des Horwärts Freitag, den 5 Jlili 1901 tNkchdruck verdoten.! Arbeit'. CG] Slomcm in drei Biichcrn von Emile Z o lv e ch s e l eintreten. Mit Rücksicht darauf verlegt mau den Programmtvcchsel stets auf den ersten oder sechzehnten des Monats. Sofort nach Schluß der Vorstellung packt a>i diesem Tage der Artist die eben»och gebrauchten Kostüme und Requisiteii ein, nachdein der Koffer alles andre schon vorher auf- genommen hat. Ein paar Stundcii später sitzen in allen Teilen der Welt gleichzeitig, aber jeder einem andren Ziele zustrebend, die Variöte-Knnstlcr in« Eisenbahmvagen und fahren in die Nacht hinein. Die Rcisemntze ins Gesicht gedrückt, den Havelock fröstelnd nm die Schulter geschlagen, nähern sie sich im grauenden Morgen ihrem iieucn Wirkungskreise, nm noch am Laufe des Tags ihre Apparate anzubringen, etiva nötige Proben vorznnchmcn und dann am Abend scheinbar frisch und fröhlich vor daö Publikum hinzutreten, das gerade heute beim Programnnvechsel nin allcrivenigsten geneigt ist, dem Artisten das Mißlingen irgend eines„Tricks" nachzilsehen und Ucbcrniüdung bei ihm gelten z» lassen. So reisen moderne Vaganten. Aber nicht immer. Wenn im Frühjahr die große Mehrzahl der Variste-Z ihre Pforten schließt, iverden zivar eine Anzahl von Sommer-EtablisienientS eröffnet, auch die wenigeil noch existierenden Rcifegeschäfte beginnen Tournees; aber dennoch hapert es für manchen recht tüchtigen Artisten mit dem„Anschluß". Er bleibt dann ivohl in einer Stadt vierzehn Tage länger liegen, als er Engagement hatte, und— ivaS schlimmer ist— länger als der Geldbeutel reicht. Ist dann schließlich auch die Hilfe eines Agenten oder Spediteurs in Anspruch ge- nommcn, nm Regnisilc» und Kostüme zu beleihen, ohne daß ein Engagement z» stände kam, dann bleibt dem festgefahrenen Artisten nichts andres übrig, als sich in der Weise seiner Vorfahren in» Beruf durchzuschlagen. indem er eine» Teil seiner Künste auf der Reise zum besten giebt, bis er einen größeren Ort erreicht, der ihm mehr Gelegenheit zum Erwerb bietet, als das kleine Nest, auf das sein Schicksal ihn verschlage» hatte. Da creigneit sich denn mitunter recht ergötzliche Scenci». Wir fahren in der vierten Wagenklaffe, ii» selbstverständlich überfüllten Eoupö. Eben hat der Zug sich in Bewegung gesetzt, da läßt ein neben»Iis stehender junger Mann, der uns vorher in keiner Weise durch Benehmen oder AenßereS nnfgefallcn ist, plötzlich seine — Beinkleider zu Boden fallen. Erschreckt überlegen ivir noch, auf welche Weise ivir den im weiteren Ausziehen Begriffene» offenbar Plötzlich irrsinnig Gewordene» an seinem Vorhabe» hindern könne», da fällt schon die letzte äußere Hülle»nd vor uns steht im flitterbesetzien Trikot ein Artist, der die Aiiivrseude» bittet, sich in einigen Künste» produzieren zn dürfen. Jetzt begreifen wir, daß wir das Vergnügen habe», einer Variöts-Vorstcllnng im Eisenbahmvogen beizuwohnen, ein Gcmitz, den man— ebenso ivie die Vorträge reisender Musikkapellen— nur in der in Preußen durch besondere Privi- legien bevorzugte» vierten Wagenklasse haben kann, während die Reisenden der ersten»nd ziveite» Klasse trotz der höhere» Fahrpreise sich unsterblich langweilen müssen. Die VorsteNnng ist allerdings durch den sehr beschränkten Rani» etwas beeillträchtigt und wäre wohl überhaupt nicht möglich, wenn ivir