Mnkerhaltungsblatt des Horwärts N?. 116 Dienstag, den 18. Juni 1901 (Nachdruck vrrboten.) h3] Arbo? f: Sicmoit in drei Büchern vc»i Emile Zola. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold N o s e» z>v e i g. Für eine derartige Sprache besaß Ragu kein Verständnis. Nur ein Wort hatte er aufgesnngen, und er erwiderte spöttisch lächelnd: „O, das Glück aller, das ist eine schöne Sache. Aber ich wag lieber bei meinem eignen Glück ansangen." Lucas sagte ihm hierauf, daß er frei sei, daß ihm seine Rechnung gemacht werden werde, und daß er gehen könne. wann er wolle. Es lag ihm sa eigentlich gar nichts an diesem böswilligen Menschen, dessen Anwesenheit nur schädlichen Ein- stuß üben konnte. Aber daß Josine ihn verlassen sollte, zerriß ihm das Herz, und er schämte sich einigermaßen, als er ent- deckte, daß er nur deshalb so viel daran gesetzt hatte, Ragu zu behalten, weil er sie behalten wollte. Der Gedanke, daß sie in die Pfütze Alt- Veauclairs zurückkehren sollte, in die Gewalt dieses Mannes, der wieder dem Alkohol verfallen, fortfahren sollte, sie zu vergewaltigen, war ihm unerträglich. Er sah sie wieder in der Rue des Trois- Lünes, in einem schmutzigen Zimmer, wieder dem entwürdigenden, mörderischen Elend ausgeliefert. Und er war nicht da, um sie zu schützen, er, dem sie nun ganz gehörte, der sie keine Minute hätte verlassen mögen, um ihr Glück gegen jede Gefahr zu bewahren! In der folgenden Nacht kam sie wieder zu ihm, und es gab eine herzzerreißende Scene zwischen ihnen, heiße Thränen, Schlviire, tolle Pläne. Doch siegte schließlich die Vernunft, sie mußten sich der Unerbittlichkeit der Thatsachen fügen, wenn er nicht sein Werk gefährden Ivollte, das zu einer Sache der Allgemeinheit geworden war. Josine mußte Ragu folgen, sie konnte nicht anders, ohne einen schmutzigen Skandal hervor- zurufen; und Lucas wollte indessen auf der Eröcherie seinen Kampf für das Glück aller fortsetzen, in der Zuversicht, daß der Sieg sie eines Tages vereinigen würde. Sie waren stark, denn sie trugen die unbesiegliche Liebe in sich. Sie versprach, daß sie lviederkommen werde. Aber doch, welcher schreckliche Schmerz, als sie Abschied»ahm, und als er sie am nächsten Tag die Erecherie verlassen sah, hinter Ragu, der im Verein mit Bonrron einen kleinen Wageit zog, in welchem sich ihre ärmliche Habe befand l Drei Tage später folgte Bonrron dem Beispiel Ragus, mit dem er jeden Abend bei Caffiaux zusammengetroffen war. Sein Freund hänselte ihn so viel mit der Mandel- milch des Gemeinhanses, daß er seine Manuesfreiheit zu bethätigen meinte, indem er auch seinerseits in die Rue des Trois-Lunes zurückkehrte. Seine Frau Vabette hatte zuerst versucht, diese Dummheit zu verhindern und sich dann mit ihrer gewohnten Fröhlichkeit darin gefunden. Pah, es würde auch so gehen, und ihr Mann Ivar im Grunde ein guter Junge, dem früher oder später schon die Augen aufgehen würden. Und sie zog lachend von bannen, indem sie den Nachbarinnen ein„Auf Wiedersehen!" zurief, denn sie konnte nicht glauben, daß sie nicht in diese schönen Gärten zurück- kehren sollte, wo es ihr so gut gefallen hatte. Be- sonders lag ihr daran, ihre Marthe und ihren Sebastien dahin zurückzubringen. da sie gute Fort- schritte in der Schule machten. Soeurette erklärte sich bereit, die Kinder da zu lassen, und sie willigte mit Freuden ein. Aber die Lage wurde ernster, als andre Arbeiter vom bösen Beispiel angesteckt wurden und die Cröcherie verließen, so wie Ragu und Bonrron sie verlassen hatten. Es fehlte ihnen an» Glauben ebenso wie an der Liebe, und Lucas sah sich im Kampfe mit all der Böswilligkeit, Feigheit und Untreue, auf die man stößt, wenn man für das Glück andrer arbeitet. Selbst bei Bvnnaire, dem Klugen und Ehrlichen, spürte er eine verborgene Erschütterung. Der Hausfrieden des Puddel- meisters wurde durch die täglichen Zänkereien der Toupe ge- stört, deren Eitelkeit unbefriedigt war; denn sie hatte sich noch immer nicht das Seidenkleid und die Uhr kaufen können, nach denen sie seit ihrer Jugend verlangte. Dann lehnte sie sich gegen den Gedanken der Gleichheit und Gemeinsamkeit auf, iveil sie immer davon träumte, etwas Besseres zu»verde». Sie erfüllte das Haus mit einem unaufhörlichen Sturm. maß dem alten Ragu den Tabak knapper zu als je, und puffte die Kinder Lucien und Antoinette. Sie hatte mittler- »veile noch zwei bekommen. Zoe und Severin, und auch dies war in ihren Augen ein Unglück, das sie Bonnaire nicht verzieh und das sie ihm unablässig vonvarf, als wären die Kinder die Früchte seiner Unistnrzideen, als deren Opfer sie sich hinstellte. Bonnaire setzte dem allein eine große Ruhe entgegen, denn er Ivar an diese Stürme geivöhnt, die ihn bloß traurig machten. Er antivortete ihr nicht einmal, wenn sie ihm zurief, daß er