Mnterhattmlgsbtatt des Horwärts Nr. 135 Sonntag, den 14. Juli. 1901 (Nachdruck verbalen.? 721 A- v b v i Roman in drei Büchern von Emile Zola. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold N o s e n z w e i g. Delaveau wollte nichts niehr sehen, er zog die Vor- hänge zu, entzündete die elektrische Lampe auf seinem Schreib- tisch und vertiefte sich wiederinseine geschäftlichen Sorgen, während der glühende Ofen das festverschlossene Gemach mit starker Hitze erfüllte. Nachdein er sein einsames Mahl genommen hatte, setzte sich Delaveau an den Schreibtisch, um die Briefe zu schreiben, über die er als letztes Nettungsniittel seit Stunden nachge- sonnen hatte. Um Mitternacht saß er noch immer da, mit der sckpveren, peinlichen Aufgabe dieser Korrespondenz be- schäftigt. Neue Zweifel, neue Sorgen waren ihin aufgestiegen: war dies wirklich die Rettung? Angenommen, man bewilligte ihm den Aufschub, was dann? Erschöpft von der Übermensch- lichen Anstrengung, die er aufwendete, um das Werk zu retten, stützte er den Kopf in beide Hände und versank in qual- volle Mutlosigkeit. Da hörte er unten einen Wagen vorfahren, im Vorhaus wurden Stimmen laut: Fernande war von der Gnerdache heimgekehrt und schickte die Mädchen zu Bette. Kaum im Arbeitszimmer, rief sie in dem scharfen, nervösen Ton einer heftig erregten Frau, in der seit Stunden der Zorn wühlt: „Du lieber Gott, was für eine entsetzliche Hitze I Ich begreife nicht,>vie Du es hier aushalten kannst!" Sie warf den prachwollen Pelzmantel ab, der sie um- hüllte, und erschien in blendender Schönheit, in Seide und herrliche Spitzen gekleidet, dekolletiert, mit entblößten Annen. Die Kostbarkeit ihrer Kleidung setzte ihren Mann nicht in Er- staunen, er sah sie nicht eininal, er sah nur sie, er liebte nur sie, die Begierde, die sie ihm stets aufs neue einflößte, ver- blendete ihn und raubte ihm ihr gegenüber jeden Willen und jede Kraft. Und niemals war ein berauschenderer Duft von ihr ausgegangen als heute. Nachdem er sie, an seinem Schreibtisch sitzend, noch wirbelnden Kopfes von all dem qualvollen Nachdenken, eine Weile angesehen, bemerkte er etwas an ihr, was ihn be- unruhigte. „Was hast Du, liebes Kind?" Eine heftige Erregung war ihr deutlich anzumerken. Ihre großen blauen Augen, die sonst so weich blickten, brannten in düsterer Glut. Ihr kleiner Mniid, dessen Lächeln sonst so viel Liebenswürdigkeit geheuchelt hatte, öffnete sich in sardo- nischer Verzerrung und zeigte die festen, herrlich weißen Zähne, die etwas zerreißen zu wollen schienen. Alle Linien des feinen Ovals ihres von schwarzen Haaren gekrönten Gesichts waren verändert durch das Beben verhaltener Wut. „Was ich habe?" sagte sie scharf.„Nichts." Es trat ein Schweigen ein, und durch die Winterstillc drang das Dröhnen des Werkes herüber, unter dessen rast- loser Thätigkeit das Haus erzitterte. Gewöhnlich kam ihnen das Geräusch nicht zu Bewußtsein. Aber in dieser Stacht war, obgleich die Aufträge stark abgcnomnien hatten, der große fünfundzwanzig Tonnen- Dampfhmnmer in Thätigkeit gesetzt worden, um ein großes Kanonenrohr zu schmiede», das bald fertig Iverden mußte; und jeder der gewaltigen Stöße des Riesenhammers schien sich durch die leichte Holzgalerie, die das Arbeitszinimer mit den Werkstätten verband, bis hierher fortzupflanzen. „Du hast aber doch etwas," begann Delaveau wieder. „Warum willst Du es mir nicht sagen?" Statt aller Antwort machte sie eine GSbärdc zorniger Ungeduld und sagte: „Gehen wir lieber schlafen." Aber sie blieb unbeweglich in ihrcin Fantenil, drehte fieberisch den Fächer in ihrer Hand, während ihre entblößte Brust heftig atmete.