in dem Künstler nicht einen sogenannten «Schlangenmenschen" bewundern könntcn. Kaum hat derselbe denn auch seine Produktion beendet, so ist der freigemachte Platz vcr- schivunden als iväre er nie dageivesen, und der Schlangenmensch unternimmt mm das viel größere Knnstslück, sich wieder angekleidet mit dem Hut in der Hand durch die Menge zu windeii, nm eine Sainnilung im Wagen vorzunehmen. Nur wenige An- ivcsende weigern sich«nler dem de» Uinständen nach anscheinend glaubhaften Vorivand,„sie hätten nichts gc- sehen", eineu Obolus zu entrichte»; alle andern geben gern eine kleine Münze, nicht ohne boshaft zn bemerken, daß gerade die jetzt so Zurückhaltenden während der Produktion den Hals am längsten gemacht hätten. An der nächsten Haltestelle verschlvindet der Schlangenniensch, um seine„Gastspielreise" in eine», andcren Wagen fortzusetzen. Mit Vorliebe werden natürlich für solche Extravorstelluiigen die Wirtshänser aiifgesncht, in denen nicht»uir meist eine Anzahl von Leuten beisanmicn zu treffen sind, sondern wo auch am ehesten auf eine gewisse Gebelaune zu rechnen ist. In der eichengetäfelten gemütlichen Kneipe einer kleine» Stadt sitzen nach des Tages Last und Hitze, wie allabendlich, die Herren Aerzte,� Rcchtsanwalte, der Herr Amtsgerichtsrat zc. und eine Anzahl zufällig aniuesender Gäste. Da tritt ein neuer Ankömniling herein, glatt rasiert, mit crbsengelbem Sommerüberzieher und sorgfältig ge« bügeltem Eylinder. Erbestelltbcscheiden ein kleines Glas Bier»»d ivendet sich dann an den Wirt, der am Büffett in eifriger Unterhaltung mit einem dicken, behäbigen Spießer begriffen ist. „Sie entschuldigen wohl I" beginnt der Fremde. Ich bin ein durchreisender Künstler und möchte mit Ihrer gütigen Erlaubnis mir gestatte», Ihren Gästen einige interessante Torfnhrnngen zu machen." Der Wirt will auffahren: sei» Nestanrant sei ein„besseres" und er kvnne dergleichen nicht gestalten jc.; aber der rotbäckige Spießer fährt ihm in die Parade. »Was sind Sie denn?" fragt er nengicrig. „Mein Name ist B a l e t t i. Wissen Sie,' der B a l e t t i vom „Krhstallpalast" in London. Sie werde» von mir bereits gehört habe» als einem der ersten Jongleure und Equilibristen. Ich befinde mich gelegentlich ans einer Vergnngnngstonr: leider sind aber die von mir erwartete» Gelder anSgcblicbe» und ich bin genötigt, mich über ein paar Tage durch Privatvorstcllnngen hinwegzuhelfen." Der Rotbäckige hat zivar von einem Signor Baletti noch nie etlvas gehört, aber der„Ärystallpalast" in London imponiert ihm. Sein Zureden giebt der eignen Neugier des Wirts die Entschnldigniig ein, das; ja einer der Gäste selbst das Abweiche» von den sonst herrschenden Grundsätzen ivünsche und so steht dein.Auftreten" des Künstlers nicht« mehr im Wege. � Vergnügt wirft der Artist seinen Cylinderhnt in die Höhe, der ans der Nase wieder landet und dort einen amüsanten Tanz ausführt, während der Jongleur sich seines Ueberziehers entledigt und dadurch eine» tadellosen Gcscllschasts-Anzng zum Vorschein bringt. Sodann erbittet er sich von dein Herrn AmtsgerichiSrat eine Cigarre, die er nicht einfach in den Mnnd steckt ivie andre Leute, sondern in die Höhe wirst, um sie mit dem Munde kunstgerecht ans» zufongcn. Eine Zündholzschnchtcl fliegt nach, mährend der Jongleur an der in der Luft schlvcbcndcn ein Zündholz