Interhaltungsblatt des Korwärt $ Nr. lOi. Areiwg, den 31. Mai 1901 (Nachdruck virboten.) e&,vht it. 41] Noman in drei Büchern von Emile Zola. Aus dem Französischen iidersetzt von Leopold Nosenzlveig. Fanchard niachte eine uiik>estiiiiinte Gebärde. „freilich wird er wüten, aber man sieht ihm nicht viel an. Und da»», Iveifit Du, ich weift gar nichts, ich habe selber zu viel Unannehmlichkeite», als daft ich mich nm die andrer Leute kümmern sollte. Ich habe sage» hören, daß er sich aus Eurer Fabrik und ans der Konkurrenz nichts macht. Er sagt, er wird immer Kanonen und Geschosse zu fabrizieren haben, weil die Menschen dumm sind und sich inuner um- bringen werden." Lucas, der aus der Halle der große» Gußstücke zurückkam. hörte diese Worte. Seit drei Jahren, seit dem Tage, da er Jordan veranlaßt hatte, den Hochofen zu behalte» und die Stahlwerke ins Leben zu rufen, wußte er, daß er einen Feind an Delavean hatte. ES war ein zu harter Schlag für diesen gewesen, als er, der gehofft hatte, die Crecheric zu billigem Preise und auf lauge Annuitäten zu erwerben, zusehen mußte, wie sie in die Hände eines jungen, kühnen Menschen voll Thatkrast und Tüchtigkeit über- ging, der es unternahm, die Welt umzugestalten, und der über solche schöpferische Kraft verfügte, daß er damit begann, eine kleine Stadt aus dem Boden herauswachsen zu lassen. Nachdem jedoch der Zorn der ersten Ueberraschung vorüber war, fand Delavean seine volle Zuversicht wieder. Er wollte mehr als je das Hauptgewicht auf die Herstellung von Kanonen und Geschossen legen, welche bedeutenden Gelviim abwarfen und in denen er keine Konkurrenz fürchtete. Als er vernahm, daß das neue Werk der Fabrikation von Schienen und Trägern lvieder aufnehmen wollte, erfüllte ihn dies mit spöttischer Freude, denn er wußte noch nichts von der neuen Ausbeutung der Mine. Als er dann zu der Erkenntnis kam, welch bedeutenden Ge- winn die chemische Behandlung des Erzes verhieß, spielte er den Großmütigen und erklärte jedem, der es hören wollte, daß die Erde Platz für alle Industrien habe und daß er seiner» glücklichen Nachbar gern die Fabrikation der Schienen und Träger überlassen wolle, wenn dieser ihm die Kanonen und Geschosse überließ. Der Friede lvar also anscheinend nicht gestört, die Beziehungen zwischen hüben nnd drüben waren kühl und höflich. Aber auf dem Scelengrunde Delaveans barg sich eine»nemgestairdeiie Unruhe, die Furcht vor diesem Herde gerechter und freier Arbeit, dessen Flamme eines Tages seine Werkstätten und seine Arbeiter ergreifen konnte. Und hierzu kam noch ein andres Unbehagen, das nur halb bewußte Gefühl, daß das alte Geriist unter ihm knisterte und knackte, daß Ursachen der Fäulnis da waren, über die er keine Macht hatte, und daß au dem Tage, wo ihm die Kraft des großen Kapitals ver- sagte, das ganze Gebäude in sich zusammenstürzen würde, ohne daß seine starken, eigenwilligen Arme es länger halten könnten. In dein unvermeidlichen, von Tag zu Tag schärfer werdenden Kampfe, der sich zwischen der Cröcherie und der Hölle entwickelt hatte, empfand Lucas keinerlei Mitleid mit dem Delaveau. Er konnte allerdings dem Manne seine Achtung nicht versagen, der ein so unermüdlicher Arbeiter, ein so tapferer Verteidiger seiner Anschauungen war: aber er ver- achtete die Frau, Fernande, ja er empfand eine Art Grausen vor ihr, denn er ftihlte. was für eine furchtbare zerstörende und verderbliche Kraft diese Frau darstellte. Der häßliche Vorgang, den er auf der Guerdache beobachtet hatte, die ge- bieterische Unterjochung Boisgclins, des schönen Mannes, dessen Vermögen unter den Händen der Verderben» dahinschmolz, erfüllten ihn mit wachsender Unruhe, denn er ahnte, daß noch Schweres und Tragisches hieraus entstehen werde. Und nur für die gute und sanfte Suzanne empfand er tiefes, herzinniges Mit- gcfühl, denn sie war das Opfer, die einzige, die er beklagte, daß sie in diesem Hause lebte, dessen Gebälke vermorscht war, dessen Decke» eines TagcS einstürzen mußten. Er hatte die Be- ziebungcn zu ihr, die seinem Herzen so teuer waren, aufgeben müssen, er besuchte die Guerdache nicht mehr, er erstihr von dort mir das, was der Zufall ihm zutrug. Die Dinge schienen sich dort immer mehr zu verschlimmern, die tollen Anforderungen Fer- uandes an ihren Geliebten steigerten sich von Tag zu Tag. ohne daß Suzanne eine andre Gegenwehr gefunden hätte als das Schweigen, in welches sie sich ans Furcht vor einem Skandal verschloß. Als Lucas ihr eines Tags in einer Straße Beanclairs mit ihrem kleinen Paul begegnete, hatte sie ihm einen langen Blick zugesandt, in welchem er ihren Kummer las und die Freundschaft, die sie ihm bewahrte, trotz des mörderisch gewordenen Kampfes, der sie von einander trennte. Als Lucas Fauchard erkannte, verhielt er sich, seinem Princip entsprechend, ganz