ein gutes Schaf, ein gefoppter Narr sei, und daß er sich in der Erecherie noch die Haut ab- ziehen lassen würde. Lucas merkte jedoch sehr wohl, daß Bonnaire nicht mit ganzem Herzen zu ihm stand. Wohl gestattete dieser sich nie den geringsten Tadel, er blieb der fleißige, tüchtige, gewissen- hafte Arbeiter, der allen andren ein Beispiel war. Dennoch lag etwas»vie Mißbilligung in seiner Haltung, fast Er- mattuug und Entmutigung. Lucas litt sehr darunter, denn es schmerzte ihn ungemein, daß ein Mann, den er so sehr schätzte, dessen Heldenmut er kannte, so rasch beginnen konnte, sich von ihm abzutvenden. Wenn dieser den Glauben verlor, hieß das, daß sein Werk schlecht sei? Die beiden Männer fanden eines Abends Gelegenheit zur Aussprache, als die Sonne eben an einem klaren, stillen Himmel untersank, sie waren einander am Thor, das zu den Werkstätten führte, begegnet, und setzten sich auf eine Bank, „Es ist wahr, Herr Lucas," erwiderte Bonnaire freimütig auf eine Frage,„ich zweifle stark an Ihrem Erfolg. Sie wissen übrigens, daß ich mit Ihren Ideen nie ganz einverstanden »var, und daß Ihr Unternehmen mir immer ein schäd- liches geschienen hat, mit Rücksicht auf die Konzessionen, dje Sie machen. Wenn ich mich daran beteiligt habe, so war es nur um des Versuches willen. Aber je weiter die Dinge ge- deihen, desto mehr sehe ich, wie recht ich hatte. Der Versuch ist nun durchgeführt»vorden, jetzt müssen wir es anders an- fassen: wir müssen als Revoluttonäre handeln." „Wie, der Versuch ist durchgeführt»vorden?" rief Lucas aus.„Wir haben ja kanm angefangen I Wir brauchen noch Jahre, mehrere Menschenalter vielleicht, ein Jahrhundert kraftvoller, freudiger, muttger Anstrengung. Und Sie, mein Freund. Sie, der sonst so energische und tapfere, verzagen so schnell?" Er sah ihn an, den großen, breitschulterigen Mann mit dem vollen, ruhigen Gesichte, aus»velchem so viel Kraft und Ehrlichkeit sprach. Aber der Arbeiter schüttelte den Kopf. „Nein, nein, der Mut und die Anstrengung thun's nicht. Ihre Methode ist zu sanft, sie rechnet zu sehr auf die Vernunft der Menschen. Ihre Associatton von Kapital, Arbeit und Geist wird sich immer nur so fortfristen. ohne etivas Festes und Endgültiges entstehen zu lassen. Die fressende Krankheit unsrer Zeit ist so arg geworden, daß man sie mit dem glühenden Eisen heilen muß." „Was also glauben Sie, daß geschehen sollte, lieber Freund?" „Das Volk»nuß sich unverzüglich der Arbeitsmittel be- mächtigen, muß die Bürgerklasse ans ihrem Eigentum ver- jagen und die selbständige Verfügung über das Kapital er- langen, um die Herrschaft der allgemeinen und obligatorischen Arbeit aufzurichten." Er knüpfte hieran wieder einmal eine ausführliche Dar- leguug seiner Ideen. Lucas hörte ihm zu, mit schmerzlichem Staunen, daß er noch gar keine ablenkende Wirkung aus diesen denkenden, aber ein»venig kurzsichtigen Geist hatte ausüben können. So wie er ihn in der Rue des Trois-Lunes hatte reden hören, am Abend, da er seinen Platz in der Hölle verließ, so hörte er ihn jetzt wieder, als Anhänger derselben revolutionären Heilslehre, ohne daß die fünf Jahre des kommunistischen Versuches auf der Erecherie seinein Glauben etwas hätten anhaben können. Die Evolution ging ihm zu langsam, der Fortschritt durch die bloße Association schien ihm noch zu vieler Jahre zu bedürfen, er wurde unmutig, er setzte seine Hoffnung auf die soforttge Revolution. „Niemals»vird man uns geben,»vas wir uns nicht selber nehmen." schloß er.„Wir müssen alles nehmen, um alles zu haben." Ein Stillschweigen folgte. Die Sonne war untergegangen. die Arbeiter der Nachtschicht hatten die der Tagschicht in den dröhnenden Werkstätten abgelöst. Und während so das Getöse der unablässigen Arbeit an seine Ohren schlug. überkam LucaS eine unsagbare Traurigkeit, als er erkenne» mußte, daß sein Werk auch durch die Ungeduld der Besten, ihr sociales Ideal zu verwirklichen, gefährdet wurde. War es nicht der wütende Widerstreit gegensätzlicher Meinungen der häufig das Geschehen der Dnwe verzögerte und be- hinderte? „Ich will nicht wieder mit Ihnen disputieren, lieber Freund." sagte er endlich.