Ilnterhaltungsblatt des Worwürts Nr. 113. Donnerstag, den 13. Juni 1901 (Nachdruck verboten.) eo] sft U fr£ i f; Roman in drei Büchern von Emile Zola. AnS dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenzweig. Dies war ein erster schmerzlicher Schlag für Lucas. Sein Apostel-Optimisnms war allerdings nicht so naiv, daß er die Bosheit der Menschen nicht gekannt hätte. Indem er den Kampf gegen die alte Welt aufnahm, hatte er sich wohl ge- dacht, daß diese den Platz nicht räumen werde, ohne sich zu empören und sich zu tvehren. Und er war bereit für den Leidensweg, den er voraussah, für die Steine und den Kot, mit denen die undankbare Menge die Reformatoren bewirft. Aber sein Herz erzitterte dennoch, er fühlte all das bittere Leid nahen, das Dummheit, Grausamkeit und Lerräterei ihn verursachen sollten. Er sah mit einem Male, daß hinter dem Angreifer Laboque der ganze Kleinhandel, die ganze Bürgerschaft, alle die Besitzenden standen, die nichts von ihrem Besitz preisgeben wollten. Lucas praktischer Versuch der Association und Koope- ration bedeutete eine solche Gefahr für die kapitalistische, auf dem Lohnsklaventum beruhende Gesellschaft, daß er für sie zum gemeingefährlichen Menschen wurde, den es um jeden Preis unschädlich zu machen galt. Die Hölle, die Guerdache, die Stadt, die Macht in allen ihren Forincn, die kirchliche, die städtische, die staatliche, sie alle erhoben sich gegen ihn, käntpften gegen ihn, wollten ihn vernichten. Der bedrohte Eigennutz aller vereinigte alle, so daß sie einander unterstützten, einander in die Hände spielten, ihn mit einem solchem Netz von Fallstnckeu, Fußangeln und Hinterhalten umgaben, daß er fühlte, daß der kleinste Fehltritt sein Verderben sein mußte. Wenn er fiel, stürzte sich die ganze Meute auf ihn und zerfleischte ihn. Er kannte sie alle, er hätte sie alle beini Nanien nennen können, die Würdenträger, die Kaufleute, die kleinen Rentner mit den harmlosen Gesichtern, die ihn bei lebendigem Leibe hätten zerreißen mögen, wenn sie ihn an einer Straßenecke hätten umstürzen sehen. Mit kraftvoller Anstrengung unterdrückte er das schmerzliche Erzittern seines Herzens und lvaffnete sich für die Schlacht, iudeni er sich sagte, daß keine Schöpfung ohne Kampf möglich sei. und daß die großen menschlichen Werke stets mit dem Blute des Meisters gekittet werden mußten. An einem Dienstag, einem Markttag, wurde der Prozeß vor dem Civilgericht eröffnet, dem Ganme präsidierte. Beauclair war fieberhaft erregt, und die aus Nachbardörfern herbeigeströmten Marktbesucher steigerten noch das bewegte Leben aus dem Stadthausplatze und in der Nue de Brias. Von unruhiger Sorge erfüllt. hatte Soeurette Lucas ge- bete», sich von einigen kräftigen Freunden begleiten zu lassen. Aber er weigerte sich beharrlich. Er wollte allein zu Gericht gehen, ebenso wie er sich allein verteidigen wollte und einen Advokaten nur der Form wegen genommen hatte. Als er den kleinen und bereits von einer lärmenden Zuhörerschaft erfüllten Gcrichtssaal betrat, wurde es plötzlich still, und alle Blicke richteten sich auf ihn mit der harten Neugierde, mit der die Menge das einzelne, wehrlose Opfer enipfängt, das sich ihrer Wut darbietet. Sein gelassener Mut erbitterte seine Feinde nur noch mehr, sie fanden ihn herailsfordernd und unverschämt. Er stand ruhig vor seinein Sitz und sah unbefangen auf all die Leute, die sich hier drängten, erkannte Laboque, Dacheux, Caffiaux und andre Kaufleute inmitten der für ihn namenlosen Menge, Reihen von Gesichtern wütender Feinde, die er nie gesehen hatte. Und er empfand eine kleine Erleichterung, als er bemerkte, daß die intimen Freunde der Guerdache wenigstens den guten Ge- schmack besessen hatten, es nicht auch mitanzusehen, wie er den wilden Tieren vorgeworfen wurde. Man erwartete lange und heftige Reden und Gegenreden. Aber diese Erwartung wurde nicht erfüllt. Laboque hatte einen jener Provinzadvokatcn gewählt, die ob ihrer Bosheit bekannt find und den Schrecken einer ganzen Gegend bilden. Und der beste Augenblick für die Feinde LucaS' war in der That das Plaidoyer dieses Mannes, der, die Schwachheit der gesetzlichen Gründe fühlend, auf die der Entschädigungs- anspruch sich stützte, seine ganze Kunst darauf verwendete, die aus der Cröcherie versuchten Neuerungen lächerlich zu machen. Er erregte große Heiterkeit mit einem Bilde voll giftigen Spotts, das er von der künftigen Gesellschaft entwarf, und er rief laute Entrüstung hervor, als er schilderte, wie die Kinder beiderlei Geschlechts sich von Jugend auf gegen- festig moralisch verderben würden, wie die heilige Institution der Ehe beseitigt, die Liebe zur Bestialität herabsinken ivürde. Gleichwohl war der allgemeine Eindruck der, daß er das ent- scheidende Argument oder Schmähwort nicht gefunden habe, den wuchtigen Schlag, der eine Sache gewinnt, einen Menschen zerschmettert. Als Lucas dann das Wort ergriff, herrschte große Unruhe, und fast alles, was er sagte, wurde mit Murren