Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 1Z8 Dounerswg. den 18� Juli. 1901 Macddrucl verbotene 751 N r b v i k'. Roma« in drei Büchern von Emile Zola. AuS dem Französischen iU'ersetzt von Leopold R o s e n z w e i g. Auch Snzanne war von der 5latastrophe tief cr> schüttelt, und sie fragte sich, ob sie nicht einen Teil der Schuld daran trage, durch die Schwäche und die stille Er- gcbung, mit der sie so lange die Schande und den Verrat in ihrem Hause geduldet hatte. Wenn sie sich sofort aufgelehnt hätte, vielleicht wäre das Verbrechen nicht so weit gediehen. Diese Vorwürfe ihres Gewissens machten sie tief elend und öffneten ihre Seele dem Mitleid nnt dem jammervollen Menschen, dem sie seit dem schrecklichen Geschehnis in seiner Zerrüttung und Hilflosigkeit durch den verlassenen Garten und das verödete Haus irren sah. Als sie eines Vormittags den Salon durchschritt, der der Schauplatz so vieler eleganter Feste gewesen war, sah sie ihn zusamniengesunken in einem Fauteil sitzen, laut schluchzend wie ein kleines siind. Von tiefem Mitleid bewegt, näherte sie sich ihm. mit dem sie seit Jahren außer in Gegen- ivart von Fremden kein Wort mehr gewechselt hatte. „Wenn Du Dich der Verzweiflung ergiebst," sagte sie, „ivirst Du nicht die Kraft finden, deren Du bedarfst." Verwirrt darüber, daß sie mit ihm sprach, sah er sie durch seine Thränen an. „Es hilft nichts, von früh bis abends herumzuirren," fuhr sie fort.„Du mußt den Mut aus Dir selbst holen, anderswo ivirst Du ihn nicht finden." Mit verzweifelter Gebärde envidcrte er leise: „Ich bin so allein!" Er war ja eigentlich kein schlechter, nur ein dummer und schivachcr Mensch, eine jeuer feigen Naturen, die der Egoismus herzlos und grausam macht. Und es lag ein solcher Jammer in dcni Tone, in dem er klagte, daß sie ihn in seinem Unglück allein lasse, daß sie davon tief gerührt war. „Du willst sagen, daß Du allein sein wolltest. Warum bist Du, seit all das Schreckliche sich zugetragen hat, nicht zu nur'gekommen?" „Mein Gott," stammelte er,„könntest Du mir ver- zeihen?" Er ergriff ihre Hände, die sie ihm nicht entzog, und beichtete sein ganzes Vergehen in einem Erguß leidenschaftlicher Reue. Er gestand nichts, was sie nicht schon wußte: seine langjährige Untreue, sein Liebesverhältnis mit dem Weibe, deren Gesell- schaft er ihr aufgezwungen hatte, die ihn toll gemacht, ihn in den Ruin gejagt hatte. Aber er klagte sich mit so rücksichtsloser Offenheit an, daß sie davon gerührt war wie von eincin neuen, vollkommenen Geständnis, dessen Demütigung er sich hätte ersparen können. Und dann sagte er: „Ja, ich habe Dich viele Jahre hindurch gekränkt und beleidigt, ich habe schmachvoll gehandelt. Aber warum hast Du mich auch mir selbst überlassen, warum hast Du keinen Versuch gemacht, mich zurückzuführen?" Damit berührte er den wunden Punkt ihres Gewiffens, das ihr geheime Vorwürfe machte, daß sie vielleicht nicht ihre volle Pflicht gethnn hatte, indem sie ihn nicht in seineiu Falle aufhielt. Und die Versöhnung, vom Mitleid begonnen, wurde vollendet durch dieses Gefühl schwesterlicher Nachsicht. „Ja." sagte sie,„ich hätte vielleicht mehr känipfen sollen, ich habe zu sehr meinem Stolz und meinem Friedensbcdürfnis gehorcht. Wir bedürfen beide des Vergesse»�, lassen wir die Vergangenheit begraben sein." Ihr Sohn Paul ging eben durch den Garten, und sie rief ihn herein. Er war nun ein hübscher, großer Junge von achtzehn Jahren, den sie nach sich selbst gebildet hatte, sehr klug und sehr gut, und besonder» frei von allen Klassen- Vorurteilen, bereit von seiner Hände Arbeit zu leben, sobald die Umstände es erforderten. Er hatte eine starke Liebe zur Erde gefaßt und verbrachte ganze Tage auf dem Pachthof, wo er sich für alle Verrichtungen des Ackerbaues interessierte und mit lebhaftem Anteil das Keimen und Wachsen der Bodenfrüchte beobachtete. Auch jetzt, als seine Mutter ihn rief, war er grade auf dem Wege zu Feuillat, um einen neuartigen Pflug zu besichtigen. „Komm her, mein Kind, Dein Vater hat Kummer, und ich möchte, daß Du ihn umarmst." Vater und Sohn waren einander entfremdet, ebenso wie Mann und Frau. Ganz im Banne seiner Mutter stehend, war Paulin kaltem Respekt vor diesem Manne au sgewachsen, in welchem er den bösen SNenschen, den Quäler seiner Mutter ahnte. Nun sah er, ein wenig außer Fassung, seine Eltern an, die beide so bleich und so tief erregt waren. Er begriff, was ge- schehen war, und umarmte seinen Vater zärtlich; dann warf er sich an die Brust seiner Mutter, um auch sie innig in seine Anne zu schließen. Die Familie hatte sich wiedergefunden, sie durchlebten einen glücklichen Moment, der die Gewähr voll- kommener Eintracht in sich zu schließen schien. Als auch Suzanne ihn umarmt hatte, mußte sich Boisgelin Gewalt anthun, um nicht wieder in Thränen aus- zubrechen. „Nun sind wir wieder vereinigt! Ach, meine