Wnterhaltungsblatt des vorwärts 105 Sonntag, den 2. Juni 1S01 tNachdiuck verboten.) 42] vif: Roman in drei Büchern von Emile Zola. Ans dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenzweig. Ein unbestimmter Verdacht stieg in Lucas auf, und wieder ging ein Schatteil iiber seine Stirn. Er sagte jedoch ruhig: „Ich muß ohnedies zu ihr, ich werde sehen, ob sie etivas braucht." Dann gingen sie mit innigem Vergnügen an den Wiegen und Bettchen hin. In dem großen, hellen Nannte standen diese mit ihrem schneeiveißcn Linnen längs der weißen Mauern aufgereiht, und rosige kleine Gesichtchen schlumnierten in ihnen oder lächelten zu den Beschauern empor. Gutherzige freiwillig dienstleistende Frauen mit großen iveißen Schürzen wachten mit liebenden Blicken und mütterlichen Händen über diese kleinste Kindheit, über diese noch so zarten Menschheitskeinie, die gleichwohl die Zukunft in sich bargen. Außerdem war aber auch eine Schar größerer Kinder da, drei- bis vierjährige Knaben und Mädchen, die sich frei be- wegten, die schivächeren in Nollstühlchen, die andern auf die Kraft ihrer kleinen Beine angewiesen, wenn es auch nicht ohne manchen Fall abging. Der Raum öffnete sich auf eine blumengeschmückte Veranda, welche wieder in einen Garten ging, und die ganze fröhliche Schar ergötzte sich inmitten von Sonnenschein und freier Lust. Spielzeuge, an Fäden aufgehängte Hampelmänner erfreuten die ganz Kleine«; während die größeren mit Puppen spielten, oder Pferde lind Wagen mit großem Lärm über den Fußboden zogen, als kleine Helden, in denen der Thätigkeitstrieb sich regte. Es war köstlich und herzerquickend, diese kleine Welt so fröhlich irnb heiter austvachsen zu sehen, der Arbeit der Zukunft entgegen. „Keine Kranken?" fragte Lucas, der mit inniger Freude in diesem morgenfrischen Nrninl verweilte. „O nein, heute ist alles wohlauf," erwiderte Soeurette. „Vorgestern haben wir zwei Masernkranke gehabt; die habe ich nicht wiederkommen lassen, sie mußten isoliert werden." Sie traten auf die Veranda hinaus und gingen in dieser weiter, um die nebenan befindlichen Schulklassen zu besuchen. Die Fensterthüren aller fünf Klassen lagen hier nebeneinander, alle auf das Grün des Gartens sehend; und da das Wetter warm war. waren alle weit geöffnet, so daß Lucas und Soeurette, ohne die Schulzimmer zu betreten, in jedes von der Schwelle aus hineinblicken konnten. Die Lehrer unterrichteten hier nach einem neuen Programm. Von der ersten Klaffe ab, wo sie das Kind, das noch nicht lesen konnte, in Empfang nahmen, bis zu der fünften, wo sie es entließen, nachdem sie ihm die fürs Leben nötigen all- gemeinen Lieuntnisse beigebracht hatten, bemühten sie sich vor allem, das Kind mit den bestehenden Dingen und Thatsachen bekannt zu machen, damit es sein Wissen aus der lebenden Wirklichkeit schöpfe. Sie bemühten sich ferner, in ihm den Sinn für Ordnung zu erwecken, ihni eine Methode für die tägliche Verwertung seiner Erfahrungen beizubringen. Ohne Methode giebt es keine nützliche Arbeit, die Methode teilt das Wissen ein und ermöglicht es, immer neues hinzuzufügen, ohne etwas von dem schon Erworbenen zu verlieren. Die Vuchwissenschaft war somit, wenn auch nicht ganz verbannt, so doch auf den ihr gebührenden Platz minderer Wichtigkeit verwiesen, denn das Kind lernt nur gut. was es sieht, was es berührt, was es vollständig begreift. Man beugte cs nicht mehr sklavisch unter unfehlbare Dogmen, nian zwang ihm nicht die Tyrannei der Persönlichkeit des Lehrers auf;�faus eignem Antrieb sollte es die Wahrheit finden, sie durchdringen, sie sich zu eigen machen. Es giebt keine andre Art, Menschen zu bilden als diese, die die individuelle geistige Kraft eines jeden Schülers erweckt und steigert. Alle Arten Strafen und Belohnungen waren abgeschafft, man wandte weder Drohungen noch Lockungen an, um die Trägen zur Arbeit zu veranlassen. Es giebt keine trägen, es giebt nur kranke Kinder, Minder, die schlecht verstehen, was man ihnen schlecht erklärt, in deren Köpfe man un- sinnigerweise mit Gewalt Kenntnisse hineinpressen will, für die sie nicht geeignet sind. Wenn man gute Schüler haben will, braucht man nur den ltnendlichen Wissensdrang aus- zunutzen, der in jedem Menschen lebt, die unstillbare Neu- gicrde des Kindes für alles, was es umgiebt, die es zu un- ablässigen Fragen an die Erwachsenen treibt. Der Unterricht hört auf, eine Folter zu sein, und wird ein immer wieder erneutes Vergnügen, wenn man ihn dadurch anziehend und interessant macht, daß man nichts andres thut als die geistigen Kräfte des Kindes ins Spiel bringen und sie zu immer neuen, eignen Entdeckungen anzuleiten. Jeder Mensch hat das Recht und die Pflicht, sich selbst zu formen; und man muß das