Mnterhaltungsblatt des Horwärts ?!?. 137. Mittwoch, den 17. Juli. 1301 (Nachdruck verboten.) 741 jEt t?& c i f i Roinan in drei Büchern von Emile Zola. Ans dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenzweig. Das Vorhängeschloß brach, und Nanet konnte die Leiter her vorziehen. Später begriff er nicht, woher er die Kraft ge- nommen hatte, um sie aufzustellen. Aber wie durch ein Wunder brachte er es zu stände. Da sah er. daß sie zu kurz war. und einen Augenblick verließ ihn der Mut, den sechzehn- jährigen Helden, der seine dreizehnjährige Freundin retten wollte um jeden Preis. Er verlor den Kopf, er wußte keinen Rat mehr. ..Warte, warte I Das macht nichts l Ich komme doch l" Eines der Dienstmädchen, das in einem Dachzimmer wohnte, war zum Fenster herausgestiegen, und sinnlos vor Angst, sich schon von den Flanimen ergriffen wähnend, klammerte sie sich einige Augenblicke lang an die Dachrinne und ließ sich dann hinabfallen. Mit zerschmettertem Schädel blieb sie sofort tot liegen. Nanet, den die immer verzweifelteren Schreie Nises fast zum Wahnsinn brachten, fürchtete schon, auch sie werde herabspringen. Da schrie er ihr zu: „Spring nicht, ich komme, ich komme!" Und er stieg die Leiter hinan bis zum ersten Stock und drang durch eines der Fenster ein, dessen Scheiben von der Hitze gesprungen waren. Inzwischen war das Feuer bemerkt worden, viele Leute waren bereits herbeigeeilt und folgten mit Todesangst dieser tollkühneu Rettung eines Kindes durch ein andres. Das Feuer verbreitete sich immer mehr, die Mauern krachten, die Flanimen drohten schon die Leiter zu ergreifen, die leer an der Fassade lehnte, an welcher weder der Knabe noch das Mädchen wieder erschienen. Endlich wurde er am Fenster sichtbar, sie auf den Schultern tragend wie ein junges Lamm. Er war mitten durch die Glut ein Stockwerk hinaufgelaufen; aber seine Haare waren versengt, seine Kleider brannten. Und als er mit seiner teuren Last die Leiter mehr hinabgeglitten als hinab gestiegen war, waren beide, mit Brandwunden bedeckt und ohnmächtig geworden, in so inniger Umarmung vereinigt, daß man sie zusammen in die Cröcherie bringen mußte, Ivo Soeurcttc, die herbeigerufen worden war, ihre Pflege über- nahm. Eine halbe Stunde später stürzte das Haus zusanunen, kein Stein blieb auf dem andern. Aber das Feuer hatte sich durch den hölzernen Verbindungsgang in die Bureaus verbreitet und dann die nächstgelegenen Werkstätten ergriffen; schon stand die Halle der Puddelöfen und Walzwerke in hellen Flammen. Die alten, fast ganz aus Holz bestehenden, morschen und ausgedörrten Bauten fingen Feuer wie Zunder, und das ganze Werk war von Zerstörung bedroht. Man erzählte, daß das zweite Dienstmädchen Delaveaus, die sich durch die Sliiche hatte retten können, die erste gewesen war, die die Arbeiter der Nachtschicht alarmiert hatte. Aber die Fabrik besaß keine Feuerspritze und man mußte warten, bis die Feuerwehr der Cröcherie, eine der Einrichtungen des Gemeinhauses. geführt von Lucas, herbeigeeilt war, um der Konkurrentin brüderliche Hilfe zu leisten. Die Feuerwehr von Bcauclair, deren Organisation eine sehr mangelhafte war, kam erst nachher an. Aber es war zu spät. Alle Ge- bände des Werkes von einem Ende zum andern brannten lichterloh, ein Riesenfeuerherd von mehreren Hektaren, aus welchen! nur die Schornsteine und der Härtcturm für die Kanonen herausragtcn. Als nach dieser Schrcckensnacht der Tag anbrach, um- standen noch zahlreiche Gruppen die Brandstätte, aus der noch inimer Flamnren und Rauch zu dem fahlen, kalten November- Himmel emporstiegen. Die Behörden von Beauclair, der Unterpräfekt Eh�telard, der Bürgermeister Gourier hatten den Platz nicht verlassen, ebenso waren der Präsident Gaume und sein Schwiegersohn, der Hauptmann Jollivet, herbeigeeilt. Der Abbä Marie, der erst später benach- richtigt worden war, kam erst bei Tabesanbruch, gefolgt von einer Schar Neugieriger, worunter die Ehepaare Mazelle, Laboque, Cafsiaux und auch der Fleischer Dacheux. Auf allen Gesichtern malte sich Entsetzen. die Leute sprachen mit leiser Stimme untereinander und fragten sich, wie das Unglück hatte entstehen können. Es war nur eine Zeugin da, das Dienstmädchen, das sich hatte retten können. Sie er- zählte, daß die gnädige Frau kurz vor Mitternacht aus der Guerdachc heimgekehrt sei; bald darauf seien heftige Stimmen laut geworden, und dann habe plötzlich alles in Flammen gestanden. Die Erzählung ging von Mund zu Mund, die Einge- weihten errieten das furchtbare Drama, das sich abgespielt hatte. Der gnädige Herr