Wnterhaltungsblatt des Forwärts Nr. 140. Sonntag, den 21. Juli. 1901 771 Arbeit: (Nachdruck verboten.» Roma» in drei Büchern von Emile Zola. Aus dem Französische» übersetzt von Leopold Rosenz>v ei g. .-NoVmrre zögerte einen Augenblick. „Er starb drei Tage danach. Ich kann Ihnen nicht der- hehlen, gnädige Frau, daß diese Krisen fast immer das An- zeichen des nahen Endes sind. Es ist das alte Lied von der Lampe, die noch einmal Heller aufflackert, che sie erlischt." Ein tiefes Schweigen folgte. Sie war sehr bleich ge- worden, der Schauer des Todes hatte sie angeweht. Aber mehr noch als das nahe Ende des unglücklichen Großvaters bereitete ihr ein andrer Gedanke schmerzliche Pein. Hatte auch er, gleich dem alten Mann in Saint-Cron, alles gesehen, alles gehört, alles verflauden? Sie tvagte noch eine Frage. „Halten Sie die Geisteskräfte unsres teuren Kranken für gelähmt, Herr Doktor? Glanben Sie, daß er versteht, was um ihn vorgeht, daß er denkt?" Der Doktor machte die unbestimmte Gebärde des Mannes der Wissenschaft, der nur das fest behauptet, was zweifellos bewiesen ist. „Da fragen Sie mich zu viel, gnädige Frau. Alles ist möglich in dem geheimnisvollen Behältnis des Gehirns, in welches wir fast noch gar nicht eingedrungen sind. Die Dcnkkraft kann unbeeinträchtigt geblieben sein, wenn auch die Sprache gelähmt ist. Wenn jemand nicht spricht, so beweist das noch nicht, daß er auch nicht denkt. Gleichwohl hätte ich eine Abschwächung auch der geistigen Fähigkeiten Monsieur Jeruines diagnostiziert, ich hätte ihn für in senile Kindlichkeit verfallen gehalten." „Aber Sie sagen, es ist möglich, daß er noch im Besitze seiner vollen Geisteskräfte sei?" „Sehr möglich, und ich halte es nun sogar für wahrschein- lich, angesichts dieses Wiedererwachens seines ganzen Wesens, das mit einer allmählichen Rückkehr des Sprechvermögens ver- Kunden zu sein scheint." Die Folge dieser Unterredung war ein vorherrschendes Gefühl schmerzlicher Angst in der Seele Suzannens. So oft sie liebevoll im Zimmer des Großvaters verweilte, konnte sie nicht ohne geheimes Entsetzen seine Wiederauferstehung be- obachten. Wenn er alles gesehen, alles gehört, alles ver- standen hatte, in der stummen Stanheit, in die er durch die Paralyse gebannt war, welch entsetzliches Drama hatte sich unter der Decke seines Schweigens in seiner Seele abgespielt! Seit dreißig Jahren war er ein unbeweglicher Zeuge des Verfalls seines Geschlechts, sahen seine hellen Augen den Untergang der Seinen mit an. einen Sturz, den der Schwindel des Besitzes vom Bater ans den Sohn beschleunigte. Zwei Generationen hatten genügt, um am verzehrenden Feuer der Genußsucht das von ihm und seinem Vater ge- schaffcne Vermögen zu verbrennen, das er für so festbcgründet gehalten hatte. Er hatte gesehen, wie sein Sohn Michel, Witivcr geworden, sich durch kostspielige Frauen ruinierte und dann seinem Leben durch eine Revolverkrigel ein Ende machte, während seine Tochter Lanre, in Mystizismus versunken, sich im Kloster begrub, und sein zweiter Sohn Philippe, der eine Dirne geheiratet hatte, nach einem wüsten Leben im Duell siel. Er hatte gesehen, wie sein Enkel Gustave, der Sohn Michels, diesen zum Selbstmord trieb, indem er ihm zugleich die Geliebte und hunderttausend Frank stahl, die der Vater für Fälligkeiten beiseite gelegt hatte, während sein andrer Enkel Andre, der Sohn Philippes, in der Zelle eines Irrenhauses endete. Er hatte gesehen, wie Boisgelin, ber Gatte seiner Enkelin Suzannc, das dem Untergang nahe Werk gekauft und einem armen Vetter, Delavcau, zur Leitung anvertraut hatte, der es, nachdem er es einer kurzeil Blüte zugeführt, selbst