- Endlich entfuhr es ihr: „Du warst heute früh auf der Gnerdache?" „In, ich war dort." „Und es ist ivahr, was mir BoiSgelin sagt? Das Werk ist in Gefahr zu falliere», wir stehen vor dem Ruin, und es wird uns bald nichts übrig bleiben, als trockenes Brot zu essen und billige Kleider zu tragen?" „Ja, ich mußte ihni endlich die Wahrheit sagen." Sie erbebte, aber sie beherrschte sich noch, um nicht so- gleich in Vorwürfe und scharfe Worte auszubrechen. Das Furchtbare war also eingetreten, ihre Genüsse waren be- droht, waren vernichtet. Vorüber war es mit den Festen, den Diners, den Bällen, den Jagden auf der Gnerdache. Ihre Thüren schlössen sich fortan, ja Boisgelin hatte ihr gesagt, daß er den Besitz vielleicht werde verkaufen müssen. Und vorüber war es auch mit der Rückkehr nach Paris als Gebieterin über Millionen. Alles, was sie endlich zu halten geglaubt hatte, der Reichtum, der Luxus, das gierige Auskosten des Genusses bis zur Sättigung, alles stürzte zusammen. Sie sah plötzlich nichts als Ruinen rings uin sich. Und BoiSgelin hatte sie vollends außer sich gebracht durch seine Energielosigkeit, durch die schwächliche Feigheit, mit der er sein Haupt unter dein Unheil beugte. „Du hast mich nie von dem Stand der Geschäfte unter- richtet," sagte sie heftig.„Ich war ganz dumm, mir kam das, als ob mir die Zinnnerdecke auf den Kopf fiele. Und was soll nun geschehen?" „Wir werden arbeiten," erwiderte er.„Es giebt keine andre Rettung." Aber sie hörte ihn kaum an. „Konntest Du einen Augenblick glauben, daß ich ein- willigen Iverde, nichts zmn Anziehen zu haben, vertretene Schuhe zu trage», das ganze Elend wieder durchzumachen, dessen Erinnerung noch wie ein entsetzlicher Alp auf nrir liegt? Nein und nein, ich bin nicht so wie Ihr andren, ich will nicht, hörst Du, ich will nicht! Findet einen Ausweg, Du und Boisgelin, ich will nicht wieder arm werden!" Und sie fuhr fort, in immer leidenschaftlicheren Worten ihren Zorn, ihre Verzweiflung, ihre wahnsinnige Auflehnung hinauszurufen. Alle Erinnerungen ihres Lebens erwachten neu in ihr. Ihre armselige Jugend, als sie und ihre Mutter von dem Ertrag der Klavierlektionen lebten, die diese gab; die abscheuliche Erfahrung, die sie mit zivanzig Jahren machen niußte, als ein rücksichtsloser Egoist sie verführte und dann verließ, diese entsetzliche Erinnerung, die sie im tiefsten Grunde ihrer Seele verschloß; ihre berechnende Vernunftehe init Delaveau, dessen Werbung sie angenommen chatte, trotz seiner Häßlichkeit und seiner untergeordneten socialen Stellung, um eine feste Basis im Leben, um einen Gatten zu haben, den sie ausnutzen konnte; das Aufblühen der Stahllverke, das Gelingen ihrer Berechnung, ihr Gatte zum Mittel und zur Stufe ihres Ehrgeizes geworden, Boisgelin ihr Sklave, die Guerdache ihre Domäne, alle Freuden, alle Genüsse des Lebens zu ihren Befehlen; und endlich alles das, was das gennßgierige und verderbliche Weib Köstliches und Er- lesenes erraffen konnte, um ihre Unersättlichkeit zu be- friedigen, die dämonische Freude, die sie an ihren Lügen, an ihren Meineiden, an ihrem Verrate, an der Ver- Imming und Zerstörung empfand, die sie verursachte, und an den Thränen besonders, die sie der sanften Suzanne erpreßte. Und das sollte nicht immer so weiter dauern, sie sollte als Besiegte in die Armseligkeit ihres früheren Lebens zurück- geschleudert werden?! „Findet einen Ausweg, hörst Du? Ick will nicht nackt gehen, ich werde mein Leben nicht im