begleitet. Er sprach sehr schlicht, antlvortete gar nicht auf die Angriffe gegen sein Werk, sondern beschränkte sich darauf, mit zwingenden Gründen nachzuweisen, daß Laboques Ansprüche vollkommen unbegründet seien. Hatte er nicht vielmehr Beauclair einen Dienst erwiesen, hatte er nicht zur Gesundung der Stadt beigetragen, indem er den verpesteten Clouque trocken legte und der Stadt kostenlos große Bau- gründe verschaffte? Aber bei alledem war es überhaupt gar nicht sicher, daß die auf der Cröcherie ausgeführten Arbeiten das Versiegen des Baches herbeigeführt hätten, und erwartete noch darauf, daß man ihm den zweifellosen Beweis dafür liefere. Als er zum Schlüsse kam, brach etwas von der Bitter- keit seines wunden Herzens aus ihm hervor, und er sagte. wenn er auch niemandes Dank verlange für das, was er bereits Nützliches geschaffen zu haben glaube, so wäre er doch sehr zufrieden, wenn man ihn sein Werk in Frieden vollenden ließe, ohne ihm böse Händel anzuhängen. Zu wiederholten Malen hatte der Präsident Gaume den Zuhörern Stille gebieten müssen; und als auch der Staatsanwalt in absichtlich verworrener Weise gesprochen und beiden Parteien recht und unrecht gegeben hatte, erwiderte der Advokat Laboques in so heftiger Weise und erregte einen solchen Sturm von Ausrufen, indem er Lucas zun: Anarchisten stempelte, der den Untergang der Stadt plane, daß der Präsident mit Räumung des Saales drohen mußte, wenn derlei Manifestationen sich wiederholten. Dann bestimmte er eine Frist von vierzehn Tagen für die Urteilsverkündigung. Vierzehn Tage später war die Aufregung noch gestiegen, und auf dem Markt entstanden Streit und Prügeleien aus den Gesprächen über das zu erwartende Urteil. Fast alle waren jedoch überzeugt, daß der Beklagte zu einer schweren Strafe, zehn- bis fünfzehntausend Frank Schadenersatz und außerdenl zur Wiederherstellung des früheren Zustandes würde verurteilt werden. Nur einige wenige schüttelten den Kopf und sagten, man könne gar nichts vorher sagen, die Haltung des Präsidenten Gaume während des Plädoyers hatte ihnen nicht sehr gefallen. Man erklärte den Präsi- dentcn für ein Original, man bezweifelte sogar, ob er bei vollem Verstände sei, seitdem man ihn so düster und der- schlössen, von so krankhafter Genauigkeit in der An- »vendung der Gesetze sah. Eine andre Quelle der Veun» ruhigung war, daß er sich seit dem Tage der Verhandlung in sein Haus eingeschlossen hatte, indem er ein Univohlsein vor- schützte; die Leute sagten aber, daß er sich vollkommen wohl befinde, daß er sich lediglich jeder Beeinflussung entziehe und niemand empfangen wolle, damit niemand das Urteil seines richterlichen Gewissens trübe. Was that er hinter verschlossenen Fenstern und Thülen in seinem einsamen Hause, in das selbst seine Tochter nicht kommen durfte? Welcher moralische Kampf, welches Scelendrama spielte sich in diesem Manne ab, in dem alles vernichtet war, was er gesiebt, und woran er geglaubt hatte? Das Urteil sollte um Mittag bei Beginn der Sitzung verkündet werden. Der Saal war noch voller, noch lärmen- der, noch erhitzter als am ersten Tage. Alle Feinde Luca's waren gekommen, um seiner Zerschmetterung beizu- wohnen. Und er hatte in seiner Furchtlosigkeit auch diesmal nicht geduldet, daß ihn jemand begleite, er wollte allein vor den Richter treten und seine Mission des Friedens verkünden. Vor seinem Platze stehend, sah er mit gelassenem Lächeln in den gedrängt vollen Zuschauerraum, ohne scheinbar zu ahnen, daß alle diese Erregung sich gegen ihn richtete. Pünktlich zur fest- gesetzten Stunde erschien der Präsident, gefolgt von den beiden Beisitzern und dem Staatsanwalt. Der Gerichtsdiener haste nicht nöttg, Stille zu gebieten, alles war plötzlich verstummt, die vor Steugierde glühenden Gesichter streckte,» sich vor. Der Präsident fia'tc Platz genommen. Dann erhob er sich, die Urteilsschrift in der Hand, und stand einen Angenbick schweigend, den Blick über die Menge hinaus ins Weite gerichtet. Endlich begann er niit langsamer, tonloser Stimme zu lesen. Es war ein sehr langes Schriftstück, die„In Anbetracht, daß"*) folgten einander mit eintöniger Rcgelmäbigkeit, drehten die strittigen Fragen nach allen Seiten, bemühten sich, die geringfügigsten Einwendungen zu erledigen. Die An- wescnden hörten zu, ohne recht zu verstehen, ohne den Schluß erraten zn können, denn die Pro und die Kontra zogen in bunter Reihe dicht ancinandcrgedrängt vorbei. Es schien sedoch allmählich immer mehr, als ob der Standpunkt Lucas' gut- geheißen würde, es hieß, daß niemand ein thatsächlicher Schaden zugefügt worden sei, daß jeder Grundeigentümer das Recht habe, auf seinem Besitz beliebige Arbeiten vornehmen zulassen, wenn kein Servitut ihnen im Wege stehe. Und schließlich blitzte das Urteil auf: Lucas war losgesprochen. �_ Einen Augenblick verharrten die Anwesenden in betäubtem Schweigen. Dann, als sie sich des Geschehenen vollständig bewußt wurden, brachen sie in Schmähworte und heftige Drohungen