in Asche legte, als es abermals vor dem Ruin stand, und als er von dem Verrat seiner Frau Fernande und des schönen Lebemannes Voisgelin erfahren hatte, die in ihrer tollen Gier nach Luxus und Genuß sich selbst und alles um sie herum ins Verderben gestürzt hatten. Er hatte die Stahlwerke, seine geliebte Schöpfung, die Fabrik, die er so klein auS den Händen seines Vaters übernommen hatte, unter seinen Händen sich vergrößern und ins Riesen- haste wachsen sehen, und er hatte gesehen, tvie diese Werke, aus denen, wie er glaubte, sein Geschlecht eine ganze Stadt, ein mächtiges Reich des' Eisens und des Stahles machen würde, wie diese Werke so rasch dem Untergang anheim- fielen, daß schon nach der zweiten Generation kein Stein mehr auf dem andern geblieben war. Und er hatte gesehen, wie sein Geschlecht, in dem sich so langsam, in einer langen Reihe vom Elend bedrückter Arbeitergenerationen, die Schöpferkraft aufgesammelt hatte, die dann in seinem Vater und ihm hervorgebrochen war, er hatte gesehen, wie dieses Geschlecht sofort durch den Mißbrauch des Reichtums ver- darben, entartet, zerstört wurde, wie schon in seinen Enkeln nichts mehr von der gewaltigen Arbeitskraft der Qurignon zu spüren war. Welche furchtbare Menge von Erinnerungen waren in dem Kopfe dieses achtundachtzigjährigen Greises aufgehäuft, welche lange Folge schrecklicher Ereignisse, welch ein Ueberblick über ein Jahrhundert des Mühens und Ringens, über die Vergangenheit, Gegen- wart und Zukunft einer Familie! llnd welch ein grauenhaftes Behältnis, dieser Kopf, in welchem die Erinnerungen, die bisher zu schlafen schienen, nun langsam erwachten, und welches nun alles in einem mächtigen Strom von Wahrheit wiedergeben zu wollen schien, wenn die noch stammelnden Lippen erst klare Worte zu formen im stände sein würden! Diesem entsetzlichen Erwachen. harrte nun Suzanne mit steigender Angst entgegen. Sie und ihr Sohn waren die letzten des Geschlechts, Paul war der letzte männliche Ab- kömmling der Ourignon. Die Tante Laure war im Kloster der Karmeliterinnen gestorben, wo sie mehr als vierzig Jahre gelebt hatte: und auch der Vetter Andr« war schon seit Jahren tot, nachdem er seit seiner Kindheit tot für die Welt gewesen war. Wenn Paul nun manchmal seine Mutter zum Großvater begleitete, sah ihn dieser lange an mit seinen Augen, in denen ein immer klarerer Ausdruck erwachte. Dies war nun der einzige, zarte Zweig der starken Eiche, von der er einst gehofft hatte, daß sie sich mächtig entwickeln und ausbreiten werde. War der Familicnbaum nicht strotzend von jungen Säften, von Gesundheit und Lebens- kraft, die das Erbteil von Generationen derber Arbeiter waren? Mußte seine Nachkommenschaft sich nicht vermehren und verbreiten, um siegreich alle Güter und alle Genüsse dieser Erde zu erobern? Und schon bei seinen Enkeln waren die Säfte verdorrt, das sinnlose Leben des Reichtums hatte in weniger als einem halben Jahrhundert die lange, aufgespeicherten Kräfte zahlloser Geschlechter verzehrt. Welche Bitterkeit mußte den unglücklichen Großvater erfüllen, den letzten Zeugen, der noch aufrecht stand inmitten so vieler Ruinen, wenn er keinen andern Erben seines Bluts vor sich sah als' den sanften, zarten Paul, ein letztes Geschenk des Lebens, das den Qurignon diesen kostbaren Sproß gelassen zu haben schien. damit er in neuer Erde wurzeln und blühen könne I Und welche schmerzliche Ironie des Schicksals, daß heute, nur noch dieses sanftmütige, klug überlegende Kind übrig war in der weitgedehntcn Guerdache, dem königlichen Landsitz, den Monsienr Jervme seiner Zeit zu so hohem Preise er- warben hatte, in der stolzen