geringsten einschränken!" Delaveau, der anfing ungeduldig zu werden, zuckte die breiten Schultern. Er hatte seinen massigen Bulldoggkopf in beide Fäuste gestützt und sah sie mit den großen braunen Augen in denr von der Hitze geröteten, vom Barte halb ver- deckten Gesicht unverwandt an. „Mein liebes 5tind, Du hattest recht, sprechen wir nicht von diesen Dingen, Du scheinst mir heute abend ein wenig un- vernünftig. Du weißt, wie ich Dich liebe, und ich bin bereit, alles aufzubieten, was in meinen Kräften steht, um Dir Un- gemach zu ersparen. Aber ich hoffe, daß Du Dich darein finden wirst, meinem Beispiel zu folgen, der ich bis zum letzten Atemzug kämpfen will. Wenn es sein muß, werde ich um 5 Uhr morgens aufstehen, werde von einem Stück Brot leben, werde den ganzen Tag über schonungslos arbeiten und werde bei all' dem des Abends zufrieden schlafen gehen. Du lieber Gott, wenn Dn einfachere Kleider tragen«nd zu Fuße gehen mußt, so wird das doch nicht so schrecklich sein. Erst neulich hast Du mir ja gesagt, daß Du aller dieser stets gleich bleibenden Vergnügungen überdrüssig bist, daß sie Dir zum Ekel sind." „Ja, ja," stammelte sie außer sich,„dieses ewige Einerlei des Vergnügens I Und Du bist der letzte, von dem ich ein neues Vergnügen erwarten könnte I" In der Fabrik stampfte der Dampfhammer noch immer mit gewaltigen Stößen, unter denen die Erde erzitterte. So lange hatte er ihr Wohlleben geschmiedet, hatte dem Stahl den Reichtum erpreßt, nach dem sie gierig begehrte, während die schwarze Herde der Arbeiter ihr Leben hinopferte, damit sie das ihrige in üppigeni, uneingeschränktem Genießen leben könne. Eine kurze Weile horchte sie auf das qualvolle Keuchen der Arbeit inmitten des tiefen Schweigens. Und mit der- doppelter Wut wendete sie sich gegen ihren Gatten. „Alles das ist nur Deine Schuld. Ich habe es Boisgelin gesagt. Wenn Du diesen elenden Lucas Froment sogleich erdrückt hättest, stünden wir jetzt nicht vor dem Ruin. Äber Du hast es nie verstanden. Deine Angelegenheiten richtig zu führen." Delaveau erhob sich mit rascher Bewegung. Er unter- drückte seine zornige Aufwallung und sagte: „Gehen wir schlafen. Du könntest mich dazu verleiten, Dir Dinge zu sagen, die ich nachher bereuen würde." Aber sie blieb auf ihrem Platze und fuhr fort, in so höhnischem, so aufreizendem Tone zu sprechen, indem sie ihm vorwarf, ihr Leben zerstört zu haben, das er. auch seinerseits alle Rücksicht beiseite setzend, ihr zurief: „Erlaube einmal, meine Liebe, erinnere Dich gefälligst, daß Du keinen Sou besaßest, als ich Dich heiratete, und daß ich Dir Deine Hemden kaufen mußte. Wo wärst Du heute ohne mich?" Mit höhnisch verzogenem Munde, mit funkelnden Augen schleuderte sie ihm entgegen: „Ja, glaubst Du denn, daß ich, schön wie ich war. Tochter eines Fügten, einen Mann wie Dich genommen hätte, einen häßlichen, ordinären Menschen ohne Stellung. wenn ich nur Brot gehabt hätte? Sieh Dich doch nur im Spiegel, mein Lieberl Ich habe Dich genommen, weil Du Dich verpflichtet hast, mir Reichtum und eine fürstliche Lebens- stellung zu schaffen. Aber Du hast keme Deiner Verpflichtungen emgehalten." Er stand vor ihr. ohne sie mit einem Worte zu unter- brechen, die Fäuste geballt, sich niit übermenschlicher An- strengung beherrschend. „Verstehst Du wohl?" wiederholte sie mit wütender Beharrlichkeit.