Anterhaltungsblalt des Vorwärts Nr. 125 Sonntag, den 30 Juni 1901 (Nachdruck verboten.! Uvhvxl. 62] Roman in drei Biichern von Emile Zola. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold Nosenzweig. Es waren Monate vergangen, seitdem Josine von Lucas Abschied genommen hatte, das Glück, das das Leben ihnen schuldete, auf später verschiebend, als sich Ereignisse abspielten, welche Fernande die erwartete, ersehnte Gelegenheit boten, den Todesstoß gegen ihren Feind zu führen. In jener schmerzlich- seligen Nacht hatte Josine in den Armen Lucas' empfangen. Sie war schon im fünften Monat der Schwanger- schaft, ohne daß selbst Ragu etwas gemerkt hätte; und erst als er sie eines Abends in seiner Trunkenheit schlagen wollte und sie ihren Leib mit einer erschrockenen Gebärde schützte, entdeckte er mit einemmal ihren Zustand. Er war zuerst starr vor Verblüffung. „Du bist schwanger, Du bist schwanger, Metze? Deshalb hattest Du also immer solche Heimlichkeiten. Ich mußte ebenso dumm sein, wie Du verlogen bist, daß ich es noch nicht gemerkt Habel" Dann durchfuhr's ihn wie ein Blitz, daß das Kind nicht von ihm sein konnte. Woher also stammte dieses Kind? Wer war der Vater? Er ballte die Fäuste und knirschte mit den Zähnen in wachsender Wut. „Wie, Metze, es ist doch wohl nicht von selbst gekommen? Du wirst nicht die Unverschämtheit haben, zu behaupten, daß es von mir ist, da Du sehr wohl weißt, daß ich mich vor- gesehen habe. Von wem ist es also? Sag's doch, sag's schnell, oder ich erlviirge Dich I" Josine stand leichenblaß da und sah mit ihren sanften Augen entschlossen auf den Trunkenen, ohne zu antworten. Uno in ihrer Angst konnte sie nicht umhin, sich zu ver- wundern, daß er so in Zorn geriet, denn sie war ihm, wie es schien, in der letzten Zeit vollkommen gleichgültig ge- worden, er drohte ihr jeden Tag, sie auf die Straße zu werfen, und sagte, er wäre froh, wenn irgend ein andrer sie aufläse. Er selbst hatte sein Junggesellenlcben wieder auf- genommen. Da er ihr also unzähligemal in brutalster Weise bewiesen hatte, daß er sie nicht mehr wollte, warum geriet er so in Wut darüber, daß sie schwanger war? „Es ist nicht von mir. Du wirst nicht so frech sein, zu sagen, daß es von mir ist?" Sie erwiderte endlich, ohne den Blick von ihm zu wenden, leise und fest: «Nein, es ist�nicht von Dir!" Er führte einen wütenden Faustschlag nach ihr, aber sie wich zurück, so daß er nur ihre Schulter streifte. „Du sagst niir das ins Gesicht, verdammte Metze?" brüllte er.„Und den Namen des Menschen, sag' mir den Namen des Menschen, damit ich ihm sein Teil gebe." „Den Namen sag' ich Dir nicht," erwiderte sie ruhig. „Du hast kein Recht, ihn zu wissen, da Du mir zwanzigmal gesagt hast, daß Du genug von mir hast, und daß ich mir einen andern suchen kann. Du wolltest kein Kind von mir haben, ich habe eines von einem andern, der ist nun mein Mann, und die Sache kiimmert Dich nicht weiter." Er wollte sie erschlagen. Sie mußte fliehen, um sich vor den Fußtritten zu schützen, die er mit mörderischer Berechnung gegen ihren Leib führte. Was ihn besonders zu sinnloser Wut stachelte, das war, daß sie ihm ins Gesicht gesagt hatte, daß sie von einem andren Mutter sei, und daß sie ihn fortan nichts mehr angehe, daß er kein Anrecht mehr an ihren Körper und an ihr Leben habe. Er, der kein Kind gelvollt hatte, wurde von dem Gedanken, daß er nicht der Vater sei, wie von glühendem Eisen gebrannt. Er fühlte, daß sie nicht mehr ihm gehörte, daß sie nie ihm gehört habe, und daß sie ihm nun für immer entrückt war. Dieser Gedanke erfüllte ihn mit einer rasenden Eifersucht, deren Llual er bisher nicht gekannt hatte, und die er nie kennen zu lernen gedacht hätte. Von da ab schloß er die Frau ein, die er auf die Straße hatte werfen wollen, er bewachte sie, er wurde von Wut erfaßt, wenn er sie mit eineni Mann sprechen sah. In seinem wahnsinnigen Zorn über das Unwiderrufliche mißhandelte er sie. Und immer kam die verletzte Eitelkeit des Mannes, der es nicht verstanden hatte, sein Lebenswerk zu thun, auf den andren zurück, auf den Unbekannten, der aus diesem Körper einen Teil seines Körpers gemacht hatte. „Sag' mir seinen Namen, sag' mir seinen Namen, und ich schwöre Dir, daß ich Dich in Ruhe lasse!" Aber sie blieb standhaft, sie ertrug die Schmähungen und die Schläge und sagte nur mit ihrer sauften Festigkeit: „Du brauchst seinen Namen nicht zu wissen, er geht Dich nichts an." Ragu konnte unmöglich an Lucas denken, und nichts konnte ihn auf diese Spur bringen, denn keine menschliche Seele, außer Soeurette, hatte Josinens nächtliche Besuche ge- sehen. Er suchte unter seinen Kameraden, dachte an eine Stunde des Vergessens in den Armen irgend eines hübschen Jungen seines Kreises, am Abend eines Zahltages, wenn