Hnterhaltungsblatt des Horivüris fStz. 120. Sonntag, bcft 23. Juni 1901 (Nachdruck verboten.) 57] M« b e i k Roman in drei Büchern von Emile Zola. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenzweig. Jordan war gerade diesen Morgen von einem schmerz lichen Schlag betroffen worden. Seit Monaten glaubte er die Lösung des Problems der elektrischen Fernleitung mit geringen Kosten gefunden zu haben. Die Kohle wurde direkt am Förderungsorte verbrannt und die gewonnene Elektricität ohne jeden Kraftverlust weitergeleitet, wodurch sich der Kostenpreis außerordentlich verringerte. Vier Jahre an gestrengter Arbeit, die er seinem kränklichen Körper ab' ringen mußte, hatte er auf diese Frage verwendet. Er berechnete sorgfältig, was seine schwache Gesundheit leisten konnte, schlief viel, ruhte häufig, in seine Decken gewickelt, und nutzte mit Weiser Methode die wenigen Stunden, die ihm seine physische Schwäche fiir die Arbeit gestattete. Und indem er so dem undankbaren Instrumente, das sein elender Körper war, die größtmögliche Leistung abgewann, erreichte er es, eine gewaltige Arbcitsmenge aufzuhäufen. Man ver barg ihm die Krise, die die Crscherie durchzuiuachen hatte, um ihn nicht zu stören. Er glaubte, daß alles gut ginge, und übrigens tvar er nicht im stände, irgend etwas von dem zu bemerken, was um ihn geschah, da er für nichts Interesse hatte als für seine Studien und nur im Bannkreise seines Laboratoriums lebte. An diesem Morgen hatte er sich, da er sich besonders Wohl und klaren Geistes fühlte, sehr zeitig an die Arbeit gemacht, um ein letztes, enffcheidendes Experiment anzustellen. Und das Experiment war total mißlungen, er war auf ein unvorhergesehenes Hindernis gestoßen, einen Rechenfehler, ein übersehenes Detail, das mit einem Male eine vernichtende Wichtigkeit annahm und die langgesuchte Konstruktion seiner elektrischen Oefen auf unabsehbare Zeit hinausschob. Es war eine Katastrophe. Wieder soviel nutzlose Arbeit aufgewendet, wieder soviel neue Arbeit nötig I Er hatte sich eben, in seine Decken gehüllt, in den Fauteuil zurückgelehnt, in welchem er so viele Stunden verbrachte, und blickte in die trostlose Leere des großen Raums, als seine Schwester eintrat Als er sie so bleich und verstört sah, geriet er sofort in leb' hafte Unruhe, er, der das Versagen seines Experiments mit der ruhigen Fassung eines Mannes aufgenommen hatte, den nichts entniutigen konnte. „Was hast Du, liebes Kind? Bist Du krank?" Ihr Geständnis kostete sie keine Ueberwindung. Ohne Zögern sagte sie, während ein Schluchzen aus ihrem armen Herzen in ihre Kehle stieg: „O, Martial, ich liebe Lucas und er liebt mich nicht wieder. Ich bin sehr unglücklich I" Und in ihrer einfachen, ehrlichen Weise erzählte sie die ganze Geschichte, wie sie Jofine aus Lucas' Hause hatte kommen sehen und wie ihr dies einen so furchtbaren Schmerz verursacht habe, daß sie zu ihm geeilt sei, um bei ihm Trost und Linderung zu suchen. Sie liebte Lucas, und Lucas liebte sie nicht! Jordan hörte sie betäubt an, als ob sie ihm von einem Welteinsturz berichtet hätte. „Du liebst Lucas? Du liebst Lucas?" Liebe— warum Liebe? Daß diese Schivester, die er immer gewohnt war an seiner Seite zu sehen wie sein andres Selbst, einen Mann lieben sollte, das konnte er nicht fassen. Er hatte nie daran gedacht, daß sie lieben und daß sie darüber unglücklich sein könnte. Das war ein Gefühl, das er nicht kannte, eine Welt, die er noch nie betreten hatte. Er war selbst so unschuldig, so vollkommen unerfahren in diesen Dingen, daß er ganz hilflos wurde. „O, sag nur, Martial, sag mir nur, warum liebt Lucas diese Josine, warum liebt er nicht mich?" Sie hatte die Arme um seinen Hals geschlungen und schluchzte an seiner Schulter, so trostlos und verzweifelt, daß es ihm das Herz zerriß. Was sollte er ihr sagen, wie sollte er sie belehren, wie sie trösten? »Ich weiß es nicht, mein armes Schivesterchen, ich weiß es nicht. Er liebt sie Wohl, weil er sie liebt. Eine andre Erklärung giebt es wohl nicht. Er würde Dich lieben, wenn er Dich früher lieben gelernt hätte." Das war es. Lucas liebte Josine, weil sie das liebende, das reizende, das hingebende Weib war, das alle zärtlichen Gefühle des Herzens erweckte. Und obendrein hatte er sie im Unglück gefunden, und sie war schön. „Aber er hat mich doch früher gekannt als sie, warum hat er mich nicht zuerst geliebt?" Jordan, den diese Fragen mehr und mehr in Verlegen- heit setzten, suchte bewegt nach Antworten und fand gute und zarte Worte in der Einfalt seines Herzens. „Vielleicht weil er als Freund, als Bruder in unser Haus gekommen ist. Er ist Dein Bruder geworden." Sein Blick ruhte auf ihr, und er sagte ihr nicht