Lieben, das giebt mir ein wenig Mut. Wir befinden uns in einer so schrecklichen Lage! Wir müssen uns beraten, müssen eine Entscheidung treffen." Sie blieben dann noch in langem Gespräch beisammen. Er empfand das Bedürfnis zu sprechen, sich der Frau und dem Sohne mitzuteilen, nachdem er so lange allein unter Verzweiflung und Ratlosigkeit gelitten hatte. Er glaubte Suzanne in Erinnerung rufen zu sollen, wie sie seiner- zeit die Werke für eine Million, die Guerdache für eine halbe Million Franks gekauft hatten, aus den zwei Millionen, die ihnen damals geblieben waren, wovon eine Million ihre Mitgift, die andre den Rest seines Vermögens gebildet hatte. Die übrigen fünfmalhunderttausend Franks waren dann Delaveau als Betriebskapital ausgehändigt worden. Ihr ganzes Vermögen war also festgelegt, und dazu kam noch. daß infolge der jüngst eingetretenen Schwierig- ketten eine Anleihe von sechsmalhunderttausend Frank hatte aufgenommen werden müssen, die das Unter- nehmen schwer belastete. Die Werke schienen verloren da- durch, daß eine Feuersbrunst sie eingeäschert hatte, denn man hätte erst die sechsmalhunderttausend Frank bezahlen müssen, ehe man an einen Wiederaufbau hätte denken können. „Was gedenkst Du also zu thun?" fragte Suzanne. Er setzte ihr hierauf auseinander, daß er zwischen zwei Ausivegen schwanke, ohne sich für den einen oder den andern entscheiden zu können, da beide ungeheure Schwierigketten boten: entweder alles, was noch von den Werken übrig blieb, zu irgend einem Preis verkaufen, der wahrscheinlich kaum die Schuld von sechsmalhunderttausend Frank decken würde, oder neue Geldmittel auftreiben und eine Gesellschaft gründen, der er das Terrain und die geretteten Maschinen und Vorräte als seine Einlage mitbringen würde— eine Kombination, die ihm sehr wenig Aussicht auf Verwirklichung zu haben schien. Und dabei wurde es inimer dringender, eine Lösung zu finden, denn mit jedem Tage wurde der Verlust größer. „Wir haben noch die Guerdache," warf Suzanne ein. „Wir können die verkaufen." „O, die Guerdache verkaufen!" stöhnte er auf.„Diesen Besitz verkaufen, an den wir so gewöhnt sind, an dem wir mit allen Fasern unsres Daseins hängen! Und dann sollen wir uns in irgend ein armseliges Nest vergraben l Wie qualvoll, wie entsetzlich wäre das wieder!" Sie runzelte die Stirn, als sie sah, daß er sich noch immer nicht an den Gedanken eines stillen, einfachen Lebens gewöhnen konnte. „Mein lieber Freund, darein müssen wir uns nun unter allen Umständen finden. Wir können unmöglich länger em so kostspieliges Haus erhalten." „Nun ja, allerdings, wir werden die Guerdache verkaufen, aber später, bei günstiger Gelegenheit. Wen»«r.r n« ftr. zum Verkauf auSbötcn, so würden wir nicht die Hälfte des Wertes dafiir bekommen. Man würde sehen, daß wir in einer Zivangslage sind, und alles würde sich vereinige», um ur.S auszuöenkkn und sich an uns zu bereichern. Im übrigen ist dieGuerdachc Dein Eigentum. Wieaus denVcrträgeil hervorgeht, wurde die Hälfte Deiner Mitgift zum Ankauf des Landsitzes, die andre Hälfte als Beitrag znin Kaufpreis der Werke der- wendet. Diese gehören uns also gemeinsam, die Gncrdache aber Dir allein, und nur Deinetwegen möchte ich sie so lang als möglich erhalten." Suzanne wollte für den Augenblick nicht länger in ihn dringen, aber mit einer Gebärde drückte sie aus, basj sie seit langem zu allen Opfern entschlossen sei. Voisgelin sah sie an und schien sich Plötzlich an etwas zu eriuuern. „Ja, ich wollte Dich schon fragen— hast Du Deinen ehemaligen Freund, Monsieur Fromeut, nicht wieder- gesehen V" Sie blickte aufs höchste erstaunt auf. Als infolge der Gründung der Cröchcrie mid der daraus entstandenen scharfen Konkurrenz zlvischcn den beiden Unternehmungen der Bruch mit Lucas unvermeidlich geworden war, hatte diese Notwendigkeit keinen geringen Kummer zu ihren häuslichen Bitterkeiten gefügt. Sie verlor in ihm einen brüder- lichen, treuen Freund, der sie getröstet und ihr beigestanden hätte. Aber sie nahm auch diesen schmerzlichen Verzicht auf sich, und sie hatte ihn seither nur hie und da auf ihren seltenen Spaziergängen gesehen, ohne je wieder ein Wort mit ihm zu sprechen. Er selbst befolgte ihr Beispiel der Zurück- Haltung und der Entsagung, und es schien für immer vorbei mit ihrer innigen Freundschaft von einst. Gleichwohl brachte Suzanne dem Lebenswerk Lucas' ein leidenschaftliches Interesse entgegen, das sie vor aller Augen verbarg. Sic stand mit ihrem Herzen nach wie vor an seiner Seite, in scineil edlen Plänen, in seinem gewaltigen Ringen, ein wenig Gerechtigkeit und Liebe auf Erden heimisch zu machen. Sie hatte mit ihm gelitte», mit ihm triumphiert, und als man ihn infolge des Messerstichs Ragus verloren glaubte, hatte sie sich zwei Tage lang in ihr Zimmer eingeschlosseil und keinen Menschen sehen»vollen. Alls dem Grunde ihres Schmerzes hatte sie damals