, und darum ist der Kuckuck für die Forstwirtschaft von unersetzlichem Werte.— Solveit ein Mitarbeiter der.Kreuz-Zeitling". Wer den Vogel in Freiheit sehen will, mag nach Westend gehen. Hier ruft er jetzt auf den hohen Bäumen bei dem alten Wasserturm jede» Tag. Ein sehr schönes Exemplar besitzt auch der Zoologische Garten.(Neues Vogelhaus.)— Technisches. — E i n neues Aufbereitung S verfahren. Ein sehr merkwürdiges Verfahren, um den in Schiefer eingesprengten Kupfer- kies von dem begleitenden Gestein(der.Gangart") zu trennen, wendet der bekannte englische Metallurg Elmore an. Er hatte be- merkt, daß die Kupferkiese sich leicht beim Mahlen des Gesteins in Schüppchen zerteilen, die vom Wasser schwer benetzt wurden, sich dagegen an jedem Oel- oder Fettfleck festsetzten. So griff, wie Dörfscl in der„Berg- und Hüttenmänn. Zeitung" erzählt, ein Arbeiter mit öliger Hand in den zum Abschlämmen des Gesteins dienenden Spitzkaste» und zog sie ganz bedeckt niit Kicsschüppchen lvieder heraus. Elmore schuf nun eine Einrichtung, in der das mit Wasser aiifgeschwcmmte fcingeuiahlenc Erz mit Petroleinnrückständm durchgearbeitet wird, die in der Ruhe sich oben sammeln und alle» Kupferkies miiuehmeu, ivährcud die Gangart(Schiefer) unten im Wasser bleibt. In einer Centrifuge wird das Oel vom Kupferkies abgeschleudert. Weitere Versuche ergaben, daß eine große Anzahl von Mineralien vom Oel in der angedeuteten Weise beiietzt oder eingehüllt und von begleitenden getrennt werde» können, auch zum Beispiel fcinpulveriges Gold.— tdnmoristiscdcs. — Seltsamer M a ß sta b.„Essen Sie gern Krebse?" „llnd ob! In meiner Heimat habe ich schon fünf Gebirg s- buche ailsgegessenl"— — Ausweichend. Was sagen Sie zu meinen G e- dichten?" „Die ivird niemand ohne Befriedigung aus derHand legen!"— — Heiratsannonce. Junger Fabrikant sucht sich passend zu verheiraten. Erforderlich zehntausend Mark, auch Ivird gut er- halteucr fünspferdiger Gasmotor in Zahlung genommen l— („Meggend. hm». Bl.") Notizen. — Die Aufführung von B j ö r n s o n S neuestem Schauspiel „Labore m u s"— das Berliner Theater wollte das Stück Sonnabend geben— ist auf die nächste Spielzeit verschoben worden.— — M ü n ch e n soll ein neues Theater erhallen, das ober- bayrische Vollsstncke, Operetten und Possen zur Aufführung bringe» wird.— — DaS schwäbische M n s i k f e st, das zu Pfingsten in Augsburg abgehalten wurdc, ivar von 26 OVO Personen besucht; das ,P a r s i v a l- V o r s p i e l" am Schlüsse des Programms dirigierte Siegfried Wagner.— — Die Wiener Philharmoniker haben Josef H c I m e s h e r g e r zu ihrem Dirigenten gewählt.— — Blühende Maiglöckchen-Bäume sind gegenwärtig im Tiergarten zn sehen. Dieser im Osten der Vereinigten Staaten heimisibe baumartige Strauch verdiente wegen seines reichen, zierlichen, weißen Blütenschmncks mehr angepflanzt und gepflegt zu werden; sein spärliches Wachstum und eine etwas gespreizte Haltung, die aber seinem Aussehen gerade in der Blüte sehr zu statten kommt, sind vielleicht bisher einer aiisgcdcbnteren Verivcndung hinderlich gewesen. Das größte Exemplar des Tiergartens befindet sich in den kleinen Anlagen, die das Denkmal Friedrich Wilhelms III. uiugcben, und zwar gleich links am Beginn des von der Tiergarten- strnße aus an der Vorderseite des Denkmals vorüberfnhrcnden Wegs, nächst der Brücke über den dortigen kleinen Wasserlaus.— — Ilm W ü r in e r in Blumenstöcken z n entfernen, überbransc mau die letzteren mit lauem Wasser, in dcni auf einen Liter 8 Roßkastanien gekocht sind. Auch Kamphor in Spiritus auf- gelöst und mir Wasser verdünnt hat sich bewährt.— — Der s ch» e l l st e Zug Deutschlands ist zur Zeit der täglich probeweise zwischen Neustadt a. H. und Weißenbnrg vcr- kehrende Schnellzug. Bisher war der schnellste Zug Deutschlands der I)-Zng zwischen Berlin und Hamburg, der diese 286.9 Kilometer betragende Strecke in 8 Stnudcn 28 Mimiteii, also in einer Stunde 82,66 Kilometer, zurücklegt. Seitens der pfälzischen Eisenbahnen werden mm Probefahrten mit einer neuen Schnellzngsniaschine veranstaltet, die 126 Kilometer in der Stunde zurücklegt sowie einen Eisenbahnzug im Gewichte von 266 Tonnen zn 26Ceulncr mit einer Schnelligkeit von 166 Kilometer auf ebener Bahn fort zn bewegen im stände ist. Sie entwickelt 2166 Pserdekräfte und wiegt mit Tender 146 Tonnen(2366 Centner).— Herainwortlicher Redaeteuri Heinrich Wetzter tu Gr.-Lichterjelde. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.