Kind sich inmitten der Erscheinungen der Welt selbst formen lassen, wenn man will, daß es später ein ganzer Mensch werde mit thatkräftiger Kraft und entschciduugs- fähigem Willen. In den fiinf Klassen dieser Schule entwickelten sich denn auch die Geisteskräfte der Kinder von den ersten Begriffen bis zur vollständigen Beherrschung des Lehrstoffs in gerader und natürlicher Steigerung. Im Garten befand sich ein Platz für Turnen, für Spiele und Leibesübungen aller Art, damit der Körper an Gesundheit und Kraft zu- nehme in dem Maße, in dem der Geist sich an Wissens- inhalt bereicherte. Nur in einem gesunden Körper kann ein aufnahmefähiger Geist wohnen. Besonders den unteren Klaffen waren die freien Stunden reichlich zugemessen, man gab den Kindern anfangs nur kurze, häufig wechselnde, ihrem Begriffsvermögen angepaßte Aufgaben. Man war harrpt- sächlich darauf bedacht, sie so wenig als möglich einzuschließen, man unterrichtete sie häufig unter freiem Himmel, auf Spaziergängen, inmitten der Dinge, die sie kennen lernen sollten, in den Fabriken, angesichts der Erscheinungen der Natur, der Tiere, der Pflanzen, der Gewässer, der Berge. Von der Wirklchkeit der Lebewesen und Dinge, vom Leben selbst sollten sie ihren eigentlichen Unterricht empfangen, denn alles Wissen hat nur den Zweck, das Leben wertvoller zu machen. Und neben den realen Begriffen bemühte man sich, ihnen den Begriff der Menschheit als Ganzes, der Gemein- samkeit einzuprägen. Sie wuchsen zusammen auf, sie sollten immer beisammen leben. Die Liebe allein bildet das Band der Einigkeit, der Gerechtigkeit, des Glücks. Sie ist der einzige, der ausreichende Menschheitspakt, dem es genügt» daß sich alle lieben, damit der ewige Friede herrsche. Diese allgemeine Liebe, die sich von der Familie auf die Nation. von der Nation auf die Menschheit erstrecken wird, wird das einzige Gesetz des glücklichen Reiches der Zukunft sein. Man entwickelte sie bei den Kindern, indem man sie aneinander interessierte, die Stärkeren die Schwächeren be- schützen ließ, indem man sie anleitete, ihr Wissen, ihre Spiele, ihre erwachenden Leidenschaften gemeinschaftlich, neben und für einander ins Werk zu setzen. So wuchs die künftige Ernte heran, durch gesunde Uebungen gekräftigte, durch freie Beobachtung der Wirklichkeit gebildete Menschen, die durch Gefühl und Vernunft einander verbunden, liebende Brüder geworden waren. Aus einer der Klassen drang Geschrei und Gelächter heraus, und Lucas wurde von einiger Unruhe ergriffen, denn die Dinge verliefen nicht ünmer ganz glatt. Im Vorbei- gehen hatten sie Nanet inmitten des Zimmers stehen sehen, und er war zweifellos die Ursache des Lärms. „Giebt Ihnen Nanet noch immer zu schaffen?" fragte er Soeurette.„Er ist ein Teufel, der Junge!" Sie machte lächelnd eine Geberde nachsichtiger Ent- schuldigung. „O, er ist nicht ganz leicht zu behandeln. Und wir haben noch einige, die nicht minder ungebärdig sind. Sie balgen sich und prügeln sich und gehorchen nicht gern. Aber es sind trotzdem gute kleine Kerle. Nanet ist ein prächtiger Junge, mit einem tapferen und guten Herzen. Wenn die Kinder übrigens zu still sind, so berunrnhigt uns das, wir fürchten dann, daß sie krank sind." Sie wendeten sich nun den Lehrwerkstätten zu, die auf der andren Seite des Gartens lagen. Hier wurden die wichtigsten Handwerke gelehrt und die Kinder in deren Ver- richtungen eingeführt, weniger damit sie sie gründlich erlernten. als damit sie einen allgemeinen Begriff davon bekämen und sich für einen Beruf entscheiden könnten. Diese Unter- Weisungen gingen übrigens parallel mit dem Unterricht in der Schule. Sobald dem Ktnde die ersten Begriffe von Lösen <'.,rd Schreiben beigebracht waren, wurde es auf die andre Seite des Gartens geführt und ihm ein Werkzeug in die Hand gegegen; am Bormittag lernte es Grammatik, Rechnen, Geschichte und bildete seinen Geist, am Nachmittag arbeitete es mit seinen kleinen Armen, um seinen Muskeln Kraft und Geschmeidigkeit beizubringen. Die Arbeit war eine nützliche Erholung, eine Entlastung des Gehirns, ein freudiges Spiel der Kräfte. Es wnrde als Grundsatz festgehalten, daß jeder ein Handwerk kennen müsse, und der Schüler hatte, wenn er die Schule verließ, nur das ihm am besten zu- sagende Handwerk zu wählen, um sich sodann in einer wirk- Kchen Werkstatt zu vervollkommnen. Und auch die Schön- heilen des Lebens wurden nicht vergessen, die Kinder wurden in Musik, Zeichnen, Malerei und Bildnerei unterrichtet, ihre Seelen den höheren Genüssen des Daseins erschlossen. Selbst denen, die bei den ersten Elementen stehen bleiben mußten, wurde dadurch die Welt erweitert, alles auf der Erde bekamt Leben und Stimme, auf die bescheidensten Existenzen fiel