anreibt. So mit allein verschei« zündet Signor Balelli in aller Geniütsrnhe die ihm für seine Experimente übcrlassene Cigarre an. ivährcnd der Herr Amtsgerichtsrat unter dem schadenfrohen Grinsen der übrigen Gäste uiiiiinntig überlegt, ob er diese ruchlose That als Diebstahl, als Veschädiginig fremdcn Eigentnms oder gar als Vraiidsliftung klassifizieren soll. Der Jongleur ist inzlvischcn nicht faul gewesen. Die brennende Cigarre ruht bald zlvischc» seinen schnianchcndcu Lippen, bald balanciert sie kunstvoll auf seiner Nase; dazu läßt er taktninfiig eine Anzahl Biernntersätze in der Luft tanzen, denen sich schnell einige Teller, ein paar leere Gläser und schliesjlich auch mehrere Messer und Gabel» zugeselle». Ehe jedoch der vom Wirt schon ängstlich bc- fürchtete Moment eintritt, daß das gesamte Mobiliar, Veleuchtungs« körper, Wirt und Gäste in den Hcxcntanz hineingezogen werde«, schlicfit der Artist mit einer tiefen Verbeugung seine Produktion. Die angeregte Gesellschaft hält mit Aeußernngen ihres Beifalls— auch in pekuniärer Form— nicht zurück; ja, der Herr AmtsgerichiSrat, der inzwischen seine juristische» Skrupel überwunden hat, erbietet sich sogar, auch da« Vier des Künstlers zu bezahlen, sehr zum Aergrr dcS Wirts, der nun demselben den für Fremde in kleinen Stödten üblichen Extrapreis nicht ansetzen kann. Mit vielem Dank empfiehlt sich der Artist. Nicht immer bleiben Artisten, die durch die Umstände genötigt sind, sich auf diese Weise diirchzuschlage», in ihrem eignen Fach. Eine Gymnaslikertruppc bcispiclSlveisc wäre kaum in der Lage. in dcti niedrigen Räume» der läudlichcu;ind kleinstädtischen Gaststilben etlvas von ihren eigenen Produktionen vorznsührcn. Da wird den» zwischendurch einmal andren Kollegen ius Handwerk gepfuscht. Ist eine Dame Mitglied der Truppe, so nincht sich ganz besonders schön und verblüffend das sogenannte.Hellscheu", ein mit Hilfe der Gedächtniskunst ausgeführtes Experiment, Der Dame werden die Augen vcrbmide» und ein Herr berührt nun eine Anzahl von im Räume vorhandenen Gegenständen, Ivclche die mit verbundenen Augen Dasitzende auf Anfrage niit Namen bezeichnet. DaS ganze Kunststück beruht darauf, das; beide Partner eine Anzahl von Gegenständen in bestimmter Reihenfolge ihrem Gedächtnis einprägen, also etwa: Aschbecher, Vicrnntersatz, Cigarre, Deckellrng w. Der eigentliche Ausübende ist der Herr, der— während sich die Anfmerlsanrkeit der Anwesende» auf die Dame konzentriert— die Gegenstände in der verabredete» Reihen- folge aussuchen und eS verstehen muff, ihm gereichte uirpafiende Sachen geschickt zu übersehen. Gedächtuislünstlcr von Fach führen natürlich lveit schlvicrigere Experimciitc aus, aber auch das oben mit- geteilte wirkt auf Nucingcwcihte überraschend genug. Ist ein Artist in Not, so gilt es»qtürlich in diesem Beruf so wenig als in einem andern als Schande, bei den Kollege» vor- zusprechen. Wer sich durch seine Papiere, Plakate, Recensionen zc., oder durch das Abzeichen der„Internationalen Artisten- Genossen- schaft" als Artist auszuweisen vermag, dem wird auch in kollegialer Weise unter die Arme gegriffen; kann doch jeder der hente „Arbeitenden" morgen in dieselbe prekäre Lagr kommen. In besonderen Fällen tritt auch die Genossenschaft in die Bresche. Neben dieser groben Gesellschaft existieren noch eine Anzahl