aus. Man entriß der fieberisch erregten, seit Monaten durch Lügen aller Art aufgestachelten Menge das Opfer, das man ihr versprochen hatte; und sie wollte es nun, sie begehrte es heftig, um es zn zerreißen, da eine offenbar er- kaufte Justiz es ihr uuterschlagen wollte. War Lucas nicht der genieingefährliche Feind, der fremde Eindringling, der von weiß Gott wo hergekommen war, um Veauclair zu korrnmpierrn. den Handel zu Grunde zu richten und den Bürgerkrieg zu entfachen, indem er die Arbeiter gegen die Herren aufhetzte? Hatte er nicht mit teuflischer Bosheit der Stadt das Wasser gestohlen, einen Bach abgeleitet, dessen Verschwinden ein Unglück für alle an den Ufern Wohnenden war? Diese Anklagen hatte das„Journal de Beauclair" jede Woche wiederholt, sie mit giftigen Kommentaren umgeben, sie in die dicksten Schädel h'ineingehämmert, in allen das Verlangen nach unaufschiebbarer Vergeltung erweckt. Die Vornehmen, die Bewohner des reichen Viertels trugen sie unter die kleinen Leute, verbreiterten und erläuterten sie, unterstützten sie nnt dem Gewicht ihres Einflusses und ihres Vermögens. Und die kleinen Leute, solchermaßen bearbeitet, verblendet und auf- gestachelt, waren trunken vor Wut und verlangten den Tod des Uebelthäters. Fäuste wurden emporgestreckt, Schreie wurden laut:„Erschlagt ihn, erschlagt ihn, den Räuber, den Menschenvergister 1" Sehr bleich, mit steinernem Gesicht, stand der Präsident innntten des Länns. Er wollte sprechen, wollte den Befehl geben, den Saal zu räumen; aber er mußte darauf verzichten, sich Gehör zu verschaffen. So beschränkte er sich darauf, die Sitzung zu schließen und sich würdevoll zurückzuziehen, gefolgt von den zwei Beisitzern und dem Staatsanwalt. Lucas hatte lächelnd und ruhig ans seinem Platze ge- sessen. Das Urteil hatte ihn ebensosehr überrascht wie seine Feinde, denn er wußte sehr wohl, in welcher vergifteten Atmosphäre der Präsident lebte, und er glaubte, daß dieser nicht im stände sein werde, Gerechtigkeit zu üben. Es war ihm ein starker Trost, unter so vielen menschlichen Niedrig- leiten einen gerechten Mann zu finden. Aber als die wütenden Schreie losbrachen, wurde sein Lächeln zn einem traurigen, und er wendete sich gegen die schreiende Menge, das Herz von Bitterkeit erfiillt. Was hatte er ihnen denn gethan, diesen Kleinbürgern, diesen Kaufleuten, diesen Arbeitern? Hatte er nicht das Wohl aller gewollt, war nicht all sein Mühen darauf gerichtet, daß alle glücklich werden, einander lieben, als Brüder mit einander leben sollten? Und die Fäuste erhoben sich gegen ihn. Schreie gellten ihm in die Ohren: „Erschlagt ihn. erschlagt ihn, den Räuber, den Menschen- vergifter l" Dieses arme, verirrte, durch Lügen tollgemachte Volk verursachte ihm fiesen Schmerz, denn er liebte es fiwtz allem zärtlich. Aber er hielt seine Thränen zurück, er wollte aufrecht bleiben, stolz und mutig der Beleidigung die Stirn bieten. Die Menge, die sich verhöhnt glaubte, hätte vielleicht alle Schranken durchbrochen, wenn es den Gardisten nicht endlich gelungen wäre, sie hinauszudrängen und die Thüren zn schließen. Der Gerichtsschreiber bat Lucas im Namen des Präsidenten, nicht gleich fortzugehen, uin ein Unglück zu ver- niciden, und bewog ihn schließlich zu dem Versprechen, daß er eine kleine Weile beim Thürhütcr warten wolle, bis die Menge sich verlaufeu habe. •) In den französischen Urteilsformeln gehen die Gründe dem fspruche voraus. A»m. d. Uebers. Aber es erfüllte Lucas mit brennender Scham, sein ganzes Wesen empörte sich, daß er sich so sollte verbergen müssen. Er verbrachte bei diesem Thürhüter die peinlichste Viertelstunde seines Lebens, er enrpfand es als eine Feigheit, daß er nicht der Menge offen entgegengetreten war, er konnte sich nicht in die Rolle eines ängstlichen Schuldigen finden, die ihm da aufgezivnngen wurde. Und als die Um- gebung des Gerichtsgebäudes ruhig schien, wollte er nichts mehr hören und bestand darauf, ruhig zu Fuß nach Hause zu gehen, ohne jede Begleitung. Er war allein gekomnieii, er wollte allein fortgehen. In der Hand trug er nur einen leichten Spazierstock, und er bedauerte es, selbst diesen mitgenommen zu haben, weil er fürchtete, daß man vermuten könnte, er habe sich irgendwie zu seiner Verteidigung bewaffnen wollen. Langsamen Schritts ging er seines Wegs, der ihn durch ganz Beauclair führte und niemand schien ihn zu bemerken, bis er den Stadthausplatz erreichte. Die Leute, die der Verhandlung beigewohnt hatten, waren, nachdem sie ihn kurze Zeit erwartet, überzeugt gewesen, daß er erst nach Stunden das Gcrichtsgcbäude verlassen werde, und hatten sich zerstreut, um die Neuigkeit von dem Urteilsspruch überall zu verbreiten. Aber auf dem Stadthausplatze, wo der Markt stattfand, wurde Lucas erkannt. Man deutete auf ihn, die Leute flüsterten einander zu, einige begannen ihm zu folgen, noch ohne böse Absicht, bloß um zu sehen, was geschehen würde. Es gab da hauptsächlich nur Bauern, Marktkäuser, Neugierige, die nicht an