und die gnädige Frau seien sicherlich in den Flammen umgekommen, sagte das Mädchen. Die all- gemeine Aufregung verstärkte sich noch, als Boisgelin an- gefahren kam. todesfahl und so schwach, daß man ihn aus dem Wagen helfen mußte. Dann brach er ohnmächtig zu- sammen angesichts dieses rauchenden Trümmerfeldes, wo die Flammen sein Vermögen verzehrt und die Körper Delaveaus und Fernandes zu Asche verbrannt hatten. Lucas leitete indessen die Thätigkeit seiner Leute, die im Begriffe waren, die noch immer brennende Halle des großen Dampfhammers zu löschen. Jordan blieb, in seinen Pelz gewickelt, beharrlich auf dem Platze, trotz der großen Kälte. Bonnaire, der einer der ersten herbeigeeilt war, zeichnete sich durch den Mut aus. mit dem er so viel Maschinen und Werkzeuge dem Feuer entriß, als möglich war. Bourron. Fauchard und alle früheren Arbeiter der Hölle, die zur Crecherie übergegangen waren, halfen ihm, wendeten alle ihre Kräfte an das Rettungswerk, auf diesem wohlbekannten Boden, wo sie sich viele Jahre gemüht hatten. Aber es war, als ob eine rasende Schicksalsmacht gegen die Werke wütete, alles wurde vertilgt, zerstört, trotz ihrer An- trengungen. Das rächende, reinigende Feuer war wie ein Blitz- chlag niedergefahren, es warf alles zu Boden, was aufrecht tand, es fegte die Trümmer der alten stürzenden Welt von lannen, die das Feld bedeckten. Nun war es vollbracht, der Horizont war frei, so weit das Auge reichte, und die wachsende Stadt des Friedens und der Gerechtigkeit konnte die siegreiche Flut ihrer Häuser bis ans Ende der weiten Ebene ergießen. In einer Gruppe stand Lange, der Töpfer, und sagte in seiner rauhscherzenden Weise: „Nein, ich kann mir das Verdienst nicht zuschreiben, ich habe dieses Fcuerchen nicht entzündet. Aber es ist ein hübsches Fcucrchen. Komisch, daß die Herren uns jetzt sogar helfen und sich selber braten!" Und der Schauer, der alle ergriffen hatte, war so ge- waltig, daß keiner ihn schweigen hieß. Die Menge ging zu dep siegreichen Macht über, die offiziellen Persönlichkeiten be- glückwünschten Lucas zu seiner Umsicht und Unerschrockenheit bei den Löscharbcitcn, die Kaufleute uud kleinen Bürger um- ringten die Arbeiter der Crecherie und machten öffentlich gemeinsame Sache mit ihnen. Lange hatte recht, eS giebt Stunden, wo die morschen Gesellschaftsklassen, von Wahnsinn erfaßt, sich selbst in die Flammen stürzen. Und unter dem grauen Winterhimmel blieben von den schwarzen, leiderfüllten Werkstätten der Hölle, wo die Lohnsklaven in den letzten Tagen der verwünschten und entehrten Arbeit gestöhnt hatten, nur noch einige dem Einsturz nahe Mauern und halbzerstörte Dachgerippe, über welche die Schornsteine uud der Härteturm einsam und nutzlos emporragten. Als an diesem Vormittag gegen elf Uhr endlich die gelbe Scheibe der Sonne durch die Wolken drang, kam Monsieur Jvrüme in seinem von einem Bedienten geschobenen Rollwagen vorüber. Er machte seine gewohnte Spazierfahrt, er hatte sich eben längs der Straße nach Combettes hinrollen lassen, an den Werkstätten und der wachsenden Arbeiterstadt der Crecherie vorbei, die so hell und röhlich in der Wintersonne lag. Und nun sah er das Feld der Zerstörung vor sich, die Ruinen der Hölle, die von der rächenden Macht des Feuers in Trümmer gelegt worden war. Lange sah er hin mit seinen ausdruckslosen, wasser- klaren Augen. Er sprach kein Wort, er machte keine Geberde, er sah nur hin, und nichts ließ erkennen, ob er gesehen uud verstanden hatte. Drittes Buch. I. Auf der Guerdache wirkte der Schlag entsetzlich. Von einem Tag zum andern war Vernichtung auf diesen Sitz der Freuden und des üppigen Genusses niedergesunken, wo bisher ein Fest dem andern gefolgt war. Eine Jagd mußte abgesagt werden, die großen Dienstag-Diners konnten nicht mehr statt- finden. Ein großer Teil der zahlreichen Dienerschaft sollte verabschiedet werden, man sprach sogar vom Verkauf der Wagen, der Pferde und der Meute. Der Garten und der Park, die von fröhlichen, lärmenden Gästen belebt gewesen waren, lagen vereinsamt. Und das prächtige Wohnhaus selbst, die Salons, der Speisesaal, das Billardzimmer, das Rauchzimmer waren zu Einöden geworden, durch die der Hauch des Unheils schauerte. Das Ganze eine vom Blitz getroffene Stätte, welche in der Einsamkeit des plötzlichen Unglücks trauernd dalag. Und durch diese unendliche Trostlosigkeit schleppte Bois- gelin seine jammervolle Gestalt. Zerschmettert, aufgelöst, keines klaren Gedankens fähig, verbrachte er entsetzliche Tage, wußte nicht, was er nüt seinem Körper anfangen