Mnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 123. Donnerstag, den 27. Juni 1901 (Nachdruck»«ioteiu Avbeik: 60] Romau in drei Biichenr von Emile Zola. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenzweig. Da rührte sich wieder was im Garten, diesmal von der Küchenseite her. Und von Furcht ergriffen, umfaßten die beiden Kinder sich und kollerten, eins in des andern Armen, von der Mauer herab, indem sie sich mit aller Kraft aneinander drückten. Sie hätten sich zu Tode fallen können, aber sie waren ganz heil geblieben, sie erhoben sich lachend und begannen sogleich munter zu spielen. Paul und Anwinette, Lucien und Louise tollten schon zwischen den Büschen und Fclsblöcken umher, die hier, am Fuße der Felswand, köstliche Verstecke boten. Lucas, der einsah, daß es zu spät war, hemniend einzu- greifen, zog sich leise und geräuschlos zurück. Da ihn niemand gesehen hatte, so würde auch niemand wissen, daß er die Augen zugedrückt hatte. Ach, die lieben Kleinen, mochten sie doch nur dem Trieb ihrer reinen Jugend folgen und sich unter GotteS freiem Himmel zusammenfinden, trotz aller Verbote I Sie waren die Blüte des Lebens, das wohl wußte, zu welcher künftigen Ernte es in ihnen cmporsproßte. Sie waren vielleicht bestimmt, die Versöhnung der Klassen zu verwirklichen, sie hielten vielleicht die Zukunft in sich, in der Gerechtigkeit und Frieden herrschen sollte. Was die Väter nicht thun konnten, das würden sie thun, und ihre Kinder würden es noch mehr thun, dank der nnbesieglichen Kraft der menschlichen Entwicklung, die in ihren Adern pochte. Und indem er sich sachte ent- fenite, um sie nicht zu stören, lachte Lucas vergnügt in sich hinein über ihren Frohsinn und ihren lauten Ueberniut, der von keinem Gedanken an die Schwierigkeit getrübt war, die das Wiedererklettern der Mauer ihnen bereiten nmßte. Nie noch hatte der Ausblick in die Zukunft ihm so hoffnungs- freudig geschienen, nie hatte er mehr Kraft zum Kanipf und Zuversicht auf den Sieg in sich gefühlt. Und lange Monate dauerte der Kampf, der erbitterte, erbarnmngslose Krieg zwischen der CrScherie und der Hölle. Lucas, der die. Cröchcrie schon erschüttert, auf dem Wege zum Niedergang geglaubt hatte, bot alle seine Kraft auf, um sie aufrecht zu erhalten. Er hosfte für lange Zeit hinaus auf keine Ettveiterung seines Unternehmens, er wollte nur keinen Boden verlieren( und es war schon ein schöner Erfolg, daß er sich auf derselben Höhe erhalten, daß er lebensfähig bleiben konnte unter den Schlägen, die von allen Seiten auf ihn niederfielen. Aber welch eine gewaltige Aufgabe, welche Tapfer- keit und übermenschliche Arbeit erforderte sie l Die Macht der Idee gab ihm die Größe und Kraft eines Apostels und wirkte Wunder durch ihn. Er war überall zu gleicher Zeit, befeuerte die Arbeiter in dm Werkstätten, befestigte die Bande der Bniderlichkeit zwischen Großen und Kleinen im Gemein- haus, wachte über die geregelte Verwaltung in den Maga- zinen. Man sah ihn täglich in den sonnigen Gassen der jungen Stadt, niit den Frauen lachend, mit den Kindern spielend, ein junger Vater dieses seines kleinen Volks. Alles wuchs, dehnte sich, ordnete sich nach seinem Winke dank seinem Schöpfer- genie, seiner Fruchtbarkeit, die überall Samen ausstreute, wohin er den Fuß setzte. Und das größte Wunder war die vollständige Eroberung seiner Arbeiter, unter denen die Un- einigkeit und der Aufruhr einen Augenblick einzureißen gc- droht hatte. Obgleich Bonnaire noch immer nicht so dachte wie er, hatte Lucas die Zuneigung dieses wackeren und guten Menschen so vollständig erworben, daß er in ihm seinen tteuesten und hingebendsten Gehilfen fand, ohne den das Werk sicherlich nicht hätte durchgeführt werden können. Ebenso hatte sein unerschöpflicher Reichtum an Liebe allmählich alle Arbeiter durchsttömt, sie scharten sich immer fester nur seine Person, als sie sahen, wie zartfühlend, wie brüderlich er war,»vie er nur für das Glück andrer lebte, nur in diesem sein eignes Glück fand. Alle Angehörigen der Crücherie bildeten eine große Fanlilie, um die das Band der Gemeinsamkeit sich immer fester schlang, da alle endlich begriffen, daß eS für sein eignes Glück arbeiten heiße, wenn man für das Glück aller arbeitete. Sechs Monate hindurch verließ nicht ein einziger Arbeiter die Fabrik, und wenn auch die, die ausgetreten waren, noch nicht wiederkehrten, so waren doch die Treugebliebenen opferfreudig genug, nicht ihren ganzen Anteil zu beziehen, sondern einen Tctt in der Kasse des Unternehmes zu lassen, um diesem zu ermöglichen, einen bettächtlichen Reservefonds anzulegen. Und in dieser krittschen Zeit war es zweifellos