dem Streit beteiligt waren. Und die Sache nahm erst eine andre Wendung, als er die Ecke der Rne de Brias erreichte, wo Laboque vor seinem Laden, außer sich vor Wut über seine Niederlage, inmitten einer Gruppe von Zuhörern seinen Gefühlen Luft machte. tForlsetznng folgt.) Vokes Hanv. Erlenholz und rotes Hoor sind auf gutem Boden rar, heißt ein deutsches Sprichwort, das sich in fast allen germanischen Mundarten vorfindet. Der Italiener sagt radikaler: Ein roter Mensch und ein wolliger Hund, lieber rasch tot als jemandeni kund. Fast wörtlich so lautet dieses Sprichwort bei den Franzosen. Aehnliche Sprich- Wörter haben die slavischcn Völker. In neuerer Zeit hat sick der Geschmack geändert. Germanenjungfrancn mit braimrotem Haar nnd meergrünen Augen wurden namentlich in historischen Nomonen sehr beliebte Dekoralionsfigureii, und in jüngster Zeit übertünchten Modedamen ihr schwarzes oder blondes Haar mit dem einst so verachteten Not. Nach gelehrten Gründen, ivarnm das rote Haar einst in Mißkredit gestanden hat, braucht man nicht lange zn suchen; dem Volk ist alles nicht Normale„»bequem und verdächtig, im Tier- wie im Pflanzenreiche; die Mistel ist eine allgeinei» belannte Zanber- pflanze, vcrivachsene Kinder sind Wechselbälgc, und Triefauge» zeigen eine Hexe an. So hielt man auch die Rotköpfc für auffallend von der Gottheit gekennzeichnet und traute ihnen einen falschen, treu- losen Charakter zn.„Nicht sei dir ein Rotkopf jemals ein bc« sonderer Freund", lautet die erste von zwölf Klnghcitsregcln im Ruodlieb, dem romantischen Epos in inittcllatcinischcr Sprache, „denn solche sind jähzornig und treulos". Ungefähr uni dieselbe Zeit sagt der Geschichtsschreiber Bischof Thietmar von Merseburg (f 1019), indem er röte Farbe und falschen Sinn zusammenstellt: „Boleslaw, der Böhmen Verweser, trug den Beinamen Rotkops und Ivar der Anstifter unglaublicher Ruchlosigkeiten." Vom König Fulko von Jerusalem dagegen erzählt Wilhelnr von TyruS Ende des 12. Jahrhunderts:„Es lvar aber Fulko ein rotköpfiger Mann, treu, friedlich und, der üblichen Meinung von jener Farbe entgegen, leut- selig, Ivohlthätig und barniherzig." Obwohl die Bibel davon kein Wort sagt, wird doch der Verräter Judas JScharioth allgemein als rothaarig angesehen. Diese Ansfassung stammt vielleicht aus germanischer Anschauung, obgleich schon im alten Testament rot- haarige Juden erwähnt werden..Esau war rötlich nnd auch König David; Luther hat bei diesem nur das rothaarig mit bräuiilich übersetzt. Pessimistischen Anschauungen über Nothaarige begegnen wir auch bei weit entfernten Völkern, z. B. den Südarabern. Die Beduinen Hadhramants erzählen, als Gott den Propheten Calih sandte, um den in Laster versunkenen Stamm Thamud zu bekehren, glaubten dessen Angehörige nicht an die Göttlichkeit seiner Sendung und verlangten ein Zeichen von ihm. Da führte sie der Prophet an einen Felsen, öffnete diesen und ließ ein Kamel mit seinem Jungen daraus hervorgehen. Zugleich warnte er sie, den Tieren etwas znleid zu thun, da das dem ganzen Stamm zum Verderben gereichen würde. Trotz des Wunders schenkten sie dem Propheten keinen Glauben. Einer von ihnen, Quodar cl Ahmar, d. h. der Rote, tötete die Kamelkuh durch einen Pfeilschuß. DaS junge Kamel verschwand wieder in dem Felsen. Zur Strafe aber vernichtete Gott den ganzen Stanim. Noch jetzt sagen die Araber deshalb„rot wie Quodar" oder auch„Unheil bringend wie Quodar, der Note." Die Araber gehören wie die Juden zn den semitischen Völkern, denen die schlvarze Hautfarbe typisch ist. Gleichwohl giebt es Rothaarige mit) mich viele Blonde unter ihnen. Ein englischer Arzt fand unter 655 Juden, die er ii» Orient und in Sndeuropci untersuchte, 14 rothaarige und 19 hellblonde. Man nimmt gewöhnlich an, dafc die blonden und rothaarigen Juden einer Mischung mit abend- ländischen Nassen ihre abweichende helle Färbung verdanken. Da aber diese hellfarbigen Inden vereinzelt unter den Juden der ganzen Welt zu finden sind, die doch sonst ihren Rasscthpus überall unverändert festgehalten haben, wollen andre Forscher einen braunen und blonden Originaltypns unter der jüdische» Rasse an- nehmen. Alle diese Vcrmischnngen aus alter und neuer Zeit haben ebenso wenig wie das Klima den allen, scharf ausgefirägten Rasse- typus der Juden zu vcrivijchen vermocht. Das nordische Klima färbt Haar und Haut überhaupt nicht blasser,>vie manche im Hinblick auf die blonden germanischen und finnischen Völker glauben. Die schwarz- haarigen Eskimos beweisen das. Unter de» Inden in Persien, Arabien, Syrien und Nordafrika, die sich in uichis von de» Inden andrer Länder unterscheiden, findet man auch blonde und rothaarige Leute, und von einer Mischnng mit abendländischen Rassen kann bei ihnen kaum eine Rede sein, in Deutschland dagegen sicher. Die bekannte statistische Untersuchung der Augen- und Haarfarbe der deutschen Schulkinder ergab einen Durchschnitt von 11,2 Proz. blondhaariger und blau- Liigiger Jndenkinder. Diese waren