sollte, irrte wie eine Seele im Fegefeuer unter den Trümmern seinerFrendcn umher. Er war im Grunde nichts als ein armseliges Geschöpf, ein Sportsman und Clubnian von durchschnittlicher Liebens- Würdigkeit, dessen elegante Gestalt mit dem hochmütig-vor- nehmen, nionoclegezierten Gesicht unter dem ersten kräftigen Schicksalshauch der Wahrheit und der Gerechtigkeit zusanimen- knickte. Er, der bis jetzt nur seinen Vergnügungen gelebt hatte, die er für etwas ihm selbstverständlich Gebühreudes hielt, der mit seinen beiden Händen nie das geringste gethan hatte, und der glaubte, daß er ein Mensch aus besonderem Stoffe, ein Auserlesener und Bevorrechtigter sei, dazu geboren, daß die Arbeit andrer ihm Nahrung und Genuß ver- schaffe— wie hätte er die Logik der Katastrophe begreifen sollen, die ihn zermalmte? Die Religion seines Egoismus hatte einen zu schweren Schlag erlitten, und er stand be- täubt vor der Zukunft, deren Drohung er noch nicht verstand. In dem dunklen Entsetzen� das ihn erfüllte, war zu oberst die Angst des Nichtsthuers, des Ausgehaltenen, der sich voll- kommen unfähig fühlt, selbst seinen Lebensunterhalt zu er- werben. Dclaveau war nicht mehr da: von wem sollte er nun die Interessen verlangen, die sein Vetter ihm versprochen hatte, als er ihn dazu bewog, sein Kapital in der guten Spekulation mit den Stahlwerken anzulegen? Die Werke waren ein Raub der Flammen geworden, das Kapital war mit ihnen verbrannt— wovon sollte er morgen leben? Und er irrte wie ein Wahnsinniger durch den einsamen Garten, durch das öde Haus, ohne eine Autwort zu finden. Am ersten Tage nach dem Brande konnte Boisgelin den Ge- danken an das entsetzliche Ende Delavcaus und Femandcs nicht los werden. Er selbst konnte über den Hergang nicht im Zweifel sein, denn er erinnerte sich, wie wuterfüllt sie ihn verlassen hatte. indem sie Drohungen gegen ihren Gatten ausstieß. Offen- bar hatte infolge einer Scene heftigen Streits Delaveau selbst das Haus in Brand gesteckt, um sich samt der Schul- digen zu vernichten. Und für den oberflächlichen Genuß- menschen Boisgelin lag in dieser That eine düstere Wildheit, eine Maßlosigkeit furchtbarer Leidenschaften, die ihm schau- derndes Entsetzen einflößte. Und was ihn vollends jeden Halt ver- lieren ließ, das war das Bewußtsein, daß er nicht über die Gcistesgaben, über die Thatkraft verfügte, um ein wenig Ordnung in eine so verwickelte und übelstehende Angelegenheit zu bringen. Von früh bis abend wälzte er wirre Pläne, ohne sich für etwas entscheiden zu können. Sollte er suchen, das Werk wieder in Gang zu bringen, einen Direktor zu finden, Geld aufzunehmen, eine Gesellschaft zu gründen, die das Unter- nehmen weiter führen würde? Das schien eine fast unmög- liche Aufgabe, denn die Verluste waren sehr bedentend. Oder sollte er nach einem Käufer Umschau halten, der das Terrain, die geretteten Maschinen und Lorräte auf eigne Rechnung übernahm? Er zweifelte sehr, ob er einen solchen Käufer finden würde, und besonders, ob er von ihm einen genügend großen Kaufschilling erhalten würde, um alle Verbindlichkeiten einlösen zu können. Und bei alledem blieb noch imnier die Frage zu lösen, wovon er leben sollte auf dieser Gnerdache, deren Unterhaltung schwere Kosten verursachte, und wo es am Ende des Monats vielleicht nicht einmal mehr Brot für alle geben würde. Nur ein Wesen fand sich, das Mitleid hatte mit diesem jammervollen, kraftlosen Menschen, der durch sein leeres HauL irrte wie ein verlorenes Kind, und das war Suzanne, seine Frau, diese sanftmütige Heldin, der er so schivere Schmach zugefügt hatte. Anfangs, als er sie zwang, sein Verhältnis mit Fernande zu dulden, hatte sie sich zwanzigmal des Morgens mit dem festen Entschlüsse erhoben, ein gewaltsames Ende zu machen und die Geliebte, die Fremde aus dem Hanse zu jagen: und jedesmal hatte sie doch wieder in ihrer gewollten Blindheit verharrt, da sie wußte, daß Boisgelin, wenn sie Fernande hinauswics, ihr folgen würde, so vollständig, so willenlos war er in den Banden dieses Weibes. Dann hatte das anormale Verhältnis all- mählich feste Formen angenommen, die Gatten schliefen in getrennten Zimmern, und sie war seine legitime Frau nur noch vor der Welt. Sie widmete sich ganz nur der Er- ziehung ihres Sohnes Paul, dem zu Liebe sie das Opfer ge- bracht hatte, den Schein aufrecht zu erhalten. Wäre dieses Kind nicht gewesen, das blond und sanft war wie sie, nie hätte sie so viel Kraft und Selbstüberlvindung gefunden. Sie hatte ihn aber auch dem unwürdigen Vater weggenommen, hatte sich seinen Geist und sein