MnterhaltungMatt des vorwärts Nr. 107. Mittwoch, den 5. Juni 1301 (Nachdruck verboten.» 441 N v b v i fc Roma» in drei Büchern von Emile Zola. Ans dem Französischen übersetzt von Leopold Rosen zweig. „Was gicbt es?" fragte Lucas. „Nanet ist schon wieder drüben in der Hölle gewesen, obgleich es ihm ausdrücklich verboten worden ist," erwiderte Soenrette.„Ich höre eben, daß er gestern abend die alle hier mit hinübergenommen hat; und diesmal sind sie sogar über die Mauer geklettert." Eine Grenzmauer schied das Terrain der Crächerie von dem der Hölle, und in ihr befand sich eine Thür an der Ecke, wo der Garten Delaveaus lag. Diese Thür war durch einen Riegel zu verschließen, welcher,seitdem die nachbarlichen Be- Ziehungen aufgehört hatten, stets vorgeschoben>var. Aber Nanet widersprach. „O nein,»vir sind nicht alle über die Mauer geklettert. Ich bin allein hinübcrgeklettcrt und habe den andren die Thür geöffnet." Nun wurde auch Lucas böse. „Weißt Tu nicht, daß man Dir wenigstens schon zehn- mal verboten hat, dort hinüber zu gehen? Ihr werdet uns noch große Unannehmlichkeiten zuziehen, und ich sage Euch, Dir iiud den andren, daß das sehr schlimm ist, was Ihr ge than habt, sehr häßlich!" Nanet sah ihn niit großen Augen an. Es ging ihm zu Herzen, daß er Lucas so empört sah, denn er war im Grunde ein guter Junge; aber er verstand die Ursache nicht. Er war nur über die Mauer geklettert und hatte den andern die Thür geöffnet, weil Nise Delaveau mit Paul Boisgelin, Louise Mnzclle und noch einige sehr lustige Kinder gestern drüben gewesen Ivaren, mit denen sie hatten spielen wollen. Nise Delaveau war so lieb und die andern auch. „Warum sehr häßlich?" fragte er verdutzt.„Wir haben niemand was Böses gethan und haben uns sehr gut mit einander unterhalten." Er erzählte, welche Kinder da gewesen waren, und be richtete wahrheitsgemäß, was sie gethan hatten. Sie hatten nur gespielt und nichts Böses angestellt, weder Pflanzen ab gerissen noch Steine in die Blumenbeete geworfen." „Nise verträgt sich sehr gut mit uns," schloß er.„Sie hat mich gern, und ich habe sie gern, seitdem wir Freunde geworden sind." Lucas unterdrückte ein Lächeln. Es wurde ihm warn? unis Herz,?nid eine schöne Vision tauchte vor ihm auf, als er sah, daß diese Kinder zweier verschiedener Klassen mit einander fraternisierten, sich trotz der Abschließnug fandei?, miteinander spielten und lachten, während Kampf und Haß die Väter trennte. Blühte in ihnen schon der künftige Friede auf? „Es ist möglich," sagte er,„daß Nise sehr lieb ist und daß Ihr Euch gut vertragt. Aber es ist nuir eiirmal so an- geordnet, daß sie drüben bleibt und ihr hier, damit niemand Ursache zur Klage hat." Soenrette, �ebenfalls von dem Zauber dieser kindlichen Unschuld besiegt, sah ihn rnit so besänftigtem, verzeihendem Blicke an, daß er in gütigem Tone schloß: „Nun geht, Kinder, ich weiß, Ihr Iverdet's nicht wieder thun,„iveil Ihr uns damit Kummer macht." Als nun Lenfant und Ivonnot die Crscherie verlassen hatten, zusammen?nit Arsöne und Olympe, Eugenie und Ni- colas, die sich an den Spiele» beteiligt hatten und tviederwillig schiede??, dachte Lucas dara?i, in seine Wohn?mg zurückzukehre??, den?? sein täglicher Rundgang war beendet. Vorher»mißte er aber Jioch bei Josine vorsprechen, wie eressichvorgenoimnei? hatte. Der Vormittag Ivar ein guter gewesen, sein Herz war erfüllt von Hoff- nung uno Z?lve?ffcht. Vorerst einmal hatte ihm das Ge- meinhaus mit seinem Dach aus glasierten Ziegeln und seinem bescheidenen Fayencesch???uck voll glücklicher, gedeihlicher Fröhlichkeit geschienen unter der hellen Sonne. In den Werk- stätten pulsierte die lebendige Arbeit, die Magazine strotzten von Vorräten. Dann hatte er die Hoffnung empfangen, daß es gelingen»verde, die Bauern voi? Conrbettes zu vereinigen und seinem Unternehmen anzugliedern, dem sie das Korn liefern sollten im Tausch für die Werkzeuge und Maschinen. Und welch erquickenden Ausblick eröffneten die Schulen, der von lustigem Lärm belebte Garten mit seiner glücklichen Jugend, in der die Zukruift heranblühte I Und nun durchschritt er seine heranwachsende Stadt mit den hübschen weißen Häuschen, die sich mitten im Grün auf allen Seiten erhoben. Der Städtcgründer, der in ihm lebte, empfand innige Freude bei jedem neuen Bau, der sich zu den andren gesellte und das junge Gemeinwesen vergrößerte. War dies nicht seine Mission? Sollten nicht die Menschen und die Dinge sich nach seinem Wort erheben und zu eii?ander stehen? Er fühlte die Kraft in sich, den Steinen zu gebieten, daß sie sich auftürmten, sich zu menschlichen Behausungen, zu öffeirtlichen Gebäuden ordneten, in welchen die Brüderlichkeit, die Wahrheit, die Gerechtigkeit wohnen sollten. Freilich war er erst bei»? Säe??, er hielt noch bei der Grundlegung, bei den ersten zögernden Anfängen. Aber an manchen Tagen glücklicher Seelenstin??