Htnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 119. Freiwg. d-n 21. Juni 1901 (NachdruZ verboten.» ss; M v b o i Rcinan in drei Bücher» von Emile Zola. Aus den» Französische» übersetzt von Leopold R o s e n z>v c i g. „Ich beabsichtige nichts in diesem Punkte," erwiderte Lucas. „Jedem Menschen steht es frei, seinem Glauben zu leben, und wenn noch keine Kirche gebaut wurde, so kommt das nur da- von. daß noch keiner von uns das Bedürfnis danach empfunden hat. Aber wir können eine bauen, sowie genug Gläubige da sind, um sie zu füllen. Es wird einer beliebigen Gruppe von Bürgern keine Schwierigkeiten bereiten, ihre Gefühle in dieser Hinsicht zu befriedigen. Und was die Notwendigkeit einer Religion betrifft, so ist diese in der That vorhanden, wenn man die Menschen regieren will. Aber wir wollen sie nicht regieren, wir wollen im Gegenteil, daß sie als freie Bürger in der freien Stadt leben. Sehen Sie, Herr Abbe, nicht wir zerstören den Katholizismus, er zerstört sich selbst, er stirbt langsam eines natürlichen Todes, so wie alle Re- ligionen notwendigerweise sterben, sobald sie ihre historische Aufgabe erfüllt haben, sobald in der Entwicklung der Mensch- heit ihre Stunde gekoinmen ist. Die Wissenschaft zerstört nacheinander alle Dogmen, die Religion der Menschlichkeit ist erstanden und wird die Welt erobern. Wozu sollten wir eine katholische Kirche in der Crscherie bauen, wenn die Ihrige schon zu groß für Beauclair ist, wenn sie von Tag zu Tag leerer wird und eines Tages zusanmienbrechen wird?" Der Pfarrer war bleich geworden und that, als habe er nicht verstanden. Mit dem Starrsinn des Gläubigen, der stets nur Behauptungen aufstellt, ohne je Beweise zu liefern oder Einwände zu hören, wiederholte er: „Wenn Gott nicht mit Ihnen ist, müssen Sie untergehen. Ich sage Ihnen, bauen Sie eine Kirche!" Hermeline konnte nicht länger an sich halten. Das Lob des Pfarrers lag ihm wie eine Last auf der Seele, besonders da dieser die Konsequenz daraus zog, daß es notlvendig sei, eine Kirche zu bauen. Er rief: „Nein, nein, Abbe, nur keine Kirche! Sicherlich hat die Entwicklung der Dinge hier nicht meinen Beifall. Aber wenn es eines giebt, womit ich ganz einverstanden bin, so ist es die Abschaffung jeder Staatsreligion. Die Menschen regieren, o ja; aber nicht die Pfarrer sollen sie von der Kanzel herab regieren, sondern wir, die Bürger, vom Stadthaus ans. Ans den Kirchen werden wir einfach Getreidespeicher machen." Da fuhr der Abbe Marle auf und iagte, daß er in seiner Gegenwart derlei gotteslästerliche Worte nicht dulde und das Gespräch wurde so scharf, daß der Doktor Novarre wieder wie gewöhnlich eingreifen mußte. Bis jetzt hatte er ruhig zugehört und nur mit seinen klugen, glänzenden Augen von cincni zum andern der Sprechenden geblickt, als stiller, ein wenig skeptischer Mann, der sich um bloßer Worte willen nicht aufregte, und wenn sie noch so heftig waren. Aber er glaubte zu bemerken, daß Soeurette anfing, den Streit Pein- lich zu finden. „Nun, nun, meine Herren. Sie sind ja beinahe einig, da Sie beide gute Verwendung für die Kirchen haben. Der Abbe wird immer noch seine Messe da lesen können, während er einen Winkel den Früchten der Erde überlassen könnte in den Jahren großen Ueberflusses. Der liebe Gott, welcher Religion immer, wird nicht nein sagen." Dann sprach er von einer neuen Rosenart, die er ge- züchtet hatte, von schönem, reinem Weiß mit einem glühend roten Fleck in der Mitte. Er hatte einen Strauß initgebracht und Soeurette blickte mit dankbarem Lächeln ans die duftige Gabe, gleichwohl still und traurig gestimmt durch die ver- letzende Heftigkeit, welche der Widerstreit der Meinungen an ihrem Tische annahm. Wenn daö so fortging, war es wohl mit der Dienstaggesellschaft bald vorbei. Jetzt erst erwachte Jordan aus seinem Sinnen. Er hatte mit aufmerksamer Miene dagesessen, als ob er zuhörte. Aber als er nun sprach, zeigte es sich, wie weit sein Geist ab- geschlveift war. „Haben Sic gehört, daß es einem Gelehrten in Amerika gelungen ist, genug Sonnenwärme aufzuspeichern, um Elektricität zu erzeugen?" Als Lucas mit den Geschwistern Jordan allein geblieben war, entstand ein langes Stillschweigen. Der Gedanke au die armen Menschen, die sich gegenseitig wegstießen und zu Boden traten in ihrem blinden Vorwärtsdrängen zum Glücke. bedrückte sein Herz. Je länger desto mehr sah er ein, welch furchtbar schivere Aufgabe es war, für das allgemeine Wohl zu arbeiten, wie auch diejenigen, die er retten wollte. sich gegen den Retter empörten, und manchmal überkam ihn eine tiefe Entmutigung, die er sich selbst noch nicht gestehen wollte, die ihn aber matt an Körper und Geist machte, wie nach einer großen vergeblichen Anstrengung. Sein Wille wankte und war auf dem Punkte zusammenzubrechen. Und wieder rang sich jetzt der Ausruf aus seinen wunden Herzen: „Sie lieben nicht! Wenn sie lieben würden, wäre Frucht- barkeit überall, alles würde siegreich sprießen unter der warmen Sonne!" Wenige Tage