Hoffnung, ihn eines Tages mit seiner zahlreichen Nachkoinmenschaft zu bevölkern. Er sah im Geiste seine weiten Gemächer von zehn Ehepaaren be- wohnt, er hörte das fröhliche Lachen einer unaufhörlich wachsenden Schar von Knaben und Mädchen, dies sollte der prächtige, glückliche Familiensitz iverden, auf welchem das immer stolzer erblühende Geschlecht der Qurignon herrschte. Aber er mußte im Gegenteil sehen, wie die Gemächer sich jeden Tag mehr leerten; die Trunkenheit, die Tollheit, der Tod waren eingedrungen und hatten ihr Zerstörungswerk gethan; und zuletzt war noch die Verderberin gekommen, die den voll- ständigen Untergang des Hauses herbeiführte. Seit der letzten Katastrophe waren zwei Drittel der Zimmer geschloffen; der ganze zweite Stock war dem Staub überlassen; die Empfangs- räume im Erdgeschoß wurden nur jeden Sonnabend geöffnet, um gelüftet zu werden. Das Geschlecht mußte erlöschen, wenn Paul es nicht neu begründete, und der Wohnsitz, wo es hätte residieren sollen, war nur noch ein großes leeres Haus, das das entzweite Ehepaar nicht ausrecht erhalten lonuic und das vollkommen zerfallen mußte, wenn man ihm nicht neues Leben einflößte. Wieder verging eine Woche. Ter Bediente konnte nun einzelne Worte in dein Gestammel Monsieur JerSmes verstehen. Dann tauchte ein Wort immer häufiger, immer deutlicher auf, und der Bediente berichtete es Su- zäunen. „Es war nicht leicht zu verstehen, aber jetzt kann ich der gnädigen Frau bestimmt versichern, daß der alte Herr heute vormittag einigemal gesagt hat:„Znriickerstatten, zurück- erstatten!" Suzanne blieb ungläubig. Das hatte keinen Zusamuien- hang. Was sollte man zurückerstatten? „Hören Sie recht aufmerksam zu und suchen Sie genau zu verstehen, was er sagt," trug sie dem Diener auf. Am nächsten Tag war der Mann seiner Sache noch ge- wisser. „Ich versichere der gnädigen Frau, daß der alte Herr gesagt hat:„Zuriickerstatteu, zurückerstatten!" und zwar zwanzigmal, dreißigmal hintereinander, mit leiser, aber an- gestrengter Stimnie, als ob er alle Kraft darauf wendete, die ihm geblieben ist." An diesem Abend entschloß sich Suzanne, selbst den Groß- Vater zu überwachen, um womöglich zu erkunden, was er sagen wollte. Am nächsten Tag konnte er sich nicht mehr erheben. Während das Gehirn sich befreite, wurden die Beine und bald darauf der Oberkörper vollends gelähmt, wie bereits vom Tode ergriffen. Voll Schrecken sandte sie abermals nach Doktor Novarre, der aber machtlos war und sie sanft darauf vorbereitete, daß das Ende nahe sei. Von da ab verließ Monsieur Jerome sein Zimmer nicht mehr. Es war ein weites, schwer getäfeltes, mit dicken Tapeten verkleidetes Gemach, ganz in Rot gehalten, mit geschnitzten Polissandermöbeln, einem mächtigen, säulengeschmückten Bett und einem großen Spiegel, in welchem man fast den ganzen Park sah. Von den Fenstern aus hatte man über die Rasen- flächen hinweg und zwischen den Wipfeln hundertjähriger Bäume hindurch eine weitgedehnte Fernsicht auf das Gedränge der Dächer von Veauclair, auf die Monts Blcuses, auf die Erscherie mit dem Hochofen und auf die Schornsteine der Hölle, die noch immer hoch emporragten. Eines Morgens saß Suzanne beim Bette, nachdem sie die Vorhänge aufgezogen hatte, damit die Wintersonne her- eindringen könne, als sie zu ihrer tiefen Bewegung Monsieur Jerome sprechen hörte. Seit einer kleinen Weile lag er mit dem Gesicht zum Fenster und sah mit seinen großen, hellen Augen weit hinaus auf den Horizont. Dann sagte er: „Herr Lucas." Suzanne, die diese zwei Worte deutlich gehört hatte, war betroffen. Warum Herr Lucas? Niemals war der Großvater in irgend welche Berührung