Unterhallungsblatt des Vorwärts Nr. 108. Donnerstag, den 6. Juni 1901 (Nachdruck verboten.) 3&* fr c i f: 45] Roman in drei Büchern von Emile Zola. Ans dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenzweig. Es folgte ein peinliches Schweigen. Lucas' Stirn hatte sich verdüstert, denn es lag ein Körnchen Wahrheit in allen diesen Beschuldigungen. Das waren die unvermeidlichen Reibungen und Hemmungen der noch neuen Maschine. Und besonders die Gerüchte, die über die Schwierigkeiten dieses Jahrs umliefen, gingen ihm um so mehr zu Herzen, als er in der That fürchtete, daß er werde von den Arbeitern einige Opfer verlangen müssen, um das Gedeihen des Unternehmens nicht zu gefährden. „Und Bourron stimmt in das Geschrei Ragus mit ein, nicht wahr?" sagte er.„Aber Sie werden noch nicht gehört haben, daß Bonnaire sich beklagt hätte?" Josine schüttelte verneinend den Kopf. In diesem Augen- blicke drangen die lauter gewordenen Stimmen der draußen stehenden drei Frauen durchs Fenster herein. Am lautesten die der Toupe, die in ihrer gewohnten boshaften Art keifte und zeterte. Wohl schwieg Bonnaire, der gelassene, überlegte Mann, der klug genug war, den Erfolg eines langwierigen Versuchs abwarten zu können, aber die Zunge seiner Frau genügte, um sämtliche Weiber des heranwachsenden Geniein- Wesens aufzureizen. Und Lucas sah sie wieder vor sich, wie sie der Fauchard allen Mut benahm und den baldigen Unter- gang der Crecherie vorhersagte. „Also Sie sind nicht glücklich, Josine?" fragte er langsam. Sie versuchte wieder zu leugnen. „O, Herr Lucas, wie sollte ich nicht glücklich sein, nach allem, was Sie für mich gethan haben!" Aber sogleich stiegen ihr wieder die verräterischen Thränen in die Augen und rollten über ihre Wangen herab. „Sie sehen, Josine, Sie können es nicht leugnen, daß Sie nicht glücklich sind." „Nein, ich bin nicht glücklich. Herr Lucas. Aber Sie können es nicht ändern, es ist nicht Ihre Schuld. Sie sind mein guter Engel gewesen, aber was soll man thnn, wenn nichts das Herz dieses unglücklichen Mannes bessern kann. Er ist wieder so böse wie früher, er will Nanet nicht leiden, er hat gestern abends alles zerbrechen wollen und hat mich geschlagen, weil das Kind ihm angeblich ungebührliche Antworten giebt. Kümmern Sie sich nicht darum, Herr Lucas, diese Sachen gehen mich allein an, und ich verspreche Ihnen, daß ich mir sie so wenig als möglich zu Herzen nehmen werde." Sie hatte mit schwacher, bebender Stimme gesprochen und brach nun in Schluchzen aus. Lucas fühlte schmerzlich seine Ohmnacht und wurde von wachsender Traurigkeit erfaßt. Alle freudigen Gefühle des heutigen Vormittags waren verflogen, ein eisiger Hauch des Zweifels, der Mutlosigkeit durchkältete ihn, den sonst so Tapferen, dessen Kraft in seiner ftöhlichen Zuverficht lag. Die Dinge gehorchten ihm, der materielle Erfolg kündigte sich in hoffnungsvoller Weise an, und nur Menschen' wollten sich nicht umbilden lassen, in ihrem Herzen wollte die göttliche Liebe, die fruchtbare Blüte der Güte und der Solidarität nicht gedeihen I Wenn die Menschen haß- erfüllt und gcwaltthätig blieben, konnte er sein Werk nicht vollenden; und wie die Liebe in ihnen erwecken, wie ihnen den Begriff des wahren Glückes beibringen? Diese holde Josine, die er aus so tiefen Schichten aufgelesen, die er aus so entsetzlichem Elend gerettet hatte, sie war ihnn das Bild seines ganzen Werkes. So lange sie nicht glücklich war, hatte sein Werk keinen Bestand. Sie war das Weib, das unglück- liche Weib, die Sklavin, das Lasttier, die Gennßware, deren Retter zu werden der Traum seines Lebens war. Durch sie und für sie, unter allen Frauen, sollte das Reich der Zu- kunft entstehen. Und wenn Josine noch immer unglücklich war, so bewies ihm dies, daß noch nichts Festes ge» gründet war, daß noch alles zu thun übrig blieb. Kümmer- vollen Herzens blickte er in die Zukunft, sah schwere, leidens- volle Tage voraus, fühlte deutlich, daß noch ein schrecklicher Kampf zwischen der Vergangenheit und der Zukunft bevor- stehe, und daß dieser Kampf ihn Blut und Thränen kosten werde. „Weinen Sie nicht, Josine, fassen Sie Mut, ich schwöre Ihnen, daß Sie glücklich sein werden, weil Sie es werden müssen, weil alle Welt glücklich werden muß." Er hatte das so sanft und gütig gesagt, daß sie wieder ein Lächeln fand. „Ja, ich werde nicht den Mut verlieren, Herr Lucas, ich weiß, daß Sie mich nicht verlassen werden und daß Sie schließlich Ihren Willen durchsetzen werden, weil Sie so gut und so stark sind. Ich werde warten, ich schwöre es Ihnen, und müßte ich mein ganzes Leben warten." Es war wie ein Gelöbnis, wie ein Austausch von feier- lichen Versprechungen im Erhoffen des kommenden Glücks. Er war aufgestanden, hatte ihre Hände ergriffen, die er zärtlich drückte, und er fühlte den Gegendruck der ihrigen. Mit dieser einfachen Berührung von wenigen Sekunden nahmen sie Abschied. Wie