„Ich glaube nicht, daß es unter den gegebenen Umständen möglich oder nützlich wäre, einen entscheidenden Entschluß zu fassen. Ich für meinen Teil bleibe überzeugt, daß die Association, die Kooperation, das Genossenschaftssystem der langsame, aber weit vor- zuziehende Weg ist, der uns in das gelobte Land führen wird. Wir haben ja so oft über diese Dinge gesprochen, ohne uns ganz einigen zu können. Was hilft es, wieder von vorn anzufangen und uns nutzlos das Herz schwer zu machen? Aber was ich von Ihnen erwarte, ist, daß Sie dem Unter- nehmen, das wir gemeinschaftlich gegründet haben, in der schweren Zeit, die es jetzt durchzuniachen hat, treu bleiben werden." Bonnaire warf mit verletzter Miene den Kopf auf. ,,O, Herr Lucas, sollten Sie an mir zweifeln? Sie wissen, daß ich kein Verräter bin, und daß ich, den Sie einmal vor dem Verhungern bewahrt haben, nnt Ihnen trockenes Brot essen werde, so lange es nötig ist. Seien Sie unbesorgt, das was ich Ihnen vorhin gesagt habe, das sage ich sonst nie- mand. Das sind Dinge, die nur Sie und mich angehen. Es wird mir selbstverständlich nie in den Sinn kommen, den Arbeitern anzukündigen, daß das Unternehmen zu Grunde gehen wird. Ich habe mich mit Ihnen verbunden, und ich bleibe mit Ihnen verbunden, bis uns die Mauern auf den Kopf fallen." Lucas drückte ihm bewegt beide Hände. Und die Woche darauf empfing er einen noch stärkeren Eindruck von einer Scene in der Halle der Walzwerke, zu der er eben zurecht- kam. Es war ihin gesagt worden, daß zwei oder drei mißgünstige Arbeiter Ragus Beispiel folgen und so viel Kameraden als möglich mit fortnehmen wollten. Und als er herbeieilte, um die Ordnung wieder herzustellen, sah er Bonnaire inmitten der Meuterer stehen, und sie in heftigen Worten zurechtweisen. Er blieb stehen und hörte zu. Bonnaire sagte mannhaft alles, was zu sagen war. rief den Leuten alle Wohlthaten ins Gedächtnis, die das Unternehmen ihnen erwies, beruhigte die Aengstlichen durch den Hinweis auf eine bessere Zukunft, die sicher kommen werde, wenn sie fest bei der Arbeit aushielten. Er war so groß, so schön, die Beredsamkeit und 5Uugheit eines der Ihrigen übte eine solche Wirkung auf die Leute aus, daß alle sich beruhigten und keiner mehr davon sprach, aus der Association auszutreten. Dem Abfall war ein Riegel vor- geschoben worden. Und Lucas blieb das Schauspiel unver- geßlich, wie Bonnaire, der gute Riese, den Aufruhr mit breiter Geberde beschwichtigte, als Held der Arbeit, der die freiwillig übernommene Pflicht über alles stellte. Da er im Kanipf für das Glück aller stand, hätte er es für eine Feigheit ge- halten, seinen Posten zn verlassen, obgleich nach seiner Ansicht in andrer Weise hätte gekämpft werden sollen. Aber als Lucas ihm dankte, wurde ihm wieder das Herz schwer, als jener schlicht antwortete: „Dafür ist nicht zu danken, ich habe nur gethan, was ich mußte. Trotz alledem, Herr Lucas, muß ich Sie aber noch zu meinen Ideen bekehren, sonst werden wir hier eines Tages alle Hungers sterben." Und wenige Tage nachher verdüsterte eine andre Be- gegnung seine Stimmung noch mehr. Mit Bonnaire vom Hochofen herabsteigend, kam er an der Behausung Langes vorbei. Der Töpfer hatte sich beharrlich geweigert, das Stückchen Land zu verlassen, das ihm eingeräumt worden war, und das er mit einer niedrigen Steinmauer umgeben hatte. Vergebens hatte Lucas ihn zu überreden versucht, hinabzukommen und die Leitung der Tiegelformerei zu übernehmen, die er hatte einrichten müssen. Lange wollte ein freier Mann bleiben, ohne Gott und ohne Herrn, wie er sagte. Er fuhr also fort, in seiner Höhle seine Töpferwaren herzustellen, die Schüsseln, die Teller, die Töpfe, die er dann auf einem Karren nach den Märkten der umliegenden Orte brachte. Er zog und Bar- fuß schob. An diesem Abend nun kehrten sie eben von einem ihrer Marktgänge zurück, als Lucas und Bonnaire an der Thür ihrer Einfriedung vorüberkamen. „Nun, Lange," fragte Lucas in frcnndlichem Tone,„geht der Handel?" „Immer gut genug, um uns Brot zu geben, Herr Lucas. Sie wissen, daß das alles ist, was wir wollen." In der That brachte er seine Waren nur zu Markte, wenn es an Brot fehlte. Und die übrige Zeit verbrachte er bei den Töpfereien, die nicht zum Verkaufe bestimmt waren, verweilte stundenlang vor ihnen und betrachtete sie träum- verlorenen Blicks, ein primitiver Poet, den es trieb, Gebilde zu formen. Selbst die ordinären Gefäße, die er herstellte, die gewöhnlichen Schüsseln und Töpfe zeigten eine köstliche Ur- sprünglichkeit und Reinheit der Linien, eine schlichte, vor- nehme Anmut. Instinktiv hatte er, der unverdorbene Sohn des Volks, die volksmäßige Schönheit der Form gefunden, jene Schönheit des einfachen Hausrats, die auf deni sicheren Gleichmaß der Verhältnisse und der vollkommenen Anpassung an den Gebrauchszweck, beruht. Lucas war frappiert von dieser Schönheit, als er die wenigen unverkauften Stücke im Karren betrachtete. Und der Anblick des hochgewachsenen, schönen, braunen Mädchens mit den feingeformten, nervigen Gliedern und' der kleinen, festen Brust einer Amazone erfüllte ihn gleichfalls mit Staunen und Bewunderung. „Wie?" sagte er, sich an diese wendend.