die ganze Wahrheit, denn er sah, wie klein und schwächlich sie war, gleich ihm, wie blaß und reizlos ihr Gesicht. Sie war nicht für die Liebe geschaffen, das schmächtige Mädchen in dem schmucklosen schwarzen Kleide; wohl lag die Anmut der Sanft- heit und Güte über ihr, aber auch zugleich der Schleier der Schwernnit, wie über allen Schiveigsamen und Opfer- willigen. Lucas hatte sicherlich nie etwas andres in ihr gesehen als eine kluge, eine edelherzige, eine in ihrer Wuuschlosigkeit glückliche Freundin. „Ja, siehst Du, niein armes Schwesterchen, da er sich als Dein Bruder fühlt so wie ich, so kann er Dich nicht lieben, wie er Josine liebt. Er ist darauf nie verfallen. Aber trotz- dem liebt er Dich sehr, er liebt Dich mehr als jene, er liebt Dich so, wie ich Dich liebe." Aber Soenrettens armes, liebendes Herz bäumte sich heftig gegen diese Deutung, und sie rief unter doppelt heftigem Schluchzen: „Nein, nein, er liebt mich nicht mehr als jene, er liebt mich gar nicht. Das heißt ein Weib nicht lieben, wenn man sie wie ein Bruder liebt, das ist kein Trost, wenn ich leid«, was ich leide, da ich sehe, daß er mir verloren ist. Bis jetzt habe ich nichts von allen diesen Dingen gewußt, aber jetzt weiß ich sie, jetzt fühle ich sie, da ich sterbe vor schrecklicher Qual I" Jordan konnte kaum die Thränen zurückhalten. „Schwesterchen, Schwesterchen, Du thust mir furchtbar weh l Sei doch nur vernünftig, Du wirst Dich noch krank machen, wenn Du Dich so dem Kimuner überläßt. Ich erkenne Dich gar nicht wieder, meine sonst so ruhige, kluge Schwester, die inimer begriffen hat, daß man dem Elend dieses Daseins eine starke Seele entgegensetzen muß!" Er versuchte zu argumentieren. „Sag einmal, Du hast doch Lucas keinen Vorwurf zu machen?" „Nein, nein, nicht den geringsten. Er ist mir sehr zu- gethan, und wir haben immer nur als gute Freunde mit- einander verkehrt." „Nun, siehst Du I Er liebt Dich, wie er Dich lieben kann, und Du hast kein Recht, gegen ihn aufgebracht zu sein." „Ich bin ja nicht aufgebracht. Ich hasse niemand, niemand; ich leide nur so schrecklich I" Wieder brach sie in Schluchzen aus, und in einem erneuten Aufwallen der Verzweisiung rang sich der Schrei aus ihrem Herzen: „Warum liebt er mich nicht? Warum liebt er mich nicht?" „Wenn er Dich nicht so liebt, wie Du geliebt sein möchtest, Schwesterchen, so kommt das nur davon, weil er Dich nicht genug kennt. Nein, er kennt Dich nicht, wie ich Dich kenne, er weiß nicht, daß Du das beste, sanfteste, hingebungsvollste, liebreichste Mädchen bist. Du wärst seine Gehilfin, seine Ge- fährtin gewesen. Du hättest sein Leben gefördert und ver- schönt. Aber die andre ist gekommen mit ihrer Schönheit, eine starke, eine sehr starke Macht hat auf ihn gewirkt, und er hat sich ihr zugewendet, ohne auf Dich zu achten, die ihn liebte. Du mußt verzichten, mein armes Schwesterchen." Er hielt sie innig an seine Brust gedrückt und küßte sie aufs Haar. Aber ihr Herz wehrte sich verzweifelt. „Nein, nein, ich kann nicht, ich kann nicht!" „Ja, Du wirst verzichten, Du bist zu gut, zu klug, um nicht zu verzichten. Und mit der Zeit wirst Du vergessen." „O nein, das nicht! Niemals!" „Ich hatte unrecht, ich verlange nicht, daß Du vergißt. dcivahre die Erinnerung in Deinem Herzen, niemand wird dadurch ein Leid geschehen. Aber ich verlange den Verzicht von Dir, weil ich weiß, daß er in Deiner Natur liegt, daß Du seiner fähig bist bis zum Opfer, bis zur Selbst- Verleugnung. Denke doch nur, welches Unheil entstehen könnte, wenn Du sprächest, wenn Du Dich auflehntest. Unser Leben wäre gestört, uilsre Werke vernichtet, und Du würdest noch tausendmal mehr leiden." Bebend vor Leidenschast fiel sie ihm ins Wort. „So soll das Leben gestört, die Werke vernichtet werden! Wenigstens werde ich mein brennendes Verlangen befnedigt baben. Du solltest nicht so gransam zu mir sprechen. Du bist egoistisch!" „Egoistisch, wenn ich nur an Dich denke, mein armes, teures Kind? Nur der Schmerz verbittert in diesem Augenblick Deine gute Seele. Aber welche brennenden Vorwürfe würdest Du Dir später machen, wenn ich Dich alles zerstören ließe! Du könntest nicht länger leben, wenn Du inne würdest, welches Unheil Du angerichtet hast. Nein, Du armes, ge- liebtes Herz. Du wirst verzichten, aus Selbstverleugnung und wunschloscr Zärtlichkeit wird Dein Glück bestehen!" Thränen erstickten seine Stinime, sie schluchzten nun ge- nieinsam, einander umschlungen haltend. Es war von löst- licher Geschwisterlicbc durchbebt, dieses leidvolle Gespräch zwischen Bruder und Schwester, die beide so liebevolle, un- erfahrene Menschen waren. Und voll unendlichen Mitleids, mit überströmender Zärtlichkeit wiederholte