neutral, denn er wollte jeden unnützen Streit mit der Hölle vermeiden. Er nahm wohl die Arbeiter ans. welche ans dem benachbarten Werk zu ihm knnien, aber er wollte nicht den Schein erwecken, daß er sie anlocke. Die Arbeiterschaft entschied allein über ihre Aufnahme. Und da Bonuaire ihm schon einigemal von Fauchard gesprochen hatte, thnt er, als nähme er an, daß der Auszieher gekommen sei, um sich anwerben zu lassen. „Ah, Sie sind es? Sie kommen wohl, um zu sehen, ob Ihre früheren Kameraden Ihnen einen Platz einräumen wollen?" Wieder von Zweifeln ergriffen, in seinem Stumpfsinn, zu jedem Entschluß unfähig, stanunelte Fauchard unzusamnien- hängende Worte. Alles Nene, alles, was von dem gewohnten Kreise ablvich, in welchem er blind und mechanisch wie ein Cirkuspferd dahintrabte. erfüllte ihn mit Angst. So sehr >var jeder eigne Thatantrieb in ihm ertötet, daß er außer der gewohnten Geberde zu keiner andern Handlung fähig war. Diese neue Fabrik, diese lveiten, hellen und reinlichen Räume schüchterten ihn ein, erschienen ihm als ein furchtbares Reich, in welchem er nicht leben könnte, erregten in ihm nur das Verlangen, so schnell als möglich wieder in seine schlvarze Höhle, zu seiner aufreibenden Verrichtung zurückzukehren. Ragu hatte ihn nur zun: Narren gehalten. Wozu den Platz wechseln, wenn man nichts Sicheres bekam? Und vielleicht fühlte er auch unklar, daß es für ihn zu spät war. „Nein, Herr, noch nicht... Ich möchte gern, aber ich weiß noch nicht... Später vielleicht, ich muß erst meine Frau fragen..." Lucas lächelte. „Versteht sich, versteht sich, die Frau muß einverstanden sein. Auf Wiedersehen!" Und Fanchard enipfahl sich unbeholfen, selber erstaunt über diesen Ausgang seines Besuches, denn er war eigentlich niit der Absicht gekommen, um Arbeit zu bitten, wenn das Haus ihm gefiel und man da mehr verdiente als in der Hölle. Warum ergriff er nun die Flucht, geängstigt durch das zu Schöne, was er gesehen hatte, warum hatte er kein andres Verlangen als sich zu verkriechen. sich noch mehr in den dumpfen Schlummer seines Elends zu versenken? Lucas wechselte mit Bonuaire einige Worte über eine Verbesserung, die er an den Walzwerken anbringen wollte. Da meldete sich Ragu mit einer Klage. „Herr Lucas, ein Windstoß hat schon wieder drei Fensterscheiben in unserm Zimmer zerbrochen. Und dieses Mal werde ich sie nicht bezahlen. Unser Haus steht als erstes gegen den Wind, der von der Ebene her kommt, daher geschieht uns so viel, und wir erfrieren obendrein." Er hatte immer über etwas zu klagen, immer einen Vor- wand zur Unzufriedenheit. „Sie brauchen nur im Vorbeigehen bei uns einzutreten, Herr Lucas, um sich selbst zu überzeugen. Josine wird es Ihnen zeigen." Nachdem Ragu in der Crechcrie Arbeit genommen hatte, war Soeurette bemüht gewesen, und hatte es auch erreicht, ihn zu bestimmen, daß er Josine heiratete. Das junge Paar bewohnte nun eins der kleineu Häuser in der neuen Arbeiterstadt, zwischen dem Hause Bounaires und dem Bourrous. Bis jetzt schien das gute Einvernehmen zwischen ihnen nicht ernstlich gestört worden zu sein, da Ragu sich infolge des wohlthätigcn Einflusses seiner Umgebung Wesentlich gebessert hatte. Nur hie und da gab es Zank wegen Nanets. der sich bei ihnen befand. Wenn übrigens Josine Kummer hatte und weinte, verschloß sie das Fenster, damit sie niemand höre. Ein Schatten glitt über die Züge Lucas' und verdüsterte den frohen Ausdruck, den sie stets trugen, wenn er am Vor- mittag seinen Rundgang durch die Werfftätten machte. „Es ist gut. Ragu." erwiderte er ruhig.„Ich werde zu Ihnen gehen." Das Walzwerk wurde wieder in Gang gesetzt und machte durch sein furchtbares Getöse jedes weitere Gespräch un- möglich. Wieder faßte es die glühenden, blendenden Jngots, dehnte sie und streckte sie. machte sie immer länger und dünner, bis sie schließlich als Schienen zwischen den Walzen hervorquollen. Und unaufhörlich schloß sich Schiene an Schiene, es war, als sollten sie die Erde in kurzer Zeit nach allen Richtungen durchkreuzen, damit auf ihren stählernen Bahnen das vermehrte siegreiche Leben durch die Welt ge- tragen werde. Einen Augenblick stand Lucas noch bei der segensreichen Arbeit, lächelte Bonnaire zu, erinunterte Bourron und Ragu mit freundschaftlicher Miene, bemühte sich hier, wie in jeder Werkstätte, die Saat der Liebe aufgehen zu lassen, in der festen Ueberzeugung, daß nicht Dauerndes bestehen kann, wenn die Menschen sich nicht lieben. Dann verließ er die Werk- statten und begab sich. wie jeden Tag, in das Gemeinhaus, um die Schulen zu besichtigen. Wenn er sich gern in den Arbcitsräumcn aufhielt, um dort im Geiste das Reich des Eriedens entstehen zu sehen, wurde er von noch stärkerer offnungsfrcude erfüllt inmitten der kleinen Welt der Kinder, die die Zukunft darstellten. Das