der Wein das Blut erhitzt. Aber all sein Suchen war vergeblich, er mochte noch so viel lauern und spüren, er erreichte nichts, als daß seine Wut und sein nagender Groll sich steigerten. Indessen verbarg sich Josine vor allen Blicken, aus Furcht, daß es schlimme Folgen für Lucas haben könnte, wenn das Geheimnis ihrer Liebe ans Licht käme. Als sie die Gewißheit hatte, daß sie von ihm schwanger sei, war sie zuerst von unendlicher Freude erfüllt gewesen, sie hätte zu ihm eilen mögen, um ihm die große, glückliche Neuigkeit mitzuteilen, über die er, wie sie sicher war, ebenso selig sein würde wie sie. Dann waren ihr ängstliche Zweifel gekommen, sie hatte es für geboten gehalten, noch zu warten, um nicht irgend ein gewaltsames Ereignis heraufzubeschwören, während die Cröcherie grade so schwere Tage durchmachte. Und nur durch einen Zufall erfuhr Lucas von dem Kommen dieses teurenKindes, dessen Vater er war. Als er eines Tags, mit Bonnaire im Gespräch begriffen, diesen bis zu seinem Hause begleitete, fanden sie dort eine Gruppe von Frauen stehen, denen die Toupe von der Schwangerschaft ihrer Schwägerin erzählte, indem sie allerlei giftige Andeutungen an diese Neuigkeit knüpfte. Lucas fühlte sein Herz stillstehen und dann hoch- aufschlagen. Josine kam manchmal in die Cröcherie, um Nanet abzuholen, der ganze Tage da verweilte; und eben, als die Frauen von ihrer Schwangerschaft sprachen, kam sie herbei und niußte ihren Fragen Rede stehen. Ja, sie war nun im sechsten Monat, und man sah es schon sehr. Da bemerkte sie Lucas, und sie fühlte so sehr, wie er darunter litt, daß er sich stumm in der Ferne halten mußte, daß sie beinahe meinte, es nicht er- tragen zu können, daß sie nicht mit ihm sprechen, ihm nicht zujubeln sollte, wie unendlich glücklich sie war. Sie ahnte den schrecklichen Zweifel, der seine Seele martern mußte, sie wußte, daß ein einziges Wort von ihr ihn beruhigen, beseligen würde. Dieses Wort, es drängte sich aus ihrem Herzen empor, es erstickte sie fast:„Es ist von Dir!" Und dann fand sie doch ein köstliches Mittel, ihm dieses Wort zuzu- senden, als die Frauen einen Augenblick ihre Aufmerksam- keit von ihr abwandten und sich wieder in ihr Gespräch ver- tieften. Sie legte zuerst beide Hände aus ihren gesegneten Leib, hob sie dann mit einer Gebärde voll Liebe und Dank- barkeit an ihre Lippen, und sandte ihm die Gewißheit seiner Vaterschaft in einem unmerklichen Kusse zu; er begriff sofort, und auch ihn durchströmte die unendliche Seligkeit. Es bot sich Lucas und Josinen keine Gelegenheit, ein Wort miteinander zu wechseln, keine andre Mitteilung fand zwischen ihnen statt, als diese lieberfüllte Gebärde, dieser Kuß, der sie vollends vereinigte. Aber Lucas, aufs tiefste erregt, zog Erkundigungen ein, und erfuhr bald von den Eifersuchts- ausbrächen Ragus, von seinen Mißhandlungen, von der Peinlichen Ueberwachung, in der er seine Frau hielt. Und wenn er noch den geringsten Zweifel über seine Vaterschaft gehabt hätte, diese rasende Eifersucht des Mannes hätte genügt, um ihn zu überzeugen. Von nun ab war Josine seine Frau. Sie gehörte ihm. ihm allein, da sie ein Kind von ihm unterm Herzen trug. Der einzige wahre Gatte war der Vater. Es gab nur ein einziges festes, ewiges Band zwischen Mann und Weib, das Kind, das ge- schaffene Leben, das aus der unlöslichen Vereinigung zweier Menschen entsteht. Daher war er nicht eifersüchtig auf Ragu, während dieser toll vor Eifersucht war, denn Ragu existierte nicht, er war nur der Räuber, der weitergeht und den man vergißt. Josine gehörte ihm, Lucas, für immer, sie würde zu ihm zurückkehren, und das Kind sollte die lebende Blüte ihres untrennbaren Bundes sein. Von da ab litt Lucas jedoch schrecklich unter dem Be- wußtsein, Jofine Schmähungen und Mißhandlungen aus- gesetzt zu wissen, in steter Gefahr ihres und jenes andern keimenden Lebens. Es war ihm unerträglich, die geliebte Frau in den entehrenden Händen Ragus zu lassen, während er sie in ein Paradies der Liebe und Zärtlichkeit hätte der- setzen, sie mit all' der Vergötterung hätte umgeben mögen, die der Mutter zukommt, welche durch das Kind geheiligt ist. Aber was thun, wie sie unter seinen Schutz nehmen, wenn sie sich so beharrlich scheu zurückzog, sich schweigend im Schatten borg, um jede Unannehnllichkeit von ihm fernzuhalten? Sie vernüed es sogar, ihn zu sehen, aus Furcht vor irgend einem Zufall, der ihr Geheimnis, das sie so liebevoll in ihrer leiden- den Seele barg, hätte preisgeben können: und er mußte ihr förmlich auflauern, sie übcrrafcheu, um endlich einige Worte mit ihr wechseln zufkönnen. In einer finftern Nacht war es, als Lucas, an einer Ecke der armseligen Rue des Trois-Lunes stehend. Josine ini Vor- übergehen ersah und anhielt. „O, Lucas, Du bist es? Welche