fast gleichmäßig über ganz Deutschland verteilt. Vortviegend blonde Haarfarbe zeigen Germanen, Slawen, Kelten und Finnen. Dennoch gicbt es auch unter schwarzhaarigen Völkern blonde Leute als Ausnahmen wie unter blondhaarige» Völker» solche mit schwarze» Haaren. Will man keine Mischung dabei an- nehmen, so nnch mau diese Ausnahme» als ein Nalurspiel betrachte», ebenso wie die über alle Welt verstreuten Rothaarigen. Das Blond bei schivarzhaarigen Völkern hat, abgesehen von Mischungen, mit unserm schönen, sonnigen Blond nichts gemein. ES erscheint fast hanfartig uurcin, tvie mit grauer Farbe gemischt. Solches Blond gab es schon unter den alten Aegypten!. Der Geschichtsschreiber Manclho, der im. dritten Jahrhundert v. Chr. lebte, nennt die rosenwangige Königin Nitokris blond. Allerdings war ihr Vater, ein Weintvirt, aus der Fremde eingewandert, und sie wurde deshalb später als Königin angefeindet und ihr Gemahl heimlich ermordet. Das iveiß jeder, der Ebers„Aegyplische Königstochter" gelesen hat. Auch unter den Porträts in dem großen Werke des italienischen Acgyptologcn Roscllini, der 1828 mit Champollion eine toSkanisch-französische Expedition in Aegypten leitete, ist eine blonde Königstochter namens Ranofre. Rothaarige Menschen komme» aber bei allen Rassen und Völkern vor, bei den Negern, den Indianern und selbst den Chinesen. Auf alten chinesischen Gemälden ficht man berühmte Helden mit fuchsrotem Haar, und Schnurrbärte, tatarisch melancholisch herabhängend, von derselben Farbe sind nicht selten. Bei den sibirischen Völkern, in Turkestan, überall kommen Leute mit rotem Haar und Bart vor. Eine tscherkessische Schönheit muß sogar hellrotes, goldig Icnchtcndcs Haar aufweisen können. In Deutschland finden sich' die roten Haare sehr vereinzelt. Auf den friesischen Inseln stößt man erst unter 290 Eingeborenen auf einen mit rotem Haar. Im Königreich Sachsen kamen unter 468 763 Schul- lindern auf 1000 nur 2,3 mit rotem Haar, das heißt brandrotem. Denn die Kinder mit dem prächtigen, rotblonden Haar tvie die tschcrkessischen Schönen, das schon Tacitns des weichen, goldigen Farbtones wegen rühmt, wurden zu den blonden gerechnet. Ein echt rothaariges Kind kam ungefähr auf 300 blond- und 150 dunkelhaarige. Meistens nimmt man an, daß die Völker keltischer Abstammung, also Gälen, Waliser, Iren und Brctonen und die ronianisierten Kelten in Frankreich, auffallend viel rothaarige Leute aufweisen, und der„rothaarige Ire" ist eine fast stehende Bezcich- Illing geworden. Wo Germanen sich unter Kelten ansiedelten und unter diese mischten, vernichtete der stärkere germanische Typus den keltischen. Eine allerdings recht lückenhafte und vereinzelte staiistische Erhebung unter rein irischer Bevölkerung zeigte unter 100 Iren un- gefähr sechs rothaarige. Das ist doch jedenfalls nicht so viel, daß man die Iren als ein rothaariges Volk bezeichne» könnte. Am meiste» finden sich rothaarige Menschen unter den Finnen. Den Gennanen galt das rotblonde Haar als das schönste. Sie suchten es sogar künstlich zu erzengen, Ivenn die Natur etwa ihrem Haar eine dunklere Färbung verliehen hatte, indem sie eS mit Langenseife, dieser echt germanischen Erfindung, Wilsche». Auch durch Bleichen mit Kallwasscr suchten sie ihm eine hellere, rötliche Farbe zu geben. Doch scheint diese Modethorhcit erst in späterer Zeit über Gallien zu den Germanen gelangt zu sein, als man wußte, wie hoch die Römer das rotblonde deutsche Haar schäyten.„Golden das rötliche Haar", rühmt AnsoninS. der Erzieher des Kaisers Gratia», von der schönen, jungen Schwäbin Bissnla, die er als Bcntc von eineni Kriegszuge Valentniians I. geschenkt erhalten hatte. Im allgemeinen scheint im alten Germanenlande das rötlich-blonde Haar vorherrschender gewesen zu sein als jetzt, wo das Blond vor- wiegend ist und selbst in rein gernianischen Gegenden auf hundert Menschen kaum ein rothaariger kommt. Die Gallier, die auch als rot- und gelbhaarig beschrieben werden, galten im Vergleich zu den Germanen doch als weniger rothaarig. Griechische Frauen färben sich noch heute wie im Altertum das Haar rot. Dort und in Afrika und auf den Südsec-Jnseln scheint man nicht nur im Gegensatz zum Abendlande gegen Rothaarige kein Vorurteil zu hegen, sondern rotes Haar für eine besondere Zierde zu halten. Man sucht deshalb eine solche Haarfärbung künstlich durch allerlei Mittel zu erreichen, durch einen lange Zeit auf dem Kopfe getragenen dicken Te!g von gedörrtem Kuhdünger und Wasser, durch Thon, Extrakte von Rinden und Baumwurzeln usw. Besonders bei den Südsce- Jnsnlancrn ist das Notfärben des Haars sehr gebräuchlich. so daß man Berichte über blonde oder rothaarige Menschen in der Südsee mit Vorsicht aufnehmen ninß. Unter den Kanaken auf den hawaiischen Inseln sollen echt rothaarige Leute vorkommen, für die ihre Sprache das besondere Wort Ehu hat. Auch unter den Samoanern soll es rothaarige geben. Meistens aber färben es die Südsce- Insulaner rot. Einen hohen mächtigen