freundlich und sauber war das kleine Zimmer mit den gestrichenen Möbeln, wie einfach, wie friedlich und glücklich könnte das Leben darin verfließen l „Auf Wiederschen, Josine!" „Auf Wiedersehen, Herr Lucas I" Lucas lvandte sich seiner Wohnung zu. Er nahm den Weg über die Terrasse, unterhalb welcher die Straße nach Combettes sich hinzog, als er Plötzlich innehielt. Unten auf der Straße sah er Monsieur Jerome, der sich in seinem Rollwagen längs des Terrains der Cröcherie hinfahren ließ. Diese Begegnung erinnerte ihn an zahlreiche andre, die er mit dem in seinem Wagen sitzenden gelähmten Greise gehabt, be- sonders an die erste, als er ihn gesehen hatte, wie er an den Gebäuden der Hölle vorbeigerollt wurde und mit feinen wasserhellen Augen auf die rauchende, tosende Fabrik blickte, die er begründet hatte, und mit ihr den Reichtum der Qnrignon. Nun kam er an der CrScherie vorbei und betrachtete ihre neuen, im Sonnenlicht blinkenden Gebäude mtt den« selben hellen, ausdruckslosen Augen. Warum hatte er sich hierherfahren lassen, warum umkreiste er das Werk wie zu einer eingehenden Prüfung? Was dachte er, was urteilte er, welchen Vergleich wollte er anstellen? Vielleicht war es aber auch nichts als eine absichtslose Spazierfahrt, die Laune eines armen, in Kinderei zurückverfallenden Greises. Der Bediente hatte seinen Schritt verlangsamt und Monsieur Jerome erhob sein großes, von weißen Haaren umgebenes Gesicht mit den markanten, regelmäßigen Zügen und sah ernst und unbewegt auf jede Einzelhett, auf jede Fassade, auf jeden Schornstein, als wollte er sich ein genaues Bild ein- prägen von dieser neuen Stadt, die da neben dem Werke, daS er einst gegründet, emporwuchs. Da geschah etwas, was die Bewegung Lucas' verstärkte. Ein andrer alter, ebenfalls gelähmter Mann, der sich noch mühevoll auf seinen geschwollenen Beinen weiterschleppen konnte,, kam die Straße entlang und auf den Rollwagen zu. Es war der alte Ragu, dick und schwammig, den die Bonnaire mit sich genommen hatten, und der an sonnigen Tagen kleine Spaziergänge iu der Nähe der Werke machte. Zuerst mochte er mit seinen geschwächten Augen Monsieur Jerome nicht ge- sehen haben. Plötzlich ftihr er zusammen, wich zur Seite und drückte sich gegen die Mauer, als ob die Straße nicht breit genug für sie beide wäre; dann zog er seinen Strohhut, neigte sich tief und grüßte demütig. Es war der Ahnherr der Qurignon, der Chef und Begründer der Fabrik, dem der älteste Ragu, Lohnarbeiter und Vater von Lohnarbeitern, feine Ehr- furcht bezeigte. Jahre'und hinter ihm Jahrhunderte der Ar- beit, des Leidens und des Elends krümmten sich in diesem untcrthänigen Gruße. Beim Anblick des Herrn, ob er auch gelähmt war, knickte der alte Sklave, dem die Unterwürfigkeit jahrhnndertealter Knechtschaft im Blute steckte, zusammen und beugte sich tief. Und Monsieur Jerome, der ihn nicht einmal sah, wurde weitergerollt wie ein seelenloses Idol, während er fortfuhr, die neuen Gebäude der Cröcherie anzublicken, viel- leicht ohne sie zu sehen. Lucas war erbebt. Eine wie alte Vergangenheit galt es zu zerstören, welch bösarttges, überwucherndes, vergiftendes Unkraut galt es auszurotten in dem bisherigen Menschen! Er sah auf seine Stadt, die eben erst aus dem Boden zu sprießen begann, er fühlte, unter wie viel Mühen und Schmerzen, über wie viel Hindernisse hinweg, sie nur werde wachsen und gedeihen können. Nur die Liebe und das Weib und das Kind konnten den endgültigen Sieg erringen helfen. II. In den vier Jahren, die seit der Gründung der Crecherie verstrichen waren, hatte sich in Beauclair ein immer mehr au- schwellender Haß gegen Lucas entwickelt. Zuerst hatten die Leute nur ein feindliches Staunen bekundet, das sich in boshaften Spöttereien Luft machte; aber von deni Augenblick ab, da praktische Interessen gefährdet wurden, war die Wut entstanden, hatte sich der Instinkt der Selbstverteidigung geltend gemacht, der sich mit allen Kräften und allen Mitteln gegen den gcnieinsamen Feind wehrte. Die kleinen Kaufleute und Krämer waren die ersten, die sich beunruhigt fühlten. Die genossenschaftlichen Magazine der Crecherie, über die man bei ihrer Eröffnung gespottet hatte, gediehen und zählten zu ihren Kunden bald nicht nur die Arbeiter der Werke, sondern auch zahlreiche Einwohner der Stadt, die beigetreten waren. Und man kann sich vorstellen, wie die Kaufleute über diese schreck- liche Konkurrenz in Aufregung gerieten, die die Preise der verschiedenen Artikel gleich um ein volles Drittel herabdrückte. Es war ein aussichtsloser Kanipf, der baldige Ruin war sicher, wenn dieser unglückselige Lucas mit seinen verrückten Plänen durchdrang, daß der Reichtum gerechter verteilt werden sollte, und daß man vor alleni einmal den Kleinen dieser Welt ermöglichen sollte, besser und billiger zu leben. Die Fleischer, die Gewürzkrämer, die Bäcker, die Weinhändler würden also gezwungen