später, an einem Herbstmorgen, machte Soeurette eine Entdeckung. die ihrem Herzen eine tiefe, brennende Wunde schlug. Sie war sehr zeitig ausgestanden. um in den Kuhstall zu gehen, den sie eingerichtet hatte, um für die Kinder der Crscherie gute Milch zu bekommen, und ihr Weg führte längs der von einer Mauer abgeschlossenen Terrasse hin. an deren Ende das von Lucas bewohnte Häuschen lag. Als sie nun an die Mauer trat, um einen Blick auf die unterhalb hinziehende Straße nach Combettes zu werfen, öffnete sich die kleine Thür, die von dem Häuschen auf die Straße führte, eine Frauengestalt schlüpfte sachte heraus und verschivand alsbald im rosigen Morgennebel. Aber sie hatte sie erkannt, die zarte, schlanke Gestalt, gleich der einer Elfe, die vor der aufgehenden Sonne flieht. Es war Josine, sie kam von Lucas, und da sie so im ersten Morgengrauen ans seiner Thür trat, so mußte sie die Nacht bei ihm verbracht haben. Seitdem Ragu die Crscherie verlassen hatte, war Josiue so manchmal zu Lucas gekommen, in den Nächten, wo sie frei war. Aber diese Nacht hatte sie ihnr gesagt, daß sie nicht wiederkommen könne; sie fürchtete, daß man sie be- argwöhnen, daß eine Nachbarin ihr nachspüren und sie ver- raten könnte. Uebcrdies war ihr der Gedanke, daß sie lügen, daß sie heimlich davonschleichen müsse wie ein Dieb, um sich ihrem Gotte zu geben, so qualvoll geworden, daß sie lieber den Tag abwarten wollte, wo sie ihre Liebe würde laut hinausrufen können. Lucas mußte ihr beistimmen und sich in die Trennung finden. Aber welche Nacht voll glühender Zärtlichkeit und verzweifelten Schmerzes, welch hcrzzerreißen- der Abschied im ersten Grauen des Morgens! Immer und immer wieder hatten sie sich umfaßt, immer den letzten Kuß noch durch einen allerletzten Lügen gestraft, immer neue Schwüre ausgetauscht, so daß es schon Heller Tag war, als sie sich endlich losriß und forteilte. Und nur die Morgen- nebel hatten sie ein wenig den Blicken verborgen, als sie das Haus verließ. Josine verbrachte die Nacht bei Lucas, kam im Morgengrauen aus seiner Wohnung heraus! Diese plötzliche Entdeckung schmetterte auf Soeurette nieder wie ein Keulenschlag. Sie war erstarrt, regungslos stehen geblieben, als ob die Erde sich unter ihren Füßen geöffnet hätte. Ihr Herz pochte zum Zerspringen, in ihren Öhren sauste es, alles drehte sich mit ihr, ihr schwindelndes Hirn war keines klaren Gedankens fähig. Sie vergaß, weswegen sie hierhergekommen war, wandte sich plötzlich um, lief nach Hanse zurück, als ob auch sie fliehen inüjjte, erreichte atemlos und halb sinnlos ihr Zimmer, ivarf sich auf ihr offenes Bett und preßte die Hände bald an die Augen, bald an die Ohren, wie um nichts zu sehen und nichts zu hören. Sie weinte nicht, sie war sich ihres Zustands noch nicht klar bewußt, sie war nur überwältigt von Verzweiflung und namenlosem Ent- setzen. Warum litt sie so fürchterlich, warum war ihre Seele so zerrissen von dieser Enthüllung? Sie hatte bisher nichts andres zu sein geglaubt als die liebevolle Freundin Lucas', seine Schülerin und Helferin, die ihm mit freudiger Ergeben- heit zur Seite stand in seinem Wirken für das menschliche Gluck und die Gerechtigkeit. Sie wahute, cm seiner Seite nichts andres zu euwfindeu als das köstlich-sanfte Gefühl einer Seelen- verschwisteruug, und noch kein stärkerer Schauer hatte bisher ihr Herz erbeben gemacht. Und nun auf einmal brannte ihr ganzes Wesen, wurde sie von heftigen: Fieber geschüttelt, weil sie ein andres Weib hatte am frühen Morgen aus seinem Zimmer schleichen sehen, und die Vorstellung, daß diese andre die Nacht bei ihm verbracht habe, quälte sie mit Bildern, die sie dem Wahnsinn nahe brachten. Sie liebte also Lucas, begehrte nach ihm! Und sie entdeckte das erst an dem Tage, wo das Unglück schon geschehen war, wo sie keine Hoffnung haben konnte, ihnr noch Liebe zu sich einzuflößen! Das war das Entsetzliche, das Vernichtende, daß sie in so mitleidsloser Weise erfahren mußte, daß sie ihn liebte, ini Augenblicke, da eine andre den von ihr begehrten Platz eingenonimen hatte und ihr den Weg zu einem Herzen versperrte, in welchem sie vielleicht als angebetete und allmächtige Königin hätte herrschen können I Davor verschwand alles andre, sie dachte im Augenblicke nicht daran, wie ihre Liebe ent- standen und gewachsen war, wie so sie ihrer selbst nicht bc- wüßt geworden, die mit dreißig Jahren noch unerfahren war und bisher volle Befriedigung in der Seelenfreund- schast gesunden hatte, die sie mit ihm verband, ohne daß ein stärkerer Wunsch sich geregt hätte. Endlich kamen die Thränen, sie schluchzte, als wollte sie sich die Seele heraus- weinen, sie wand sich verzweifelt unter der Brutalität der vollendeten Thatsache, angesichts des Hindernisses, das so plötzlich zwischen ihr und dem Manne emporgewachsen war, dem sich ihr ganzes Wesen hingegeben hatte, ohne daß sie es wußte. Und nur ein Gedanke ersiillte sie, nichts war ihr in dem Aufruf ihrer Seele deutlicher gegenwärtig als die Frage: was