der Goldglanz der Kunst. Am Abend schöner Tage, im zauberischen Licht des Sonnenuntergangs vereinigte man die Kinder im Garten, ließ sie Lieder von Frieden und Glück singen, begeisterte ihre jungen Seelen an Bildern der Wahrheit und Schönheit. Lucas war mit seinem Rundgang zu Ende, als jemand herbeikam, um ihn zu benachrichtigen, daß zwei Bauern aus Conibettes, Lenfant und Ivonnot, ihn in dem kleinen Bureau erwarteten, das an den großen Festsaal stieß. „Sie kommen wohl wegen des Bachs?" fragte Soeurette. „Jawohl. Sie haben mich um eine Unterredung gebeten; aber ich selbst habe sehr gewünscht, mit ihnen zusammen zu kommen, denn ich habe neulich wieder mit Feuillat gesprochen, und ich bin mehr als je überzeugt, daß ein Einvernehmen zwischen der Crecherie und Combettes nötig ist, wenn wir siegen ftvollen." Sie hörte ihm lächelnd zu, denn sie kannte alle seine weitausschauenden Gründerprojekte. Dann drückte sie ihm zum Abschied die Hand und kehrte mit ihren leichten, ge- laffenen Schritten zu ihren weißen Bettchcn zurück, aus welchen sich das Volk der Zukunft erheben sollte, dessen er be- durfte, um seinen Traum zur That werden zu lassen. Feuillat, der Pächter auf der Guerdache, hatte schließlich seinen Vertrag mit Boisgelin erneuert, unter Bedingungen, die für beide Teile schadenbringend waren. Man muß wohl leben, sagte er; aber das Pachtsystem war so schlecht ge- worden, daß es keinen rechten Ertrag mehr abwerfen konnte. Die Erde hatte Bankrott gemacht. Daher arbeitete Feuillat in seiner zähen, beharrlichen Weise weiter an der Ausführung des Gedankens, von dem er mit niemand sprach, an dem Projekt, das er so gern neben seinem Pachtgut verwirklicht gesehen hätte: die Versöhnung der durch alten Haß entzweiten Bauern von Eombettes und die Vereinigung ihrer kleinen Bodenlappen zu einem einzigen großen Gute, das, nach modernen Prin- eipien bewirtschaftet, reichen Ertrag liefern mußte. Und sein letzter Gedanke mochte wohl fem, daß er, wenn der Versuch gelang, Boisgelin würde bestimmen können, in die neue Vereinigung mit einzutreten. Wenn Boisgelin widerstrebte, so würden die Umstände ihn bald zum Nachgeben zwingen. In dem wortkargen Feuillat, der still das Unvermeidliche auf sich nahm, war etwas von einem geduldigen, zähen Apostel, der Schritt für Schritt seinem Ziele entgegenstrebte, ohne je zu ermatten. Sein erster Erfolg war, daß er vor kurzem end- lich den Frieden zwischen Lenfant und Ivonnot hergestellt hatte, deren Familien seit Jahrhunderten im Streite lagen. Lenfant war nämlich zum Gemeindevorstand gewählt worden und Avoimot zu seinem Stellvertreter, und Feuillat hatte ihnen begreiflich gemacht, daß sie beide die Herren sein würden von dem Tage, wo sie einig miteinander wären. Dann hatte er sie allmählich mit seiner Idee einer allgemeinen Ber- einignng befreundet, welche allein bewirken konnte, daß die Gemeinde ans dein Elend der althergebrachten schlechten Wirtschaft herauskomme und in der Erde wieder eine Quelle unerschöpflicher Kraft finde. Gerade da- mals wurden die neuen Werke der Cr-cherie gegründet, und Feuillat hielt sie ihnen als Beispiel vor, wies auf ihr steigendes Gedeihen hin und brachte schließlich Lenfant und Avonnot in persönliche Verbindung mit Lucas, als es eine Wasserfrage zwischen CombetteS und der CrScherie zu regeln gab. So kam es, daß der Gemeindevorstand und seilt Stell- Vertreter heute in der Fabrik vorsprachen. lFortsctzmig folgt.) SottttkÄlgsplcmdevei. Fiiusmidzlvanzig Jahre, nachdem der große Lyriker sanft und selig verhungert war. beschloß man, ihm ein Denkmal zu setzen. Sonderbar, daß er verhungert ivar. Denn er stand in allen Gedicht- sammlungen, er war hundertfältig komponiert, und 10 000 Gesangvereine sangen alljährlich seine Lieder. Auch fehlte er auf keiner „deklamatorischen Abcndunterhaltung". Leider blieb nur den Veranstaltern solcher Unternehmlmgen, nachdem sie die Saalnnete, das Gas, die Kleider ihrer Töchter, de» Recitator oder Sänger bezahlt hatten. kein Pfennig mehr übrig, um den eigentlichen Schöpfer des Schönen zu besolden und die Verleger der Anthologien sahen keinen Grund, die Herstellungskosten ihrer einträglichen Werke durch Honorare nn» nötigeriveise zu erhöhen. Einmal drang ein Hoffnungsschimmer in seine Schlafburschcnherrlichkeit. Man sprach von einem neuen ivnnder» vollen Urhebergesetz. Auf diese Hoffnung hin lieh der Poet sich einen Thaler, wofür er sich eine halbe Flasche Wein und ein Beesiteak kaufte, außerdem aber ernstlich mit dem Gedanken umging, einen Familienstand zu begründen. Indessen das löbliche' Parlament sorgte zwar dafür, daß keinem Possenfabrikanten ein seit Jahrhunderten bewährter Witz gratis entlehnt werden durste, die Lyriker aber, die