die Solidarität aller Genossenschaftsmitglieder, die sich zur Ver« teidigung des gemeinschaftlichen Werkes zusammenschlössen, welche die Crccherie rettete, welche sie davor bewahrte, unter der egoisttschen Feindschaft und dem giftigen Haß des alten Beauclair zusanimenzubrechen. Der in kluger Vorsicht angelegte, sich rasch vermehrende Reservefonds bot einen kräftigen Stützpunkt im Kampfe. Er ermöglichte es, ungünsttge Momente zu über- dauern, er verhütete die Notwendigkeit drückender Anlehen in Zeiten der Krise. Mit seiner Hilfe konnten zweimal neue Maschinen angeschafft werden, die durch eine Aenderung der Fabrikattonsweise notwendig geworden waren und die Herstellungskosten bedeutend verringerten. Dazu kamen dann noch einige glückliche Umstände; es wurden gerade damals einige größere Brücken- und sonstige Bauten ausgeführt und neue Eisenbahnen gebaut, so daß ein großer Bedarf an Schienen und Trägern entstand. Der lange Frieden, dessen sich Europa erfteute, gab der friedlichen und civilisatorischen Seite der Eisen-Jndustrie eine mächttge Entwicklung. Nie noch war das wohlthättge Eisen in solchem Maße in alle Zweige menschlicher Thättgkett eingedrungen. Die Ziffer der Geschäfte in der CrScherie war somit gewachsen, ohne daß gleichwohl die Gewinne sehr groß gewesen wären, denn Lucas wollte vor allen Dingen billige Preise erzielen, in der Ueberzeugung, daß er sich damit die Zukunft sichere. Er kräfttgte das Unternehmen durch eine weise Verwaltung, durch Ersparniffe auf allen Seiten, und war vor allem darauf bedacht, dem Reservefonds so viel Geld als möglich zuzuführen, daniit es in Zeiten der Gefahr nicht an Bar- Mitteln fehle. Und die Hingabe aller an die gemeinsame Sache, die solidarische Selbstverleugnung der Arbeiter, die auf einen Teil ihres Gewinns verzichteten, that dann das übrige und ermöglichte es, den Tag des endgülttgen Sieges ohne große Entbehrungen abzuwarten. In den Ouriguonschen Werken war die Lage nach wie vor eine glänzende, die Geschäfte hatten sich nicht vermindert, die Fabrikation der Kanonen und Geschosse wurde noch immer mit ausgezeichnetem Erfolge betrieben. Aber schon überttaf da der Anschein die Wirklichkeit, und Delavean empfand manchmal eine ernste Unruhe, über die er mit niemand zu sprechen wagte. Wohl hatte er ganz Beauclair, die ganze bedrohte bürgerliche und kapitalistische Gesellschaft auf seiner Seite; und außerdem war er überzeugt, daß die Wahrheit, die Autorität, die Kraft mit ihm waren, und daß ihm der endliche Sieg gewiß sei. Trotzdem üöerschlichcn ihn immer mehr geheime Zweifel, die rastlose, nüchterne Thätigkeit der Cröcherie beunruhigte ihn, obgleich er alle drei Monate ihren Zusammenbruch vorhersagte. Er konnte nicht an eine Konkurrenz in den Schienen und Trägern denke», die die be- nachbarten Werke zu außerordentlich billigem Preise her- stellten; es blieben ihm also nur die feinen Objekte von sorg- fältiger Ausführung, die niit drei bis vier Frank das Kilo bezahlt wurden. Aber diese wurden auch von zwei sehr bedeutenden Werten in einem nahen Departe- rnent hergestellt; sie machten ihm furchtbare Kon- kurrenz, er sühlte, daß eines von den drei Etablisse» ments zu viel war. und es handelte sich nur darum, welches von den beiden andern verschlungen»Verden sollte. War nicht das von ihm geleitete, das durch die Cröcherie geschwächt war, zun» Unterliegen verurteilt? Dieser Zweifel nagte an seinem Herzen, obgleich er mit verdoppelter Thatkrast arbeitete, und pollkomnlene heitere Zuversicht in die gute Sache, in die Religion des Lohnsklaventunls zur Schau trug, deren Vorkämpfer er war. Aber mehr noch als die Konkurrenz, als die Zlvischenfälle der industriellen Kämpfe drückte ihn das Betvußtsein, daß er über keinen Refervefoicds verfügte, der es ihm ermöglichen»vürde, anßerordeirtliche Ereignisse, plötzliche Katastrophen zu überstehen. Wenn eine Krise eintrat, eine Arhestsunterbrechrtng, ein Streif, oder auch mir ein schlechtes Jahr, so mußte dies zum Untergang führen, da die Fabrik keine Mittel hatte, um das Wiederaufleben der Geschäfte abzuwarten. Schon hatte er, um neue Maschinen kaufen zu können, deren so- fortige Anschaffung dringend notwendig war, dreimalhundert- tausend Frank aufnehmen müssen, deren Zinsen nun die Bilanz schwer belasteten. Und wie, wenn er nun noch und abermals würde borgen müssen, bis er ganz von dem Moloch der Schulden verschlungen würde? Um diese Zeit versuchte Delaveau seinem Vetter Boisgelin vernünftig zuzureden. Als er diesen dazu bestimmt hatte, ihm die Ueberbleibsel seines Vermögens anzuvertrauen und die Stahlwerke zu kaufen, hatte er ihm die feste Zusicherung