er: „Tu wirst verzichten. Du wirst verzichten." Sie wehrte sich noch, aber schon unterliegend, und sie jammerte nur noch leise, wie ein armes verletztes Kind, dessen Schmerzen man einzuschläfern sucht. „Nein, nein, ich will leiden! Ich kann nicht, ich kann nicht verzichten!" Lucas sollte an diesen: Tage mit den Geschwistern zu Mittag essen, und als er gegen halb zwölf Uhr ins Labora- torium kam, fand er die beiden noch sehr erregt, mit geröteten Augen. Aber er selbst war so schmcrzdurchwühlt, so niedergedrückt, daß er nichts bemerkte. Der Abschied von Josine, die grausame Notwendigkeit der Trennung von ihr erfüllte ihn mit Vcr- zweiflung. Es war ihm, als sei ihm seine letzte Kraft genomnien, da ihm seine Liebe genommen worden, die Liebe, die er für seine Mission als notwendig erachtete. Wenn er Josine nicht rettete, so würde er niemals das arme leidende Volk retten können, dem er sein Leben gewidmet hatte. Und seitdem er sein Bett verlassen hatte, richteten sich alle Hindernisse, die ihm den Weg versperrten, drohend und unübersteiglich vor seinem Geiste auf. Er sah das düstere Bild der unter- gehenden, der untergegangenen Crßcherie vor sich, es schien ihm Wahnsinn, noch auf die Möglichkeit einer Rettung zu hoffen. Die Menschen standen haßerfüllt gegeneinander, er hatte keine brüderliche Liebe zwischen ihnen hervorrufen können, alle tiefgewnrzeltc menschliche Un- zulänglichkeit vereinigte sich, um seinem Werk das Grab zu graben. Mit einem Schlage hatte er den Glanben an sich und seine Sendung verloren und er ward die Beute der schrecklichsten Entmutigung, die er bisher durchgemacht hatte. Der Held in ihm wankte, verschlimmerte kleinnrütig das Uebel, war ans dem Punkte, seine Aufgabe im Stich zu lassen, da er die Niederlage für unabwendbar hielt. Soeurette, die seine Verstörtheit benicrkte, vergaß in ihrer himnilischen Güte darüber fast ihr eignes Leid. „Sind Sie krank, lieber Freund?" „Ja, ich befinde mich nicht recht wohl. Ich habe einen schrecklichen Vormittag hinter mir; seit dem Morgen habe ich nur Unangenehmes erfahren." lForlsetzung folgt.) Stfmtkergsplmtdevci. Wir Socialdemokraten begiiine» für die Schriftsteller der allein echt seligmacheiiden Kirche zum Range von Heiligen aufzusteigen. Sie würdigen unS bereits der Ehre, von uns die ergreifendsten Wunder- und Abenteurergeschichten zu erzähle». Mit der ganzen Liebe christlicher Gläubigen folgen sie unserm Lcbenspsad und streuen auf ihn, den meist nicht allzu erfreulichen, rote duftende Rosen. Besonders liebenswürdig ist es, datz sie jedem von uns einen flüldenen Peterspfennig stiften und uns mit irdischen Schätzen ans- tattcn, deren Genutz wir schon in der Dichtung so natürlich »nipfinden. daß jeder Sociaidemolrat, der Abonnent des katholischen „Arbeiter" ist, unablässig gequält wird, sofern er„bloß" ein Agitator ist. sich einen Geldschrank, sofern er aber nach der Rang- ordnung des klerikalen Militarisinns ein Führer erster Grötze ist, sich eine Stahlkammer anznschaffeii. Die Wirklichkeit werden hoffentlich die frommen Spender der lockenden Dichtung uns nach- liefern. Seit geraumer Zeit hat nichts auf mich einen so tiefen, so hin- reitzenden Eindruck gemacht als die allerhöchste Botschaft des„Ar- beiter" von dem Halsschmuck der Frau Singer, der— Millionen wert— auf der letzten Pariser Wcltausstellnng schon deshalb die sensationelle Aufmerksamkeit der civilisierteu Welt erregte, iveil er ans dem Gehalt eines deutschen Arbeiterführers zusammengespart worden ist. Selbst die bayrische Enthüllung von der„Richtung" Bernstein- Heine-Kantsky-Schippel-Vollmar, gegen die der„Vorwärts wüte. vcrblatzte neben dem strahlcudrn Halsschmuck der Frau Singer. Jetzt erst begreife ich, warum dieser Genosse Singer uns bisher niemals seine Frau vorgestellt hat; er fürchtet den Neid der besitzlosen Klasse, deshalb mutz seine arme reiche Gemahlin au ibrem Halsband gefesselt sich vor den Menschen im allgemeinen und den Genossen im besonderen scheu verborgen halten. Ich aber suche seitdem einen tüchtigen Lehrmeister auf dem Gebiete des Einbruchdiebstahls I Meine Frau, deren Hals- schmuck nur eine halbe Million wert ist und der auch nur swegcn des Feuers seiner Brillanten und der damit verbundenen Gefahr) in der Berliner Feuerschritz-Ausstellnng ein Schaustück war. an dem die neuesten Tanipfspritzen probiert wurden— meine Gattin verlangt gebieterisch den Halsschmuck der Madame Singer I Ich weitz nicht, ob der katholische„Arbeiter" seine Offenbarnngen ans der Socialdemokrntie fortsetze» wird. Ich fürchte fast, er weitz nicht genug von»nsren Intimitäten. Da er aber uns auf den Millionenschninck der Frau Singer nnfmerksam gemacht hat, so will