>?ung sah er in? Geiste die vollendete Stadt, und das Herz jubelte ihm in der Brust. Das Haus, in welchem Ragu und Josine»vohnten, eines der ersten der Anlage, befand sich nahe am Park der Crecherie, zwischen den Häusern Bonnaires und Bourro>?s. Als Lucas die Straße überschritt, sah er von»veitem an einer Ecke drei Frauen in eifrigem Gespräch; er erkannte bald die Franc»? Bounaire und Bourron und die Fauchard, die heute n?it ihrem Mann herübergekommen war, um zu sehen, ob die Crecherie wirklich das Schlaraffenland sei, von dem man erzählte, und die sich nun offenbar bei den andern Rats er- holte. Die Frau Bonnaires, die Toupe genannt, mit der scharfen Stimme ui?d den heftigen Geberde»?, mochte wohl das Bild nicht allzu rosig a?lsmalen; sie war immer wütend, immer unzufrieden, konnte niemals Freude empfinden und vergällte sich und andern das Leben. Zuerst»var sie froh gewese»?, als ihr Mai?»? Arbeit in der Crecherie gefunden hatte; dam? aber hatte sie sich in den Ge- danke»? hii?eingelebt, daß ihnen sogleich reichlicher Geiviun z?t- fallen werde, und sie war nun voll verbissene»? Grimmes, daß es vielleicht sehr lang»verde warten heißen, und daß sie sich noch immer nicht die Uhr ka??fen konnte, nach der sie seit Jahren Sehnsucht hatte. Babette Bourron im Gege>?teil, glücklich und zufrieden wie immer, erging sich in Lobpreisungen ihrer jetzigen Läge und war besonders erfreut darüber, daß ihr Mann sich nicht mehr in Gesellschaft Ragus betrank. Und zwischen de»» beiden stand nun die Frau Fauchards, bleicher, magerer?ind verhärmter als je, ratlos, was sie glauben sollte, aber»nehr zu der trostlose»? A?lffassung der To?lpe neigend, so über- zeugt war sie, daß es für sie keine Freude mehr im Leben gebe. Der Anblick der Toupe und der Fauchard, wie sie mit düsteren Mienen beisa»?mei? stände»? und plauderten, erweckte ein unangenehmes Gefühl in Lucas. Seine frohe Laune war ver- dorbcn, denn er wußte sehr gut, daß die Frauen einen störenden Einfluß in seinen keimei?den Staat der Arbeit, des Friedens und der Gerechtigkeit brachten. Er kani?te ihre»? starken Einfluß, d?irch sie und für sie hätte er sein Reich gründen mögen,?lnd sein Mnt sa>?k,»venu er unter ihnen iilißgünstige, feindliche oder einfach nur gleichgültige traf, die anstatt die erlvartete Hilfe zu bringe»?, das Hindernis, daS zerstörende Elemei?t werden konnten, das alles gefährdete. Er ging grüßend vorüber, u>?d die Frauen schtviegen mit ver- legenen Mie>?ei?, als»vären sie bei etivas Schlechten? ertappt »vorden. Als Lucas die Wohnung Ragus betrat, fand er Josine mit einer Näharbeit am Fenster sitzen. Aber sie hatte die Ar- beit auf den Schoß sii?keu lassen und saß»veitausschaueudcn Blickes, i»? so tiefes Sinnen verloren, daß sie ihn nicht hörte. Er blieb stehen und betrachtete sie eine kurze Weile. Es»var nicht mehr das armselige, schlecht gekleidete Mädchen, das er damals auf der Straße herumirrend getroffen hatte, halb verhungernd, mit blassem, verhärmtem Gesicht?lnd unordentlichen Haare»?. Sie»var nun einilndz>vai?zig Jahre alt und sah ungemein anmutig aus in dem einfachen blauleinenen Kleid, das ihre schlanke, geschmeidige, zarte aber nicht,»lagere Gestalt»imschloß. Ihre schönen blonde»?, seide>?»veiche,? Haare Jonrcn gleich der Blüte ihres reizeuden Gesichtchens mit den lachenden blauen Augen und dem kleinen, frischen Munde. Und wie ein wohlgestimmter Rahmen umgab sie das helle, reinliche, mit gestrichenen Möbeln eingerichtete Eßzimmer, ihr liebster Raun: in dem kleinen Hanse, welches sie so glücklich betreten hatte, und welches sie seit nun drei Jahren mit so Viel Freude bewirtschaftete und zu verschönern sich bemühte. Woran dachte Josine, während sie so mit traurigem Ausdruck aus ihrem blassen Gesichte in tiefem Sinnen dasaß? Als Bonnaire Ragn bewogen hatte, ihm zu folgen und sich der Genossenschaft der Kameraden anzuschließen, hatte sie geglaubt, daß nun alles Leid vorüber sei. Sie sollte nun ein hübsches Haus für sich haben, das tägliche Brot war ge- sichert, und Ragu selbst wirrde sicher ein besserer Mensch werden, Weimer in seiner Arbeit nicht mehr so viel Plage und SSerdmß hatte. Und ihre Erwartungen wurden nicht getäuscht, Ragu hatte sie sogar, auf den ausdrücklichen Wunsch Soeurettes hin, geheiratet, freilich, ohne daß sie hierüber so glücklich gewesen wäre, wie sie einmal, zu Anfang ihres Ver- hältnisseS, geglaubt hätte. Sie hatte sogar nicht eher ein- gewilligt, als bis sie Lucas befragt hatte, der ihr Retter, ihr Herr, ihr Gott war. Und im tiesiten Herzen barg sie die Listliche Erinnerung, daß er durch diese Bitte um Erlaubnis in Verwirrung gesetzt worden war. daß er, wie sie fühlte, eine Minute des Schmerzes durchgemacht hatte, ehe er seine Eniwilligung gab. Aber war das nicht die beste, die einzig mögliche Lösung? Sie konnte nur Ragu heiraten, da dieser sich dazu bereit erklärte. Lucas