andrer Fachvereinigungeu von geringerer Bedeutung, so besonders der Verein„Sicher wie Jold". Am liebsten ist es natürlich den« Artisten, wenn er aller solcher Notbehelfe, die fast durch die Bank etlvas Niederdrückendes und Beschämendes haben, nicht bedarf. Man bc- greift deshalb, dah, als vor einer Reihe von Jahren die Idee auf- tauchte, auch in Artistenkreisen wie anderwärts schon üblich, einen charakteristischen Gruß und Glückwunsch einzuführen, am synipatischsten der Vorschlag begriijjt wurde, sich zu wünschen:„Gut Anschluß I*— pi. Kleines Lenillekon. — Perleu- und Flitterstirkerci in den Boges«». Der„Frkf. Ztg." wird aus Saarbnrg geschrieben: Wie in allen Gebirgsgegenden, so finden wir auch in den Vogescn eine verhältnismäßig hohe Eni- ivicklnng verschiedener Hnusindnstrien. Vorzugsweise sind es Frauen, die sich damit beschäftigen und Arbeiten von solcher Vollendung liefern, daß diese Weltruf erlangt habe». Ans den Vogescn komme» Spitzen und Weiszstickercien, so schön nnd kostbar, lvic sie nur noch aus belgischen rmd französischen Klöstern hervorgehe». Ganz bc- sonders interessant aber ist die Perlen- und Flitterstickerci, die in zahlreichen kleine» Orten der Mittelvogescn betrieben wird und in den letzten Jahren, begünstigt durch die herrschende Modcrichtnng, zu hoher Bollkommenhcit gelangt ist. I» den Schanfcnftcrn der großen Modemagazine, in Theater-, Konzert- nnd Ballsäleu, in de» Salons, ans der Promenade, überall begegnen wir den blitzenden perlen- n»d pailettengestickten Kleidern, Mänteln, Hüten nnd Besätze». Der Mittelpnnlt der Lothringer Perlenstickerei ist Dagsburg, ein kleiner Ort, wenige Meilen südlich von Zaber», malerisch am Fnße eines Bcrgkcgels gelegen. In Dagsburg bestehen zivci Firmen, in deren Händen der Vertrieb der Paileiten-Stickcrcicn liegt. Herr Siegel I, Cbes der einen Finna, gestattet in zuvorkommender Weise Einblick in die Einzel- heitc» dieser interessanten HauSindttslrie, die in nnd»m Dagsburg circa 400—500 Personen, Mädchen, Frauen und sogar einige Männer mit Sticken beschäftigt. Hauptsächlich wird in den Winternionaten gearbeitet, in der besseren Jahreszeit sind die Frauen mit Feldarbeit beschäftigt. Das Material, sesler Seideniull nnd Seidengaze, schlvarz, weiß und farbig, ist fast ausschließlich srauzöfiiches Fabrikat, ebenio alle Mctallflitter, die iu Briefen zn 10 000 Stück verpackt find. Jctpaillctte» liefert Deutschland. Italien und Böhmen liefern die Perlen. Spitzencinsätze, Bündchen nnd Rüschen, die bei reichgcstickten Artikel» außerdem vertvandt werden, kommen a»S Sachse» und Thüringen. Hochmodern sind Pailletten ans Fischschuppe» hergestellt: der Fisch, der sie liefert, soll in der Ostsee leben. Diese Pailletten sind so begehrt, daß nie genug am Lager sind. Sie Iverde» nur zu den elegantesten Artikeln verarbeitet, gleichen schön irisierenden Perlmutterplättchen, natnrfarbig weiß»nd in zarten bunten Tönen gefärbt. Der gangbarste, weil billigste Artikel sind schwarze nnd Iveiße, stück- weise verkäufliche Stoffe, die ein fortlaufendes Pailettenmustcr zeigen. Für den Sommer waren Blusen, Boleros, Kragen, Mäntel, Hntdeckcl, Besätze und Galons in verschiedenen Breiten nnd Aus- führungen vorbereitet. Am kostbarsten sind ganze Roben, waS nicht verwundert, wenn man hört, daß zu einem reichgestickten Kleid circa 