sein, ihre Läden zu schließen, sobald man ihre Vermittlung entbehren konnte und nicht mehr genötigt war, ihnen zwecklosen Nutzen zwischen den Fingern zu lassen. Und sie schrien Zetel, und Mordio, die ganze menschliche Gesellschaft war in Gefahr und stürzte zu- sammcn, wenn sie nicht mehr durch ihren Parasitengewinn das Elend der Armen vermehren konnten. Aber am stärksten betroffen war Laboque, der Eisenwaren- Händler und ehemalige Jahrmarktshausierer, der nun eine Art großen Bazars an der Ecke der Rue de Brias und des Stadthausplatzes hielt. Die Preise der Kommerzeisen waren iil der Gegend bedeutend gesunken, seitdem die Crecherie sie in großen Mengen herstellte; und das schlimmste war, daß es den Anschein hatte, als sollte die Associationsbewegung auch die umliegenden kleinen Fabriken ergreifen, und als wäre der Augenblick nicht mehr fern, wo der Konsument, anstatt sich an Laboque zu wenden, sich direkt in den genossenschaftlichen Magazinen mit den Nägeln von Chodorge, den Sensen und Sicheln von Hausser, den landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten von Mirande versorgen würde. Schon heute lieferten die Magazine der Crecherie, von den Eisen abgesehen, viele dieser Artikel, und die Geschäfte des Bazars gingen von Tag zu Tag zurück. Daher kamen die Eheleute Laboque nicht aus dem Zorn heraus, ergingen sich in heftigen Klagen über das, was sie die Entwertung der Waren nannten, hielten sich für beraubt, da man das unnütze Rad, das sie in der gesell- schaftlichen Maschinerie darstellten, verhindern wollte, Kraft und Reichtum zu verzehren, ohne andern Nutzen als für sie selbst. So waren sie von selbst der Mittelpunkt der Feind- seligkeit und der Gegnerschaft wider das neue Unternehmen geworden, der Centralherd für alle die Hassesflammen, die durch die Reformen Lucas entzündet worden waren, die Wortführer bei den Schmähungen und Verwünschungen, mit denen der freche Neuerer überhäuft wurde. In ihrem Laden trafen sich der Fleischer Dacheux, der vor reaktionärer Wut beinahe erstickte, und der Gewürzkrämer und Weinschänker Caffiaux, der ebenfalls von giftigem Groll erfüllt war, aber, kühleren Verstands, sorgfältig sein Interesse abwog. Selbst die schöne Madame Mitaine, die Bäckerin, kam manch- mal herein und klagte lebhaft über die Kunden, die sie verlor, wenn sie auch trotz alledem einem friedlichen Einvernehmen das Wort redete. „Wissen Sie denn nicht," schrie Laboque,„daß dieser Herr Lucas, wie sie ihn nennen, nichts Geringeres plant, als den ganzen Handel zu Grunde zu richten? Ja, er rühmt sich dessen, er ruft ganz laut die Ungeheuerlichkeit hinaus: Der Handel ist ein Diebstahl, wir sind alle Diebe, wir müssen verschivinden. Um uns vom Erdboden z» vertilgen, hat er die Crecherie gegründet." Mit hochrotem Gesicht und vorquellenden Augen hörte Dacheux zu. „Und wie sollen die Leute essen, sich kleiden und so weiter?" „Ja, er sagt eben, daß der Konsument sich direkt an den Produzenten wenden soll." „Und das Geld?" fragte der Fleischer wieder. „Das Geld? Auch das unterdrückt er, es wird kein Geld mehr geben. Wie, ist das nicht hirnverbrannt? Als ob man ohne Geld existieren könnte!" Dacheux platzte beinahe vor Wut. „Kein Handel? Kein Geld? Alles will dieser Mensch zerstören! Giebt es denn kein Gefängnis für einen solchen Räuber, der Beauclair zu Grunde richten wird, wenn wir. ihm nicht das Handwerk legen?" Und Caffiaux sagte mit ernstem Kopfschütteln: „Das ist noch nicht alles. Er sagte vor allem, daß jeder- mann arbeiten muß, er möchte aus der Welt ein Zuchthaus machen, in welchem Aufseher mit Stöcken darüber wachen würden, daß jeder seine Arbeit thut. Er sagt, daß es weder Reiche noch Arme geben soll, es wird keiner beim Tode reicher sein als bei der Geburt, jeder wird verbrauchen, was er ver- dient, nicht mehr und nicht weniger als sein Nachbar auch, ohne daß einer auch nur das Recht hätte, sich etwas zu ersparen," „Und das Erbrecht?" fragte Dacheux wieder. „Es wird kein Erbrecht mehr geben." „Was? Kein Erbrecht mehr? Ich soll meiner Tochter nicht hinterlassen können, was nur gehört? Donner und Hölle, das ist zu arg!" Und der Fleischer erschütterte den Tisch durch einen wuch- tigen Faustschlag. „Er sagt auch," fuhr Caffiaux fort,„daß es keinerlei Macht mehr geben wird, keine Regierung, keine Gendarmen, keine Richter, keine Gefängnisse mehr. Jeder wird leben, wie er will, essen und schlafen, wann er Lust hat. Er sagt auch, daß die Maschinen einmal alle Arbeit machen werden, und daß den Arbeitern nur die leichte Aufgabe bleiben wird, sie zu beivacheu. Es wird das Paradies sein, die Menscheil werden sich nicht mehr bekämpfen, es wird keine Heere und keine Kriege mehr geben. Und endlich sagt er, daß die Männer und Weiber, wenn sie sich lieben, sich für so lange zusammenthun werden, als es ihnen gefällt, und sich sodann in gegen- seitigem Einvernehmen trennen werden, um jedes wieder mit andren zusamnienzugehen. Und die Kinder, die kommen, für die wird die Gemeinschaft sorgen, wird sie alle miteinander auf gut Glück erziehen, ohne daß sie eines Vaters oder einer Mutter bedürfen." Die schöne Madame Mitaine, die bis jetzt geschwiegen hatte, rief nun entsetzt: „O, die armen Kleinen! Jede Mutter wird hoffentlich das Recht haben, die ihrigen zu erziehen. Nur die, deren Mütter so herzlos wären, sie zu verlassen, die müßten so alle durcheinander von fremden Händen aufgezogen werden, wie zum Beispiel in den Waisenasylen. Das alles, was Sie uns da erzählen, scheint mir nicht sehr anständig." „Sagen Sie nur, daß es einfach eine Schweinerei ist," rief Dacheux außer sich.