Mnterhaltungsblatt des Jorwürts Nr. 136 Dienstag, den 16� Juli. 1901 (Nachdruck verboten.» 73] N v b e i k: Roman w drei Büchern von Emile Zola. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenzweig. Mt einem Male war Fernande das Geständnis in die Kehle gestiegen. Ihm das in sein Bulldoggengesicht schleudern, ihm zuschreien, daß sie ihn nie geliebt hatte, daß sie die Geliebte eines andern war l Das war der Dolchstoß, der sein Lachen ertöten würde. Und welche Erleichterung, welche furchtbare, rasende Wonne, wenn sie selbst den Rest ihres Lebens zerstörte I „Ich rede so wenig Unsinn. mein Lieber, daß ich seit zwölf Jahren die Geliebte Deines Boisgelin bin." Delaveau, von der ihm unversehens ins Antlitz gc- schleuderten Schmach betäubt, verstand nicht gleich. „Was sagst Du?" „Ich sage, daß ich seit zwölf Jahren die Geliebte Deines Boisgelin bin. So, nun weißt Du's I Da ohnehin alles aus ist, so sollst Du auch das wissen." Mit knirschenden Zähnen, stammelnd, rasend, warf er sich auf sie, faßte sie wieder an den nackten Armen, schüttelte sie mit aller Kraft und schleuderte sie in den Fauteuil zurück. Diese entblößten Schultern, diese entblößte Brust, diese herausfordernde Nacktheit unter den Spitzen, er hätte sie mit Faustschlägen zerschmettern, vernichten mögen, damit dieses Weib ihn nicht länger schmähe und quäle. Der Schleier seiner langjährigen Vertrauensseligkeit, seiner blinden Leicht- gläubigkeit zerriß, und er sah, er erriet mit einem Mal alles. Sie hatte ihn nie geliebt, ihr ganzes Leben an seiner Seite war nichts gewesen als List, Heuchelei, Lüge und Verrat. Hinter dieser schönen, vornehmen, entzückenden Frau, der er mit immer neuer heißer Liebe genaht war. die er gleich einem Idol angebetet hatte, erschien plötzlich das Raubtier, der brutale Instinkt, die zerstörende Wut. Er sah in ihr mit einem Mal, was ihm so lange verborgen geblieben, die Ver- derberin, die Vcrgiftcrin, die allmählich alles um sich herum zur Fäulnis gebracht hatte, ein grausames, verräterisches Weib, dessen Genuß sich aus dem Blut und den Thränen andrer bereitete. Und während er noch betäubt wie einer, der einen Schlag auf den Kopf empfangen, keines klaren Gedankens fähig war, fuhr sie fort, ihn zu schmähen: „Mit Faustschlägen. waS, Bestie? Nur zu I Mit Faust- schlügen, wie Deine Arbeiter, wenn sie betrunken sind? Nur zu, nur zu l" In dem schrecklichen Schweigen, das folgte, hörte Deleveau die rhythmischen Schläge des großen Dampfhammers, das Dröhnen der Arbeit, das ihn Tag und Nacht ohne Unterlaß umgab. Es schien ihm von weiter Ferne zu kommen, wie eine wohlbekannte Stimme, deren deutliche Sprache ihm das entsetzliche Erlebnis der letzten Stunde vollends zum klaren Verständnis brachte. Alles, was dieser Hammer an Reichtümern geschmiedet, hatte nicht Fernande es verzehrt mit ihren kleinen, elfenbeinweiß schimmernden Zähnen? Der glühende Gedanke der Gewißheit bohrte sich in sein Hirn, daß sie. sie allein die Verderberin ivar, die Verschlingerin der Millionen, die Urheberin der Katastrophe, des unvermeidlichen und nahe bevorstehenden Fallisiements. Während er übermenschliches leistete, um seine Versprechungen zu halten, achtzehn Stunden täglich arbeitete, alle seine Kraft aufbot, um die alte, zer- bröckelnde Welt aufrecht zu erhalte», hatte sie an den Stützen des Gebäudes genagt, hatte ihr verderblicher Einsluß seine Fäulnis beschleunigt. Sie hatte an seiner Seite gelebt, schön, rnhig und lächelnd, und war doch das Gift und die Zer- stönmg seines Lebens gewesen, hatte alles unterwühlt, was er schuf, hatte seine Anstrengungen paralysiert, sein ganzes Werk vernichtet. Ja, der Ruin war da gewesen, an seiner Seite, an seinem Tische, in seinem Bette, und er hatte nichts davon gesehen, und sie hatte alles zermalmt mit ihren weichen kleinen Hände», alles zernagt mit ihren kleinen weißen Zähnen. Die Erinnerung tauchte in ihm auf an die Nächte. wo sie von der Gurrdache heimgekehrt war. trunken von den ßiebkoftrngen ihres Geliebten, vom Weine und vom Tanze, von allen üppigen Genüssen der Verschwendung, und ihre Trunkenheit auf den Polstern des Ehebettes ausgeschlafen hatte, während er, der Ahnungslose, der verblendete Dumm- köpf an ihrer Seite lag, mit offenen Augen in die Finsternis starrend, sich den Kopf zermarternd, um ein Mittel zu finden, das Werk zu retten, und es nicht gewagt hatte, sie auch nur mit der leisesten Liebkosung zu berühren, um ihren Schlummer nicht zu stören. Ein wahnsinniges Ent- setzen, eine tolle Raserei überkam ihn, und er schrie: „Du mußt sterben I" Sie richtete sich in dem Fauteuil auf, stützte die Hände auf die Lehnen, und das Gesicht, die entblößte Brust vor- streckend, mit flammenden Augen unter ihrem schweren schwarzen Haar rief sie ihm zu: „O, dazu bin ich gern bereit I Ich habe genug von Dir, und von den andern, und mir selbst, und dem Leben I Ehe ich ein Leben des Elends führen soll, lieber will ich sterbenl" Ihn