mußte uni ihretwillen froh über diese Wendung sein, und er bewahrte ihr nach ihrer Heirat dieselbe Zuneigung, sandte ihr, so oft er sie sah, ein Lächeln zu, als ob er sie fragen wollte. ob sie glücklich sei. Und ihr armes Herz verging, verlechzte in unbefriedigter Sehnsucht nach Zärtlichkeit. Mit einem leichten Zusammenzucken erwachte Josine aus ihrem trüben Sinnen, als ob ,ein Hauch ihr die Nähe des- jenigen angekündigt hätte, an den sie dachte. Sie wandte sich um und sah Lucas, der sie mit teilnahmsvollem Lächeln betrachtete. „Ich bin gekommen, liebes Kind, weil Ragu mir sagte, daß Sie sich in diesem Hause sehr schlecht befinden, daß es dem vollen Windansall von der Ebene her ausgesetzt ist und daß der Sturm wieder drei Scheiben in Ihrem Schlafzimmer zerbrochen hat." Sie hörte ihn verwirrt und betroffen an und wußte nicht, was sie sagen sollte, um ihren Mann nicht Lügen zu strafen und doch auch selbst nicht zu lügen. „Ja, Herr Lucas, es sind einige Scheiben zerbrochen, aber ich weiß nicht gewiß, ob das der Wind gethan hat. Freilich, wenn der Wind von der Ebene her weht, bekomnien wir unser gutes Teil davon. Ihre Stimme zitterte, sie konnte zwei schwere Thränen nicht zurückhalten, die ihr über ihre Wangen herabrollten. Ragu war es, der in einem Wutanfall die Scheiben zerbrochen hatte, als er alles zum Fenster hinauswerfen wollte. »Wie, Josine, Sic weinen? Was fehlt Ihnen? Sagen Sie mir alles, Sie wissen, daß ich Ihr Freund bin." Er hatte sich neben sie gesetzt, sehr bewegt, als er sie unglücklich sah. Aber schon hatte sie ihre Thränen getrocknet. „Nein, nein, es ist nichts. Verzeihen Sie meine Thor- heit. Sie treffen mich gerade in einem schlechten Augenblick, wo ich mir dumme Gedanken mache und mich unnötig ab- härme." Aber so sehr sie sich auch sträubte, er brachte sie dazu, daß sie ihm ihr Herz ausschüttete. Ragu konnte sich in diese friedliche und geordnete Lebensweise, in das langsame und ausdauernde Einporarbeiten zu einer besseren Existenz nicht hineinfinden. Er schien Heimweh zu haben nach dem Elend und den Leiden der Lohnsklaverei, an die er sich gewöhnt hatte, für die er Trost in der Schenke und in ohnmächtigen Worten der Empörung fand. Er vermißte die schwarzen und schmutzigen Werkstätten, den stillen, geheimen Kampf mit den Vor- tesetzten, die brutalen Streitigkeiten mit den Kameraden, die äge voll Haß und Wut, die damit endeten, daß man zu Hause das Weib und die Kinder schlug. Nachdem er sich zuerst in Spottreden Luft gemacht hatte, war er nun bei den Schimpfreden angelangt, nannte die Cröchcrie eine große Kaserne, ein Gefängnis, wo man gar keine Freiheit hatte, nicht einmal die, einmal ein Gläschen mehr zu trinken, wenn man Lust dazu bekam. Dabei verdiente man gar nicht mehr als ln der Hölle und hatte obendrein allerlei Sorgen, war der Eesahr ausgesetzt, daß das ganze Unternehmen schief ging, daß bei der Gewinnteilung gar nichts auf einen kam. So liefen seit zwei Monaten sehr böse Gerüchte um, es hieß, daß man sich dieses Fahr werde sehr einschränken müssen, weil neue Maschinen anzuschaffen waren. Und in den Genoffenschasts- magazinen ging es auch oft genug sehr unordentlich zu; manchmal sandten sie einem Kartoffeln, wenn man Petroleum bestellt hatte; manchmal vergaßen sie die Bestellung ganz, und man mußte dreimal hinlaufen, ehe man endlich bekam, was man wollte. So höhnte er und schmähte er, nannte die ganze Cröcherie eine elende Bude, der er so bald als möglich den Rücken kehren werde.(Fortsetzung folgt.) a und TheskevkilAnz. Die Hitze hat bereits einen ganz respektablen Grad erreicht, ohne daß die Bühnen zu spielen aufgehört hätten. Eine„tote Saison" giebt es eigentlich kaum in Berlin. Und wenn die Hitze so hoch steigt, daß der Asphalt weich wird und zu riechen anfängt— gespielt wird doch. Das Theaterpnblikum des Winters freilich ist nicht mehr vorhanden oder meidet wenigstens das schwüle Parkett. Dafür aber kommt der sommerliche Frcmdcnstrom »ach Berlin, und so wird für die Fremden gespielt, die in ihrer Provinzstadt nur theatralische Genüsse bescheidener Art er- langen konnten. Das Geschäft geht also weiter, ohne indes künstlerisch etwas Neues zu bringen. Solveit die Kunst in Betracht kommt, kann man schon jetzt von einen, Saisonschluß reden, und somit ist der Augenblick gekommen, die Bilanz des Winters zu ziehen. Allem andern voran, als das eigentliche große Ereignis muß die Aufführung der„Orestie"' von Aeschylös genannt werden. Die Aufführung, an sich ein Fest, wie es einem selten geboten wird, interessierte»och durch zwei Nebenumstände. Einnial ging sie von den Studenten aus, st, deren Mitte sich wieder geistiges Leben zu regen scheint, und dann hatte der alte AcschyloS bei den modernen Beriinern einen fast sensationellen Er- folg. Obwohl die Schauspieler, die vou verschiedenen Bühnen stammten, nur mit Mühe zusammengehalten