ich ihm einige andre charakteristische Geschichten ans der Social- demokratie erzählen, die er für die nächste Wahlbewegung und auch für die jetzige Agitation zu Gunsten lenre» Brotes nützlich verwerten wird. Ich verbürge mich für die Richtigkeit, als ob ich selber Redactenr des„Arbeiter" Iväre. »« • Bekanntlich wurde vor einiger Zeit der„Genosse" A r o n s, der Privatdocent an der Berliner Universität war, aus dem Anrte ent- ferut. Er trieb Umsturz auf dem Katheder und vergiftete die reinen Gcinüter der Jugend, indem er u. a., entgegen der geoffenbnrte» göttlichen Wahrheit, die alte ketzerische Irrlehre zu verbreiten wagte, datz die Erde sich um die Sonne drehe. Schlietzlich ivnrde der leider allzu geduldigen Behörde der entsetzliche Unfug zu stark, und sie ivarf ihn hinaus. Natürlich mutzte nun die Socialdemokratie für ihren „Märtyrer" sorgen. Was aber that diese„Partei der Arbeiter"? Sie machte ihren„Genossen" Arons zum Herbergsvater im Berliner Gelverkschaftshausc und setzte ihm für diese„Arbeit", die doch wahrlich nicht viel Mühe beansprucht, das Gehalt des deutschen Reichskanzlers ans. Autzcrdem bekommt er Bicrprozcnte. was ihn natürlich verleitet, die Arbeiter zum Alkoholisnms anzureizen. So wirtschaftet die Socialdemokratie mit Arbeiter- groschen. Arons ist nun freilich gut versorgt. Als Privatdocent bekam er keinen Pfennig, als„Märtyrer" der Socialdemokratie be- zieht er für eine leichte Arbeit jährlich 100(XXI M. und Bier- Prozente. Wie lange noch werden sich die deutschen Arbeiter an der Rase herumführe» lassen?- Zu den Parteimillionären gehört auch der„Genosse" Bebel. Als er anfing, das Boll zu retten, besatz er keinen Heller. Jetzt ist er nach der letzten Veranlagung der preutzischen Verinögeiissteuer auf nicht iveniger als 27 Millionen taxiert. Er besitzt Schlösser in Dalmatic», am Genfcc See, in Südsrankreich, in Schottland. und an der Rivicra. Er selbst führt einen schwelgerischen Lebenswandel. Stets sieht man ihn z. B. in« schwarzen(!) Rock und weitzen(!) Kragen. Noch schlimmer treiben es freilich seine acht Söhne, die es dank ihrem reichen„Prolctarier"-Papa nicht nötig gehabt haben, irgend etwas zu lernen oder zu arbeiten. Sie sind sämtlich grotze Sportslcnte und kommen aus den Amorsälen und ähnlichen Lokalen gor nicht heraus. An Gott den Herrn glauben sie alle acht nicht. Einer ist Rittergutsbesitzer und vertritt im Bunde der Landwirte die Richtung, die 8 Mark Zoll verlangt. Das hindert aber de» Papa nicht, schmunzelnd gegen den Brolwucher zu wüten. Arbeiter, merkt Ihr was? Zu den bernchtigtstcu HauSagrarier» Berlins gehört der„Genosse" Stadthagen. Das ist der Mcnsch, der durch seine langen Reden die lex Hciuze«nd damit die Wrcdcrherstellimg christlicher Sittlichkeit verhindert hat. Wer in seinen 12 oder 13 Häusern iiur einen Tag den Mictszins schuldig bleibt, wird unbarmherzig auf die Stratze gesetzt. Im Hausflur jedes seiner Häuser findet sich auf einer Tafel folgende Warnung:„Hausierern, Bettlern, Hunden, schlecht gekleideten Personen sowie Familien mit Kindern ist der Zutritt streng ver- boten."— Echt proletarisch im Zeichen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit I Stadthagens Frau trug auf dem letzten Snb- skriptions-Ball, bei dem bekanntlich auch der Kaiser erscheint, ein seidenes Kleid, das von Keilneni auf 16 000 Mark geschätzt � worden ist; die Schuhsohlen ivaren mit grotze» Diamanten übersäet, wie andre Leute ihre Stiefel nageln lassen. Und alles dies stammt aus Arbeitergroschen I In der Socialdeinokratie führe» lickannttich verbninmellc Ahrdeiuiker dcis große Wort. Nachdem sie es i» der bürgerlichen Gesellschaft wegen ihrer Liederlichkeit und Unfähigkeit zu nichts gebracht haben, llersnchen sie es bei den Arbeitern, die sie, leichtgläubig wie sie sind, mit offenen Armen ausnehmen. Zu dieser Gesellschaft gehört der ehemalige Kandidat der Theologie I g n a z A u e r. Er sanllcnzle als Student, geriet in Schulden und ergab sich dem Trünke soivie zahlreichen andren Lastern und Todsünden. Mit Gott nnd der Welt zerfallen, ivurde er Socialdcmokrat, führte lästerliche Rede», predigte blutige Revolution und gcivann bald einen großen Anhang. Unter dem Nonie»„Karl Marx" schrieb er die fürchterlichen gott- losen Schmähschriftcii, die so viel Unheil unter den braven Arbeiter» angerichtet haben. Unter dem Socialistengcsctz verwaltete er die Parteikasie. Ans dieser Zeit stammt sein bedentendes Vennögen. Da er aber der Spielleidcnschaft in höchstem Maße ftöhnt und Tag und Nacht bei den Karten sitzt, leidet er fortwährend unter Schulden. Weiß er sich nicht mehr ein nnd ans. dann reist er einfach nach London und holt sich nnS der englischen