mit Lucas gekommen, ja er konnte gar nichts von seiner Existenz wissen, wenn er nicht etwa die letzten Ereignisse miterlebt, alles gesehen, alles der- standen hatte, wie sie bisher nur hatte verniuten und fürchten können. Dieses„Herr Lucas", das von seinen so lange verschlossenen Lippen fiel, war der erste Beweis, daß hinter seinem Schweigen ein vollkommen wacher Geist gelebt hatte, der alles sah und begriff. Ihr Herz kranipste sich zu- sammen. „Sagten Sie Herr Lucas. Großvater?" „Ja, ja, Herr Lucas!" Er sprach mit zunehmender Deutlichkeit und Energie und seine Angen waren verlangend auf sie gehestet. „Und warum sprechen Sie von Herrn Lucas? Sie kennen ihn also, Sie haben ihm etwas zu sagen?" Er konnte sichtlich nicht die Worte finden, die er aus- sprechen wollte; dann wiederholte er mit kindischer Ungeduld abermals den Namen Lucas. „Einmal war er mir ein guter Freund", sagte sie. „Aber schon seit vielen Jahren kommt er nicht mehr zu uns." Er nickte heftig mit dem Kopfe, und als ob seine Zunge sich allmählich immer mehr löste: „Ich weiß, ich weiß. Ich will, daß er herkommt." „Sie wollen, daß Herr Lucas herkomme, Sie wollen mit ihm spreche», Großvater?" «Ja, ja. so ist's. Er soll gleich komnten, ich will mit ihm sprechen." Das Erstaunen Suzannens wuchs mit dem geheimen Grauen, das sie beschlichen hatte. Was. konnte Monsieur Jörüme Lucas zu sagen haben? So viele peinliche Möglichkeiten schienen ihr daraus entstehen zu können, drs; sie versuchte, den Greis von diesem Wunsche abzubringen, in welchem sie nur die Phantasie eines abirrenden Verstandes sah. Aber sie überzeugte sich bald, daß er im vollkommenen Besitz seiner Geisteskräfte sei, er bat sie mit einer wachsenden Dringlichkeit und Leidenschaft, in welcher er die letzten Kräfte seines armen siechen Körpers aufbot. Sie war davon in tieffter Seele er- griffen, und sie fragte sich, ob sie nicht ein Verbrechen begehe, wenn sie sich dem Wunsche eines Schwerkranken widersetzte, weil sie unklar fühlte, daß schwere, weithin wirkende Dinge daraus folgen konnten. „Sie können es nicht mir sagen, Großvater?" „Nein, nein, Herrn Lucas. Ich will mit ihm sprechen, gleich, gleich!" „Gut, Großvater, ich werde ihm schreiben, und ich hoffe, daß er kommen wird." (Fortsetzung folgt.) SonttkÄ�splnuVevei. Socialdemokratcn haben eine natürliche Neigung zn allem, IvaS Secession ist. Als Revolutionäre, als Treiber einer Umgestaltung von Grund aus, zieht es sie auch zu de» kiinstlerischen Leslrebungen. die sich loslöse» von muffigem Herkommen, sich aus eigner, freier Herrlichkeit ihre neue Erde zn gestalten streben, die in selbstlosein Dienst dem künstlerischen Ideal lebe», ohne prüde Heuchelei, akadeniische Konvention und Käufersklavcrei. Wie steht es aber um die thalsächliche Berechtigung dieser Neigung? Ist die Wahl» Verwandtschaft in den Dingen begründet und nicht etiva mir eine Illusion? Ist Secession, Scheidung von der herrschenden Ordnung, was Secession heißt? Eine Wanderung durch die heurige Kunstausstellung der Berliner Secession hat in niir einige Betrachtungen angeregt, von denen ich frei zu werden tvünsche und die ich deshalb»nit der glücklichen Bc- vorrechtung des fesiellosen Svnntagsplanderers hier niederschreibe. Ich gestehe von vornherein, daß ich nicht beabsichtige, den bcrufsniäßigen Knnstkennern ebenso unlauteren wie untauglicheir Wettbewerb zu bereiten. Ich bin kein Fachmann und habe kein Urteil über das Fachmännische. Ihn, sei überlassen, bei jeden. Bilde zn scheiden, ob das technisch-koloristische Experimentell, das starke Können verrät oder nur sieche Unfähigkeit verdecken will. Es ist sicher auch für den Kenner