werden konnten, mußte die Vorstellung mehrfach wiederholt werden und die Nachfrage nach den Karten war jedesmal fast stürmisch. Wenn man von Aeschylös absieht, der von keinem modernen Dichter erreicht werden kann, entfällt der Hauptanteil an dem litterarischen Gewin» des Winters auf das„Berliner Theater", das unter Lindau einen fast verblüffenden Aufschwung genommen hat. Hier sprach Vjörnsons „Heber u n s r e Kraft II. Teil" zum erstenmal zur breiten Oeffentlichleit, und dieses starke Drama, dessen hoher Wert durch den verunglückten letzten Akt nicht vernichtet werden kann, erwies sich als ein„Schlager". Wir bemerke» das nicht, weil uns die Finanzen des„Berliner Theaters" sonderlich am Herzen liegen, mir er- wähnen es. weil es von kulturellem Interesse ist, daß ein wertvolles Kunstwerk das große Publikum zwingt. In demselben Theater erlebten wir einen äußerst interessanten litterarischen Nach- mittag, besonders ergreifend durch die Aufführung von K l e i st e n s „Robert Guiscard", aber fesselnd auch durch„E lpeno r" und „Satyros" von Goethe. Wiederum in demselben Theater entzückte uns A r i st o p h a n e S durch sein graziöses Lustspiel„ F r a n e n h e rr s ch a f t das in Wilbrandt einen geschickten Bearbeiter gcfundcnhatte.und endlich erivarb sich die Leitung ein Verdienst, indem sie Schlafs„Meister Oelze" in wirkungsvoller Besetzung herausbrachte. Auf ein Haar hatte es dabei in den früher so friedliche» Räumen einen Theaterskandal gegeben. Das„D e u t s ch e T h c a t er" blickt auf einen mißver- gu'iigte», grämlichen, erfolglosen Winter zurück. Die meisten Haus- autoren sielen glatt durch, uist? dazu kamen einige Stücke, die man wohl am besten als Blamagen bezeichnet. Hauptmanns„Michael Kramer" muß mit Hochachtung genannt werden, war aber doch bei aller Hochachtung ein mißlungenes Stück. Als einzige ganz und gar erfreuliche Vorstellung bleibt die„M acht der F i» st c r» i s" übrig, die wiedernin auch beim Publikum einen Erfolg hatte. Im übrigen lebte die Bühne sozusagen vou ihren ausgezeichneten Schau- spielern. Was sie litterarisch schuldig blieb, suchte sie durch glänzende Neueinstudierungen gut zu machen, so durch Wolzogens „Lumpengesindel" und Ibsens„Volksfeind". Das Schauspielhaus brachte in„Agnes B e r n a u er" eins der schwächsten Dramen Hebbels. Da uns von dieser Seite aber selten etwas gebracht wird, mußte die Gabe mit Dank entgegengenommen werden. Au, wertvollsten waren schließlich die Neueinstudierungen von„M a c b e t h" und „E m i l i a G a l o t t i". Ein kleines, feines Lustspiel von M o l i ä r e wurde so elend gespielt, daß es aus der Betrachtung aus- scheiden muß. Im„Schiller-Theater" ist vor allem Karl Haupt» manns„Ephraims Breit e" zu nennen, durch dessen Aus- fiihrung sich Löwenfeld ein littcrarisches Verdienst erwarb. Der Versuch, den z iv e i t e n T e i l d e s„F a u st" für die Bühne z» gewinnen, war ein interessantes Experiment, aber schließlich auch nicht mehr. Bei Gelegenheit des Gastspiels von Bonn wurden»vir durch einige gute Klassikerauffnhrungen erfreut. Die„S e c e s s i o u s b ü h n e" hatte in ihrem ersten Winter schwer zu kämpfen. Nichts destoiveniger hat sie einen künstlerisch wertvollen Einakter gebracht— die„Bildschnitze r" von Karl S ch ö II h e r r. Auch für die Versuche mit Maeterlink muß man der Bühne Dank wisicn, um so mehr, als sie geschäftlich einen gewissen Heroismus er- forderten. W o I z o g e n s ,U e b e r b r e t t I" hat sich im Laufe des� Winters zu einer Art Sensation ausgewachsen. Es ist vielleicht allzu harmlos geblieben, aber unter der Fuchtel der preußischen Censur fällt auch den Beste» der Uebermut schwer. Der Einfluß, den es auf das Bariete ausgeübt hat, die Nachahmung, die es in andern deutschen Städten findet, muß trotz allcni als erfreulich bezeichnet werden. Die lang geplante Reform des Tingcl- Tangcls ist damit endlich aus dem Bereich der Diskussion in die Wirklichkeit hineingeführt worden. Der erste Schritt ist gethan; es liegt in der Natur der Sache, daß weitere folgen werdein Daß die„Freie V o I k s b ü h u e" einen erfreulichen Auf- fchwung genommen hat, haben wir bereits niehrfach dargelegt. Wir stellen in diesem Zusammenhang die Thatsache einfach fest. Auch in der„Neuen freien Volksbühne" ist nach Kräften gearbeitet worden. Von den Schauspielern muß zunächst die Dum out genannt werden, die in der„Orestie" durch eine Leistung von prachtvoller Kraft und Leidenschaft hinriß. In derselben Vorstellung glänzte auch Rosa B e r t e n s, die dann später noch ein- mal in einer Bereinsaufsührung der„Macht der Finsternis" Gelegenheit fand, ihr starkes, feuriges Talent zn entfalten. Bon den Schauspielern des Deutschen Theaters trat K a y ß l e r mehr hervor, als wir es sonst gewohnt waren, und zwar trat er sehr erfreulich hervor. In der„Neuen Freien Volksbühne" lernten wir in