Herz ganz zu eigen gemacht und fand ihren Trost darin. Klugheit und Güte in diesen Boden zu pflanzen. So waren die Jahre hingegangen in der stillen Freude, den Knaben zu einem sanften und klugen Menschen heranwachsen zu sehen. Und sie hatte gleich- sani aus der Ferne und ohne daran teilzunehmen, dasjDrama, das sich abspielte, mit angesehen, den langsamen Niedergang der Hölle gegenüber dem steigenden Gedeihen der Cröcherie, den immer wilder werdenden Taumel der Genußsucht, der ihre Umgebung dem Abgrunde zutrieb. Endlich hatte ein letzter Wahusiniisausbruch alles in ein vernichtendes Flammen- meer gestürzt, und sie zweifelte nicht, daß Delaveau, dem endlich die Augen geöffnet worden waren, selbst diesen Niesen-Scheiterhaufen entzündet hatte, um sich darauf mit der Schuldigen, der Verderberin, der Vergiftcrin zu verbrennen. lFortsetznng folgt.) iNarbdruck verboten.) Die Grenzen der Eisenbahn- gesihtvindigbeit. Als eö sich vor 60 und etlichen Jahren daruni handelte, in einem deutschen Mittelstaate die ersten Pläne fiir Eiscnbnhnbantcn aufzustellen, beschloh das hochivohltvcise Landcskollegiuin: 1. ist das ganze Projekt technisch unausführbar: 2. ivcrden bei der beabsichtigten unvernünftigen Gefchivindigkeit von süiif Meilen in der Stunde alle Fahrgäste durch den Luftdruck gelötet werde» oder eine Gehirn» krankheit bekommen; 3. müßten wenigstens die Geleise auf beiden Seiten mit einer übermanushohen Pallisade eingezäunt iverden, um andre Menschen, die den vorbeibraufcnde» Zug ohne diese Schutz- ivchr scheu könnten, vor dem Eiutritt der gleichen Krankheit zu schützen. Die„rasende Gefchivindigkeit" von fünf Meilen, heute das Tenipo eines langweilige», auf allen kleinen Stationen haltenden Personenzugs, ist längst für die Schnellzüge verdoppelt worden, und einige derselben, z. B. der vielfach genannte D-Zrig Berlin-Hamburg und der diesen Sommer neu eingerichtete Luxnszng Berlin- Lnzern, erreichen auf freier und horizontaler, gerader Strecke die höchste in Deutschland dermalen zulässige Geschwindigkeit von 90 Kilometer pro Stunde. Solche Geschwindigkeiten sind jedoch bis jetzt erst noch Ansnahine», und es trifft im allgemeinen zu. daß sich der Schnellverkehr Deutschlands in einem Tempo von 70 bis 80 Kilo- meter pro Stunde vollzieht, was unter Berücksichtigung der Auf- enthalte und der An- und Abfahrtszeiten für weitere Strecken eine praktische Leistungsfähigkeit von 60 bis 6ö Kilometer in der Stunde ergiebt. Es ist— allerdings von nichtfachmännischer Seite— in den letzten Jahren immer wieder darauf hingewiesen worden, daß unsre Bahnen hinsichtlich der Schnelligkeit der Beförderung nicht, wie man hoffen und erwarten zu können glaubte, das höchste leisten, was in Kulturländcru erreicht wird. Diese Vorwürfe entbehrten damals fast gänzlich der Begründung, weil die in andern Ländern, namentlich in England und in den Vereinigten Staaten von Nord- amerila hier und da erzielten Geschwindigkeiten, wie diejenigen des „fliegenden Schotten", nämlich des Expreßzuges London-Edinbnrgh und etlicher Eilzüge von New Aork nach Philadelphia und Washington nur vereinzelt bleibende Sport- und Paradeleistungen waren, die keinesivcgs den Durchschnitt der Schnellzugsgeschwindigkeit re- präsentierten. Heute jedoch darf man derartigen Bemängelungen nicht mehr jede Berechtigung absprechen;»nsre besten Schnellzüge sind nicht nur von denen der beiden vorgenannten Länder, sondern auch in Frankreich, dessen Eisenbahnshstem keineswegs Muster- gültig ist, überholt. Der französische Siidexpreß Paris— Bayonne fährt auf der Strecke Bordeaux— Dax, die allerdings durch absolut ebenes Land führt, 94 Kilometer in der Stunde und selbst Oestreich ist uns nnt dem Luxuszug Wien— Karlsbad, obwohl dieser vielfach durch hügeliges und gebirgiges Gelände führt, und mit Zügen der Nordl'nhn hnrt eine auch nur dürftige Verzinsung des ungeheuren Anlagekapitals zu gewähr- leisten. Der einmal angeregte Gedanke geriet aber nicht mehr in Vergessenheit. Spccicll in Deutschland, wo die Strecke Berlin-Hambnrg für eine derartige Bahn die besten Bodenverhältnisse und Neiitabilitätsanssichtcn bietet, bildete sich im Jahre 1900 eine Studiengescllschnft für den Bau von Schnellbahnen; ein höchst ansehnlicher Geldpreis wurde für die beste Lösung der Aufgabe ans- geschrieben, eine Fernbahn mit schnell anfeinaiiderfolgciiden, kurzen Zügen von iniiidesteiis 200 Kilometer Stinideiigcschwindigkcit zu betreiben und die beiden Elcktricitätsfirmcii Siemens n. Halskc und die Allgemeine Elektricitäts-Gescllschaft gingen an den