30000 Pailletten n»d ebenso viele Perlen erforderlich sind, die alle dem Grundstoff einzeln anfgenähk werden. Dazu kommen oft noch Inkrustationen von Spitzeneinsiitzcn und Bündchen. Die fleißige Stickerin arbeitet an einem solche» Kleid»mehrere Tage und bringt es bei größter Geschicklichkeit anf höchstens 3 M. Tngcloh». Im allgemeinen schwankt dieser zwischen 1—2 M. Farbige nnd weiße Sachen, die schnellste»nid sauberste Aussührung bedingen, iverde» am besten bezahlt. Ehe die Arbeiterin zn sticke» beginnt, steckt sie den Tüllstoff, dos aufgezeichnete Muster nach oben, auf einen verstellbaren, stvff- bezogenen Holzrahmc» mit Stecknadeln fest. Sie hat zuvor sämtliche Pailletten und Perlen anf Fäden gereiht; ihr Werk- zeug zum Sticken ist eine Häkelnadel. Nim beginnt sie, einen Faden an den Ansang der Musterzeichnung knüpfend, zu arbeiten, genau tvie man vor 00 Jahren„tnmbomierte". Sie sticht mit der Nadel durch den Stoff, nimmt den zweiten Fade» mit den Pailletten von unten anf, schlingt den oberen Faden zwischen je einer Paillette durch und erhält so oben eine fortlausende Reihe Kettenstiche während sich unterhalb Flitter an Flitter schuppcnartig reiht. Die ungelenken von schtvercr Arbeit schwieligen Hände arbeiten dabei mit stannenswerter Schnelligkeit nnd Sicherheit. Die fertige Stickerei ivird auf der Rückseite mit Spiritus überbraust und ge- bügelt, um dem Stoff Appretur und Frische zurückzugeben. Nunmehr ist sie vcrsandfertig»nd geht wohlverpackt hinaus in die Welt, weit über die Grenzen des Deutschen Reichs.— — Ter Wald nnd die Quellen, Seit einer Reihe von Jahren hat Oberforstrat K. v. Fischbach in Sigmaringen anf die wesentliche Förderung der Onellenbildiiiig nnd-Speisung durch das verwesende Wurzelgcivebe der Waldbänine hingewiesen, die bei keiner andren BcinitzungSort deS Bodens eintritt. Gleichwohl haben, schreibt der „Prometheus", seine Studie» nnd Veröffentlichungen, die bis zum Jahre 1339(im„Centralblatt dcS gesamten Forstwesens") znrück- gehen, nicht die verdiente Bcachtüng gefunden, nnd Fischbach wendet sich in einer»eueren Darlegung an lveitere Kreise. Die unterirdischen Teile des Baums sind zwar unsren Blicken verborgen, aber jedermann weiß, daß die Wurzeln oft sehr tiefe Bodenschichten mit ihren Hanpr- und Nebenästen durchdringen, um in der Tiefe Wasser zn suchen. Stirbt nun der Baum ab oder wird er gefällt, so verwesen die Wurzeln und in den dadurch ent- stehende» Kanälen finden die Meteorwasser Zutritt in weit größere Tiefen als sonst. Es löst sich dabei zuerst die Rinde der Wnrzcläste, dann das Holz und die Gefaßbündel, und zuletzt bleiben Kaiiäle, die oft sehr wenig durchlässige Schichten der Oberfläche durchbrechen und ein Kanalnetz nach der Tiefe eröffnen. Zwar schließen sich manche dieser Röhren allmählich wieder, aber da in jedem Walde der Bestand sich teils von selbst, teils durch Ausholzung lichtet, so enlstehei» immer nciie fiauiUc, da die Wiirzein der»dgrstorbenen oder ricfälllcn Bäume sehr bald verrollen. Damit hängt offenbar der Schutz zusninmcit. luclche» der Wald in Gebirgsländern gegen Ncberschwennnung gewährt. Früher schrieb man diese längst anerkannte Wirluug meist ausschließlich den Moos- und Flechtenpolstern desWaldbodenA zu. ivelchc Schnee- nnd Regenivasser ivie cinSchwannn aussaugen und das schnelle tzlbflieffen