gegeben, daß er ihm sein Geld so hoch verzinsen werde, daß er nach wie vor ein luxuriöses Leben werde führen können. Seitdem sich jedoch die Verhältnisse schwierig gestalteten, wünschte Delaveau, daß sein Vetter genug vernünfttge Einsicht besitze, um seine Ausgaben für eine Weile einzuschränken, mit der Sicherheit, daß er sie, sobald wieder gedeihliche Zustände eingetreten waren, in demselben und selbst in verstärktem Maße werde wieder aufnehmen können. Wenn Boisgelin sich bereit gesunden hätte, nur die Hälfte des Gewinnes aus der Kasse zu beziehen, so wäre die Anlage eines Reservefonds mög- lich geworden. Aber Boisgelin wollte von derlei nichts hören, und weigerte sich unbedingt, seine immer kostspieligere Lebens- führung, seine Jagden, seine Empfänge, im geringsten einzu- schränken. Es kam sogar zu erregten Wortwechseln zwischen den beiden Vettern. Jnr Augenblick, wo das Kapital Miene machte, sich nicht die vollen erwarteten Zinsen erpressen zu lassen, wo die Arbeitssklaven nicht mehr genügten, um den verschwenderischen Luxus des nichtsthuenden Herrn herbei- zuschaffen, klagte der Kapitalist den Fabrikdirektor an, daß er seine Versprechungen nicht halte, daß er ihn ver- kürzen wolle. Delaveau war wütend über diese alberne Genußgier, aber noch immer dämmerte ihm keine Ahnung auf, daß seine Frau, Fernande, hinter seinem geckenhaften Vetter stand, daß sie die Verderberin und Geldverschlingeriu war, daß für ihre Launen und Tollheiten' alle diese großen Summen vergeudet wurden. Auf der Guerdache folgte ein Fest dem andern. Fernande genoß in vollen Zügen die Entschädigung für ihre frühereu Entbehrungen, berauschte sich so sehr an ihren unaufhörlichen Triumphen, daß jedes Nachlassen ihr wie eine Verkürzung schien. Sie selbst reizte Boisgelin gegen ihren Mann auf, sagte ihm, daß Delaveau eine Verminderung seiner Leistungsfähigkeit zeige, daß er es nicht verstehe, den vollen möglichen Ertrag aus den Werken zu ziehen, und daß es nur ein Mittel gebe, ihn anzuspornen, und das sei. immer mehr Geld von ihn: zu verlangen. Denn da Delaveau in seiner Selbstherrlichkeit es unter seiner Würde hielt, mit Frauen von ernsten Dingen zu reden, und auch mit seiner eignen keine Ausnahme machte, so war sie über die thatsächlichen Verhältnisse ganz im Unklaren, und nach ihrer Ueberzeugung mußte sie ihren Mann unaufhörlich aufftacheln, immer höhere Anforderungen an ihn stellen, wenn sie ihren Traum verwirklichen und eines Tags mit den er- beuteten Millionen nach Paris zurückkehren wollte. Eines Nachts jedoch ließ Delaveau seine Frau einen Blick in seine Gedanken thun. Sie waren von einer Jagd auf der Guerdache zurückgekehrt, während welcher Fernande, die leidenschaftlich gern galoppierte, mit Boisgelin verschwunden war. Am Abend hatte dann ein großes Diner die Jagdteil- nehmer vereinigt, und es war Mitternacht vorüber, als das Ehepaar heimkehrte. Die junge Frau schien sehr ermüdet, wie gesättigt von den fieberhaften Genüssen, die ihren Lebens- inhalt ausmachten i sie entkleidete sich rasch, schön und ver- führerisch in ihrer Mattigkeit, und legte sich zu Bett; während ihr Mann langsam und methodisch ein Kleidungsstück nach dem andern ablegte und dabei gedankenvoll und mit zornig gerunzelter Stirn im Zimmer hin und her ging. „Sag einmal," fragte er endlich,„hat Dir Boisgelin nichts gesagt, wie Ihr allein miteinander rittet?" Fernande öffnete erstaunt ihre Augen, die sich schon zu schließen begonnen hatten. „Nein," erwiderte sie.„Zum mindesten nichts besonderes. Was hätte er mir sagen sollen?" „Hm," sagte Delaveau,„wir haben nämlich vorher einen Wortwechsel gehabt. Er hat für Ende des Monats wieder zehntausend Frank von mir verlangt. Aber diesmal Hab' ich's ihm rundweg abgeschlagen. Es ist ja unmöglich, unsinnig I" lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Vev Mttttdvrnogrl. Das ganze Haus lief zusammen, um den Vogel zn sehen, selbst Tante Hulda sprang aus der Hängematte und kam auf die Veranda. „Nee, was schleppste einem denn nun da fiir'u Biest ins Hans?"— schrie die Mutter.„Als ob wir nich schon Vögel genug hätte» I Augenblicklich trägst'n wieder in'n Wald." «Aber Mama, es ist doch ein Falke." Alfred war ganz empört. Er sah zu Tante Hulda hinüber:„Unten am See Hab' ich ihn gefunden, ich gehe so und suche nach Erdbeere», und mit einmal hupft ivas vor mir durchs Gras, ich hinterher und wie ich zugreife, Hab ich ihn. Au, Mama, den behalten wir aber." „Fällt mir ja nich in", schrie die Mutter.„Keine Minute bleibt er im Haus, so'» jrotzet Vieh; sollte mir passen." „Nein, er ist niedlich", bewunderte Minnie.