Interhattimgsblatt des Worwärts Nr. 134. Freitag, den 12. Juli. 1901 (Nachdruck nerdoten.) 71] � V Br C i f: Roman in drci Büchern von Emile Zola. Ans dem Französischen übersetzt von Leopold Rosen zweig. Von diesen düsteren Gedanken erfüllt, ging der Abbo Marke so stundenlang vor sich hin. Er verbarg seine Befürchtungen im tiefsten Scelengntnde. suchte sich selbst über ihre Trost- losigkeit zu täuschen. Vor den Leuten zeigte er sich stolz und beherzt und sprach geringschätzig von den Ereignissen dcS Tages, unter der Vorgabe, daß die Kirche Herrin der Etvig- keit sei. Aber wenn er mit dem Lehrer Hermeline zusammen- traf, der angesichts der Erfolge der Lehrmethode ans der Cröchcric aus dem Zorn nicht herauskam und nahe daran war. im Namen des Heils der Republik zur Reaktion über- zugehen, dann zeigte er in den Diskussionen nicht mehr die Schncidigkeit wie einst und sagte resigniert, er lege alles in Gottes Hand. Denn Gott gestattete offenbar diese anarchisti- schen Saturnalien, um seine Feinde nur so sicherer zu zer- schmettern und siegreich über sie zu trinniphieren. Doktor Novarre sagte scherzend, der Abbe verlasse Sodom am Vor- abend des Regens von Pech und Schwefel. Sodom, das war das alte, verpestete Beauclair, das in seinem bürgcr- lichen Egoismus erstickende Beauclair, diese zur Zerstörung verdammte Stadt, von der die Erde gereinigt werden mußte, wenn an ihrer Stelle die Stadt der Gesundheit und Fröhlich- keit, der Gerechtigkeit und des Fliedens emporwachsen sollte. Alle Anzeichen wiesen auf den Zusammensturz hin, die Lohn- sklaven rüttelten wütend an ihren Ketten, die erschreckten Bürger wurden selbst Revolutionäre, die hastige Flucht der egoistischen Interessen führte den Siegern alle lebendigen Kräfte des Landes zu, das, was noch blieb, das Abgebrauchte, Unverwendbare, die nutzlosen Triimnier, die wurden dann vom Sturm iveggefegt, und schon entstieg das neue, strahlende Beauclair den Ruinen. Wenn der Abbs Marlc unter den Bäumen des Boulevards de Magnolles seiire Schritte ver- langsanite, das Brevier sinken ließ und mit halbgeschlossenen Augen vor sich hinsah, erhob sich wohl diese Vision vor seinem Geiste uild erfüllte sein Herz mit Bitterkeit. Manchmal begegneten der Abbo Marle und der Präsident Gaiime einander so auf ihren einsamen Spaziergängen. Sic sahen sich wohl nicht sogleich, beide so in ihre Gedanken ver- tieft, daß die Erscheinungen der Außenwelt ungespiirt an ihnen vorüberzogen. Jeder wälzte in der Seele seine Ent- nnitigung, seine Klage um die Welt, die im Verschwinden war, seinen Appell an die Welt, die neu erstand. Die kraft- lose Religion Ivolltc nicht sterben, die kommende Gerechtig- keit zögerte verzweifelt lange. Dann erhoben sie endlich den Kopf, erkannten einander und niußten wohl einige Worte mit- einander wechseln. „Ein trübes, nnangenehmes Wetter, Herr Präsident; wir bekommen Regen." „Ich fürchte auch, Herr Abbs. Der Juni ist sehr kühl." „Ach ja, die Jahreszeiten sind ganz verwechselt. Nichts hat nrchr Bestand." „Es ist tvahr. Und dennoch geht das Leben seinen Gang, und die gute Sonne bringt vielleicht alles wieder in Ordnung." Dann setzten beide ihren einsamen Spaziergang fort, ver- sanken wieder in ihr Sinnen, kämpften in ihren Seelen end- los den verzweifelten Kampf der Vergangenheit niit der Zukunft. Aber am stärksten tvurde in der Hölle das Erzittern des in Gärung begriffenen, durch die Neuordnung der Arbeit sich verwandelnden Beauclair gespürt. Bei jedem neuen Er- solg der Cröcherie mußte Delaveau eine gesteigerte Thätig- keit, mehr Klugheit und Energie entlvickeln; und natürlich gereichte alles, was das Gedeihen der Rivalin ausmachte, seiner Fabrik zum Schaden. So war die Auffindung reicher Erzadcrn in der früher verlassenen Mine ein schwerer Schlag für ihn gewesen, da der Preis des Rohmaterials dadurch außerordentlich herabgesetzt wurde. Er konnte in der Fabrikation von Kommerzeisen nicht mehr konkurrieren, und er wurde selbst auf seinem eigensten Gebiete, ans dem der Kanonen und Geschosse, stark erschüttert. Die Auf- träge hatten sich vermindert, seitdem das Geld Frank- reichs hauptsächlich den Zwecken des Friedens und der Gemeinwohlfahrt zugewendet wurde, den Eisenbahnen, den Brücken, den Bauten aller Art, wo Eisen und Stahl triumphierten. Das schlimmste ivar, daß die Aufträge, in die sich einigcFabriken teilen mußten, nicht genügten, um diese voll zu be- schäftigen, und daß sie daher darauf ausgingen, eine der Konkurrentinnen zu beseitigen, um für sich selbst mehr Raum zu schaffen, lind da die Hölle gegenwärtig die wenigst kräftige unter ihnen war, so arbeiteten die andern Werke erbarmungslos darauf hin, die Hölle zu erdrücken. Die Lage wurde für Delaveau um so schwieriger, als seine Arbeiter ihm nicht mehr treu blieben. Der Mcsserstoß Ragus hatte eine Art von Zerrüttung unter seine Kameraden verbreitet. Als dann Bonrron, bekehrt»nd klug geworden, sie verließ, um in die Crecherie zurückzukehren, und Fauchard mitnahm, war eine starke