Bau großer elektrischer SchiiellzngSlokomotiven, die noch in diesem Sommer ihre Probe auf der Militärbahn Berlin-Zossen bestehen sollen, wobei ansäuglich im 120 Kilomctertcmpo gefahren und später die Geschwindigkeit bis auf 200 Kilometer gesteigert ivcrdcn soll. Die Elektriker sind nun nnter einander darüber einig, daß ihr technisches Können schon jetzt zur Konstruktion derartiger Lokomotiven ausreicht. An der theoretischen Lösimg dieser Aufgabe ist auch gar kein Zweifel möglich; denn die elektrische Lokoinotivc ist der niit Dampf betriebenen nicht nur dadurch Überlegen, daß sie nicht die hin- und hergehenden Maschinenteile der letzteren besitzt, die den Lauf der Danipflokomotive zu einem unregelmäßigen und bei großen Geschwindigkeiten recht gefährlich sprunghaften gc- stalten; sie gestattet außerdem auch— sei es durch eine Oberleitung oder durch eine dritte, stromführende Schiene— die Znführinig fast unbegrenzter Kraftmengcn, während die Umsetzung von Wärme in Arbeit mit Zuhilfenahme des Dampfes eine gcivissc Grenze hat. die im Lokoniotivbetricb nicht überschritten ivcrdcn kann, der ivir aber anscheinend schon ziemlich nahe gekommen sind. Die Hanptvoranssctzung der erhofften SchncNfahrten, die Schaffung leistungssähigcr elektrischer Schnellzugslokomotiven, ist also bereits erfüllt und ivird, wenn erst ausgedehnte, praktische Ver- suche vorliege», auch von Jahr zu Jahr glänzender gelöst werden. Es ist jedoch kein Zivcifcl darüber möglich, daß die heutige Eisen- bahntcchnik eine Reihe der umfassendsten Umgestaltungen erfahren muß, ehe man daran denken kann, ein Netz elektrischer Schnellbahneii über unsere volkreichen Länder zu spannen. Zunächst wird es unningänglich notivendig sein, für diese elektri- schen Schnellbahnen gänzlich neue Bahnkörper anzulegen; denn der Be- trieb dieser Züge ans Geleisen, die außerdem noch von langsame» Personenzügen und Güterzügen benützt iverdcn, ist ein Ding der Unmöglichkeit wegen der dabei ins Ungemcssene ivachsenden Ge- fahr von Zusammenstößen. Man wird vielleicht auch zu größere» Spurweiten übergehen, iveil die jetzt übliche, ans den Jugend- tagen des Eisenbahnwesens stammende Spnriveite bei großen Geschwindigkeiten in Krümmungen die Gefahr des Um- kippens infolge der wachsenden Ceutrifugalkraft involviert. Außerdem ivird man Wagen und Lokomotiven mit höheren Radkränzen versehen, zu höheren und schivereren Schienen übergebe», die letzteren statt der bisherigen Bcfcsti« gung auf Sctzivcllen ciiimauern muffen, auch Ivird die Bahn der Zilknnft mit Vermeidung enger Kurven und starker Steigungen gebaut iverden»inffen. Endlich wird man Uebergänge im Niveau nach Möglichkeit vermeiden und ei» ganz neues automatisch wirkendes System der Zugsichernng erfinden müssen, da die Streckensignale schon heute bei 90 bis 100 Kilonietcr Gcschivindigieit kaum mehr erkennbar sind, und bei der beabsichtigten schnellcn Zngfolge ein Anfeinanderfahre» von Zügen näher gerückt ist. Endlich ivird man auch dem steigenden Lnftividerstand Rechnung tragen müssen. Dieser hat schon heute bei der jetzigen Schnellzugsgeschivindigkeit die Stärke eines sturmähn- lichen Windes und ivird beim 200-Nilometcrtenipo. wo die Lokomotive 66 Meter in einer Sekniide zurücklegt, zur Gewalt des heftigsten Orkans anivachsc». Die Lokomotive wird daher vorn eine zugespitzte Form erhalten müssen und auch bei der Gestalt derWagen wird alles ver- niiede» iverden müssen, was der Luft Gelegenheit bietet, sich hinein- zusetzen und den Gang des Zuges zu hemmen. Es bedarf nach alledem keines weiteren Beweises, daß die Kosten dieser Schnellbahnen, die natürlich nnbediiigt ziveigeleisig angelegt werden müssen, das Doppelte und Dreifache des bisherige» durch- schnittlichcn Anlagekapitals betragen iverden. Trotzdem werden sie ans Strecken mit großem Verkehr gebaut iverden, iveil das Be- dürfnis uittveigcrlich da ist und die jetzt schon überlasteten Hauptliuien dann dein übrigen Verkehr besser entsprechen könne». Sie werden die Reisezeit ans die Hälfte bis ein Drittel der bis- herigen herabdrücken, so daß man bequem, am Morgen in Berlin abfahrend, in Wie», vielleicht sogar in Paris seinen Geschäften nach- gehen und doch noch am Abend desselben Tags ivieder zu Hanse sein ivird. Da man aus technischen Gründen nur kurze Züge von zwei oder höchstens drei Wagen ivird laufen lassen können, ivird man aber außcrdcm noch die große Aunehinlichkeit haben. nicht auf die wenigen heute ver- kehrenden Schnellzüge beschränkt zn sein, sondern alle halbe Stuu- den, längstens aber alle Slsluden auf den Hauptverkehrsadern Fahr- gelegenhcit zn finden. Weiiii sich der»euc Schnellverkehr unter diesen Umständen auch wohl noch auf sehr lange Zeit ans die befahreiidstcn Linieu beschränken ivird, so ivird eS doch eine Großthat des neuen Jahrhunderts sein, die reisende Menschheit wenigstens annähernd mit derjenigen Ge- schivindigkeit zn befördern, die der Bogel mit der Kraft seiner Schwiiigeli erreicht.