„Keine Deiner Verpflichtungen, keine einzige I Boisgelin gegenüber ebenso wenig wie mir gegenüber, denn Du hast ihn zu Grunde gerichtet, den armen Menschen. Du hast ihn bewogen, Dir sein Geld anzuvertrauen, Du hast ihm fabelhafte Erträgnisse versprochen, und jetzt wird er morgen nicht wissen, womit er seine Schuhe bezahlen soll! Wenn man ein großes Unternehmen nicht leiten kann, mein Lieber, dann bleibt man eben ein kleiner Angestellter und lebt irgendwo in einem Nest mit einer Frau, die häßlich genug und dumm genug ist, um die Kinder zu kämmen und Strümpfe zu stopfen. Wenn wir nun vor dem Zusammenbruch stehen, so ist das Deine Schuld, verstehst Du, Deine Schuld allein!" Er konnte nicht länger an sich halten. Was sie ihm da so wild zuschrie, das drehte ihm ein Messer im Herzen hemm. Er, der sie so sehr geliebt hatte, mußte sie nun von ihrer Ehe sprechen hören, wie von einem niedrigen Handel, bei welchem von ihrer Seite nichts mitgewirkt hatte als Zwang und Berechnung l Er, der seit fünfzehn Jahren so ehrlich. so übermenschlich arbeitete, um seinem Vetter Wort zu halten, mußte hören, daß sie ihm Unfähigkeit und schlechte Verwal- tung vorwarf I Er faßte sie mit beiden Händen an den entblößten Armen, schüttelte sie heftig und sagte halblaut, als fürchtete er, daß seine eigne Stimme ihn zum Wahnsinn stacheln könnte: „Schweig, Unglückliche! Mach mich nicht toll!" Sie sprang aus. als sie seine Hände wie eiserne Klammem an ihren Amien fühlte, und machte sich mit einem Ruck los. Sie sah auf die zarte weiße Haut, wo seine Finger rote Spuren zurückgelassen hatten, und stammelnd vor Zorn und Schmerz schrie sie: »Jetzt schlägst Du mich gar. Du gemeiner, brutaler Mensch! Du schlägst mich. Du schlägst mich I" Sie hatte ihr schönes, vor Wut verzerrtes Gesicht vor- gestreckt und schlenderte aus nächster Nähe ihre Verachtung in dieses Männergesicht, das sie hätte zerfleischen mögen. Nie hatte sie ihn mehr verabscheut, nie hatte seine vierschrötige Gestalt sie heftiger gereizt. Ihr lang aufgehäufter Groll brach wild hervor, und sie suchte ihn mit grausamem Instinkt an der empfindlichsten Stelle zu treffen, damit er aufschreie vor Schmerz. „Du bist nichts als ein bmtaler Lümmel, Du bist nicht einmal fähig, eine Werkstatt mit zehn Arbeitern zu leiten." Er brach in ein konvulsivisches Lachen aus, so albern und kindisch erschien ihm ein solcher Vorwurf. Aber dieses Lachen steigerte ihre Wut zur sinnlosen Raserei. Sie mußte ihn tödlich treffen, sie mußte dieses Lachen ersticken. „Ja, ich habe Dich gehalten, ich allein! Ohne mich wärst Du nicht ein Jahr Direktor geblieben!" Er lachte noch lauter. „Du bist toll, meine Liebe. Du redest solchen Unsinn, daß er mich nicht berühren kann." „So. Unsinn rede ich also? Nicht mir verdankst Du also Deine» Posten?" (Fortsetzung folgt.) Sonntngsplaltdevei. Sd&iichtern klopfte der Stadtrat Emil Plimpte, Ehrendoktor der Universität Jena, an die Thür:.Herrein I" brüllte es von innen. Und der Stadtrat Dr. Emil Plimple betrat das Zimmer, in den« sich außer einem aus der Zeit des siebenjährigen Kriegs stammenden Schreibtisch und einem Meßapparat nur ein Untcroffizicr, ein Laza- rettgehülfe und ein Stabsarzt befand.„Papiere I"— mit diesem Anruf begann der Unteroffizier die Unterhaltung. Plimpke suchte in seiner Brusttasche.„Aber'n bischen plötzlich!" bemerkte der Unteroffizier und sah dem Gast nicht allznsrcundlich aber mit vaterländischer Gefinmmg und einem deutlichen Gefühl für Thron und Altar forschend ins Gesicht. Plimke hatte jetzt das dünne Aktenkonvolut gefunden und überreichte es dem Unteroffizier. Der musterte es mit immer unfreundlicher werdender Miene und be- merkte schließlich zum Lazarcttgehilscn:.Schlechtes Zeichen I Der Kerl hat alle Examina mit größter Auszeichnung bestanden." Der Lazarcttgehilfe wies mit dem Finger auf seine Stirn, nnd der Stabs- arzt schnarrte:.Werden ihn wohl auf Geisteszustand untersuchen müssen!" Der Unteroffizier warf die Papiere auf den Tisch und schrie: „Wohl auch so'n Demokrate?"