„Das ist ja um nichts besser, wie wenn man auf der Straße ein Mädchen aufliest; man nimmt sie und kehrt ihr dann den Rücken. Ein Freudenhaus ist ihre künftige Gesellschaft und sonst nichts!" Und Laboque, der seine bedrohten Interessen nicht aus dem Auge verlor, sagte zum Schlüsse: „Er ist verrückt, dieser Herr Lucas. Wir können Beauclair nicht so zu Grunde richten und entehren lassen. Wir werden uns zu gemeinschaftlicher Abwehr verbünden müssen." (Fortsetzung folgt.) Die Große Deelinee Vunptttusßellttttg. i. Es lätzt sich der Niescnbilderschau im Moabiter Glaspalast kein besseres Zeugnis ausstelle» als»ach dem ersten Rundgange, auch ivcnn nia» alle die grasten und kleinen Säle wiederholt durchwandert und sich sorgfältig umgesehen hat. Die Ausstellung ist diesmal so langweilig und öde, wie sie es feit dielen Jahren nicht gelvcsen ist. Kein überragendes Werk lväre zu nennen, kein neu hervortretender Zug in der'Kunstentivicklung unsrer Tage aufzuweisen. Was man bestenfalls sieht, sind schlichte anspruchslose Landschaften, einfache Scenen des alltäglichen Lebens, aber auch, weint man sich nur diese heraussucht, das llcbermast an solchem Mittclmästigen ivird un- erträglich, und auch der friedlichste Beschauer empfindet zum Schtust geradezu eine Erbitterung über die Zumutungen, die ein Rundgang durch diese Ausstellung ihm stellt. Dabei soll von vornherein davon abgesehen werden, dnb die j�s- malten Grenelscenen ans der Geschillüc, die schönen Wasserleichen, die Phantasien aus der Unterwelt, die„wichtige» Moniente" aus den verschiedensten Schlachten und die„interessanten Gegenden", die vor zehn Jahren noch die unbestrittene Herrschaft in diesen Räumen hatten und dann etwas zurückgedrängt schienen, ganz plötzlich ivieder in stattlicher Zahl ihre Auferstehung gefeiert haben. Auch das; die fnhen Madel mit den schönen Rainen und ivundervoke» Draperien, den dunklen Augen und dein bleichen Teint, in ganzen Scharen die Säle bevölkern, ist eine Erscheinung, über die hinlvegzuschen man längst gewohnt ist. Man inusz doch auch bedenken, das; es keine Kleinigkeit ist, nemmndvierzig Säle mit Bildern vollzustopfen, Ivemi man von der Mitivirknng der tüchtigen Künstler in Deutschland und voni Ausland fast völlig absieht, Nur ans dieser Zwangslage sind die«nglanblichsten Anhänfinigen von Werken einzelner Berliner Künstler zu erklären, deren Statistik ivir bereits mitgeteilt haben. Niemals ist es deutlicher geworden, das; eine Kollektiv- Ausstellung eine sehr gefährliche Ehrung für einen Künstler sein kann, als in diesen Sälen, in denen man nichts wie Arbeiten von einem H o f f m a n n- Fallersleben, einen; H c n s e l e r zc. sehen kann. Wenn bei dem letzteren die Moiive auch noch so verschieden sind, wenn er bald ein Kriegsbild oder eine Bismarckscene, bald eine Natnrstndie oder Ernte-Arbciter malt, ans all dci; hundert Bildern ergicbt sich als Gesamteindrnck nur die kleinliche Mache, die harte und trockene Farbe, der Mangel an einer eignen fesselnden Auffassung, Und es ist wahrlich kein Problem, das zu verfolgen einen reizen könnte, wie dieser Künstler sich im Laufe der letzten zwanzig Jahre von geurchafter Darstellung zu einfacherer Schilderung, von einer trüben braunen zu einer modernen blauen Farbengcbnng eutivickelt hat. Henscler ist dabei noch der Fntcr- essanteste von allen, die diesmal eine Sammlung ihrer Werke zeige» durften. Auch die einfachen Landschaften, Porträts und Schildcrnugen, die von sorgfältigem Studium und genauer Beobachtung zeugen, vcr- mögen nicht genug zu fesseln, daß man den Wust in ihrer Ulngebüng darüber vergessen könnte. Man kennt die Künstler schon seit langem und erkennt ihre Hand sofort wieder. Ein Hans Hertmann malt seine holländischen Motive, seine hübsch farbigen Marktscenen mit immer geringeren Variationen von neuem; tritt mai; in die Säle der Düsseldorfer, so begegnet man denselben Namen und der- selben Art, wenn auch in diesem Jahre der Gesamteindruck in der Umgebung recht vorteilhaft ist. Es wäre ein ziemlich zweckloses Untcruchmeu, Ivollte man alle diese Bilder einzeln charakterisieren, Ihre künstlerischen Merknmle sind einander zu gleich, als das; man nicht ii; ewige Wiederholungen