— Dr. Friedrich August O st e r r oth. Kleines Iseuilleton. — Alpcugärte». In allen Alpenländern(Oestreich, Schweiz, Frnnkrcichj sind in neuerer Zeit Alpengärten entstanden. Rur Bayern ivar darin znrückgeblieben. Am letzten Sonntag, den 14. Juli, ivnrde »nn der e r st e A l p e» g n r t e n in Bayern ans dem Schachen feierlich cröffiiet. Der Garten wurde durch die Leitinig des Botanische» Gartens in München angelegt und bleibt dauernd mit diesem Justiiut verbunden. Welche Ziele ein solcher Alpeugarten ver- folgt, hat Professor G o e b e l i» seiner Eröffnungsrede dargelegt: Die Aufgabe eines Alpcngarlciis ist eine dreifache. Seit Menschen begonnen haben, frohgemut ans den Thälern in die reinere Lust der Höhen einporzilsteigcn, sind ihnen als schönster Schmuck der Berge die Alpenpflanzen lieb und ivert geivorden. Dieser Garte» soll auf einem der schönsten Stücke deutscher Erde alles vereiiiigen, ivas bei uns von Alpenpflanzen aushält, nicht nur»nsre einheimischen, auch die des Nordens, der Pyrenäen, des Kaukasus und andrer Gebiete. Sie sollen jeden,, der offne Augen hat für die Herrlichkeit der Natur, Freude und Belehrung bieten, ganz anders als dies geschehen kau» unten im Lärm und Ruß der Stadt. Dann aber soll dieser Garten namentlich auch eine ivisscnschaftliche Forschnngsstätte sein, wo es möglich ist, die vielen Probleme, die u»s die Älpenvegetation anfgiebt. nnter ihren natür- lichen Bedingungen zu untersuchen und in oft jahrelangen, müh- samen Untersuchungen die Bedingungen zn erforschen, welche den Bergpflanzen einen so eigcliartigen, für unser Auge so anziehenden Charakter aufgeprägt haben. Drittens endlich hoffen wir. daß später unser Alpeugarten auch praktischen Zwecken dienen wird, daß mit ihm Versuchsfelder verbmiden Iverden zur An- zncht und Prüfung der für die Alpcniveidcn bestgeeigneten Futter- pflanzen; jeder Kundige weiß, wie viel hier bei»iiS noch zu thun bleibt I Seit vorigem Herbst sind in dem Alpengartcn anf dem Schachen etwa 4000 Pflanzen ans den bayrischen und Tiroler Berge» gepflanzt und zn ihrer Aufnahme eine große Zahl Felsgruppcn und Beete angelegt worden.— — Der Stern der Weisen. Man schreibt der„Frkf. Ztg.": Zwei helle Sterne, die gleich init der Dämmerung in geringer Höhe im Südosten auftauchen, haben wohl schon manches Auge auf sich gezogen. Es sind die beiden größten Planeten, rechts Jupiter, links Saturn. Die stete Bcobachtüng ihrer gegenseitigen Stellung am Abendhimmel ist aber deswegen von besonderem Interesse, iveil die jetzt etwa 5 Grade auseinanderstehenden Planeten, nach- dem sich ihr Abstand znnächst noch etivaS vergrößert hatte. allinählich näher und näher zusammenrücken und im� Laufe des Herbstes dann das seltene, alle 20 Jahre nur stattfindende Schauspiel einer engen Konjunktion vorbereiten. In ihrer engsten k'imähcruiig lAnfaiift November) köiuieu beide zugleich in» Felde eines inäjjig vergröbernden Fernrohrs gesehen lverden. Eine noch viel stärkere Annäherung, die beide Gestirne dem unbewaffneten Auge nahezu als einen hellen Stern erscheinen liefe, wird manchmal als Erklärung für.Stern der Weisen" herangezogen, da im Jahre 7 vor Chr. thatsächlich eine solche sehr enge Konjunktion stattgefunden hat.— Erziehung und Unterricht. — Das Kind und die Pflanzenwelt. Den Pflanzen schenkt das Kind selten vor dem dritten Jahre Aufmerksamkeit. Seine ersten Lieblinge sind die Frühlingsboten, wohl weil diese in kahler Umgebung vereinzelt auftreten und durch ihre hervortretenden Farben die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Das Gefallen an duftenden Blüte» ist nur scheinbar. Die Kinder belustigen sich am „Hazzi" der Erwachsenen mehr als am Wohlgcruch. Sich selbst überlasse», würde das Kind die Pflanzenivelt nur höchst mangelhast kennen lernen. Deshalb ist, meint die„Köln. Volks- zeitung", eine vernünftige und geregelte Leitung seitens der Elten« und Lehrer notwendig. Der erste Kursus in der Pflanzenkunde fällt selbstverständlich der Mutter zu. Sie zeigt dem Kinde etwa die Teile der Blüte, ihre Farbe und Gestalt, ferner Stengel und Blätter. Bon letzteren rupft sie einige ab, mengt solche mehrerer Pflanzen