„Sieh mal, was er für nette Augen macht." „Ist es lvirllich ein Falke?" fragte Taute Hulda. „Jawoll,'n Edelfalke", ulkte Onkel Moritz.„Kannst mit ans de Jagd reiten, wie die in Cirkus Busch, weetzte noch?" „Aber natürlich ist es ein Falke", beharrte Alfred.„Er hat mich ja gebissen." „Darum wird's wohl'n Falke sein, die Falkens bei Busche» waren ville jrötzer." „Na, das waren doch aber auch alte, paß mal auf, wie der hier wächst." „Denkste vielleicht, ich werd' das Biest behalten?" Die Mutter warf sich in Positur. „Den kriegste ja überhaupt jauich durch," entschied Onkel Moritz. „Womit willstc denn den futtern?" «Mit Fleisch und Mäusen." „Um Jottes ivillen, Mäuse 1" Die Damen schrien. „Biste verrückt?" sagte die Mutter.„Komm' mir mit eine Maus in de Wohnung, denn flicgstc raus." „Setz'n lieber in'n Wald, denn kommt seine Mutter und holt'n." Tante Hulda wurde gefühlvoll.„Der arme Kerl, er sieht ganz bettübt ans, er sehnt sich nach seiner Mama." „Er weeut schon," bestätigte Onkel Moritz. Die andern lachten. nur Minnie niackle ein teilnehmendes Gesicht: Ja, is aber auch wahr, trag''n doch in den Wald zurück, seine Mutter hat doch Angst um ihn, die sucht ihn gewiß schon lauge." „Jawohl, ich werde ihn ausblasen." Alfred lachte.„Ich stelle mich unter die große Fichte niit Fritzens neue Blcchtrompetc: hier is'u kleener Falke aus't Nest gefallen." „Det is ja überhaupt ja keen Falke. Onkel Moritz schüttelte nachdenklich den Kopf: Nee, wißt Ihr, wenn ick'n mir ansehe, ich glaube, det is'n junger Specht." „Ja,'n Schnabel wie'n Specht hat er," stimmte Tante Hulda bei.„Die Spechte im Zoolog'schcn haben eben solchen." „Aber die Spechte sind doch bunt, darum heißen fie Bunt- spechte."_ Minnie wollte ihre naturwisseuschaftlichen Kenntnisse zeigen. „Dummkopp, es giebt auch schwarze Spechte,,, die Mutter gab ihr einen KlappS:„Ich glaube aber auch»ich, daß dett'n Specht is, seht Euch mal die Augen an. dett is'ue kleene Eule." „Jawohl,'ne olle Nachteule" höhnte Alfred." „Kann es nicht ein kleiner Rabe sein?" fragte Minnie. Die andern schrien:„Raben sind doch schlvarz." „Aber nicht, wenn sie geboren werde», sie färben sich erst nachher." „Naben werden überhaupt nicht geboren", docierte Alfred.„Sie kriechen aus dem Ei!" „Als ob das nicht dasselbe is. wie geboren werden." Minnie rümpfte verächtlich die Nase. Die Mutter hatte den Vogel nachdenklich angesehen:„Meine Tante hatte mal'ne Freundin gehabt, die hatte auch'n Vogel, der so grau aussah, könnte das nicht'ne Drossel sein?" „Nee, Mama,'s is'n Kolibri," Alfred warf sich hintenüber und lachte:'n Falke is es,'n Edelfalke, wenn ich Dir's sage, kannst Du es glauben." „Woher Du'n Falken kennen willst!" „Er sieht aber auch wirklich aus, wie die bei Buschen," überlegte Tante Hulda. Und seht mal den Kopf,'n richtigen Scheitel hat er, als wär' er gekämmt, gerade wie'n Leut'nant." „Ich glaube, er hat Hunger," sagte Minnie.„Er macht solche verlangenden Augen, gebt ihm doch was zu essen." Sie drehte das Bauerchen hin und her.„Ach nein, und wie zahm er is, er läßt sich anfassen." „Halbtot is er," sagte Onkel Moritz,„aber nich zahni, der lebt ja keine Stunde mehr, der streckt ja schon alle Viere von sich." „Ach wo, der stöbett bloß die Federn aus," Alfted riß daS Bauer zu sich herüber; der Vogel saß auf den« Boden und ließ die Flügel hängen, sein Kopf fiel müde gegen das Gitter. '„Er plinkcrt mit die Augen," sagte Tante Hulda. Alfred kitzelte ihn mit einem Bleistift:„Seht Ihr, nu rappelt er sich schon zusammen. Der fürcht' sich bloß in dem kleinen Bauer. Wenn wir erst wieder in Berlin sind, sperr ich ihn in Lores alten ein." „Schenk ihn doch dem Zoologschen Garten," sagte Onkel Moritz, „denn kriegt er noch'» feines Schild an'» Käfig: Geschenk von Herrn Alfred Berger." .Au ja und wir kriege»'n Sonuner freies Entree l" Minnie klatschte in die Hände. „Nee, wenn's'» Falke is. behalten wir'n," entschied die Mutter, ,'» Falke, hat, ich mal gelesen, das is der deutsche Papagei." «Jawohl, er lernt Mama sagen," lachte Alfred. «Er is ja schon lange tot." sagte Tante Hulda. «Nein! Ach Gott, ja! Ja, er is tot, ja ivirllich I" Sie steckten die Köpfe Über das Bauer und schrien durch einander. Alfred stampfte mit den, FitJj auf:„Nein ich sage! Nein, nu fängt man mal'» Falken, und nn stirbt er." „Was is denn los?" fragte der Bater mitten in den all- gemeinen Wirrwar hinein. Er kam niit den Angelgeräten vom See heraus. Minnie schluchzte ans.„Alfred hat im Wald'n jungen Edel- falten gefunden und wir wollten ihn auffuttern und nu is er tot." Der Vater beugte sich über den Bauer und musterte den toten Vogel. „Na Kinder, laßt Euch nur blog nicht auslachen, das ist ja ein ganz gemeiner Kuckuck."