„Das muß schwer sein, den Karren den ganzen Tag zu schieben?" Aber sie war eine Schweigende, und sie lächelte bloß, indem sie ihn mit ihren schweren, großen Augen ansah, während der Töpfer für sie antwortete: „Pah, wir ruhen uns im Schatten am Straßenrand aus, wenn wir irgendwo eine Quelle finden. Nicht wahr. Barfuß, es geht ganz gut, und wir sind trotzdem zufrieden?" (Fortseyung folgt.) (Nachdruck verboten.) Vöniglirlxe Nimvode. Daß das Jagen ein Vergnügen ist, dem„hohe und höchste Herrschaften" mit großem Eifer nnd beneidenstvertem Erfolge stöhnen, dem Monarcheil inanchmal einen nicht geringen Teil ihrer Muße- stunden widmen, ist»länniglich bekannt, und ebenso iveiß jeder, der dies oder jenes Scherlblatt einem gewissenhaften Studium unter- zieht, daß Fürsten, die das edle Waidwerk betreiben, dabei nm ein Vielfaches mehr Wild zur Strecke bringen, als ein gewöhnlicher Sterblicher. VerklcinerungSsüchtige Nachrede hat nun öfter die un- ehrerbietige Mutmaßung gewagt, daß der eine oder andre Fürst seinen erstaunlichen Rekord im Erlegen von nücrlei Getier durch ein � vereinfachtes Verfahre», durch etwelche Hilfsinittel erziele, die der ganzen Prozedur den Charakter der Jagd benähme». Ein Blick in die Jahrbücher der Geschichte hätte diese zivcifelsüchtigen Thomasse eines Bessere» belehren können, hätte ihnen zeigen können, daß die Gottbcgnadnng deS Monarchen sich mich auf der Jagd fichtbarlich erweist, indem er hundert Hasen oder noch mehr das Lebenslicht ausbläst, wenn weniger begünstigte Menschenkinder mit Mühe und Not den einen oder andren ins Jenseits befördern. Selbst Frankreichs unglücklichster König, Ludwig XVL, von dem auch die konservativsten Geschichtsschreiber die betrübende Thatsache zugeben inüssen, daß seine politischen Fähigkeiten nicht eben große gewesen seien, leistete doch auf der Jagd geradezu Hervorragendes, das sich den besten Leistungen der Gegenwart würdig anreiht. Verging doch kein Jahr, ohne daß er bis zu 10 000 Stück Wild höchsteigenhändig erlegte. Freilich legte er auch entsprechenden Wert auf das Waidwerk, in solchem Maße, daß er in seinem Tagebuch zwar politische Ereignisse überhaupt nicht erivähnte, dagegen aber ge- wissenhaft darin Buch führte über seine Jagdergcbnisse und„Nichts" hineinschrieb, wenn er an einem Tage mal ausnahmsweise nicht pürschen gegangen war; auch am 14. Juli 1789 verzeichnete er ein „Nichts": ivar doch weiter nichts passiert, als daß die Pariser die Bastille gestürnit und zerstört hatten. Er hat also mit Fug und Recht Anspruch aus den Namen eines gewaltigen Nimrod, eines würdigen Nacheifcrers jenes ersten Rimrod, nach dem die sämtliche» Zunftgenossen öfters benannt werden. Dieser Herr war der Bibel zufolge bald nach der Sündflut König von Babylon und„ein geivaltigcr Jäger vor dem Herrn". Das haben die assyriologischen Entdeckungen durchaus bestätigt. Denn nicht nur. daß Keilschrifttexte von dem sagenhaften Helden ivunder- same Jagdgeschichten zn erzählen wissen, wir erblicken ihn auch in bildlicher Darstellung, wie er einen ausgelvachsenen Lölven an sich drückt, gleichwie man ein Schoßhüudchen oder ein Spielkätzchen zu halten pflegt. Die geschichtlichen Könige von Babel und Asinr waren eines solchen erhabenen Vorbildes nicht unwürdig. Welche Nuhmesthaten auf dem Gebiete des Jagdsportes diese Herren zn stände brachten, pflegten sie selber durch ihre Inschriften ins gebührende Licht zu stellen. Da erzählt uns z. B. König Tiglath-Pileser I. von Assyrien (flCflcn 1150 v. Ehr.):„Die Götter Ndar und Nirk�nl hnben ihre gc- walligcn Waffen und ihre hehren Boqen in meine Herrscherhand gegeben. Im Dienste Adars, Ivclcher mich liebt, habe ich vier mann- iiche Wildochsen, mächtige, gewaltige, in der Wüste, im Lande Mitani und bei Araziki mit meinem mächtigen Bogen, dem Pfeil aus Eisen und der spitzen Lan�e getötet. Ihre Häute und Hörner brachte ich nach meiner Stadt Assur. 10 mächtige, männliche Elefanten erlegte ich im Gebiet von Harran und am Ufer des Habnr; vier Elefanten fing ich lebendig. Die Häute und Zähne nebst den lebenden Elefanten brachte ich nach meiner Stadt Assur. Im Dienste Adars, welcher mich liebt, erlegte ich 120 Lölven in meiner Herzensstärke, meinem Heldenkampfe zu Fuß und erlegte 800 Lölven zu Streitwagen mit Pfeilen.... Und Herden von Gazellen, Hirschen, Steinböcken. Auti- lopen, da Assnr und Adar, die Götter, ivelche mich liebe», mir Ans- Lbnng der Jagd geschenkt haben, ließen sie mich in hochragenden Waldgebirgen fangen. Ich brachte Herden davon znsaininen und zählte ihre Zahl wie die Herden von Schafen." Dieser Monarch hatte den modernen Grundsatz„Bescheidenheit für Lumpen" augenscheinlich um drei Jahrtausende genial voriveg- genommen. Aber so stellt auch mancher seiner Nachfolger seine Berdienste als Schütze keineswegs unter den Scheffel. Wenigstens lesen wir in den Annalen Nssur-nasir-pals(884—860 v. Chr.): „Beim Allsstrecken meiner Hand und ini Ungestüm meines Muts faßte ich 15 mächtige Lölven aus den Berge» und Wäldern mit meiner Hand; 50 junge Löwen nahm