Hedwig Mangel ein modernes Talent von großer Fein- heit kennen, und im Schauspielhaus sahen wir einen Künstler, den wir schon lange kannten, endlich einmal wieder in einer großen Ans- gäbe— Matkowsky. Die Erfolge, die B a s s e r m a n n im „Berliner Theater" errungen hat, fanden im„Deutschen" eine glänzende Fortsetzung— er vor allem darf mit der Saison zufrieden sein. Nicht ganz so zufrieden wird Frau S o r m a sei», die mit unheimlicher Deutlichkeit die ziemlich engen Grenzen ihrer Begabung zeigte. Daß Pohl ein ausgezeichneter Schauspieler war, wußten wir immer— gegen Schluß der Saison durfte man sich im Schau- spielhaus auch endlich einmal durch den Augenschein davon über- zeugen. Die Darsteller, deren Wert bereits feststeht und im ver- flossenen Winter keine Veränderung erfahren hat, scheiden natur- gemäß ans dieser Betrachtung ans. Alles in allem darf man sagen, daß der Winter kein verlorener war. Die Arbeit des Kritikers Ivar manchmal bitter. Vergeblich war sie nicht.— Erich Schlaikjer. Kleines Feuillelon» tü. Arme Näherinnen. Jetzt Hab ich doch einmal wieder er- sehen, daß die Svcialdcmokraten eine ganz verlogene Rotte sind. Machen sie sich nicht fortwährend lustig über de» sogenannten .Wohllhätigkcitsdrang" der bürgerlichen Frau? Was fiir niedere Motive schieben sie diesem Drang nicht unter! Eitelkeit soll es sein, wenn die bürgerliche Frau zum Besten der Arme» auf Bazaren und Festen ißt, trinkt und tanzt. Nur an sich soll sie denken, an die Ehre, die es ihr einbringt, iven» sie ihren Namen auf alle Wohl- thätigkeilSlisten setzt, kein Herz soll sie habe», hochmütig soll sie niedersehcn auf die anne, die in harter Arbeit sich mühende Frau. Schtvindel, alles Schtvindcl! Die bürgerliche Frau hat gerade ein Herz. Sie fließt über von Mitleid und Erbarmen, in tiefster Seele empfindet sie die Not der armen Arbeiterin, je mehr sie selber hat, je schtverer ergreift es sie, daß die andre allen Freuden des Daseins entsagen muß. Ich habe den Beweis dafür in Händen. Wehte mir der Wind da nämlich die neueste Nummer einer deutschen Franenzeitung in die Hände. Es war eine äußerst lehr- reiche Nummer, am lehrrcichsieu ein kleiner Artikel mit dem schönen Titel„Gastfreiheit". Eine wunderbare Idee regt er an; Viola «xlorata izu Deutsch: Wohlriechendes Veilchen) nennt sich die bann- herzige Seele, die ihn schrieb. Wovon er handelt? Wirklich nicht von teuren Diners oder elegante» Kaffeegesellschaften, nein, von der„annen Nähten»", von dem Mädchen„mit den, blassen Gesicht und den müden Augen", dessen„fleißige Hände tagaus, tagcin durch die Stoffe gleiten", das „keine Erholung und kein Ausruhen von der Arbeit kennt." Viola velorata fühlt mit tiefem Weh das traurige Dnldcrlos der Armen. Die bürgerliche Frau ist gerade dabei, sich für die Sommerreise zu rüsten. Sie eilt mit de» Ihren hinaus in„schattige Waldeinsam- keit", an die„wogende See". Die„arme Nähterin" kann das nicht. Die anne Nähterin fertigt Ivohl die Reisckleider, aber sie selbst hat nicht teil an den Freuden lachender Sommerzeit. „Könnte man ihr die Freude nicht verschaffen?" fragt Viola oclorata. „Wäre es nicht denkbar, daß so eine echte, glückliche Familie sich so eines arme» Menschenkindes annähme und es mitnähme in den Wald und an die See?" Ist das nicht ein Ucbcrmaß von Güte? Horcht auf, Ihr armen Näherinnen! Ein ivuuderbarer Sommer blüht Euch entgegen! Ihr sollt nicht mehr zurückbleiben in dumpfer Fabrik, in enger Nähstnbe, im Lärni der Stadt. Durch die Wälder werdet Ihr streifen, im Schatten der Buchen werdet Ihr ruhen, Euch freue» am Gesaug der Vögel, an der Unendlichkeit der See. Ihr schüttelt den Kopf? Ihr zweifelt, Ihr sagt: Viola oclorata meint es gut, aber ihr Gutmciuen ivird nichts nützen, die bürger- liche Frau thut das nimmerniehr. Seid ohne Sorge, sie thut es doch. Viola oüorata kennt ihre Schwester», sie ivciß, daß sie Gutes thuu ohne Lohn, daß ihr schönster Lohn der Dank dessen ist, dem sie halfen. Sie weiß, auch Ihr werdet dankbar sein. In feurigen Farben malt sie es aus, wie Ihr Euren Dank beweisen Iverdet, Ihr armen Näherinnen. Für„freie Station" iverdet Ihr„sicher mit Freuden bereit sein, der Hausfrau in der Wirtschaft zur Seite zu stehen", ebenso werdet „Ihr auch gern die Garderobe der Kinder in Ordnung halten". Ja,— das alles werdet Ihr gern thun, ich glaube, Ihr Iverdet noch viel mehr thun. Ihr werdet gerne zu Hause kochen, damit Eure Dame spazieren gehen kann; Ihr werdet ihr gern alle Arbeit abnehmen,— stopfen, flicken. nähen. schneidern, Kinder warten werdet Ihr. Ihr müßt doch Euren„Dank" für die gebotene„Gast- freihcit" beweisen I lind Viola oclorata. hat ganz recht, es bleibt Euch ja„daneben immer noch Zeit genug, in Wald und Feld herumzustreifen und die frische Luft einzuatmen". Natürlich bleibt Euch die. Zum Beispiel nnttags, wenn Madame zu Haus bleibt und die Kinder allein beaufsichtigt, weil es„zu heiß ist, uni auszugehen", oder um Abend, wenn alle Arbeit gethan ist und gerade keine Strümpfe zu stopfen sind— in der Sommerfrische zerreißt sich viel—, glaubt Ihr nicht auch, Ihr armen Näherinnen, daß die bürgerliche Frau sich gerne sonnen wird in solchem Dank? O sie wird es thun, sie wird Euch herausreißen aus Fabrik und Nähstube, zu Hunderten, zu Tausenden wird sie Euch mitnehmen in die Berge, an die See. Ihr spart ja dem Hanshalt die Schneiderin und das Dienstmädchen. Es lebe Viola, ockorata, es lebe die Barmherzigkeit der bürger- lichen Frau!