Bewegung entstanden und die meisten hatten sich gefragt, warum sie ihrem Beispiel nicht folgen sollten, da ihnen drüben so viele Vorteile winkten. Die Thatsachen waren nun in die Auge» springend, die Arbeiter verdienten in der Crecherie doppelte Löhne bei nur achtstündiger Arbeits- zeit, ohne die andren Begünstigungen zu rechne», deren sie sich erfreuten, die kleinen, heiteren Häuschen, die immer fröhlichen Schulen, die Unterhaltungen im Gcmeinhause, die Magazine, die ihnen die Lebensmittel um ein gutes Drittel billiger lieferten, überall Gesundheit, Freude und Behag- lichkeit. Nichts wirkt so unmittelbar ivie Zahlen. Die Arbeiter der Hölle verlaugten eine Erhöhung ihrer Löhne, sie wollten auch so viel verdienen wie die von der Crecherie, und da es unmöglich war, ihrem Verlangen zu»villfahren, gingen viele fort und wandten sich natürlicherweise dorthin, Ivo ihnen mehr geboten wurde. Was aber Delaveau vollends lahmlegte, das war das Fehlen eines Reservefonds; denn er gab sich nicht besiegt, er hätte sich lange halten können, er Hütte sogar schließlich gesiegt, wie er überzeugt war, wenn er einige hunderttausend Franks in der Kasse gehabt hätte, mit deren Hilfe er diese Krise, die er nur als eine vorübergehende betrachten wollte, hätte überstehen können. Aber wie den Kampf mit Nachdruck führen, wie in der bösen Zeit alle Erfordernisse decken, wenn es an Geld fehlte? Die Anleihen, die er schon aufgenommen hatte, legten ihm oben- drein eine schreckliche Zinsenlast auf, die ihn erdrückte. Aber er kämpfte heldenhaft weiter, mit dem Einsatz aller seiner geistigen und körperlichen Kräfte, mit dem Einsatz seines Lebens, in der Hoffnung, doch noch die zerbröckelnde Ver- gangenheit, die Autorität, die Lohnsklaverei, die bürgerliche und die kapitalistische Gesellschaft retten zu können, die er ver- teidigte, und gedrängt von seinem Ehrgefühl, welches von ihm forderte, daß er für das ihm anvertraute Kapital den ver- sprochcnen Ertrag zu stände bringe. Ja, Delaveau litt eigentlich am meisten darunter, daß er Boisgelin nicht mehr die Gewinne auszahlen konnte, zu denen er sich verpflichtet hatte, und sein Mißerfolg kam ihm grausam zum Bewußtsein an den Tagen, wo er jenem eine geforderte Summe verweigern mußte. Obgleich die letzte Bilanz eine höchst traurige war, wollte Boisgelin in nichts die Lebensführung auf der Guerdache einschränken, aufgereizt von Fernande, die ihren Mann ein Zugtier nannte, das man aufs Blut stacheln müsse, um es zur vollen Arbeitsleistung anzutreiben. Seit der schrecklichen Vergewaltigung Ragus, deren Erinnerung im tiefsten Innern ihres Wesens saß. war sie tollbegierig nach Genüssen geworden; nie noch hatte sie sich darin so heiß- hungrig, so unersättlich gezeigt. Man fand sie verjüngt und schöner geworden, mit einem verzehrenden Glanz in den Augen, wie von der Gier nach etwas Unmöglichem, nie Er- reichbarem. Sic erschien den Freunden des Hauses sehr seltsam, und der Unterpräfekt Chatelard sagte im Vertrauen zum Bürgermeister Gourier, daß diese kleine Frau sicherlich eines Tages etwas sehr Böses an- stellen werde, worunter sie alle würden zu leiden haben. Bis jetzt hatte sie sich damit begnügt, ihr Haus zur Hölle zu gestalten, indem sie Boisgelin mit unaufhörlichen Geld- forderungen auf ihren Mann hetzte. Delaveau wurde dadurch so zur Verzweiflung gebracht, daß er sich nachts schlaflos im Bette wälzte und laut aufstöhnte. Sie selbst stachelte ihn durch boshafte Bemerkungen und drehte den Dolch in der Kunde um. Er aber vergötterte sie nach Ivic vor, er sah in dieser herrlich schönen, bezaubernden Frau sein Idol, an das er keinen Vorlvurf, keine Kritik herankommen lieft. Der November kam mit vorzeitiger strenger Kälte. Die Fälligkeiten in diesem Monat waren so groft, daft Telaveau die Erde unter sich wanken fühlte. Das Geld, über das er verfügte, reichte für die Verbindlichkeiten nicht aus. Am Tage vor dem Fälligwerden der Zahlungen schlaft er sich in sein Arbeitszimmer ein, um nachzudenken und Briefe zu schreiben, während Fernande sich nach der Gncrdache be- gab, too sie zum Diner geladen war. Ohne daß sie es wußte, war er selbst heute morgen dort gewesen und hatte mit Boisgclin eine entscheidende Unterredung gehabt, in welcher er ihn, nach rücksichtsloser Enthüllung der verzweifelten Sach- läge endlich dazu bewogen hatte, seine Ausgaben zu ver- mindern. Nun schritt er, nachdem seine Fran fortgegangen war, in Gedanken versunken in seinen? Arbeitszimmer auf und ab und schürte von Zeit zu Zeit mechanisch das Coaks- feuer in dein kleinen eisernen Ofen, der vor dem Kamin stand. Die einzige mögliche Rettung lag darin, daft er trachten mußte, Zeit zu gewinnen, indem er von den Gläubigern, die das Schließen des Werkes nicht wünschen konnten, eine Stundung ihrer Forderungen verlangte. Aber er beeilte sich nicht daniit, die entsprechenden Briefe zu schreiben, er verschob es bis nach dem Essen. In tiefes Sinnen verloren, ging er von einein Fenster zum andern, verweilte inimer