Gen, einHaus war vorläufig nur ein einfacher, großer Bau, reinlich und sonnenhell, bei dessen Anlage man Haupt- lich bedacht gewesen war. möglichst viel Bequemlichkeit für möglichst wenig Geld zu erreichen. Die Schulen nahmen einen ganzen Flügel ein, der gegenüber- liegende Flügel enthielt die Bibliothek, den Spielsaal und die Bäder, während der Fcstsaal und einzelne Bureaus im Mittelbau untergebracht waren. Die Schulen umfaßten drei Abteilungen: eine Krippe für die ganz Kleinen, wo die tagsüber beschäftigten Mütter ihre Kinder, selbst die noch im Wickelpolster befindlichen, in Pflege geben konnten; eine eigentliche Schule von fünf Klassen, in welcher die Schüler vollständig ausgebildet wurden; und eine Reihe von Lehrwerkstätten, welche die Schüler gleichzeitig mit den fünf Klassen besuchten und worin sie sich in den Handfertigkeiten vervollkommneten, in demselben Maße, in welchem ihre allgemeinen Kenntnisse sich entwickelten. Die Geschlechter waren nicht getrennt, Knaben und Mädchen wuchsen Seite an Seite auf, von ihren Wiegen angefangen, die ncbenander standen, bis zu den Lehrwertstätten, die sie verließen, um sich zu verheiraten, durch alle Klassen hindurch, in welchen sie ans denselben Bänken saßen, unterschiedslos miteinander vermengt, so wie sie es im Leben sein sollten. Die Kinder nach Geschlechtern trennen, sie in verschiedener Weise erziehen und unterrichten, jedes in Unkenntnis des andren halten, heißt das nicht, sie zu gegenseitiger Feindschaft erziehen, durch das Geheimnisvolle ihren natürlichen Zug zu einander verderben und aufstacheln, so daß der Mann sich wild auf das Weib stürzt und das Weib ängstlich abwehrt, in einem gegenseitigen Mißverständnis ohne Ende? Nicht eher wird der Friede zwischen den Geschlechtern eintreten, als bis Mann und Weib als gute Kameraden, die einander von jeher kennen, die das Wissen des Lebens an derselben Quelle cnipfangen haben, zur Erkenntnis ihres genieinsamen Interesses gelangen, sich miteinander auf den Weg durchs Leben machen, um es gesund und vernunftgemäß zu leben, wie es gelebt werden soll. Souerette hatte Lucas bei der Schaffung der Schulen sehr wertvolle Hilfe geleistet. Während Jordan, nachdem er das versprochene Geld hergegeben hatte, sich in sein Laboratorium einschloß und sich weigerte, die Rechnungen zu prüfen, die zu ergreifenden Maßregeln mitzuberaten, bekundete seine Schwester ein leidenschaftliches Interesse für diese neue Stadt, welche sie unter ihren Augen keimen und entstehen sah. Sie war eine geborene Kinderwärtcrin, Erzieherin und Krankenpflegerin; und ihre Mildthätigkeit, die sich bisher nur auf einige Arme hatten erstrecken können, die ihr der Abbs Marie, der Doktor Novarre oder der Lehrer Hermeline bezeichneten, fand Plötz- lich ein unendlich erweitertes Feld in der großen Familie von Arbeitern, die ihr Lucas zum Geschenk machte, und wo es so viel zu unterrichten, zu leiten, zu lieben gab. Sie wählte von den ersten Lebenstagen des Unternehmens ab ihren Platz, beteiligte sich an der Organisation der Schulen und Lehrwerkstätten, wendete jedoch ihre Sorgfalt vor allem der Krippe zu, wo sie ihre Vormittage in der Liebe zu den ganz Kleinen verbrachte. Wenn man ihr davon sprach, sich zu verheiraten, erwiderte sie ein wenig verlegen und verwirrt mit einem hübschen Lächeln auf ihrem reizlosen Gesicht: „Habe ich nicht die Kinder der andern?" Sic hatte eine Helferin an Josine gefunden, die, obgleich sie mit Ragu verheiratet war, kinderlos blieb. Jeden Morgen stand diese ihr an den Bettchen zur Seite, und die beiden Frauen waren, trotz der großen Verschiedenheit ihrer Naturen und Verhältnisse, Freundinnen geworden, miteinander verbunden durch die liebevolle Pflege, die sie den süßen Kleinen widmeten. Als jedoch Lucas au diesem Morgen den weißen, sauberen Raum betrat, fand er Soeurette allein. „Josine ist nicht gekomuien," sagte sie.„Sie hat mir sagen lassen, daß sie krank ist, nur ein unbedeutendes Unwohl- sein, wie es scheint." lFortsetzunq folgt.) Mest'ev nnd Gnbrl. Bei uns und den andren Völkern des westlichen Europa kannte man vor der Mitte des 16. Jahrhunderts die Gabel noch nicht. Das Messer erschien damals aNein auf der Tafel. Das Messer gehört denn auch zn denjenigen Instrumenten, die den Menschen auf seinem Knlturgange von seinen ersten Anfängen an getreulich begleitet und in seiner Hand für seine Zwecke die' mannigfaltigsten Formen an- genommen hat. Die Gabel dagegen ist weit jünger, wenigstens als Tischinstrument, als ivelches sie erst seit etwa 200 Jahren erscheint. Die hölzerne Heugabel dagegen kannten und brauchten bereits die alten Aegypter. Aber auch schon die Fischer, deren Beschäftignng zu den allcrältcsten gehört, bedienten sich bereits in alten Zeiten gabel- förmiger, zwei- bis fiebenzinkiger Spieße oder