nach den Thälcr» vcr- hindern sollten. Genauere lleberlegung zeigt aber, das; diese Polster doch sehr schnell bei einen, ausgiebigen Regen nnt Feuchtigkeit getränkt sei» werden und den Ueberfluff bei einen, anhaltenden Regen„n- möglich znrückhalten könnten, wenn der Waldbodcn nicht an sich sehr porös und ivohlvorbclcitct wäre, eine bedeutende FeuchtigkcitSnieiige aufzunehmen. Nach der Fischbachschen Sluschauung ist aber der Unter- bodcn des Waldes durch die Wnrzelkanale wie ei» Schwain», durch« löchert und kann bedeutende Wassern, engen aufnehmen, u», sie all» inählich de», Grnndwasser oder den Quellen zuzuführen. Die Er- fahrung. daß Gebirgswäldcr die Uebcrschwennnuugcn verhüten nnd einen allmählichen Abfluß der»icteorischen Wasser bewirken, wird m dieser Anschauung also leichter versländlich, als in der älteren.— Volkskunde. —„Fl will D i Iv i e s e u. wat'ueHark is". Diese Redelvendung wird so oft gebraucht, und sicher kennen nur wenig Menschen ihre Abstamnumg. Die Halbinonatsschrifl„Riedersachsei," giebt u»S Aufklärung darüber. Sie schreibt: Die Sitte, den Tolcn in steinuinpackten künstlichen Höhle» zu begraben, erklärt sich ans de», Umstände, daß alle Europäer iniudestens in der letzten Eiszeit auf Höhlen angewiesen waren. DaS Grab war eben das Hans der Tote». Große Gräber aus riesigen Steinen aber haben noch heute in Portugal ivie in Westfalen denselben Rainen, deutsch heißen sie Horken-, Harken- oder Hcrkensteine, portugiesisch arca. Gleichviel ob man die keltischen Totcninseln, die Orkneys, oder die skandinavischen Mythen oder etwa die tirolischen Dichlungen des VintlerS darauf ansieht: das Gespenst. also der fortlebende Tote heißt Ork; die Höhle, in der sich Italiens Tote versanmieln, ist der Orkus. An, Rhein und der Mosel spukt die„Herla*. in der Mark Brandenburg»Fl» Harke". Die Rede- Wendung:»Jk will Di lviese», wat hie Hart is" bedeutet also:„Ich will Dir zeigen, was ein Grab ist", d. h. ich will Dich totschlagen. Sie stammt'also fast unverändert aus der mittlere» neue» Steinzeit und beweist uuzweifelhaft, daß die Anfänge unsrer Sprache viel älter sind als die Bronzezeit— dem» die Erbauer der Horken oder Harke» lannten noch kein Metall. Wachgebliebe» ist in der VolkSeriunerimg nur das Drohende, das ganz unverständlich ist, wenn man an die leichle hölzerne Harke— den Rechen— denkt.— Gesundheitspflege. is. Zur Anatomie der Durstigen betitelt der Berliner Anatom Professor Israel einen beachtenswerten Aufsatz in den neuen „Blättern für VolkSgesniidheitspflege". Zunächst Iveist der Gelebrtc darauf hin, daß die Anatomie in de», ttampf gegen de» Alkohol bisher ihre» Pflichte»»nr sehr mangelhaft»achgekomme» sei. indem sie fast ausschließlich durch oftmals übertriebene Schilderungen der durch den Alkohol verursachte» Slörnngen a» Magen und Leber vcr- trete» ivar. Besonders die nnierikaiiischen Alkoholgegner haben in der Verbreitung schandcrcrregendcr Abbildungen dieser Organe, wie sie an- grblich bei Alkoholikern aussehen, geschwelgt, eine» tieferen Eindruck dadurch jedoch nicht hervorgebracht, ivcil solche Darstellungen glück- licherweise der Wahrheit nicht entspreche». Gerade diejenigen Organe, die angeblich am stärksten unter de», Alkoholmißbrauch leiden sollen, also Magen, Leber und allenfalls noch da? Gehin,, sind gerade nicht die zuerst