reizvoll zu sehen, daß etwelche Leute Bilder malen wie man Becker pflügt, und beliebige lvnlstige Forden- strähnen gleich Ackerfurchen ucbeneinanderreihcn, was bei einer Entfernung von zwei Meilen einen unerhörten Eindruck hinterläßt. Es mag bedeutend sein, wem, ein Maler ein möglichst scheußliches weibliches Modell seiner banm- wollenen Kleidimg entäußert und eS dafür in einen dicken Schuppenpanzer»»denkbarster Oelfarben steckt, so eine erhabene sarbenbekleidete Nacktheit erzengend, die sich selbst Herr Rören in sein Schlaszimnler hängen köimte, ohne an seinen, Seelenheil Schaden zn nehmen. Auch das ist zweifellos ei» unermeßlicher Fortschritt, daß sich das heftige Naturgefnhl mancher Sccessiouistcn grundsätzlich auf Kartoffelfeldern statt etwa in der stark veralteten MeereSbrandung austobt. Und vcrnütztlicht sich gar eine Landschaft zu einen, Tapeten- muster, so ist, wenn ich nicht irre, das Ideal erreicht. Wenn Herr Corinth, der Viclbewnuderte, Verkaufsreife, die Religion der Roheit fanalisch propagiert und mit»ervigter Faust Bilder hiuschlendcrt. wie ein Metzger Ochsen schlachtet, so wirkt solch Thun— ich verstehe das sehr wohl— um so erbaulicher, als man dabei niemals die Erinnerung an die»„heimlichsten Kapitel der gerichtlichen Medizin los wird. Und endlich ist es e r n st h a f t ein interessantes Schau- spiel, wie ein bedeutendes künstlerisches Genie danach ringt, in der Plastik, die auf ausgesprochene, fertige Formeusprache angewiesen ist, malerisch-sublinie, verinnerlichte Wirkungen zu erzeugen, indem er Teile seiner Werke skizzenhaft verwischt oder zertrümmert. Indessen ich habe kein Recht als Ke»ner zu richte», ich will nnr als knnstwilliges und kunstbegehrlichcS, simples Volk reden, das keine Ahnung dabo» hat, ob ein Bild mit de», Pinsel, der Spachtel oder de», Stiefelabsatz gemalt ist. Die Vorrede des SccessionSkatalogs, der selbst tvie«in rares Kunstwerk bezahlt werden muß, verlangt— glaube ich: mit Anlehnung an Schopenhauer— von uns Volk, daß ivir vor die Kunstwerke treten wie vor Könige»nd demütig warten, bis sie nnS anreden. Nun, mir fehlt die monarchische Empfindlichkeit und ich habe das Mißtrauen, daß die Serenissimi bei solchen Audienzen keine Offenbarungen zu reden pflege». Aber ich als Volk. trete vor den Künstler und sage zu ihm:„Siehe, ich will werden, schaffe mich l" Kunst erzeugt nicht nur ihre eignen Werke, sondern auch die Mensche», die sie genießen. Der Künstler ist der Schöpfer neuer Seelenwerte. Unser Musikbewußtsein, unser reinstes»nd reichstes Gefühlslaud, ist die Kolonie Beethovens. Wir werden von der Kunst geboren, indem wir hören und schauen, unser bestes Menscheutn», ist ihr Gebilde. Die Zeit spricht durch sie ihre eindringlichste, bewältigende Sprache. Jeder große Künstler zaubert, de», mythischen Gotte gleich, ein neues Paradies und setzt einen neuen Ada», und eine neue Eva hinein, und so steigt von Paradies zu Paradies die Adamschaft und das Evatum zu Mensch- heitsgipfeln empor. Was aber lebt»im von»nsrer käinpfendcn, gärende», sehnen- den Zeit in den Gevilden der Secession? Ist wirklich Revolution in ihr? Quillt in ihr die Farbenfreude einer neuen Renaissance der Gesellschaft? Wachen in ihr uusre Leiden auf und unsre stolze arbeitende Hoffnung, sie zu überwinden? Drängt in ihr unser Haffen und Lieben? Ist sie Parteikunst in jenem höchsten Sinn, in dem der Socialismus in der Partei Gestalt annahm? Nichts von alledem, trotz aller Lichtbemühungen und allem Farbeueifer ist das meiste von dem, was sich Secession nennt, geistig farblos, zeitlos und deshalb znkunftslos, rascher Vergänglichkeit entgegen- huschend. Ach, die