faßte die Raserei immer stärker, und er wiederholte schreiend, brüllend: „Du mußt sterbenl Du mußt sterbenl" Aber er hatte keine Waffe, und suchend lief er im Zimmer umher. Kein Werkzeug, kein Messer, nichts als seine beiden Hände, um sie zu erwürgen. Und er selbst, was sollte er thun? Sollte er weiter leben? Ein Messer hätte für beide genügt. Sie sah seine Verlegenheit, seine sckunden- lange Unentschlossenheit und triumphierte in der Gewißheit, daß er nicht die Kraft finden würde, sie zu töten. Sie lachte höhnisch, verächtlich auf. „Nun, Du tötest mich nicht? Töte mich doch, wenn Du den Mut hast!" Plötzlich fiel sein irre suchender Blick auf den kleinen eisernen Ofen, in welchem ein so starkes Feuer brannte, daß der kleine Raum von Gluthitze erfüllt war. Da flammte ein wahnsinniger Gedanke in ihm auf, der ihn alles vergessen ließ, selbst sein Kind, seine angebetete Nise, die oben im zweiten Stock friedlich in ihrem kleinen Zimmer schlief. O, ein Ende machen, sich selbst hinabstürzen in den Abgrund un- erträglicher Qual und Raserei, der sich in dieser Stunde zu seinen Füßen geöffnet hatte. Und dieses abscheuliche Weib mitnehmen in den tödlichen Sturz, damit sie auch kein andrer je mehr besitze, sie mit aus dem Leben reißen und selbst nicht länger leben, da sein Dasein fortan hoffnungslos beschmutzt und vernichtet warl Und immer noch stachelte sie ihn mit ihrem höhnischen Lache»: „So töte mich doch I Töte mich doch l Du bist zu feige, um mich zu töten 1" Ja, ja, alles verbrennen, alles zerstören, eine FeuerS- bninst entzünden, die das Haus und die Fabrik einäscherte, damit die Vernichtung vollständig sei, die dieses Weib und ihr alberner Geliebter geivollt hatten I Einen riesigen Scheiter- Haufen in Brand setzen, auf welchem er selbst von den Flammen verzehrt werden sollte, zusammen mit der meineidigen Ver- räterin, der Vergifterin und Zerstörerin, zusammen mit den Trümmern der alten, stürzenden Gesellschaft, die er anstecht erhalten zu»vollen so thöricht gewesen warl Mit einem gewaltigen Fußstoß warf er den Ofen um und schleuderte ihn in die Mitte des Zimmers, indem er seinen furchtbaren Schrei wiederholte: „Du mußt sterben I Du mußt sterben!" Die brennenden Kohlen flogen über den Teppich und verivandelten ihn in eine rotglühende Fläche. Einige rollten bis zu den Fenstcrvorhängen, die sofort ausflammten, während gleichzeitig auch der Teppich zu brennen anfing. Dann ent- zündeten sich die Möbel, die Wandbekleidungen mit Blitzes- schnelle. Das ganze, leicht gebaute Haus fing im Augenblick Feuer wie ein Reisigbündel. Fernande war entsetzt aufgesprungen. Ihre seidenen Röcke zusammenraffend, suchte sie den Flammen zu entgehen. Sie eilte auf die Thür zu, die ins Vorderhaus führte, um dieses und dann den Garten zu gewinnen. Aber vor dieser Thür fand sie Delaveau, der ihr mit geballten Fäusten den Weg versperrte. Sie wandte sich der Holzgalerie zu. die das Arbeitszimmer mit der Fabrik verband. Aber für diesen AnSweg war es bereits zu spät. Die Holzgalertc hatte schon Feuer gefangen, ihr enger Raum wirkte wie ein Schlot Mld » erzeugte einen solchen Lnftzinz, daß die Mammen sich schon bis in die Bureans erstrecktem Geblendet, erstickend tanmeltc sie in die Mitte des Gemaches zurück, ihre Kleider, ihre gelösten Haare tvnrdcn von den Flammen er- griffen, ihre nackten Schultern und Arme bedeckten sich mit Brandwnnden. Verzweifelt schrie sie: „Ich will nicht sterben: Ich will nicht sterben I Laß mich hinaus I Mörder! Mörder I" Sie warf sich wieder gegen die ins Vorhans führende Thür und versuchte ihren Mann beiseite zu stoßen, der mit eiserner Unbelveglichkeit davor stand. Er aber wiederholte nur, nicht mehr heftig, sondern kalt und still: „Ich sage Dir, Du mnßt sterben!" Und als sie ihm, um ihn zum Weichen zu bringen, die Nagel ins Fleisch bohrte, faßte er sie und trug sie in die Mitte des in einen Glutherd veNvandeltcn Zimmers zurück. Hier entspann sich nun ein furchtbarer Kampf. Sie wehrte sich mit von der Todesfurcht verzehnfachter Straft, suchte instinktiv wie ein verwundetes Tier einen Ausweg durch Thüren und Fenster, und er hielt sie inmitten der Flammen fest, in welchen sie mit ihm sterben sollte, damit ihrer beider Vertvüstetes Leben zu gleicher Zeit zerstört werde bis auf den letzten Rest. Er bedurste aller Kraft seiner sehnigen Arme, die Mauern spalteten sich, und noch zehnmal öffneten sich Auswege, die er ihr verwehrte. Endlich umfaßte er sie und lähmte ihren Widerstand in einer letzten Umarmung— er. der diese Frau angebetet, der sie oft so genommen und nmarmt hatte. Und ob sie auch ihre Zähne in seine Wange schlug, er ließ sie nicht, er trng sie mit sich in die Vernichtung hinüber, dasselbe rächende Feuer ver- wandelte sie beide in Asche. Und die brennenden Balken der Decke stürzten krachend ei». Nanet, der auf der Crecherie seine Lehre als Elektro- Mechaniker durchmachte, trat diese Nacht ans dem Maschinen- Hans