geschädigten. Die Alkoholgegner mögen sich von der Schilderung der bösartige» Alkoholwirkung gerade auf de» Magen eine besondere Förderung ihrer Zwecke versprochen haben, weil dieser Körperteil bei vielen Menschen die wichtigste Stellung in, Lebe» einnimmt. In Wahrheit leidet unter den Folgen übermäßigen Alkoholgenusses znnächst der Apparat von Gesäßen, der de» Blutkreislauf zu unterhalten hat. wie denn der Znsatz„der Mensch lebt so lange, wie seine Blutgefäße es erlauben" eine zwar nicht ganz allgemeine, aber doch weitgehende Berechtigung besitzt. Daö Wichtigste ist der ll», stand, daß der Auaton, die»nverkemibare» Witkungen des Alkohols an den Vlutgefäßen grade bei solchen Leute» findet, die niemand als Säufer bezeichnet haben würde, bei denen sich also der Alkoholmißbrauch in den gesellschaftlich zugestandenen Grenzen gehalten hat. Professor Israel hält es nach allen Er- fahruugcn der Anatomie für zweifellos, daß die Eimvirkuug des Allohois auf den Organismus eine Weltkrankheit ist. die aller- diiigs hinsichtlich ihrer Ausbreitung groß« Unterschiede aus- »veist, aber fast überall anzutreffen ist, wo Menschen leben, und auch überall ihre Vdrivüstungcn anrichtet. Personen mit einen» ursprünglich schivach eutivickeltei, Gefäßsystem werde» sclbstverftänd- lich durch regelmäßigen Genuß schon relativ geringer Allvholmengen an, ersten geschädigt. Das Herz und die Schlagadern werde» durch die erregende Wirkung des Alkohols. ans die Herzthaiigkeit nnd deren tägliche Wiederholiiiig am stärksten betroffen und erleiden Berändernngen, die der Anatom>vohl erkennen kann. Die Elasticität der großen Ge- säße, deren Erhaltung von größter Wichtigkeit ist, erfährt eine meß- bare Einbuße, und auch' die Gefäßwauduugc» vcrätzder» ihre sichtbare Zusammensetzung, indem sie sich dem»uaushörlichcn Steigen und Fallen des Blutdrucks nicht mehr aiizupasien vermögen, ohne gc- Veraiitivortlich-» Vtedaeteur: tiiarl Leid in Berlin. schädigt zn werden. Unter der durch Alkohol bewirkten Störung des Blutdrucks nnd der dadurch bedingte» übermäßigen'Spannung der Gefäßwände leiden aber nicht nur die größeren Gefäße, sondern auch die mikroskopisch feinen, sogenannten Haargefäße, von denen die einzelne» Organe in dichte», Maschentvcrk durchzogen lverden. Von einem gewissen Zeitpunkt au machen sich dami Störunge» im Blutumlaiif bemerkbar. Welche Bestandteile der gewöhnliche» Alkohol- geträuke sind eS mm, deue» diese Schäden zuznschreibeu sind?— Israel unterscheidet dabei besonders zwischen Schnaps nnd Bier. I», erstehe» ist cS das Fuselöl, mit chemischer Bezeichnung Amylalkohol, in letzterem das Wasser. Die anaiomische» Uiiiersnchnngrn von Schiiapsiriukcru zeigen sehr schwere Kraukheitserscheimmgen, die dem Fusel zur Last zu legen sind, während die Leide» vo» Bier- triukern aus Rechmuig der bei verhältnismäßig geringer Alkohol- iiiciige aufgeiionimeiic»»„verhältnismäßig große» Wasserinaffe zusetzen siind. Beim Schunpsgeiniß machen sich diese Bergiftuugserscheiumigen i» vielfache» Veräuderiuigen der Niere» bemerkbar, die allmählich völlig ruiniert werden, in zweiter Liirie auch an andren Organen. Bei Biertrinkern zeigen sich besonders die Einwirkungen der großen FliissigkcilSinengc» aus die allmählich mehr und»lehr„»zureichend werdende Thätigkeit der Vlntgefäße»ud des Herzens, indem diese