Unvorsichtigkeit, Ge- siebter i Gieb mir schnell einen Kuß und geh gleich wieder, ich bitte Dich I" Aber er hielt sie fest umschlungen und sagte ihr leise und innig ins Ohr: „Nein, nein, Josine, ich mutz mit Dir sprechen. Du er- duldest zu viel, und es ist verbrecherisch von mir, daß ich Dich, die mir so teuer, so kostbar ist, so leiden lasse. Höre, Josine, ich bin gekommen, um Dich zu holen. Du mußt mir folgen, zu mir, zu Dir, um als geliebte, verehrte, glückliche Frau an meiner Seite zu leben." Sie überließ sich einen Augenblick dem süßen Trost dieser zärtlichen Umarmung, dieser Worte. Aber sogleich machte sie sich wieder los. „O, Lucas, was sagst Du da? Bist Du so wenig ver- nünftig? Ich sollte zu Dir kommen, wenn ein solcher Schritt die schrecklichsten Gefahren für Dich heraufbeschwören könnte? Von mir wäre es verbrecherisch, wenn ich noch ein Hindernis mehr bilden würde auf dem schweren Wege, den Du zurück- legen mußt, um Dein Werk zu vollenden! Geh nur schnell, geh, Geliebter l Ich würde mich eher töten lassen, als Deinen Namen verraten!" Er versuchte sie zu überzeugen, wie überflüssig es sei, der Heuchelei der Welt ein solches Opfer zu bringen. „Du bist mein Weib, da ich der Vater Deines Kindes bin, und mir mußt Du folgen. Wenn erst unsre Stadt der Gerechtigkeit erbaut ist, wird es kein andres Gesetz mehr geben als das der Liebe, und die freie Vereinigung wird die einzige von allen geachtete sein. Warum sollten wir uns um die Leute kümniern, die sich heute noch über uns entrüsten würden?" (Fortsetzung folgt.) SrnrnkaKspImtdeuei. DieBank— ich bitte nicht zu verzweifeln. Ich beabsichtige weder über die Leipziger, noch über die Dresdner noch über die Deutsche Bank zu schreiben, auck, nicht über die Easselcr Treber- trockmmg. Ich»verde nicht über diesen gigontischei» Gespensterpalast des Kapitalismus, über den hiinmelklnnmeudcn Turm von Babel grübeln, um den in allen Sprachen der Welt die menschliche Seligkeit und Würde verschachert ivird, über dieses riesenhafte SpukhauS, das aussteht, wie aus Quadern der Ewigkeit getürmt und doch über Rächt von einem Hmicki jäh erschüttert wird, daß es kracht und birstund aus den Risten das wilde Heer der Teufel und Hexen schreiend in höhnendem Gelächter hermlSgmllt. Ich will nicht malen, wie dann all den Großen der Erde aus den schlotternden Händen die Coupon- scheren entfallen und unten ii« der Tiefe die erzwungene Muße der Arbeit mit der Befreiung von verwüstender Mühsal zugleich in Not und Hunger sinkt. Ich verzichte entsagend darauf, meine Sonntags- meiiuingen über die hohe Bank zn äußern, obwohl ich vom Bank- wefen nichts verstehe. Allerdings weiß ich. daß manche Leute in solch ein Bankgebäude gehen, wenn sie Geld brauchen und eS dann auch bekommen. Ich habe das neulich gleichfalls versucht, trat in irgend eins der schön eingerichteten und noch unverkrachten Institute und erbat mir eine hübsche runde, wenn auch bescheidene Summe. Der Maun sah mich erstaunt an. blätterte in verschiedenen große» Büchern, fixierte mich scharf und sagte: Machen Sie gefälligst, daß Sie rauS kommen. Und ich trollte mich, ohne einen Pfennig er- hatten zu haben. Seitdem bin ich mißtrauisch gegen das ganze Banklvesen. Ich habe mich offenbar schmählich über den Endzweck dieser Einrichtirng getäuscht. Sie giebt nicht Geld, sondern sie ennög« licht es vielmehr jedermann, seine Reichtümer mit allem Comfort der Neuzeit gleich im großen, statt nickelweise ans der Straße zu verlieren. Ein Bekannter, der Beziehungen zur Börse unterhält, hat mich aus Befragen dahin belehrt, daß man Geld nur dann von der Bank holen könnte, wenn man es zuvor hingebracht, und auch dann erst unter besonders günstigen Umständen. Wenn diese unglaublich wider- sinnige Behauptung meines Bekannten wahr sein sollte, dann frage ich jeden urteilsfähigen Menschen: wo liegt denn der berühmte Segen der hohen Bank? Das kann jeder, Geld nicht wiedergeben, nachdem er es erst erhalten hat. Dann bin ich mtch im stände, ohne Vor- bercitung, doppelten Boden und sonstige Apparate eine Bank zu sein; lvenn Ihr wünscht, läßt sich Joe sogar aus Aktien gründen. Einst- weilen aber pfeife ich auf alle hohen und höchsten Banken, die nicht einmal im stände sind, einem liebenswürdigen und höflichen Bitt- steller, wie ich bin, ein paar Millionen zur Verfügung zu stellen, und das bloß ans dem lumpigen Grunde, weil ich nichts bei ihnen eingezahll habe.... Jndesten, lvie gesagt, ich schweige über dieses widersinnige Bank- Wesen und ich wollte vielmehr von jenen hölzernen Erzengnisten eines ehrbaren und soliden Handwerks reden, die zur Zeit— im Gegensatz zu den, finanziellen Wahnsinn— den höchsten Aufschwung und den Gipfel ihres edlen Daseins erreicht haben. Denn die Linden blühen und mit