Mntcrhattungsblatt des Vorwärts 5�. 111. Dienstag, den 11. Juni 1S01 Machdruck verboten.) 43� A v b v i k. Roman in drei Büchern von Emile Zola. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold N o s e n z Iv e i g. In trübes Sinnen versunken saß der Präsident Ganme in seinem Arbeitszimmer, wo er im„Journal de Beauclair" gelesen hatte, als der Hauptmann und Lucile eintraten. Der heftige Artikel gegen die Crecherie, desien Lektüre er eben vollendet hatte, schien ihm ungemein plump und ordinär, und er sprach ruhig diese Meinung aus. „Ich will hoffen, lieber Jollivet, daß nicht Sie diese Artikel schreiben, wie das Gerücht behauptet. Es ist zwecklos, seine Gegner zu beschimpfen." Der Hauptmann machte eine verlegene Gebärde. „O, was das Schreiben betrifft, so wissen Sic ja, daß ich nichts schreibe, derlei hat mir nie Vergnügen gemacht. Aber es ist wahr, daß ich Lebleu gewisse Idee» gebe, kurze Notizen, die ich rasch aufs Papier werfe, und die er dann durch ich weiß nicht wen verwerten läßt." Und da der Präsident noch inmier einen mißbilligenden Gesichtsausdruck zeigte, fuhr er fort: „Was wollen Sie? Man känipft mit den Waffen, die einem zu Gebote stehen. Wenn das vcrdamnite sudanesische Fieber mich nicht gezwungen hätte, meinen Abschied zu nehmen, so würde ich diesen hirnverbrannten Schwärmern, die unS durch ihre verbrecherischen Utopien zu Grunde richten, init dem Säbel Vernunft beibringen. Hinunelsakrament! Es>väre mir eine ivahre Wohltat, wenn ich ein Dutzend davon in die Pfanne hauen könnte I" Lucile, klein und zierlich, hörte schweigend zu und zeigte nur ihr kaum nierkliches rätselhaftes Lächeln. Sie warf auf ihren großen Mann mit dem martialischen Schnurrbart einen so sprechend ironischen Blick, daß der Präsident darin unschwer die heitere Geringschätzung las, die ihr dieser Eisen- fresser einflößte, mit dem ihre zarten, rosigen Händchen spielten wie die Katze mit der Maus. „O Charles", sagte sie,„sei nicht so wild, führe nicht solche Reden, die mir Angst einjagen!" Sie sah den Blick ihres Vaters auf sich ruhen, fürchtete. durchschaut zu werden, und setzte mit ihrer jungfräulich- unschuldigen Miene hinzu: „Nicht wahr, Papa, Charles thut unrecht, so in Hitze zu geraten? Mir sollten still und ruhig in unserni Winkel leben und Gott bitten, daß er uns endlich einen hübschen kleinen Jungen beschert." Gaume sah wohl, daß sie sich wieder lustig niachte, und vor seinem inneren Auge stieg das Bild des Geliebten, des blonden jungen Advokatengehilfen mit den blauen Mädchenaugen auf, den sie zum Spielzeug ihrer Gelüste ge- macht hatte. „Alles dies ist sehr traurig und schmerzlich," sagte der Präsident, ohne erkennen zu lassen, woran er dabei dachte. „Was sollen wir thun, was beginnen, wenn alle sich hassen und betrügen?" Er erhob sich mühsam und nahm seinen Hut und seine Handschuhe, um sich zu Delaveau zu begeben. Auf der Straße bemächtigte sich Lucile, die er trotz ihrer Auf- führung abgöttisch liebte, seines Armes, und er genoß ei)ien Augenblick köstlichen Vcrgcssens wie nach einem Liebesstreit. Ilin die Mittagszeit kani Delaveau zu Fernande in den kleinen, an das Eßzimmer stoßenden Salon im Erdgeschoß des vom ersten Qurignon erbauten kleinen Hauses, das nun dem Direktor als Wohnung diente. Es bot nur ziemlich be- schrünkteil Raum und enthielt im Erdgeschoß bloß noch ein Gemach, welches Delaveau als Arbeitszimmer diente und durch einen Holzgang nnt den Bureaux der Werke verbunden ivar. Im ersten und im zweiten Stock lagen die Schlaf- zimmcr. Seitdem eine junge, prachtliebende Frau hier wohnte, zeigten die alten Wände etwas von dem Glanz und dem Luxus, den sie sich erträumte. Als erster der Gäste erschien Bvisgelin, allein. „Wie?" rief Fernande mit dem Anschein lebhaften Bedauerns.„Süzanne kommt nicht?" „Sie läßt Sie bitten, sie zu entschuldigen," sagte Bois- gelin mit korrekter Liebenswürdigkeit.„Sie hat heute so starke Migräne, daß sie das Zimmer nicht verlassen kann." So oft es sich darum handelte, in das Haus Delaveaus zu kommen, fand Suzanne irgend einen Vorwand, um sich diese Verschärfung ihrer Leiden zu ersparen. Und Delaveau in seiner Verblendung war der einzige, der diesen Vorwand noch nicht durchschaute. Boisgelin sprach übrigens sogleich von etivas andrem. „Nun also, da wären»vir ja am Vorabend des viel- besprochenen Prozesses! Die Sache ist ja so gut wie ent- schieden, die Cröcherie ist im voraus venwteilt, wie?" Delaveau zuckte die breiten Schultern. „Mag sie nun verurteilt»verden oder nicht, was ver- schlägt uns das? Sie thut uns allerdings Schaden, indem sie die Eisenpreise drückt; aber wir konkurrieren nicht in der Fabrikation, und die Sache ist daher noch nicht ernst." Fernande, die heute herrlich schön>var, sah ihn erbebend und mit flammenden Augen