Bank. Ivo die Revolutions- lasse der Socialdcniokratie aufbewahrt wird, das Nötige, nnd er kann wieder aufs neue hazardicren. Arbeiter I So geht man mit Eurem Gelde um. « Auch die.Unteroffiziere" der Socialdemokratie. die.kleinen" Agitatoren führen durchweg eine Existenz, daß sie mit keinem Minister tauschen mögen. In den vornehmen Restaurants Berlins: Dresscl, Hiller, Hotel Bristol»sw., trifft man sie scharenweise an. Das ist auch ihre Hauptbeschäftigung. Im Sommer gehts nach Ponlresina oder Ostende, im Winter veranstalten sie jede» Monat einmal wüste Champagnergelage; sie nennen das.Preßkommissioncn". Es ist berechnet worden, daß jeder, auch der kleinste socialdcmokratische Agitator, ein Jahreseinkommen von 8000 Marl bezieht. Und da reden sie über Brotwucher. Genau dasselbe Leben führen die Jonrnaliste» in den social- demokratischen Redaktionen, von denen das Volk mit Gott- nnd Vaterlandslosigkeit, Unzufriedenheit und Königshaß verpestet wird. So erfahren wir ganz verbürgt, daß in derRcdakti on des„Vorwärts" im ersten Quartal 1901 ein einziges Mitglied nicht weniger als 86 s!!) saure sl I!) Heringe(! 1 1!> verzehrt hat. Erinnert das nicht an die schlimmsten Schlemmereien der sinkenden rönnschen Kaiserzeit? Wir winden an diese gewissenlose Vergeudung von Arbeitcrgroschen nicht glauben, wenn nnsre Quelle nicht völlig einwandsfrei wäre. Oder wird der.Vorwärts" es wagen, diese Thatsache zu leugnen? Er wird es nicht. An dieser Thatsache kann selbst seine Lügeuknnst nicht rütteln. Und nun bedenke man, ivas es heißt, wenn ein einziger Mann in drei Monaten 86 saure Heringe verschlingt. Deutet das nicht sichtbarlich darauf hin, daß der Mensch jede Nacht sinnlos sich besäuft? Sonst wäre der Consum dieser nngchenren Summe von Heringen unbegreiflich. Ans solchem geistigen Znstand aber erklärt sich dann auch die gistgeschwollene Unziirechninigsfähigkeit der Schreib- art des„Vorwärts". Arbeiter— so sehe» Eure„geistigen" Lehrer nnd Erzieher aus! Werdet Ihr nicht endlich erwachen?— Joe. Kleines Feuilleton. gb. Walderdbeere». Hinter dem Dorfe fing der Wald an, ein wundervoller Wald. Statt der dürftigen Föhren und Fichten des Grunewalds wirkliches Laubholz, Buchen nnd Eichen. Dunkel nnd dicht verzweigt breiteten sie ihre mächtigen Zweige ans. Die junge Frau blieb einen Augenblick stehen und atmete tief ans:.Rein, ist das schön I Zu schön ist das, man hat gar keine Worte mehr dafür I" Ihr Mann nickte, mit einem glücklichen Lächeln sah er auf ihre jubelnde Fröhlichkeit:.Ich habe es Dir ja gleich gesagt, wir brauchen gar nicht an die See und ins Gebirge, die märkischen Wälder sind ebenso schön. Sich' mal. da wächst auch Wachholdcr." „Ja, und das viele Unterholz, zu herrlich!" Sie klatschte in die Hände, dann horchte sie plötzlich aus:„Was ist daS für ein Bogel, der da fingt?" Er horchte gleichfalls:„Nun, eine Grasmücke." „Graseniückchen, Grascmnckchen, schenk' mir ein Vicrgroschen- stiickchen." Sic summte den alten VvlkSreim vor sich hin nnd lachte übermütig.„Siehst Dn. ich werde»och ordentlich kindisch, aber das macht der Wald. Ach, dieser wundervolle Wald!" „Wir wollen hier links hineingehen," sagte der Mann nnd zog ihren Ann unter den seinen:„Sich' einmal diese prächtige Birken- allee!" Sie folgte seiner weisenden Hand mit den Blicken, wandte aber schon im nächsten Moment die großen Auge» wieder nach der andren Seite:„Nein, aber was machen die?" An deni Abhang der Hügel, die sich tief im Waldinnern er- hoben, tauchten zwei Gestalten auf, eine alte Frau und ein kleiner Knabe; sie trugen Spankörbe und gingen tief gebückt, den Blick fest ans den Boden geheftet. Ab nnd zu beugte» sie sich nieder und suchten mit den Händen im Grase, pflückten etwas ab und warfen es in drn Korb. „Pflücken Sie Blumen?" fragte die junge Frau. Der Mann lächelte etwas:„Aber Elsie— Erdbeeren, Wald- rrdbeeren l" „Walderdbeeren?" Sie jubelte auf.«Ticbt es hier Erd- beeren?" „Na. es scheint doch so, sonst würden die Leute doch nicht suchen gehen." „Aber dann wollen wir doch schan'n, ob wir auch welche finden. O ja, komm, Erdbeeren pflücken. Ist das reizend, daß man hier Erdbeeren pflücken kann!" Sie riß sich von seiner Seite los und eilte in den Wald hinein: schon nach wenigen Schritten kniete sie mit einem hellen Jauchzer nieder: „Ich Hab' eine... noch eine, ein ganzes Feld, da... dal..." Er folgte ihr etwas langsamer:„Wenn Du Erdbeeren essen willst, kauf' doch lieber der Alten welche ab, das Bücken greift Dich bloß wieder an I" „Ach wo, gar nicht—" sie lachte auf—„das macht ja Spaß. riesigen Spaß macht ja das. Sieh mal, ich Hab' schon bald eine ganze Hand voll. Jetzt such' ich mir mindestens einen Liter, die essen