ein unerträglich qualvolles Gefühl entdeckt, entstanden aus dein Belvnsttsein, daß er Josiue liebte, wie sie gleichzeitig erfuhr. Hatte sie also Lucas geliebt, ohne es zu wissen? Hatte sie nicht von dein Glück, von der Seligkeit geträumt, einen Gatten zu haben wie er, der einen so herrlichen Gebranch von seinem Reichtum gemacht hätte? Hatte sie sich nicht ausgemalt, wie sie ihm zur Seite gestanden hätte, ivelches Wundcriverk segensreicher Thätigkeit sie in Gemeinschaft mit ihm hätte vollbringen können. Aber er war ihr für immer verloren, er ivar nun der Gatte Josiuens, und sie hatte entsagungsvoll ihr freudloses Dasein als verlassene Frau weitergeführt und ihr Leben nur noch ihrem Kinde gewidmet. Lucas hatte aufgehört, für sie zu existieren, und die Frage ihres Gatten griff in solche Fernen ihrer Vergangenheit zurück, dag sie wie aus einem langen Traum erwachend antwortete: „Wie hätte ich Monsieur Fromeut wiedersehen sollen? Du weißt, daß unsre Beziehungen seit mehr als zehn Jahren vollständig aufgehört haben." BoiSgelin zuckte die Achseln. „Trotz alledem hättet Ihr einander begegnen und mit- einander sprechen können. Ihr verstandet Euch ja ciunial so gut. Du stehst also in gar keiner Verbindung mehr mit ihm?" „Nein," erwiderte sie kurz,„wenn es der Fall wäre, wüßtest Du es." Ihr Erstaunen wuchs, und zugleich fühlte sie sich verletzt über diese beharrlichen Fragen. Worauf wollte er hinauS? Weshalb wünschte er, daß sie in Verbindling mit Lucas ge- blieben wäre? Ihre Neugierde wurde rege. „Warum fragst Du mich das?" „O nichts, es war nur so eine flüchtige Idee, die mir im Augenblick gekoniinen ist." lForisctzung folgt.) Vlo LNtufknttsflcllttttg dcv Vevlinov SeocfZiott. i. Vcobachlet man die großen AuSstellnnge» dieses Jahres darauf- hin,>me sich in ihnen die deutsche Malerei darstellt, so lvird man sich des Eindrucks nicht erivehren können, daß ivieder einmal ein Stillstand eingetreten ist, daß im allgemeinen eine starke Unsicherheit über die einzuschlagenden Wege herrscht. Sicht»mn von einigen Ivenigcn ab, so zeigt sich ein' haltloses Experimentieren und Herum- tasle», bei dem sehr oft das von der modernen Malerei Er- rniigcne leichten Herzens abgeworfen lvird, oder aber ein trivialer Naturalismus, dem es an jeder künstlerische» Durchdringung des Stoffes fehlt. Es ist daher ein besonderes Verdienst der Seccsston, daß sie in diesem Jahre die Meister des Auslands stärker herangezogen hat und so ivieder nachdrücklich auf das hinivcist, ivas die moderne Malerei groß gemacht hat. Es sind zum Teil ältere Bilder der großen Franzose» ausgestellt. Man muß Liebermnnn recht geben, ivcinr er in dem Vorwort zum Katalog bemerkt, daß diese Malereien uns heute schon klassisch aninntcn. Ist auch die Entwicklung noch darüber hinausgegangen, so zeigt doch gerade ein Vergleich dieser mit jüngeren Bildern derselben Maler, ans ivelche Ziele sie hinstrebteir und ivorin das Wesentliche liegt, ivas die moderne Malerei erreicht Hai. Sehr nahegelegt ist ein solcher Vergleich besonders bei C a m i l l e Pissarro, von dem ein altes und ein neues Bild einander gegenübergehängt sind. In dem crstere» schildert er auf einer Leinwand großen Formats ein Dorf Pontoise, das an den Abhängen eines Hügels, zum Teil in Bäume» versteckt, liegt. Es ist ein klarer Sommertag, nur einige lichte Wölkchen ziehen an dem blauen Himmel hin. Die Häuschen, die an der geivnndeiie» Berg- straße stehe», die Bäume, die Pflanzen im Bordergnmde, allcS liegt im Sonnenschein. Aber dieser Schein ist malt und hat keine Lcncht- kraft, ivenn man die Darstellung auf dem andren Bilde dagegen hält. Dort ist Noncn am Morgen geschildert. Man sieht auf einen breiten Fluß, an dessen jenseitigem User eine Fnbrikstadt mit rauchenden Schloten liegt, während vorn eine Menge Arbeiter am Ufer steht, die gerade einen Dampfer be- steigen. Hier leuchtet eine eckte Morgensonne, man fühlt das Flimmern und Zittern der Luft in dem ivcitcn Rawn, es weht wie ein kühler Hanch von Morgenluft auS dem Bilde. Weißblan strahlt der klare Himmel, und der von leichter Brise gekräuselte Spiegel des Flusses flimmert im Sonnenschein. Auf demj alten Bilde ist allcS anfS Einzelne gesehen, jeder Strauch und jedcS Hans genau durchgearbeitet, hier ist vor allem die Gesamtstimmung mit außerordent- sicher Klarheit herausgearbeitet, die Einzelheiten sind nur so iveit gegeben, als sie diese mit bedingen, die Mensche» vorn als Masse, die Häuser der Fabrikstadt in ihren große» Zügen. In diesem Hinarbeiten auf das Ganze cineS Erscheinnngslomplexes. in diesem Ver- zicht auf alles Detail, so weit es nicht für den Eindruck in Frage kommt, ist die Grundtendenz gekennzeichnet, die sich in dem Lebens- werk aller der großen Bahnbrecher verfolgen läßt. Dabei darf aber nicht übersehen werden, wie große Schönheiten auch die alten Bilder halten. Der alte Pissarro ist von