——so. Kleines Llenilleton» — Was entgeht dem Arzt? A. Kinkel schreibt in der„Köln. Volksztg.": Für Patient und Arzt ist es von grö scher Wichtigkeit, dag dem letztere» alleS den Instand des Kranken günstig oder nn« günstig Beeinflussende zu Gehör gebracht werde;' es ist dies schon zur Beurteilung der Behandlung, der angewandten Medikamente und des oft durch Nebeuninstände verursachte» unerwarteten Auf- trcteus abnormer Syniptoine notwendig, da sonst der Arzt durch solche leicht irregeleitet werden kann, oder ihm gar Zweifel au der von ihm gestellten Diagnose aufzusteigen vermögen. Wer soll nun beul Arzte solche Mitteilungen machen? Das ist die Frage. Der Kranke selbst? Ich möchte fast sagen:„Rein", denn seine Aussprüche sind je nach seinem Leiden nicht kompetent genug, um Verordnungen danach vornehmen zu können. Andrer- scits aber ist zu bedenke», das; vom Pflegepersonal oft Fehler in der Behandlung gemacht, dein Patienten oft Aerger und Aufregung verursacht werden, was ihm dann natürlich auch Schade» bringt, was aber die Umgebung dem Arzt wohlweislich verschweigt i da wäre es nun gut, wenn der Kranke selbst reden würde. Bei schwierigen Patienten, bei solchen, Ivelche die Vorschriften des Arztes nicht befolgen wollen, welche gerne Excesse»rächen, da ist dairn den Angehörigen im Interesse des Leidenden Aufrichtigkeit geboten, auch wenn dieser dieselbe übel nimmt. Ein weiterer, dem Arzte seine Behandlung sehr erschwerender Fall ist der, lvcnn der Kranke nicht vorsichtig und gewissenhaft mit den gereichten Heilmitteln umgeht; wie selten hat er da den Mut, die Wahrheit zu bekennen! Angehörige, Pflegende können mir reden, ivenn sie selbst in diese Vorkommnisse emgeweiht sind, und wie vielen Kranken erlaubt ihr Znstand, ihre eigne Krankcnschivestcr zn sein; ivie soll dann der Arzt das Wahre erfahren? Ich kenne eine Frau, die sich schon ziveimal durch unachtsames, unpünktliches Unlgchcn mit den ihr verordneten Medikamenten Ver- giftungen leichter Art zuzog, daS eine Mal mit Armen, das andre mit Bleiivasicr; jedesmal gosi sie von der Flüssigkeit aufs Geradcwohl in das zu Umschlägen bestimmte Wasser, statt die vor- geschriebenen Tropfen einzuhalten, und jedesmal täuschte sie über ihr Vergehen den Arzt. Sie schützte ihre übcreinpfindliche Haut vor; bei Lcncnentzüudung gestand sie nicht die Ursache der furchtbare» Schmerzen, die überstarken Vkeiwasserumschlägc ein; die an der niist- handelten Körperstelle zusammengeschrumpfte Haut netzte sie so lange nnt Ocl und Wasscrkomprcsscn, bis die hauptsächlichste Entzündung im Verschwinden begriffen ivar und die Wunde wieder natürlicher sich zeigte. Der Grund der Verschlimmcning entging so dem Arzt, er wlchte ihn sich nicht zu erklären. In einem Hause wird ein Kind im Nervenfieber rückfällig, weil seine Mutter es nicht vor groben Diätfehlern zu bewahren ver- mochte, ein andres muß sein siniges Leben lassen, ivcil die Pflegerin es ans Eigensinn kalt, statt ivarm gebadet hat. Dort raube» einem Leidenden die versteckten Mißstände vieler Spitäler und Kliniken den Schlaf, hier verschlimniern ihni Unverstand und Herrschsucht den Zu- stand. Wie wenig kommt dem Arzt bei all' diese» Patienten von der Wahrheit zu Ohren! Wie kann ich mich über die Pflegerin beschweren, wenn ich von ihr abhängig bin, wie kann ich mich über die Kranken- schivester beklagen, wenn ihre Aussage der meinen nicht gegenüber- gestellt ivird, und wie könnte man das, wo fände man die Zeit dazu? Wem sollte man glauben, wem Recht geben?— Die Kranken sind oft schwierig, anspruchsvoll, die Pflegerinnen sind Menschen mit Fehler» wie wir. So kommt cS, daß dem Arzte vieles entgeht, Ivas des Patienten Krankheitsznstand verschlimmert, ihn vielleicht in neue, gefährlichere Bahnen weist. Diätetische, hygienische Fehler werde» be- gangen, Aufregungen, Gemütsbewegungen, körperliche und seelische Schmerzen dem Leidenden nicht' erspart; die Folgen »nachen sich bemerkbar, umsonst forscht der Arzt nach dein Wer- säumnis, nach den» mögliche» Grunde, nur seilen trifft seine Ver- mntung niit der Thatsachc znsamnicn. Dies ist. Ivie gesagt, nur so bedauerlicher, als dadurch mancher inedizinischc Mißgriff geschieht, indem dieselben Kraiilheitserscheinungen durch ganz verschiedene Ur- fachen erzeugt werden können. Es wird nnniöglich sein, diese Bor« kouunniffe ans der Welt zu schaffen; es wird' immer Fälle geben, wo dem Arzt ihm Wissenswertes und Notivendigcs entgeht nnd ver- schiviegen ivird, es kann daher nur unsre Aufgabe sein, diese Fälle immer mehr zn verringern, in unsrer Umgebung nnd in unsern» Wirkungskreis durch Aufrichtigkeit und treue