sollte sie thun, was ersinnen, damit er sie liebe? Denn es schien ihr unfaßbar, daß sie nicht geliebt werden sollte, da sie liebte, da sie nie aufhören würde zu lieben I Nun, da sie sich ihrer Liebe bewußt geworden, verbrannte sie ihr das Herz, sie konnte nicht leben, wenn nicht Gegenliebe ihr kühlenden Balsam brachte. So kämpfte mit wildjagenden Gedanken, mit verzweifelten, gestaltlosen Ent- schlüssen dieses reife, Kind gebliebene Mädchen, das so Plötz- lich in die qualvolle Wirklichkeit des Lebens hineingeschleudert worden. Lange lag sie so, zerrissen, vernichtet, das Gesicht in die Kissen vergraben. Die Sonne war höher gestiegen, der Morgen war weit vorgeschritten, ohne daß sie einen Ausweg aus dem entsetzlichen Wirrsal ihrer Empfindungen gefunden hätte. Immer kam die zwingende, unabweisliche Frage wieder: was sollte sie thun/ um sagen zu können, daß sie liebte, um zu erreichen, daß sie wieder geliebt werde? Da fiel ihr plötzlich ihr Bruder ein. Ja, ihm mußte sie sich an- vertrauen, er war der einzige Mensch auf der Welt, der sie kannte, der wußte, daß ihrem Herzen jede Lüge fremd war. Er war ein Mann, er würde sie sicher verstehen, würde sie lehren, was man thun muß, wenn man glücklich werden will. Und ohne weiter zu überlegen, sprang sie auf und eilte ins Laboratorium hinab, wie ein Kind, das mit seinem großen Schmerze zur Mutter läuft. iFortsetzung folgt.) DAS Visntm'ck�Densnzml. Die allgemeine Wertschätzung eines Werkes wie des Bismarck- Denkmals, das sich jetzt vor dem Reichstags-Gedände erhebt, wird niemals allein durch seine künstlerischen Faltoreu bedingt sein. Be- sonders wird dies erschwert, wen» der Bildhauer, wie hier R e i n- hold Begas, in der Darstellnng seine eignen, ganz persönlichen, barocken Ideen in einer Art zum Ausdrncl gebracht hat, die de» politische» Gegner de-5 von ihm Gefeierten zu scharfem Widerspruch herausfordert. Es ist in der Idee des Denkmals eine so be- stimmte Ansicht von der historischen Stellung und politischen Bc- deutnng Bisniarcks formuliert, daß es von vornherein eindringlich nur zu dem Gefühl des Beschauers sprechen kann, der diese An- schaunnge» teilt. Es müßte z. B. doch ein mcrkivürdiger Mann sein, der flattcrnde.krächzende Raben dargestellt sieht, von denen er sich sagen muß, daß er selbst auch damit gemeint ist, und der in diesen lieb- lichcn Tierchen»nr die Schönheit sieht. Das Relief ist freilich so grotesk und geschmacklos, daß es lediglich ein Lachen hervorruft; aber auch wenn es die schönsten Krähen der Welt wären, würde der Genuß wahrscheinlich nie ungeteilt iverde». Was an diesem einen Beispiel besonders deutlich wird, gilt aber in tieferer Form von dem Ganzen. Und doch könnte das Knnstlverk so groß sein, daß es auch den widerstrebenden Beschauer in seinen Bann zieht: er iviirde zwar protestieren, sich aber vor dein Genius des Künstlers verneigen. Gleichviel, ob die Idee der Persönlichkeit, die dem Denkmal zu Grunde liegt, auf Legenden oder geschichtlichen Thatsache» beruht, versuchen ivir einmal, darauf cinzügehen und rein die künstlerische Leistimg zu prüfen; vielleicht daß aus einer solchen ästhetischen Be- trachtung niancher für den Geist nnsrer Zeit charakteristische Zug herausspringt. Es war die Absicht, Bismarck als einer gewaltigen Persönlichkeit, als Heroen, als Gründer des Deutschen Reichs das würdige, monnmentale Denkmal zn setzen. Ist sie gelungen? Ein Denkmal, das die Gestalt des nationalen Heroen in das Vorstellungsleben des— imaginären— Volks einwurzeln könnte, müßte einen großen, einheitlichen Zug haben: es müßte so- fort jeden packen, der davor hintritt, und sich seinem Gedächtnis einprägen. Wer nun von Berlin kommt und sich das Wunder an- sehen ivill, der sieht— eine ganze Anzahl Rücken, riesige Rücken und in so wunderlichem Liuieugemengsel, das dieser erste Eindruck einer tollen Komik nickt entbehrt. Ich muß gestehen, daß ich von diesem außer Rand und Band geratenen Liniengewirr in meiner Vor- stellmig nickt wieder losgekommen bin. Es ist hier wieder einmal ein Glauzstück der Aufstellung geleistet. Daß der weit überwiegenden Mehrheit der Besucher das Denkmal sich zunächst mit den Rücken- ansichteu präsentiert, mußte der Bildhauer zu vermeiden ivisscn und ging es gar nickt anders, so hatte er diesen Nnistand bei seiner Komposition zu berücksichtigen. Wie oft ist ferner schon ans die Gefahren hin« geiviesen, die die Anfstellmig ans einem weiten Platz und mitten vor einem großen Gebäude für ein Denkmal mit sich bringt I Ein Bild- hauerwerk kann sich unter diesen Bedingungen nicht halte»: wenn es nicht Rieseumaße annehmen soll, muß es für den Eindruck zusammenschrumpfen und winzig erscheinen. Und es ist immer dieselbe Geschichte, auch bei dem Bismarck- Denkmal iviedcr. ?war hat Begas diesmal der Gefahr zn begegnen versucht. Er at den durch Baumgrnppen seitlich eingefaßten Platz vor den, ReichstagshauS gegliedert und verkleinert, inden, er ihn noch durch mächtige, halbkreisförmige Becken mit Fontänen zu