Kopfschmuck aus braunrot gebleichten Haaren, die mit roten Federn, Perlmuttcrstückchen oder kleinen Spiegeln verziert sind, zu tragen, ist auf Samoa nur den Häuptlingen erlaubt. Bei den Samoanergrnppcn, die uns in Deutschland als neue Landslente einen Besuch abstatteten, konnte man vielfach diesen Riesenausbaii roter Haare bewundern. Zum Färben ist besonders Korallenkalk beliebt. Heute trägt ein Mann pechschwarzes.Haar. Morgen sieht man ihn mit Korallenkalk be- schmiert, schneeweiß wie einen Silbergreis. � Fünf oder sechs Tage himcrcinander trägt er diesen Kalk frisch ans. Am Ende der Woche, nachdem er sich sorgfältig gewaschen und tüchtig mit Oel gesalbt hat, ist das schwarze Haar rotbraun geworden. So strebt man in andern Welten nach dem, was bei uns häufig noch verachtet wird, nach rotem Haar.—(„Kölnische Zeitung".) Llcbev die JHueifrfxe Eifettdnlztt schreibt die„Neue Freie Presse": Am l.Jnni war ein Jahrzehnt verflossen, seitdem in Wladiivostok der Grund zum Bau der großen sibirischen Eisenbahn gelegt wurde. Dieses grandiose Unternehmen wurde im Verlaufe der zehn Jahre fast zu Ende geführt, Sibirien, das so viele Jahre von jedweder Kultur abgeschnitten war, wurde durch einen mächtigen Schienenstrang mit Rußland verbunden und dem ökonomischen und kulturellen Leben angegliedert. Die große sibirische Eisenbahn ist bekanntlich i» drei Teilstrecken geteilt worden: in die westsibirische Linie von Tscheljabinsk bis zum Flusse Ob(1380 Werst), in die mittel- sibirische Bahn vom Ob bis Jrkntsk(1754 Werst)*) und in die End- strecke Wladitvostok-Grafskaja, sodann die Linie Grafskaja-Chabarowsk (347 Werst) und die Strecke Myssowaja-Stretensk(1009 Werst), der sich außerdem die Baikalringbahn(292 Werft) und die Linie Chabarotvsk- Stretensk(2000 Werst) anschließen. Gegenwärtig beträgt die Gesamtlänge der dem Verkehr bereits übergcbenen Strecken 56t 2 Werst. Ani i. Oktober 1896 wurde der Verkehr auf der westsibirischen Eisenbahn bis Kraßnojarsk eröffnet; am 1. Januar 1898 wurde die mittelsibirische Bahn bis Jrkntsk dem Verkehr übergeben; am 1. Juni 1900 begann der regelmäßige Be» trieb auf der TranSbaikal-Linie und auf der Zweigbahn von Jrkntsk bis zum Baikal-Sce. Fast auf einer Strecke von 1500 Werst führt die sibirische Eisenbahn über gebirgiges Terrain und oftmals auch über steile Berghügel. Welchen kolossalen Umfang der Bau der sibirischen Eisenbahn angenommen hat, ersieht man aus folgenden Ziffern: Die Zahl der Eiscnbahnbeamtcn betrug 6000, jene der Arbeiter 70000, jene der Pferde 30 000. An Erdarbeiten wurden 10 Millionen Kubikfaden ausgeführt und mehr als 800 000 Kubikfaden Sand als Ballast Verwender; Steine und Ziegel waren mehr als 100 Mill. Kubikfaden erforderlich, Cemcnt niehr als 6 500 000 Pnd(1 Pud= 16,38 Kilogramm). Die Länge der Eisenbrücken beträgt 9 Werst, jene der Holzbrücken 34 Werft, jene der Wasserleitungen 300 Werst. Die längste Eisenbriicke ist die von Jenisscisk: 420 Klafter Länge. Das Gewicht des Brückencisens beträgt 3 500 000, jenes der Schienen und Vefesligmigen 20 000 000 Pud. Die Grundfläche der Gebäude nimmt einen Raum von 70 000 Quadralfadcn ein. Bahnschivcllcn wurden 9 000 000 Stück beschafft und im ganzen für den Bahnban 40 000 Deßjatinen Wald gerodet. Das Gelvicht der Hauptbanmaterialien, welche zugeführt werden mußten, Sand und Erde nicht inbegriffen, betrug 250 000 000 Pud und znsanimcn mit dem Ballast 1000 000 000 Pud. Die Schnelligkeit, mit welcher der Bau der sibirischen Bahn mit ihren fünf Ziveigbahnen, der Jekatcriiienbnrg- Tschcljabinsker, Tomsker-, Jrkntsk- Baikalschen und den beiden Verbindnngslinieii mit der chinesischen Ostbahn, durchgeführt wurde, ist erstaunlich. Trotz der schwierigen Ortsverhältnisse und des rauhen Klimas, Ivo die Arbcitsperiode im Jahre nur fünf Monate beträgt, trotzdem in Sibirien gänzlicher Mangel an Fabriken herrscht, so daß alle Fabrilsartikel an« Rußland zugeführt werden mußten; endlich ungeachtet der großen Ueberschwemmung des Transbaikalgebietes im Jahre 1897 und der häufigen Mißernten in Sibirien wurde der im Jahre 1891 mit der Errichtung der Süd- Ussnribahn bcgonncnc Bau der großen sibirischen Eisenbahn so rasch geführt, daß im Vorjahre, also nach Ablauf von kaum nenn Jahren, ein durchgehender Bahnverkehr durch ganz Sibirien, von Tscheljabinsk bis zum Stillen Occan, hergestellt werden konnte, so daß gegenwärtig sich nur die Baikal-Ringbahn noch im Bau befindet. Die Bau- schnclligkeit der sibirischen Bahn übertraf somit sogar jene der Kanadabahn, welche, wiewohl nur 4380 Werst, volle zehn Jahre währte. Die Gesamtkosten der sibirischen Eisenbahn beziffern sich mit 850 000 000 Rubeln, wovon 720 000 000 bereits verausgabt wurden. Aber die ökonomischen Erfolge der Eisenbahn übertrafen alle Er- Wartungen. Bereits bei der Eröffnung der ersten Strecke der ') 1 Werst---- 1066 Meter. 