heraus und sah in der Gegend der Hölle eine starke Röte am Himmel. Er glaubte zuerst, daß der Schein aus den Crmentieröfen stamme. Aber die Nöte verstärkte sich, und auf einmal sah er die Ursache: das Hans des Direktors stand in Flammen. Der Gedanke an Nise durchfuhr ihn wie ein Blitz; er begann aus Leibeskräften zu laufen, traf auf die Mauer, die sie seinerzeit im Spiele überklettert hatten, unr zusammen- zukommen, überstieg sie abermals, ohne zu wissen wie, und durchlief den Garten, in welchem noch alles still war. Wirk- lich brannte das Haus, und das schrecklichste war, daß die Flammen von unten bis oben daran hinaufleckten, wie an einem Riesenscheiterhaufen, ohne daß sich etwas im Hause rührte. Die Fenster waren geschloffen, die Thür widerstand seinem Drucke und fing obendrein auch schon zu brennen an. Bloß erstickte Schreie wie in entsetzlicher Todesangst glaubte Nanet herausdringen zu hören. Da wurden die Jalonjieläden eines der Fenster im zweiten Stock aufgeriffen, und Nise er- schien in dem Ranch, ganz Iveiß, bloß mit Hemd und Unter- rock bekleidet. Sie neigte sich voll Enffetzen heraus und schrie um Hilfe. „Fürchte Dich nicht, fürchte Dich nicht!" schrie Nanet. „Ich komme hinauf!" Er hatte bei einem Schuppen eine lange Leiter erblickt. Aber als er sie nehmen wollte, sah er, daß sie angekettet war. Eine Minute entsetzlicher Angst folgte. Er ergriff einen großen Stein und schlug mit aller Straft auf das Borhängeschloß. Die Flammen brausten im Nachtwind, der ganze erste Stock brannte schon, und manchmal verstärkten sich der Rauch und die Funken, daß Nise ganz darin verschwand. Er hörte ihre ver- zweifelten Schreie, und er schlug darauf los und schrie seinerseits: „Warte, warte! Ich komme!" (Fortsttzung folgt.) „Die HoTnnttg««f Segen." Die Aufführung von �offnmig auf Segen" durch das Meßthaler» Enscinble im Renen Theater war ein starker Erfolg. Die Schon- spicler erwiesen sich ihrer Aufgabe voll gewachsen; trotz der glühen- den Jnlihitze war das HanS von oben bis unten besetzt»nd willig gab sich das Publikum dem Eindruck der eigenartigen Dichtung hin. Der holländisch« Dichter, der mit Fug und Siecht gegen diese, ohne seine Anlorisation veranstaltete Vorstellung protestiert hatte, würde. wenn er ihr hätte beiwohnen können. allen Autorrechten znm Trotz, ein Gefühl der Freude nicht haben unterdrücken können. Ledcnfalls wird diese hochsommerliche, in etlvas freibeuterischer Weise vorgcnominciie Auffühning den vom Dichter auiorifierken Ans- führnngc» des Stücks, die da« Deutsche Theater für den Beginn der nächsten Spielsaison angekündigt hat, keinen Abbruch thurn Heijernianns Drama ist aus dem Geist heraus geboren, in dem vor nun 10 bis 12 Jahren der junge RawraliSmus das Theater zu revolutionieren unternahm. Fort, hieß es damals, mit allein ver- künstelten Scheine, fort mit den täuschenden Konventionen. die nur ebenso viele Nachgiebigkeiten gegen die Gedanken- losigkeit und den verzärtelten Geschmack des zahlungsfähigen Thcaterpnbliknms sind! So ivie das Leben des Alltags ist.'er- barumngSloS»nd furchtbar, so soll das Bild des Künstlers es auf der Bühne festhalten. Das Häßliche und verzweifelt Traurige hat hier dasselbe Ncckit wie das Gefällige, das Schöne oder das tragisch Erhabene. Die ganze Fonn des Dramas muß unter dem einen GesichtSplniItc, daß sein Ziel die charakteristische Darstellung eines wirklichen Lebensausschnittes sei. umgestaltet werden. Die zu einer abschließende» Katastrophe ailfsiteigende Handlnng. die nach alter Tradition als Rerv der Bühnenwirkung galt, hat z» Gunsten einer breitmalcnden Milienschildcrnng zurückzutreten; denn das Leben selbst spitzt mir höchst selten den Verlauf irgend welcher Verhältnisse und Aktionen zu solchen Katastrophe» zu. Man denke an Hanptinanns.Vor Sonnenaufgang" und an sein.Friedensfest", an die.Familie Sclike" von Holz und Schlaf, und an Schlafs .Meister Oelze" I Und mit diesen künstlerischen Tendenzen verband sich, hier und da wenigstens, ein warinhcrzigcs Mitgefühl mit dem Leidenden, eine tiefe Einpör, mg wider das berghoch angehäufte sociale Unrecht, eine Shinpathie für den Kampf der Ausgebenteten gegen ihre Bedränger. In dem bahnbrechenden repräsentaliveii Stücke der Stichtuug. in Hauptmanns.Vor Sonnenaufgang", jedenfalls klangen auch diese Saiten klar und deutlich an. Seither ist es auf dem Theater ivicdcr merkwürdig still geworden von socialer Rot und Känipsen. Jene primitive Borniertheit, die anfänglich mit lauten Protestmfen dagegen protestierte, wagt sich mit ihren Demoiislratione» freilich nicht»ichr hervor; an ihre Stelle ist Abspannung und Gleichgültigkeit getreten..Bartel Turaser", das nach den „Webern" beste Arbeiterdrama, welches zudem über die engen Schranken bloßer Milieuschikderiing weit hinausreicht, mnßte vor ein paar Jahren nach wenigen Anssiihrnngen sang-»nd klanglos von der Bühne des Lessing-TheatcrS verschwinden. Es konnte sich gegen die