ihnen das Bankwesen auf den Plätzen und in den Parks Berlins, lind wenn der Lindenduft, der über Qualm und Staub init der sinkenden Nacht siegreich diese schöne Erde erfüllt, sich mit einem bißchen Mondschein, einer angemestenen Entfernung von Laternen und den tiefen, weiche üppige Verschiviegene Nester bauenden Schatten vereinigt, daim giebt es keine nützlicheren und beneidenswerteren Wesen auf der Welt, als diese groben, unbequemen mangelhaft gefärbten hölzernen Bänke der Parks und Plätze, obzwar fiir sie die geschmackvoll stilisierte Morgenröte der dekorativen Kunst»och nicht angebrochen ist. Ich liebe diese Bänke, wenn die Linden blühen. Alis ihnen träumt nach der harten Arbeit unsre Großstadtjngcnd ihre Paradiese. auf ihnen treibt es gewaltig von trunkenen Schwüren, holden Dummheiten und zarte» Liebkosungen, hier reift die Zukunft. Was die Gaisblattlaube draußen ist auf dem Lande, die verschwiegenen Heckengängc, die Schlupfwinkel des Waldes, die Dünen am Meer, die Heuhaufen und die Getreidemieten, das ist für die Jungen und Starken der Großstadt- Arbeit die Bank, die der Lindenduft und das Dunkel gnädig beschützt nnd von den Steinhaufen der ringsum ragenden öden Riesenhäuscr scheidet. Die Oberleitungen der Straßenbahn reißen unablässig, Menschen werden überfahren, lärmende Betrunkene rufen Aufläufe hervor, Schutzleute rücken an. Droschkenpferde stürzen, endlos trollen lieblose, langweilige Passanten vorüber— dort auf der Bank im Schatten dunkler Büsche schmiegt sich eng lichter Kattun an dunkles Maimsgelvand, dort schivatzt es und neckt es und kichert es nnd küßt es und blüht es voll Sehnsucht, verloren, für sich verschlösse», wie meilenweit entfernt von dem wüsten Menschengetriebe, verschwiegener Waldzaubcr inmitten von toten Kasernen nnd lärmende» Straßen, und die Linden duften.... Gesegnet seien die Bänke in diesen Nächren, da die Linden blühen I Und daß alle Schwüre lautere Wahrheit seien nnd die Freude noch dauere, wenn längst der lebende Duft zu ehrbarem und bekömmlichem Lindenblütentee verarbeitet ist! Es giebt aber Leute, die diese Bänke hassen, sie mit Ver- lenmdungen verfolgen nnd sie als Bänke der tlnsittlickkeit schmähen. Soll man es glauben, daß für manche Lebewesen hölzerne Bänke und Lindenduft bloße Ausgeburten der Hölle rmd Gaukelspiele mensch- sicher Sündhaftigkeit sind? Ja die Frage der Unsittlichleit solchen Banlweiens hat sogar bereits in der Konununalpolttik nächst Berlin eine Rolle gespielt, und ein Ort, der stolz darauf ist, in gerader Linie von Schilda abzustammen, hat das Problem in einer Weise gelöst, die der Nachwelt bekannt zn werden verdient, nmsomehr, als diese That bisher gar keine Beachtung nnd Nachahmung ge« stniden hat. Neulich an einem heißen Sonntag wanderte ich mittags durch de» Verliuer Vorort, i» dem eö gelungen ist, die Unsittlichleit des Bankwesens radikal zu beseitigen. Ich spaziere gern an diesem Ort. Er hat so etlvaS ZukunftstaatlicheS an sich, lauter kleine zierliche Häuschen mit wenig Insassen, in hübsch gepflegten Gärten ver- borgen, ouS denen sich jeder Bewohner feine Rosen vom Strauch n»d seine Kirschen vom Baum pflücke» kann—, das Ganze Iveitlänfig behaglich verstreut, die Straßen wie schattige Laubengänge, kein Ranch, kein Dunst, kein Lärm, keine raffelnden Wagen und quietschenden Straßenbahnen... Fast zum Ueberfluß sind zwischen die Gärten noch große öffentliche Plätze verstreut, die prächtig gepflegt, mit ernsten weilspanncnden Bäumen und lustig und bunt blühendem Strauchwerk geschmückt sind. Hier hatte die löbliche Verwaltuiig also auch Borsorge für die wenigen Mitbürger geschaffen, die an diesem Ort behäbiger Fülle nicht in, eignen Garten lustwandeln konnte». Und auf den Bänken. die reichlich dargeboten Ivaren, saßen an den Sonimcrtagen Mütter und Kinder, rastende Arbeiter nnd, ivenu der Abend kam. die Jugend, die hier mitunter auch Uniform trug. An dem erwähnten Sonntag n»n gelüstete es mich. Nach Ivester Wanderung auf einem der schönen Plätze meine erhitzte und ennüdete Körperlichkeit ein wenig auszuruhen. Bald erreichte ich den nächsten Platz, aber— äffte mich n ein durch die Glut verwirrter Sinn?