wieder vor dem, durch welches er das große Terrain der CrScheric übersah, bis zu dem fernen Park, bis zu dem Häuschen, das Lucas bewohnte. Die Sonne ging an einem krystallklaren Winterhimmel unter, und von dem purpurnen Hintergrunde des Horizonts hoben sich die blaßgoldenen Linien der jungen Stadt mit außerordentlicher Reinheit ab. Nie hatte er sie so klar, so scharf umrisse» vor sich liegen sehen, er hätte die kleiiren abstehenden Zweige der Bäume zählen können, er unterschied jede Einzelheit der Häuschen, er sah deutlich den bunten Fayence- Zierat, der ihnen ein so fröhliches Aussehen lieh. Eine kurze Weile machten die Strahlen des tief- stehenden Gestirns die Fenster erbrcnnen und erglühen, gleich Hunderten von Freudenfeuern. Es war ein triumphierendes Leuchten, eine Apotheose. Und er stand unbeweglich zwischen den Vorhängen, das Gesicht an die Scheiben gedrückt, und blickte auf diesen flammenden Triumph. So wie Lucas von drüben, vom andern Rande des Terrains, häusig auf seine Stadt sah, wie sie vordrang, sich ausbreitete, sich anschickte, die Hölle zu überschwemmen, so sah auch Delavcau von seiner Seite auf sie hin, wie sie drohend und unaufhaltsam gegen ihn heranrückte. Wie oft in den letzten Jahren hatte er selbstvergessen an diesem Fenster gestanden, die Augen ans die beunruhigende Aus- ficht geheftet, und jedesmal hatte er die Flut der Häuser steigen und gegen die Hölle heranschwellen gesehen. Sie war ganz weit drüben entstanden, am jenseitigen Rande des großen unkultivierten Terrains. Erst war ein HauS er- schienen, gleich einer kleinen Welle, dann wieder eins, dann tvied'er eins die Linie der weißen Fassaden hatte sich ver- längert, die Wellen hatten sich immerzu vermehrt, sich gegen- seitig vorwärts gedrängt und im Laus beschleunigt; und nun hatten sie den ganzen Zwischenraum bedeckt, sie waren nur noch einige hundert Meter entfernt, sie bildeten ein Meer von unberechenbarer Macht, das alles»vcgzureißen drohte, was sich ihm entgegenstellte. Es war das umviderstehliche Vordringen der Zukunft, die Vergangenheit war im Begriffe zusammenznstürzen, die Hölle und Beauclair selbst mußten der jungen, siegreichen Stadt Platz machen. Delaveau konnte ihr Herannahen beobachten und sah erschaudernd den Tag voraus, wo die Gefahr tödlich werden würde. Einen Augenblick hatte er gehofft, daß ihrem Wachstum Einhalt gcthan sei, um die Zeit, als die Crecherie eine so schwere Krisis durchmachte; aber gar bald hatte die Stadt sich aufs neue in Bewegung gesetzt, und mit einer solchen Gewalt, daß die alten Mauern der Hölle davon erzitterten. Gleichtvohl ließ er die Mutlosigkeit seiner nicht Herr ivcrdeu, er stemmte sich gegen die Thatsachen, er hoffte, daß seine Energie den Wall bilden werde, an welchem sich die feindliche Flut brach. Aber an diesem Abend ergriffen ihn Befürchtungen, die seine Seele schlaff machten, und etwas wie Rene über- schlich ihn. Hatte er damals nicht unrecht gethan, Bonnaire ziehen zu lassen? Er erinnerte sich der prophetischen Worte dieses schlichten, seclenstarken Mannes zur Zeit des Streiks; und wenige Wochen später hatte Bonnaire als tüchtiger Ar- bester an der Gründuna der Crecherie mitgctvirkt. Seit der Zeit war das Werk stetig zurückgegangen, Rag» hatte es mit einem Mord befleckt. Bourron, Fauchard und andre verließen es. wie einen verwünschten, dem Unter- gang geweihten Ort. Dort drüben stammte die neue Stadt noch immer in der untergehenden Sonne, und ihn überkam plötzlich ein starker Zorn, der ihn sich selbst und allen Grundsätzen seines Lebens wiedergab. Nein und nein! Er hatte recht gehabt, die Wahrheit lag in der Vergangenheit, die Menschen waren zu nichts nütze, wenn man sie nicht unter das Joch der Autorität beugte, das Lohn- Verhältnis war die einzig mögliche feste Grundlage der Arbeit, und wenn man diese verließ, so mußte das zur Katastrophe, zur Anarchie führen._(Fortsetzung folgt.) Die novtvegifche Heimtgsfifttzevei. I" den altern Zeiten bildete der Fischcrcibetrieb den wichtigsten Erwerbszweig Norwegens und diejenigen Gebiete, die für diesen Betrieb besonders günstig lagen, ivaren die mächtigsten und wohl» habcndsten des Landes. Inzwischen sind auch andre Nahrnngs- ziveige zu hoher Enüuicklung gelangt, aber immer noch stellt die Fischerei einen der Hauptbetriebe in Norwegen dar, wie dies auch bei der ungeheuren Ausdehnung der Küste nicht anders sein kann. Einst zogen seine Bewohner, durch Thatendrang oder andre Um- stände veranlaßt, aufs Meer hinaus, in ihren offenen Langschiffen zuerst die benachbarten Lander besuchend, bis sie den Weg nach Island, ja—«ins Jahr 1000— selbst nach Amerika fanden. Heute finden wir die Norweger als friedliche Seelente in allen Zonen der Welt, als Fangleute in den arktischen Gebieten oder als Fischer an den heimischen Küsten, uni hier dem Meere seinen Reich- tum abzuringen. Welche Bedeutung dieser Fischercibctrieb hat, fällt sogleich in die Augen, iveun mau hört, daß die norivcgijche See- fischerei seit über 20 Jahren