wir heule mittag zum Dessert mit Schlagsahne. Hm, wird das fein! Erdbeeren mit Schlagsahne I Hast Du auch welche?" „Ja, zwei sehr schöne sogar." Er bückte sich gleichfalls. Eine ganze Weile schritten sie schweigend neben einander hin, bald hier bald da eine Beere vom Boden aufnehmend. Manchmal entfernten sie sich etwas von einander, dann kamen sie wieder zusammen. Die junge Frau jubelte bei jedem neue» Fund, allmählich wurde sie jedoch stiller. Auf einmal blieb sie stehe», strich die Haare aus dem erhitzten Gesicht und rang nach Atem:„Ach jetzt kann ich aber nicht mehr! Dieses Bücken, da wird man ja krumm und lahm bei. Wieviel haben wir denn überhaupt nun? Ein Pfund muß es doch bald sein, zeig' mal!" Er hielt ihr statt aller Antwort das lederne Tonristentäschchen hin, in das sie ihre Ernte gethan. Sie schlug die Hände zusammen: Aber das sind ja gerade ein paar Hände voll, nnd dabei pflücken wir schon zwei Stunden bald I Wie lange soll das dauern, che man einen Liter zusammen hat? Dabei kann man ja verrückt werden! An, Hab' ich Rückenschmerzen!" Er»ahm besorgt von neuem ihren Arm: „Ich Hab' es Dir ja gleich gesagt, streng' Dich nicht so an, Du wirst Dich krank machen mit Deinem Bücken. Wir köniien uns ja doch auch welche kaufen, da drüben ist ja die Alte noch. Heda, Sie... Mütterchen..." Er nahm den Schirm und winkte:„Haben Sie Walderdbeeren?" Die Alte horchte auf, sie war ein kleines verhutzeltes Weiblcin, mit gerunzeltem Gesicht. Mühselig humpelte sie ans bloßen Füßen über den unebenen, rauhen Waldbode» heran:„Walderdbeeren, ja, lieber Herr, schöne, frisch gepflückte." Sic hielt ihnen das Spankörbchen hin, es standen mehrere Gläser darin, alle mit roten Früchten gefüllt.„Vielleicht so'n Jläseken gefällig, lieber Herr?" Mit ihren gichtgekrümmten Fingern mühte sie sich ein großes Seidelgläs ans der Reihe der andern heraus- zuziehen. Die junge Frau kam ihr mit einer ungeduldigen Hand» bewegung zu Hflfe.ssriß das Glas heraus nnd schüttelte seinen Inhalt in das Ledertäschchen: dann nahm sie noch zwei Wassergläser und schüttelte auch diese ans:„Was kosten sie denn nun?" „Sechs Jroschen, junge Frau,'s is über'n Liter. Aber die junge Frau machte ein empörtes Gesicht:«WaS? Sechs Groschen so ein paar Walderdbeeren?»Was soll man denn dabei eigentlich noch bezahlen? Sie haben sie doch umsonst. Und das bißchen Pflücken? Hier haben Sie ei» Fünfgroschenstück, das ist aber übergenug."— — Grillparzer nnd die Censnrbehörde. Ueber seine Er- fahrnngen mit der östreichischen Censurbehörde äußerte sich Grill- parzer öfters gesprächsweise halb bitter, halb humorvoll. Jetzt wird nach Mitteilungen des Dichters eine Unterhaltung veröffentlicht, die er mit dem damaligen Ccnsur-Hofrat bei einer Fahrt im Stellwagen nach Hietzing geführt hat.„Nun, Grillparzer," fragte der Censur- Hofrat,„warum schreiben Sie nichts? Warum hört man nichts von Ihnen?" Ich erwiderte ihm:„G'rad Sie, Herr Hofrat, hätten mir die Frag' nicht stellen sollen. Mein Ottokar liegt jetzt schon bald zwei Jahr' auf der Censur."— .Ja, ja. ja ," sagt er.„so seid's Ihr Herr'» Dichter. Ihr glaubt's immer, wir sind Eure Feinde. Wissen Sie, wer Ihren Ottoiar verboten hat?"—„Nein, Herr Hofrat."—„Ich", sagte er,„nnd Sie wissen doch, daß ich's gewiß immer gut mit Ihnen ge- meint Hab'." Ich war ganz erstaunt und frag', weshalb er rhn eigentlich verboten hat? Ob was Anstößiges vorkäm'?„Nein", er» widert er.„das ganz und gar nicht. Aber ich Hab' mir immer ge» dacht: Man kann halt d o ch n i ch t w i s s e n."—„Also sch'n Sie", schloß Grillparzer,„deshalb, weil man doch nicht wissen ka in, hat er den Ottokar verboten."— — Ein griechischer Schiikcnkönig. Ein in den Rninen der alten griechischen Stadt Olbia gefundener, jetzt im Museum z» Odessa aufbewahrter Stein enthält unter einem freien Raum, der vielleicht mit Malerei geschmückt war. drei Verse, deren Inhalt ist: „Ich künde, daß 282 Klafter weit mit dem Bogen geschossen hat der berühmte Anaxagoras, der Sohn des DemagoraS, der Sohn des PhilteS,' aber Klafter..." Dann ist der Stein abgebrochen, auf dem sicher noch andre Weit» schüsse verzeichnet waren.— Es war also Schützenfest in Olbia oder ein großes Wettschießen, nnd den Siegern zum ewigen Gedächtnis wurde eine schöne Mannortafel aufgerichtet, wie oft bei solchen Anlässen, auf der ihre Nonien mit den Schichergebnisseii prangten; obenan der des Anaxagoras, des Schützenkönigs. Und 282 griechische Master sind wirklich eine achtenswerte Leistung. Sie entsprechen etwa 500 Meter; ein Schnstresultat, das nur über- troffen ivird durch die Rccorde, welche die türkischen Sultane er- ziellen, deren Schüsse auf Säulen verzeichnet stehen, die noch heute den Ol-iueidäii in Kvustantirwpel schmücken, die Renn» bahn der römischen Kaiser, welche die Türken als Schieststand benutzten. Denn auf einer der Säulen liest man in türkischen Lettern, datz Sultan Mnrad IV.