Pflichterfüllung bestrebt zu sei», ihnen vorzubeugen. Krankenpflege, Krankentvartung ist immer eine ernste und ver- antwortnngsvolle Sache, die im Privatleben, in der Familie wie als Beruf als solche nicht pünktlich und treu genug genommen werden kann. Versäumnis nnd Täuschung ist gleich unrecht gegen Arzt und Patient, denn sie birgt für beide eine Gefahr. Unsre Pflicht gebietet uns, nach besten Kräften für den kranken Körper zn sorgen und dieses können wir nur, wenn wir uns strengster Wahrheitsliebe gegen den Arzt befleißigen, damit er durch richtiges Erfassen der anftretenden Krankheitserscheinungen sich ein richtiges Urteil darüber bilden und sicher init den Waffen seiner Wissenschaft gegen die gesundheitverheerenden Symptome kämpfen kann.— — Eine mathematische„Zauberei", die in mancher Ge- sellschaft recht verblüffend wirken kann, teilt das„Wissen für Alle" mit. Fordern Sie einen der Anwesenden auf, irgend eine Zahl, deren Ziffernanzahl eine gerade ist, aufzuschreiben, ohne daß Sie sie sehen können, und sodann dieselbe Zahl in umgekehrter Folge darunter zu stelle», ivie z. B.: 943 St 8 81S 349. Nachdem dies geschehen ist, bitten Sie diese beiden Zahlen zu addieren, Ihnen die Summe anzusagen, mit Ausnahme einer Ziffer, an deren Platz Sie einen Gedankenstrich zu machen versuchen, wie z. B.: 17 588—7. Nach kurzem Uebcrlegen erklären Sie, die ausgelaffene Ziffer sei eine 6. Dieselbe scheinbare Zauberei können Sie statt mit der Summe auch mit der Differenz der gegebenen Zahl und»nil deren Um- kchrnng anssühre». Bei der Annahme der früheren Zahl erhalten Sie dann! 1—8169. Ebenso leicht wie vorher können Sic nun erraten, daß die ans- gelassene Ziffer eine 2 sein niüsse. Die Erklärung dieser»nhcinilicheir inagischen Kunst ist eine ungemein einfache. Bekanntlich ist die Summe einer Zahl nnd deren Umkehrnng ein Mehrfaches von 11; deren Differenz dagegen ein Mehrfaches von 9. Nun iveiß nian. daß bei dein Mehrfachen von 11 die Summe der air grader und der an»ngrader Stelle stehenden Ziffern gleich ist. Wendeil»vir diese Regel bei der oben angeführten Zahl an: 17 S88— 7 nnd nennen wir die unbekannte Ziffer x, so erhalten wir: gradstcllige Ziffern ungradstellige Ziffern x»st8-t»7— 7 4- 8+ 5-+- 1— 21. Wenn Sie nun im Kopfe rechnen, so crgiebt sich Ihnen sofort: x— 6. Sollte Ihnen die Differenz angesagt werden— sie ist. wie wir gerade gehört haben, ein Mehrfaches von 9— so haben Sie zu beachten, daß die Summe der zusammengezählten Ziffern auch ein Mehrfaches von 9 sein nniß. Sie werden daher nicht zögern zn er« klären, die in der Zahl 1- 8169 ausgelassene Ziffer sei eine 2. da sonst die ganze Zahl nicht ein Vielfaches von 9 sein könnte. Auf diese billige Art und Weise können Sic bei Ihren Bekannten und Freunden als mathematischer Zauberer gelten.— Theater. ac. TheaterdeSWestenS. ,,L u m p a c i v a g a b u n d u S." Das Gastspiel der Scccssionsbühne in« Theater des Westens führte au» Dienstag Ncstroys alte, beliebte Zauberpossc„LllinpacivagabunduS oder das liederliche Kleeblatt" einem zahlreichen Publikum von neuem vor. Die harmlosen, manchmal etivas klobigen Kalauer fanden bei der gutgelaunten Zuhörerschaft freundliche Aufnahme, hätten aber nicht gerade einer Vermehrung um etliche recht mäßige Ncnhcitci« bedurft. Wenn z.B. in der rührsamen Geschichte von dcnbeiden feindlichen Jnselkönigen und ihren in Liebe verbundenen Kindern, die Knieriem in der Ulmer Herberge zum besten giebt, diesmal die Kanal- frage als Streitobjekt angegeben wurde, so kann man doch füglich kaum sagen, daß diese Modernisierung zur Erhöhung der komische» Wirkung beiträgt. Im ganzen freilich spielte Herr Edmund Schmasow vom Theater in Kassel, der als Kniericm gastierte, den Schuster- gesellen mit trockenem Humor vortrefflich und brachte die ver- schiedenen Grade der Bezcchthcit und die verschiedenen Stadien der Versoffenheit in Sprechlveise und Mimik äußerst wirksam zum Aus« druck. Auch das liederliche, geschwätzige und zappelige Schneiderlein ?wirn wurde von Herrn H. G o r d o n mit der nötigen Leb- aftigkeit und Beweglichkeit äußerst zufriedenstellend gegeben, »nd Herr L. Jwald fand sich»rit der weniger dank- . — 492— baren Nolle des Tischlergesellen Leim l»hr geschickt ab. Da auch die Nebenrollen durchweg flott gespielt»arde». so könnte mau sich— von einigen Ungeschicklichkeiten der Jusccnicnmg abgesehen— mit der Leistung des Gastspiel-Eusembles einverstanden erkläre», wenn nicht eine schier unglaubliche Geschmacklosigkeit dem sonst günstigen Gesamteindrnck schweren Eintrag gethan hätte. In den zweiten Akt, in die Abendgesellschaft bei dem durchs grode Loos zum