„Ja", bemerkte Plimple bescheiden, .das heißt, nicht ganz, ich bin nämlich...' .Halten Sie hier keine Volksredcn, Mann", unterbrach ihn der Unteroffizier,„wir" sehen schon, wcß JeisteS Rhinozeros Sic sind t -- Ausziehen!" Plimke begriff nicht ganz..Ausziehen I" donnerte der Unter- offizier. nnd schon zerrte der Lazarettgehilfe an dem schwarzen Rock Plimpkes. Jetzt stand er im Hemd da und zögerte offenbar noch weiter in seiner Enthüllung zu gehen. .Hemd runter!" brüllre der Unteroffizier,„Glanben Sie denn, wir haben unsre Zeit gestohlen, Mann? Fünfzig Kerle haben wir heute schon untersucht, einer immer unfähiger als der andre. Hemd runter!" Und nun stand Plimpke in der männlichen Pracht feiner fünfzig» jährigen Glieder da nnd klapperte mit dem falschen Gebiß, das er vor Äufregung beinahe verschluckt hatte. „Naufsteigen I" fuhr der Uuteroffizicr fort und wies auf de» Meßapparat hin. Plimpke folgte der Weisung, da er aber auch die Brille hatte ausziehen müssen, stolperte er über das Trittbrett des Apparats. .Kamel!" bemerkte daraufhin der Unteroffizier leutselig. Schließlich aber stand Plimpke doch richtig an der Meßstange. .Gerade stehen I Knie durchdrücken I" kommandierte der Unteroffizier. Der Lazarettgehilfe zog Plimpke ein wenig am Schopf empor. der Ehrendoktor von Jena reckte sich krampfhaft, als ob er sich in zwei Teile anseinanderreißen wollte.... „Der Lazarettgehilfe las oben an der Stange die Zahl ab: „Kanin Jarde l" entschied er mißmutig. „Degeneriertes Gesindel I" brummte der Stabsarzt zu seinen Bartspitzen in die Höhe. Der Laznrcttgchilse kniff jetzt Plimpke in die Muskeln der Arme. der Ober- und Unterschenkel.„Aich viel los," erklärte er,„weich wie Butter!" „Mensch, mit die Waden wagen Sie sich hierher?" rief der Unteroffizier, glauben Sie d i e Fliegenstöcker in seidenen Strümpfen sehen lassen zu können?" Auch der Briiswnlfang wurde von den Sachverständigen höchlichst mißbilligt. Die linke Hüfte stand ein wenig tiefer als die rechte, die Schulter» waren schmal— es ivar geradezu empörend. Der Stabsarzt untersuchte die Augen.„Wo haben Sie sich denn Ihre Blindheit geholt?" meinte er.„Ich bin mir kurzsichtig," er- widerte Plimpke demütig.„Widersprechen Sie gefälligst nicht I" schrie der Stnbsnrzt wütend.„Sie haben nichts zu ineinen. Sic sind blind, verstanden! Na, und wo haben Sie sich das zugezogen?" .Ich habe zuviel gelesen, studiert!', entschuldigte sich Plimpke. .Dacht ich»ür's doch I Und so einer wagt sich hier zu melden! Ja, und wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, erkundigen Sie sich mal"— der Stabsarzt fixierte verächtlich den ungepflegten Bart Plunpkes—„nach der Adresse von Haby!" „Nun kommt die Hauptsache," erklärte der Unteroffizier mit einer gewissen Feierlichkeit,„Achtung, tiefe Nnmpfbeugek' Plimpke beugte sich»ach vorn. „Noch tiefer!" schrie der Unteroffizier. Plimpke strengte sich an, daß sein Gesicht glühte. .Viel tiefer, viel tiefer, Mcnschl" schrie der Unteroffizier. Aber Plimpke konnte nicht mehr. Vergebens versuchte der Lazarettgehilse mit einem Faustpuff in das Kreuz nachzuhelfen. Das Rückgrat Plimpkes vermochte nicht der Weisung zu folgen. .Nn haben wir aber genug von Ihnen," donnerte der Unteroffizier, „Sie sind ja'ne ganz nichtswürdige Kreatur. Schämen Sie sich nicht?" Der