Skonknrrenz der nach altbewährtem Rezept zllsanuncngcbrautt» Bluuicnthalschc» Possenloinödie nicht halten. Auch Heijcrinalliis von echt socialem Geist durchwehtes, naturalistisches Bolksdrama wird, trotz des starken Premieren- erfolgcS, im Kampfe mit dieser Blasiertheit sich schwer behaupten können. Zu gute kommt ihm. daß daS Stück ein auf nnsrc» Bühnen noch nie geschildertes Milien, das Schiffer« und Fischerleben an der holländischen Seeküste behandelt mid so von vornhereiu auch durch ein neiles stoffliches Jntercffe wirkt. Der Kunst des Dichters gr- lingt es. uns diese fremdartige, abgeschiedene Welt in volllebcndiger Anschaulichkeit vorznsühren. Obwohl wir jene Welt nie gesehe», ist der suggestive Zwang der Darstellung von vorneherein so stark, daß wir den Eindruck haben: so nnd nicht anders ist es, so werden dort die Menschen denken, sprechen nnd eiupfiiidcn, so ist ihr Thim und Handeln, so sind die Stnnmnngen und Konflikte, von denen ihr Leben bewegt wird. Aber wenn der Dichter durch die Echtheit der Züge das Pnhlikni» in seinen Bann zwingt, so hat er durch eine allzu weit getrieben«, allzn ausführliche Kleimualcrei, die für eine straff sich ausbauende nnd steigernde Handlnng keineir Raum übrig läßt, diesen Gewinn zu einem Teil wieder eingebüßt. In der Tendenz, die Geschlossenheit der Handlnng durch daS lose Nebeneinander der Milieuschilderung zu ersetzt», schießt über« Haupt der dramatische Naturalismus, wie sich uniner deutlicher hcranZstellt, über das Ziel hinaus..Handlung" heißt doch nicht äußerliches, den Personen aufgepfropftes Jntrigucnspicl, sondern ans dem Innern der Charaktere herausgeholte Entwicklung einem bestimmte» Ziele zu. Erst dadurch, daß sich die Sccnen des Draina« als ebensoviel notwendige, in einander gekettete Etappen eines solchen, kunstvoll nnd allmählich vor dem Auge des Zuschauers entrollten Entwicklungsiveges gliedern, vermögen sie die echte Spannung, deren die Bühne vcdarf, zu erzeugen. Daß die Schwierigkeiten einer solchen Formung moderner Stoffe enorme siird. «nd daß nur allzu oft einer bloß äußerliche» Scheiichandlung zu Liebe die Lcbenswahrheit der Situationen geopfert ivordcn ist. beweist doch nichts gegen die Nothwendigkeit des Ziels selbst. Wie dasselbe auch innerhalb der naturalistischen Dichtung erreicht werde» kann, hat die wunderbare Gestaltungskraft Ibsens in seinen besten Dramen gezeigt. Bei HeijermannS weiß man in der Mitte des Dramas, ja eigentlich schon von Anfang an, daß in der Hoff- »ung auf Segen, der jchionnmenden Totenkiste des Reeders Bos. Gccrt nnd Barcud. die Söhn« der armen Fischerswitwe Kuiertje, ihren Tod finden werden. Das Schicksal, ivclchcs wir langsam wachsen sehen sollten, ist ein gegebenes, festes, fertiges, das durch die beiden letzten Akte zwar eine sehr stimmungsvolle nnd social ergreifende, aber dockt keine solche Beleuchtung erfährt, die den Mangel einer eigentlich dramatischen Spannung ersetzen könnte. Um so lebensvoller find die einzelnen Bilder, für flch ge» nominell. Wie der Vorhang austollt, sehe» wir das Heini der alten FischerSwittlve. Durch die Fenster schaut das geivallige Meer in die enge Stube, das Meer, das Mann auf Mann im Fischerdorf verschlungen hat und unersätllich auf neue Opfer lauert. Da sind ihre Söhne: Varcud, der jüngere, ein nennzchnjähriqer Bursch, der mit zitternder Angst dem Schicksal, das den Vater und die Brüder getroffen, entgehen will, der„Feigling", wie sie ihn im Hause schelten; da ist Geert, der ältere, ein echtes Schifferdlnt, stark, wild und trotzig. Auf der Marine haben sie ihn, als er gegen einen Vorgesetzten, der seine Braut zu beleidigen wagte, die Hand erhoben, ins Gefängnis geworfen. Mit Knirschen denkt er der Schmach. Nicht umsonst ist er dranffen in der Fremde gewesen, sein Proletarierbewnsttsein ist erwacht, allerhand neue Ideen, auch die Arbcitennarscillaise, hat er von dort nach Hanse gebracht. Den Schiffsherrn Bos, der ihn wie auch den Bruder zur Fahrt angeworben, weist er, als dieser ihn nach Unternehmer- Patriarchenart zur Rede stellen will, frisch und keck in seine Schranken. Da ist endlich der alte Kuiertje Nichte, die prächtig gezeichnete luftige Jo, tüchtig, stark nnd hart, die mit leiden- schastlicher, bewundernder Liebe am Heerd hängt; solvie Cobus nnd Drontje, das greise, ansgedicntc Armenhäusler Paar.— Eine kurze Abschiedsfeicr, dann soll der Fischkutter in See stechen. Barend hält fich verborgen, von einem alten Schiffsziinmerer hat er gehört, das; die„Hoffnmig ans Segen" morsch und brüchig sei. Furchtbare Todesangst überfällt ihn; nur mit Zagen hat er sich antverben lassen, aber nun will er fliehen. Die eigne Mutter, die es nicht anders weiß, als daß alle Männer ini Ort hinausmüssen, hältsthn mit blutendem Herze» von der Flucht zurück, bis endlich die Hafenpolizei erscheint nud den verzweifelt sich Wehrenden zum Schiffe abführt.