ver- fallen mühte. Es sind die Werke eines„Naturalismus", den man in der That nicht in solchen Mengen ertragen kann. Mag sein, dah die eine oder andre von diesen Landschaften besser zu ihrem Rechte kommen würde, wenn man sie einzeln sähe. So aber bleibt, Ivenn man sich diesen Massen gegcnübersieht, der allgemeine Eindruck ausschlaggebend. Man wird immer wieder die künstlerische Un- freiheit, das ängstliche Haften am Motiv oder am Modell gelvahr. Da hat dieser Malet sich einen sonnigen Winkel, jener eine Fluhscene ausgesucht, die er nun mit allen Einzelheiten in sein Bild überträgt. Die Natur beherrscht ihn völlig, er nimmt sie mit allen Znsällig- leiten; von einem eignen Rechte der Knust, die auS den Elemente» der Natur ein künstlerisches Ganzes gestaltet, ist in diesen Bildern der Eindruck der Natur nicht mit der eindringlichen Kraft wieder- gegeben, die die moderne Malerei zu erreichen vermocht hat. Man fühlt nicht die Wärme der durchsonnten Luft, das Weben der Luft in den weichen Schatten, es ist nicht das leichte Ziehen der Wolken am Himmel, und das Wasser der Flüsse und Seen hat nicht das Leicht- flüssige und Durchsichtige. Die Natur in diese;; Landschaften wirkt starr und leblos, wenn;;;a;; sie mit dem vergleicht, was etlva die französischen Impressionisten heute darzustellen gelernt haben. Unter den Berliner Künstlern, die in dieser Ausstellung vertreten find, sind es nur Eugen Bracht und seine Schüler, die über diesen Naturalismus hinansstrcben. Sie geben vollere Farben, als die Natur sie gewöhnlich bietet, sie arbeiten mit starken Kontraste», und sie vereinfachen andrerseits die Zeichnung und schildern in großen Zügen, Bracht selbst stellt in drei Bildern den„deutschen Wald" dar. Er setzt in den;„Forsthaus am See" einen tiefgriiuen Baum in den Vordergrund gegen den in; Sonnenschein flimmernden grauen Wald, der das gegenüberliegende Ufer des Sees begrenzt; er baut in den; Bilde„Waldbrand nach Sonnenuntergang" eine mächtige Banmgruppe in tiefbrannen Tönen auf dem Abhang im Vordergründe auf, während sich über die Kronen hinweg ein Ausblick auf die in kaltblauen Tönen liegende Ebene mit aufsteigenden Nebeln öffnet; in den; dritten„Mondanfgang überm Wald" sind die Baum- krönen noch mit glühendem Purpur überzogen, und ans den Tiefen kriechen die Schatten en;por. Das sind einfache klare grohgesehene Stimmungen, aber sie haben doch nicht das volle Leben, sie wirken etwas leer; man fühlt nicht sowohl die Stimmung herans, als daß man sie aus den gegebenen Anzeichen erschließt. In noch stärkerem Maße gilt dies von seinen Schülern, Hans Hartig, den man wohl auch zu ihnen rechnen darf, fällt mit einer Landschaft„Oder- thal" auf, in der sich ein weiter Blick über eine große, von dem Flußlauf durchzogene Ebene eröffnet. Ein Saal fällt aus dem Rahmen dieser Kunstausstellung sehr vorteilhaft heraus, der der L u i t p o l d e r. Die Mitglieder dieser Münchener Künstlergruppe, die in der Mitte steht zwischen der Scccssion und der alten Kunstgenoffenschaft, sind besonders tüchtig im Landschasttichei;, Andreas Egersdörfer hat eine kleine„Abendlandschaft" da, die eine köstliche Harmonie i» weiche» brauugrüneu und tiefblauen Tönen ist. Eine iveiche malerische Behandlung ist überhaupt diesen Künstler« gemeinsam; Otto llbbelohde geht darin so weit, daß er die Konturen fast ganz verliert, während Franz Hoch schärfer um- risse,; zeichnet,' T h a l l m e i e r;nalt düstere Herbstlaudschaften, Hern; a n n Urban stilisiert in seinen der italienischen Landschaft entnonnneuen Motiven sehr stark, und er ist hart in der Farbe. Reizende Tierbilder, Enten und Hühner, malt Franz G r ä s s e l, der allerdings in der Weichheit der Farbe' fast an die Grenze ge- langt, wo sie ins Weichliche übergeht, Walter Thor ist der Porträtist der Gruppe, der auch in seiner Art sehr gut zu ihr paßt. Karl H a r t n; a n n tritt gegenüber den Bildern, die er in; vorigen Jahre gesandt hatte, sehr maßvoll auf; seine„Idylle", zwei Kinder in einer Abendlandschast und„Frau Aventiure" sind einfach und zeigen seine Begabung, seinen Bildern eine weiche, ansprechende Farbigkeit zu geben. Eine Märchenstimmung erzielt trotz des großen Fonnats Georg S ch u st e r- W o l d a n, der von dem„getreuen Eckehard", der den erschreckten Kindern im Walde erscheint, erzählt; die Waldstinunung, der ungeschlachte und doch gutmütige Riese, die Angst der Kleinen, die sich in der verschiedensten Art vor ihn; zu verbergen suche», sind recht hübsch zun; Ausdruck gebracht. Die Vertretung des Auslands ist, wie schon im Vorbericht er- wähnt wurde, der Zahl nach sehr schwach und steht auch qualitativ auf derselben Höhe wie die übrige Ausstellung, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß diese Künstler in der Regel technisch besser durchgebildet sind. Aber es sind die alten Franzosen, die Italiener und Spanier, die jedes Jahr erscheine»,;;;it denen sich zn beschäftigen nicht der geringste besondere Anlaß vorliegt. Die Ungarn treten diesmal kollektiv auf; ihren Besten, den Porträlisten Karl Z i e g l e r, ist n;nn seit Jahren in Berliner Ausstellungen zu sehen gewohnt, so daß man ihn eher als Berliner zn betrachten geneigt war.