Stabsarzt füllte schnell ein bereit liegendes Formular mit dem Vermerk«Völlig untauglich!" ans und unterschrieb es. Der Unteroffizier und der Lazarcttgehilfe setzten ihre Name» darunlcr. Dann gab man Plimpke das Blatt, stopfte ihm das Kleider- bündel unter den rechten Arm, und der Unteroffizier konrmandicrte: „Ziehen Sie sich draußen Ihre Lappe» an!" In Blitzesschnelle war Plimpke aus dem Zimmer befördert, die Stiefel, die Brille und die Personalakten wurden ihm nachgetvorfen. Im Fluge streifte Plimpke den Lieutenant der Reserve Bdolar von Aehbold-Strohwitz, der soeben sich anschickte, das Zinnner zu betrete». Der Stabsarzt bemerkte kaum den neuen Gast, als er ihm freudestrahlend entgegenstürzte.„Ah, grüß Gott, Adolnr, das ist recht, daß Du auch hierher kommst!" Sie hatten nämlich in dem- selben Regiment gedient und dieselbe» Geliebten gehabt. „Ja", seufzte Adolar,„es wird Zeit, daß ich anfange, mich nützlich zu machen. Man wird alt. Uebrigens, Mieze läßt grüßen." „Dil meinst Gustl."— verbesserte ihn der Stabsarzt. „Sehr wohl, diesmal heißt sie ja Gustl. Du siehst, Brüderchen, man ivird alt, ich behalte die vielen Nanien nicht mehr. Ader nun los mit der Untersuchung. Soll ich mich ausziehe»?" „Nicht nötig", erklärte der Stabsarzt,„ich kenne Dich ja!" Dann wandte er sich an de» Unteroffizier und den Laznrcttgchilsen: „Ich verbürge mich für nieineu Freund Adolar. Dreimal ist er durchs Examen gefallen. Viermal ist er vorbestraft wegen Duells mit tödllichcin Ausgang. Konservativ und christlich ist er bis auf die Knochen. Tic Vrustweite ist kolossal. Er hat niemals ei» Buch gelesen. Aber eine Freude will ich Ihnen doch machen. Messe» Sie mal die Waden I" Der Lazarettgehilfe schob Adolars perlgraue Hose ein wenig empor und die seidenen Strümpfe herunter. Es ivar ein über- ivältigendeS Schauspiel! Der Unteroffizier legte einen Papier- streifen um die Wade und mit selig verklärtem Antlitz flüsterte er „Enorm!" Als der Unteroffizier seine Fassung iviedergetvonnen hatte, äußerte er:«Run fehlt noch die Rumpfbeuge. Auf die können ivir nicht verzichten." Adolnr setzte sich in Positur. Der Unteroffizier kommandierte:„Rumpfbeuge t— i— e— fff I Sofort berührte Adolars glänzender Scheitel, der vom Nacken bis an die Nase reichte, die Diele. Die drei Znschaner gerieten außer sich. Sie schrien Bravo und klatschten wie besessen in die Hände. „Wo hast Du denn das gelernt? fragte der Stabsarzt. „Sehr einfach," erklärte Adolar.„ich'habe mich drei Monate bei einem Schlangenmenschen trainiert. Außerdem habe ich einen Onkel, der Geheimrat im Ministerium, und eine Tante, die Hof- dame ist." „Du bist geradezu gottbegnadet!" sagte der Stabsarzt gerührt. «Ich gratuliere Dir. Es ist erreicht, oder, wie Habt) neuerdings zu sagen pflegt:„Allzeit! Voran." Alsdann händigte der Stabsarzt seinem Freunde das folgende Attest ein: „Heute am... fand sich Adolar Freiherr v. Aehbold-Stroh- tvitz, Lieutenant der Reserve, hierfelbst-zur Untersuchung ein. Wir stellen nach genauester Prüfung fest, daß der Genannte in jeder Beziehung hervorragend tauglich ist, das Bürgermeisteramt zu bekleiden. Die Vürgermeistcr-PrüfungSkommission."(Folgen die Namen.) Nachschrift! Die östrcichischen Kreditaktie» fallen noch immer. Ich bin trostlos I— Joe. Kleines Feuilleton» dg. ZlnS einer Ehe.