an. „O, Du, Du kannst nicht hassen! Da ist ein Mensch, der alle Deine Pläne durchkreuzt hat, der vor Deiner Thür eine Koilknrrenzfabrik gegründet hat, deren Erfolg der Unter- ga»lg der von Dir geleiteten wäre, die ein fortwährendes Hindernis, eine fortlvährende Drohung für Dich bildet, und Du»vünscht nicht einmal sein Verderben! O, ich möchte ihn nackt in den Straßengraben gcivorfen sehen, dann wäre ich glücklich I" Vom ersten Tage ab hatte sie in Lncas den Feind gespürt, und sie konnte nicht ohne tödlichen Haß von dem Manne sprechen, der ihren Lebensgenuß bedrohte. Das »var in ihren Augen das größte, das einzige Verbrechen, sie verlangte für ihre stets»vachsende Gier nach Vergnügen und Luxus immer größere Geivinne, eine blühende Fabrik, Hunderte von Arbeitern, die vor dein Glutrachen der Oefen das Eisen kneteten und sonnten. Sie war die Geld- und Menschen- verschlingcrin, deren Heißhunger die Hölle mit ihren Dampf- hämniern und ihren gcivaltigen Maschinen nicht stillen konnte. Und was sollte aus ihren Hoffnungen auf eine glänzende, verschwenderische Zukunft, auf ge- wonnene und»vieder vergeudete Millionen werden, wenn die Werke. zurückgingen, wenn sie der Konkurrenz erlagen? Sie gönnte daher weder ihrem Manne noch Boisgelin Ruhe, stachelte sie auf, drängte sie zur Gegenlvehr, ergriff jede Gelegenheit, um ihrem Zorn und ihren Befürch- tungen Worte zu geben. Boisgelin, der es ünter der Würde seiner Vornehmheit fand, sich nn geringsten mit den Geschäften der Werke zu be- fassen, sondern der lediglich deren Erträgnisse als schöner und geliebter Mann, als eleganter Reiter und Jäger mit vollen Händen verbrauchte, konnte sich doch eines leichten Schauers nicht erwehren, als er Fernande von der Möglichkeit des Ruins sprechen hörte. Er wendete sich an Delaveau, in den er unbedenkliches Vertrauen setzte. „Du hast keinerlei Befürchtung, wie? Es geht doch alles gut hier?" Der Direktor zuckte wieder die Achseln. „Ich wiederhole Dir, daß wir noch nicht berührt sind. Die ganze Stadt erhebt sich gegen den Mann, er ist ein Tollhänsler. Bei dem Prozeß wird sich seine ganze Un- populantät zeigen, und dieser ist niir deshalb»villkommen, »veil er ihm in der öffentlichen Meinung Beauclairs den Rest geben»vird. Ehe drei Monate um sind, werden alle Arbeiter, die er uns»veggenommen hat. init aufgehobenen Hände»» ko Minen und bitten, daß wir sie»vieder aufnehmen. Es wird sich dann deutlich zeigen, daß nur die Autorität Berechtigung hat und. daß die Befreiung der Arbeit ein Unsinn ist; der Arbeiter taugt nichts mehr von dein Augen- blick an, wo er fein eigner Herr ist." Es trat ein kurzes Schiveigeil ein; dann fuhr er lang- samcr und leicht verdüsterten Blickes fort: „Gleichivohl sollten»vir eine geivisse Vorsicht nicht außer acht lassen; die Cröcherie ist keine zu verachtende Konkurrenz, und das einzige, was»nich beunruhigen würde, wäre, daß »vir im Falle eines plötzlich ausbrechenden erlisten Kampfes nicht über die nötigen Kapitalien verfügen»vürden. Wir leben zu sehr von einem Tag zum andern; es wäre nötig, einen ausgiebigen Reservefonds zu gründen und dafür jähr- lich sagen wir ein Drittel des Reingewinns zurückzulegen/' Fernande unterdrückte eine Gebärde unwillkürlichen Protestes. Sie fürchtete nichts mehr, als daß die Geldmittel ihres Geliebten sich verminderten, und daß die Befriedigung ihrer Prunk- und Genußsucht darunter leiden könnte. Sie mußte sich darauf beschränken, Boisgelin einen Blick zuzuwerfen! dieser erwiderte jedoch schon tms eignem Autriebe rasch: „Nein, nein, lieber Freund, nur jetzt nicht, ich kann nichts erübrigen, ich habe zu große Ausgaben. Ich der- sichere Dich übrigens noch einmal meiner Dankbarkeit, denn Du bringst nur reichere Erträgnisse ein, als Du mir in Ans- ficht gestellt hast. Später werden wir sehen. Wir sprechen noch darüber." Aber Fernande blieb. nervös, und ihr geheimer Zorn machte sich gegen Nise Lust, der das Stubenmädchen allein zu essen gegeben hatte, und die mm hereinkam, um guten Tag zu sagen, ehe sie sich zu einer kleinen Freundin begab, bei der sie den Nachmittag verbringen sollte. Sie war nun bald sieben Jahre alt, ein reizendes, rosiges, immer lachendes ftind, mit einem wirren, krausen Köpfchen blonder Haare. „Hier sehen Sie ein ungehorsames Kind, lieber Boisgelin, das mich noch krank machen wird. Fragen Sie sie doch, was sie neulich nach dem Vesperbrot gethan hat, zu dem sie Ihren Sohn Paul und die kleine Louise Mazelle geladen hatte." Ohne im geringsten in Verlegenheit zu geraten, fuhr Nise fort, heiter zu lächeln, und sah alle Leute mit ihren strahlenden blauen Augen an. fuhr die Mutter fort,»sie wird ihre Schuld nicht bekennen. Trotz meines zehnmal wiederholten Verbots hat sie wieder die alte Thür in der Gartenmauer geöffnet und die ganze schmutzige Bande von der Cröcherie Hereingelaffen. Dazu gehört unter andern der kleine Nanct, ein abscheulicher Junge, in den sie sich vernarrt hat. Ihr Paul war übrigens auch dabei, ebenso Louise Mazelle, und sie alle sind gut Freund mit der Kinderschar dieses Bonnaire, der uns in so unschöner Weise Verlaffen hat. Jawohl, Paul bildet ein Paar mit Antoinette, Louise mit Lucicn, und Fräulein Nise nebst ihrem Freund Ranet waren die Anführer bei der gemeinschaftlichen Verwüstung der Gartenbeete I Und Sie sehen, sie wird nicht einmal rot vor Scham I" „Das ist nicht wahrl" erwiderte Nise unbefangen mit ihrcni hellen Stimmchcn.