— Kleines Feuilleton. Vom Jnuggesellen. Im„Lancet" plaudert einer: In einer Zeit wie der heutigen, in der das Heiratsalter des Mannes in den mittleren Klassen des Volks weiter und weiter hinausgeschoben wird. kommen die körperlichen Schäden des Junggesellcntnms immer häufiger zur Kenntnis der Aerzte, Es ist weder für einen Mann noch für ein Weib gut, allein zu leben, und es mag ein Stück Wahr« heit in dem Wort liegen, daß ein Mai»;, um die Einsamkeit zu er« trage;;, entweder eii; Engel oder ein Teufel sein müsse. Dieser Ausspruch bezieht sich aber jedenfalls nur auf die moralische Seite des J;inggeselle»tun;s, und wir wollen hier von der physischen sprechen, denn es ist ganz zweifellos, daß es gewisse Krankheiten oder wenigstens Kraükheitsneigungen giebt, die durch die Ein» snmkeit unterstützt werden. Um diese in ihrem wesentlichen Inhalt zu bezeichnen, bedienen wir uns ausnahmsweise eines freilich genügend bekannte» Fremdwortes und nennen die hauptsächliche Jnnggesellenkrankheit eine„vorzeitige Dyspepsie". Der Grund ihrer Entstehung ist nicht schwer einzusehen, er liegt, wie ganz begreiflich und allgemein anerkannt, in der ungeeigneten Art des Essens, zn der der Junggeselle verurteilt ist. Es giebt nur sehr wenige glück- lich veranlagte Leute, die für sich allein essen und dabei das richtige Maß in Zeit und Menge einhalten können. Gewöhnlich legt der Junggeselle ein Buch oder seine Zeitung neben sich auf den Eßtisch und denkt, er wolle sich das Mahl mit ein wenig Lektüre verkürzen und sich dadurch diejenige Anregung verschaffen, die der Glücklichere in der Tischunterhaltung findet. Die Absicht ist gut, die Folge aber meist von; Uebel. Der Einsame vertieft sich in seine Lektüre und findet dann plötzlich sein Fleisch kalt, das er nun in wenigen großen Bissen hinunterschlingt, ein ändernml verspürt er vielleicht' großen Hunger, achtet überhaupt nicht auf Buch oder Zeitung und ißt seine Mahlzeit so schnell als möglich hinunter, ;m; sich dann in einen; bequemen Stuhl der geistigen Anregung zu widmen. In beiden Fällen fehlen die zu einer zweckmäßigen Nahrungsaufnahme nötigen Bedingungen. Es ist das oberste Gesetz für eine geeignete und leichte Ernährung, daß die Speise langsam genommen und daß der Geist während des Essens nicht zu stark beschäftigt wird. Jeder weiß, daß eine starke körperliche An« strengung gleich nach den; Essen schädlich wirkt, und mit der geistigen Anstrengung ist es genau so. Kluge Leute disputieren überhaupt nicht lvährend des Essens oder gleich danach, und die Beobachtung lehrt, daß in den meiste;; Fällen, wenn es sich nicht gerade um sehr gcisteskräftigc Leute handelt, bei solchen Gesprächen nicht viel herauskonnnt. Die leichte Unterhaltung ist die natürliche Begleitung vb;; Essen und Trinken, die keinen Schaden thun kann, weil man gewöhnlich dabei nicht viel denkt. Bei der alleinlebenden Frau sind die Folgen häufig ähnlich wie beim Mann, aber ans andren Gründen, Wenn ein Mann allein essen;;;;iß, so ißt er deshalb immer genug, meist sogar noch mehr als in Gesell- schaft, während die einsame Frau wenig zu essen pflegt oder es häufig gar vorzieht, überhaupt nicht zu essen. Bei der Frau entsteht die Dyspepsie also hauptsächlich aus ungenügender Ernährung, und ganz besonders schlinm; ist jie daran, wenn sie ihre Speisen selbst kochen soll, Zn dieser beklagenswerten Klasse der Frauen gehören auch die Taufende, die einem männlichen oder weib» lichen Junggesellen die Wirtschaft fthren und denen die Sorge für ihren eignen Magen ausschliefclich überlassen ist. Diese haben oft genug überhaupt keine Freude daran, selbst zu essen, Ivas sie in erster Linie für einen andren gekocht haben. Daher findet man überhaupt bei den Leute», die mit dem Verkauf und der Zubereitung der Speisen beschäftigt sind, die Dyspepsie am häufigsten. Man hat den Menschen als ein geselliges Tier bezeichnet, und das Attribut ist zweifellos zutreffend. Bei der Einsicht in die körperlichen Folgen des Junggcsellcntums wird man auch geneigt sein, dem sprich- wörtlich gewordenen mürrischen Wesen dieses Siandes etwas zu gute zu halten.