Organe mit der Absonderung der n» sich unschuldigen, aber im Ileber- mnß zngeführicn Siosfe überanstrengt iverdc». Daraus rührt z. B. die besondere Form der Herzkrankheit her. die Prof.BoNinger als„Münchner Bicrherz" in die medicinische Liticratur eingeführt hat, die aber leider nicht auf München beschränkt ist. Das Herz zeigt sich dabei unförmlich vergrößert, während seine Leistungsfähigkeit an die Grenze des Möglichen gebracht und allmählich völlig untergraben wird. Die Erkmnknnge» des Magens»nd der andren Verdauung?- organe stehen erst in mittlerem Zusammenhang mit den, Altobol- unßbrmilh. Anßerde», treten zuweilen infolge der Stöning deS Blutmnlniifs Erlranlungen der AtmimgSorgane auf, wie sie ja schon an der Stimme des Altoholiste» bemerkbar werden. Ferner ist ein Teil der Fälle von Gehirnschlag dein verschämten Alkvhvlisnius zu- zuschreiben.— Hnmoriftisches. — Der Schliersee r.„Da Bauer hat mir anfkündt. Jetzt Ivoaß i»et, soll i in d' Holzarbeit oder zn», Theater geh'»."— — I in N a ch t c a f ö. Oberkellner:„Und Sie, meine Herren, wollen Bildung habe»?" Studenten:„Nein, K a f f e e T— — A n s e i n e in S ch ii l e r a„ f s a tz e:„Wie u u fr e K l a s s e p h o t o g r a p h i e r t wurde?" Zuerst wurden ivir hin- f e r i ch t e t i dann hielten ivir unsre llllünder und schauicn recht reundiich auf den gcvßcii Gipskopf des Herr» Phvtvgrnphen..' Notizen. — Ibsens„Nora" erschien 1879 in einer Auflage von 8000 Exemplare»; schon vier Wochen später wurde eine»e»o Aus« läge von 3000 Exemplare» notwendig. Bon diesem Drama sind acht verschiedene englische, vier detUsche, vier rusfische und zivei italienische lkebersetzunge» erschieneu. — Eine D u s e- B i o g r a p h i e von Professor L u i g i N a s i ist soeben in Florenz erschienen.— — Das Deutsche Theater beabsichtigt. in der nächsten Spielzeit die Klassiker wieder mehr zu Wort kommen zu lasse».— — Richard Hahn und Willy W e r t h in a n n, beide früher au, Chemnitzer Stndttheater, sind für das Deutsche Theater engagiert lvorden.— —„S o b a st i a»", eine Tragödie von Kurt G e» ck e, ivird zu Beginn der nächste» Spielzeit a», Dresdener Hoftheatcr die Ersiansführiing erlebe».— — Kapellmeister Bruno Walter vom Oper» Hanse bat seine E n t l a s s n n g erhalten, weil er sich weigerte cipe ,.A n g o t"- Aiiffiihrung zn dirigieren. Walter Ivar erst vor eimgeit Monaten an daS OpernhanS berufen lvorden.— — Der erste K n u st e r z i e h n n g S t a g wird an, 28. und 29. September in Dresden abgehakten werden. Man beabsichtigt den Bestrebungen, die Kunst in der Volksschule und in der Kinder- sinbe einzubürgern, eine praktische Gmndlage zu geben. Jessen, Lichtwarck u. a.' stehen an der Spitze dieser Bcfti'ebnngen.— v. Versuche mit T o r f g a S sind kürzlich in Kanada mit so großem Erfolge vorgenommen lvorden, daß man den Beschluß gc- saßt hat, eine große Anstalt zur Erzeugung vo» Gas ans diesem Breniimaterittt zn errichten. Es ist durch eilten besouderrn Apparat möglich geworden, die Menge des unbrauchbaren GaseS im TorfgaS von 35 auf 8 Prozent zu vermindern. An einer solchen Neuerung würde die Jndüstrie.aller Länder interessiert sein, in denen große Moorflächen vorhanden sind.— Die nächste Nummer des Uuterhaltuugsblatts erscheint am Sonntag, den 7. Juli.. Druck und Verlag von Ntax Badiug in Berlin.