beiden Seiten einengte, zivar hat er den Figuren des Denkmals so riesige Verhältnisse gegeben, daß sie sich zur Not wohl gegen die kolossale Front des Reichstagshanscs behaupten werden, auch wenn die Baugerüste, die bisher noch das Denkmal umgeben, abgerissen sind und der Platz völlig frei ist: aber was ist mit diesem ganzen Ülufivand erreicht? Im besten Fall, daß das Denkmal mit seinen Figuren nicht ganz erdrückt lvird I Ein vorteilhafter Hintergrund ist das Reichstagsgebände für das Denkmal unter keinen Umständen. Stellt man sich vor dem Denkmal in gehörige Entfeniung, damit man es bei der Größe der Figuren richtig übersehen kann, so drängt sich immer die Reichstagsfront dagegen auf, so daß eine ruhige kou« zentrierte Betrachtung des Denkmals unmöglich lvird. Andrerseits wird es manchem viel bedauerlicher erscheinen, daß mm auch die Reichstags- Front bei dem Gesamtanblick ans einiger Entfernung infolge der häßlichen Uebcrschneidungcn durch das' große Denkmal empfindlich gestört wird. Und was bedeutet die in jeder Hinsicht»»günstige Ans- stellnng nun wieder, die auch sachlich, d. h. durch Beziehungen Bismarcks zn diesem Gebäude, nicht gerechtfeRigt ist? Wie ist sie anders zu erklären als durch die Vorliebe für leere Repräsentation, äußerliches Zurschantrage» und mangelndes Gesühl sür innere Größe, die ihr Genüge in sich selber findet? Hat man sich von dem Schreck erholt, den die erste Rücken- anficht einjagt, so wandert man in weiten Bogen»in das Denkmal herum, um die Vorderansicht zu gcuießen. Auf diese allein, das zeigt schon der erste Rnndgang, ist es komponiert. Es präsentiert sich der übliche pyramidale Anfban, auf einem hohen Sockel die Figur Bismarcks, auf niedrigen Postamenten zu beiden Seiten zwei Frauenfignrcn. Wohl wieder mit Rücksicht auf die Umgebnug ist die Spitze des Dreiecks sehr hoch gezogen, der Sockel stark erhöht, so daß die eigentliche Denkmalsfigur sich aus dem Ganzen der Gruppe herauslöst. Ein zwingender Gesninteindruck stellt sich nicht ein. Es ist keine große, einheitliche Idee, kein imponierender Aufbau, sondern eine lockere, breit hingelagerte Komposition, deren Wirkung sich stark in Einzelmotive zersplittert. Statt einer großen Kompositionsidee, in die alle Teile einbezogen sind, hat BegnS eine Reihe von Einkällen gehabt, die nur lose in Zusamnienhang gebracht und einzeln zu werten sind. Damit wäre das Urteil des Denkmals gesprochen, auch Iveun diese Einzelheiten von außerordentlicher Schönheit wären. Sichtlich war der Bildhauer von dem Bestreben geleitet, große und monumentale Wirkungen zu erreichen. Das zeigt vor allein ein Vergleich seiner neuen Schüpsnng mit dem Denkmalsbau für Kaiser Wilhelm I. an» Schloß. Wie an die Stelle der ungeheuerliche» Komplikationen der Anlage bei jenem hier eine einfachere Gliederung getreten ist, so sind die Hauptfiguren weniger bewegt, auf große Silhouette» hin gearbeitet. Aber das heiße Bemühen hat kein Erfolg gekrönt. Selten hat sich die enge Begrenzung des Talents von Begas, das auf alles andre als das Monmnentale gestellt ist, so denilich offenbart als in diesen geivollt monumentalen Figuren, die bei aller ihrer riesige» Größe so klein wie Genrefiguren loncipiert sind. Die Gestalt des hoch oben auf dem Sockel stehenden Bismarck in Uniform frappiert allerdings im ersten Moment durch eine geivisse Lebendigkeit; aber man darf sie nicht näher ins Auge fasien, sonst erkennt man sofort, wie kleinlich ihre Bewegung gedacht ist. Die Figur steht mit beiden Füßen auf, das rechte Bein ist ein tvenig vorgesetzt. Während die rechte Hand sich mit zierlich gespreizten Fingern auf eine Urkunde stützt, die daneben auf einem Postament liegt, greift die Linke in den Griff des auf den Boden gesetzte» Pollasch nnd fährt weit ausgreifend seitwärts und nach Hinteln Der Kopf ist dagegen wieder weit nach rechts gedreht. So ist eine energische Haltung dnrch eine Geste hervorgebracht, für die die Turnlehrer die erschöpfende Formel„Kopf hoch, Brust raus" gesilnden Haben; dabei sind natürlich die Schulterblätter stark zu- samrnengeschobeu. so das; der Waffenrock im Rücken Falten schlägt. Zugleich ivird durch die Riemen des Pallasch der Rockschoh zur Seite gerissen, so datz der Künstler lvenigstens an dieser Stelle seine geliebten Falten anbringen konnte. Trotzdem die Füste mit ganzer Sohle aufgesetzt sind, wirkt die Stellung merklvürdig unsicher; die Beine erscheinen dem starke» Oberkörper gegenüber viel zu schwach. Das würde»och viel niehr auffallen, wenn Begas sich nicht dannt geholfen hätte, dast er den Mantel schön drapiert über das Postament gelegt nnd ganz um den Unterbau der Figur herumgeführt hätte. Und dann der Kopf mit dem grotesken ins Genick geschobenen Kürassierhelm I Die Kopsbedeckung ist an sich schon komisch genug; es sieht immer so aus, als wenn der Mann drin ertrinken wollte, wenn sie nun noch dazu so salopp aufgesetzt wird, so wird der Anblick gar feierlich. Natürlich hat dies seinen Grund; der Künstler wollte nicht durch