— Rabe und Schildkröte. Seitenstücke zu der alten deutschen Fabel vom Wettlanf des Hasen und Swinegels hat nian, wie A. Seidel in den„Beiträgen zur Kolonialpolitik und Kolonial- Wirtschaft" nntteilt, unter den Märchen der Kameruner und der Chinesen entdeckt. In einem kleinen Buche, das Elli Meiuhof im Jahre 1L8L zum zweitenmal herausgegeben hat, und das einige Märchen und Fabeln aus Kamerun nach den Erzählungen des jungen Njo Dibone, eines Kamerunnegers, darbietet, findet sich die Geschichte eines Wettlaufs zwischen einer Gazelle und einer Schildkröte, bei welchem die erstere ebenso überlistet wird, wie der Hase vom Swinegel. llnd in einer kleinen Sammlung von spaßigen Geschichten in der Umgangssprache des nördlichen China, welche Camille Jmbault-Huart im Jahre 1882 zu Peking ver- öffentlicht hat, findet sich unter dem Titel: Va kuei tscheng hsiung (der Streit des Raben und der Schildkröte um das Erst- geburtsrecht) folgende Fabel: Ein Rabe und eine Schildkröte wollten am Ufer eines Flusses Blntsbrüderschast schließen. Nun aber wollte jeder der ältere Bruder sein(dem nach chinesischer Sitte besondere Vorrechte gebühren). Die Schildkröte sprach:„ES giebt ein Mittel(den Streit zn entscheiden). Laß uns wetten, iver zuerst über den Fluß kommt. Wer dem andern zuvorkommt, soll der ältere Bruder sein, wer zuletzt anlangt, der jüngere." Da dachte der Rabe bei sich: Das ist ein Mittel, bei dem sie selbst hineinfallen wird. Ich brauche ja nur meine Flügel auszubreiten, so bin ich drüben, während sie mindestens einen halben Tag dazu ge- braucht, ob sie nun schnell oder langsam kriecht.„Ich bin mit Deinem Vorschlage einverstanden," antwortete der Nabe und flog sogleich über den Fluß.„Schildkröte!" schrie er,„bist Du herübergekommen?'' „Ich bin schon lange herüber," erwiderte die Schildkröte in seiner Nähe. Der Rabe aber schöpfte Verdacht und dachte bei sich:„Wie hat sie nur so schnell herüberkommen können?"„Wetten wir noch einmal, wer zuerst auf die andre Seite zurückkommt," sprach er zur Schildkröte,„Wer zuerst anlangt, soll der ältere Bruder sein." Die Schildkröte war einverstanden, der Rabe flog von neuem auf die andre Seite des Flusses und schrie mit lauter Stimme: „Schildkröte, wo bist du?"„Hier bin ich," antwortete die Schild- kröte.„Wetten wir noch einmal," sprach der Rabe. Die Schildkröte war wieder einverstanden, und der Rabe flog davon. In der Mitte des Flusses augelangt rief er:„Schildkröte, wo bist du?" Da sah er plötzlich auf jedem Ufer des Flusses eine Schildkröte; beide schrien zu gleicher Zeit:„Hier bin ich." Als er dies benierkte, rief er:„Pfui, über euch Schildkröten, die einen ehrlichen Raben täuschen wollen."— t. Tie englischen Großstädte nach der letzten Volks» Zählung. Die Ergebnisse der letzten Volkszählung in England sind jetzt veröffentlicht worden, wenigstens liegen genaue Angaben für die englischen Städte mit einer Einwohnerzahl von mehr als 100 000 vor. Die Bevölkerung von London betrug danach 4 538 034 Einwohner am Tage der Zählung, eine Vermehrung von 307 717 im Vergleich zu dem Zählungsergebnis im Jahre 1891, sie hat sich also nur um 7,3 Prozent vermehrt, während die Zunahme in dem vorausgegangenen Jahrzehnt 10,3 Prozent betrug. Seit 1891 hat sich außerdem die Bodenfläche von London um 75 442 Acker englischen Maßes vermehrt. Es dürfte von Interesse sein, das Wachstum von London im Laufe des 19. Jahrhunderts nach den stattgefnndeneii 11 Zählungen zu ver- folgen. Im Jahre 1801 war London noch keine Millionenstadt, sondern umfaßte erst 958 738 Einwohner, also etwa halb so viel wie das heutige Berlhn Im Jahre 1811 war die Einwohnerzahl auf 1 140 000 gestiegen, 1821 betrug sie rnnd 1 380 000, dann ferner 1831 1055 000', 1841 1950 000, 1851 2 305 000, 1801 2 810 000. 