verschwende- tischen Parvenü gewordenen Schneider Zwirn waren einige Ein- lagen ans dem Ueberbrettl eingeschoben worden, die nicht viel Iveniger als eine halbe Stunde in Anspruch nahmen und zum übrigen Inhalt der Posse wie die Faust aufs Auge paßten. Daß derartig lange, zum Umfang des Stücks in gar keinem Verhältnis stehende Einschiebsel, während deren die Fortentwicklung der Handlung nicht um ein Jota gefördert wird. zu den ältesten dramatische» Grundsätzen von der Einheit der Handlung und der Proportionalität der Teile in unlösbarem Widerspruch stehen, könnte man noch übersehen, da Nestroh selber einige Episoden eingefügt hat, die dem Fortgang seiner Pofle nicht dienen, die aber doch wenigstens zu ihrem übrigen Inhalt und Geist passen. Das aber ivar mit den Einlagen aus dem Ueberbrettl nicht im niiudcsten der Fall. Auf' deren Inhalt und Qualität näher einzugehen, liegt kein Anlaß vor: das ist an dieser Stelle schön genugsam geschehen. Wohl aber muß gesagt werden, daß die Dar- bietlingen des Uebcrbrettls mit ihren litterarischen Prätentionen und ihrer lüsternen Schlüpfrigkeit zu den anspruchs- und harmlosen Späßen Nestroys absolut nicht paßten: das heißt gänzlich disparate Dinge zusammenleimen wollen. Wenn die Einfügung in den Zusammenhang des Stücks weiiigstcns geschickt erfolgt wäre, anstatt rein äußerlich zu sein, wie hier, wo das Ueberbrettl auf einmal vor dem erstaunten Auge des Zuschauers antanzt Ivie ein äsus ex machinal Jedenfalls, wer über die mehr oder minder faule» Witze des �Lumpacivagabnndus" einmal herzlich lachen ivollte, für den waren die blasierten Pikanterien des lleberbrettls ganz und gar nicht vm Platze.— Mufik. In der äußeren Politik muß eS derzeit recht mau zugehen. Zwar verstehe ich davon so viel, wie die Direktion eines Sommer- Theaters von dem Bedürfnis eines begabten Mitgliedes, seine Rolle in genügender Zeit künstlerisch auszuarbeiten. Allein ich darf doch wohl jene Behauptung regelrecht logisch erschließen ans dem Um- stand, daß eS in dem gegenwärtigen Berliner Mnsiksommer kein rechtes Operettenleben giebt. Voriges Jahr war eS anders: da konnten wir in den Theatem großartige Weltpolitik treiben, bald mit England, bald mit China und bald mit Italien, bald mit Japan. Meine damalige Vernmtung, daß es gleichzeitig in der Welt, welche die Bretter bedeutet, ebenso zugehe wie auf den Brettern, welche die Welt bedeuten, wurde mir von einem zeitnnglescnden Freund leb- Haft bestätigt. Heuer hocken wir still bei Kroll und hören uns— ich denke an vorgestern— die.Berliner Liedertafel" an, uns heimlich mnsehend, ob nicht dahinten ein Graf Waldersee sitzt. und genießen resigniert, was eS an allertypischester Sommermusik giebt. Zu diesem allerthpischesten(wohlgeinerlt in der Somnierniusik) gehört die Zeitverschwendung, die unabsehbare und immer 6a oapo kommende Pause, die„tote Zeit". Jenes Konzert war für 5 llhr angesagt und hielt uns ausgerechnet ZVio Stunden lang mit Garde- Grenadier- Regiments- Kapellen- MitivirkungS- Rmimiern hin, bis endlich, nach all den Phantasien aus R. WagnerS.Siegfried" und den zu Tode rührenden Piston-Soli, die Weißbehaudschuhten kamen und ihre vierstimmigen Repetitionsschlangen tanzen ließen. Sie machte» es gut; ihren Teiioren, denen viel' zugemutet ivcrden kann, und ihrem würdigen Chormeister A. Zander»»sre besondere Anerkennung I Ein von diesem gesetzte« amerikanische? Wolkslied,.Mein Alt-Kentnckh-Heim", stach aus dem übrigen flinger- lichen Alltag heraus; es ist anscheinend eines der vielen Negerlieder aus der Sklavenzeit, ivie sie vor einigen Jahren durch drei Neger {elber in Deutschland bekannter gemacht wurden, obscho» jenes Bei- piel nicht gerade sehr innig an den tieferen Zug dieser Lieder erinnerte. Mit der in solchen Fällen unentbehrlichen Todes-, Zeit- und Ntaumverachtung waten wir weiter durch die musikalischen Regengüsse des Sommers. Eine Volksoper im Carl Weiß- Theater, ans deren Anfängen wir über eine verhältnismäßig recht gelungene Leistung berichten konnten, führte am Montag die „R e g im ents t o ch t er" Donizettis auf und hat so nnt einem neuen Ensemble in ihren ersten drei Tagen vier erste Aufführungen herausgebracht. Das muß nun unfehlbar zum Zugninderichten der Leute und der Kunst führen. Wie soll sich da ctivas künstlerisch �durcharbeiten lassen, ja wie soll da selbst das beste Können der Dar- steller zur Erscheinung kommen, wem» einzig dem Souffleur ver- gönnt ist, seine Leistung auszureifen I Man konnte merken, daß hinter diesen halb geiähmten.Kräften manch tüchtiges Können stecken muß; und Frl. S. Schickhardt vom' Hoftheater in Wiesbaden, für welche die Titelrolle