— keine Bank bot sich dem Suchenden. Halte ich nicht im Vorjahre 499 hier gesessen? Es mußte wohl eine Täuschung sein. Das Ivird auf dem andren Platz gewesen sein. Ich ging zum nä-iistcu— keine Bank—. ich suchte den dritten, vierten, siinsten, suchte alle Plätze des OrtS ab. nirgends auch nur der Schatten einer Bank. Erschöpft ließ ich mich schließlich auf einem niedrigen Eisengeländcr nieder, der Rasenflächen rahmte, bis sich Schwielen und Striemen zu bilden an- fingen. Kein Zweifell Ich war einem eigentümlichen Wahnsinn versallen, der Bankblindheit oder dem Bankivahn. Entivcdcr sah ich jetzt die Bänke nicht, oblvohl sie da waren, oder ich hatte im Vorjahre mir eingebildet, welche zu sehen, Ivo in Wirklichkeit keine da waren. Grausend verließ ich den verzauberten Ort. Am späten Abend desselben Sonntags kehrte ich in der Bahnhofs- Wirtschaft des Ortes ein und da hatte ich das unerwartete Glück, mit einer Autoritätsperson der banllosen Gemeinde zusammen- zutreffen. Es war der Nachtwächter, der dem augenblicklichen Besnnd nach zu schließen die Gepflogenheit hatte, die Nacht, die keines Menschen Freund ist, in dem Wartesaal des Bahnhofs zuzubringen. Den ganzen Nachmittag über hatte mich das Bankrätsel gequält— man begreift, wie erfreut ich war, endlich einen Mann zu finden, der sicherlich über die Verhältnisse und Probleme dieser merkioürdigen Kommune unterrichtet war. Ich bestellte Bier, geriet bald ins Ge- spräch mit dem Nachtwächter und nach einigen Vorbaeilungen stellte ich ihn direkt vor die Frage: „Sagen Sie mal, giebt's denn hier an all den schönen Plätzen keine Bänke, auf denen man sich ausruhen kann?" „Woll, schön sind de Plätze— aber Bänke, is irichl* »Ja, aber warum denn, wozu sind denn die Plätze da?" «Sitzen kann hier jeder auf sein eijenet Jrnndstick." „HinI Aber es giebt doch auch Leute, die keinen eignen Garten haben." „Die jiebt's. Ebeut deshalb I" Die Logik meines Gewährsmannes blieb mir dunkel, und ich mußte das Verhör in einer andeni Nichtung fortsetzen, nachdem ich die Absicht des Nachtwächters bemerkt hatte, über das„ebent deshalb" hinaus keine iveiteren Aufklärungen zu geben. Er stand offen- bar unter dem Druck des Amtsgeheimnisses. „Ja, lieber Mann," fuhr ich also fort,„gab cS denn nicht noch im Vorjahr zahlreiche Bänke hier? Es kann doch also nicht Lknauserigkeit sein, die die Leifting der Gemeinde veranlaßt, derart mit Sitzgelegcnheften zn sparen." „Jewiß, die jab es früher bei uns haufenweise. Im vorchtcn November haben wir se aber alle nach Berlin verkloppt, vor alt naticrlich." „Aber das ist doch geradezu verrückt," warf ich ziemlich erregt dazwischen. , Erloben Se mal," fuhr die Autorität gemütlich fort,„kcene Beamtenbeleidijnng«ich I Det iS»ich verrickt, det iS, sage ick Ihnen, sittlich." „Was ist es?" „Sittlich! Ick mcene nämlich, wir habe» die Bänke von wcjen det Poussiere» ivegjeuonnnen. Usäi Rathaus hat sich erst 'n Hauptmann un denn'ne Kommcrzieuratsjattin über die Liederlich- keit nf'n Bänken beschwert. Denken Sie sich, sojar auS Berlin sind de Mächcus hiehcr jckommen und haben, wenn's schummerich wurde, uf unsre Jenieindcbänke jesefsen, und ick sage Ihnen,»ich alleenc: Na,»n mit det Jas is so»ich ville loS hier, nfpassen konnte ick ooch nich nf alleuß, und'n Mitbürjer zn befehlen, wegzujehen, wenn er mit'n Mächen uf de Bänke poussiert, konnte ick doch ooch«ich— na. und so habe» wer denn de Bänke wegjeschafft. Jetz haben wir ooch Ruhe; denn nf'n Rasen lassen iver se nn nich riiff. Det wird nich jeduldet. Die Sittlichkeit der Jcmcinde ist de Hauptsache, nn iven» Sic sich in der Hitze nf ne Bänke setzen Ivollcn, so fahren Se ebent nach Berlin, da steh» se..." Der Nachtwächter hatte gesprochen. Tief erschüttert stieg ich in den Zug nach Berlin. Erst als ich am Dönhoftplatz— übrigens ohne lichten Kattun— ans einer Bank saß, beruhigte ich mich allmählich über das ebenso geniale wie einfache Mittel, die konnnnnale Sittlich- keit in der Umgegend von Berlin zn heben. Bis zum nächsten Jahre, vermute ich, wird diese fittliche Gc- mejnde auch all die zahlreiche», gefährlich»nsiltlichen Linden- bäume fälle», deren Duft Heuer noch die Jugend znr Sünde lockt.— _ j o c. Kleines Feuilleton. oe. Eine Bank. Ganz weit draußen nn Walde steht sie, da wo die Bahn«ach Echlesten vorübcrfährt, eine entlegene Stelle. Früher ging die Landstraße über den Platz. Jetzt ist der Ueber- gang über die Bahn gesperrt. „Halt, so lange die Barriere geschlossen ist!" steht auf einem verwetterteil Holzschild. Die Barriere wird nie mehr aufgezogen!... Der Uebcrgnng ist weiter oben nach Erkner zn! über die alte Landstraße ist der Wald gewachsen, ein Spaziergänger verliert sich hin und wieder noch hierher, sonst kein Mensch. Die Wagen und die Wandrer gehe» den neuen Weg. ES ist still geworden, nur die Bank erinnert au die Zeilen, wo hier der Heerweg vorüberging. Ich gehe gern nach der Bank. ES ist ein tranlicher Platz. Auf Stunde» in der Runde kein Dorf, kein Haus; nichts als märkischer Kiefernwald. Di« Meise» und die Finken singen. Am Bahudanim blüht der Hinmwlsbrand, auS dem dürftigen Hcidegras leuchten rote Walderdbeeren. Ab und zu braust ein Zug vorbei, ei» Vorortszug, ein Fernzug, der hinab- fährt nach Wien oder hinauf»ach Petersburg; das ist der einzige Gruß, den das Leben an diese Stätte sendet. Ein Weile schlittern die Räder, der Boden dröhnt, dann