— Psychologisches. K. Die Empfindungen von Sterbenden. Die Frage, ivas der Sterbende im Augenblick des Todes cnipfindct, ist bereits niehrfach untersucht ivorden und hat zu verschiedenen Hypo- thcscn Anlaß gegeben, lleber das vorhandene Material, wie es besonders von de» französischen Gelehrten Sollier und de Varigny neuerdings zusammengestellt worden ist, bringen die soeben er- schieneuen„Psychischen Studien" einen interessante» Bericht. Den Anhalt geben dabei die Aussagen der Personen, die im letzten Augenblick vom Tode glücklich errettet ivorden sind. Bekanntlich erklären Löwenjägcr, die sich in den Klauen und Zähnen wilder Tiere befunden haben, nbercinsiimmcnd, daß die Kralle, die sich in ihr Fleisch grub, und die Zähne, die sicki in Arm und Bein einbohrten, ihnen keine Schmerzen, sondern eher ein Gefühl behaglicher Erschlaffung bcrursachlhättcn. Erst, ivenn sie befreit waren, begannen sie Schmerze» z» empfinden. Auch Personen, die dem Ertrinken nahe waren, berichten, daß sie nach langer vergeblicher Gegenwehr sich in einer friedlichen Betäubung dahintreiben ließen. Der plötzlich von einem Unglücksfall Ueberraschte, der sich dem Tode nahe fühlt, sieht häufig alle wichtigeren Begebenheiten seines Leben? in einem kurzen Moment bor seinem Bewußtsein vorüberziehen. Von einer solchen Erfahrung erzählt Professor Heim, der selbst bei einer Bergbesteigung abstürzte »nd in den wenigen Sekunden des Falls alle Begebenheiten seines Lebens in Bildern von außerordentlicher Schärfe und Klarheit vor sich sah. Der englische Alpinist Whymper, der von einer Höhe von 70 Metern herabstürzte, erzählt:»Ich hatte volle? Bewußtsein von dem, was vorging, und ich zählte jeden Stoß; aber wie ein chloroformierter Kranker fühlte ich keine Schmerzen. Jeder neue Stoß war natürlich heftiger als der vorhergegangene, und ich erinnere mich sehr gut, daß ich klar überlegte, wenn der nächste Stoß noch heftiger sei, so sei es zu Ende. Aber das wunderbarste tvar, daß die>mcdcrholtcn Würfe durch die Luft keinesivegs etwas Unangenehmes an sich hatten." Der englische Admiral Beanfort fiel einmal als Kind ins Waffer und erzählt, daß die zuerst stürmischen Empfindungen einer fast vollständigen Ruhe Platz machten.„Es kam mir nicht mehr so vor. als ob Ertrinken ein Unglück sei. Ich dachte nicht mehr an Rettung und litt doch gar nicht. Im Gegen- teil, meine Gefühle waren eher angenehm". Darivin erzählt, daß er als Schuljunge einmal in Shrewsbmy auf dem Walle spazieren ging und in einer Höhe von 7—8 Fuß herabfiel. Dabei jagte sich eine ganz überraschende Fülle von GedankeniuseinemGeist.! Ein französischer Militär Derepas erzählt aus dem Jahre 1870:„Am 2. Dezember lag ich mit zerschmetterter Hand 50«schritt von den Preußen. Die Kugeln pfiffen so anhaltend um mich, daß ich meinen Tod als un- nusbleiblich ansah. In diesem Augenblick trat mein ganzes Leben bis in seine geringsten Einzelheiten mit außerordentlicher Klarheit vor mich." Wahrscheinlich besteht nun diese panorainenarlige Vision des vorangegangenen Lebens aus einer beschränkten Anzahl von Sceiien, die die Phantasie später erweitert. Bei Kinder» ist diese Erscheinung selten. Um so bemerkenswerter ist daher das Zeugnis eines französischen Schuldirektors, der als Kind von 8V» Jahren in einen Brunnen fiel und seine Empfindnugen dabei genau geschildert hat. Es>var freilich ein besonders frühreifer Knabe. Der Zeitraum des Falls schien ihn» unendlich. Dann dachte er aneiuenVersuch, sich zn retten, fühlte aber, daß dieser vergeblich sein lviirde, und daß er sterben müsse. Dann saß er nnbeiveglich und sah nun äußerst schnell und kaleidoskopisch einzelne Episoden seines Lebens an sich vorüberziehen, und zwar nicht als geschlossene Reihe und chronologisch umgekehrt. Es waren nur Ereignisse der letzten drei bis vier Jahre, aber in außerordentlich scharfen, klaren Bildern; so z. B. eine Vorstellung von dressierten Hunden, die der Knabe vor einigen Tagen gesehen hatte, Priigelscenen mit seinen Kameraden, der Tod seiner Mutter und andres mehr. I» den meisten Fällen ist auch der Todeskanipf schmerzlos, da die Fiihllosigkeit schon eingetreten ist.„Hätte ich nur die Kraft, eine Feder zu halten," murmelte W. Hunter Ivcnige Mow cute vor seinem Tode,„so wollte ich sie benutzen, um aus- zudrücken, wie leicht und gut es ist, zu sterben."— Meteorologisches. — Ueber ein seltenes Naturereignis wird süddeutschen Blättern berichtet. Am Pfiiigstsomitag unternahmen drei Müuchener Herren, unter Begleitung eines Führers, von Kufstein aus über Elmau, die Gaudeamushütte und das Elmmierthor eine Besteigung der hinteren Goinger Haltspitze, 2194 Meter hoch. Sie wurde gegen 4 Uhr nachmittags erreicht, um Ivelche Zeit sich bereits drohende Ge- Witter über das Kaisergcbirge zusammengezogen hatten. Während ihres halbstündigen Aufenthalts auf der Spitze nahmen die Herren mehrere photographische Ausnähmen vor. Sie Ivaren eben im Begriff sich zum Abstieg vorzubereiten, als sie von einer e l ekt ri s ch e n Erschütterung ergriffen ivurden. Man vernahm ein eigentüm- lichcs Sausen, das zuerst für Gewitterwind gehalten lviirde, und gleich darauf hatten die Herren eine Empfindung an der Gesichtshaut, als ob sie von Spinngeweben umgarnt wären. Gleichzeitig bemerkten sie. daß die Haare zu Berge gerichtet waren und ei» Knistern in den- selben, ähnlich wie bei elektrischen Funkenüberspringnugen, vernehm- bar