einer wunderbaren Feinheit in der weiche» Harmonie seiner grünen, braunen und blauen Töne, und es ist ganz vorzüglich herausgebracht, wie die kleinen Häuser ans dem Abhang gelagert sind. Auch von Claude Mo»et werden diesmal nur alte Bilder, ztvci Hafenbilder und ein Porträt, gezeigt. Wäre er auch in seiner neueste» Phase vertreten, der Abstand würde noch bei iveiten» größer erscheinen. ES ist dieselbe Entwicklung, nur daß die Wandlung noch radikaler Ivar. In dem„Hafen von Honflenr", das bereits, ans dem Jahre 1866 stammt, belebt eine große Zahl Fischerboote, die rechts einen dichten Mastenwald mit braunen und gelbe» Segeln bilden, den Spiegel dcS Wassers, das sich weit in die Tiefe hineinzieht. Prachtvoll ist diese Tiefe herausgebracht, von einschmeichelnder Weichheit sind die köstlichen Farben- töne, die bunten Farben der Boote, das kalte Grün ihrer Schatten im Wasser. der leicht bedeckte Himmel, der in dem saust betvcgten Wasser iviederstrahlt.— dies alles ist in große» Zügen lebensvoll hingcmalt. Noch einheitlicher»nd größer wirkt die Natnrstimmnng in dem andern großen Bilde, dem„Hafendamm von Le Havre". Die schweren Wogen donnern gegen den Strand und fahren hochanfspritzend gegen den weit in die See vorgeschobenen Damm, dnnkleS Gewölk hängt tief herab vom Himmel und die Leute auf dem Damm iverden fast sortgciveht von der Macht des Sturmes. Das Ganze ist in einem unheimlich wirkenden schillernden grünlichen Ton gehalten. Aber so stark der Eindruck von den beide» Bildern ist, erinnert man sich, wie Monet heute die Luft und die See malt, so erkennt man, wie groß der Fortschritt ivar. Ten letzten Bildern gegenüber erscheint die Wolkenivand hier noch glatt und ohne Leben, der weite Raum auf dem anderen trocken»nd luftleer. Diese Bilder wirken ruhig, während die späteren von momentanem, zuckende»» Leben erfüllt scheinen. Sie sind in breiten festen Flächen hin- gestrichen, die Monet dann auflöst und in Striche» und Flecken hinsetzt, die erst im Auge sich zu einein vibrierenden Gesamtton ver- einen und so den» Eindruck des Lebens selbst außerordentlich viel näher kommen. Neberrascht lvird man auch vor den» prächtigen frischen Damenportrait Moncts stehen, das in altmcistcrlicher Art, in einer schönen dunklen Tönung gegeben ist. Den stärksten Eindruck unter den älteren französischen Bildern macht indessen ein großes, gleichfalls älteres Damenportrait von Renoir. Die Dame steht gegen einen Waldhintergrimd, mit leichter Drehung des Körpers»ach rechts gewendet; während der rechte Arm lose herabfällt, hält die Linke einen kleinen Sonnenschirn», der Gesicht und Schulter beschattet. So einfach das Motiv ist, so kokett und graziös ivirkt die Haltung. Von unsagbarem Reiz ist die Farbenbehandluug. Das Weiß des Kleides, das nur durch die schivarze Schärpe' mit den lang herabfallenden Bändern unterbrocheir wird, ist mit erlesener Feinheit durchmodelliert, und mit einer höchsten Delikatesse sind die Fleischtöne des Gesichts in dem Schatten, die Schattenpartien des KlcideS und vor allem das Durchschimmern der weihe» Anne durch den leichten durchbrochenen Stoff, mit dem fie bekleidet sind, behtmdclt. Diskret hebt sich die Gestalt von dem Hindergrimd ab, den dämmernden Schatten �ivischc» den starken Stämmen der Waldbäinne, in die nur hier und da ein leichter Sonucnblitz einfällt. Das Ganze ist ans eine vornehme Weißgrane und graugrüne Farbentonreihe gestimmt. Es fällt dem Beschauer schwer, von dieser Feinheit die Brücke zn finden zu der Art des kleineren Bildes„Der Gedanke", von demselben Künstler, das ans der letzten Zeit stammt. Es ist das Brustbild einer Dame, die sich nachdenklich in die Kissen zurücklehnt. An die Stelle der Zurück- Haltung in der Farbe ist ein großer Reichtum von vollen Tönen ge- treten,— die wohl weich und reizvoll sind, aber an die ältere Art nicht entfernt heranreichen,— an die Stelle der sorgfältigen Bio- dclliernng eine Verblaseue Zeichnung. Eine andere Linie der modernen Malerei zeigen die Bilder zweier Holländer auf. Bon Jozcf Israels, dem ältesten der holländischen Künstler, sind zwei Bilder ausgestellt, die zn dem Er- greifeudsten gehören, was die moderne Kunst hervorgebracht hat. „Wenn man alt wird", ist das eine betitelt. Eine Greisin sitzt am flackernden Hcrdfcuer und ivärmt sich die zitteniden Hände. Ein Bild mensch- iichcn Elends, diese Alte mit dem gcbengtcn Kopf, dem vertrocknete» Gesicht und den zerarbeitctcn Händen, das erschütternd wirkt. Das- selbe gilt von dem andeni Gemälde„In Feld und Wegen". Bei sinkender Nacht Ivandert ein altes Weib mit einem Hnndegcfährt über das öde Feld, das unabsehbar sich bis zu dem fernen Horizont hindehnt. Ein schwaches Not verglimmt am Himmel, dnnllcs Gewölk senkt sich herab, alles in liefe Schatten hüllend. Wunderbar, wie ans der tiefen Dämmerung die Umrisse der Figuren im Vordergründe auftauchen, und wie