das unförmliche Ding das Gesicht verdecken lassen, aber so hat er die Schwierigkeit freilich nicht gelöst. Daß aus dem prachtvollen Kopf Bismarcks sich etwas inachcn läßt, hat Lenbach in einigen Portraits beiviesen. Begas hat die Züge nach dem Leben modelliert, und wenn man nahe Herantritts, erkennt man, daß das Gesicht noch das beste an dem Denkmal ist; aber es ist eben mir eine vergrößerte Büste, kein Teil eines niounmentale» Denkmals, an dem die großen Züge herausgearbeitet sind, so daß sie auch von dem richtigen ferneren Standort sich wuchtig heraushöben. Dieselben Beobachtungen ließen sich auch an den vier Figuren durchführen, die um den hohen, wenig gegliederten nnd doch zu zierlich wirkenden Sockel gruppiert sind. Wie klein ist die Sibylle gedacht, die links auf der Sphinx sitzt und in die Lektüre des Buches der Staatsgcheiinnissc— so, glaube ich, lautete die offizielle Erklärung— vertieft ist 1 Wie kokett ist die Art, in der sie mit der Rechten das Buch nicht wirklich hält, sondern den Arm leicht über seinen Rand legt, nnd wie sie ebenso die Rechte lässig über den Kopf der Sphinx herabhängen läßt! Dabei wäre gerade diese Figur, klein ans- geführt, mit ihrer graziösen Silhouette und den iveicheu, flüssigen Linien des Faltemvurfs das beste Specimen der Begasschen Kunst; aber wie Iveit ist sie von monumentaler Wirkung entfernt; wie ist sie durch die Vergrößerung nur vergröbert worden I Schlimmer steht es mit der Germania, die den bewußten Panther bezUmngcn hat und ihm auf den Kopf tritt. Prachtvoll ist daran das Tier, das Ivahrscheinlich nicht von Begas stammt, aber die Figur mit ihrer aufgemachten Strenge im Gesicht nnd in der gezwungenen Art, niit der sie das Scepter von sich streckt, ist un- leidlich, und ganz unglaublich ist die Haltung der rechte» Hand, die mit prätentiöser Zierlichkeit in die Hüste gestemint ist. Man stelle sich ferner vor, daß diese Frau, die eben den Panther bezwungen, nichts Eiligeres zu thun hatte, als ihren Mantelzipfcl in schönem Echwmige über die Brust unter dem Arm durch und Ivieder über da? vorgesetzte linke Bein zu drapieren— ein klassisches Beispiel für diele Kunst, die eine Figur nicht von innen heraus koncipiert, sondern ans leere äußere Gefälligkeit hin komponiert. Damit das Denkmal nicht ganz in einer Fläche bleibe und so eigentlich nnr ein erweitertes Relief darstelle, sind auch gerade vor und hinter dem Sockel zwei Figuren angebracht, vor» ein Atlas, der die Weltkugel trägt, nnd hinten ein Siegfried, der das Schwert schnnedet, die letztere entschieden die glücklichere Figur. Auch sie sind völlig auf den Umriß hin gearbeitet, es fehlt ihnen das innere Leben, daß man ihre Anstrengungen nachfühlen könnte. Sonderbar im höchsten Grade sind schließlich die Reliefs, in denen der Künstler in der Art flüchtiger, nialerischer Skizzen allegorisierend einige Züge ans dem Leben seines Helden charakterisieren wollte. Es lohnt nicht, darauf einzugchen. Was für eine frostige Art ist es doch, die den gefeierten Helden durch solches allegorisches Beiwerk dem Gefühl näher zu bringen glaubt, die, unl sein Wesen zn schildern, Synibole fremder Völker nnd ent- legcner Zeiten heranzieht, statt ein unmittelbar wirkendes Bild von ihm zn gestalten. Was ist'S nun also mit diesem gefeierten National- Denkmal? Es redet eine Sprache, die das„Volk", an das es sich wenden soll. nicht verstehen wird. Es arbeitet nicht nur mit überkommenen Symbolen, sondern entführt auch in eine Welt von Forme», die für das Empfinden des Volkes tot sind. Es zündet nicht dnrch eine ge- schlossene Gesamtidce und richtet nicht das Bild einer Persönlichkeit auf, deren machtvollem Eindruck sich niemand entziehen könnte. Ein i» seinem ganzen Wesen zu einfacheren Dingen bestimmter Künstler muß vergebens den Versuch machen, sich zn monumentaler Wirkung hinaufzuschrauben. � Was an innerem Gehalt fehlt, wird durch äußeren Anflvand. durch riesige Proportionen zu ersetzen versucht. So ent- steht nicht der Eindruck der Größe, sondern ein« leere Palhetik, ein dekoratives Gepränge. Wer die ganze Denkmalsanlage überschaut und ihren Gesamtcharakter zu erfassen sucht, dem ivird auch die rein künstlerische AusdrnckSforn, mit ihrem gewaltige» Aufwand von Mittel», denen die innere Kraft fehlt, sehr bezeichnend für die Gegen- wart erscheinen, als ein betrübendes Symbol des ganzen Gebahrens in nnsrem öffentliche» Leben. dnrch das unser Volk nach außen hin schon so schiver komprommitticrt ist.