im Durchschnitt alljährlich einen Ertrag von 25 Millionen Mark liefert, und zwar nach den an den Fang- sätzc» den Fischern bezahlten Preisen berechnet, denn der Ausfuhrwert beträgt jährlich 51 Millionen Mark, so daß sich also der Wert der Ware durch die Verarbeitung und den Handel ungefähr verdoppelt. Einen der wichtigsten Betriebe der norivegischen Seefischerei bildet der Heringsfang. Er ist nächst dem schwedischen der größte in Europa. und die Ausfuhr hatte im Durchschnitt der letzten 2V Jahre einen Wert von 13>/e Millionen Marl, sie betrug somit über 2U Prozent des Gesamtsaussuhrwertes der Fischereiprodukte. Angesichts des llnistands. daß Deutschland der beste Kunde der norwegischen Heringsfischerei ist und für deren ge- salzcne Ware jährlich im Durchschnitt 6 Millionen Mark ausgiebt. dürften einige Angaben über diesen an und für sich schon sehr inter- effanten und von der deutschen Fischerei gänzlich ablveichcndc» Be- trieb am Platze sein. Im Gegensatz zu den übrigen Herings- fischereien. namentlich der holländische» und deutschen in der Nordsee, Ivo es sich um Hochseefischerei handelt, bildet der norwegische Heringsfang eine Küstenfischerei. Es ist dies eine natürliche Folge des Ilmstands, daß der bei der norwegischen Küste lebende Hering zu gewissen Perioden, und zwar i» ungeheuren Schwärmen, dicht a» die Küste und bis in die innersten Winkel der Fjorde kommt, so daß die Fischer nicht nötig haben, zu dein kostspieligen Hochsee- fischereibetrieb überzugehen, da selbst noch die einfachste Art der Strandfischerei eine reiche Ausbeute liefert— sofern es nicht etwa dein Hering einfällt, der Küste fenrznbleiben oder an einer andren Stelle als'man ihn vermutet, aufzutauchen. Eine merkwürdige Er- scheinung dieser norwegischen und übrigens auch der schwedischen Hcringsschwärme ist nämlich die außerordentlich große Veränderlich- keit ihres Erscheinens. Es kau» vorkommen, daß die Herings- schtoärine ausbleiben, und wenn mau dann und lvann in den Zeitungen von einem Fehlschlagen des Heringsfangs liest, so bildet iininer daS Fernbleiben dieser HrringSschwarme die Ursache. Natürlich bedeutet ein solches Vorkommnis für die Tausende von Fischern, die dem Heringsfang obliegen, einen harten Schlag, und es ist daher begreiflich, daß in neuerer Zeit norivegischc und danach schwedische und deutsche Forscher über de» Grund dieser Schwanlniigcn oder, wie man sagt, über die Heringspcriodcn Licht zu verbreiten gesucht habe». So ivcil sich bis jetzt ersehen läßt, spielen die je- weiligen Wafferbcrhäliniss« au der Küste hierbei eine wichtige Rolle, indem der Hering in Zeiten, Ivo das Wasser hinsichtlich der Tcm- peratur usw. nicht die erforderlichen Bedingungen sür die laichenden Tiere besitzt, entweder einige Meilen weiter draußen im Meer bleibt oder aber andere Stellen der Küste aussucht. Stets jedoch bleibt der Hering i» der Flachsee in der Nähe der Küste, und die Theorie, daß die norivegischen Heringsschwänue beispielsweise»ach Schottland wandern und die dortigen Schwärme' verstärke» könnten, kann wohl als abgcthan betrachtet werden. Nach diesen kurzen An- deulnngcn über die Vcräudcrlichlcit der Hcringsschwärme und ihre Ursachen wird mau cS aber nicht mehr so ungeheuer wnnderbar fiube». daß der norwegilche Heringsfang so großen Schivanknngeu ausgesetzt ist. Bei dem Hochseebetricb, wie er beispielsweise ans der Nordsee von nnsren deutschen Fischern ausgeübt wird, kennt man eine solche Veränderlichkeit wie bei», norivegischen Heringsfang nicht, und die Fischer Norwegens brauchten nur zu», Hochseevetriev überzugehen,»»»solchen Wechselfällcn, unter denen sie initmiter zu leiden haben,„aus dein Wege zu gehe». Zu dieser Einsicht ist man natürlich auch schon>n NorlvesteU selbst gekopimcn. aber inan kann nicht ertvarien, da� die Fischer nun plötzlich zu einem neuen Verfahren übergehen, um so mehr, da die Küsten- Verhältnisse Norwegens an und für sich die denkbar günstigsten für den Fischereibetrieli sind. Aber wenigstens insofern sucht man sich gegen� die Launen des Küstenfa�t- �n sichern, das; man die Tele- graphie in den Dienst der Herin�.scherci gestellt hat. Die Amt- männer und Vögte der hier in Betracht kommenden ftiistengebiete senden nämlich ein oder mehrere Male in der Woche an gewisse Centraistellen telegraphische Mitteilungen über das Erscheinen der Heringsschwärme, über den Ilmfang des erfolgten Fangs usw. und an diesen Centraistellen sammeln sich Hunderte von Fisch'erfahrzengen, schwimmenden Salzercien und dergleichen an. nur beim Eintreffen einer günstigen Nachricht schleunigst nach den Gebieten aufzubrechen, wo Heringsschwärme in Sicht gekommen sind. Die norwegische Heringsfischerei wird entweder mit dem Gar» oder mit dem Sperrnetz ausgeführt. Erstercs ist ein sogenanntes Kiemennetz, in dessen Maschen sich die Heringe fangen; letzteres da- gegen dient dazu, graste Schwärme Heringe zn nmschliesten und an Land zn ziehen, und dieses Sperrnetz bildet das für die norwegische Heringsfischerei