ich, in der Stadt Kalach und im Palast meines Landes sperrte ich sie in ein Haus ein und stellte sie dort auf. Junge ließ ich sie in Menge gebären. Lebende Luchse fing ich mit den Händen l Herden von Wildstieren, Elefanten, Lölven, Straußen, Wildeseln, Gazellen und Antilopen, wilden Hunden, Panthern, Tiere der Wüste und der Berge brachte ich alle in meiner Stadt Kalach zusammen imd ließ die Böller lneines Landes sie alle schauen.... Die Götter Bindar und Nirgal, die mein Priester- tum lieben, haben mir die Tiere der Wüste übergeben, die Aus- Übung der Jagd anbefohlen; 30 mächtige Elefanten tötete ich, 257 gewaltige Wildochsen erlegte ich auf meinem offenen Wage» im Ungestüm meiner Herrlichkeit mit Pfeilen, 370 gewaltige Lölven tötete ich mit der Lanze." Aber diese gewiß nicht geringen Leistmigen wurden noch weitaus überboten von einem der letzten assyrischen Fürsten, dem König Assurbanipal(669—626 v. Chr.). Uebellvollende Berichte griechischer Schriftsteller, bei denen er Sardauapalliis heißt, behaupten von ihm, er habe durch schwelgerischen Lebenswandel und vollendete Energielosigkeit alles, was in seinen Kräften stand, gethnn, um den Zu- sammenbruch Assyriens zu beschleunigen und sich selber die Grab- schrift gesetzt: „Unverlierbar ist mir, was ich aß. was ich zechte und was ich Süßes empfand in der Liebe Genuß." Diese republikanischen Märchen aber werden ohne weiteres widerlegt allein schon durch des Königs eigne Berichte über seine Jagdabentener, aus denen zur Evidenz hervorgeht, daß ihm gerade die' anstrengendsten und gefahrvollsten Arten der Jagd einen wahren Hochgenuß bereiteten. Da heißt es unter auderm:„Bei einer meiner Jagden näherte sich nur ein Lölve. Ich ergriff ihn über den Ohren bei der Mähne. Indem ich Assur anrief und Jstar, die Herrin der Kämpfe, durchbohrte ich ihm die Eingeweide mit der Lanze". Und ein andcnnal:„Bei einem JagdauSfliig meiner Majestät ergriff ich den Löwen beim Schwanz. Mit Hilfe von Adar und Nirgal zerschmetterte ich ihm das Hirn mit meiner Keule". Diese offizielle Darstellung wird vollinhaltlich bestätigt durch lebenswahre plastische Darstellungen an den Wänden des königlichen Palastes, die den besten Leistungen nnsrer wöchentlichen und täglichen Photographie- Albums an künstlerischer Vollendung nahekommen. Eine bedauerliche Thatsache freilich soll nicht unterschlagen werden. Es giebt da nämlich ein Relief, das den König in der stattliche» Pose des Anschlags mit der Lanze porträtiert gegenüber einem Käfig von minimalen Größenverhältnissen, ans dem ein paar Sklaven einen Lölven herauszutreiben suchen: kein leichtes Stück dies letztere; denn das Tier, eine wahre Karikatur der wilden Bestie, sieht ans, als ivenn durch eine längere Hungerkur und ander- weitige Traiuierung alles Feuer aus ihm heraiisgezwiebelt worden sei. Die ganze Scene hat eine fatale Aebnlichteit mit jener berühmten Stelle in den Abenteuern des sinnreichen Junkers von la Mancha, Ivo Don Qnixote den auf dem Transport zur Stadt befindlichen Löwen kühn bestehen will, dieser aber �um Verlassen des Käfigs keine Lust bezeigt. Aber natürlich ist ein leibhaftiger König kein Don Qnixote und auch kein in Jägerlatein reisender Baron von Münchhausen. Füglich bleibt also nur eine Alternative. Der assyrische Künstler, der dieses bösartige Relief verbrochen hat, muß ein mißvergnügter Nörgler oder gar ein mit dem Landesfeind konspirirender Hochverräter gewesen sein, der den strahlenden Ruhmesglanz Seiner Majestät schwärzen wollte und bei seinem teuflischen Beginnen unglücklicherweise der Aufmerksamkeit einer hochwohlwciscn Censur- behörde entging. Jedenfalls aber kann dieser revolutionäre Kotnrnrf dem großen Assyrerkönig kein Jota von seinem wohlbegründeten Anspruch raube», ftir den gewaltigsten historisch beglaubigten Nimrod aller Zeiten zn gelte». Sicher käme kein Sonntagsjäger mehr beute- los nach Hanse, wenn die heutigen Nimrode anstatt des heiligen Hubertus Seine Majestät König Assurbanipal von Assyrien zum Schutzpatron wählten: bei solch hoher Protektion müßten auch Schützen bescheidenster Zielsicherheit auf die Kosten von Jagdschein und Jagdgrund kommen. irä. Nleines-Asnnllekortt. Giebt eö Mondsüchtige? Wer hätte nicht schon von Mond- süchtigen gehört? Welche Wundergeschichten werden über solche Leute erzählt! Kann es wahr sein, daß gewisse Menschen zur Zeit, wenn der Mond am Himmel steht, ihre Betten verlassen, -die merkwürdigsten Bewegungen vornehmen, ja sogar auf die Dächer steigen, ohne sich zu beschädigen, und' hernach wieder zurück sich auf ihr Lager begeben? Und'des Morgens, wem, sie erwachen, wissen sie von alledem nichts? Die Wissenschaft hat lhatsächlich derartige Fälle sichergestellt. So beobachtete der Bres- lauer Arzt Ebers seineu 11jährigen munteren Pflegesohn, der