doch meist nur ganz kurze Gedichte mit wenig Zeit und Mühe herstellten, wurden im Interesse der Bevölkerung verpflichtet, Vogel- und abgabenfrei für allen und jeden zu singen. Unser großer Poet mußte mithin den Thaler schuldig bleibe», alle Ehegclnste aufgeben, und als er endlich an der durch das neue Urheberrecht gewährleisteten Nahrungsentziehung sacht einging, verlvcigerten die Erben die Annahme der durch einen Thaler Schulden dargestellten Nachlaffenschaft. Nun aber sollte der Dichter ein Denkmal erhalte». Erst gab es etlichen Widerspruch im Lande; denn er galt manchen Leuten als un« moralisch und„»patriotisch. Jedoch der'frcie Gefft siegte. Und bald war der große Tag der Enthüllung gekommen, nachdem der Bildhauer, ein wohlgesättigter Mann, dcrsichinderguten Gesellschaft sehen lassen konnte und deshalb mit Aufträge» überschüttet war, das Werk zur all- gemcinen Zustiedenheit hergestellt. Die Einweihung war sehr feierlich. Das Komitee strahlte im Glanz der Name», Orden und haarlosen Schädel. Selbst der Poesie- minister hatte seinen Wagen geschickt. Der LittcraMrprofesior der Landesnniversität hatte soeben die Festrede beendigt. Sie wirkte ergreifend durch die Schilderung menschlichen Elends und erhebend durch de» Hinweis auf der Ewigkeit nn- verlierbarer Kunst. Inzwischen war man hungrig geivordcn und ge- dachte, wie fich's geziemt, zu dem Festmahle sich zu begeben. Der Literaturprofcssor hatte eben den viernnddrcißigsten Hände- dmck seitens der dankerfüllten Verehrer des Dichters und seines genialen Interpreten entgegengenommen— als Honorarznschnß für seine Weiherede— und ermunterte nun mit sieghaftem Lächeln auf den stolz geschivungcnen Lippe» das Komitee, eiligst den Weg zum Fcsthause zu ivallen— da geschah etwas Ungewöhnliches I Der marmorne Poet oben auf dem Postament schüttelte seine Locken, bewegte die Hände mit den krampfhaften Anstrengungen eines Mannes, dem die Extremitäten eingeschlafen sind, und öffnete den Mund. Alles schaute gebannt und eiii ivenig verängstigt das Mirakel, der Poet aber verneigte sich anmutig und sprach: „Hochverehrte Festgenossen! Es ist eine»»höfliche Angewohnheit meiner Gefährten in der Unsterblichkeit, daß sie die längste Denkmals- rede schlveigend über sich ergehen lassen und ohne Dank für die lieben, begeisterten Menschen, die Geld, Willen und Weisheit auf solche Ehrung verwandten, in stumme Würde sich hüllen. Ich mag nicht also ein Undankbarer gescholten lverdcn, und gestehe offen, daß mich die menschliche und ästhetische Nicrenprüfnng des verehrenden Bor- redners mit innigstem Dank erfüllt hat. Wenn man zu meinen Lebzeiten nur ebenso gut meinen Magen verstanden hätte, so würde ich es lvohk bis aus den heutigen Tag vorgezogen haben, lieber als ein selig-unseliges Häuflein Saucr-Wafscr-Stick- und Kohlenstoffs nebst einer Dosis Schwefels und Phosphors zu vegetieren, denn in der solideren Form des Calcimnkarbonats, C» COs, der Ewigkeit entgegenzuwittern. Aber das ist nun nicht zu ändern, und ich Iveiß es,' zu würdigen, daß man beim Calcinin- Karbonat-Pocten nachholt, was man bei dem Eiweiß-Lyriker versäumte." Danach schwieg der Dichter, scheinbar verlegen, räusperte sich, daß es wie feiner Kies knirschte— es mochte ihm ein Marmor- stänbchen in die Luftwege geraten sein— und fuhr dann mit einem kühnen Entschluß fort. „Verehrte Festgenossen I So will ich denn nicht nur mit dem Wort, sondern auch mit der That meinen Dank beweisen. Ich werde Sie nicht einsam zu dem Festesse» ziehen lassen, ich werde Sie be- gleiten und unter Ihnen ivcilcn, daß Sie nicht mit Wehmut im Herzen ob meines viel z» frühen Hinscheidens all die guten Dinge zu ver- zehren brauchen." Damit kletterte der Marmorne herunter, schob seinen Arm m den des Littcratnrprofessors und ging mit schweren, die Lackschuhe seines Begleiters wiederholt gefährdenden Schritten an seiner Seite. Dem Komitee und seinem Vorsitzenden, dem Professor, ivar durchaus nicht behaglich zu Mute, und die Pferde des Poesic-Minister-Wagens scheuten, als der ivunderlick' Zug vorbei trottete. Der Festsaal war s ächtig dekoriert. Blumen und Früchte leuchteten auf dem weiße» Tischtuch und bei jedem Convert standen etliche Gläser und je eine Flasche Not- und Weißtvein. Kaum aber hatte der Poet die Schivelle berührt und die lockenden Kostbarkeiten erblickt, da rift et sich los von dem Arm seines Beeileitees. lief zur Tafel, roch flüchtig an den Blumen, die Früchte aber vermehrte er mit wilder Gier und den Wein gos; er srnntlich zwischen den marmornen Lippen wie in einen unendlichen Abgrund. Er wurde alsbald sehr aufgeregt und schrie wie ei» Tier, immer dasselbe: „Ich muß nachholen! Ich mich nachhole»!" Als der Kellner die Suppe servieren