Secession ist Artisten- und Atclierbemnhung ge- blieben, ob sie auch unter freiem Himmel und sengender Sonne arbeitet, und ob auch moderne Kvmmerzienräte Kartoffelfelder statt Meeresbrandnngen und gedörrte Spitalmädchen statt Hnrcmsfette kaufen mögen. Es fehlt der Ziisnimnenhang mit dein Großen, Massigen, Geivaltigcn der Zeit. Es ist keine Volkskunst— die Secession ist zumeist technisches Raffinement, sie schielt nach Patent- amt und Musterschutz, und ihre Schaustellungen haben etwas Fatales von technischen Versuchsstationen. Im Vorjahre schien es, als ob thatsächlich neues Leben in der Secession sich kündete. Heuer ist die geistige Armut des Nachwuchses erschreckend. Wer ist es denn, der von den mehr als 300 Werken Ewigkeitsgehalt hat, weil im ihnen die große Persönlichkeit, die Stimmen der Zeit, die Einsamkeit im Weltleben, nieistert? Da sin> die großen Alten, Böcklin und in gebührendem Abstand Leibi, da sind einige Franzosen, Holländer und Skandinavier, da fesselt die in zartem Wasserdust atmende Landschaft eines Engländers, da ragen einzelne Tüchtigkeiten hervor, solide Arbeiten von Könneni, wenn auch nicht eben revolutionärer Raffe. Sonst aber ist das meiste für das große Nichts der Vergessenheit gemacht. Eine schlimme Dürftigkeit der Phantasie spreizt sich inS Leere. Es fällt den guten Leuten verdammt wenig ein, sotvohl in der Stofflvahl wie in der Symbolik des Erfindcns. Die tausend- fällig gebrochenen Stimmungen der Zeit gewinnen keine Aussprache der Sturm des großen Kampslebcns ist ausgesperrt auch von dieser Stätte, wo man— ganz wie die„Akademiker"— die Zugluft nicht vertragen kann. Es grollt nichts, es hämmert nichts, es will nichts gebaren. Höchstens daß wirre Märchenphantastik in bösen Farben- träumen einen tieferen Sinn vorzutäuschen, daß ein Drang nach erhöhter Lebensfrende stamnielnd Form zu gewinnen sucht! Und wagt sich gar jemand an eine mystisch verzückte, unklare lieber- schtvenglichkeit, so gelingt ihm das nicht anders, als daß er 100 wie mit dem Momcntphotographcn aufgenommenen Typen verzerrten Affekt in die Grimassen einbläst und die ganze Gesellschaft zusammenhanglos nebeneinander stellt, wie die Marmorschwadroncn der Pnppen-Allee. Ein Zeichen des rapiden Verfalls der Secession ist der völlige Mangel an socialer Kunst. Hier und da wagt sich noch ein Prole- tarierbild hervor, aber auch diese haften ängstlich an dem groben Außenschein der tristen Not, und das Befreiende, das sie durchleuchtet, gelangt nicht zum Ausdruck. Wie in der Littcratur so erschöpft sich die sociale Beinühnng auch in der bildenden Kunst in dem äußer- lichcn Hang zum„Lumpenproletaricr", zur Oede und Dürre des stumpfen Elends. Da ist beispielsweise eine größere Leinwand, die die entzückende Landschaft der Schöneberger Gasanstalt zur An- schannng bringt, da Ivo sich Wannseebnhn und Ringbahn schneiden; arme Frauen und Kinder fahren auf Handwagen Cooks in ihre Mietskasernen. Im Vorjahr sah man an der- selben Stelle von dem gleichen Maler eine Scene aus den Berliner Laubenkolonien. ES ist zuzugeben, daß der Mann eine nicht unbeträchtliche, treffsichere Virtuosität in der Wiedergabe zerstörter, verödeter Proletariertypen besitzt. Aber be- deutet dieses trostlose Granen des endlosen Graus, dieses Haften an der furchtbaren Monotonie sinnsülliger Verelendung wirklich schon sociale Kunst? Lodern nickt— von der Höhe der Weltgeschichte be- trachtet— Flammen in diesen gemergelten Leibern, fliegen nicht Adler um diese verwüstete Notdurft, leuchtet nicht Zuknifft ans den dem Modellmaler sich darbietende» glanzlosen Augen? Sind solche fklavischcn Momentaufnahmen ans den