im Schlafe laut sprach, zur Zeit des Vollmonds aufstand, zwecklos um- herging, automatisch Gegenstände anfaßte, ruhig vor absichtlich hin- gestellten Hindernissen ausivich, das Fenster öffnete und hinaus- schaute usw. und schließlich wieder ins Bett stieg ohne Erinnernng des Morgens an das Vorgefallene. Der Junge' litt an Würmern. Als ihm Mittel dagegen verabreicht worden waren, stellte er seine nächtlichen Wanderungen ein. Derartige Vorkommnisse sind nicht gerade selten. Die Medizin faßt sie als einen unvollkommenen, krankhaften Schlaf auf, in welchem anscheinend zweckmäßige Ortsverändernngen des ganzen Körpers (Gehbewegungen) bewußtlos ausgeführt werden. Das sogenannte Alpdrücken gehört, wenn auch mit andren Er- scheinungen verbunden, zu derselben Art krankhaften Schlafes: des Somnambulismus(Schlaflvanderus). Dabei träumt dem Kranken meist, er müsse ersticken. Eine Art Kobold, Elbe(Alp) usw. lagere sich auf sei» Herz, dasselbe drohe stille zu stehen, und der unaus- bleibliche Augenblick des Sterbens trete ein. Ist die Beklemmung und Angst am höchste», dann erwacht der Träumende. Der Arzt Dr. Baerner-Würzbnrg konnte bei jungen Leuten künstlich im Schlafe derartige Erscheinungen hervorrufen, wenn er ihnen sanft die Bettdecke über das Gesicht derart zog, daß der offene Mund ganz und die beiden Nasenlöcher größtenteils be- deckt wurden. Zufällige oder künstliche Atemnot verursacht somit Alpdrücken. Doch hat Binz, dessen Erörterungen wir hier folgen, einen Mann gekannt, welcher geschickt auf einem vom Monde matt beleuchteten, sechs Fuß hohen Porzcllanofen in, Schlafe herumkietterte. Ursachen dieses Somnambulismus waren: Kartoffelgerichte zum Nachtmahl oder Genuß von kräftigem Käse. Die Tochi'cr dieses Mannes erbte dessen Hang zum Schlafwandeln. Johannes Müller erklärt das Nachtwandeln folgendermaßen: Der Träumende führt seine Handlungsweise ans wie ein Kind. Er kennt die Gefahr nicht, kein Beben oder Schwindeln. Uever gefährliche Wege zn gehen, ist nicht schwierig, wenn man nicht weiß, daß sie z. B. hoch über der Erde liegen. Es könnte jedermann mit Leichtigkeit über niniiche Dächer gehen, wenn sie auf ebener Erde ständen. Der Schlafwandler sieht und hört, wird hierbei aber von fremden Vorstellungen(Eindrücken) nicht gestört, so lange er nicht erwacht. Tritt Erwachen ein, so kommt auch die Erkenntnis der Gefahr, und ein Sturz kann die Folge sein. Daher kommt es, daß nicht selten Schlafwandler verunglücke». Doch ist auch an solchen Unglücksfällen der Umstand schuld, daß Somnambulisten zn- fällig an eine verhängnisvolle Stelle geraten, z. B. an das geöffnete Fenster und sich durch einen Sturz hinab schwer verletzen. Eine unfehlbare Sicherheit und Geistesschärfe besitzen Nacht- Wandler nicht. Auch sonstige Wnndergeschichten gehören in das Reich der Fabel. Das Nachtwandeln ist demnach als ein krankhaftes Träumen aufzufassen. Es ist selbstverständlich ärztlicher Hilfe zu- gänglich, Diätvorschriften, Ueberwachung der Kranken, schließlich auch arzneiliche Beruhigungsmittel, welche dem Arzt reichlich zn Gebote stehen, werden sicherlich fast in allen Fällen mit bestem Erfolge sich anwenden lassen.—(„D. kl. Journal f. Hygiene.") Ueber die Unterschiede in de» Stimme» der einzelne» Vogclarte» und in ihrem Gesang giebt nach einem Bericht der „Feitschr. f. Psycho!, u. Physiol. der Sinnesorgane" V. Hücker in seinem kürzlich erschienenen Buche„Der Gesang der Vögel, seine anatomischen und biologischen Grundlagen" interessante Aufschlüsse. Danach beruhen die Unterschiede, die die Stimmen der einzelnen Vogelarten zeigen, nur zum Teil auf anatomischen Verschieden« heilen des Stimmnpparats. Den wichtigsten Einfluß auf de» be- sonderen Ausbildnugsgrad des Gesanges üben dagegen die psychischen Eigenschaften der Vögel, die sie mehr oder weniger be- fähigen, den angeborenen instinktmäßigen Gesang durch Lernen zu vervollständigen. Ursprünglich wurde die Stimme nur dazu gebraucht, irgend einen Affekt zu äußern. Dann ward sie zu», Mittel gegenseitiger Verständigung, Anlockung und Zusammen- Haltung der Arkgenosscn. Vom einfachen Lock- und Paarungsruf bis zum vollkommenen Gesang und Schlag nach Zahl und Moduliernng der Töne läßt sich eine fortlaufende Entwicklungsreihe herstellen, der ent- sprechend sich auch die wirkliche Entwicklung des Vogelgefangs voll- zogen haben wird. Sommer-, Herbst- und Wiutergesang bilden einen weiteren Fortschritt deS Gesangs über seine Bedeutung für das eigentliche Liebesleben der Vögel hinaus. Der Gesang ist hierbei schon als Ausdruck einer Spielstimumng"uzusehen, also einer psychischen Regung, die über den, bloß Jnstiuktiuäßigen steht.