1 sibirischen Bahn, der westsibirischen, erwies sich ihre kolossale Be- deutung für den Frachten- und Personenverkehr. Schon im Jahre !t89S" wurden auf der Streike Tscheljabinsk- Jrkutsk allein 40 000 000 Pub Frachtgut und mehr als 1(XX)(XX) Personen be- fördert. Gegenwärtig beträgt der Frachtverkehr zwischen dem europäischen Rußland und Sibirien 170 Millionen Pud, und nicht weniger groß ist der Personenverkehr; so wurden im verflossenen Jahre 4 600 000 Personen befördert. Auch die industrielle Erschließung Sibiriens hat bereits begonnen. So wurden in verschiedenen Ge- lbicten Sibiriens bereits reiche Steinkohlenlager, in Transbaikalien Erzlager, im Steppengebiet Llupferniinen entdeckt und der Umfang der sibirischen Goldfelder genau festgestellt. In politisch-staatliche'r Beziehung hat der große' sibirische Schienenstrang während der Wirren in der Mandschurei Rußland bereits große Dienste erwiesen. Hätte Rußland keine Schienenverbindung zwischen dem europäischen Rußland und Wladiwostok, wäre die Konzentrierung einer Armee von 100000 Mann in der Mandschurei mit ungeheuren Schwierigkeiten verbunden gewesen. Sobald aber die chinesische Ostbahn beendigt sein wird, wird sich auch die um- Versale Bedeutung der sibirischen Eisenbahn bemerkbar machen, denn dann wird sich für Europa ein neuer Handclsiveg nach den Ländern des fernen Ostens eröffnen. Welchen Umfang der Transitoverkehr über Sibirien nehmen wird, ist schwer vorauszusehen, doch schon jetzt läßt sich die Thatsache konstatieren, daß dank der Errichtung der sibirischen Eisenbahn zur Fahrt von Paris oder London nach Wladiwostock nunmehr dreieinhalb statt sechs Wochen auf dem Um- wege über Suez erforderlich sind.— Kleines Feuillelon. Italienische Tauben. Im Amtsblatt der Laudwirtschafts- kammer für den Regierungsbezirk Wiesbaden schildert G. Hartmann- Frankfurt a. M. Italiens Mästerei und Export von Tauben, die als„französische Tauben" hoch im Preise stehen. Eine einzige Firma, das Haus Fratelli Gondrand in Mailand. exportiert im Durchschnitt täglich 1 bis 2 Waggon junger Tauben; ein solcher Waggon enthält etwa 7500 Stück Tauben zum Durchschnittspreise von 70 bis 80 Centimes. Rechnet mau die tägliche Ausfuhr nur auf 1 Waggon, so ergiebt das täglich die ansehnliche Summe von 6250 Frank. Die Agenten Gondrands kaufen in ganz Italien die junge» Tauben, wenn diese etiva 21 Tage alt sind, und senden sie an die Centrale in Mailand. Dort entnehmen die Sortierer, gewöhnlich zwei Man», dem Transportbehälter die jungen Taube» und sortiere» sie nach Größe und Güte iu 4 Qualitäten. Sie werfen hierbei die Tauben in einen mit Einivnrfsvorrichtuug versehenen Kaste» mit 4 Abteilungen für die vier verschiedenen Sorten. Auf der Rückseite des Kastens stehen vier Arbeiter, welche die Tauben nochmals prüfen und nachsehen, ob das Sortiment richtig ist. Den endgültig sortierten Tauben werden alsdann die Schwung- federn ausgerissen. Ivorauf sie in die Transportkasteu gesetzt werden. Das Ausreißen der Schwungfedern geschieht, damit bei der Einfuhr nach Frankreich der Nachweis erbracht werden kann, daß die Trausportbehälter keine Brieftauben enthalten, deren Einfuhr aus militärischen Rücksichten verboten ist. Die ausgerissenen Schwungfedern werden gefärbt und zur Fabrikation von Mode-Artikeln, Spielzeug und dergleichen verwendet. . Die Fütterung der Tauben geschieht auf folgende Weise: Ein Arbeiter entnimmt dein TranSportkasten eine Taube nach der andern und reicht sie an den zweiten Arbeiter, den Goveur(Mäster). Dieser Gaveur nimmt mit dein Mund aus einem vor ihnr stehenden Becken eine der Größe der Taube entsprechende Menge Futter auf, öffnet mit der Hand den Schnabel der Taube und führt vermittelst des Mundes die darin enthaltene Futter- und Wassernrenge ein. Diese beträgt pro Stück 100 bis 140 Gramm, reicht für 24 Stunden aus und ermöglicht nicht nur die vollständige Ernährung, sondern bewirkt einen reichlichen Fleisch- und Fettansatz. Das Futter besteht aus Wicken, Hirsen und Dari, das vorher eingeweicht wurde. Die Verfütteruug geschieht in lauwarmem Zustande; ein geübter Gaveur füttert in der Stunde etwa S— 600 Tauben und mehr und erhält den für Italien bedeutenden Lohn von ö Fr. pro Tag. Die auf diese Weise gefütterten Taube» gelangen entweder direkt zur Versendung oder werden behufs Erzielung besonders schöner und ausgesuchter Ware einige Tage gemästet. Sie kommen zu diesem Zweck in Käfige, die in Gefächern übereinander geschichtet sind. Die Käfige werden von dem Hause Goudraud selbst ver- nrittelst Maschinen hergestellt. Um einen möglichst raschen und ge- winubringenden Umsatz zu ermöglichen, hält das Haus Gondräud an der französischen Grenzstation Modaue Personal, das dort genau wie in Mailand die Tauben füttert und direkt nach Paris weiter- schickt. In Charcnton bei Paris ist wieder ein größeres Depot errichtet, woselbst nach Eintreffen des Waggons die Tauben gefüttert werden. Von Paris aus werden nach Versorgung des enormen Pariser Bedarfs je nach Lage des Londoner Marktes 2 bis 3 Waggon wöchentlich nach London geschafft, woselbst die Fütterung und