„Wir haben gar nichts verwüstet, wir haben ganz brav miteinander gespielt. Und Nanet ist sehr lustig." Diese Antwort brachte Fernande vollends in Zorn. „So, Du findest ihn lustig? Höre, wenn ich Dich noch einmal mit ihm beisammen sehe, bekommst Du acht Tage kein Dessert. Ich will nicht, daß wir durch Deine Schuld mit den Leuten da nebenan zu thun bekommen. Sic würden überall herunigehen und sagen, daß wir ihre Kinder anlocken, um sie stank zu machen. Verstehst Du, diesmal ist es Ernst, und Du bekommst es mit mir zu thun, wenn Du noch einmal mit diesem Nanet zusamnieutriffst I" „Ja, Mama," sagte Nise mit ihrcni fröhlich-unbekümmerten Lächeln. Als sie alle Anwesenden der Reihe nach geküßt hatte und mit dem Stubenmädchen fortgegangen war, sagte die Mutter noch: „Ich werde ganz einfach die Thür vermauern lassen, um diesem Kinderverkehr ein für allemal ein Ende zu machen. Nichts ist verderblicher als das Spielen mit solchen Ge- nossen, die Kinder können sich da alle möglichenKrankheitenholen." Delaveau und Boisgelin hatten sich nicht eingemengt, da sie die ganze Sache für eine unwichtige Kinderei hielten, aber sie waren der Ordnung und Disciplin wegen mit strengen Maßregeln einverstanden. Die Zukunft sproßte jedoch un- aufhaltsam weiter. Nise bewahrte in ihrem eigensinnigen Köpfchen und Herzen das Bild Nanets, der so lustig war und so hübsch spielen konnte. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten) UVienev Mittgrlfpielbvief. Sehr geehrter Herr Rcdactcur! Was war das doch für eine Illusion, der wir uns Hingabe», als wir verabredeten, ich solle eine» Aufenthalt in Wien dazu benützen, Ihnen ein Bild zu geben von der heutigen Fori» der alte» Wiener Gemütlichkeit I Wie schön malten wir imS dies ans der Feme ans! lind selbst an? einiger Nähe, im hineilenden Zug, als endlich der Stefansturm fichtbar wurde und unser ganzer Wagenabteil(um zeituiigsdculsch zu reden) sich wie Ein Manu erhob und rief:„Serwatz alter Steffel 1"— da glaubte ich schon, ich hätte sie. Und dann weiter als nns die neue Elektrische durch die neuen Hänsermasieu der ehe- mals so anigen Brigittcnau führte, vorbei an irgend einem Kram- laden, der sich„Brigittenauer Louvrc" nennt— ba glaubte ich sogar, der gemütliche Altwiener sei als ein unverglcichlichcr Satiriker neu erstanden. Nun ging es ftischgemnt durch die Straßen und in die Häuser. nm die.alte Wiener Gemütlichkeit" in ihrer.heutigen Form" zu finden. An der„Wien", dem ruhmlos schleichenden und ruhelos überstadtbahnten Riechwässerchen, hatte ich gerade eine der glmic»- reichsten Stätten Altwiens vor mir: das.Theater an der Wien", das.k k. privilegierte". Nicht etwa in seinem Glanz, am aller- Ivenigslen mit einer Wiederaufführung seiner berühmtesten Premiere, der von Mozarts Zauberflöle vor 110 Jahren. Halb schon i» Schutt»»d Staub gerissen, bröckelte eS vor mir dahin, um— falls wir dem guten Schiller diesmal trauen dürfen— das„neue Leben aus den Ruinen blühen" zu lassen. Herr Redacteur! Hätten Sie die Giebel- gnippc des Theaters mit dem Papageno gesehen, der sich da über Gerninpel und Gcbröckel noch aufrecht hielt— Sie hätten den Tag verflucht, an deni Sie mich etivas«lt-Gemütliches in Neu-Wiei, suchen hießen! Indessen ist ja ganz in der Nähe die„Secession" und'als AnS- stcllung diesmal eine Reihe von Oel- und Wasserwerken Johann Victor Krämers zu sehen. Wiener Backhendcl, das Symbol jener Gemütlichkeit, malt er nun gerade nicht. Aber wenn Sie mir eine Redensart verstalten wollen, die zwischen„dalkert" und„geschwollen" die richtige Mitte hält, so lassen Sie niich ausholen wie folgt: das jubelnde Sonnenlicht, das wir im übertragenen Sinn des Wortes an der Donau zu finden hofften— in Kräiners Werken ist es im unübertragene» Sinn des Wortes auf die Leinwand übertragen. Im Ernst: Der Gang stand dafür,»nd ich wünschte Ihren werten Kunstrefcrcnten Herrn— bl an meine Stelle. Wie schön könnte er da sagen:„Krämer fällt aus dem Rahmen des gegenwärtigen lieber- maßcs an Mittelmäßigem in den Knustschaubudeii sehr vorteilhaft heraus"! In der Thnt lernte ich kaum jemals einen Maler leimen, der so wie Krämer im stände ist, mit Klexen nnd Reflexen zu