— Theater. oe NeueS Theater. Eigentlich hätte schon längst einer der heutigen Dichter so dankbar sein sollen. Wer kann leugnen, wenn — 464- er sich im Thcalcr umsieht, tmsz etwa sieben Achtel des Pnliliknnis den Söhnen lind Töchtern Jsrnels zniicznhlt iverden müssen, dns; diese den intcllektncllen, nnd, lvas ivichli�er, liintl den siiirmziellen Untergrund iiamciitlich der neueren und nenesten Aiihilciikiiiist llbgeb'en? Unter so bclvclndten Unislände» bekundet ein Dichter nicht allein Klugheit, sondern auch Christenfinn und Seelcngiitc, lvenn er Israel einmal im bengalischen Feuer erglänzen läßt. Und solches that Herr Richard S k o Iv r o n n e k in seinein nenesten Schauspiel„Die g o l d e n e V r ii d e", auf der wir drei Generationen der Familie Gnhrancr lnstivandel» sehen. Der alte Gnhraner ans Rakel, dreiimdsiebzigjährig. fühlt sich zum alten Eisen gelvorfen, als er, ei» würdig Abbild der Erzväter, nach Wannsee kommt, wo sein Sohn, der Rittergutsbesitzer und elfsache Millionär, gerade Kirchenfenster stiftet, ein bisher liberales Blatt ins Mirbachische ummodelt, einen abgebrannten Grafen zum Eidam sticht nnd andre Exercitie» in, Christentum macht. Die dritte Generation, ganz feudal lackiert, tritt nns in dem zwanzigjährige» Siegfried Gnhraner ciitgegen, der ein Ninirod vor dein Herr» ist und es im Stöcker. Chrislentuin schon so iveit bringt, das; er seine», eignen Grostvatcr ivcgen dessen jüdischen, Aenstcren ruppig koinnit. Aber die dritte GenerNlioii schlieft, als Rcgation der Negation sozusagen, auch Judas Triumph in sich. Helene, Siegfrieds idealgesinnte Schivcstcr. vereinigt Judentn», und Christeiitn», zn genieinsamer, edlerer Blüte, aber nicht, indem sie cincii Grafen heiratet, sondern sich dein Dichter nnd Journalisten Hermann Wisselink ans Rcidenburg in Ostprcnben, einen, Leit- artikelredner von umvandelbar liberalen, Hoffen, liebend in die Arme wirft. Diese Handlung, von den altbeivährtestcn Theatcrthpen getragen, »»»st man sich nun mit Witzen in Oskar Vlnnienthals Genre verbrämt vorstellen, die bekanntlich die Eigenschaft haben, dast auch der Denk- faulste ihr Eintreffen in, voraus ahnen nnd sich so über seine Intelligenz freuen mnst Das allerdings stark interessierte Publikum gab Begeisterung zu erkennen, jubelte stürmisch der Tendenz des Stücks zn und rief den Dichter Skoivronnek ein über das andre Mal vor die Rampe. Aufgeführt Ivurde das Schauspiel von dem„Emil M e st t h a I e r- Ense m b l e Sei» Leiter, Herr Mestthaler, ist ein Münchcner, der seine Gesellschaft um sich versammelt habe» soll, nn» die Berliner Bnhncnlitteratnr auch der Provinz zugänglich zu machen. Die— bis- her einzig in Hau, bürg aufgeführt«—„Goldene Brücke" erscheint dein Herr» Direktor vielleicht als der mittlere Durchschnitt der Berliner Gattung. Die Darstellung zeugte übrigens von guter Schnlnng. In den Herren Emil H ö f e r, der den jüdische» Emporkömmling gab, M o r v e y, der den Alten spielte, und Klein besitzt das Ensemble, wenn auch keine stark hervorragende, so doch leistungsfähige Kräfte. Ein bischen gespreizt gab sich Frl. B i l», a I l l i n g in der an sich schon gespreizten Nolle der idealen Helene.— Musik. Wiederum ist eine neue Knnstgattnng entstanden:„Lebende Lieder". Bor einem geladenen Publikum fand an, Sonnabend im Trianonsaale bei Kroll die Eröffnungsvorstellung statt. Als ich dies erfuhr, fragte ich mich: ivelcher künstle, ische Zweck wird dabei verfolgt, Ivohin verirrt sich nur die menschliche Phantasie mit ihre», Hasten nach Neuem, nicht Dagewesenen?— Mit einem gewissen Bangigkeitsgesühl ging ich hin; allein es war eine angenehme Eni- tänschnng. Was waren nun diese„lebenden Lieder"? Eigentlich keine Lieder, sondern dramatisierte Sccnen. Greifen wir als Beispiel „Schüchterne Liebe" von Rossiii-Rosenfeld heraus, unter den Novitäten tvohl die musikalisch gefälligste. Wir erblicken eine hübsche Gartcnscene. Ei» junges Mädchen sitzt auf einer Bank und näht. Man sieht es ihren erwartungsvollen Augen an, dast sie i h n erwartet. Er kommt schüchtern heran nnd gesteht ihr, ein Lied singend, seine Liebe. Ihr Gebärdcnspiel und lautes Schweigen verrate», wie gut sie ihm ist. Durch dieses Mitspielen, während der andre singt, gc- winnt das Ganze Leben und wird zum„lebende» Lied". Fräulein Elsa v. Toreno und Herr Paul S t a n, p a waren darin ans- gezeichnet. Wie Fräulein v. Toreno die schüchterne Mädchcnhnftigkcit — gepaart mit feiner Koketterie— zur Darstellung bringt, ist lieb« lich und reizvoll. In diesem Mitlcben der andern und Wirkenlasien auf den Zlischaner liegt das Neue. Es ist gewist schön, etwas Neues kennen zu lernen; aber den eigentlich künstlerischen Zweck kann ich immer noch nicht herausfinden. Der Vergleich mit dem Ueberbrettl liegt nahe. Achnlichkeit ist auch sicher vorhanden. Dort das„lieber- Wort", das mit der ganze» Modernität der Litteratur hinausstürmt nnd nicht fragt, ob es