unter- einander und läfet bestimmte herausziehen. Auch dem Wachsen und Blühen der Pflanzen wird Aufmerksamkeit geschenkt. Am erfreu- lichsten und eindrücklichstc» sind solche Beobachtungen, wenn das Kind den Samen der Pflanzen selbst gcsäet, die junge Pflanze, und wäre es nur eine Zimmerpflanze, begossen und gepflegt hat. Bon nicht zu unterschätzender Bedeutung für das Kind ist das naturkundliche Zeichnen. Schon in ziemlich früher Jugend sucht das Kind Gegenstände aus seiner Umgebung zeichnend darzustellen. Es handelt sich dabei um die Ausbildung zweier Organe: des Auges und der Hand. Leider wird häufig der gröfeere Nachdruck auf die mechanische Fertig- keit gelegt, während man meint, das Sehen verstehe sich von selbst. Es dürste aber umgekehrt sein, und deshalb bedarf das scharfe, richtige Sehen einer besonderen Schulung. Dr. Sigismund hält es für zweckmäßig, in die Mitte der Tischplatte eine Schiefertafel einzulegen, auf der dann ein ganzer Kreis von Zeichnern seine Kunst zu üben vermag. Zuerst werden einzelne Blätter gezeichnet, die man flach auf den Tisch legt, worauf man die Umrisse nachmalen läfet. Hat das Kind hierin einige Uebuug erlangt, so kann es versuchen, die Blätter in der Weise, wie sie am Zweige oder Stengel angeheftet sind, darzustellen. Die Krone aller Zeichenmuster aber sind die Blumen. Ihre schönen Gestalten und Farben ziehen so an, dafe selten ein Kind die Gelegenheit, dieselben nach der Natur zeichne» zu lernen, nicht dankbar annimmt.— Völkerkunde. k. Altjavanische T h e a t c r m a s k e n. Das neueste Heft des„Internationalen Archivs für Ethnographie" enthält einen Aussatz von Dr. H. Juynboll, dem Direktorial-Assistcnten des Museums für Völkerkunde in Leide», über das javanische MaSIcnspiel. In dem Leidener Museum findet sich eine ganze Reihe solcher inerkwürdigen Masken, die zu einer Untersuchung, wozu diese Masken gebraucht wurden, Anlaß geben. Das Material sind verschiedene Holzarten. DaS Holz wird roh mit einem Meifel bearbeitet, um Augen, Stirn und Nase zu formen, und dann an der Jimenscite ausgehöhlt, später mit einem Messer weiter bearbeitet, um die besonderen Züge herauszubringen, und bemalt. Kopfverzierungen werden häufig aus gekräuseltem Pferdehaar hergestellt. Die Theater« aufführmigeu mit solchen Maske» gehen in Java auf sehr frühe Zeit zurück. Zunächst gab es zwei Schauspieler, die sich in der Aufführung von Tanzspielen einen Namen machten»nid überall hiugerufeu wurden. Sie erlangten dadurch eine behagliche Existenz. Von 1508 an wurde das Maskenspiel nur. am Tage ausgeführt und ausschliefe- lich für das Volk. Die Schauspieler bestanden aus vier oder fünf Personen und ebenso viel Musikanten. Je nach dem Lohne richtete sich die Zahl der Tanzarten, die sie aufführten. Für eine spanische Matte z. B. stellte» sie die neuen Tanzspiele dar. Dann erst wurden Theaterstücke zusammengestellt, und es bildeten sich herumziehende Truppen, die populäre Strafeenanfführuiigen veranstalteten. Als Schauspieler fungierten wenigstens 8 und höchstens 12 Personen; ein vollständiges Stück aber mußte 40 Masken zählen, unter denen sich auch wenigstens ein Possenreißer befand. Aus der Zeit der Stiftung des Reiches Kartajura um 1680 wird berichtet, daß ein Maskenverfertiger, namens Nobjong, besonderen Ruf genoß. Die Haare, Backenbärte und Diademe, die vorher noch gemalt waren, wurden nun in Holz graviert und ausgearbeitet. Ein beim Volk besonders beliebter„Theaterdircktor" ivar damals Guna Lesana; auch die höheren Klassen ließen Maskenspiele von ihm auf- führen. Bisher existierten zwei Theaterstücke, jetzt wurde ein drittes zusammengestellt, uud. iveim alle drei aufgeführt wurden, dauerte die Vorstellung den ganzen Tag.— Medizinisches. en. Die italienische Bohnenkrankheit. Die be- rllchsigte Maiskrankheit, die Pellagra, ist nicht die einzige Pest, unter der die ärmeren Volksschichten Italiens infolge schlechter Ernährung zu leiden haben, sondern auch die besonders im südlichen Italien als Volksnahrungsmittel verbreiteten Bohnen(Viola kaba) verursachen ein Leiden, das zwar nicht so schlimm und lebensgefährlich wie die Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Pellagra auftritt, aber in seiner Wirkung und epidemischen Kraft nicht zu unterschätzen ist. Wahrscheinlich ist dieselbe mit dem Name« Fahismus belegte Krankheit auch in andren subtropischen und tropischen Gebieten vorhanden, soweit Bohnen gegesien werden. Die Er« scheinungen der Erkrankung, zu der vermutlich eine gewisse Veran» lagung des betreffenden Menschen gehört, find