hexen. Theatralisch und„hingestellt" ist auch bei ihm nicht weniges! doch seine Stadlbilder und seine Gartenblickc„haben's mir an« gethan". Ich bitte recht sehr: dispensieren Sie mich nur noch eine kleine Weile von meiner Pflicht des Wiener Suchen»; ich habe heute so etivas wie eine» Farbcndurst, und da möchte ich schnell noch sehen, wie sich das Schönste, was es weit und breit an Malerei giebt: die alten Venclimler, in ihrer jetzigen Aufstellung in Gottfried Sempers Mnseumsbau ausnchmcn. Also nur schnell durch den marmorstrotzenden Vorraum des Museums, vielleicht die prächtigste Jmicuarchitektur, die ich jemals sab, hinein zu Tizian und zur„Justiua" MorettoS und zu den Wiener Stadtbildern CanalettoZ(allerdings aus einer vorbackhendligcn Zeit) i dann noch eil« fliegendes Busserl den Veiictiauerinneu Palma Vecchios zu- geworfen, und ich stehe mm wieder auf den Straßen Wiens zu Ihrer Verfügung. Wohin aber nanu? Lasse» Sie mich's kurz machen: Wie» ist furchtbar ernst geworden I Ob sich manche Leute das überhaupt vorstellen köiiilen. daß der Wiener jetzt in politische Versammlungen geht, obendrein in socialdemokratischc? Und nun verraten Sic mich nicht, lind sagen Sie nur ja niemanden«, was mir da für ein Einfall und leider auch für ein Ausfall'gekommen ist! Sic werden selbst in i ch der Idee kaum für fähig hatten, auf die ich geraten bin. t Ich kalkulierte nämlich ganz einfach so: wenn irgendwer mir einen treffenden Bescheid gebe» kann, wo denn jetzt das echte Wicnertum sitzt, so muß es die Wiener„Arbeiterzeitung" sein. Setzte mich also rasch i» einen der berühmten darmerschlltierudcn Omnibusse, die so großartiges an innerer Massage leisten, daß dem verstocktesten Patienten leichter werden muß. und ließ midi die Mariahilfcr- straße anstvärts zur neuen Residenz der Redaktion karre». Dort trat ich mit Heldenmut hin vor die beiden künsligen Bürgermeister Wiens, vor die Herren Dr. Victor Adler und Engelbert Pernerstorfer, «md schrie sie mit Donnerstimme an:.Wo find die Wiener Back- Hendel?!" Sehr geehrter Herr Redacteur! Sie sind gewiß auch schon oft im Traum geflogen. Sicherlich aber sind Sie, selbst in Ihren kühnsten Träumen, niemals so blitzschnell, so stilccht, so Ivcltdurch- dringend geflogen wie ich ans den vier Armen jener Redaktion hin- ausflog über die Mariahilferftraße bis hinein in die innere Stadt, vorbei an Tilgners Mozart-Denkmal, von dem ich einen der ab- stehenden Engelsflügel im Fing wegriß. Bis ich mich endlich in der verbreiterten Kärnttirrstraße— schön, wie mir ein Wiener Straßenbild sein kann(nämlich die Kärntnerstraße)— auf festem Boden«vieder- fand, mich nur noch ein paarmal um meine eigne Axe drehend. Ein mitleidiger Herr fing mich ans. Er sah so echt wienerisch aus, über dem Gesicht die.Sechser, net z' groß und net z' van", auf dem Kopf den gebügeltsten.Stösser", und er fragte mich so weichherzig: .tzab'n'S Eahna waS'tha'?", daß ich mich sofort in die �Situation fand nnd ihn ganz winselweich fragte:„Ach, bitte Sie� können Sie mir nicht bielleicht sagen, Ivo denn die alte Wiener Gemütlichkeit ist?" Wurde aber der knchsteufelslvild I„Existiert nicht mehr I" vang es scharf schriftdcnlsch von sciiicn Lippen..Wa�a—s?" stöhnte ich, während sich um itnS bereits eine MeiischeinneiM an�esannnelt hatte. Da lvnte es aus ihr von irgend einem»nsichidare» Maul auf mich zu:„Na so genge» S' halt in'» Pratcr und setzen's Eahna in aue Godlhutschen!" Was eine Godlhutschen ist, fragen Sie mich, sehr geehrter Herr Nedacteur? Also: ivenn die halbwüchsigen Wiener Mcuschenlinder zur Firnunig geführt werden, so haben sie nach katholischem Brauch einen Pathc», den Herrn Göd, beziehungsweise eine Pathiu, die Frau Godl; selber heihen sie aber ebenfalls„Godle"; und nach der Firmung geht es in den Prater zu allerhand„Hetz", z, B. zu den Schauleln, so da„Hntschen" heißen; und das sind dann ganz einfach die Godlhutschen. Zu diesen also— es ist ja gerade Finnwoche— eilte ich. Alle Achtung vor ihnen! Doch das sind sie nicht, was das Ringelspiel ist. Glauben Sie mir: in der ganzen Welt versteht man das Ringelipielsahren nicht so aus dem ff wie in Wien I Sich für nichts und wieder nichts um sich selber drehen, das vermag keiner so gut wie der Wiener— ich meine den Wiener, bei dem>vir finden wollen, ivas wir jetzt suchen. Und diese Variationen der Ringelspiel- tcchnik, sogar bis zu einem Ringelspiel im Wasser, mit„Godl- schinnakeln": da Ivar es nicht mehr nötig, erst noch ins Parlainent zu wandern, unr die Wiener Ringelspielkunst zu studieren. Und nun iveiter in die Hauptallee des„Nobelpraters", zur Praterfahrt der noblen Leute I Man muß sie nur richtig studieren. Was der Wiener„Tratsch" ist, wisse» Sie wohl: jene ganz eigenartige Species des alldeutschen und allmenschlichen„Klatsches". Allein