— Kleines �euillekon. Ei» natürlicher„zoologischer Garten" in Afrika. Harry H. Johnston, der englische Specialkommissar für Uganda, der nach fast zweijähriger Abwesenheit nach London zurückgekehrt ist, wurde in Calais von einem Vertreter des„Bureau Reuter" inter- viewt und machte im Laufe des Gesprächs folgende sehr interessante Angaben über den Wildreichium eines Gebiets in Central- Afrika: „Die Landstrecke zwischen Eldoma Ravine Station und den Abhängen des Mount Elgon enthält die größte Menge Wild, die ich je im tropischen Afrika gesehen habe; sie ist völlig unbewohnt von Ein» geborenen, was den Stammeskriegen zuzuschreiben ist, die vor vielen Jahren die Entvölkerung verursachten. Das große Wild, das über diese Hochebenen wandert, ist so lange von Menschen unbelästigt ge» Wesen, daß es so zahm wie Rotwild in einem englischen Park ist. Meine Expedition kam durch Elefantenheerden und jagte ständig Rhinoccrosse einzeln und in Paaren auf. Wir wurden' thatsächlich mcilenweite Strecken von Zebras und Antilopen begleitet, die sich auf zehn Dards näherten. Löwen trafen ivir ständig, aber sie waren so sehr mit Zebras beschäftigt, daß sie sich mit der Karawane nicht abgaben." In diesem Lande entdeckte Sir Harry auch eine neue Giraffenart, deren Männchen fünf Buckel oder Hornansätze hat. Der vierte und der fünfte Hornansatz erheben sich dicht hinter den Ohren an der Schädelbasis.„Ich werde dem Auswärtigen Amt den Vor- schlag mache», diesen neuen Bezirk als eine Art Nationalpark zu er» halten, was in Anbetracht der Zahl und Verschiedenheit der Geschöpfe sehr gut sein würde. Dann hatte ich das Glück, die außergewöhnliche Rasse von affenähnlichen Menschen zn treffen, die Grogan und Sharp an der Grenze des Kongowaldcs zuerst entdeckten. Meine Photographien und Messungen bestätigen die Meinnng über den affenartigen Charakter dieser Leute, die mit de» im Aussehen ganz verschiedenen Kongozwergen nicht verwechselt werden dürfen. Letztere find vier bis fünf Fuß hoch, wohingegen die Affenlente von normaler Größe zu sein scheinen". Johnston hat eine Reihe von tausend ausgezeichneten Photographien mitgebracht, die die Scenerie, die Eingeborenen, Tiere, Pflanzen und Insekten zeigen. Er hat anthropologische Messungen an 200 verschiedenen Männern und Frauen der verschiedenen Stämme gemacht. Dann hat er Phonographenlvalzcn von Liedern und Reden von Eingeborenen mit- gebracht.— Völkerkunde. — Bei den Tschuktschen nnd Jakuten, lieber die Sitten nnd Gebräuche dieser Bolksstämme veröffentlicht die„Baltische Monatsschrift" eine» interessanten sibirische» Brief. Ehen auf kurze Zeit und„zur Probe" gehören unter den genannten Völkern nicht zu den Seltenheiten. Das junge Paar läßt sich nieist erst dann offiziell trauen, wenn ihm ein Sohn geboren wird. In den Augen der Tschuktschen gilt die Ehe erst durch die Sohneserstgebnrt legäli» sicrt. Ist letztere erfolgt, so können die Elteni die Frau von ihrem Manne, was bis dahin sehr häufig zu geschehe» pflegt, nicht mehr zurückfordern. Auch die Geburt einer Tochter ändert an diesem Elternrechte der Frau nichts. Wird dem jungen Paare nach Verlauf von einigen Jahren keine Sohnesgebnrt zu teil, so sind die Eltern ebenfalls berechtigt, die Frau zurück zu verlangen. Bei den Jakuten lassen sich die jungen Paare auch häufig erst trauen, wenn die Frau guter Hoffnnng ist. Einein vornehmen Gast pflegt der Man» auch nach Schließung der offiziellen Ehe „Herrenrecht' an seiner Fra» zu gewähren; er unterscheidet aber scharf zwischen einem barin(Herrn) und einem sluga (Diener). Hingegen rächt der Jakute und Tichuklsche die heiniliche Untreue seines Weibes durch ibre Tötung. Die Frauen spielen im Leben der genannten Volksstännne eine untergeordnete Rolle und müffen alle Arbeiten verrichten. Ans Faulheit lebt der Mann in Polygamie, wobei er sich meist mit zwei Frauen begnügt. Die erste Frau gilt stets als die„offizielle" nnd als die vornehmere. Die„offizielle Frau" muß auch zu jeder neuen Ehe, die der Mann eingehen ivill, ihre Einwilligung geben. Die Frauen werden als zärtliche Mütter, die Männer als liebenswürdige Papas geschildert, was indes mit der Thalsache in Widerspruch zu stehen scheint, daß die Eltern ihre Töchter meist an die russischen Beamten und An- siedler gegen eine geringe Entschädigung verkaufen oder bis zu ihrer mit dem 21. Lebensjahre eintretenden Mündigkeit zu Dienstleistungen jeder Art vermieten. Die Sterblichkeit der Tschuktschen- und Jakutenkinder wird als entsetzlich geschildert, was dnrch den Mangel aller sanitären und hygienischen Maßnahmen solvie jeder mcdi- zinischcn Hilfe zu erklären ist. Die Erwachsene» sollen indes Krank- heit nicht kennen. Sie fürchten nur zlvci Leiden: einen überladenen Magen und den Katzenjammer, und halten sich in diese» Fällen an folgende Vorschriften: Gegen Magenbeschwerden ist das beste Mittel Schießpnlvcr oder— Bärendreck; gegen Katzenjammer im Sommer: nnvekleidct spazieren gehen und nnmenschliiy viel Wasser trinken, im Winter aber: sich den Kopf krauen und den— Magen mit Schnee reiben zu lassen.