am meisten charakteristische Gerät. Da zur.Hand- habmig eines solchen Netzes. das ctlva 280 Meter lang und in der Mitte 38 Meter tief ist, zahlreiche Hände gehören, fchlicszen sich eine Anzahl Fischer, gewöhnlich 14 bis 18 Man», zusammen und bilden solcherart eine Sperrnetz- Genossenschaft, die de» Heringsschwärmcu von einen, Ort zum andern folgt und anf gemeinsame Rechnung den Fang betreibt. Zn der grosten Ansstatlnng einer solchen Genossenschast gehört u. a. auch ein Logis- Segelschiff von etwa 300 Toniieii, das den Leuten monatelang zum Ansenthalt dient Als weiterer Bestandteil der Heringsfischerei ist noch der Schlepp- dampfer zn nennen, der die Aufgabe hat. die Fischereiflotte schnell an einen guten Fangplatz zu bringen. Geivöhnlich mieten mehrere Genossenschaften einen Dampfer für ihren Dienst. Auf dem Fang- Platz Pflegen springende Walfische und Dorsche sowie Secvögel die Stelle anzuzeigen, wo sich der Heringsschwarni befindet, und eS gilt dann, die Nichtnng des Schwanns zu ermitteln, denn von wesentlicher Bedeutung ist, das; er in die Nähe des Landes kommt, wo das Sperrnetz in dem flachen Wasser mit Erfolg gc- braucht werden kann. Nun wird das mächtige Netz ausgeworfen und mit de» Enden am Lande befestigt. Schwere Geivichte halten den untersten Rand am Boden fest, während Schwimmer von Kork oder Tonnen den oberen Rand zum Wasserspiegel hinauf- ziehen. Reicht der obere Rand noch nicht ganz hinauf, so daff die Heringe entweichen köuue», dann werfe» die Fischer wetstbemaltc Bretter, die die Form von Raubfischen haben, unter lautem Geschrei ins Wasser, so dafi die geängstigten Tiere flüchten. Oft ist aber der Heringsschwarm so geivaltig, das; das Scheuchen nichts nützt und die Tiere gegen das Netz drängen und es sprengen, besonders wen» Dorsche»ut eingeschlossen wurden, die mm fortgesetzt unter den Heringe» fürchterliche Musterung halten. Nach der vollständigen Einstängnug folgt die Eutleenmg. Das grofie Netz mit dem Inhalt an Land zu ziehen, ist natürlich unmöglich; man setzt daher im Gehege ein zweites, kleineres Netz ei», mit dem man den Fang partieiveise ans llfcr schafft und i» Boote schöpft. Erst hier be- kommt der Zuschauer eine» anschaulichen Begriff von dein ungeheuren Neichlnm des Meeres, wenn Tausend« und innner wieder Tnnsende der glitzernden und springenden Fische die Boote fülle». Mitunter ist der HeringSschtvarm von so kolossalem Umfang, das; sich mehrere Sperrnetz-Genossenschaften zusaimucnthun müssen, um ihn zu bergen. Einer der gröstten Fänge wurde im Oktober 1880 bei Bestcraalcn gemacht, Ivo man einen Schwärm von 30 000 Tonnen erbeutete, ein Fang, der den Fischern nicht weniger als Vr Million Marl einbrachte. Mit der Verwertung des Fanges gebe» sich die Fischer nicht ab, sondern sie verkaufen die Fische gleich an Ort und Stelle an die Grostkanflente, die ihre grofic» Frachtschiffe und Dampfer, mit Salz und leere» Tonne» versehen, nach de» Fang- Plätzen schicke» und hier die Beute unmittelbar ans den Booten übernehme». Dann geht der Fisch in de» verschiedensten Sortierungen ins Ausland.— l„K ö l u i s ch e Z e i l u n g Kleines �euikcton. pr. Hitze. Die Sonne brennt heis; anf das graue Asphalt- Pflaster. Wie unsichtbare Glut liegt'S in der dicke» staubigen Luft und drängt den Schweis; allen ans den Poren, die nicht in kühlen Räumen ihrer Arbeit nachgehen oder der Ruhe pflegen können. Auch in dem grosten Cafä ninst es onSznhaltcn sein. Der Fnst- steig vor demselben wird stündlich mit kaltem Wasser aus dem nahen Straficnbrunnen begossen; die Fenster, wie die Thür sind mit hohen schattigen Blattpflanzen bestellt und der hohe Rani» hat eine gute, durch einen kleinen Springbrunnen noch verbesserte Ventilation. Die wenigen Gäste sitzen trotzdem ziemlich apathisch und löffeln mit einiger Anstrengung das süsze Eis. ' Der Budiker von nebenan tritt anS seiner Thür, troclnct sich mit einem riesigen Taschentuch das fettgläuzcude Gesicht und sieht nach dem grosze» Thermometer des benachbarten Optikers. Es zeigt dreifiig Grad im Schatte». Der Wirt beeilt sich, wieder hineinzukommen nnd seinen Gästen die zahlenmäffige Feststclllmg der heifie» Plage mitzuteilen. Alles ächzt, schimpft»nd greift wie auf Kommando zn den Gläsern. Schmunzelnd s illt der Budiker die geteerten wieder. Anf dem Asphalt klappert ein wackliger Handwagen daher, von einem alten, zottigen Hunde gezogen. Nebenher schleicht mehr als es geht ein altes Paar: Mann und Frau. Der Hund bringt das kleine, niit allerlei Scherben nnd verrostetem Eisenkram beladcne Gefährt nicht recht vorwärts. Ihm baumelt die Zunge aus dem weit aufgesperrten Rachen. Sein magerer, abgehungerter Körper zittert bei jedem Atemzuge. Am Strastenbrnimeu bleibt er stehen und schlürft gierig das warme, schmutzige Wasser, das sich im Bassin gesammelt hat. Der Mann pumpt mühsam frisches hinzu und trinkt selber ans hohler Hand. Die Frau, aufs änstcrsie ermattet, ist auf den freistehenden Teil des hinteren Wagenbodeus gesunken nnd