zu einer kulturhistorisch merkwürdige» Höhe, zu einem „Uebertratsch", erhebt er sich bei den Passanten jener Korso- Allee. Als ich da hinter einigen Wienern und Wienerinnen herging, lauschend, Ivas ich erhorchen könne, stieg mir erst das richtige Licht oder vielmehr gleich ein ganzer Seifensieder auf. Der Wiener ist, wie mir scheint, zwar kein guter Menschenkenner, aber ein erfahrener Kenner von Typen und ein geschickter Menschen- beobachter. Wie da die Leute vor mir die Wagerlmenschen klassifi- zierten, nach eine m Blick, mit einen» Wort; wie sie die echten uud die falschen Aristokraten, die echten und die falschen Brillanten durchschauten; wie sie den Typus des Pferdehändlers, der fährt, als wotlrc er alles niederreißen, den Typus des pfcrdeschonenden Equipagenbcsitzers und den des pferdeniarternde» Protzen i»n„Un- nunierierten", den Typus des Hoteliers, den des Bnchinachers, den des Zeitungsverlegers— eines jeden mit seiner„Weltdame", der Wiener Mondaine——— „Aber Mensch, lassen Sie uns doch mit Ihrer systeniatischen Kulturgeschichte in Ruhe," höre ich Ihre Redactenrstimme rufen, „und sichren Sie uns endlich dahin, wohin Sie uusen» Auftrag haben!" Halten zu Gnaden. Herr Nedacteur z Wien ist verteufelt ernst geworden. Ich tvills nun noch rasch mit dem Jantsch-Thcater im Prater, gleich neben den» Riesenrad, versuchen; hat»nich ja bereits ein verziveiseltes Opfer meiner Fragen nach dem echten allen Wien d,»hingeiviesen. Also: Gastspiel voii Carl Blase!— bravo! braver Main», braver Künstler I Spielt eben in der Posse:„Ein braver Ehemann" oder„Drah'n nia»in— und— drah'n ma auf I" Nun soll ich Ihnen vielleicht eine Theaterkritik schreiben, soll die Koinpo- sition einer„Don-Schuancrei" schildern, andeuten, wie der Don Juan, nämlich der Privatier Vincenz Pichler, zur Konscrvatoristin Anna Koch sagt:„An dem Goschcrl möcht' i gern kiefeln:"—---? Denken Sie sich viel lieber einfach, Ihre dortigen Herren Referenten»värcn hier und schrieben an meiner Statt. Wie es Herr E. S. machen würde?„Das Stück ist eines der berüchtigten Milieustücke. Ich kenne die Stücke dieser Kategorie nicht. Ich weiß nur, daß sie so tief bohre», wie die Stecknadel, die ein Globetrotter in den Himalaha steckt. Es erübrigt sich, darauf näher einzugehen." Und Ihr Herr Mufilrefereiit sz würde sagen:„Nicht als ob die Musik nicht hätte iin stände gewesen sein sollen, die feinen sowohl wie auch die groben Konturen der Seelenwelt des vor uns allinählich klar werdenden Wiener Milieus bis zu den letzten Fasern, welche sich aus den Accordlagen, die freilich jeder Polyphonie entbehren, ergeben, nachzuzeichne», so kann Nim» in ihr doch zunächst unbeschadet mancher— allerdings nicht vieler, aber zunial eine nähere Beweisführung verdienender— Vorbehalte eine Kraft des(bald mehr dramatischen, bald»»»ehr bllhnen- effektischcn) Ausdrucks anzuerkennen versucht zu sein meinen." „Und das soll ein Wiener Ringclspielbrief sein", höre ich Sie wettern? Verzeihen Sie, aber Wien ist so furchtbar ernst gelvorden, daß mir aller Spaß verging— und der Emst erst recht!— Wien, in der Godlwoche 1901. Ihr trauriger C I a u n u s. Kleines Feuillekon. Liebenswürdige Einsender. In der„Kölnischen Volks- Zeitung" lesen wir:„Die einförmige Thätigkeit eines Redacteurs, die ja,' wie allgemein bekannt, wesentlich in der Handhabung der Schere und des KlebepinscIS besteht, hat auf diese Menschen, die ihren Beruf verfehlt haben, eine derartig abstumpfende Wirkung, daß gutgesinnte Eidgenossen beiderlei Geschlechtes sich in höchst- verdienstlicher Weise bemühen, diesen Stand, so viel in ihren Kräften steht, wenigstens einigermaßen zu heben und zivar zunächst geistig, womit sich denn auch schüchterne Versuche, die materielle Lage besser zu gestalten, in zwangloser Art verbinden. Un» gleich ein Beispiel für das letztere anzuführe», so ist es einigermaßen zweifelhast, ob die Einfender oder besser Einsenderinnen von„Artikeln"— so werden nämlich oft auch die kürzesten Mitteilnngeu von den bescheidenen Einsendern genannt— den Redacteur mehr als Ehemann oder als Junggesellen im Auge haben,»venu sie ihn mit der Zusendung von Stecknadeln beglücken; als Ehemann kömrte er diese Nadeln ja seiner überraschten Gattin zur Verfügung stellen, als Junggeselle aber hätte er Gelegenheit, Risse an aussprechlichen oder»»naussprechlichen Stellen damit zu schließen. Um die Wohlthat weniger aufdringlich erscheinen zu lassen, werde»» die Nadeln so angebracht, daß es den Anschein gewinnt, als sollte die Reihenfolge der beiden Blätter, aus denen häufig der Artikel besteht, nicht gestört werden; die Blätter werden nämlich säuberlich mit der Nadel zusammengestochen; daniit anderseits aber der Redacteur die ihm zugedachte Wohlthat nicht übersieht, wird aus zarter Anfnierksnmkeit