(1623— 1640) mit Unterstützung des Nordostwinds den Pfeil 1070 Ellen— 727 Meter geschossen habe. Jnivietveit freilich dieser kaiserliche Record auf Wahrheit beruht oder von höfischer Schmeichelei abgerundet ist, das zu e»t- scheiden, dürste schwer sein. Auf alle fsälle hat der Schützenkönig von Olbia auch seinen Record nur schaffen können mit Benutzung des.Tnrkbogens", des aus vielen Schichten zusammengesetzten Bogens, der auch im Altertum schon durchaus bekannt war.— Geographisches. — Der Mississippi. Angesichts der Bedeutung des Mississippi für das ganze Wirtschaftsleben der Bereinigten Staaten hat die Bundesregierung einer besonderen Kommission die Sorge für den Flust anvertraut. Diese Kommission ist u. a. damit beauftragst eine detaillierte Nuftiahme des ganzen Stroms und seiner Ufergegenden zu bewirken und zu dem Zweck eine Dreicckskette von der Quelle bis zur Mündung zu vermessen, Profile aufzunehmen, die Schwell- erschemungen zu beobachten und die Fahrrinne zu regulieren und zu vertiefen. Ein Resums der Ergebnisse lieferte daS Kommisfions- Mitglied I. A. Ockerfon auf dem vorjährigen internationalen Schiff- fahrtskongreh in Paris, und die Arbeit ist auch im Druck erschienen. Einige Mitteilungen daraus dürste» von Interesse sein. Die Länge des Stroms wird auf 2SS0 englische Meilen(4080 Kilometer), die Länge seiner Rebenflüsse, soweit sie schiffbar find, auf 16 000 engl. Meilen und sein Entlvässerungsgebiet(fast das halbe Areal der Union) auf 1.26 Millionen englische Quadrawreilen angegeben. Die Quelle, den Jtaskasee, hat der Staat Minnesota aus.Pietätsgründen' zu einer Reservation— Jtasla-Staatspark— gemacht. Die Schiffbat- feit beginnt bereits 25 englische Meilen unterhalb der Quelle, und etwa 36 englische Meilen weiter hat man Wasserreservoire au- gelegt, um im Sommer genügende Tiefe zu erzielen. Bei St. Anthony, 600 englische Meilen unterhalb der Quelle, unter« brechen Schnellen den Flust, die natürlich gewerblich ausgenutzt werden, und an der Einmündung des Minnesota, 648 engl. Meilen vom Ursprung entfernt, beginnt die Dampfschiffahrt. Ein ivenig oberhalb der Vereinigung mit dem Ohio führt das Waffer bereits viel Sinkstoffe mit sich, und beginnen die der Ueberflutung aus- gesetzten Striche. In Sst Louis hat man Unterschiede von 37 Fust zwischen dem höchsten und niedrigsten Wasserstaude beobachtet. Weiter abwärts sind fortwährende Arbeiten nötig, um die Ufer zu schützen und die Fahrrinnen offen zu halten; selbstverständlich geschieht das alles in grösttem Maststabe, und so giebt es Baggermaschine», die in der Stund« über 4000 Kubikhards heraus schaffen. DaS Delta ist heute 600 englische Meilen lang und 30—40 Meilen breit und bedeckt einen Flächenraum von 400 000 Quadratineilen; es baut sich bekanntlich immer weiter in den Golf von Mexiko hinein und zwar mit einem Material von Sinlstoffeii, dessen Menge man auf 362 Millionen Tonnen jährlich berechnet hat. Wollte man diese Sinkstoffe, die aus allen Teilen des Stromgebiets herstammen, über die Dnrchschnittseutfernung von 1600 englischen Meilen auf Flustfahrzeugen zu dem auf den amerikanischen Flüssen für schwere Lasten üblichen Satz von einem Zehntel Peimy die Tonne und Meile befördern, so würde dieser Transport nicht weniger als 233 Millionen Pfund Sterling jährlich losten I Rem Orleans liegt heute 110 englische Meile» oberhalb der Mündung.— (. G l o b u s.*) Aus dem Pflanzenlebe«. —ss— Grünende und blühende Bogeine st er. Im tropischen Amerika bereiten viele Arten der Kolibris ihre Nester teilweise aus der weichen Samenwolle von Pflanzen der Gattung Tillandsia, die wirtschaftlich als Lieferantin der Tillandstafasern be- kannt ist. Manche Kolibris ftcttern ihr Nestchen inwendig ganz damit aus, während sie es auf der Austenseite mit hübschen Flcchtenarten verzieren. Carlos Werckle hat nun in Costariea, wie er in einem Brief an die„Gartenflora' mitteilt, die Beobachtung gemacht, dast die Samenkörner, die an der Wolle haften, in' der Regenzeit zu keimen beginnen, so dast sich die Nester ganz mit Grün überziehen. Bei der Menge der keimenden Samen beginnt bald ein scharfer Kampf der lvachseuden Pflänzchen um ihr Dasein. Die schwächeren_ oder ungünstiger gelegenen Iverden erdrückst die überlebenden Ivachsen und blühen, weicu sich die Wurzeln zeitig genug an einen Zweig festklammern können. Die Tillandfien, die wegen ihrer schon gezeichneten Blätter in ihrer prächtig rot ge- färbten Bliitenähre auch als Warmhaus-Pflauzeu