jammert:„Fritze, ich kann nicht nichr— nee, es jcht wahrhastig nich mehr!" Fritz geht langsam zn ihr. Das Haar hängt ihm in nasse» Strähnen in's Gesicht: auch er keucht. „Wat is Dir'», Mutter?" „Ick kann»ich mehr weiter," ächzt sie. „Nimm Dir man zusammen. Noch'ne kleene halbe Stunde, denn haben wir't geschafft,'t wird schon jehn." „Nee, nee!" Sic greift sich nach der Kehle. Der Mann sucht ans dem Wagen nach einem Gesas;. Dann reicht er ihr in einem gereinigten Scherben einen Trunk Wasser. Gierig leert es die Alte in einem Zuge. Daun sinkt sie wieder zusamiiieu, sich stöhnend die Seilen haltend. Fritz sieht sich ratlos um. Nachdem er eine Weile mit sich ge- kämpft, greift er zögernd in die Tasche nnd geht zum Budiker hinein. Mit einer kleinen Flasche kommt er zurück. Die Frau nimmt einen Schluck und richtet sich gewaltsam auf. „Hüh.!" Der Hund erhebt sich schwerfällig und zieht an. Die Frau wankt hinterher. Nur wenige Schritte kommen sie weiter; dann hält sie sich wieder zitternd am Wagen fest:„Nee, Fritz; eS jeht bei'» besten Willen»ich. Ick kann»ich mehr!" „Mutter. Mutter, was machsic blos;?" Der Mann steht wieder ratlos bei ihr. Dann reicht er ihr die Flasche nnd setzt die Frau mit grostcrjAiistrcngmig auf das Gefährt hinaus. So, uu halt' Dir fest." Er spannt sich neben de» Hund ein und ergreift die Deichsel: „Los, Karo!" Mit grostcr Mühe lommt das Geführt in Bewegung und wackelt davon. I» der Budike steht ein Gast am Fenster:„Nu kiekt blast mal die Fuhre!" Im Cafe drüben hat eine junge Dame in luftiger heller Bluse den Borgang beobachtet. Zu ihrer im Fantcnil halb schlummernden Mama gewendet, sagt sie:„Pfui I Sieh nur, ist das alte Weib betrunken I" Und kopfschüttelnd, mit angewiderter Miene löffelt sie aus dem kleine», goldgcrändcrten Porzellanbecher ihr Vanillc-Eis.— Musik. Selbst fleihigc Besucher unsres alten Opernhauses werden zu- gesteh» müssen, das; die jetzigen zwei Sommeropern in ihrem kiirzcu Dasein mehr Inhal: entfalten, als man sonst erst in langer Zeit zugeführt bekommt. Man ist leicht versucht, einem solchen Unternehme» drausten im Cnrl-Weis;- Theater lvenig Be- deutlmg beiziltegcn,»nd auch Schreiber dieses liest, obschon er ans- drücklich anf die Tüchtigkeit der S ch r a m m- Z i»> in e r m a n»'scheu Gesellschaft hingeivicscii, die Hervorholimg der Anbcr'schcu Oper „DcS TeufelS-Ailtcil" leider uuberücksichtigt vorübergehen. Die Nachricht aber, es»verde dort cin so anspruchsvolles Stück wie Metzcrbeer's„Afrikanerin" aufgeführt weide», lockte nnn doch zn einer»cnen Ansinerksiunkeit. Es lvar dieser Besuch am vor- gestrigen Mittlvoch ivnhrlich nicht vergebens. Allerdings ist die Zeit endgültig vorüber, da dieses Werk all- überall überwältigend imponierte, inid die Schicksale Vasco de GamaS wie der beiden Sklaven Sielnsco und Sclica gewisscrinasten zmn eisernen Bestand der Allgeineinbildiing gehörte». Allein gerade uns, die lvir es durch Richard Wagner leicht haben, darüber hinaus zu sei», mag es um so interessanter erscheinen, einen solche» Rückblick zn Ihn». WaS haben nicht der Komponist nnd sein litterarischcr GcschäflSgcliosse Seribe für eine Birtnosität entwickelt, für nichts nnd lvieder nichts die grostartigsten Mittel zu entsalten und durch die ewigen dramatischen Anfregnngc» auf der Bühne sowie durch die sonstigen üppigen Veranstaltmigi» den Schein eines gigantischen Kimstlverks zu erzeugen, das dennoch durch und durch Künstelei ist 1 Der ganze Richard Wagner, und doch im wahren Sinne gerade sei» Gegenteil! Kniislsrennden brauche» lvir nur das Eine Wort sagen:„Niesenschiuken", aus dast sie uns verstehen. Wir Häven ans keiner Opcrnbnhne, solveit die Kenntnis des Schreibers dieser Zeilen nnd wohl auch Glcichgesimitcr reicht, eine ganz würdige Weise der Wiedergabe. Innerhalb dieser Zustände macht es null nichts Wesentliches aus. ob etlvaS mehr oder weniger niidramatisch gespielt, unschön gesungen usw. wird. Selbst dast das kleine Orchester da drauste» die Stiiiime» so reduzieren»Ulst, als gelte es ein obskures Singspiel, nimmt niau schliestlich noch mit in den Kauf. Nnd die vorgestrige Anfführung lvar nach diesem Maststab— nicht eininal nach dem geringeren einer Soninlcroper ein Triumph des guten Willens und zum graste» Teil selbst eines guten Könnens. Es find da beinahe lauter tüchtige Kräfte am Werk, zum Teil sogar mit recht hübschem Stimmmatcrial, dem freilich in nicht lvenigen Fällen einerseits ciue vornehincre Aussprache, andrerseits eine kunstvollere Tonbildnng in der Höhe zn wünschen wäre. Der Tenor D e s i d c r — s: Matray, der gcvabe fiir Meherbecrs S8ii-5co de öamn viel ÖJInng, der hohen Töne nöti», Hütte, besitzt fiir diese fast keine andren Stimminittcl als die des hinnnfqeschranbten MittelreqisterS, das bei ihin allerdings eine fast trompctenähiilichc Geivalt hat. Auch der Barhton C l e m e n s S ch in i e d e k als Nclnsco bedarf einer be- deutenden Erleichterung seiner Höhe, und die lyrische Sopranistin Sophie Schick Hardt müßte noch viele Töne zum festeren Sitzen bringen, ist aber sonst eine sympathische Sängerin, Ihre dramatische Gegnerin. Margarethe König, als Sclica, ivar alles in allem trefflich, und»och manche Ungenannte seien mich nachträglich still applaudiert.