die Nadel mit der Spitze so angebracht, daß er beün Oeffnen des Briefs, mich wenn er ganz blind wäre, doch wenigstens durch den Gefühlssinn der guten Absicht seiner Gönneri» ini»e würde. So weit icv beobachten konnte, hat diese ebenso schöne wie wohlthätige Sitte ihren Ursprung in Amerika; an und für sich ist das auch schon zu schließen aus der großen Ueberlegenheit, mit der im Vergleich zu europäische»» Ein- senden» die Nadeln in das Papier gekeilt sind; auf diese Weise wird den, Empfänger Gelegenheit zu einem frohen Triumphgefühl gegeben, wem» es ihm endlich gelungen ist, das Kleinod loszulösen und damit den ackitus ad lectionem gewonnen zu haben. Es giebt aber auch noch eine andre sehr beliebte Methode zur Festhaltung der Reihen- folge der Blätter; diese wird von Leuten vorgezogen, die dem wichtigen Alt des Schreibens einen recht nachdrücklichen Abschluß zu geben wünschen; nicht indem sie das Geschriebene auf a»isgelassene, unleserliche, weniger glücklich gewählte Wörter und Sätze revidieren, sonder» indem sie ihre Blätter kongruent überei»ia»der legen, eine Maschine herbeiholen, eine Klammer einsetzen, die Blätter»nit einer Ecke einschieben, dann ein Schlag, und mit einem goldglänzendcu Eselsohr verschen, komint die Einsendung wieder hervor, die den Redacteur beglücken soll, indem sie ihn an die anderweitigen Samm- lungen von Äbreißpapier erinnert. Glücklicherweise giebt es neben diesen doch iioch nianche andre, die die Größe in der Einfachheit finden und den» Redacteur Zerstreuung durch die Zerstreniliig— nämlich der Blätter bereiten. In besonders zarter Weise kann ein Korrespondent den» Redacteur andeuten, wie sehr er beschäftigt und sollst in Ansprucb genomnien sei, wenn er die Blätter seiner Ein- sendung in der Reihenfolge aufeinanderlegt, wie er sie geschrieben, so daß der Redactelir das Lesen gleich mit den» obenauf liegenden Schlußblatt beginnen kann und Respekt vor der Eile bckomnit, init der leider der vielbeschäftigte Korrespondent gezivungen ist, seine Briefe abzuschicken, hat ja doch er, der Redacteur, bei seiner vielen Muße, um nicht zu sagen bei seincin faulen Leben, kaum eine Ahnung von dein, was Eile heißt usw."— k. Seltsame Statue». Vor kurzem wurde von einem Amerikaner der Vorschlag gemacht, in Chicago ei» Denkmal ans Kohlen zur Erinnerung an den Mann zu errichten, der dieses Mineral zuerst in die Vereinigten Staaten einführte. Iin Anschluß an diese Nachricht erinnert ein englisches Journal an eii»e Reihe andrer eigenartiger Statuen, die von Zeit zu Zeit errichtet worden sind und zum Teil noch bestehen. So sind»nehrere Statuen aus Salz bekannt; die schönste in der Welt findet man bei Krakau in Galizien. Das Bildwerk stellt Kosciuszko dar und hat eine Höhe von 28 Fuß. Der Bildhauer brauchte ein ganzes Jahr zur Anfertigung, da das Steinsalz sehr leicht zer- brechlich ist. Obwohl die Figur schon länger als dreißig Jahre steht, ist sie doch noch vollkommen erhalten, da sie z»im Sckmtz vor den Einflüssen der Witterung von einen» Gebäude»imgeben ist. Eine sehr schöne Salzstatue wrirde 1893 in Winsford in Chcshire genieißelt. Diese ist eine genaue Kopie in kleinerem Maßstabe von der un- geheuren Freiheitsstatue, die die Franzosen den Amerikanern geschenkt haben»nid die in, Hafen zu New Dork steht. Die Salzstatue hat eine Gesamthöhe von 12 Fuß 6 Zoll; die aus den» schönsten weißen Salz gemeißelte Fig»>r ist 5 Fuß 6 Zoll hoch und ruht auf einer Basis von bernsteinfarbenen» Salz, das die Felsen darstellt, auf denen die Freiheitsstalue errichtet ist. In der Fackel, die in der ausgestreckten Hand gehalten wird. wurde eine elektrische Lampe befestigt, die, wenn sie angezündet wurde, eine sehr hübsche Wirkung auf das glitzernde Mineral hatte. Eine der wertvollsten Statuen der Welt wrirde vor einigen Jahren voin Staate Montana ans der Chicagoer Weltausstellung ausgestellt. Sie ivar aus echtem Silber und stand auf einem goldenen Picdestal, das einen Wert von 1 Million Mark repräsentierte. Diese Statue stellte die„Gerechtigkeit" dar, ihr Gesamtwert wnrde auf über zwei Millionen Mark geschätzt; die berühn»te amerikanische Schauspielerin Rkiß Ada Reha»» hatte dazu Modell gesessen.