socialen Niederungen das letzte. Wort, das der Künstler zu sprechen bat, ist diese Natürlichkeit wirklich Wahrheit und Wahrhaftigkeit? Wenn ich mir vorstellen müßte, irgend ein schweres Geschick würde mich zwingen, zwei derartige Bilder in meinem Zimmer aufzuhängen, so ist es für mich nicht zwcifelhast, daß ich nach einer Woche entweder die Bilder verbrennen oder mich daneben aufhängen würde. Ja, warum seht Ihr nur die Kleider und die Falten des Hungers und der Qual, warum faßt Ihr nicht auch die große Leidenschaft, den tapferen Idealismus, den heldischen Befreiungskampf, warum erkennt Ihr nicht die große Seele der Not,' so wie sie in der socialiftischen Bewegung sich offenbart? Was seid Ihr wie armselige Leibeigene, an die Scholle und den Staub gebannt, anstatt ftei und herrlich in die Zilkniift zu schauen und zu schreiten? Ich meinte, daß der proletarische Maigedanke beispielsweise den Künstler zu immer neuen Versuchen, ihn im Bilde zu gestalten, reizen müßte. Statt dessen zieht man auf koloristische Abenteuer, die, wenn es hoch kommt, sich an Arbeiterkleidcrn und den toten Furchen des Elends vergreifen. Selbst die Wahl socialer Stoffe in bloßer äußerlicher Nach- bildnng wird immer spärlicher, und lieber bemüht man sich um sexuclle Verwesung oder ergeht sich mit Hilfe der traditionell mythologischen Formensprache in den Ausschweifungen eines nn- natürlich erhitzten, überreizten sinnlichen Gennßfuchens. Dermaßen wird die große Revolliiion der Secession schließlich auch mir eine Ausgeburt bürgerlicher Dekadenz, eines hoffnungslosen, unersättlichen und übersättigten Nihilismus, der, wenn er des Raffiniertesten müde ist, nun zur Äbtvechselnng sich gelegentlich ivicder den kindlichsten Naivetäten hingiebt: das ist das ,U n t e r v i e r z e h n j ä h r i g e" in der Moderne, das auch vor dem Strafgesetzbuch der A e st h e t i t nicht besteht. So, das ist ungefähr, was ich einmal sagen ivollte. Halten zu Gnaden! Ich verstehe ja von diese» Dingen nichts, und Herr Corinth oder auch Herr Slevogt, den ich übrigens diesmal nicht gesehen habe, ist mir ebenso ein Greuel ivie die seligen Thnmann, Sichel und A. v. Werner. Und schließlich reizt mich'imnrer noch die Sckönheit der milonischen Venus zu größerer Andacht als ein aufgedunsenes Aktmodell mit deutlich sichtbarer Schnürleber und den unvertvisch- baren Spuren unheilbar katarrhalischer Erkrankung sämtlicher Schleimhnnte. Wen» man eben nicht Fachkenner ist und nicht warten kann, bis die Serenissimi sich herbeilassen, einen anzusprechen!... ff o 0. Kleines Feuillekon. tli. Auf dem Perron. Die alte Frau steht auf der Plattform. Mit großen ängstlichen Augen starrt sie in das Menschengcwoge der Bahnhofshalle. Auf dem linken Arm trägt sie ein Kind, in der Rechten ein Bündelchen, ihr Billet und ein Kopfkissen mit buntem Bezug, Es ist ein ganz sonderbarer Bezug: Farbe und Muster wie man sie nirgends sieht, scharlachrote Nelken auf giftgrünem Grunde. Jeder, der vorübergeht, sieht ans das Kissen und' lacht:„Nein, hast Du schon mal so etwas Verrücktes gesehen?" fragt eine Dame. „Und der Hut von dem Jungen— komische Kruke I" Auch der Perronbeamte wird aufmerksam. Ein paar Minuten steht er und beobachtet die Alte, dann drängt er sich zu ihr vor! „Na wollen Se nu eigentlich raus oder rein, Sie? Mal jetzt rasch— rasch—" Die alte Frau schreckt zusammen und brummelt etwas. Der Beamte versteht sie nicht, er nimmt ihr das Billet aus der Hand:„Berlin, na also— denn mal raus hier." Er greift nach dem Kissen und wirft es hinter sich gegen eine Barriere. Die Frau schreit auf, dann scheint sie verstanden zu haben. Sie folgt langsam. Sie