— sz. Erziehung und Unterricht. Ic, Die Erziehung durch das Bild. Bei dem Jntcrcffe, das man auch bei uns neuerdings der Bedeutung des Bildes für die Erziehung der Schulkinder zuwendet, ist eine Reform sehr bemerkens- wert, die der neue Direktor des Elenicntarunterrichts Bayet in Paris einführen will und die auf diesem Wege sehr energisch vorgeht. Bayet will das Abc- Buch völlig aus dein Unterricht der kleinen Kinder entfernen und durch ein Bilderbuch ersetzen. Die nenen Fibeln sollen nur Zeichnungen enthalten, deren Entwurf den besten französische» Künstlern anvertraut werden wird. Der Unterrichts- minister Leygnes ist, wie berichtet wird, für diese neue Idee sehr eingenommen und will einen Appell an die Maler und Zeichner er- lassen, die Wände der Schnlzimmer niit dekorativen Entwürfen zu schmücken. Der Direktor des Elenicntarunterrichts setzte das Ziel, das er verfolgt, in folgender Weise auseinander:„Das Kind findet in dem Augenblick, wo es in die Schule eintritt, also im Alter von etiva K Jahren, großes Vergnügen daran, Bilder zu betrachten und andrerseits Dar- stellungcn eines vertrauten Gegenstandes zu zeichnen, die freilich oft recht formlos bleiben. Allein wenn das Kind sich Bilder anzusehen liebt, so versteht es doch nicht, sie zu betrachten, es betrachtet sie schlecht; ein Kind, dem man ein Bilderbuch in die Hände gicbt, blättert nur darin und hält sich fast niemals dabei auf, aufmerksam und eine gewisse Zeit lang ein bestimmtes Bild genau anzusehen. Auch die jungen Leute und selbst noch die Männer betrachten in derselben oberflächlichen Weise. Ich ivünschte, daß der Lehrer und die Lehrerin, sobald das Kind in die Schule kommt, ihm begreiflich zn machen suchten, daß in dem Schulzimmer jeder Gegenstand einen bestimmte» ihm zukommenden Platz hat; ich wünschte, daß der Lehrer bisweilen Unordnung in seine Klasse brächte, um seine Schüler darin zu üben, die Gegenstände an ihren Ort zn bringen. Das erste Schulbuch soll ein Bilderbuch sein, in dem es keine Buchstaben giebt, sondern in dem sehr einfache Geschichten in drei oder vier Scenen erzählt würde», so daß die Aufgabe des Kindes darin bestünde, diese Scenen in mündlicher Erzählimg wiederzugeben, nachdem es sie betrachtet und genau angesehen hätte. Dieses Verfahren würde den doppelten Vorteil haben, die Kinder zu zwingen, Bilder zn analysieren und zu sprechen; es wäre dies die erste Uebung in französischer Erzählung, und man weiß, wie schtver es in der Schule ist. die Kinder zur rechten Zeit zum Sprechen zu bringen. Ich glaube daher, daß es ans sehr vielen Gründen sehr nützlich sein würde, diese Bilderbücher zu haben. die die Lehrer zwinge» ivürden, ihre Kinder zum Sprechen zn bringen, und die diese letzteren anregen würden, zu erzählen, was sie vor Augen haben. Es ist ferner nötig, daß»nsre Schulen mit Bildern ausgestattet iverden. Der Herr Untcrrichtsministcr hat sehr gut gesagt, was er mit der Ausschmückung der Schulen beabsichtigte. Es handelt sich nicht um die Reproduktion von Kunstwerken, die die Kinder weder verstehen noch würdigen können; es müssen Werke sei», die für sie gemacht und ihnen zugänglich sind. Die Werke von zeitgenössischen Künstlern, die die schönsten Gegenden nnsres Landes oder die bedeutendsten Persönlichkeiten, die die Hin- gebung. den Mut, die Uneigcnnützigkeit verkörpern, darstellen, können ebenso gut für den künstlerischen wie für den moralischen Unterricht dienen." � Meteorologisches. en. Die Entstehung der blauen H i m m e l s f a r b e, jn deren Anblick wir uns so getvöhnt haben, daß wir kaum noch eine Erklärung dafür verlangen, hat den Gelehrten seit Jahr- Hunderten viel Kopfzerbrechen gemacht, und noch heute sind sie nicht ganz sicher, zu einer befriedigenden Antwort gelangt zn sein. Einer der ersten Geister, die sich bei dem Glauben, daß der Himmel blau wäre, weil er so sein müßte, oder tveil ihn Gott so geschaffen hätte, nicht beruhigen ivollte, tvar Leonardo da Vinci; er gelangte zu der Ansicht, daß das Himmelsblau entstünde durch eine Vermischung des weißen, von den oberen Luftschichten widergespiegelten Sonnenlichts mit dem tiefen Dunkel des Weltraums. Später wurde um das Jahre 167b Newton bei seinen optischen Forschungen auf die Frage hingelenkt. Er sah in seinen Blättchen durchsichtigen Stoffes verschiedene Farben entstehen, die von der Dicke des Blatts abhängig tvaren. Bei sehr geringer Dicke erschienen sie trotz des ans sie fallenden Lichts schwarz, bei allmählich zunehmender Dicke wurde» sie blau, dann weiß, gelb, rot usw. Jenes zuerst erscheinende Blau, das anch uni den schwarzen Fleck bei Seifenblasen zu beobachten ist, nannte Newton das Blau der ersten Ordnung und vermutete darin dieselbe Farbe, die den wolkenlose» Himmel auszeichnet. Er schloß