„Eins, zivei, drei!" Sie hatte nicht erst mitzuzählen brauchen, sie wußte auch so, wie viel eS schlug: drei Uhr nachmittags, und„er" war noch immer nicht zurück. Um zwölf Uhr hatte er daheim sein Ivollen. Der Frühschoppen dauerte wieder mal lauge. Sie ging nach der Küche und sah nach dem Esse». Die Sauce war in das Fleisch gezogen, die neuen Kartoffeln schrumpelte» zusammen. Eigentlich hatte sie Hunger, in all der Arbeitshast des Vormittags hatte sie nicht einmal gefrühstückt. Sie aß auch jetzt nicht, sie haste keine Luft, nein, tvahrhaflig, die war ihr vergangen. Sie sab nach dem kleineu Auflvartcmädche», das müde und gclangwcilt am Fenster stand und in einem alten Papierfetzen las:„Du kannst ja gehen, Anna!" „Ja? Schon?"'Die Kleine fuhr auf. „Ja, ja. lauf' nur"— sie lächelte müde—„der Herr kommt wieder später." Sie blieb am Herde stehen, bis draußen die Korridorthür ins Schloß fiel, dann ging sie in die Vorderstube zurück. Wie still es da war, nur die Uhr ging, ihr eintöniges Ticktack hob noch die tiefe Ruhe. Sie ging im Zimmer auf und ab, nur nm ihre Schritte zu hören, dabei fiel ihr Blick auf den Hut, der auf den» Schränkchen lag. Ein bitterer Zug flog über ihr Gesicht: Ja, der konnte wieder in den Kasten wander», natürlich ivar es nichts mit Schlachtensee. Nein, natürlich nicht! Wenn er nach Hause kam, Ivar er müde und legte sich schlafen. Mittagsruhe; sie dauerte aber bis zum Abend. Das war alle Sonntag so. Sie setzte sich ans den Stuhl am Fenster, mit starre» Augen sah sie in die Sonne, die grell- und blendend auf den Dielen lag. Draußen ans den Straßen lärmten die Spaziergänger. I» hellen Scharen zogen sie vorbei. Frauen und Mädchen in Sommer- kleidcrn, Männer mit Kindern auf dem Arm, dicht besetzte Kremser rasselten über die Steine, die Glocken der Stadler und Radleriimen klangen schrill und lustig dazwischen. Wo die alle hinzogen! Lockende Bilder stiegen vor ihr auf. Sttlle Waldwege, blaue Wasser, volle Wirtshansgärten mit fröhlichen, bnntgeputztcn Menschen. Früher hatte sie auch nnter ihnen gesefien, siüher, als sie noch zu Hause war. Ach, cS war doch schöner gewesen zu Hanse I Warum war sie nicht zu Haus geblieben? Warum? Sie vergrub das Gc- ficht in den Händen. So saß sie eine ganze Weile. Eigentlich hatte sie ihn auch gar nicht gewollt, wenn Mutter nicht so viel geredet hätte. Und alte, Jungfer werden wollte man doch auch nicht, nnd wer konnte wissen, ob noch ein andrer kam, überdies einer mit so sicherem Einkommen! Und am Ende geliebt hatte er sie auch. Hübsch war sie ja ge- wcscn damals, hübsch, ach ja, eigentlich war sie's auch heute noch; sie ließ die Hände sinken und sah in den Spiegel, ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Aber das war nur für einen Augenblick. Dann sprang sie jäh auf und schritt von neuem auf nnd ab. Diese Stille! Diese Stille! Wenn wenigstens noch jemand käme! Besuch, eine Freundin, irgend lver l Ja, die würden kommen, heute am Sonntagnachmittag, heute, wo alles draußen war mit Mann und Kindern l Alles— nut sie nicht! Sie würde auch noch nicht mal öffne». Nein, es brauchte niemand zu wisse», daß sie hier allein saß, verlassen. Ja, richtig verlassen. Sie lachte auf, dann schrak sie jäh zusammen, draußen knarrte ein Schlüssel im Schloß, die Thür ging. Das war„er". Und da trat er auch schon in die Stube. Er kam mit schweren. etivas schwankenden Schritte», den Schritten eines Mannes, der viel getrunken, sein Gesicht war rot, seine Augen glänzten, mit einem bierseligen Lachen kam er auf sie zu:„Hast ich Dich— wa— warten lassen,— lassen— Du— Du— mein—" „Guten Tag I" sagte sie, nichts weiter. Sie wich bor ihm zurück, er schien es aber nicht zu merken, er warf sich in die Sofaecke und schleuderte die schweren Schuhe von den Füßen. Er war nicht gerade betrunken, aber sehr redselig— er erzählte in einem fort:„Siehste, wir— wir habe» nämlich Freunde getroffen, de»— den dicken— Braumeister, weißte, nnd denn— denn— Bierprobe hatten wir; Esse» bringst«?" Sie hatte ihn reden lassen und die Teller hereingeholt; er schob sie heftig zurück; er schrie: „Ach was. Essen, denkste, ich Iver' auf Deine Tunke warten? Wildbraten haben wir gehabt— Wi— Wildbraten."