Mast in gleicher Weise fortgesetzt wird. Auch in Frankreich selbst kauft das Haus Goudraud in der Gegend von Toulouse, Bourg, Macon junge französische Tauben auf. Die Ausfuhr von Taube» aus Italien beträgt pro Jahr 2 bis 2�/- Millionen Stück und der Einkauf in Frankreich 1 Million Stück. Der Verkaufspreis schwankt zwischen 60 Cts. und 1 Fr., besonders gut gemästete Fleischtauben werden zu 1,40, zeitweise sogar zu 2 Fr. in Frankreich und England bezahlt. Das Gewicht steigt bis 800 Gramm bei K00 Gramm im Durchschnitt. Von einer eigentlichen Rasse dieser Tauben kann man nicht gut reden; es sind große Feldtauben, die weiß und gescheckt in allen Farben vorkommen. Die praktischen Italiener kümmern sich wenig um das Aussehen, sondern kennen nur den einen Zweck: mit ihren Tauben möglichst viele und große Jungen zu erzielen. Trotz der geringen Sorgfalt, die der italienische Bauer seinen Tauben widmet, bringen selbst die größten Piacentiuer-Tauben 10 Brüten pro Jahr auf, eine stattliche Zahl, die nur durch das wärmere Klima ihre Er- klärung findet.— Theater. os. Lessing-Theater. Haust Niese zu Ehren haben die Wiener Gäste einen Schwank ausgegraben, der vor einigen Jahren hier im Nesidenz-Theatcr beinahe ein politisches Interesse erregte. Es war die„Mamselle Tourbillon" von K r a a tz und Stobitzer, welche durch die parodistische Darstellung einer Spionenaffaire an den Fall Dreyfus, durch die Karikatur eiueS ver- troddelten Gigerl an ein Exemplar der Pariser goldenen Jugend er- innerte, das durch die Verwendung seiner Tausendfraukscheiue und durch seine Angst vor dem Soldatspielen ziemlich unfreiwillig in den Ruf einer Zeitungsberiihmtheit gekommen war. Die Titelheldin erscheint im Stück als Gigerl und als Soldat verkleidet, und da eine Soubrette immer froh ist, wenn sie sich mög- lichst vielseitig zeigen kann, so mag sich die Ausführung erklären. Denn an sich wirkt der mechanisch nach französischem Muster her- gerichtete Schwank keineswegs mehr erfreulich. Es fehlt ihm an Aktuali« tät; die Witze und Ueberraschungen kommen in ihrer Art gar zu ge- waltsam, als daß sie zur Behaglichkeit stimmen könnten. Haust Niese gab in der wohl etwas nngeuiohnten Kokottenrolle sich selbst mit so voller Ursprünglichkeit, daß der Theaterzettel ihr zu Liebe eine wenig sinngemäße Fälschung vornahin und sie in dem zu Paris und unter französischen Verhältnisse» spielenden Stück zu einer Wiener Lieder- sängen» machte. Die Künstlerin schwelgte iu derber Drolligkeit, aber trotz alledem schien es, als ob das östreichische Blut sich in der fremden Verkleidung unbehaglich fühlte und Sehnsucht empfand nach der Luft des Wiener Praters. Und das ist recht so und gereicht der Frau Niese zur Ehre, die wie nur je eine volkstümliche' Künstlerin am Boden der Heimat haftet. Im übrigen wurde so lebhaft karikiert gespielt, wie es eben in einem solchen Stück angebracht ist. Herr Julius Sachs als Komponist Roland und Herr G u st a v M e r a n als Chokolade- fabrikant verdienen Wohl besondere Erwähnung.— HnmoriftischeS. — Energisch. A.(in starkgehobener Stimmung):„Sie ge- fallen mir! Wollen Schmollis trinken!" B.(betreten):„Aber verehrter Herr, wir kennen uns doch eigent- lich kaum— und, wissen Sie, ich halt's mit dem Sprüchwort:„Man soll mit keinem Freundschaft schließen, mit dem man nicht einen Scheffel Salz gegessen hat!" A.:„Kellner!— einen Scheffel Salz!"— — Der innere Wert. Heiratsvermittler:„Die Dame hat eine prachtvolle Figur, ein reizendes Gesicht, schönes Haar..." Kunde(ungeduldig):„Das sind alles A e u ß e r I i ch- leiten-- hat sie auch Geld?"— — Kindliche Frage.„Du, Mama, nmß eine kranke Kuh dem Tierarzt auch die Zunge zeigen?!"—(„Lust. Bl.") Notizen. — Shakespeares„ T i m o n von Athen" soll in einer Bearbeitung von Altmann im Wiener Burg- Theater mit K a i n z als Tinion gegeben werden.— — Die Gründung eines oberschlesischen Städtebund- Theaters, das Volksstückc, Schauspiele und Einakter mit Varists bringen soll, haben Königshütte, Kattowitz, Beuthen und Gleiwitz beschlossen. Das Theater, das seine Thätigkeit im Oktober beginnen soll, wird seinen Sitz in Köuigshülte haben, aber auch in den großen Jildustricdörfern Vorstellungen geben.— — In E i s e u a ch bemüht man sich wieder, wie vor Jahren schon einmal, ein F e st s ch a ir s p i e l h a u s zu gründen, das ein Seiteustück zum Bayreuther Festspielhaus werden soll.— — Der„Moses", ein biblisches Werk von P e r o s i, ist vollendet und soll in der nächsten Saison in Mailand zur Auf- führung gelangen.— —„Heil mar der Narr", eine neue Oper von Wilhelm K i e n z l, ist für das Berliner Opernhaus erworben worden und wird als erste Prenrierc zur nächsten Spielzeit in Scene gehen.— — In Flensburg wird an> 15. Juni eine schleSwigsche Kunstausstellung eröffnet, deren Leitung sich in erster' Linie der nordfriesische Maler Momme Nissen angenommen hat.— Verantwortlicher Redacteur: Heinrich Wetzker iu Gr.-Lichterfelde. Druck und Verlag von Max«ading in Berlin.