die kann» erkennbaren Umrisse der mühsam wandenidcil Alten von ihrem Elend erzählen. Die künst- lerischcn Mittel, mit denen dies erreicht ist, sind die denkbar ein- fachsten. Die Bilder sind ganz in einem branngrüncn und blau- grünen Gesamtton gehalten, die Zcichnniig begnügt sich mit den große» Linien, und doch ist eine solche Tiefe der Empfindung damit erreicht. Jakob Maris, der schon verstorbene Künstler, bietet größere Reize auch in den rein künstlerischen Mitteln. Aach bei ihm herrscht ein dunkler brauner Grundto» vor. aber dieser ist reich nuanciert, und in Landschaften und Städtebilder» hebt er sich von einem leichten hellgraue» Himmel wirkungsvoll ab. Man verfolge etwa. wie in der Ansicht von Dordrecht. in der die schöne Stadlsilhonette init der mächtigen Kirche im Mittelgründe gegen den Himmel gesetzt ist, der Bordergrund mit den Bootet» durchgebildet ist und wie der Blick rechts über den Fluß hin in die Tiefe auf die im Hintergrund liegende Stadt gezogen wird; oder wie in der„Flnßlandschaft" die braune Ebene so gegeben ist, daß sie in uncndliche Tiefen zu führen scheint, und wie sich dann darüber der weite Himmel wölbt, mit grauen Wolken, die schwer zusammengeballt sind und doch wirklich in der Luft schweben. Das sind malerische Glanzstücke, in denen das Eigentümliche holländischer Kunst mit der Schwere ihres landschaftlichen Charakters zu voll- konuncnem Ausdruck gelangt ist.—— Irl. Kleines Feuilleton. — Türkische Hcilkünstlcr. Der„Köln. Ztg." schreibt man: Gestern noch saß Hadschi Mustafa in, Bazar und verkaufte Grün- zeug und Melonen. Wie ist die Welt überrascht, an» heutigen Morgen statt dcS Gemüses und Obstes lange Reihen von Medizin- flaschen in den verschiedensten Größen zu finden, Kräutcrsäcke und Pulvcrbüchsen I Hadschi Mnstafa sitzt vorn am Eingang seiner Bude, hat vor sich ein dickes altes Buch und leiert unermüdlich Seile um Seite herunter. Kommen die Kunden und fragen: Salem alcikum I Hadschi Mustafa, ivas ist geschehen? Dann hebt Hadschi Mustafa das eruste Antlitz und entgegnet: Allah ist groß! Mohammed erschien mir nachts im Traume und verkündete mir: Du bist von Allah bestimmt ivorden, fortan die Leiden der Menschen zn lindern. Und alles verneigt sich vor ihm und murmelt; Allah ist groß, sein Wille geschehe, Jnschallah! Solch ein Traum genügt den strengste» Forderungen des ärztlichen Befähigungsnachweises, groß und klein eilt zun» neuen Doktor von Gottes Gnaden. Da die wirklichen Aerzte einen Puls fühlen, so saßt auch Hadschi Mustafa Efeudi seine Patienten irgendivo am Arm und schaut dabei mit affektierter Verzückung bald znni Himmel, bald zur Erde. Schließlich sagt er dem Kranken nlit ernster Stiinme: Hole ein Stückchen Scherbe I Dieses Wort, gleichlautend mit de», deutschen Worte Scherbe, be- deutet ein Trinkgefäß ans Thon, das porös ist und infolgedessen das Wasser frisch und kühl erhält. Scherbestücke findet man auf allen Gassen. Der Kranke holt also schnell das Verlangte und reicht es dem Hadschi. Nun muß der Kranke einen Finger in das dicke Buch, gewöhnlich den Koran, stecken, der Arzt schlägt die be- rührte Seite auf und liest andächtig die Stelle oder den Vers ab, worauf des Patienten Finger ruht; dann taucht er seine Schreib- feder in das Tintenfaß und schreibt auf den inneren Rand der Scherbe den Vers nieder; darauf greift er nach einer beliebigen Medizinflasche— die göttliche Inspiration läßt ihn die richtige er- raten— und er gießt auf das Geschriebene so viel hinauf, bis sich Schrift und Medizin verwischen. DaL Heilmittel ist fertig I Folgende Gebranchsauweisung wird zun» Schluß dem Kranken zu teil: Gehe jetzt nach Hanse; dort nimm die Scherbe in die rechte Hand und schreite dreimal um die Beluah— eine Art Senkgrube— deines Hauses, von rechts nach links, und sage mit zum Himmel gerichteten Blick den Bcrs, den ich früher dir vorgelesen. Dam» nimm die Scherbe in die linke Hand und gehe um die Beluah von links nach rechts und sprich abermals den Vers. Und dann trinke die Medizin ans der Scherbe und du wirst gesund werden, Jnschallah, so Gott tvill! Jnschallah, wenn Gott will! Geht es dem Patienten trotz des verordneten Heilmittels schlechter oder stirbt er gar— mm, des Hadschi Mnstafa Schuld ist das nicht, Gott»volltc es so und gegen Gottes Willen kann man nichts ausrichte»! Schwerkranke bestellen sich die Wunderdoktoren aus dem Bazar nach Hause. Wem» s» ein Arzt zn einem Kranken gerufen wird, dam» reitet er niemals ans geradem Wege hin, sondern zieht kreuz und quer und steigt mehrmals absichtlich vor den»in- richtigen Hänscri» ab, um den bösen Geist irrezniühren, der sich an ihn herandrängt und die von Allah inspirierten Heilmigstvimder zn stören sucht. Wie bei Tischlern und Schlossern sich das Handwcrk von einem Geschlecht ans das andere vererbt, so vererbt sich in manchen Familien des Orients das Handlverk des