1871 3 207 000, 1881 3 835 000, 1891 4 230 000 und 1901 endlich 4 530 000, Die Grafschaft London besteht bekanntliw ans 29 Geineinden(boronAbs) von denen Lambeth mit etwa 302 000 die volksreichste, die„City" mit 27 000 Einwohnern die Volks- ärmste ist, die Cilh hat in den letzten zehn Jahren wiederum 10 800 Einivohner verloren. Anszer London zählt England noch 25 Städte mit mehr als 100 000 Eimuohnern. Die zweitgrößte englische Stadt ist Liverpool mit 085 270 Einwohnern, wird aber von der schottischen Großstadt Glasgow mit fast 800 000 übertroffe». Dann folgen Birmingham mit 522 182, Manchester mit 503 930, Leeds mit 428 953, Sheffield mit 380 717, Bristol mit 328 830. Ferner kommen mit einer Bebölkcrnng von über 200 000 Einwohnern der Reihe nach die Städte Bradford, West- ham, Nottingham. Hnll, Salford, Newcastle und Leiccstcr. Zwischen 100 000 und 200 000 Einwohnern haben jetzt ferner die Städte Portsmonth, Bolton, Cardiff, Blackbnni, Brighton, Preston, Norwich, Birkeuhead, Gateshcad. Pltzmonih. Derby, Halifax und Sonthampton. Die sechs letztgenannten Ortschaften sind erst seit der diesjährigen Volkszählung in die Reihe der Großstädte ein- getreten.— Aus dem?! erleben. D i e E i d e r e n t e. Inder Wochenschrift„Nerthus"(Verlag von Chr. Adolf, Altona-Ottensen) schreibt Dr. Her m a n n Ein- feld t: Enten und Gänse liefern bekanntlich für unsre Betten und Kissen in ihren Dunenfedern ein unschätzbares Fnllnngs-Mntcrial, und bei der Zucht dieser Tiere bilden»eben dem Fleisch die Federn das Ivertvollste Produkt. Man benutzt ja nebenbei auch die Federn andrer Vögel, wie der Hühner, diese besitzen aber bei weitem geringeren Wert. Als besonders ivcrtvoll gelten neben den Dunen der Gänse die Dunenfedern gewisser Entcnarten, vor allem die der Eiderente oder Eidergans(Lomaboria rnollissirna). Die Dunen dieser Ente werden im Handel sehr teuer bezahlt. Eiderenten leben an den Küsten des Nordens der Alten und Neuen Welt, im Süden ungefähr bis zum 55. Grad 17. Sie find ausschließlich Mceresbelvohiicr. die sich nur gelegentlich an Flußmündungen oder Süßwasser führende Gewässer verirren. Im Winter streichen sie gelegentlich auch wohl ellvaS weiter nach Süden, ihre eigentliche Heimat aber ist der Norden. Beim männlichen Bogel ist das Sommerkleid auf der Stirn und den Schläfen schwarz, ebenso auf dem untren Teil des Rückens und dem Bauche. Der Oberkopf, der Hals und der Rücken sind rcinweiß, die Schwingen und die Stcuerfedern sind brannschwarz gefärbt, die Federn des Spiegels sind sammetschwarz. Nach der Brunstzeit verfärbt sich das Gefieder, der Kopf und Hals lverden dann granschwarz, die Kropf« gegend ivird gelblichweiß mit schwarzen und rostbraunen Federkante». Die weibliche Eiderente ist wie bei vielen Enten und Gänsen be- deutend unscheinbarer gefärbt. Die Grundfarbe ist rostbraun, der Kopf und der Hals tragen braune Streifen, der Flügelspiegel ist braun mit weißer Einfassung, die Unterseite ist dunkelbraun mit schlvachcr, schwarzer Wellenzeichnung. Auf dem Lande ist die Eiderente recht unbeholfen und schwer- fällig, ebenso zeichnet sie sich nicht durch besonders große Flugfähig- keit ans. Ihr Element ist das Meer, hier zeigt sie sich vollkonimen zu Hause. Mit großer Gewandtheit schwimmt sie an der Oberfläche und mit noch größerer Geschicklichkeit und Ausdauer versteht sie, in große Tiefen zu tauchen und ihre Nahrung voni Boden des Meeres aufzunehmen. Man hat oft beobachtet, daß Eiderenten in der Gefahr stets das Meer zu erreichen suchen und daß sie sich auch aus der Lust bei einer Verfolgung sofort auf das Meer senken und tauchend ihren Verfolgern zu entgehen suchen. Die Nahrung der Eiderenten liefert die niedere Tierwelt des Meeres. Mollusken, besonders Muscheln, Krebse, Weichtiere, dann aucki wohl kleine Fische und Fischlaich werden in großen Mengen gefischt und unzerkleinert ver- schlungen. Die Zerkleinerung der harten Schalen der Futterticre geschieht in dem sehr musknlösen Magen. Im Herbste nach der Brutzeit sammeln sich an Mnschelbänken, ivelche ja bekanntlich auch von vielen andren Tieren bewohnt sind, oft Hunderte und Tausende der schönen Vögel, welche dem Beobachter ein nn- gemein lebhaftes Bild darbieten. Ständig ficht man einen Teil der Tiere untertauchen und andre nnt der gefischten Beute wieder an der Oberfläche erscheinen, wo sie dieselbe verzehren. Dabei scheuen die Eiderenten selbst starke Brandung nicht, in der sie ebenso geschickt tauchen, ivie auf ruhiger See. Als Brntplätze bevorzugen die Eiderenten sanft vom Meere ansteigende Gestade, die Pflanzenwuchs tragen, bewachsene Dünen u. dcrgl. Sie steigen auf diese Plätze vom Meere her herauf, suchen sich im Mai oder später einen passenden Fleck, auf dem sie ihr kunstloses Nest ans etwas Tang, Seegras und ähnlichem Material anlegen. Das Weibchen legt 4 bis 7 Eier, aus denen nach Ablauf von rund 3 Wochen die Jungen ansschlüpfen. Während des Eierlegens und auch ivährend des Brütcns rupft sich die iveibliche Eiderente von ihren Dunen eine große Menge aus. mit denen sie das Nest auspolstert und die Eier umgiebt. Beim zeitiveiligen Verlassen des Nestes iverden die Eier mit den Dunen sorgfältig eingepackt, um vor zu schneller Abkühlung ge- schützt zu sein. Diese Eiderdunen tverden gesammelt, von Unrcinlichkeiteu möglichst gesäubert und in den Handel gebracht. An vielen Orten nimmt nian schon während