— Erziehung und Unterricht. Mißstände in den englischen Schulen. Der„Frkf. Zeitung" wird aus London berichtet: Die Zeitung„Schoolmaster" veröffentlicht eine Ucbersicht über die Ergebnisse des U n t e rr i ch l s- Wesens in England während des verflossenen Jahres. Eine Thatsache ist zunächst höchst bemerkenswert, daß nämlich täglich über eine Million schulpflichtiger Kinder in den Elementar- schule» von England und Wales dem Unterricht fern- bleiben, und zwar eine sehr grosse Zahl ohne geniigende Entschuldignng. In London allein beträgt die Zahl dieser Fehlenden 100000 täglich. Diese Kinder bilde» die Nelruten für die grohe Armee der Tagediebe nnd Verbrecher. Dabei ist es erstaunlich, daß die Eltern, die es versäumen, ihre Kinder zum Schulbesuch anzuhalten, dies jahrelang ungestraft thun, und wenn sie überhaupt vorgeladen werden, mit einer Wanmng oder einer sehr geringen Geldstrafe davonkommen. Interessant sind die Berichte der S ch u l« I n s p e k t o r e n. Der Inspektor des Stoke- Distrikts schreibt zum Beispiel: »Schnlbehörden auf dem Lande, die ans Farmern ge- bildet sind, thun eigentlich gar nichts, den Schulbesuch zu fördern." Ein andrer Inspektor, der für Wales, schreibt:„Fast ein Viertel der schitlpflichtigen Kinder fehlt jedesmal, wenn die Schule geöffnet wird." Kein Wunder, dast Eltern es fiir einträglich halten, ihre Kinder, statt in die Schule, auf Verdienst zu schicken nnd dabei die etwaigen Strafen zu zahle». Der Bericht ivcist dann auf den Umstand hin, dast England dadurch hinter fast allen andren Ländern zurück- steht, dah die Altersgrenze für die Schulpflichtigkeit hier bereits mit dem 12. Lebensjahr erreicht ist. Von 600 000 Kindern besuchen nur cttva 50 000 zwischen dem 14. und 15. Lebensjahr die Schule. Weiter spricht sich der Artikel über das Lehrerpers onal aus. Zunächst wird darauf aufmerksam gemacht, das; der Lehrberuf in ge- geivaltigein Masse an Frauen übergeht. 1851 waren etwa 70 Proz. der Lehrer in England und Wales Männer und 30 Proz. Frauen. 1870 Ivar das Verhältnis der Geschlechter genau gleich nnd 1000 waren 75 Proz. Frauen und 25 Proz. Männer. Folgende Klassi- ficiernng des Lehrpcrsonals an englischen Elementarschulen nimmt der Verfasser vor: Unter unserem Untcrrilbtssystein werden folgende vier Klassen von Lehrern anerkannt: 1. Völlig geprüfte und ans- gebildete Erivachsene. 2. Lehrer, die als„Puxil teacheis" seine Art Lehrer- Lehrlinge, die, selbst noch Schüler einer höheren Klasse, in niederen Klasse» beim Unterricht assistieren nnd auch gelegentlich unterrichten) eine Lehrlingszeit durchgemacht, aber das Lehrerexanien nicht bestanden haben; diese hcissen „Ex- Pupil teachers". 3. Junge Mädchen über 18 Jahren, die überhaupt keine berufliche'Qualifikation besitzen, abge- sehen davon, dost sie nach Ansicht des Inspektors repräsentable junge Persönlichkeiten und mit Erfolg geimpft find. 4.„Pupil teachera". Heber die unter Nr. 3 genannten Lehrkräfte bemerkt der Verfasser:„Diese sind Lehrer„pvur riro". Keine Nation, die sich selbst achtet und der Erziehnng nnd Bildung ihrer künftigen Bürger Wert beilegt, würde die Qualifikation, die für diese Lehrkräfte als genügend betrachtet wird, dulden."— Geographisches. T r i st a n d a C u n h a. Diese kleine vnUanische Insel ztvischen ( mdafrika und Südamerika, mitten im Atlantischen Ocean gelegen. g-hört zu den einsamsten Punkten der Erde. Im Mai vergangenen Jahres war es Kapitän Otto, Führer des Schiffes„91. C. RickmerS", auf der Fahrt von Netv gork nach Hongkong möglich, mit de» wenigen Betvohnern des FelseneilandeS in Verbindung zu treten. In den„Annale» der Hydrographie" berichtet er, dast, als sein Schiff vier Seemeilen von der Insel entfernt ivar, ein mit nenn Personen besetztes Walboot längsseit kam und Fleisch, Milch, Eier zum Tausch gegen Mehl, Reis, Tabak»isiv. anbot. Auch alte Kleidungsstücke tvitrden niit Dank angenommen. Die Insassen des Boots ivaren gesund ans- sehende, kräftige Leute und beim Handel sehr bescheiden. Nach Ans- sage derselben lebe» auf der Insel geczemvärtig 63 Personen. Sic besitzen 5- bis 600 Stück lltindvieh sotvie zahlreiche Schafe. Jedes Jahr einmal kommt ein englisches Kriegsschiff, um die Post zu bringen nnd mitzunehmen, auch etwaige Ans- wunderer abzuholen. Die Ernte ivar 1900 schlecht aus- gefallen, da schivere Stürme dem Wachstum hinderlich gctvcsen waren. Fleisch, Gemüse, Eier, Butter, Milch, Kartoffeln sind auf der Insel in Ueberflnss vorhanden, es fehlt aber oft au Mehl, Thce, Kaffee, auch an Tabak, obgleich nur fünf Rancher auf der Insel leben. Schiffe laufen Tristan da Cnnha nur ganz vereinzelt an, seitdem der Wal- fang in diesem Meeresstriche außerordentlich zurückgegangen ist. Die Leute erzählten, daß in der letzten Zeit häufig Dampfer vorbei- gekommen seien, die aber nicht anhielten. Kapitän Otto vermutet, es icieil Transporlschisfe der englischen Regierung gcivesen, ivelche Vieh von den argentinischen Häfen»ach Kapstadt brachten. Nach- dem die Insulaner ctiva 45 Minuten an Bord getvesen ivaren, wurde Abschied genommen nnd die Besucher schieden, anscheinend sehr zufrieden mit dem gemachten Tauschhandel. Tristan da Ennha, nach ihrem portugiesischen Entdecker(1506) benannt, hat einen Flächeninhalt von 164 Qnadratlilometc.r und sein(erloschener) Vulkan erreicht eine Höhe von 2000 Meter.