— Der dritte Akt, das ist die Todesangst der Heinigebliebenen. Der Sturm heult und pfeift dnuihen auf dein Meere und thürmt Hans- hohe Wellen. Eine um die andere kounnrn die Frauen in das HnuS der alten Fischerstvitive angeschlichen; sie sitzen zusamme» nnd rede» nnd reden, um die lähmende Furcht zu betäuben. Aber immer wieder fällt das Gespräch auf Tod und Untergang. Jede einzige hat davon zn erzählen. Der ist der junge Bruder, jener der Mann, jener sind die Söhne dranszcn.-uf hoher See ertrunken. Eine einzige, in ihrer Monotonie erschüttcrade Totenklage I Auch Jo, die den andren! immer Mut zugesprochen, bricht endlich znsannnen. Tot steht sie im Geist den Geliebte» den Vater des Kindes, das sie erwartet.— Der Schlnstakt, der zur schärfsten socialen Aiiklage sich zuspitzt, spielt in dem Comptoir des Reeders Bos. Neunzig Tage lang ist keine Nachricht von den: Schiff gekommen; das Zimmer wird nicht leer von Männern und Frauen, die immer wieder mit zitternder Stimme um AnSkunst fragen. Endlich kommt Nachricht. Eine Luke des Schiffes nnd eine Leiche sind irgendwo an den Strand ge- spült. Der Sturm der Verziveiflmig nud des Umvillens bricht kos: Das Schiff sei morsch gewesen, Bos habe darum gewuht, er hätte darum wissen müsse»! Aber mit eherner Stirne hält der Reeder stand. Das Schiff, dessen letzte Seefahrt dies sein sollte, ivar ver- sichert, es ist vom Jnspicicntcn der Versicherungsgesellschaft unter- sucht worden. Was will dagegen das Zeugnis eines alten Schiffs- zimmermanns beweisen? Wie ivill man auf das bloße Zeugnis dieses Trunkenbolds hin ihn, den angesehenen Brotherrn nnd Ehren- mann, einer Schuld zeihen? Und so, bald ffcch und trotzig, bald mit mit der Miene großmütiger Herablassung, wehrt er die Eindringenden ab. Die Hauptsache, das Schiff war gut versichert: 42000 Gulden. Sobald das Zimmer sich geleert hat, wird telephonisch un, gehend der Versichcrungsageut herbeordert. Diese Scencn sind um so wirksamer, als der Dichter es mit kluger Einsicht vermeidet, Bos direkt zum Verbrecher zu stempeln, der von voniherei» es auf den Untergang des Kutters angelegt hat. Nur— er hat die Dinge gehen lassen, ivie sie gingen, und sein Geld ist ihm die Hauptsache. So bleibt auch diese Figur im Rahmen das Thpischcn. Und um so furchtbarer ist der Eindruck. Wir hoffen, noch oft dem«»erschrockenen, wannherzigen und ehrlichen Autor auf der deutschen Bühne zu begegnen.— e. s. Kleines Feuillekon. — Morgculändische Straffenrufc. Der„Köln, Ztg.' wird geschrieben: In den unteren nud mittlercu Klassen Kairos liegen die häuslichen Einkäufe nicht wie bei uns der Hausfrau oder den Dieustbotcu, sondern dem Familienvater ob. Da mm in diesen Schichten der Mann der» ganzen Tag in Werkstatt oder Laden zu thun hat, so kann er nur einkaufen, wenn er nicht danach herum- zulaufe» braucht, d. h. ivenn der Verkäufer zu ihm kommt. Auf der Straße wird daher so ziemlich alles verkauft. Möbel soivohl ivie Kiudcrspielzeug, persische Teppiche und bauniwollene Taschentücher, lebendes Schlachtvieh so gut wie geröstete Fleischstnckche», prachtvolle Früchte und ekelhaftes Meergewürm. Süßigkeiten aller Art und zahl- lose, mehr oder»rmder wohlschmeckende Getränke. Die Fcilbieler all dieser Herrlichkeiten schreie» die Borzüge ihrer Ware in alle vier Windrichtungen hinaus. Das bei uns übliche einfache Ausrufe» genügt nicht: der Kairincr Straßenhändler psalmodiert eine Art von wehmütigem Singsang, der durch uraltes Vorkomme» für jede Ware nach Tonfall und Wortlaut feststeht. Oft wird der Verkaufsgegen- ftaud dabei nicht einmal genamn. So taucht in den Eingeborenen- Vierteln regelmäßig kurz»ach Mittag eine Klasse von Verkäufern auf, die eine große runde Holzplatte auf dem Kopfe trage»; von der Schulter hängt ihnen ein hohles, trommelartiges Gestell ans Palmrippeii. Von Zeit zu Zeit schreien sie:„Auf Gott jvcrtrautj, Gäbir, o Herr Gäbir 1' Dieser Herr Gübir ist ein toter Heiliger, der bes_ Alexandrien bestattet liegt. Was er mit den ge- kochten Schafsköpfen zn thun hat, die von diesen Leuten verkaust werde», ist nicht recht ersichrlich, aber wer den herkönnulichen Schrei hört, weiß sofort, ivas feilgeboten wird. Es ist di Leibspeise der Eseltreiber und Lastträger, denn sie ist unglaublich billig und gleich zum Essen fertig. Der Gäbir-Mann setzt bloß seine Platte auf das Gestell und hackt von den noch warmen Hammelhäuptern für soundsoviel Para ab; als Teller dient ein dünner Brotfladen. Das Gericht wäre vielleicht nicht so übel, ivenn, nur nicht das die Platte umhüllende Staubtuch so schrecklich unsauber wäre. Eingeborene, die auf sich halten, rühren daher diese wegwerfend als bidhä'ah, d. h. Ware schlechthin, bezeichnete Speise nicht an. Für solche ist der Rogcnhändler da. Der ruft: „Der Roge», der vorzügliche, der getrocknete, der frische I" Er ver» kauft kleine, braunrote Stangen: die eingesalzenen und getrockneten Eierstöcke eines barschähnliche» Fisches, also eine Art Caviar, und er bedeckt seine teure Ware nicht mit einem