— Hygienisches. — Einiges über Ohrenpflege. Die Pflege der Zähne breitet sich immer mehr ans, von einer Pflege der Ohren ist jedoch tvcnig die Rede. Und doch giebt es ebenso gut eine Hygiene des Ohres als eine de? Mundes. Dr. Lermoyez, der Vorstaich der Ohrenklinik im Pariser Spital von Saint-Antoine, hat nun eine 3tcihe von belehrenden Bemerkungen über diese Hygiene veröffcut- — 4' licht, denen„Das Wissen für Alle" folgendes entnimmt; Was znerst den Säugling und das Kind anbelangt, so kommt es fast alltäglich vor, daß man beim Baden das mit Seife versetzte Wasser in die Ohren und in die Nase des Kindes bringt, um beide gehörig zu reinigen. Nichts kann unvernünftiger sein, denn das zieht nicht selten Ohrenentzündungen nach sich. Wenn die Häubchen, mit denen der Kopf des Kindes bekleidet ist, allzu knapp auf den Ohren liegen, so werden dieselben plattgedrückt, es sammelt sich Feuchtig- keit und es bildet sich ein Wnndsein. datz sich auch in das Innere des Ohres fortpflanzen kann. Der Zufall eines Schnupfens verstopft dann die Ohrtrompete und der Schleim gelangt in das Mittelohr. Auf diese Weise kann Taubstummheit entstehen, die man dann nicht selten als angeboren erachtet. Ilm das Kind zu zerstreuen oder zu benihigen, pflegen die Mütter oder die Ammen die Hände vor dem Ohr des Kindes zusammenzuschlagen, um ein starkes Geräusch hervorzurufen. Daraus können eine Zerreistmig des Trommelfells oder gefährliche Bibrationen entstehen.„Das Ohr", so drückt sich geistreich Dr. Lermoycz aus.„hat nicht, wie das Auge Lider, um sich vor heftigen Eindrücken zu schützen." Manche Eltern haben die schlechte Gelvohnhcit, das Kind am Ohr zu ziehen oder demselben ins Ohr zu blasen. Das kann die Zerreitzung des Trommelfells und sogar den Bruch des Gehör- knöchelchens zur Folge haben. DaS Ohr darf nicht mit einem so- genannten Ohrlöffelchcn gereinigt werden. ES ist angezeigt, in längeren Zwischenräumen mit einem Holzstäbchen, also' ctivä mit einem Zündhölzchen, welches sorgfältig in schwach befeuchtete Watte eingewickelt ist. vorsichtig in das Ohr des Kindes einzugehen, um das Ohrenschmalz teilweise zu entfernen. Man hüte sich vor allen Injektionen ins Ohr, die nicht von einem Arzte gemacht werde». Leidet das Kind an Schnupfen, so iverdcn dein- selben in jedes Nasenloch dreimal im Tage einige Tropfen Olivenöl eingeflößt, in welches vorher Menthol, und zivar im Verhältnisse von 1 Menthol auf 50 Ocl gegeben ivorden ist. Wenn das Kind einen mit Fieber verbundenen Ausschlag gehabt hat, ist es notivendig, die Ohren durch einen Arzt untersuchen zu lassen. Zn den erlvachscnen Kindern übergehend, bemerkt Dr. Lermohez, dag, wenn ein Schulkind dem Lehrer nicht recht zuhört, ivaS als Zerstreut- heit gerügt oder bestraft zu werden pflegt, dies häufig davon herrührt, daß das Kind eine Ohrenentzündung gehabt hat, die nicht gehörig geheilt wurde, oder das; es an Wucherungen im Ohre leidet. Unter 100 Schulkindern haben durchschnittlich 20 derartige Wucherungen, die nicht beobachtet worden sind, und die schließlich zn schweren Verletzungen des Gehörorgans und zu andren Krankheiten führen. Nicht wenige von den sogenannten„schlechten" Schülern sind Kinder mit schlechten Ohren.„Man sieht." fährt Dr. Lermohez fort, „oft genug erwachsene Personen, namentlich Frauen, welche Watte in den Ohren tragen. Das soll man nicht thnn, außer in dem Falle, wenn eine trockne Durchbohrung des Trommelfells vorhanden, oder wenn das Labyrinth angegriffen ist. Der Wattepfropf erhält näm- lich das innere Ohr feucht, und es bilden sich dann nicht selten kleine Forunkel im Ohre. Nach dem Erlvachcn kaltes Wasser in die Nase anfschnupfen taugt nichts. Zu diesem Zwecke soll man sich lauen, schwach gesalzenen Wassers bedienen. Für diejenige», welche an den Ohren gelitten haben, ist es nicht gut, kalte Füße zn bck imune», den» es ergeben sich daraus Nasen-Schlnirdkatarrhe. die ans das Ohr schädlich einwirken können. Solche Personen müssen also darauf achten, daß sie stets vollkommen wasserdichtes Schuhwerk be- uützcn. Nimmt man ein Bad in einem Flusse oder in der See, so darf man nicht untertauchen, wenn daS Ohr empfindlich ist. Verläßt man das Wasser mit dein Gefühle von Sausen im Ohre, so muß man das in dasselbe eingedrungene Wasser mit Watte entferne», und indem man die Nasenlöcher zuhält, einige Schlnckbcwcgnngen machen. Von den Ratschlägen des Dr. Lermohez wollen ivir noch jenen erwähne», den er den Artilleristen gicbt, die sich bei dein Ab- feuern eines Geschützes befinden. Der Kanonier soll sich dabei so stellen, daß er in der Richtung der Achse des Geschützes sich befindet und den Mund offen halten. Auf diese Weise wird er es vermeide», daß sein Trommelfell von der Luftwelle, ivelche den Knall hervor- ruft, senkrecht gcirosfen wird und zerreißt.— Ans dein(tfebietc der Chemie. — Der künstliche Indigo. Der„Köln. Zig." wird geschrieben: Es sind gegenwärtig zwei Jahrzehnte verflossen, seit es Professor Bacher in München gelungen ist, den wichtigsten aller natürlichen Farbstoffe künstlich herzustellen, und zwar ans Stoffen, die einfach und leicht dein Steinkohlentcer entnommen iverdcn können. Damit Ivar der Ausgangspunkt gegeben, um die fabrik- mäßige Gewinnung des Indigo in großen Mengen anzustreben, ein Ziel, welches aber durchaus nicht so leicht errungen werden konnte, als man anfangs ivähnte. Zwar war schon 1881 auf der Stuttgarter Ausstellung eine große Menge kirnst- lichen Jndigos" zu sehen, den die Bndische Anilin- und Sodafabrik in Ludwigshafen verfertigt hatte, allein dieses Knnstprodnkt stellte sich im Preise Höher als der natürliche Indigo. Da der Bedarf des letzteren für Europa sich an Geldwert auf etwa 60 Millionen Mark ans das Jabr beziffert, so lag es nahe, die Versuche fortzusetzen, um dieses kostbare Produkt billig her- zustellen. Nach vielen Mühen und Opfern ist dies in jüngster Zeit sowohl der oben genannten Fabrik in Ludivigshafen wie auch den Höchster Farbwerken gelungen, ersteren ans einem von Dr. Heumann eröffneten Wege, letzteren im Verfolg des Baeyerschen Verfahrens. 