Fischgabeln, um die Fische im Wasser anfzuspicßen und anfs Trockene zu bringen. Alle diese Gabeln sind einer uns sehr wohl bekannten natnr- lichen Gabel nachgebildet, der nienschlichen Hand, die übrigens auch einem andren Tischinstrument, dem Löffel, zum Modell diente; schöpften doch schon zn Diogenes Zeiten, wie beute noch, die Kinder mit der hohlen Hand Wasser. Die Aehnlichkcit der Gabel mit der fünfffngerigen Hand ist jedem offenbar, und in den historischen Sammlungen von Paris finde» sich goldene Gabeln, die in zierlicher Weise einem Menschenarme mit der Hand nachgebildet sind. Das Messer finden wir bereits auf sehr niederen Kulturstufen der Menschheit, ja es ist keine Kulturstufe bekannt, die des MefferS ganz entbehrte. Der Mensch machte sich Messer ans Steinsplittern, ans den harten Rinden der Rohrhalnie, ans harten Hölzer», aus Muschelschalen, au§ Tierzähnen und Knochen. Die Botokuden fertigen noch heutigen Tags aus abgeschrägten Knochenröhren ziemlich scharfe Schneidewerkzengc; ein gleiches thn» die Eskimos der Polarzone. Die Beivohner des Strandes von Australien be- nutzen für diesen Zweck die Zähne der Haifische. In den Urwäldern von Südamerika wie in der Südsee und auf Borneo und Sumatra fand man Messer, die aus den allerdings sehr harten, kieselhaltigen Rinden des Schilfrohrs und Bambus geschnitten sind. Diese Klingen sind so scharf wie metallene und werden außerdem ain Feuer gehärtet, nach- dem sie mit Wachs bestrichen worden find. Die Beivohner von Borneo wenden diese Klingen anßer beim gewöhnlichen Tischgebrauch auch noch an, die Glacis ihrer nnt Erdwällen befestigten Lager noch un- zugänglicher zu machen. Sie stecken dieselben kreuzweis mit empor- gerichteten Spitzen in den Boden unter das Gras. Da in Borneo alle Welt barfntz geht, üben diese unsichtbaren Messerpalissaden eine gar verderbliche Wirkimg aus. Auf einigen Inseln der Südsee ivandte man Messer aus Bainbusrinde sogar zum Haar- und Bart- scheren an, ehe man durch die Europäer metallene Messer erhalten hatte. Zu gleichem Zweck« bediente man sich dort zugeschliffener Mrischelschalen mit besserem Erfolge. Dauerhafter sind freilich die Messer ans Stein, die man namentlich bei den Ureinivohnern von Ainerika, wie von Nordafrika. Europa und Nordasien fand. Man benutzte zu ihrer Anfertigung teils den weitverbreiteten Feuerstein, teils, und zivar vornehmlich in Mexiko, den Obsidian. das dnnkelgesärbte vulkanische Glas. Beide Steinsorten haben die Eigenschaft, daß sie geschlagen sich ziemlich regelmäßig schalig absondern. Als man das Schießpulver noch mit Stahl und Stein' loSbrannte, wurden alljährlich in der Champagne, deren Kreidcboden ungeheure Massen von Feuersteinen enthält, die Feucrschlösser Europas mit Flintensteinen versehen, die durchweg von menschlicher Hand niit einem eigcnS dazu gebildeten Hammer znrecht geschlagen wurden. Ebenso massenweise wurde» in der nördlichen Hälfte von Europn und Asien in der Urzeit flekniminle, zwei bis sechs Zoll laiige und vier bis acht Linien breite �„ersteinmesser gearbeitet. Gleiche Gestalt zeigen die mexikanischen Obsidianmesser. Diese Messer find überaus scharf, alleiu sie sind auch sehr zerbrechlich, und die Leute kamen daher bald darauf, dauerhaftere Messer herzustellen. Und so finden wir denn auch unter den Feuerstein- und Obsidian- messern neben den schalenförinige» Messer» Klingen, welche die Ge- stalt uiisrer ziveischneidigen Metallklingen haben, d. h. Klingen von der Form des Weidenblatts. Diese sind durch kurze, gelinde Schläge sorgfällig bearbeitet und in der Regel ohne Schleifung. Die Schneide ist daher nicht, wie bei uusrcn Messern, glatt, sondern schartig und zum Teil sägeartig. Diese Klingen wurden teils in einen hölzernen Stiel gefaßt, wie die Metallkliugen, teils findet fich an den denselben als Fortsetzung der Klinge eine besondere Handhabe. Die mannigfache Formenentwicklung trat erst dann ein. nachdem ein bildsamerer Stoff für das Werkzeug in Gebrauch kam. Man bildete den steinernen Messern solche aus Metall nach, zunächst aus Kupfer, dann aus einer Mischung von 9 bis 12 Teilen Kupfer und einem Teile Zinn. Namentlich die letztere Art eherner Messer findet man häufig unter den Altertümern. Die Glanzzeit des Messers beginnt mit dem allgemeinen Ge- brauch des Eisens. Von da an entfaltet es einen Reichtuni an Formen, dessen nähere Betrachtung ungemein belehrend ist. Der Jäger, der Hirt, der Landbauer, der Gärtner, der Handarbeiter, der Kriegsmann, der Bergmann, der Schiffer, die HauSsrau, der Schreiber wie der Bildschnitzer, der Buchbinder, der Riemer, Sattler, Matrose, ein jeder einzelne modelte an der uranfänglichen Blattform des Messers so lange herum, bis er ein Werkzeug aus derselben gemacht hatte, das seinen Zwecken vollkommen entsprach. Das Messer ward so der Ahnherr