wieder alles still. Und mitten in der Stille redet die Bank. Meine Bank hat Inschriften. Die haben allerdings viele Bänke. Wenn Guste Müller und Fritze Schulze hmansklettcrn auf den Miiggeltnrm, malen sie ihre Namen auf die Hoizwand, jedes Lieliespaar schreibt sich ein, an der Stelle, wo es gewesen ist, und schriebe es sich bloß auf die Treppenstufen. Zu meiner Bant kamen keine Liebespaare, dazu liegt sie viel zu weit hinaus, auf meiner Bank machten nur die Wandrer Rast, die für eine Zeit ihres Lebens auf der Landstraße zu Hause find. „Es sind gewesen zwei Tapezier' Die waren auf der Walze!" haben Erich Lchiuanu ans Bnnzlau und Mar Horn an? Bitterfeld frei nach Heine in die vermorschte Lehne hincingefchnitteu und darunter:„Wir haben hier gerastet 20. C. 9?." Dicht daneben in große» Buchstaben ein wohl bekannter, vertrauter Gruß, das Mahn- wort:„Proletarier aller Länder vereinigt Euch I" „Ans Sachsen komme ich, nach Berlin gehe ich und suche Arbeit", hat Heinrich Förster aus Meißen in ungclcnlc» Buchstaven hingemalt. „Suche ich auch, und schon so lange!" klagt ein andrer daneben; es klingt lvie ein Schmerzcnsrrif und die Schrift ist zittrig. „Allen Genossen meinen Gruß," schreibt ein Steinsetzer, und dicht daneben singt ein andrer: „Ein Sohn des Volles will ich sein und bleiben." „Kämpft für Freiheit und Recht," mahnt eine kleine Kritzelschrift an der Lehne.„Freiheit, Gleichheit, Briiderlichieitl" hat ei» Maurer auf dem Sitzbrett eingeschnitten. Zn meiner Linken lese ich in schön geschwungenen Buchstaben: „Der Kampf der Freiheit ist ein schwerer Kampf, Er trägt nicht Gold, er trägt nicht Fürstengunst. Er bringt Verachftmg. Kummer, Schmach und Not, Und doch ist dieser Kampf der schönste Kampf." Ein„reisender Tischler" hat den Spruch verzeichnet, die Worte mögen nicht genau stimmen, aber der Gedanke ist echt und der ist das beste. „Allen guten Genossen, die hier rasten, wünsch' ich Glück", klingt freundlich der halbverwischle Gruß eines Schneiders. Und so hat jede Stelle ihre Inschrift, und auch nicht eine ist leer geblieben, und darum gehe ich gern zu meiner Bank. Still ist es nmdnm und einsam, aber ich fühle mich nicht ein- sam da, ich bin in Gesellschaft. Wenn ich sitze und die verwetterten Inschriften lese, wird die Einsamkeit lebendig I Ueber den alle» Heerweg kommen schaltenhaftc Gestalten; sie sehen nicht sehr vertrauenerweckend aus. Ihre„Kleider find zer- rissen, durch die Schuhe pfeift der Wind". Meine Nachbarin. Frau Kanzleirat Lehmann, wäre entschieden „ganz entsetzt, wenn sie ihnen allein ini Walde begegnete." Ich bin garnicht entsetzt. Ich sehe sie kommen und winke Ihnen zn, und sie grüßen wieder und setzen sich zu mir und erzählen mit stillen, lautlosen Stimmen.. ES sind alte Geschichten, die sie erzählen, alte Geschichten, längst bekannt. Geschichten von dem jungen Handwerksbnrschen. der hinaus zog in die Welt, das Glück zn suchen. Aber das Glück stand auf einer rollenden Kngel, und>venn er glaubte, er hätte es gehascht, schwebte es wieder davon. Und das Glück hielt es nur mit de» Reichen, und dem Armen blieb nichts als Unterdrückung. Ausbeutung und Not. Und es gab keinen Ausweg aus alledem, gar keinen. Wirtlich keinen? Der alte Stromer in der zerplundcrten Jacke nimmt de» ver- beulten Schlappbut voni Haupt, fährt mit de» schattenhaften Fingern über die Inschrift»nd spricht sie nach mit feiner füllen, lautlosen Stimme: „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" Aver vielleicht hat er gar nicht gesprochen, vielleicht war es mir ein Waldesrauschen.— — Krähenfang. Eine eigenartige Vogelstellern wird nach eine Mitteilung der„Nerthus" am Ufer des Knrischen Haffs ausgeübt, der Krähenfang, von den Fischern„Rabeuziehen" genannt. Wenn bei starkem Wind die Krähen in großen Scharen die Haffufer entlang ziehe», gehen die Vogelfänger am Morgen hinaus an den Strand und stellen ihre einfache». ans alten Fischenietzen und einigen Holzbiigeln hergestelllen Fangvorrichtnugen auf. Nachdem die »ahme Lockkrähc angcbmiden»nd der Köder ausgestreut ist, verbirgt sich der Vogelsteller in einer primitiven Schntzhiitte, von wo ans er das Netz mittels der Zugleine blitzschnell zum Zuklappen bringen kann. Meistens braucht er nicht lange auf Beute zu warten, ifci« Krähen werden zum Teil im eignen Haus- halte verzehrt, zum Teil zum Preise von 10 bis 1ö Pf. von andren Fischern gekauft, da der etwas dunkel gefärbte Braten gar nicht übel schmecke» soll. Die zahmen Lockkrähen, deren Flügel gestutzt sind, so daß sie mir tleine Strecken fliegen können, lverdc» bereits in früher Jugend aus dem Neste geholt und gewöhnen sich bald an den Menschen/ Ihr Preis ist verhältnismästig niedrig, da man bereits für 60—60 Pf. eine zahme Krähe erstehen kann.