— Technisches. Färben von Gips. In der„Pharm. Centralh." wird ein Verfahren zur Färbung von plastischen Massen, besonders Gips beschrieben. Versuche, dein Gips sein kaltes Aenßere zu nehnien nnd ihin den warmen Ton einer antiken Bronzcnmasse zu verleihen, sind neneren Datums. Gewöhnlich geschieht letzteres dadurch, daß man die Figuren mit Farbe bestreicht, wodurch die feineren Konturen beeinträchtigt iverden. Ein neues Ver- fahren znr Erzengnng des antiken Aenßeren besteht nun darin, daß man die Farbe durch einen Reduktionsprozcß in der Masse hervorbringt. Verrührt man z. B. gebrannten Gips mit formaldehhdhaltigem Wasser nnd etwas Alkali nnd giebt die zur Erhärtung nötige Wassermenge, welche ein rcdncierbares Metallsalz gelöst enthält, hinzu, so erhält man eine vollkommen gleichinäßig ge- färbte GipSmasse. Je nach der Konzentratioii der Salzlösungen nnd der Wahl der Salze lassen sich die verschiedenartigsten Fnrbennüancen von schwarz, rot, brau», violett, Perlgran, bronzefarben erzeugen. Auch läßt sich der Farbeneffekt durch Znsatz geivifser Farben er- höhen. Bei der Darstellung einer bronzeähnliche» Masse von schwärz- lichcm Ton rührt man z. B. 50 Gramm Gips mit dem vierten Teil seines Gewichts Wasser an, das einige Tropfen Fonnaldehyd und etlvas Natronlauge enthält, und giebt die znr Erhärtung des Gipse? nötige Wasscrnienge Hinz», in der ungefähr 2 Gramm Silbersalz ge- löst sind. Um rote oder kupferfarbene, schivarze oder bronzefarbene Töne zu erziele», lasse» sich Gold-, Iknpfer- oder Silbersalze, Wismut- bezw. Bleisalze einzeln oder gemischt benutzen.— tdumoriftisches. — Aus der Umgegend. A.:„Wer schreit denn nur so mörderisch nach der Polizei?" B.:„Ach,'n Schutzinann, dem die Börse gestohlen tvnrde I"— („Simpl.") — Kleiner Jrrtu m.„Wie geht's, Herr Mayer, Ivas macht die Frau Gemahlin, tvie geht's Ihrem Sohn?" „Dank schön, Herr Nachbar— bin zufrieden!... Nur mit meinem Sohn, da ist's jetzt gaitz ans. Seitdem der beim 9indcr- klub, ist er ganz Sportsman. U eberall hat er jetzt sein Klub- zeichen„R. C."— im Krawatt'l, auf deir Manschettenknöpfen, an der Uhrkctt', und neulich bringt er gleich gar einen Thermometer heim mit dem allergrößten„E. C." drauf I"— — Das Großstadtkind. E l s ch e n(das bei einem Wald- spaziergnng znin erstenmal ein Veilchen siebt):„Mama, dieses Blümchen riecht ja nach P a r f u m l"— Notizen. — Im Schauspielhause Ivird nach den Ferien Goethes Lust spiel. DieMitschuldigen" znr Aufführung gelangen. — Die r h e i n i s ch e n F e st s p i e l e in Düsseldorf, bei denen die Mitglieder des Berliner Schauspielhauses in hervorragender Weise mitwirken, werden am 29. Juni beginnen. Am Ervffnnngs- abend wird Hebbels„Siegfried" mit M a t k o w Z k i gegeben werden.— — Für das Deutsche Theater wurde zur nächsten Spielzeit Herr Zeißler, bisher erster humoristischer Vater des Landes- Theaters in Prag, verpflichtet.— — Der„M u s e n st a l l" soll kein Ueberbrcttl werden, sondern das Klnblokal eines Vereins für künstlerische und litterarische Be- strebuiigen.— — Hans P f i tz n e r ist als K a p e l l m e i st e r für das Theater des Westens engagiert worden.— — Kapellmeister I n I i n§ Einödshofer ist vom Herbst dieses Jahres ab als K o in p o n i st und vom Jahre 1902— l904 auch als e r st e r K a p e l l m e i st e r für das Thalia-Theater verpflichtet ivorden.— c. Ein New Aorkcr Impresario ist, wie ein Pariser Blatt be- richtet, mit einer deutschen Occandampfer- Gesellschaft in VerHand- lungeii getreten, um ans seine Kosten aus ihren Schiffen Theater zu bauen. Die neuen Bühnen ans hoher See sollen schon in einigen Wochen eröffnet werde»; der Preis der Plätze wird 6 Fr. betragen, französische, englische nnd deutsche Gesellschaften sollen bereits engagiert sein.— — Zu den bereits bestchcndcn vier M ü n ch e n e r K ü n st I e r- gruppen ist soeben die fünfte„Die Wolke" ins Leben gerufen worden.— — Der vierte internationale Verlegerkongreß wurde gestern in Leipzig eröffnet. An 400 Verleger aller Kultur- Nationen sind erschienen.— '— Die An s g r a b n n g e n römischer U e b e r r e st e in der englischen Stadl S i Ich e st er sind nimmchr dem Ende nahe ge- diehen. Außer den schon früher aufgedeckten Gebäuden sind jetzt 41 vollständige Hänser bloßgelegt Ivorden, sowie Teile von 13 andern, zwei viereckige Tempel, die Ücberbleibsel des Westthors und eine christliche Kirche. Die Ansgrabungsstelle umfaßt ein Terrain von 100 Morgen, wovon drei Viertel nunmehr völlig erforscht nnd frei- gelegt sind.— — Der in Rom verstorbene Maler Adolf Müller be» stimmte testamentarisch die Zinsen eines Kapitals von 300 000 M. zum Ankanf von Knnstwerke» unbemittelter, aber begabter deutscher Künstler durch den Staat.— Berrmtivortlicher Nedactcur: Heinrich Wetzker in Gr.-Lichterfclde. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.