bei uns sehr ge- schätzt werden, wachsen überhaupt meist auf Bäumen, wo sie immer einen harten Kampf um ihr Leben bestehen müssen. In manchen Gegenden der heisteii Zone, Ivo die Feuchtigkeit der Luft grost genug ist, um jedes Samenköruchen zum Keime» zu bringen, sieht man Hunderte kleiner Pflänzchen auf einem spannenlangen Stück euies Zweiges neben einander wachsen, obgleich sich nicht mehr als ein halbes Dutzend darauf zur Blüte entwickeln können. Di« armen hübschen Pflänzche» wehren sich nun so lauge als mög« sich gegen den Dod, sie drängen gegen einander, zerdrücken sich und wachsen, so lange ihnen nicht alle Lebensbedingungen genommen werden. Der amerikanische Korallenbaum ist oft so'überinästig mit diesen Pflänzchen übersät, dast auf einem handlangen Aststück 100 bis 200 von ihnen 6 Centimeter hoch aufschiesten, ehe sie sich gegen- seitig ums Leben bringen. Wenn freilich eine andre kräftigere Schmarotzerpflanze auf demselben Zweige keimt, so kann von einem eigentlichen Kampfe kaum mehr die Rede sein, da dann die zarten Tillandfien ohne viel Zeitauftvand erstickt werden, damit sich der Stärkere auf ihrem Platz breit machen kann.— Technisches. — Eine neue Marinefackel, die an die Fackeln von Dodona erinnert, welche sich beim Eintauchen in den heiligen Quell von selbst entzündeten, beschreibt„Ratnre'. Sie besteht einfach ans einem hohlen Metallchlinder von 0,03 bis 0,21 Meter Durchmesser und 0,3 bis 1,0 Meter Länge, der an beiden Enden geschlossen ist und in einem Drahtkorb eine entsprechende Menge von Calcium- carbid, sowie eine Luftkammer enthält, um ihn schwimmend zu erhalten. Sobald das Wasser in den Cylinder Zutritt erhält, findet also eine Entwicklung von Acethlengas statt, welches am Kopf der Fackel durch eine Reihe von Brennern aus- strömt und sich dort entzündet. Damit dies von selbst geschieht, ist oben eine kleine, Calciumphosphid enthaltende Kammer angebracht, welche beim Wasserzutritt selbstentzüudliches Phosphorwasse'rstoffgas entwickelt und das Acetylen ebenfalls entzündet. Die Wirkung tritt vollkommen automattsch ein, und es ist nur erforderlich, dast man vor dem Eintauchen oder Hineinwerfen der Fackel ins Wasser durch Anziehen eines Ringes einen schützenden MetaNstrcifen entfernt. Die bedeutende Leistungsfähigkeit dieser Fackeln erhellt daraus, dast eine solche von nur 0,16 Meter Länge eine bis anderthalb Stunden lang eine 0,3 Meter hohe Flamme von 2000 Kerzen ergiebt.— (»Pro metheu s.') Huntoriftisches. — Er kennt sich aus. Bürger meist er(einer kleinen Stadt, in der eine Feuersbrnnst bedenNich um sich greift, zum Feuerwehrhauptmann):„Hauptmast d' Gffchicht wird schlimm l... Was meinst D' denn?' Feuerwehrhauptmann:„Was i' mein? Erscht war'sch ja blost a' A s s e k u r a n z f e u e r l, a' Ilein's; dann— wie'S'n Rachbar erwischt hat— scho' a' Schadenfeuer!;-- oba jetzt, G'votta— wenn nur nit gar a' großer V e r s ch ö n e r u n g s- brand d'raus wird I'— — Renommage.»Sagen Sie'mal Professor, wie weit ist denn wohl der Sirius von uns entfernt?' »Run, etwa zehn Billionen Meilen!" »So!... Hätt'n mir eijentlich weiter vorjestellt 1* — Zu gewissenhaft.»Haben Sie Ihrem Manne das Schlafmittel nach Vorschrift gegeben?' „Jawohl Herr Doktor— alle zwei Stunden. Aber es war eine harte Arbeist ihn jedesmal wieder wach zu kriegen!'— („Flieg. Bl.'j Notizen. — Im»Jnsel'-Verlage wird Dr. Karl Schüddekopf die s ä m t» lichen Werke von W i l h e l m Heins« neu herausgeben.— — Die Direktion des Wiener Burgtheaters be- abfichtigt Gerhard Hauptmanns»Schluck und Jau' zu Weihnachten oder im Fasching zur Aufführung zu bringen. Kainz und Thimig werden die Titelrollen geben.— — Eine Subvention für das Ha nr burger Stadt» Theater in der Höhe von 60 000 M. jährlich auf 10 Jahre hat die Hamburger Bürgerschaft bewilligst— — Bierbaums. P an im Busch', mit der Musik von Mottl, ist im Münchener Hof-Theater beifällig auf- genommen worden.— — Richard Strauß hat soeben eine einaktige komische O p e r v o I l e n d e t, die den Titel»Feuersnot' führt und im mittelalterlichen München spielt.— — Ein Museum für Geschichte der Medizin wird auf Antrag des Dekans der medizinischen Fakultät in Paris, Dr. Brouardel, in drei Bibliothekjälen der Sorbonne eingerichtet werden.— — In Pompeji ist eine prächtige Bronze st atuette mit eingesetzten Augen gefunden worden, die, nach den Flügelschuhen an den Füßen zu urteilen, den Perscus darstellen soll.— — Der Name des Bildhauers, dem der M i ch a e l B e e r» Preis der Akademie der Künste zuerkannt ivurde, lautet nicht Plastner, sondern Pleßner.—__ Verantwortlicher Rcdacteur: Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag voo Max Babing i» Berlin.