war. Die Haut der Hände suhlte sich an, als ob sie gewaltsam in die Höhe gezogen würde. Von den Spitzen der Eispickcl ging ein äußerst lebhaftes Knattern aus. und die Enden der Eisenteile sprühten elektrisches Feuer. Die Herren waren natürlich über diese elektrischen Erscheinungen sehr erschrocken und machten sich schleunigst auf den Abstieg. Als sie etiva 50 Meter unter- halb der Spitze angekommen waren, fing es heftig zu hageln an und der elektrische Bann war auch gebrochen. Der Führer, der sich während dieses Naturschauspiels etwa fi'infzig Meter tiefer, auf der Suche nach einem kürzeren Wege nach der Griesener Alpe befand, kehrte, als er die Herren eilenden Schritts absteigen sah, zur Spitze zurück, um die zurückgelassenen Rucksäcke zu holen. Wie die übrigen Touristen, so wurde auch der Führer während des kurzen Aufenthalts ans der Spitze von de» elektrischen Erschüttermigen ergriffen. Die Gewitterwolken, die von Südost kamen, verzogen sich rasch und ebenso die Hagelniedcrschläge, so daß die Touristen annehmbares Welter auf ihrem Abstiege halten. Dieses nur selten auftretende Nattirercignis— der geschulte Kaisergebirgführer hatte dergleicben»och nicht erlebt— darf als eine elektrische Ausgleichung zwischen der Erde und den Wolken ausgelegt lvcrden; wäre sie bei Nacht eingetreten, dann lvnrden die Touristen a» ihrem Körper eine Art St. Elmsfeuer beobachtet haben.— Humoriftifcyes. — Das letzte Hindernis. Jockey:„Englisch kann ich, Sekt trink' ich, mit dem Prinzen von Wales Hab' ich gesprochen, eine Baronin Hab' ich zur Freundin,— wenn ich nun noch Schuldet» hätte, ivär' ich ein Herren reiterl"— — Singular und Plural.„Siehst Du dort die zwei Herren, den Schäbigen und den Eleganten?" „Ja l Wie kommen die zusainmen?' „Ja, weißt Du, das sind Brüder. Der Schäbige ist ein armer Teufel; der macht Bücher. Und der Elegante ist Millionär; der ist Buch nincher."—(„Lust. Bl.") Notizen. — Ueber Peter Hille spricht am Freitag Herr LubliuSki in» Vercilishaiise Riederwallstr. 11.— — Amtsdeutsch. In einer G r a z e r Zeitung stand llniäugst folgende Belaiiutinachung:„Die mit den in letzterer Zeit rücksichtlich der Aushebung der Briefkasten in» Poinerinm von Graz durch- geführte» Verbesscrnngcu im Zllsan»»enha»ge stehende Ernencrung der Orientierungstnfel» und Kontrollmarke» ist nunmehr bezüglich sämtlicher Briefkasten durchgeführt und»vird vom 25. d. angefangen nebst einer besseren Einteilung der Snnunclfahrtrnyous auch die be» schleunigte Entleerung einer Anzahl von Briefkasten der inneren Stadt mittels Dreirades platzgreifcn."— — Die Stadtverwaltungen in Brooklyn, New Uork und Philadelphia haben die besuchtesten Parkanlagen mit Bibliotheken versehen, die vom Publiknu» Ivährcnd seines Aufenthalts daselbst uuentgeltlich benutzt werden köinieu.— — Ein a k a d e n» i s ch e r V e r e i n für b i l d e n d e K it n st ist in M ü n ch e n gegründet worden. Er stellt eS sich zur Aufgabe, das Kunstintereffe in studentischen Kreisen zu fördern.— v. Der englische Musikdirektor Shcdlock hat soeben daS Glück gehabt, die Partitur der Oper„Die Königin der Feen", eines Werks von P u r c e l l, das man seit ziveihuudert Jahren ver- loren glaubte, wiederzlifindcn. Bereits im Jahre 1701 hatte die „London Gazette" eine Anzeige veröffentlicht, in der von feiten des Covent Garden-Theatcrs ein Preis von 420 M. deinjcnigeu geboten wurde, der die Partitur dem Theater wieder zustellen würde. Niemand gewann den Preis. Die verloren geglaubte Partitur aber befand sich seit 1337 in der Bibliothek der Mnsikakadcmie zu London, der sie vermacht ivorden war; indes hatte sich die Verwaltung der Bibliothek bisher nicht die Mühe gegeben, das Vermächtnis zu unter« suchen»lud katalogisieren.— — Liebermanns Bild„Das Altinännerhaus zu A m st e r d a n»" ist von ciuein Berliner Sammler für 32 000 M. in Paris, Ivo es bisher war, angekauft worden.— — In Straßburg sind unter dein Pflaster des Kleberplatzes altrömische Wandmalereien aufgefunden worden, die trotz starker Beschädigung noch eine deutliche Vorstellung von ihrer ursprünglichen Gestalt geben. Die Wandfläche umfaßt drei Felder. von denen zwei mit pompejanischem Rot gestrichen sind, das dritte mit einer Gartcnscene geschmückt ist. Eines der Bilder stellt Herakles dar, das Löwenfell»nit den» nach unten hängenden Rachen über die Schulter geivorfen,»vie er mit einer jungen Frau plaudert.— — B a u e r n s ch l a uh e it. Voriges Jahr hatte das Bezirks- amt die„Aufstellung" von drei Laternen z»lr Straßenbeleuchtung in Escheirlohe(Station der Lokalbahn nach Jarmisch-Partenkirchen) nirgeordnet. Die Gemeindeverwaltung hat die drei Laternen that- sächlich auch aufgestellt, aber nicht anzünden lassen, weil letzteres nicht ausdrücklich angeordnet Ivar.—___ Verantwortlicher Redacteur: Heinrich Wetzkcr in Gr.-Lichterselde. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.