sich oder andern Leuten den Kopf einrennt, hier das„Ueberlied", jedoch mit den pocsievollen Stimmungen der guten Alten, die Ivahrlich nicht wehe thnn. De», Direktor des nencn Unteniehmens Herrn Julius K a y s e r und seinen, Regisseur Herrn Max Lau reu ce ist wirklich viel Glück zu wünschen, dast es ihnen gelungen ist. ein im allgemeinen recht gutes Ensemble zusammenzustellen. Und diesem hinwieder, dast es einen so tüchtigen und sein Bestes einsetzenden Regisseur, wie Herr Laurence eS ist, als Leiter nnd Lehrer hat. Die Dar- steller gaben im allgemeinen, bis auf Frl, Antje Hendrik. die noch gar zn sehr in den Aufängerschuhen steckt, schöne Proben flsreS Talents und ihre? Könnens, Vor alle», mnst Herr Laurence. früher Regisseur>i»i Schiffer-Theater, rühmlichst hervorgehoben Iverden. Was er als Künstler und Regisseur bot, zeugte von viel Wissen, reicher Erfahrung und persönlicher, echter Künstlerschaft. Wärme und Einfachheit durchwehten seine Vorträge und Jnscenicrungcn. In Herrn Stampa besitzt dieses Theater eine vielseitige, mit schöne», Organ begabte Kraft, Das„Engagements- gcsuch", innsikalischer Scherz von G e n e e, gab ihm besonders Ge- legcnhcit, seine Begabung zu zeigen. Frl. Dorn Dorsal), eine ebenso schöne Erscheinung wie temperamentvolle Künstlerin, wnsttc in außergewöhnlicher Weise durch ihr gesangliches Können nnd reifes Spiel zu fesseln. Wegen der Gleichmästigkrit ihrer Leistnuge» ist es schwer, etwas hervorzuheben, Frl. von Toreiw wirkte vor allem durch ihre Grazie im Spiel und durch ihre Erscheinung selbst. Gesanglich lästt manches zn wünschen übrig. Besonders auffallend ist die Ilnansgcglichenheit der Töne und der Aussprache. Herr Dr. Q n e d e n f e I d t hatte in der Operette„Marquis und Marquise" besondre Gelegenheit, sein schauspielerisches Könne» zn zeigen. Die Damen Margarete van der Ney nnd Else Kosseg haben jedenfalls auch ihr Schürflein zn den, Gelingen des Abends beigetragen. Frl. M a r i a E i s e n h n t machte das, allerdings sehr dankbare, Bierbaumsche Gedicht recht hübsch. Das Programm von, Sonnabend ivar ein Kunterbunt von Meyer- beer nnd Hartlcben. Gense nnd Salus, Mozart nnd Lemnire, Beethoven und Franz v. Blon usw. nnd sollte, wie Herr Laurence in seiner An- spräche sagte, nur eine Stichprobe dessen sein, was das Ensemble dieses Theaters zn bieten vermag. In Zukunft»instte das Programm kürzer und einheitlicher sei», damit man nicht an de» Anfänger erinnert wird, der gar zn gern alles gicbt, was er vermag. Die Hellas- b i l d e r z, B,, so schön sie auch als Bilder ivirken, solllen doch nur selten kommen nnd auch nur dann, lvenn das Übrige Programm des Abends auf diese Gattung hin gestimmt ist. Jedenfalls aber niüstten dabei die Dcklainationsciiileitungci, wegfalle», die docki gar keinen Sinn haben, wenn die Gestalten selber zu leben und zn singen— sprechen wäre künstlerischer— beginnen. Unter allen Umständen jedoch sind die nene Knnstgattnng und ihre Darstellung sehr interessant und amüsant, nnd mau kann ihnen die besten Wünsche für weiteres Gedeihe» mit ans den Weg gebe».— c. s. Hmnaristisches. — Niederträchtig, Hausfrau:„So eine boshafte Person, diese Aintsrichterin! Wen» sie bei nns eintritt, putzt sie niemals brausten die Füste ab— aber wenn sie heraus- g e h t!" — E i» ängstliches Gemüt.„Warum sind Sie so er- regt, Frau Wamperl?" „Ich bin in einer Vorlesung geivcscn. Da hat ein Astronom behauptet, dast die Sonne nur noch 66 Rtillionen Jahre leuchten wird!" „Und da? erregt Sie so?' „Ja wisse» Sie. wenn das unser Kaufmann hört, schlägt er gleich wieder mit den, Petroleum aus!"— — Aus den, Bericht eines Ge mein bevor st eher s. ... Bei der darauf cntstnildenen Rauferei wurde dem Hintertnpfer Sepp sein zweites und letztes Ohrivasch'l abgerissen.— Bücher-Einlauf. — Paul Mougre:„Ekstasen*. Gedichte. Leipzig. Hermann Seemann Nachfolger.— — Eduard Sokal:„Dolorosa". Drania. Hannover. Gebrüder Jänecke.— — Friedrich D n k m e y e r:„Des Sitten», eist erS A e r g e r n i f s e". Komödie. München. Stägmeyersche Verlags« Handlung.— — Fernando Lau keS- U hiemann:„Glaube, Hoffnung, Liebe". Sociale Dichtung in drei Akten. Berlin. Emil Apolant. Preis IM.— — Arthur Schnitzler:„Lieutenant G u st l". Novelle. Berlin. S. F'schcr.— — Wilhelm v, Polenz:„Luginsland". Dorf- geschichtcn. Berlin. F. Fontane u. Co. Pr. 1 M.— — Stanislaw PrzybySzenski:„V i g i I i e n". Zweite Auflage. Berlin. F. Fontane u. Co.— — Maxim G o rk i:„Das Ehepaar Orlow". Novellen. Berlin. Bruno»»id Paul Cassirer.— — Karl Hans S t r o b l:„Aus Gründen nnd Ab« gründen". Skizzen. Leipzig. Herrn. Seemann Nachfolger.— — Rudolf Klein:„Arnold Böcklin". Moderne Essays zur Kunst und Litteratur. Heft 7. Berlin. Gose u. Tetzlaff.— Leramwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.