— Er sank in die Kissen zurück. „ES ist auch nicht mehr schön," sie deckte die Schüffeln wieder zu, sehr ruhig, sehr gleichmütig— nur um ihre Mundwinkel zuckte es. Sie setzte sich wieder an ihren Fensterplatz nud faltete die Hände im Schoß. So saß sie ganz still und sah auf die Straße. Er hatte die Beine schon lang ausgestreckt, unter zusammen- gekuiffeueu Brauen blinzelte er zu ihr hinüber, dabei sah er den Hut auf dem Schräukchcu, und nun schien ihm eine Erinnerung zu dämmern.„Schln— Schlachteusee— Gott wir wollten ja»ach— Schla— Schlachteusee.— Aber nächsten Sonntag, Trudelt»— im— nächsten Sonntag ganz— bestinunl,— be— stimmt—" er war schon halb im Schlaf. „Nächsten Sonntag", sie iviederholte es ganz leise, ganz für sich, nnd wieder flog ein Zucke» über ihr Gesicht. Nächsten Sonntag I Als ob es nächsten Sonntag anders war wie heute, wie alle Souu- tage! Ein Schluchzen ging durch ihren Körper. Unten auf der Straße sangen helle Stimmen: Freut Euch des Lebens, So lang noch das Lämpchen glüht.— — 143 857. Uebcr eine hübsche Ziffernspielerei, deren Eni- decknng einen» Engländer zu danken ist, wird der«Franks. Zig," ge- jwrieben: Eine anstcrsi interessante Zahl ist: l42 857. Sie crgiedt, einerlei ol> niit 2, 3, 4, 5 oder 6 mnltiplicicrt, stets dieselden Ziffern, unr stets anders gruppiert: 142 357 X 2— 285 7l4 142 857 X 3— 428 571 142 857 X 4= 571 423 142 857 X 5— 714 285 142 857 X 6= 857 142 142 857 X7 ergiclit merkwürdigerweise 899 969, 142 857 X 8 sucht sich seldst aus der Verlegenheit zu helfen, um auf die alle Ziffcrngrnppe zu kommen,»nd mit destem Erfolg, denn das Produkt der Multiplikation ist 1 142 856»md durch Addition der ersten Ziffer<1) zur letzten s6j, sind nicht nur wieder die alten Ziffern hergestellt, sondern sogar die Zahl 142 857 seldst.— ie. Das arabische Henna. Der bekannte Farbstoff, mit dem sich die Orientalen und vor allem ihre Frauen die Fingernägel und auch noch andere Körperteile zu färben pflegen, ftammt von einer Pflanze, dem Hennastrauch und ist in dessen Wurzel enthalten. Im Bazar von Alexandrien iverdcn zwei Sorten Henna verkauft, das gewöhnliche und noch ein besonderes„Henna von Bagdad", das etivas dunkler ist. Der Hennastrauch besteht jedenfalls nnr in zivei Varietäten, von denen die eine Dornen besitzt, die andere nicht. Sic unterscheiden sich auch in der Größe der Blätter und in der Stärke des Blntendnfts. Das ans ihnen ge- lvonnene Henna ist aber bei beiden völlig gleich und erzeugt in allen Fällen eine rötlichgelbe Färbung. In Ostindien wird das schöne blnnschwarze Haar, auf das die Eingeborenen so stolz sind, künstlich erzeugt, indem es erst mit Henna gelb gefärbt, dann ge- trocknet und schließlich mit Indigo oder einer Mischung von Indigo und Henna behandelt wird. Wahrscheinlich ist das„Henna von Bagdad" einc solche Mischung. Der Verbrauch des Stoffs muß ein ganz ungeheurer sein, denn von Aegypten allein ivird»ach der Türkei jährlich für 3 Millionen Henna ausgeführt. Auch in der abendländischen Industrie spielt das Henna eine gcivifie Rolle, ob- gleich es durch die Thecrfarbe stark bedrängt ivird. England und Nord-Amerita verbrauchen jährlich 7