Arztes. In den Provinzen, wo es keine Drogucngeschäftc und keine Apotheken giebt, verschaffen sich diese Aerzte ihre Medikamente bei Verkäufen der Vorräte, die abgereiste oder verstorbene europäische Aerzte hinter- lassen haben. Die in Massen wahllos aufgekauften Arzneien, von deren Nützlichkeit oder Schädlichleit sie nicht die geringste Ahnung habe», verwende» sie nach einem einfachen System: eine Arznei nach der andern wird nnfgebrancht I Verwechselungen innerer und äußerer Mittel und tötliche Vcrgiftuuge» sind die natürlichen Folgen der häufig Jahrzehnte laug dauernden Wirtschaft dieser Gistmischer. Vor mehreren Jahren geschah es, daß sich in Stambul ein gewisser Mohammed Aga Kremli eines abends als Kapndschi oder Thorwächtcr niederlegte, aber»ach einer traumreichen Nacht am andern Morgen als ein dreifach begnadeter Weiser der Wissenschaften erwachte: als Müncdschim, Sihirbns und Hckim, als Astrologe, Wahrsager und Arzt. Aga bedeutet einen, der nicht lesen und nicht schreiben kann; Mohammed Aga konnte also nicht lesen und nicht schreiben, um so wunderbarer wirkte seine aus den Fingern gesogene Gelehrsamkeit. Denn er heilte durch die bloße Berührung seiner Finger mit der kranken Stelle. Er nahm als Honorar nie- »»als mehr als einen Piaster für die Ordination, begnügte sich aber auch niit Naturalien. Trotzdem wurde er schnell ein reicher Mann, denn von niol-gens früh bis zu»» lintergang der Sonne drängte sich ganz Stambul vor dem Eingang seiner Bretterbude.— — Die Bernhardiner Hunde und daS Telephon. Ein französischer Tourist, der kürzlich von Martigny aus über den St. Beenhard-Paß ging, geriet etwa eine Stunde»mterhatb der Paßhöhe in einen dichten Nebel. Da eö ihn» nicht ratsam erschien, ivcitcr zn gehen, setzte er sich auf einen Fclsblock und ivartete auf die berühmten Bernhardiner Hmide, die ihn auffinden und geleiten sollten. Aber es kam kein Hund; nach einer Stunde Wartens ver- zog sich der Nebel und der Reisende erreichte wohlbehalten das Hospiz. Dort erkundigte er sich bei den Priestern, weshalb kein Hund ausgeschickt worden wäre, und erhielt die Auskunft, daß die Hunde nur mehr auf telephonischen Anruf nusgcsandt werden. So sonderbar daS klingt, so guten Grund hat die Einrichtung in den bestehenden Verhältnissen. Der St. Bernhards- Paß, dessen Höhemvcge während acht Monate in» Jahre»nit Schnee be- deckt sind, wird jetzt auf einer wohlgeführte» und wohlgehaltcnen Straße überschritten, an deren Kehren Schutzhütten augebracht sind, die selbst bei Nebel gesehen werden können, die, inmier offen, gegen Stur»» und Schnee Schutz gewähren. Jede dieser Schutzhütte» ist mit dem Hospiz telephonisch verbunden, so daß der Wanderer bei be- deuklichcu» Wetter, starker Erschöpfung durch das Telephon um Hilfe bitten kann. Diese Einrichtung ist zu beiden Seiten des Passes all- gemein bekannt und ivird jedem Landfremden, der dieses Weges zieht, in de» Thälcru von Wallis und Picmont mitgeteilt. Wenn nun solcher tclephonischer Hilferuf kommt, so weiß niau in» Hospiz auch sofort, von ivelcher Schutzhütte aus die Hilfe erbeten wurde. Dann lvird ein Mann und ein Hund ausgeschickt. Der Hund trägt ei» Körbchen um den Hals, in dem Brot, Käse und Wein enthalten sind; er wittert schon auf zwanzig Minute» Distanz den Menschen und länft uu» voraus mit seiner Labung. Diese Einrichtung erleichtert die sichere Hilfe und erspart den Insassen dcS Hospizes das oft unnötige planlose oder vergebliche Absuchen des Passes, und es war nur Leichtsiin» des Franzosen, daß er sich vorher nicht er- kündigt hatte. Der Sankt Beruhards-Paß ist heute noch sehr stark frequentiert. Das Hospiz bewirtet jährlich 4—5000 Touristen. 5— 6000 Pilger und etwa 15 000 pieniontesische Arbeiter, die in der Schweiz Arbeit suchen. Selbst im strengsten Winter passiere» sechs bis acht Gäste täglich das Hospiz. Das Telephon als Rettnugs- anstalt bewährt sich jährlich an etlichen Tausend Menschen.— Theater. „Theater Charivari" sSecessionsbrettl). Wie doch die Menschen, wenn einmal etlvas einen Erfolg gehabt hat. dahinter her sind, es kennen zu lernen, zu applaudieren, zu kopieren I Nun ist der Bombenerfolg von Wolzogens Ueberbrettl da, und schon schießen seine Epigonen allorts aus der Erde hervor. Doch daß wir ein gutes Wort nicht mißbrauchen: das sind nicht die Epigonen, wie fte die Gescbichtc d�v KiiuRc feuut,«vie fle sich in treuer Hin- gebung zu der Höhe cincs Meister» hinnufiletnUcitct haben rnid nun daran allcnr Gjpotte zunr Trvtz in entfernte �eit fcstlialten und der Knust dienen, indem sie unr diese» oder jenes ivcrtvoltc Stückchen über ihn hinauszugehen streben, D a S sind nicht die, so heute»och den Geist Mendelssohns oder Schumanns Ivcitcrpflcgeu. und auch nicht die, so da Wagners Lebensziele mit seinen Mitteln fortführen. Das sind vielmehr die, ivclchc beobachten, ivie im Uebcrbrcttl der „lustige Ehemann" und