wollte, war sie bereits verschlungen. Der Fisch wanderte in den unersättlichen Schlund mit einer Geschivindigkeit. das; die verblüfften Festgenossen kaum den Fisch gesehen hatten. Die Kellner liefen ratlos umher. Die Gäste aber empfanden jetzt sehr peinlich, wie durstig und hungrig sie waren, und sie gedachten nicht, sich das ganze Festmahl vor dem Munde von dem toll geivordenen Marmorbilde wegessen zu lassen. Wie sich nun der Poet auf die Bratenschiissel mit dem Schlacht- Nif:„Ich muß nachholen!' stürzte, rafften sich die Festgenoise» auf und hielten ihn fest. Diese unehrerbietige Intervention brachie den Dichter, der offenbar sinnlos betrunken war, vollends zum Rasen. Er schlug mit den marmornen Fäusten und Fützen um sich, daß alles entsetzt anseinanderstob. Der Litteratnrprofessor blutete ans der feingeschnittenen Nase, dem militärischen Ehrenmitglied, einem Hauptmann a. D., war die Hälfte des Schnurrbarts ausgerissen, der Kassenwart, ein Bankier, hatte zivei klaffende, parallel laufende Risse am Doppelkinn, und der Landgerichtsrat jammerte über seine zer- brochene goldene Brille. Es war entsetzlich. Inzwischen schrillte un- oushörlich der bestialische Schrei:»Ich muß nachholen!* Und nun sang der Kerl gar, mit einer Stimme, als wenn Steine zerklopft würden: Fressen, Saufen, Rippenstöße Giebt dem Dasein wahre Größe. Dabei schnhplattlerte er förmlich. Auf einmal erschienen in dem Saal, von dem Wirt eitiert, sechs straunne Schutzleute mit schönen, geschmeidigen Guinmischlänchen. Der Poet mußte sie wohl in seinem Rausch für Gerichtsvollzieher halte»; denn er begann heftig zu zittern, und nachdem ihm ein paar Schläge an die olympische' Stini gesaust waren— den Säbel ließen die Schutzleute in der Scheide, um den teuren Mann nicht zu beschädigen— ergab er sich Ivimmernd. Er wurde in eine Zwangs- jacke gesteckt und vorläufig in den Keller gebracht. Endlich konnte das Festessen seinen ordnungsmäßigen Verlauf nehme». Wein war in Fälle zur Stelle. Suppe und Fisch Ivaren schnell neu hergerichtet, der ärgerliche Zwischenfall verfiel der Ver- gessenheit, und bald erklomm die Begisternng für die Kunst und den großen unglücklichen Poeten den Gipfel. Der Litteratnrprofessor plaidierte energisch dafür, daß man den heute gehörte» postHumen Vers in die gesammelte» Werke anfnehnien sollte,' und schließlich sang die ganze Tafelrunde im Chor: Fressen, Saufen, Rippenstöße, Giebt dem Dasein wahre Größe l Am nächsten Tage fand man die Marmorstatue unten am Sockel liegen, besudelt mit bräunlichen Weinflecken. Die Presse sprach von einem ruchlosen Attentat,' das offenbar von de» moralischen und patriotischen Feinden des großen Dichters ausgegangen sei; lveuigfteiis laste auf diesen die intellektuelle Schuld.—«Joe. Kleines Feuilleton. dg. Di« Hasenheide. Existiert die den» eigentlich noch? O ja, sie existiert schon, sie ist sogar interessant, viel inter- essauter jetzt als damals, Ivo rechts und links»och armselige Kiefern die dürren Arft« in die Lüfte streckten. Alte und neue Zeit, Arm und Reich, zwei Welten so weit getrennt, wie Himmel und Erde, Sonne und Mond, und doch mit- einander verschwimmend in ihre» Grenzen. DaS ist die Hasenheide. Tie Waldseite— sehr vornehm, vom Walde gar nichts mehr zu sehen, bohe Häuser, sehr elegant, die Zinnner haben breite englische Fenster, die das Licht in vollen Strömen einlassen, von den Balkons, ausüben Loggien hängen Geranien und grüne Schling- geivächse. Das ist die neue Prachtstraße deS Südens, das ist das Geheim- rntsviertel, wo drei Stuben tausend Mark kosten, wo man das Per- gnüge», auf dem Hose vier Treppen zu wohnen, mit zweihundert Thaler bezahlen darf. Es ivvhnt sich aber schön da oben; wohin inan auch sieht, überall Grünes, vorn die breite Kastanien-Allee mit ihren schattigen Lanbengänge», hinten der Wald, ein weites rauschen- des Wipfelmeer, Gegenüber ist das ganz anders. Da liege» die große» Biergärten, da giebt es kleine Doppel- dachhänser mit breiten Freitreppe» und grünen Fensterläden, da stehe» im Seliatten uralter Baume Würfelbnden»nd Schießhallen, nud an den grünen Lattenzäunen hängt noch das verwitterte Schild von ehe- dem:„Hier können Familien Kaffee kochen". Alles>vie anno da- zumal vor hundert Jahren, nur das elektrische Licht bei Happold und in der Ilniousbranerei mahnt schon lvieder an unsre vor- geschrittene Kultur. Jedes dritte Haus ist eine Kneipe, aber es sind Kneipe»»mit Unterschied". In den großen Brauereien trifft sich„alles". Es giebt da aber auch „gemeine Destillen". Über die die„feinen Leute" ans der andre» Seite sehr verächtlich die Nase rümpfen, es giebt da auch eine„Ge- Heimratskneipe", wo man„selbst Sonntags" nur„gutes Publikum" findet. In der Woche ist eS still in der Hasenheide. Vormittags be- sonders, da liege» die Wirtsgärten einsam und leer, hier und da nur ein vereinzelter Gast; wie ein einziges grünes Parkidyll zieht sich die Straße hin, in den Bäume» singen die Drosseln. Nachmittags wird es lebendiger, die Biergärteu füllen sich. In der„Renen Welt" ist Kinderfest, bei Happold und in der Unionsbrauerei Militärkonzert. In ganzen Scharen kommt das Publikum.