— Kunst. — T e st a m e n t k ü n st l e r. Leipziger Blätter veröffentlichen eine neue Erklärung Klingers. Er(Klinget) habe weder Begas noch die Berliner Künstler beleidigen wollen. Die Vorgänge in Berlin verdienten aber Begas' Keulenschläge eher als die Secession. Klingcr hätte auch ohne Begas' Auftreten sein Schreiben veröffentlicht, da jetzt die letzte Möglichkeit vorhanden sei, eine Kiinstlerstiftung zu retten. Es handelt sich um zwei Fälle, von denen der eine hoffnungslos verloren sei. Der verstorbene Maler C. Stauffer in Berlin, erhielt in den achtziger Jahren, als er zum Plastiker uinsatteln wollte, von einer Patrizier- Familie jährlich 10 000 Franken, die er in Rom zu seiner Ausbildung verwendete. Seine Wohlthäter siedelten nach Florenz über. Das Ehepaar be- stimmte zum Andenken seiner Vorfahren ein wundervolles Besitz- tum in Florenz zu einem Museum mit Künstler-Werkstätten. Der Wert betrug 2 000 000 Franken. Stauffer sollte die Angelegen- heit ordnen, entführte aber die Frau seines Mäcenas als die Be- sitzerin eines großen Vermögens. So ging die geplante Stiftung verloren. Aehnlich ist der zweite Fall, der in der Gegen- wart spielt. Eine Kunstfreundin. die viele Stiftungen auf eine japanische Kunstsammlung geschaffen hatte, plante eine große Stiftung; geivisserniaßen ein Fideikommiß für einen Künstler. Der erste Nutznießer erhält das Grundstück mit Villa, außerdem Bauerngüter und eine Hypothek von 130000 M. Dieser Künstler macht aber keine Anstalten, für feinen Nachfolger testamentarisch zu sorgen. Das Testament, das er vor seiner Ver- mählung aufsetzte, erklärt er selbst für wertlos. Klinger hofft, daß bis Ende des Monats die Angelegenheit in der ursprünglich beab- fichtigten Forni geordnet sein werde. So lange soll der Name un- genannt bleiben.' Klinger beabsichtigt nicht, der Skandalsucht Stoff zu bieten, er will nur die Stiftung retten. Begas soll helfen.— Aus dem Tierleben. — Die Fortpflanzung des Aales. In einer Versammlung des Fischereivereins für die Provinz Brandenburg machte Regierungsrat Droescher interessante Mtteilnngen über die bis vor kurzem noch strittige Art der Fortpflanzung des Aales. Nachdem die Behauptung, so führte der Redner aus, der Aal gebäre lebendige Junge, endgültig in das Reich der Fabel verwiesen und die'angeblichen lebendigen Jungen als Spulwürmer ermittelt worden, bleibt zur Erklärung der Thatsachej, daß man noch niemals Aal-Laich gefunden hat und eine Fortpflanzung des Aales im süßen Wasser überhaupt nicht stattfindet, nur die An- nähme übrig, daß der Aal ausschließlich im Meere laicht. Bekannt ist. daß alljährlich große Wandcrziige der jungen 6—7 Centimeter langen Aale aus dem Meere in die Flüsse stattfinden, von wo sie im geschlechts- reifen Zustande ins Meer zurückkehren. Diese Eigentümlichkeit des Aales hat zur Folge, daß alle geschlossenen Gewässer, in denen man Aale halten will, vou Zeit zu Zeit immer neu mit jungen Fische» besetzt werden müssen. Nun ist es für den Fischzüchter aber von sehr großer Wichtigkeit, daß er bei der Besetzung seiner Gewässer möglichst nur Weibchen verivende, denn nur diese erlangen ein bedeutendes Wachs- tum, während die Männchen kaum über 46 Centimeter, in den seltensten Fällen bis 48 Centimeter lang werde». Es war deshalb naheliegend, die Frage aufzuwerfen, ob es nicht möglich sei, das Geschlecht der Aale mit Sicherheit schon an den junge» Aalen fest- zustellen, die in 17— 26 Centimeter Länge aus Holstein(Eider), Wismar, Stettin(Dainml'cher See) u. s. f. geliefert werden, und von denen namentlich die Sendungen aus Holstein einen sehr großen Prozentsatz Männchen(bis 80, auch 86 Proz.) enthalten. Diese Frage hat zu den eingehendsten Untersuchungen geführt, deren Er- gebnis ist, daß alle äußeren Merkmale— spitzer Kopf, Größe der Augen, Farbe— hinfällig sind, und daß sich bei Aalen der an- gegebenen Größe auch durch die anatomische Untersuchung das Geschlecht nicht nachlveisen lasse. Erst etwa an den 30 Centimeter langen Tieren ist die letztere Feststellung mit Sicherheit zu machen, und es scheint, daß eine Differenzierung des Geschlechts beim Aal überhaupt erst eintritt, wenn er ein Mindestmaß von 24 Centimeter erreicht hat. Höchst merkwürdig aber ist eine bei diesen Unter- suchungen gewonnene Thatsache, welche seit längerer Zeit schon aus dem Umstände des Häufigiverdens der Weibchen in den Flüssen landeinwärts, vermutet wurde. Bei dieser Differenzierung und Entscheidung über das von dem Individuum anzunehmende Geschlecht mllffen nämlich die äußeren Lebensumstände wesentlich mitsprechen, welchen der Fisch in unsren Binnengewässern begegnet und die, wie aus dem Klein- bleibe» derMänncheuhervorgcht, die letzteren weniger begünsfigen als die Weibchen. Man braucht nicht so weit zu gehen wie ein anwesender