wahrscheinlich ein längst gefestigter Besitz ist, war in ihr genügend sicher, wenn sie auch nicht so ivohlgefällig sang, als sie spielte. Allein der Direktion darf doch gesagt iverdcn. daß. sie auf die Mitarbeit der Kritik und der intimeren Theaterfreunde 1 nur dann zählen darf, wenn sie ihr Wirken wenigstens so anlegt, daß e? künstlerisch gilt. Das weitere Publikum ist hier ohnehin noch> spröde, und im übrigen muß man ja iu Berlin gegenüber Oper» immer recht nachsichtig sein. Zum heutigen Schluß etwas besonders Freudiges— oder sollen wir über das Auswachsen einer„guten alten Zeit" nicht eher traurig sein? Morgen Freitag, den 28. Juni wird Meister Josef Joachim 70 Jahre alt sein. Fern von Berlin weilend bleibt er außer Fubiläums-Schnßweite. Wolle» wir ihn— unter Absehen von trockenen Lebcnsdaten— recht würdigen, so müssen wir etwas wie einen Be- griff von.geologischen Schichten" zu Hilfe nehmen. Wie viele Schichten haben sich nicht seit Mendelssohn's Wirksamkeit über den musikalischen Boden Berlins gelagert, und an wie vielen Stelle» dieses Bodens haben sich nur ganz wenige oder gar keine Schichten aufgebaut I Im Maße, als das letztere gilt, gehört Joachims Be- dcntung zu den jüngsten Schichten. Als der weltberühmte Geigen» künsiler, als der ivohl weitaus musikalischeste, wenn auch nicht an Specialkunst und Tonschöuheit unübertroffene Molinist beherrscht er das Gestalten der musikalischen Formelemente, das„Phrasieren", in einer Weise, hinter der das meiste übrige Musik-Berli» zurückbleibt. Als Lehrer und Hochschnldirektor lagert er hoch über jenen früheren Schichten unsres musikalischen Schulwesens, die zu den Schrecke» der Freunde einer Entivicklung gehören. Die ihm untergestellte „königliche Hochschule für Musik." 1822 bloß fiir Kirchemnusik, 1838 auch für musikalische Komposition eröffnet, wurde Ende der sechsziger Jahre mit Joachim als neuberufener Kraft insofern er« neuert, als sie seit 1. Oktober 1369 auch eine Abteilung für aus« übende Tonkunst besitzt, die daim allmählich fertig gestaltet wurde. Joachims segensreiches Wirken innerhalb dieser Entwicklung steht historisch so fest, wie derzeit die Zurückgebliebenheit der ganzen An» statt feststeht. Und Joachims Berdienst als Führer eines im besten Sinn klasffschen Streichqriartetts steht ebenso fest, ivie die im schlechtesten Sinn nnmoderne Haltung dieses Quartetts und ivie der Abstand von unsreS Meisters Kmistgcschmack zu dem der jüngsten niusik-geologischen Schichten. So lange aber auch bei», Spiel eine» Musikers zuerst nach den» Gegensatz zwischen künstlerisch im echtesten und künstterisch in iveniger echtem Sinn gefragt werden muß. so lange können ivir glücklich sein, einen— d e n einen Joachim zu be« sitze».— sz. Huuiottftisches. — Zwick m n h l e.„Ich begreife nicht, Herr Doktor, warum heiraten Sie nicht wieder, wenn Sie das Witiverlebeu satt haben?" „Ja, die Ehe habe ich erst recht sattl"— — Kirchgang.„Gelt. Mama, es war doch gut, daß der Geistliche auf der Kanzel eingesperrt war, er hat doch recht ge« schimpft."— t.Lust. Bl.") Notizen. — Testamentkünstler. Max Klinger erklärt, bei seinen Anschuldigungen in dem„offenen Brief" handle es sich um Unter« schlagung zweier zu künstlerischen Zwecken bestimmten Schenkunge» durch zwei Berliner Künstler.— — Die Künftlervereinignug.Schall und Rauch Ivill sich als selbständiges Unternehmen im...Hotel Arnim" etablieren und ist um die behördliche Belvilligung eiugekonnne».— — Felix DörmannS neues Schauspiel.D erHerr von A b a d e s s a" ist vom Berliner Schauspielhaus für die nächste Saison zur Aufführung angenomiNen worden.— — Das Theater des Westens wird in der»ächstcil Saison an Novitäten zunächst A. HubayL Oper.Der Dorfluinp" und Zanraras Operette„Die Debütantin" bringen.— — Julius Türk, bisher Direktor des Staditheaters in St. Galle», hat das Apollo-Theater in Mannheim über« nonnnen.— — Bei dem von der Verlagsbuchhandlung Seemann n. Ko. in Leipzig ausgeschriebenen W e t t b e iv e r b um moderne Fassaden erhielten die ersten Preise die Entivürfe von Wunibald Deiniuger(Wien), Gerhard Wclzel(München), Arthur Fritsche (Klotzsche— Dresden).— — Ein riesiger Mücke»schwärm ivurdc jüngst in der Umgebung von Oberleu tenSdorf(Böhmen) beobachtet. Millionen Mücken fielen auf Bännie und Felder nieder und bedeckten die Straße auf einer Strecke von 200 Meter vollständig, stellenweise so dicht, daß die Passauten in Gefahr kamen, auf dem schlüpfrige» Wege auszugleiten.— d. Die Bevölkerung Irlands hat seit 13t1 von 8 197 000 Einwohnern auf 4 466 546 abgenommen.— Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag voit Max Babing in Berlin.