„Gutbürgerliches" Publikum übrigens. Beamte und Kauftente, alles, was zwar nicht gerade zur„Gesellschaft", aber doch zu den„bessern Kreisen" zählt. In der Mehrzahl find es Damen und Kinder, die Männer kommen erst abends nach, wenn die Läden und die Bureaus geschlossen werden. Die Kinder spielen in den Gärten umher, die Damen trinken Kaffee, häkeln oder stricken und schwatzen. Sie schivatzen sehr geistreich. Es ist amüsant, ihnen zuzuhören. An dem einen Tisch haben sie die Dienstmädchen vor. Das ist eine Gesellschaft. Zu der Kanzleirätin hat ihre Gnste erst gestern gesagt:„Ja, Frau Rätin, über mich schimpfen Se, wenn ich jede» Sonntag ausgehen will, aber Sie jehnj mit Ihre Jähren alle Nach- mittag Kaffee kochen I"— Frech, nicht wahr? „Die Lehmann schneidet immer auf", sagt die junge Frau in dem rosa Organdykleid.„Was soll ihr neuer Sonuenschirm kosten? Vier Mark fnufzig? Die denkt wohl, unsereins kommt nicht zu Wertheim? Für fünfzehn Groschen hat sie des Ding gehabt." „Woher die Weber immer so elegant geht? Na� daS will ich Ihnen ganz genau sagen." Die Kaufmannsfran stemmt die Hände auf den Tisch:„Zu ihrem Mann sagt sie: Der Spargel kost' acht Groschen, aber holen läßt sie bloß welchen zu fünfe, und mit allen Sachen niacht sie's so, und, wenn denn der Mann über schlechte Ware schimpft, sagt sie,'s Dienstmädchen verstände nicht ein- zukaufen." Man hört hübsche Sache» an den Kaffeetischen der Haseuheide.' Sonntags beginnt das Leben schon früh. Am Vormittag find bereits alle Gärten besetzt. Je weiter der Tag vorrückt, je voller wird es. Das SonntagSpubliknm ist ein andres als das der Woche. ES zählt erst recht nicht zur„Gesellschaft", es zählt auch nicht einmal zu den„besseren Kreisen". Es ist einfach„Pöbel". Sonntags kommt die Gesellschaft, die während der Woche in Fabriken und Nähstube», in heißen Küche» und lärmvollen Groß- bazarc» sitzt. Kleine, blasse, blutarme Nähmädche», schmalwnngige Verkäuferinne», Dienstmädchen mit tnchcuroten Gesichtern, av- aerackerte Proletarierfrauen schieben die Kindenvageu, Männer mit schwieligen Händen und gefurchten Stirnen schleppen ihre Kleinen und Kleinsten heraus. Sie habe» kein Geld, um in der Woche zu kommen, sie haben kein Geld,»in hinauszufahren nach stillen Wäldern und blauen Seen, aber hier in den Biergärten sitzen sie und atmen in volle» Zügen die reine Luft, die von den Kastanie» ans sie niederweht. Und die Tassen«nd Gläser klappern, die Kinder jauchzen:„Ach. es ist schön hier unter dem grünen Dach, tausendmal schöner als daheim in den engen Höfen, den finsteren Löchern der Hinterhäuser, dem Lärm und Staub der dimstigen Fabrik. Lachen und Leben überall, jubelndes Leben. Die Kegelkugeln rollen, die Riesenschankeln fliegen hoch und höher, von den Schieß- hallen tönt Geivehrgeknntter, vor den Würfelbudeu drangt und schiebt man sich, die dünne Blechmusik der Karussells ivird immer Heller, schrill tönt die Stimme der Ausrufer dazivisiben. Da»» kommt der Abend und die Lichter flammen auf. Immer voller werden die Gärten, immer lauter, immer wilder die allgemeine Lustigkeit. Ans der Renen Welt steigen die Raketen ans. Die Wangen der Mädchen fangen an zu glühen, ihre Augen blitzen, ihre Fiißchen trippeln, ans den Sälen locken Walzerklänge,— und dann kommt„Er", und sie fliegen über das Parkett. O dn seliger Sonntag I O dn Lnst, zu leben, die Qual imb Sorge deS Alltags vergessen z» könne» bei armseligen Freiueu- einmal— auf Stunden einmal I Wie ein toller Jubel schwirrt es durch die Luft. „Gräßlich der Radan," sagt gegenüber in einer der Loggien eine Dame,„wahrer Segen, daß das Pack morgen wieder an die Arbeit" muß, dann hat man doch seine Ruhe hier.