Fisch- züchtet, der aus seiner Erfahrung berichtete, daß er Männchen eingesetzt und Weibchen gestscht habe, denn hierbei können, bei der Schwierigkeit der Geschlechtsbestinmmng auch bei entwickelten Fischen, leicht Ver- sehen untergelaufen sein; aber die Thatsache der Differenzierung des Geschlechts durch äußere Umstände ist an sich eine so interessante biologische Neuheit bei höheren Tiergeschlechtern, daß lveiteren Fest- stellnnge» mit Spannung entgegengesehen werden kann. Bei Weich- tieren, See-Jgeln z. B., sind neuerdings ähnliche Beobachtungen mit Sicherheit gemacht worden, namentlich mit Bezug auf Berändening der äußeren Lebensumstände durch verschiedenen Salzgehalt des Wassers, so daß die Aehnlichkeit der beim Aal beobachteten Vor» gänge zur lveiteren Verfolgung dieser Untersuchungen auffordert.— vumoriMsches. — Sein Bild.„Aber, liebe Frau, ich glaubte Sie untröst- lich über den Verlust Ihres Gatten anzutreffen, und nun muß ich Sie schon wenige Tage nach dem Begräbnis mit Kartenspiel be- schäftigt sehen!" „Ach, Herr Pfarrer, ich Hab' ja kein Bild vom meinem Andres!, und er sieht halt dem Coeur-Buben gar so ähnlich I"— — Schlechte Behandlung.„Null, Karlcheu, hast Du Deinem Papa die freudige Nachricht gebracht, daß der Storch mit zwei Brüderchen bei uns eingekehrt ist?" »Jawohl I" »Was hat er denn gesagt?" ,'ne Ohrfeig' Hab' ich gekriegt l"— — Gutes Zeichen.»Wie steht'S denn mit dem Appetit Ihres Mannes?" »O viel bester, Herr Doktor l Gestern hat er schon g e« schmunzelt, wie die Knödel an seinem Bett vonibergctragen wurden 1"—(»Flieg. Bl.") Notizen. — Gerhart Hauptmann arbeitet an emem in seiner schlcsischen Heimat spielenden B a u e r n r o m a n.— — Nach dem eben erschienenen statistischen Rückblick auf die Thäligkeit der königlichen Theater zu Berlin, Hannover, Kastei und Wiesbaden für das Jahr 1900 erlebte» die meisten Aufführungen im Schauspiel:»Die Tochter des Erasmus" von Wilden- bruch(43),»Jugend von heute" von Otto Ernst(34),„Der wilde Reutlingen" von Mosen u. Trotha(26). Auf Schiller fielen 39 Abende, Shakespeare 36, Goethe 20, Lesfing 8. Die meisten Aufführungen in der Oper erlebten»Die Fledermaus"(69) und»Der Mikado"(54), nächstdem.Lohengrin" und„Miguon"(je 16).— — Die Direktion des Renen Theaters hat für den an das Lessing-Theater engagierten Oberregisteur Willy PcterS den bisherigen Schauspiel-Rcgisseur am Stadttheater in Breslau, Herrn Waldemar Runge, verpflichtet.— — Ein neues Theater für Drama und Lustspiel soll am Monbijou platz erbaut und zu Beginn der Wintersaisou 1902 eröffnet werden.— — Die Dresdner Hofoper plant für die kommende Spiel- zeit die Aufführung von A r ri g o B o i t os„Mephistoph eles".— — S u d e r m a n n s„Glück im Winkel" hat bei der Auf- führung durch den Londoner Premieren-Klub im Coronet- Theater keinen Beifall gefunden.— — Die Mailänder Behörden beschlossen, das S c a l a- Theater für die Spielzeit 1901—1902 mit 150 000 Lire zu unter- stützen. Die Bürgerschaft soll darüber abstinmieu, ob der Zuschuß ein dauernder bleiben soll.— — Der Bassist Emil Stamm er scheidet mit Schluß der Saison aus dem Verbände des Berliner Opernhauses aus.— — Der Gothaer Landtag belvilligte 20 000 M. Zuschuß für das dortige Hof t'heater' mit der Bestimmung, jährlich sieben V o l k s v o r st e l l u n g e n zu veranstalten, bei denen jeder Platz nur 40 Pf. kostet.— — Der in Wien schon einmal mit einer„Freien Bühne" elendiglich verkrachte Herr B o r g i a S S ch m i d ist m M ll n ch e n binnen kurzer Zeit zweimal nnt einem„Ueberbrettl" retluugs- los durchgefallen.— — Für die Berliner National-Galerie sind in den Monaten Oktober bis März erworben worden: Eugen Dückers Gemälde.Herbstabend an der Nordsee", daS Bildnis des Professors AnwerS von E. H i l d e b r a n d und G. L u n d s Marmor- gruppe»Klagende Psyche". Berliner Kunstfreunde schenkten Daubig u Ys Gemälde„Frühlingslandschaft".— — Die vom deutscheu Gcographentag eingesetzte Central« Kommission für wissenschaftliche Landeskunde von Deutschland hat einen Preis von mindestens 600 M. ausgesetzt für die beste, nicht bloß auf gedrucktem Qucllenstoff fußende Beantwortung der Frage:„Welche St'romlauf-Veränderuugeu hat der Niedcrrhein zwischen Bonn und Cleve in geschichtlichen Zeiten erfahren, und wie haben dieselben auf die Siedelimgen eingewirkt?" Die Bearbeitungen sind bis spätestens Ende 1902 an Prof. Kirchhoff in Halle a. S. einzusenden.— t. Die«merikaner suchen den The est rauch bei sich eiuzu- bürgern. In Sü d- C a r o l i n a sind jetzt etwa 60 Acker unter Kultur, die eine Ernte von sehr guter Qualität ergeben haben. ES sollen jetzt 4000 Acker bepflanzt werden, die etwa 300 000 Pfund Thee jährlich liefern würden.— Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in B'