des Dolches, des Schwertes, des Säbels, der Sichel, der Sense, der Säge, der Schere, und das alles schon in frühesten Zeiten, bevor wir noch die Gabel zum Speisen brauchten. Wir teilen die Messer zunächst in zwei- und einschneidige. Die zweischneidigen sind die uranfänglichen: denn so sind die Messer aus Bambusrinde, aus Stein und aus Bronze. An diese uralte Form erinnern zunächst die Messer der südafrikanischen Hirtenvölker, namentlich die der Betschuanen. Sie�bestchen aus anderthalb Zoll breiten, sechs bis sieben Zoll langen, ziemlich dünnen Klingen, welche oben, d. h. an dem der Spitze entgegenstehenden Ende, in einen Dorn auslaufen, an welchen, der aus Holz oder Horn geschnitzte, vier Zoll lauge Griff aufgesteckt ist. Als Scheide dienen zwei Holzschalcn, die an zwei Stellen mit Lederriemen ver- bunden sind: die obere Seite dieser Scheide ist mit jenen Oma- menten versehen, die ihren afrikanischen Ursprung nicht verleugnen können, selbst wenn der Künstler anstatt des Holzes Elfenbein ge- »oinmen und eine langgestreifte Giraffe daraus angebracht hat. Das einschneidige Messer mit festem Griff war durch ganz Europa und Asien als täglicher Gefährte des Menschen verbreitet und eben deshalb mit einer Scheide versehe». Der deutsche Weid- mann hat dasselbe als Geuickfängcr neben seinem eigentlichen Hirsch- fänger oder Couteau de chasse, ja der letztere giebt sich meist als eine Nachbildung des kleineren Gefährten kund, indem an beiden Griffe und Klingen gleichen Stoff, glcicbc Gestalt haben. Auch der Chinese hat das feste Messer, der Griff ist von Elfeubei» oder Narwal, die Klinge tief gerieft und mit gerundeter Spitze. Es steckt in einem Gehäuse von schön schildkrötartig lackiertem Bambus, und neben dem- selben sind Eßstäbchen und Dessertinesscrcheii aus Bein oder Zahn. Der Orientale führt gerade, einschneidige Mesier. Den Stil bildet schivarzes Horn, da, wo die Klinge darin sitzt, ist eine goldne Zwinge. Den Stiel krönt ein Knauf von Koralle oder Karneol. Das Messer steckt in einer mit Messingdraht vernähten schwarzen Lederscheide. Ganz eigentümlicher Form ist ein Messer, dessen Heimat die öst« liche Küste des Adriatischcn Meeres ist. Man könnte es ein Messer mit Taille nennen, denn da, wo die zollbreite Klinge im Heft sitzt. hat das Ganze nur zwei Linien Durchmesser. Die Klinge ist übrigens sieben Zoll lang, und das Heft besteht aus schwarzem Horn und Perlmutter, zierlich mit Messing beschlagen, aus ivelchem kleine Malachite fitzen. Zu diesem Messer gehört eine zweizinkige, ebenso gefaßte Gabel, die zwei Zoll kürzer ist als das Messer. Beide ruhen in einer Doppelicheide von schwarzem, zierlich gemustertem Leder, auf welcher die Jahreszahl 1692 deutlich aufgepreßt ist. In der kultur- historische» Sammlung in Dresden ist dieses Messer zu sehe». In ähnlicher Weise führen die süddeutschen Landleute Bestecke von Messer und Gabel bei sich, zu welchem als Dritter im Bunde ein ebenfalls mit einen, Heft versehener Wetzstahl kommt. Desto einsamer steht das kurze Messer da, welches der sächsische Bergmann, der Gängheuer, in einfacher Lederscheide bei sich führt. Die zollbreite Klinge ist nur drei Zoll lang, der Griff aus Knochen in Messing gekaßt und oben mit zwei schwarzen Streifen verziert. Der Vorgesetzte des Gängheuers, der Steiger, führt zwei solche reicher verzierte Messer, deren Bezeichnung Tscherper ist. Auch bei den gewöhnlichen Tischmessern herrscht, je nach ihrer Herkunft und dem Zwecke, eine große Mannigfaltigkeit. Bei uns in Deutschland hat das Taschenmesser meist einen platten Griff aus Holz, Horn, Knochen; in Spanien ist er oft aus Perlmutter und niit Silber beschlagen, ja man belegt dort sogar den Rücken der ziemlich starken Klinge damit. Diese Messer dienen indessen nicht bloß zu». Schneide», sonden, auch zum Werfen. Die Einlege- inesscr der Slaveu, nameiitlich der Slowaken, haben walzenförmige Griffe, die Klingen sind kürzer und breiter als die italienischen und spanischen. Die Gabel weist natürlich viel weniger Formen auf wie das Messer. Erstens ist ihr Gebrauch, wie schon erwähnt, viel jüngere» Datums,»md dann und vor allem ist die Art und Weise ihrer Be- Nutzung viel weniger»nifangreich.