� Ach ivißt Ihr, an so einein Sonnnermorgen/ wenn alles still ist und mir die Bogel singe», dann ist die Hascnheide doch am nllerschönsten I"— — Der giegciiboi? von Deidesheim. Ans Deidesheim von. 28. Mai berichlet' Eduard Jost im„Pfälzischen Kurier" über eineit. alten Voltsgebranch: An» heutigen Tage vollzieht sich die ans Jahr» hunderte alten Urckunden basierende lleberfnhrinig eines Geisbocks von Lambrecht»ach Deidesheim. Durch die Lieferung dieses Hörnerträgcrö sichert sich Lambrecht das Waidrecht im DeideS- heiincr Stadtwald. Nach den Bestimmungen des uralten Uebercinlounnens hat„der jüngste Bürger" von Lambrecht vor Soiiuenaufgang einen gut gehörnten und gut geveutelten — so steht wöttlich in der Stiftnngsnrkunde Ziegenbock dem Stadtvorstande von Deidesheim abzuliefern. Dieser spendet dem Ucberbrtnger des Tieres„ein Käsebrot" und einen Liter Wein. So- bald der Bock an.qenommc» Ivordcn ist, Ivird er mit Blumen»nd Laubwerk geschmückt und i» der Stadt herumgeführt. Das ganz eigentümliche Schauspiel endigt damit, dnh der Bock zwischen fünf und sechs Uhr nachmittags vor dem Stadthause unter ungeheurem Volksandraug versteigert wird, wobei oft ein sehr hoher Preis er- zielt wurde. Auch zum heutigen Festakt hatten sich Tausende in Deidesheim eingefunden, und in allen Straße» des sonst so stillen Städtchens herrschte das regste Leben. Man hat es übrigens in den letzten Jahren' bezüglich der Ueber- gäbe des Bocks i» aller Herrgottsfrühe nicht mehr so streng ge- nommen i und so wurde denn auch heute nicht„vor Sonnen- aufgang", sondern viel später, und nicht vom„jüngsten Bürger', fondern vom Lambrcchter Ziegenhirt der Gcisbock dein Stadtvorstand abgeliefert. Das Tier, ein stattlicher, kräftiger Hvrnerträger, der aber nicht im besten Geruch stand, wurde zunächst im Stalle des Gasthofs„zur Kaunc", gcgcniibcr dem Stadthause, untergebracht. Gleich»ach 1 Uhr erschien der mit Blumen und Kränzen geschmückte Bock auf der Straße, und nun wurde das Tier unter Absingung des alten„Vockliedes" durch die Straßen geführt. Die erste Strophe dieses Liedes, das nach der Melodie:„Hinaus in die Ferne' gesungen Wird, lautet: „Der Geisbock ist'kommen, er trägt die Hörner hoch, Er Ivurde angenommen, obgleich er nicht gut roch l Der Geisbock ist ein ganz famoses Tier, Ist ohne Fehl und Tadel, man garantiert dafür.' Vor der Freitreppe des altcrlümlichcu SiatbauseS hatte sich im Lauf des nachmittags Jung und Alt eingefunden, der Dinge harrend, die da kommen sollten. Der Held des Tags, die Horner mit einem Kranz von Blumen und Blättern mMvunden, stand untcrObhut seines Führers auf einem Rollwagen, umgeben von plaudernden oder lachenden Buben. Punkt 3/46 Uhr ertönte vom Turm der nahen Kirche eine Glocke. Ein Polizeidiener trat hierauf oben an die Brüstung der Freitreppe und die Versteigerung des Bockes begann. Das Angebot lautete auf 20 M. Da rief man bald von rechts oder links: 21, 22, 23, L4 Mark«sw. bis 35. Dabei läutete fortwährend die Glocke, deren Ton der uniformierte Auktionator mit dem monotonen Ruf be- gleitete: „Wer bietet mehr?" „36 I" rief da eine Stimme. „37 I'„38!"„39 1' klang cS von andrer Seite. Pause. Die Uhr zeigte noch 2 Minuten vor 6 Uhr. „401" schrie da jemand. Pause. „Also 40 Mark l' rief der versteigernde Schutzmann.„Wer bietet mehr l" „41 Mark I" tönte es da aus einem Winkel. Gleich darauf schlug die Uhr 6 und der Zuschlag erfolgte. Der Geisbock von Lambrecht chatte feinen neuen Herrn gefunden. Der althistorische Akt vor dem Deidesheimer Stadthaus hatte sein Ende erreicht, zum guten Glück, denn ein Gewitter ivar inzwischen in nordwestlicher Richtnng auf- ? �stiegen, das einigen Regen spendete und die Menge in die der- chiedencn Weimvirtschaften trieb, wo natürlich beim Schoppen „Deidesheimer" Iveidlich über das Ereignis des Tages geplaudert wurde.— Kulturhistorisches. — Ueber den Nürnberger Prunt-Brnnnen erzählt Andreas Gulden in seiner Fortsetzung von Johann Rcudörfers Nachrichten über Nürnberger Künstler und Werkleute folgendes, was kultur- historisch ergötzlich genug ist, um hier zum Abdruck zu gelangen: „Der nächst oben gedachte Bildhauer Georg Schiveickcr, des Ivege» seiner Reise in die Türkei berühmten und zu unserer Frauen-Kirchc gewesenen Predigers nepos, erzählte mir im Januar 1669, wie daß er acht ganzer Jahre mit 2, 3 und 4 Personen an dein schönen Brunnen' gearbeitet, 12 Centner Metall, von all denen dazu gehörigen Stücken abgehauen und alles nach dem Leben ge- bildet. Der NeptunuS, sehr stark und lang, ist ein Conterfei Pauli Furlegers, so sich dazumal bei Herrn Guthätern aufgehalten, und sich ganz entblöset also abzeichnen lassen. Einer schönen und langen Jungfrau hat er 20 Rthl. bezahlet, ihren bloßen Leib zu stellen, und' dadurch einen großen Anlauf unterschiedlicher Weibspersonen nach und nach bekommen, Geld damit zu verdienen oder zu er- werbe». Dabei find auch 2 Meerpferde oder Seeroß gekonterfeit. deren daß eine ungarisch, das andre spanisch, benebenst sind vcr- fertigt worden vier Schild. als dreierlei Wappen I. der Stadt, II. der Vestmig, III. der Kanzlei, in dem leeren 4ten Schild sollen die Wappen der drei alten Herren kommen. Als mir Georg Schloeicker dieses im Beisein Christiani de Pomis erzählte, war er tben 56 Jahre alt.'