6— Tic zn überwindenden Schwierigkeiten waren, von lediglich chemischer Seite betrachtet, so groß, daß sie zeitweilig geradezu unbesiegbar erschienen, und als sie zuletzt überwunden ivaren, traten neue auf, welche die Einführung des Kunstprodntts in die Färbereien mit sich brachte. Wie vor kurze»! Dr. Brnnck, der Hanptlciter der badischen Anilin- und Sodafabrik in Ludivigshafen. ausgeführt hat, bot das künstliche Produkt gerade infolge seiner Reinheit dem Ab- satze große Schwierigkeiten.' Der natürliche Indigo enthält nämlich außer dem Hauptbestandteil, dem Jndigotin, stets Beimengungen. während das künstliche Produkt reines Jndigotin ist, mit dem man deshalb nicht genau die gleichen Farbtöne ivie mit jenem herstellen kann. Die gewöhnlichen Färber hielten deshalb das Knnstprodnkt für minderwertig, und auch das Publikum wollte sich an die neuen Farbcnnüancen nicht gewöhnen. Erst jetzt sind diese Schwierigkeiten als Überwunden zu betrachten, obgleich die ausschließliche Herrschaft des künstlichen Jndigos keineswegs errungen ist und der ostindische Indigo ein gewisses Sinken seines Preises noch gut ertragen kann. Inzwischen sind die Leiter der badischcn Fabrik vom cndgiltigen Siege des künstlichen über den natürlichen Indigo fest überzeugt und haben mit einem Kostenmifivnndc von etwa 18 Millionen Mark eine Anlage geschaffen, ivelche ausreicht, den in ganz Deutschland ver- brauchten Indigo herzustellen.— Humoristisches. — D a r in h c s s i s ch. Zwei norddeutsche Damen sitzen im Daincnconpö des Zugs Heidelberg- Frankfurt. Der Zug hat soeben die Station Darmstadt verlaffen, als nochmals das Conpo geöffnet wird und ein junger Mann hereinspringt. Der alsbald'erschcinende Schaffner beruhigt die entsetzten In- fassen mit den Worten: „Fcrchte Sc sich nor net, meine Dame, des is a Rasender." „Ein Rasenderl Ilm Gotteswillc», rast er denn oft?" rufen die beiden entsetzt und wollen an der nächsten Station um- steigen. „O ja, alle Woch e paar mohl," ist die lakonische Antwort des verblüfften Schaffners. Der junge Mann merkt, daß er das Schreckgespenst ist und stellt sich vor:„Als Reisender". „Net cmol Deitsch versteh» sc," brummt der Schaffner, wendet sich verächtlich ab und ruft:„ S t a r r c z i o n A a h e l l i j e" (Station Arheiligen).— — Seine Fehler. Cousin Tom:„Du wirst ihn also nicht heiraten?" E l e a n o r:„Nein I" Tom:„Warum nicht?" Eleanor:„Papa findet an seinem Vermögen. Mama an seiner Familie und ich an seinem Charakter zu viel auszusetzen— außerdem hat et mich auch n o ch g a r nicht gefragt."— („Jugend.") Notizen. — Im Lcssiiig-Theater bringt das Ensemble des Wiener Joscphslädter Theaters Sonnabend die Gcsangsposse„Die Kind ss ran" zur Aufführung.— — Wagner-Vorstellnngen nach Bayrenther Muster finden vom 21. August bis 28. September im neuen Prinz- R e g e n t e n- T h e a t er z n München statt. Gegeben tverden: „Meistersinger"(6mal),„Tristan und Isolde"(ömal),„Tannhäuser" (öinal) und„Lohengrin"(linal).— — Kammersänger Paul B u l ß scheidet mit Schluß dieser Saison ans dein Verbände der Berliner Oper ans.— — Auf der dänischen Insel H v e n iverdcn die llcbcrreste von Tycho Brahes Stern warte Uranienborg ans« gegraben. Bis zum 300 Todestag des berühmten Astronomen (14. Oktober 1901) denkt man damit fertig zu sei».— — Nach dem Vorgang andrer llniversitäteii beabsichtigen auch einige Docenteu der Akademie in M ü n st e r regelmäßig F e ri e n- k u r s e für Lehrer zu veranstalten, zum erstenmal vom 22. Juli bis zum 3. Angnst.— — Bei der Preiskonkurrenz für ein Schul- gebände in der Gemeinde Grnneivald erhielt der Entivurf von L» d>v i g Ott. bei dem die Herren Alfred Ludivig und Hugo Walter mitgewirkt haben, den ersten, der von H. Deritburg den zweiten Preis.— c. Eine gepfefferte Rechnung hat Dr. Browning in Philadelphia den Erben des Senators Magee in Pittsburg für seine Bemühungen um den Verstorbenen während dessen letzter Krankheit präsentiert. Er verlangt für die allerdings insgesamt 21 Monate lange Behandlung 760 000 M.; eine Exkursion nacki Atlantic Eity ist mit 68 000 M., eine Promenade nach Hot Springs mit 48 000 M., Nachtbesuche sind mit je 160 M. angesetzt. Die Erben veriveigern begreiflicheriveise die Zahlung.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblatts erscheint am Sonntag, den 16. Juni. Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.