schmutzigen Lappen, sonder» wickelt jedes Stück säuberlich in ein Kohlblatt ein, genau wie die Fleischer in Tausend und einer Nacht, die auch noch kein Wurstpapier kennen. Fast jede Tagesstunde steht im Zeichen eines bestimmten Eß- Warenhändlers, weil in den meisten Haushaltungen nur zum Abend gekocht wird und man also für die übrigen Mahlzeiten auf das angewiesen ist, was die Straße bietet. Am frühesten auf den Beinen ist der Milchmann, der seine Kuh mit ihrem Kalb schon vor Sonnenaufgang durch die Straßen treibt. Statt des Kalbes, das in der Regel allzu jung ans Messer muß, schleppt er oft einen nmfvrmigeii Popanz mit sich herum: das ausgestopfte Fell des schnöde geopferten Tierchens. Beim Melken wird die Kuh wiederholt auf das Schreckgcbilde ohne Kopf und Glieder aufmerksam gemacht, sie soll dann, in dem Wahn, ihr Junges lebe noch, mehr Milch. geben. Auch sonst ist der Milchmann ein geriebener Geselle. Bringt er es doch fertig, einem und demselben Tier drei verschiedene Sorten Milch zu entlocken, deren Preis natürlich ebenfalls verschieden ist und davon abhängt, ob der Käufer sich mit der ihm aus einer Kanne zugemessenen Flüssigkeit begnügt oder ob er verlangt, daß in seinem Beisein eingcmolke» werde, wenn auch in das dem Milch- man» gehörende Maß, oder schließlich, ob er das Mißtranen soweit treibt, selbst niclken und selbst messen zn wollen. Wer soviel Erfindungsgabe besitzt, ivird sich auch mit dem anstrengenden Ausrufen nicht quälen: allerlei kleine Mißhandlungen bringen die Kuh hin nnd wieder zum Brülle», und das thnt dieselben Dienste. Etlvas später als der Milchmann erscheint der Fntäiri; er liefert den besseren Eingeborenen den ersten Morgenilnbiß. Fatir, wovon Fatätri abgeleitet ist, bedeutet ursprünglich jede Speise, mit der man daS Fasten unterbricht, also break'fast dejeuner, hat jedoch seinen Be- griff verengt und bezeichnet heute einen feinen, papierdünn aus» gewalzten Blätterteig, der mit gehacktem Fleisch, Zwiebeln und Ge- würz gefüllt, sodann wie ein Briefumschlag gefaltet und zuletzt in Butter gebacken wird. Es schmeckt vorzüglich, wirkt aber auf euro» päisch geschulte Berdanungsorgane nicht viel anders, als ob man eine Flintenkngel in die Magcngegcnd erhielte. Bekömmlicher ist, lvas das Heer der Fruchthändler auf Karren und in Körben zu jeder TagcL- und Jahreszeit durch die Straßen schleppt. Wir sind im Orient, daher muß uatürlich jede Frucht grade ans der Gegend stammen, Ivo sie am besten gedeiht. Äepfel sind immer aus Maskat, Trauben aus Smhrna, Feigen aus dem Fajnm, selbst wenn sie ein paar Stunden früher noch in irgend einem Garten bei Kairo geprangt haben sollten. Eine weitere Eigentümlichkeit beim Ausrufen besteht darin, die angepriesene Frucht mit einer andern zn vergleichen:„Tomaten, o Granatäpfel l' ruft ein Verkäufer, um damit auf die außerordentliche Röte der letzter» hinzuweisen. Wer den Ruf zum erstenmal hört, glaubt selbstverständlich, es werde beides augeboten. Der beliebteste Ver- gleich ist der mit Honig:„O süßer als weißer Honig, ihr große». rote» Apfelsinen!" ist der herkömmliche Schrei, mit dem der Apfel- sincnhändler seine Ware gleichsam anredet. Grade für die be- schcideustcn Früchte sind die pomphaftesten Vergleiche im Gebrauch: die Tirmisbohne, ein fadeS Zeug ohne jeden Geschmack, wird aus- gerufen:„O, wie süß, das kleine Söhulein des Flusses!" Sollte jemand so unvorsichtig sei», sich für eine» Para.— um Himmelswillen nicht mehr— von dem„kleinen Söhnlein" zu leisten, so wird er unfehlbar die ganze Herrlichkeit ivcgwersen oder sie dem ersten wirklichen Söhnlein schenken, das ihm begegnet. Alle die bisher geschilderten Typen treten geräuschvoll ans, aber im Vergleich zu dem Höllenlärm, den die Getränkehändler vollführen, sind ihre Leistungen eine elende Spielerei. Die Krone freilich gebührt dem Verkäufer von Süßholzwasser. Er bereitet ans der Süßholzivurzel durch Auslangen einen angenehm bitterlichen Trank, an Farbe und Geschmack unserem Lakrizeuwaffer ähnlich. Etwa 20 Liter davon thut er morgens beim Aufbruch in einen mächtigen Thonkrug, den er sich an einem Riemen über die Schulter hängt. Um die Lenden gürtet er einen breiten, roten Schurz mit gelber Borte, und an der Stelle, wo der schwere, nasse Krug die Hüfte berühren würde, trägt er ein schützendes Lederpolster. Den Gürtel ziert ein Metallgestell nnt ei» paar Gläsern. In der Linken führt er ei» langschnäbeligeS Waffcrkännchen zum Ausspüle», in der Rechten seine Aiigriffswaffe: zwei flache Mesffugbccken, mit denen er taktmäßig so nachdrücklich klappert, daß man es eine Viertelstunde weit hört. Dazu schreit er unausgesetzt und mit einer Stimme, die wie die Dampfsirene ganz unvermittelt von den höchsten zu den tiefsten TonlcM» nberspi ingt:„Ein Ivenig Süßes nnd Kaltes, o Durstiger, Trank ,l»d Gesundheit, ganz und gar Eis, paß auf deine Zähne I Der Schluß klingt mehr lvie eine Warnung, soll aber gerade eine besonders eindringliche Empfehlung sein.