deS Brütens ein oder zweimal die Dunen aus den Nestern fort, und dadurch sehen sich die iveiblichen Tiere immer von neuem ge- zwnngcn, zum Schutze ihrer Eier sich weitere Dunen auszurupfen. Diese Dunen sind rein und deshalb wertvoller als dicjenigeu, die man ans deni Neste nach der Brutzeit nimmt, man schädigt aber dadurch die brütende Ente sehr, da diese sich oft den ganzen Bauch kahl rupfen mutz, um genügend Daunen für das Nest zu haben. Nach der Reinheit der Dunenfedern unterscheidet man verschiedene Sorten, je Iveniger fremde Beimischungen vorhanden sind, desto wertvoller sind die Dunen. Dunen der Eiderenten bilden einen hervorragenden Handelsartikel für die Bewohner der von den Tieren belebten Küsten, deren natürliche Hilfsmittel ja meist ohnehin nicht groß sind. Auch der Verfälschung sind die kostbaren Federn schon unterworfen worden, echte Dunen sind braun mit weißem Schaft und stieben beim Schütteln nicht auseinander.— Meteorologisches. — Etwas von der Hitze. Der Direktor der Wiener Centralanstalt für Meteorologie und Erdmagnetismus, Professor Dr. Perntner, äußert sich über die H i tz w e l l e, die Mitteleuropa in den letzten Tagen heimgesucht, u. a. wie folgt: Ebenso Ivie im Winter infolge der vorherrschenden Ausstrahlung der Erde intensive Kälte erzeugt wird, werden im Sommer durch die Einstrahlung der Sonne hohe Temperaturen veranlaßt. Wenn nun eine solche Situation im Laufe der Frühlingsmonate eintritt, so pflegt dies selbst schon im April hohe Temperaturen zur Folge zu haben. Der jähe Wechsel und unvermittelte Nebergnug von den kühlen Tagen zur heißen Witterung erzeugt dann den Eindruck, daß wir bereits in die schwülsten Sommertage ge- raten seien. Thatsächlich befindet sich augenblicklich die Temperatur 3 bis 4 Grad über der nonnaleu. Für die nächsten Wittcrnngs- Verhältnisse läßt sich eine zuverlässige Prognose nicht aufstellen: es ist jedoch ganz gut möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß der nächste Einbruch eines'Miiiimnms unverhältnismäßig niedrige Temperaturen zur Folge haben wird, und daß wir dann eine Reihe sehr kühler Tage bekommen werden. Die jetzige vorzeitige Sommerhitze braucht daher durchaus nicht als Beweis zu gelten, daß wir einen sehr beißen Sommer zu gewärtigen haben, denn der nächste Wetter- Umschlag dürfte wiederum ein tiefes Sinken der Temperatur herbei- führen."— HuuioriMicdes. — Gemütlich. Patientin:„Um Gottes willen, Sie haben mir ja einen ganz schrecklichen Schmerz bei dem Zahnziehen gemacht!" Arzt:„Ja, wissen sie, ich ziehe auch sonst keine Zähne... aber einem so hübschen Fräulein, wie Sie sind, kann man ja nichts abschlagen!"— — Schreckliches II n g l ü ck. Hofbeamter(zum Arzt): „Um Gottes willen. Herr Doktor, helfen Sic mir, sonst bin ich uu- glücklich, ich habe plötzlich ein steifes Genick bekommen."— — Automobil i Ii der Familie. Schachtelnieyer (klagt eiuein ihn besuchenden Freund über die Schwiegermutter und endigt seinen Redefluß mit den Worten):„Wie ein rasendes Auto- mobil fauchte meine dicke Schwiegermutter in der Wohnung umher l" S ch tv i e g c r m u t t e r(hat an der Thür gehorcht, tritt hastig ein und fuchtelt erregt und drohend mit den Händen in der Luft): „Wart! Und jetzt explodiert das Automobil!"— („Meggcndorfer hnnr. 831.") Notizen. — Der Kongreß deutscher S t r a f a n st a I t c n be- schäftigte sich niit der Frage der Lektüre in den Gefängnissen und empfahl in einer Resolution unter audcrm, die deutschen Klassiker in die Gefangeiienbibliotheken aufzunehmen. In der Diskussion gab Anstaltslehrer Gcrl-Ebrach unter dem Beifall der Versammlung seiner Geungthiinng darüber Ausdruck, daß die Berliner Zeitschrift „Die Woche" mit ihrem Antrage, in die deutschen Gefängnis- bibliolhekcn gegen die Vergünstignng. hervorragende Verbrecher ab- znphotographieren. nufgenonimeii zu werde», bei den einsichtigen Leitern der Strafanstalten abgefallen sei. Schriften dieser Art k ö n n t e n nur dazu dienen, die Sträflinge noch m e h r z n verwildern und f ü r b l u t r ü n st i g e T h a t e n a l l e r A r t empfänglich u n d g e n e i g t zumachen.— —„Der Improvisator" ist der Titel der neuen drei- altigen Oper von Eugen d'Albert, deren erste Aufführung dem- nächst im Oper n ha n sc stattfindet. Dem Libretto liegt der gleich- nainige Roman von Andersen zu Grunde.— — In den ersten Bayreuthcr Parsifal-Aufführnngen wird der Parsifal von Herrn Schmedes vom Wiener Burgtheater, die Kundrh von Fräulein Wittich vom Dresdener Hostheater gesungen werden.— — M a s c a g ni geht nach einer Meldung des„Verl. Tagebl." damit um, einen freien O p e r n v e r l a g zu begründen, ein Unternehmen, dessen Hauptzweck darin bestehen soll, den Autoren den vollen Besitz ihrer Werke zu sichern.— Verantwortlicher Redacteur: Heinrich Bletzker in Gr.-Lichtersclde. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.