— Aus dem Pflanzenleben. Uc. H o p f e n r a n k e n. Im frischen Grün der Hecken nnd Ge- büsche heben sich jetzt allenthalben die dunklen, handförmig gelappten Blätter des Hopfen? ab, der, eine Liane im Kleinen, mit seinen Sprossen das dichteste Gestrüpp durchdringt, um sich an schlanken Stützen eniporznringcln. An lichteren Stellen des Gebüsches fallen seine jungen Triebe in die Augen, wie sie, förmlich nach einer zu umwindenden Stütze suchend, frei in der Lust schweben. Die Spitze dieser Triebe zeigt eine leichte Krümmung, und wenn man sich beobachtend ihr gegenüber lagert, kann man leicht nach einer Viertel» stunde konstatieren, daß sie eine Bewegung ausführt, die sich nach ungefähr zwei Stunden zu einem vollen Kreise summiert. Die Sprossen des Hopfens setzen diese eigentümliche Bewegung. die sich auch bei vielen andren Schlingpflanzen findet und beim Hopfen immer in der Richtung des Zeigers einer Uhr erfolgt, so lange fort, bis eine Stütze gefunden ist, die sich umschlingen läßt. Dicker als etwa eine halbe Spanne darf die Stütze nicht fein, sonst geht der Hopfensproß weiter auf die Suche. Erreicht er trotz ständigen Fort- Wachsens und unermüdlichen Kreisens kein Ziel, so beginnt er sich unter der eigenen Last herabzuscnken, bis er einem festen Körper be- gegnct. dem er sich auflagert, dann aber richtet sich das freie Ende sogleich wieder auf, um fortzuwachsen und von neuem die Suche zu beginnen, die schließlich von Erfolg gekrönt wird. Der Stengel des Hopfens ist reihenweise mit leicht fühlbare» Ranhigkeiten besetzt, die sich unter der vergrößernden Lupe als zweizähuige Widerhaken zu erkennen geben, mit deren Hilfe die Kletterei des Hopfens wirk- sam unterstützt wird. Hilfe„gegen den Strich' lehnt er ab. Wer- sucht man»och so oft, den Sproß in umgekehrter Richtnng, als dem Sinne der Bewegung eines Uhrzeigers, um eine Stütze zu legen, so wird man doch niemals damit Erfolg erzielen; immer wieder schlägt er die seiner Natur angemessene, für uns gleichwohl un- erklärliche Richtung ein. Er bleibt darin ebenso eigensinnig, wie die Sprosse» unsrer bekannten Feuerbohne, die mit' der gleichen Be- harrlichkeit die entgegengesetzte Windrichtung verfolgen, wie der Hopfen,— Humoristisches. — Ländlich— sittlich. Gast:„Haben Sie denn keine Zahnstocher hier?" Wirt:„Nee l Die schneiden sich die Gäst' gewöhnlich gleich vom Tisch ab I"— — Passende Gelegenheit.„... Möchten Sie vielleicht etwas zu sich nehmen?" „Wenn ich so frei sein darf, Herr Kommcrzienrat, bitte ich um Ihr Fräulein Tochter!"— — Ordnungsliebend. Kanzleirat:„Ordnen Sie, bitte, diese Briese alphabetisch und werfen Sie dieselben dann in den Papierkorb!'— („Flieg. VI.') Notizen. — Die Genossenschastsbühne brachte am Freitag im Thalia-Theater eine dramatische Scene„Der Rosen kr an z' und ein Schauspiel in zwei Alten„Die Kuh" zur Ausführung. Das erste Stück scheint nach einer italienischen Vorlage gearbeitet zu sein, das zweite ist das Wischi-Waschi eines Anfängers. Wenn die „Dramatiker" ans der Bcnthstraße morgen wieder etwas dichten, mögen sie die Anfführnng in ihren RedaktionSräumen vor sich gehen lassen, am besten wenn das Bureau geschlossen ist.— — P a n l a L c v e r in a n n, die früher am Schiller- Theater thätig gewesene Künstlerin, hat sich von der nächste» Saison ab auf drei Jahre für das R e s i d e n z- T h e a t e r verpflichtet.— — Der Dichter des„Cyrano von Bergcrac", R o st a n d, wurde von der französischen Akademie zum Mitglied ge- wählt.— — Für da? Züricher S t a d t t h e a t e r, das im letzten Winter einen Ausfall von 84 000 Fr. aufzuweisen hatte, sind inner- halb weniger Wochen durch frciivillige Beiträge 300 000 Fr. gesammelt worden.— — CharpenticrS Oper„Louise' geht im Laufe der nächsten Wintersaison im Opernhause in Scene.— — In Marbach, der Geburtsstadt Schillers, fand am 29. Mai die Feier der Grundsteinlegung des Schiller-Museums statt; das übliche Mai-Schillerfest Ivurde damit verbunden.— a. Für das Richard Wagnör-Denkmal zu Berlin, das in der Tiergartenstrnße errichtet werden soll, find bereits 106 Eut- würfe aiigemeldet.— — Die internationale K u n st a n s st e l I u n g in München, die im Glaspalast von der Künstlergeuosscnschaft ge« meinsam mit der Scccssion veranstaltet worden ist, wurde gestern eröffnet. Sie umfaßt 2700 Nummern und ist auch vom Ausland zahlreich beschickt.— — Beim Niederreißen der nordwestlichen Mauer der Athener Akropolis, die infolge ihrer Baufälligkeit für die darunter be- findlichen Häuser bedrohlich geworden war, wurden mehrere Reliefs von außerordentlicher Schönheit entdeckt, die man bei eingehenderer Prüfung als zum Erechtheion gehörig er- kannte.— Verantwortlicher Redacteur: Heinrich Wetzker in Gr.-Lichterfelde. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.