— — Steigt daö Adriatische Meer oder sinkt die Rdriatische Kiisie? Auf diese Frage bezieht sich der Inhalt einer Broschüre, die Dr. v. Bizzarro in Gvrz veröffentlicht hat. Der Verfasser geht von einer Reihe von Thatsachen aus, die beiveise», daß seit mehr als einem Jahrtausend der Spiegel des Adriatische» MecreS im Ver» gleiche zur Küste sich ivcsentlich geHobe» hat. So befindet sich der steinerne Steg, der einst längs der Hinterseite des Dogen-Pnlastes in Venedig den Gondelsührcrn de» Zugang zu ihren Barken gestattete, gegenwärtig unter Wasser; einige Inseln in der venezanische» Lagune sind ganz verschwunden, ebenso ein Teil von Grndo; die unter Marin Theresia erbauten Kanäle zur Trockenlegung der Sümpfe von Aquileja liegen heute zu tief, um ihren Ziveck zu erfüllet»; bei Hochflut stehen die Hanptplätze in Venedig und Trieft regelmäßig unter Wasser; der alte Mosnikboden im Dome von Ravenna liegt unter der Flutlinie; an dein alten im Jahre 184ö beseitigten Molo in Pola sah nian die Bronzeringe zum Anbinden der Schiffe unter dem Wasserspiegel. Aehnliche Zeichen des alten Meeresniveaus findet man rings auf der adriatische» Küste an vielen Orten. Enstachio Manfredi berechnet die Hebung des Wafferspicgcls im Verhältnis zur Küste mit 10 Ccutimetern im Jahrhundert, und Professor Angelo Zcndrini hat festgestellt, daß die erlvähnte Berändernng in der Zeit von 1732 bis 1796 bei« läufig zivei Zoll betrug. Steigt das Meer oder fällt die Küste? Alexander v. Huniboldt und in»euer Zeit Anton Morlot in Lausanne»ehmcn an, daß die Küste an der Adria sinke. Gegen dieses„gedankenlose Axiom" zieht Bizzarro scharf ins Feld. Er ist der Ansicht, daß das Meer steigt. Das Ha»ptargume»t des Verfassers ist folgendes: Rings an der Adriatische» Küste stehen antike Gebäude, deren Seehöhe bei ihrer Errichtung nngenscheinlich eine andre war als heute, aber kein einziges hat seine horizontale Lage verloren. Also kann die Küste nicht gesunken sein. Mag nun aber da« Wasser schwellen oder die Erde schivinden, die Wirknng ans die Küstcnstädte ist die gleiche: Venedig versinkt allmählich im Schlamin seiner Lagune, und auch Trieft ivird, wie der Autor bemerkt, schon in seiner Unterstadt, Ivo die Kaualisiernng Schwierigkeiten bereitet, vom Meere bedrängt.— Archäologisches. — Die Felsen deS Sinai sind mit Tausenden von In» s ch r i f t e n bedeckt, die man, nachdem der byzantinische Reisende Cosuias Jndicopleustes sder Jndienfahrcr) in der Mitte deS G. Jahrhunderts sie als solche angesehen hatte, bis in die Mitte des vorigen Jahrhiuiderts als von den Israeliten deS Exodus herrührend ansah. Jetzt hat man die Inschriften längst als uabatäische er- kannt nnd man liest sie leicht. Es findet sich unter den im all- gemeinen banalen Inschriften eine ans dein'Jahre 85 der Zeit« rechuung von Bostra— 189 nach Ehristus. die bis jetzt so gelesen wurde, als sei darin von einer Verwüstung des Landes durch die Araber die Rede. Nach einer neuen Erklärung durch den berühmten französischen Orientalisten Clermont« Garncän. die wir den gerade erschienenen„Compto-Rsmiu."!" der Academie des Inscriptions et belles-lettres entnehmen, ist in der Inschrift die Rede von dem„Jahr, in welchen, die Annen des Landes das Recht haben, die Datteln zu ernten". Wir finden also gegen Ende des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts bei den semitischen Rabatäcni eine der Institution des jüdischen Sabbatjahres durchaus analoge Institution, denn dieses schrieb vor. den Arme» den Ertrag jedes siebenten Jahres zn überlassen. Die Ausdrücke der nabatäischen Inschriften gleichen durchaus denen, welche die Bibel gebraucht. Damit sind auch die tanscnde über den Sinai verbreiteten andren Jiffchrifte» erklärt, die zum größten Teil nur ans Eigennamen bc- stehen: die Stamen sollen das Eigentumsrecht an den Palinen« pflanznngen und den zur Weide geeigneten Terrains des Sinai bezeichnen, das sich periodisch durch das Recht der Armen auf das Erträgnis eines Jahre» aufgehoben fand. Eine ähnliche Dcntnng wie die nabatäischen Inschriften verlangen auch diejenigen des syrischen Sasäh. Dies ist übrigens ganz natürlich, da der nr- sprünglich nomadisierende arabische Stamm der Nabatäcr auch einmal den Hansa» bewohnt hatte, zu deffen Gebiet Saslth gehört resp. daran angrenzt.