die„Haselnng" dein Publikum gefallen, und Ivelche nun mit den Kopie»„Das verliebte Paar" und„Nasenbank" ei» Geschäft zu machen suchen. Herr Albert Kühne, der artistische Leiter, Regisseur und Mitwirkende des„Theater Charivari" (S e c e s s i o ns b r e t t l), das vorgestern in der so recht„secessio- Iiistischen" Gegend das Theater des Westens einigermaßen füllte, ist ein Mann von geschickte» Einfällen, vorzüglicher Sprech- und Ecstcnknnst nnd jener Gleichgültigkeit gegen Unterschiede eigent- lich künstlerischen Werts, die des Erfolgs beim Ilntcrhaltnngs- Publikum sicher ist. Nun würde nns ja diese Situation einen kriti- scheu Ernst ersparen können. Wir brauchen dann nicht anfange» von dem alten Kampfgcgen dieGedichtillnstrationen. gegen das„Prachttverk", von dem tausendmal Gesagten, daß ein Vorführen der Kunst in äußerlicher Ausstattung, die Ablenkung der Aufmerksamkeit von ihr auf die Nebendinge ihr Tod, zumal der Tod der Lyrik ist, nnd ganz besonders in dein Fall, lvenn die Ausstattung sich dem voll mensch- lickeu Kunstwerk des Dramas von außen nähert. Wir brauchen dann nicht sprechen von unsrcr Befürchtung, daß das angeblich zur Er- höhung der Liederknnst geschaffene höhere Variete die Poesie, die Mnsik nnd den Knnstgcsang ruinieren helfen wird. Allein was uns im„Charivari" geboten wird, tritt doch wiederum mit dem Anspruch auf, Künstlerisches zu sein. Wie da ein Schivanenwcib nach dem andern austritt und auf- tanzt und aufspielt und anfsingt, mit Belcnchtungs- efsekten übergössen wird nnd im Dunkel verschwindet; wie da Schnörkelkostünie und TodeSgrane», Koloraturen nnd Gesellschaftwitze mit Selbstverhouigclung; Tanzarrangements und weiß der Wolzogen was alles, an uns vorüberfliegen; ivie da Herr Albert Bsla-Laszky mit seinen— durch noch primitivere unterbrochenen— Kompositionen eine nicht üble Geschicklichkeit des musikalischen Jllustriercns nnd des ArchaisicrcnS ä La Oscar Strans entfaltet; Ivie schließlich auch das Charivari„seine Bradsky", d. i. seine Else Kosseg, nnd ebenso„seine Wohlbrück", d. i. seine Carla Li n gen besitzt: darüber noch kritisch auszuholen wird man nns wohl erspare». Ob aber z. V. ei» Gustav Falke nicht protestieren würde, wenn er sähe, mit welcher halben Vcrlcbcudignng sein„Nachtwandler" vorgeführt wird(„Links Lnischen, rechts Marie, Und voran die Mnsici"), lassen wir eine Frage sein. Und vergessen wir nicht, daß unsre hochgeachteten Wintcrkoiizcrtc in ihrer Art eben- falls ei» Charivari sind! sz. Hygienisches. b. Was sollen wir trinken? In diesen Tagen, wo Hitze nnd Durst mit Ausnahme der Polargebicte fast die ganze Welt bc- herrschen, wird die Frage nach dem geeignetsten Getränk zu einer Wichtigkeit erhoben, die eine Teilnahme auch der Wissenschaft ver- langt. In Anerkennung dieser Thatsache bringt der Londoner„Lancct" in seinem»cncstcn Heft einen Artikel n»ter dem Titel:„Was sollen wir trinken?" Wenn man sich so recht von den Forderungen der Hygiene durchdrungen fühlt, so wird man die Frage glattiveg mit der Anttvort erledigen: Jedes kühle Getränk, das keinen Alkohol enthält. aber dieS ist nur eine allgemeine nnd anSiveichcndc Antwort, nach der sich überdies oft genug nicht einmal der richtet, der sie gegeben hat. Gegen die Vertreter der Temperenz wird beständig und mit nicht geringer Berechtigung der Vorwurf erhoben, daß sie Wein, Bier und alle andren alkoholischen Getränke verbieten, ohne einen Ersatz von gleich anregender Wirkung nnd gleicher Schniack- haftigkeit vorzuschlagen. Welches Mäßigtcitsgetränk kann denn wohl einen guten gegorenen Apfelwein, ei» gut gebrautes Vier oder gar einen gesiinde» Wein ersetze»? Die sogenannten Mäßigkcitsgetränke. diese brausenden Wasser, haben meist nicht den beste» Geschmack, wenn sie überhaupt einen besitzen. Man kann auch nicht inimer in die Entstehnng und Zusammensetzung solcher Getränke gehörig hinein- leuchten. Manche Limonaden bestehen einfach in einer zuckerige» Lösung von Weinstein- oder Citroiiensäure, in die etwas .Kohlensäure hineingepreßt ist, und dieses Gas hat oft nicht zum geringsten Teil die Bestimmimg, die mangelnde Schmackhaftigkcit zn verschleiern. Gerade schädlich sind ja solche Getränke nicht, aber sie sind doch sicher einem gebraute» leichten Vier oder einer Mischung von frischem Citronciisaft und Waffer unterlegen. Das schäumende Jngwerbier, das in England gebraut und viel getrunken wird, wird von den Temperenzlcrn auch an- gegriffen, aber es hat doch wohl noch keinen Menschen vergiftet, ob- gleich es nicht alkoholfrei ist, nnd dasselbe gilt von anderen leichten Bieren. Es wird oft vergessen, daß man bei großer Hitze auch solche Getränke kalt genießen kann, die im Winter heiß getrunken werden. Schwacher Thce nnd Kaffee vom Eis, oder auch Suppen sind äußerst erfrischend, gesund und schmackhaft. So kann z. B. Gersten- oder Hafermehlwafser, an der Luft abgekühlt und