— �.Kölnische Polkszeitung".) Kleines Feuilleton. b. Nebcrraschungcu aus dem Gebiet der Rechenkunst wurden am Mittwoch auf der Treptow- Stcrmvarte von dem auf den, Pro- qramm als Rechenkünstler bezeichneten Herrn Dr. Ferro! vorge- führt. Für die meisten Menschen bildet schon auf der Schule die Mathematik und die Rechenkunst, sobald sie über die einfachsten Operationen des Addierens. Abziehens.jMnltiplizierens und Dividierens oder Teilens hinausgeht, ein Ivahrcs Kreuz, und auch später vennciden sie es gern, größere Rechnungen auszuführen; ja, schon bei de», Teilen, welches auf Bnlchzahlen führt, ge- raten die Meisten, wie man zu sage» Pflegt, in die Brüche. Staunend steht man daher vor den Ausiiähmsmenschcn. welche die schwierigste» und langwierigsten Reckienoperationen spielend bewältigen, die nach einigem Nachdenke» die Resultate umfangreicher Rechnungen richtig angeben, ohne auch nur Papier und Bleistift zu beniitzen. Und doch ist auch diese Bethätigung des menschlichen Geistes keine Hexerei, die vielleicht auf einem besonderen Sinn beruht, sondern die jedem geläufigen Rechnungsarten werden mit einander verbunden und durch anhaltende Uebung kann man erreichen, statt eines Schrittes gleich zehn oder hundert auf einmal zu machen. Nicht in da? Gebiet des Rechnens gehört das Behalten langer Zahlenreihen: auch Herr Fcrrol erregte allgemeines Staunen, als er sechzig an die Tafel geschriebene Ziffern in beliebiger Reihen- folge, von links nach rechts oder umgekehrt, nach den Vertikalreihen oder in Diagonalreihen hersagen konnte, nachdem er sie eine kurze Zeit lang betrachtet hatte. Aber dieses von Rechenkünstlern oft vor- geführte' Kunststück beruht, wie gesagt, nicht auf einer besonderen Art des Rechnens oder des Gedächtnisses, welches abstrakte Ziffern im allgemeinen recht schlecht behält. Es ist vielmehr ein eigentümliches System ausgebildet worden, wonach man für jede der zehn Ziffern einen oder auch einen von mehreren Buchstaben einsetzt, und zwar wählt man lediglich Konsonanten, während man sich die Vokale zur beliebigen Wortbildung frei läßt. So bedeutet z. B. 4 r, 3 t oder= d, mithin kann man für die Zahl 43 die Worte Rat, Rad, Rede, rot, Rute u. a. setzen. Die Worte kann mau leicht zu Sätzen verbinden, die man natürlich sehr viel leichter im Gedächtnis be- halten kann, als die abstrakte» Ziffern, welche keinen Gedanken an- deuten. Aus den Worten des Satzes kann man dann stets die Ziffern wieder herleite», und so noch nach Wochen, ja selbst nach Jahren Ziffen, reihen wiederhole», die man einmal in einen ver- nünftigen Satz umgedeutet oder umgelesen hat. So überraschend derartige Fertigkeiten auch wirken, so haben sie, wie so vieles andre, was Rechenkünstler an Kunststücken vor- führen, kaum eine» andren Wert als den einer anmutigen Spielerei. Etivas anders liegt die Sache schon bei den besonderen Methoden, die zur schnellen Ausführung bestimmter Rechnungen ersonnen sind. und die zum Teil auch in den Schulen geübt werden. Die Grund- läge bildet hier das Multiplizieren größerer Zahlen. Wollen wir z. B. zwei fünfstellige Zahlen mit einander niuliplizieren, fo multi- pliziercn wir jede Ziffer der einen mit jeder Ziffer der andren und schreiben die Produkte in geeigneter Form unter einander, worauf dann durch Addition das Resultat herauskommt. ES liegt auf der Hand, daß man bei einiger Uebuug einen großen Teil dieser Arbeit ini Kopf wird leisten können: man kann die Produkte, die schließlich zu addieren find, gleich in der richtigen Reihenfolge bilden, und im Kopf zusammenziehen, daß das Endresultat sofort,_ ohne weitere Hilfsreihen, auf den« Papier erscheint. Eine Einübung solcher Methoden ist sicherlich wertvoll und erspart dein, der sie sich zum vollen Eigentum gemacht hat, so daß er sie genau so gut beherrscht, wie das kleine Einmal-Eins, zweifellos viel Zeit inid Arbeit. Auf ihnen beruhen die weiteren Operationen, durch welche die Schncllrechner— wir erinnern nur an den bekannten, 1869 gestorbenen Das-— so viel Staunen erregen. Im all- gemeinen beschränken sich die Rechnungen dieser Kiiustler auf große Rechenoperationen aus dem Gebiet der vier Species, wozu allen- falls noch das Ausziehen von Quadrat- und Knbikivnrzeln kommt. Aber die Rechenkunst des Herrn Dr. Ferrol reicht viel weiter, und es scheint mir, als ob sie eine eminente praktische Bedeutung gewinnen kann. Mit Verwunderung»ahm ich wahr, daß er Fragen aus der Renten- und Zinseszins-Rechnung spielend beantwortete, zu deren Bewältigimg die Kenntnis und Benutzung der sogenannten Logarithmen notwendig ist. Die Logarithnien sind Zahlen von eigentümlichen Eigenschaften, deren Anwendung die umständlichsten Rechnungen außerordentlich vereinfacht. Aber die Berechnung dieser Zahlen jelbst erfordert einen großen Aufwand von Zeit und Mühe und deshalb sind sie in«iraben Tabelleulvevkcn zusanunc»- gestellt, wo sie jede», Rechner zugänglich sind. Dr. Ferro! nun benutzt diese Zahlen, ohne dast er Tabellen zur Hand hat. Er mutz also eine Methode besitzen, sie rasch und sicher im Kopfe zu entwickeln. Ich fragte ihn nach mehreren dieser Zahlen und schrieb mir seine Antworten auf; zu Hanse sah ich in nicine» Tabellen nach und fand, datz die Zahlen von Dr. Ferrol durchaus richtig angegeben waren. Der geistige Besitz dieser Tabellen und ihre Verwertung im prallischen Rechnen ist etwas, was weit über das Gebiet der geist- vollen Spielerei hinausgeht. Es wäre sehr dankensivert, ivcnn Dr. Ferrol die Methoden, nach denen er verfährt, veröffentlichen und so dem weiteren mathematischen Publikum zugänglich machen würde.