—(„Frlf. Ztg.") Aus den, Pflanzenleben. — Die frühere Verteilung von Laub- und Nadel- wald im Thüringer Walde bespricht Luise Gerbing („Archiv für Landes- u. Volkskunde d. Prov. Sachsen", 10. Jahrg., 1900) und giebt daselbst ein Bild der nllniählichc» Umbildung des Forstbestandes auch im einzelnen auf Grund von archivalischen und andren zuverlässigen Quellen. Ans allem geht die Zunahme des Nadelholzes hervor, überall läßt sich mit dem Fortschreiten der Forst« Wissenschaft die Umwandlung des Plänterbetricbcs, des Mittel- und Niederwaldes zum Hochwalde verfolgen; mit dein Einsetzen deS Erkennens des großen praktische» Nutzens der Fichte ist die Ueberhandnahnrc des Nadelholzes unabweislich. Unzweiselhaft werden sämtliche lickl- grünen Laubwälder in zwar kräftig duftende, aber bluinenarnie und düster-ernste Fichtenbestände mit der Zeit verwandelt. Noch im Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin 16. Jahrhundert trugen der Ruhlaer und der Wintersteiuer Forst Bis zur Emse völlig gemischten Laubholzwald, und alS einziger Bestand an Nadelholz wird für den Thüringerwald im Jahre 1557:„Kiefcrholz mit Laubholz" am Schloßberg, d. h. wohl der Wartburg, genannt. Ueber den von dem heutigen düster» ernsten Waldbilde ganz verschiedenen Bestand des Urwaldes erhalten wir beispielsweise durch Moorfunde Aufklärung. So wurde» in den sünfziger Jahren in den ausgedehnten Mooren an 20 Fuß tiefe Gräben gezogen, um die Abbaufähigkeit des Torfes zu prüfen, aber fortwährend stieß man noch auf Strünke von Laub» hölzern, darunter namentlich von Haselnüssen und Eichen. Als Be» stätigung für die Laubbewaldnng dienen auch eine große Zahl von Ortsnamen, die auf Linden- und Buchenbestände hinweisen. Die Eibe» waren gar nicht so selten, und das Dorf Ibenhain wird stet» die Kunde an das aussterbende Geschlecht wach erhalten. Neben der Beschädigung durch das Vieh brachte das stete Abnehmen von Zweigen zum Gräberfchmuck wohl viele Individuen zum Eingehen.— („GlobuS".) Humoristisches. — Vorbildung.„Sagen Sie, Herr Senator, habe da Kameraden— Abschied bekommen— vielleicht Besserer Posten in Ihrer Rheederei frei?" „Ja, mein Lieber, so ganz einfach ist das doch nicht, da ge- hört.. „Pardon, Kamerad würde sich brillant machen, hat sich von Jugend ans kolossal für den Wassersport interessiert."— — NachderProbe.„Wahrlich, Sie sind die großartigste Marin Stuart, die Deutschland seit undenklichen Zeiten hervor« gebracht hat. Wenn ich Sie, hochverehrte Frau, nur um etwa» ersuchen darf: Bohren Sie nicht in einem fort in der Nase I'— („Simpl.") Notizen. — L e s s i n g S Werke mit einer biographischen Einleitung von Ludwig H o l t h o f erscheinen demnächst als neuer Band der in Stuttgart erscheinenden einbändigen Klassiker-Ausgabe der Deutschen Verlagsanstalt. Preis 3 M.— — Eine Biographie des Bakteriologen Pasteur wird im Herbst unter dem Titel„Pastcurs Leben", zwei Bände stark, erscheinen.— — lieber„Goethes U n i v e r s i t ä t S j a h r e" spricht Prof. Rich. M. Meyer am Mittwoch in der„Berliner Freien Studentenschaft"(Krebs Hotel, Niederwallstr. 11).— — August S t r i n d b e r g hat ein neues Drama„Karl Xll." vollendet.— — Generalintendant v. P e r f a I l hat seine Deniission als Direktor der Akademie der T o» k u n st in München eingereicht.— — D i e g r ö ß t e n st e h e n d e n D a m p f m a s ch i n e n d e r Welt werden demnächst in dem Kraftwerk der Manhattaii-Eiseubahn- Gesellschaft der Stadt New Aork aufgestellt werden. Es sind acht Gruppe» von Dampfmaschinen zn je 8000 Pferdestärken. Jede der Maschinengrnppcu wird direkt verbunden werden mit einem Elektricitäts-Erzcnger von 5000 Kilowatt. Jede Gruppe besteht für sich au« einem Paar Verbundmaschinen, die auf demselben Schaft arbeiten, indem die Hochdrnckcylinder horizontal, die Niederdruck« chlindcr vertikal liegen, crstere messen 44. letztere 88 Zoll im Durch- messer. bei einer Hubhöhe von 5 Fuß. Die Geschwindigkeit wird 75 Nindrchimgen in der Minute betrage».— — Die Versorg» n.g Amerikas mit Ananas. Einen großartigen Anfschivniig hat während der letzten Jahre die Ananas« kultur in Florida genommen, nnd aller Voranssicht nach ist die Zeit nicht fern, da dieser Staat die immer größer werdende Nach« frage nach dieser Südfrucht ini ganzen Gebiet der lliiion zu decken im stände sein wird. Roch im Jahre 1875 wurden, wie der „Globus" berichtet, nach den Ausweise» des New Dörfer Zollamts dort nicht weniger als 5 785 550 Stück Annnas eingeführt, von denen die meiste» von den Bahnma- und westindischen Inseln kamen, aber im Jahre 1882 war die Einfuhr bereits ans 2 533 320 Stück zurück- gegangen und jetzt liefern die kleinen Insel» Floridas, die so- geiiannten Keys, einen sehr großen, wenn nicht den größten Teil der in den Vereinigten Staaten verbrauchten Ananas. Auch auf dem Festlnnde des geiiannten Staates gewinnt die Anpflanzung dieser Frucht immer größere Ausdehnung. Dagegen ist der Ertrag auf den Bahamas in Abnahme begriffen, was der Erschöpfung des Bodens zuzuschreiben ist. Ans Euba sind die Znckcrpflanzer jetzt eben daran, ihre Rohrzucker-PIantagen, die sich schlecht bezahlen, in Ananasfelder umzuwandeln.— — Der älteste Mensch war. nach einem Vortrage„Die Lebensdauer des Menschen", den unlängst Prof. Gerhardt in Berlin hielt, ein Engländer, der von 1501—1670 lebte, also die respektable Reihe von 169 Jahren erreichte. Bei einer GerichtSverhandtung er» schien er mit einigen Söhnen, von denen jeder ebenfalls schon weit über 100 Jährlein trug.— Druck und Verlag von Max Bavtu« in Berlin.