mit etwas Citrone versetzt, ein ausgezeichnetes und empfehlenswertes Getränk liefern, vorzügliche Dienste leistet auch eine Mischung von Milch und Sodawasser. Immerhin muß man daran denken, daß auch unschädliche Getränke Berantwortl icher Redacteur: Carl Leid tu Berlin. wi? diese ichgd-ich werden könne», wenn sie im lsebermaße genossen werden. Zn viel ciskalic? Waffer zu trinken kann gradez» gefährlich werden. Das erste Gesetz für die Zeit, in der der Durst häufig und ungewöhnlich stark eintritt, muß sein: nippen und nicht trinken. Eine Vermeidung des Alkohols ist zu empfehlen, weil andre Ge- tränke mehr den ganzen Körper abkühlen. An sich ist der Durst selbstverständlich die Aenßernng eüieS durchaus gesunden Vedürf- uisscs, das auch eine gesunde Befriedigung verlangt.— Technisches. — Explosionsfähigkeit flüssigen A c e t h l e n s. Gelegentlich der absichtlich herbeigeführten Explosion mehrerer vier Jahre alter Stahlflaschcn mit flüssigem Acethten, deren Ventile ein- gerostet und ohne Gefahr nicht ivohl zn öffnen waren, wurden Be- obachtiingc» gemacht, tvclche die Furcht vor dem flüssigen Acclhlcn als ettvaS übertrieben erscheinen lassen, nnd zugleich zeigen, daß der Zerfall des unter hohem Druck stehenden gasförmigen Acetylen keineswegs leicht herbeizuführen ist. Das unter 50 Atmosphären Druck stehende Acetylen wnrde weder durch das Jnfantcricgeschoß noch durch die Zertrümmerung der Stahlflaschc mittels Explosion von Pikriiisiinrepatrone» zur Detonation gebracht. Hieraus geht. wie die„Zcitschr. für koinpr. und fliisi. Gase" schreibt, hervor, daß die Explosion von gasförmigem Acetylen unter diesem hohen Druck nicht leichter herbeigeführt wird als bei zwei Atmosphäre». Anders verhält sich das im»nteren Teil der Flasche befindliche flüssige Acetylen selbst. Hier führt die heftige Erschütterung bei Zertrünnncrnng der Gefäßwand anscheinend stets die Explosion der flüssigen Verbindung herbei. Nach den Bcrthelot- scheu Versuchen ist es wahrscheinlich, daß ancki bei einem Schuß ans den flüssiges Acetylen enthaltenden Teil der Flasche die Explosion eintritt. Festgestellt ist, daß mit flüssigem Acetylen gefüllte Behälter selbst durch heftige Detonationen, die in unmittelbarer Nähe stattfinden. regelmäßig nicht zur Explosion gebracht werde», welche Beobachtung mit de» im Herbst 189G im Laboratorium des Chemikers Jsaac in Berlin, der bei dieser Explosion innkam, geinachten Erfahrnngen im Einklang stehen, indem dort zwei mit flüssigem Acetylen gefüllte Flaschen au der Explosion nicht teilnahmen. Man ersieht ans diesen Spreng- versuchen, daß die Herstellung und Behandlung flüssige» Acethlens keineswegs mit so hohen Gefahren verbunden ist, als allgemein au- genommen wird.—(„Tech». Rundsch.") Öimioriftürfies. — Unschuldig verurteilt. Herr:„Sagen Sie, gnädiges Fräulein, lieben Sie Byron?" Fräulein:„Ree, wissen Se, ich mag die Süddeutschen»ich leiden."— — J 11 zweiter Ehe. Junge Frau:„Wie glücklich bin ich mit Dir, geliebter Eduard! Dn trägst mich auf Händen, Du schaffst mir den Himmel auf Erden, ich habe keine Sorgen, ich lebe im Wohlstand,— ach, wenn das mein e r st e r Man» noch erlebt hätte I'— — B ernfslr ankhei�. A.: Nu», wie gefiel Dir die Sängerin?" B.:„Ach, die hatte ja daS reinste Delirium tre- molens!"—(„Lust. SSI") Notizen. — Leo T o l st o j liegt nach einem Telegramm der„Nowoje Wrcmja" h o f f n ri n g s l o s danieder.— c. Der russische„ M n s e n a l m nu n ch der ehemals unter der Leilnng Puschkins crickiien, wird von dein Vcrlagshans„Skorpion" erneuert. Der erste Jahrgang ist jetzt unter dein Titel„Blninen des Nordens" erschienen.— — Das„Neue Theater" eröffnet, unter der Direktion Nnscha Butze- Martin, am 31. August mit Robert M i s ch' s Phantasicspiel„Das Eivig Weibliche" seine Psorten.— — Ei» neues czcchischeS Theater geht in Pi l s e n seiner Vollendung entgegen.— — Bruno Walter, bisher Kapellmeister an der hiesigen Oper, ist für die W i e n er H o f o p e r verpflichtet worden.— — Die beiden kürzlich von der Direktion des Berliner Museums erworbenen van Dycks find im Vorraum der Gemäldegalerie ausgestellt.— — Prämiier u n g i» der Großen B e r l i n e r K u n st- a u s st e l l n u g. Die große goldene Medaille für Knnst wurde zuerkannt: 1. dem Bildhauer Professor Fritz Schaper in Berlin, 2. dem Bildhauer Robert Dietz in Dresden; die kleine goldene Medaille sür Kunst: 3. dem Architekten Stadtbaurat Lndivig Hoffman» in Berlin. 4. dem Bildhauer Wilhelm Havcrkainp i» Friedenau bei Berlin, 5. dein Bilhaner Ernst Wenck in Berlin, 6. dem Radierer Ferdinand Schmutzer in Wien, 7. dem Maler Adolf Hiröny-Hirschl in Rom. 8. dein Maler Albert Anblct in Renilly sur Seine, 9. dem Marinculaler Hans Bohrdt in Friedenau bei Berlin.— — Direktor Graf Görtz von der Knnstfchnle zn Weimar hat sein Amt niedergelegt.— Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.