— Archäologisches. — Die Vase von Lampsaki. Man schreibt der„Franks. Zeitung" ans Konstantiiiopel unterm 2ö. Mai: In das Museum in Stambul wurde vor einigen Tagen ein höchst wichtiger Fund cin-- geliefert. Bei den von der Verlvaltung des Museums veranstalteten Ausgrabungen in der Nähe der Dardanellen bei Lampsaki wurde am Flitze eines Tumnlns eine bewrmderuswerte Vase aufgefunden. Ihre Höhe ist 64 Centimeter. Sie ist ans gebrannter Erde hergestellt, aber von oben bis nuten und etwa 15 Centimeter in die Oeffnnng hinein mit einer fingerdicken Golddecke»inschalt. Drei kräftige Goldhenkel und unter ihnen Hantreliefs, Jagdscencn darstellend, von einer Lebensfrische, fnscinicrende» Aninnt und einer technischen Sorgfalt in der Ausführung, die vielleicht einzig dasteht, zieren dieses herrliche Stück. Ans der frappanten Aehnlichkeit der Haut- reliefs mit den Jagdscenen am Sarkophage Alexanders des Grotzen schlietzt man, datz sie ans der besten Zeit der Diadochcn etwa 400 vor Chr. stammen. Die Vase, die ein nur annäherndes Gegen- stück in der in der St. Petersburger Erimitage befindlichen besitzt, wurde fast unversehrt befunden. Die blauen und roten Farben der Figuren sowie der Glanz des Goldes sind von vollkommener Frische. Dies wird vornehnilich dem Umstände zugeschrieben, datz die Vase in einem Steinbehälter ruhte, der den Einflüssen der Zeit glücklicher- weise Stand hielt. Im Innern der Vase lvnrden menschliche Asche, Knochenreste solvie Perlen vorgefunden.— Kulturgeschichtliches. — Ueber den G r o tz h a n d e I im Mittelalter sprach Dr. K e u t g e n unlängst in der Versammlung des„Hansischen Ge- schichtsvereins" zu Dortmund. Das heutige Merkmal des Grotz- Händlers, datz er zwischen Fabrikanten und Kleinhändlern vermittelt, verschwüidet im Mittelalter. Zuerst gab es nur einen Unterschied: den zwischen Gelvandschncidern und Krämern. Erster« Ware» vornehm, satzen im Rat. die andren ivaren zienilich verachtet und kamen in der städtischen Znnftrangordnnng oft erst an sechster bis achter Stelle. Warum man einen so grotzen Unterschied ztvischen der Schätzung des Verkaufs von Tuch und dem von Pfeffer machte, ist nicht gleich klar. Aber„Krämer" kommt von Kram, und Kram bedeutet ursprünglich Abfall, Tuchstücke, Leinenreste, später Zelt, dann Kleinlvare, die sich leicht transportieren lätzt. Der Krämer zog von Ort zu Ort, ivurde nicht leicht ansäisig. Der Gewandschneider aber mutzte ein festes Haus haben znm Schutz für seine schwere, wertvolle Ware, die, so Iveit Tuch und Wollenzcug in Betracht kam, ini Lande selbst lange nicht hergestellt werden konnte. Das Ergänzen des Vorrats geschah durch Reisen, diese brachten von selbst Änknüpfnng weiterer Handelsverbindungen und so erwuchsen aus den Gelvand- schneidern die Kanfleute, die'ivir zuerst im Stadtbnch von Augsburg 127S von den Gcwandschneidern mid Krämern unterschieden finden. Man versteht unter Kanflenten also Bürger, die Waren von nutzer- halb einführen. DaS eigentliche Gebiet des Grotzhandels sind ja die internationalen Beziehnngen und diese wuchsen, getragen von dem Unternehmnngssinn der Kauflcnte, im Mittelalter gewaltig an. Die Rcvaler Zollbücher, die Londoner Lizenzbücher, die für das Jahr 1277 an 27 deutsche Kanfleute 34 Wollausführnngs-Erlanbnisse enthalten, beweisen das. Ein bedeutender Großhändler ivar der Bürgermeister von Lübeck: Wittenborn. Der Lübecker Antzenhandel belief sich in einem Jahre des 13. Jahrhunderts auf 4Ve Millionen. der Hamburger auf 4. der Bremer auf 3Vz. der Stralsundcr auf 3 und der Revaler Handel auf 2 Millionen.— Astronomisches. — Der spektroskopische Doppelstern Miznr im grotzen Bären. Unter den drei hellen Sternen, die ini Stern- bilde des grotzen Bären den Schlvanz dieses Tiers darstellen, ist der mittlere, von den Arabern Mizar genannt, seit alten Zeiten berühmt, tveil man im Orient an ihm die Sehkraft zu prüfen Pflegte. In unmittelbarer Nähe über diesem Stern steht nämlich noch ein licht- schlvächcrer, der den Namen Alkor hat und den nur scharfe Augen wahrnehmen können. In Persien heißt er deshalb auch Saidak, d. h. der Prüfer, und es giebt in Arabien folgendes Sprich- wort über Splitterrichtcr, die den Balken im eignen Auge nicht beachten:«Den Alkor kannst Du sehen, aber den Voll- mond nicht." Im Jahre 1700 entdeckte Margareta, die Gattin des Berliner Astronomen Kirch, mit Hilfe des Fernrohrs, datz der Stern Mizar doppelt ist, indem er einen Begleiter vierter Größe neben sich hat. Derselbe belvegt sich gleichzeitig mit seinem Haupt- ftern durch den Weltraum, bildet also mit diesem einen wahren Doppelstern; doch mutz die Umlnnfszeit beider