eigenartig. Sie be« stehen zunächst in einer citronengelben Färbung der Haut, Steigerung der Temperatur und Niedergeschlagenheit des Muskel- und Nerven« systems. Die wichtigsten Symptome sind außer der Hautfärbung besonders Migräne, allgemeine Schwäche, quälender Durst, bis zum Erbrechen gesteigerte Uebelkeit, Durchfall und blutiger Harn. Wenn der Kranke von der Bohnennahrung abgeht, so erfolgt gewöhnlich eine rasche Genesung, andern« falls kann das Leiden auch tätlich ausgehen. Sehr empfindliche Personen erkranken nicht nur»ach dem Genuß schon weniger Bohnen, solidem gar nach dem bloßen Gereich von Bohncnblüten. Es ist beobachtet worden, dafe Säuglinge erkrankten, deren Mutter an einem Bohnenfelde vorübergegangen war. Erwachsene Leute tvurden von der Krankheit befallen, nachdem sie auf einer bei der Bohnenemte benutzten Decke geschlafen hatten. Auch die � Anwesenheit von gährenden und faulenden Bohucnblättem im Zimmer kann die Erkrankung von deffen Bewohnern hervorrufen. Ein« maliges Ueberstehen der Krankheit giebt keinen Schutz vor der Wiederholung, sondem steigert im Gegenteil die Neigung dazu; auch ist die Empfindlichkeit dafür erblich. Der italienische Arzt Stevani hat ein möglichst reiches Material über die Krankheit gesammelt, ist aber bisher nicht dazu gelangt, ihr Wesen auszuklären. Durch chemische Untersuchungen ist iudefe festgestellt worden, daß die Bohnen einen chemischen Stoff, ein Alkaloid, ent« halten. das auf die roten Blutkörperchen zerstörend wirkt. Der Arzt steht dem Fabismus bisher ohnmächtig gegenüber, er kennt keine andre wirksame Behandlung als die Entfernung des Erkrankten aus der Nähe von Bohnenpflanzungen und Ausschluß von Bohuennahrung. Damit ist aber der Landbevölkerung von Calabrien, Sicilien und Sardinien tvenig gedient, da sie während des Frühjahrs auf die Ernährung durch Bohnen ausschließlich angewiesen ist, und daraus sind die maffenhafte» Erkrankungen an der Bohnen- krankheit in diese» Gebieten erklärlich und bisher ebenso schwer zu vermeiden wie zu heilen.— Humoristisches. — Größte Verwünschung. Beamter ssich mit einem Amtskollegen zankend):„Einen langlebigen Erbonkel ver« dienten Sie, der zugleich Ihr Vordermann-wäre I"— — Heirats-Annonce. Modem denkende Dame wünscht Ehe mit einem konfiscicrt und verboten geweseneu Schriftsteller.— — Entsprechend. Frau:»Aber Gustav, D» hast doch jetzt jeden Tag einen S p i tz I" Mann:„Ja, tvir leben doch auch jetzt in den Hunds« tagen!"—(„Meggend. hum. Bl.") Notizen. — Maxim G o rki ist von seiner Krankheit wieder her- gestellt und hat soeben ein Drama vollendet, dessen Titel»och unbekannt ist.— — Drei Einakter von Alexander M o S z k o w S k i, die den Gcsanittitcl„L u st i g e Musita nie n" führen, sind vom H a m- burger Thalia- Theater zur Aufführung angenommen ivorden.— — Arnold Böcklins Gemälde»Die Pest", das neuer- Vings den Titel„Der große Krieg" erhalten hat, Ivird noch in dieser Woche in der Secession ausgestellt werden.— — Die Adolf Menzel-Stiftung, ein Stipendium von etlva 700 M., gelangt wieder zur Auszahlung. Bewerber, ohne Unterschied der Konfession, ivelche sich als Schüler der Kuustakademie oder der Meisterateliers ausweisen können, haben ihre Gesuche, denen Studienarbeiten, Kompositionen zc. beigefügt sein müssen, bis zum 15. Oktober an den Vorsitzenden des Kuratoriums, A. v. Werner, einzureichen.— — Einen Preis von 3300 Mark schreibt der VerwaltungS« rat der Wedekindschen P r e i s st i f t u n g für deutsche Geschichte(in G ö t t i n g e n> aus. Das Thema lautet:„Eine kritische Geschichte der sächsischen BiStmnSgrLndnngen in der karolin- gischeu Zeit." Die VewerbungSschriften müssen bis zum 1. August 1605 eingesandt werden.— — Das 600 j ä h ri g e Jubiläum deS Kompasses ivird in diesem Monat durch eine grofee Feier zu Ehren seines Er« finders Flavia Gioja in Amalfi begangen werden.— — Der A i l a» t n s s p i n n e r. Strafeburg zählt seit einer Reihe von Jahren zu seiner TieNvclt einen Schmetterling, der sonst wohl in ganz Europa nicht angetroffen werden dürfte, nämlich den fast fledermausgrofeen, kaffeebraunen und mit vier rosaroten Mond« flecken gezeichneten Ailantusspinner aus Nordamerika, den seiner Zeit der verstorbene Direktor der Straßburger Tabakinannfaktur, August Schnitter, dort einführte. Man hatte befürchtet, dafe dieser ftemde Gast dem diesjährigen strengen Winter zum Opfer gefallen wäre. Zur Freude der Sammler ist er jedoch in diesem Jahre viel zahl« reicher aufgetreten als je zuvor.— Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.