daraus, daß die Farbe des Himmels entstünde ans der Wider« spiegelung des Sonnenlichts an durchsichtigen Körpern solcher Ge- stall, daß das zurückgeworfene Licht als Blau erster Ordnung er- scheint. Diese Theorie galt lange Zeit als unumstößlich, bis sie im Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. iL— Jahre 1847 der Physiker ClanfluS einer strengen mathematischen Prüfting unterwarf und zeigte, daß, falls das Blau des Himmels ein Blau erster Ordnung nach der Newtonschen Erklärung iväre und durch Spiegelung des Lichts an durch- sichtigen Körper» zu stände käme, diese Körper dann die Form dünner Platten oder dünnwandiger Hohlkugeln besitzen müßten. Sie konnten nicht feste Tropfen öder Kugeln sein, da als« dann die Gestirne nicht scharf, sondern verschwommen erscheinen müßten. Somit tvar es bewiesen, daß das Himmelslicht nicht aus der gewöhnlichen Spiegelung des Sonnenlichts aus kleinen in der Lust schwebenden Wassertropfen entstehen konnte. Nunmehr wurde die Lehre Newtons bald gänzlich umgestoßen, indem Brücke 18bS feststellte, daß das Himmelsblau von dem Blau erster Ordnung völlig verschieden wäre. Er zeigte, daß das von einer trüben Flüssigkeit zerstreute Licht blau ist, und der englische Physiker Tyndall führte 1363 den weiteren Nachweis, daß das Licht, wenn die die Trübimg veranlassenden Teilchen außerordentlich fein sind, nicht nur ein prächtiges Blau darstellt, sondern auch eine Polarisation anflveist, wie eben auch das Licht des blauen Himmels. Dieses Experiment scheint den Schlüssel zu dem Ge- heimnis z» enthalten, und Lord Rayleigh ist dann 1893 durch eine genaue Behandlung der Frage zu dem Schluß gelangt, daß etwa ein Drittel der gesainten vom Himmel ausgehenden Licht- menge zu erklären ist aus der Zerstreuung des Sonnenlichts, die durch die in der Luft enthaltenen Teilchen von Sauerstoff und Stick- stoff veranlaßt iverde, ganz unabhängig von der Gegenwart von Staub, Wasserdampf oder andren Fremdkörpern. Daraus crgiebt sich, daß die Farbe des Himmels an einer bestimmte» Stelle von deren Abstand von der Sonne unabhängig ist und nur beeinflußt wird von dem Zustande des LnftmeerS und der Dicke der zwischen dem Auge und dem leeren Weltraum befindlichen Luftschicht. Andrer- seitS könne» sorgfältige Beobachtungen über die Polarisationsfarbe des Himmclslichts einen Anhalt dazu bieten, die Menge und Größe der in der Luft schwimmenden Staub- oder Wasserteilchcn zu be- stimmen, und dadurch werden solche Bcobachlniigen auch zu einem Gegenstand von dauernd wachsender Wichtigkeit für die Witterlings- kinide.— Humoristisches. — Die notleidende Landwirtschaft. Vater:„Du wurdest gestern dabei gesehen, wie Du mit der Magd in den Roggen gingst?* Der junge Baron:„Ja. Papa, es ist ein Jammer, w i e miserabel niedrig das Getreide st cht."— — Die Kehrseite. Er:„Um Gottes Willen, Elise I Mich trifft der Schlag I" Sie:„Was ist denn passiert, Alex?!" E r: Da lies nur: Die preußischen Rückfahrkarten gelten jetzt 46 Tage. Wir hatten bisher immer das Ver- gnügen, Deine liebe Frau Mama auf 10 Tage bei uns zu sehen — jetzt kamlls schön werden l"— — Das letzte Mittel. In H. am Neckar wird der Schul- rat zur Inspektion des Gymnasiums erwaicket. Der Mathematik-Professor kündigt dies den Schülern der Oberprima an mit den Worten: „Nachher kommt der Altphilolog vom Oberschnlrat, da rechne mer erst die große Tafel voll, und wenn er dann noch nicht geht, mache' mer noch cn chemischen Versuch, der recht stinkt."— („Jiigend." Notizen. — Hermann H e y c r in a n s protestiert in einem uns zugegangenen Telegramm gegen die Aufführung seines Schifserdramas„Die Hoffnung auf Segen" durch daS Meß- thalcr-Ensemble im Nenen Theater. Die Uebersetzimg von Heine sei verpfuscht und habe nicht seine Antorikation.— — Heinrich Stobitzers Liistspiel„Liselott" wurde bei der Erstanfführung im Dresdener Residenz-Theater beifällig aufgenommen.— — Mit dem Theater auf dem Monbijou platz wird es nichts. Es hat sich niemand gefimden, der das nötige Geld her- giebt.— — Der Komponist Anton Dvorzak ist zum Direktor des Prager Koiiservatoriiims ernannt worden.— 2 00 000 M. brachte das Lied„I-os t e b o r ck" sDer vcr- klimgcnc Ton) dem englischen Komponisten S n l l i v a n ein.— — Das Innere der Insel Nowaja Semlja wird in diesem Sommer von einer russischen und einer schwedischen Expedition durchforscht werden. Die Riissen beabsichtigen eine genaue Karliernng der Kiistenfjorde, während die Schweden interessante Anhaltspunkte Über den Einfluß der hochnordischen Zngvögel- wandcrimgen auf die Ansbreitnng gewisser Pflanzcngruppen in arktischen Gebieten zu gewinnen hoffen.— — I n Finnmarke n und i n d e r f i n n i s ch e n L a p p« mark sNorwege») sind Goldfunde gemacht worden. Augen» blicklich weilt der Chef-Geologe Norwegens, Dr. R e u s ch, dort und stellt llntersuchnngen an.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblatts erscheint am Sonntag, den 14. Juli. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.