Sterne um ihren ge- meinsamen Schwerpunkt mehrere Jahrtausende betragen. Wahr- schemlich gehört auch Alkor zu diesem System und dessen Umlaufs- zeit wird dann über hunderttausend Jahre betragen. Diese drei Sterne sind schon mit einem kleinen Hnnd-Fernrohr zu sehen. Gegen Ende der 80er Jahre entdeckte man auf der Harvard-Sternwarte, daß der Hanptstcrn Mizar ein Spektrum zeigt, in dem die deutlich er- kenubaren dunklen Linien von Zeit zu Zeit doppelt erscheinen, während sie sonst einfach sind. Prof. Pickering erklärte diese Erscheinung durch die Annahme, datz der Stern Mizar für sich ein Doppel- stcrn ist, dessen Begleiter ihm aber so nahe steht, datz selbst die größten Ferngläser denselben nicht mehr zeigen können. Das ver- einigte Licht dieser beiden Sterne erzeugt ein gemeinsames Spektrum mit den entsprechenden dunklen Linien. Wenn aber bei der Umlaufs- bewegnng beider Sterne umeinander, der eine in der Richtung gegen die Erde hin, der andre in der Nichtung von der Erde ab sich be- wegt, so müssen die dunklen Linien im Lichte jedes dieser Sterne sich verschieben, die des ersteren gegen das blaue, die des andren gegen das rote Ende des Spektrums. Demzufolge werden in dein ans dem vereinigten Lichte beider Sterne gebildeten Spektrum die dunklen Linien alsdann doppelt erscheinen. Zur Zeit, wenn die Bewegungen beider Sterne senkrecht zur Richtung gegen die Erde hin erfolgen, müssen die Spektrallinien einfach er- scheinen. Professor Pickering fand ans den damaligen Beobachtungen, daß die Unilaufszeit beider Sterne umeinander mindestens 104 Tage beträgt, doch blieb in dieser Beziehiuig noch eine gewisse Unsicherheit. Im Monat März und April des gegen- wältigen Jahres sind mm auf dem Observatorium zu Potsdam in kurzen Zwischenzeilen spektralphoiographische Aufnahmen des Mizar gemacht worden, durch welche die Verhältnisse in diesem fernen Sternensystem völlig geklärt wurden. Wie Professor Vogel der Akademie in Berlin soeben nütteilte, beträgt die wahre Umlanfszeit beider Sterne umeinander 20,5 Tage und der große Durchmesser ihrer sehr elliptische» Bahn mißt 70 Millionen Kilometer in der Länge. Endlich haben beide Sterne etwa das Vierfache der Sonnenmasse oder des Gewichts der Sonne. Der Stern Mizar, den man allabendlich am Hinmiel sehen kann. ist also ein wunderbares und großartiges Sonnensystem, bestehend ans zwei Sonnen, die nicht weiter von einander entfernt sind als bei uns Sonne und Merkur, dabei aber an Masse unsre Sonne mindestens vierfach über- treffen, sie drehen sich in 20,5 Tagen um den gemeinsamen Schwer- pnnkt. In sehr viel größerer Entfernung kreist um sie eine dritte Sonne, langsam, einmal im Laufe von ein paar Jahrtausenden, und endlich noch eine vierte, Alkor, in mehr als 100 000 Jahren. Das Ganze dieses Sternsystems aber erscheint uns nur als einfacbes Sternchen, das mit den andern Sternen des grotzen Bären sich Tag für Tag um den nördlichen Himmelspol schwingt, eine Schein- bewegnng, hervorgerufen durch die tägliche Umdrehung der Erde um ihre Achse.—(„Köln. Ztg.") Humoriftisckies. — Freundliche Einladung. Lieber Herr Schulze l Sonntag werden bei mir Gänse ausgekegelt. Ich bitte Sie, mit Ihren lieben Töchtern zu erscheinen, damit alle vollzählig sind.— — Gutherzig. Gläubiger:„Jetzt bin ich die vier Stockwerke zu Ihnen heraufgestiegen und soll wieder nichts be- kommen?" Schuldner:„Na. damit Sie sich nicht beklagen, schauen Sie sich dafür die Aussicht an,— ist die nicht famos?"— („Alst. Vl") Notizen. — Johannes Schlafs Zwei-Akter„Der Bann" soll noch in dieser Saison im Berliner Theater aufgeführt werden.— — Drei neue Theater sollen in D r e s d e n in der nächsten Zeit erbaut werden.— — Den Wiener Raimundpreis erhielt Schrotte»- bach für sein Lustspiel„Die S ch r ö d e r i s ch c n"; der Preis beträgt diesmal 2020 Kronen.— — Paderewskis Oper„ M a u r n" erzielte bei der Erst- anfführnng im D r e s d n e r H o s t h e a t e r einen großen äußer« lichen Erfolg: das Libretto wird als schwach bezeichnet.— — Für K u n st z w e ck e hat der Dresdner Stadtrat be- willigt: 10 000 M. zu Ankäufen deutscher Bildwerke auf der jetzigen internationalen Knnstausstcllimg, 5000 M. zur Veranstaltung eines öffentlichen freien Wettbewerbs unter den Dresdner Bildhauern zur Erlangung von Skizzen plastischer Werke und 10000 M. zu einem bildnerischen Schmucke des Altstädter Brücken- kopss der Carolä-Brücke.— — Zwei Gemälde von Max Klinger:„Das Urteil des Pari s" und Christus i in O l y in p", werden in die in Eni- stchnng begriffene„M o d e r n e G a l e r i e" in W i e n aufgenoinmen werden.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblatts erscheint am Sonntag, den 2. Juni.__ Veraiilwvrtlicher Redactenr: Heinrich Btzetzker tu Gr.-Lichterlelde, Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.