wirft ihr Bündel auf das Kissen und stellt sich daneben, sie ist wirklich eine sonderbare Erscheinung. Ein großes drcizipfligcs Kopsluch deckt ihr Gesicht; sie trägt einen krausen, kurzen Rock, eine lose Jacke ans Kattun und grobe Lederschuh. Als wäre sie nur nach Berlin gereist, um auf dem Bahnhof stehen zu bleiben, steht sie neben ihrer Habe, das Kind im Arm. Es ist übrigens ein großes Kind, ein Junge von etwa elf Jahren. Er hat den Kopf an ihre Schulter gelehnt. Ans dem rnnzlige» eingefallenen Gesicht blmzeln müde und verschlafen zwei blaue Augen; die Beine hängen schlaff. Den Kopf deckt ein Strohhut. Er ist beinah ebenso sonderbar wie das Kissen, keine Garnicrung darauf, der Rand ausgefranst. Er sieht aus als hätte man ihn vom Kehricht aufgelesen. Aber der Junge ist stolz ans den Hut, er rückt daran und lacht. Ter Beamte stemmt die Arme in die Seiten:„Sagen Sie mal, wo wollen Sie denn im eigentlich hin?" Die Alte brummelt als Antwort unverständliche Laute. Der Beamte kratzt sich hinter dem Ohr:„Liebste Jüte, se kann nur polnisch." Er winkt ein paar Kollegen heran:„Kann von Ihnen einer polnisch?" Es sammelt sich ein ganzer Kreis um die Frau. „Sie lvollen wohl nach Amerika?" fragt ein Gepäckträger. Der erste Beamte wiederholt es beinahe schreiend:„Wollen Sie nach Amerika?— oder nach Berlin?" Sie schaut ängstlich und verlegen drein, aber sie lacht. Sie hat offenbar Furcht vor den Uniformen und will durch Frenndlichkeit gewinnen. Sie brummelt wieder ihr Polnisch, es sind jetzt aber auch deutsche Brocken dnruntcr:„Balte»— Valien—" und dann auf das Kind zeigend:„Kalinik— a Wirt sagt— Kalinik—" „Ach, in die Klinik ivollen Sie I" Die Beamten fangen an zu begreifen.„Das Kind ist wohl krank?" fragt ein Herr aus dem Publikum. Sie lächelt noch immer:«a Wirt— a Wirt sagt Kalinik." „Na ja— a Wirt— is ja jnt—" Der Beamte schlägt sie auf die Schulter:„Wo wollen Sie den» nu hin, in die königliche Klinik?" „A Wirt, a Wirt,— Kalinik." Sie wiederholt immer nur daS eine, was sie notdürftig aufgeschnappt hat. „Ach der Wirt will sie wohl abholen?" meint einer von de» andern Beamten. „Will der Wirt sie abholen?"—„Werden Sie von jemand ab» geholt?" Alles drängt sich um sie und fragt: Sie weicht zurück, sie besinnt sich offenbar, sie streichelt daS Kind:„Kalinik— a Wirt sagt— Kalinik— gesund machen." „Ach— so."— Man begreift. Der Wirt hat gesagt, die Klinik Ivird es gesund machen—" übersetzt eine Dame.„Was fehlt denn dem Jungen überhaupt?" fragt der alte Herr neben ihr. Sie versteht nicht die Worte, aber den Sinn. Sie fährt dem Kinde mit der Hand über die Beine und spricht in einem fort. deutsch und polnisch wirr durcheinander. Die Teilnahme hat sie zutraulich gemacht. Die andren folgen ihr gespannt, die Dame versteht sie am besten, sie begleitet ihre Reden mit halblautem Ge- flüster:„Ucberfahreu worden ist er?— ja hören Sie, sie sagt eü noch einmal— übeifahren vor einem halben Jahr. Die gnädige Fr-m hätte ihn fibersahren— Pmiun helfet ja luohl fliiübine Fran.— Ja, jetzt sagt sie es noch einiual, die Panna vom Schlofe, Ans der Jagd hat sie ihn überfahren. Er kann nicht niehr gehen, aber der Wirt sagt, die Klinik wird ihn gesund machen. Sie hat ihre Betten verkauft, um ihn herzubringen. Sie kommt von der polnischen Grenze. Wenn man sie länger reden hört, versteht man sie ja ganz gut."«Hat Ihnen denn die gnädige Fran kein Reisegeld gegeben'?- fragt der alte Herr. Sie schaut ihn verstäub- nislos an; der Beamte fafet sie an der Sckultcr und zeigt auf sie: »Ob Panna Geld gegeben hat—? Geld— Ihnen— so Geld?" Er macht' die Geberde des Münzen zählen«. Sie schreckt zusamnic» und greift in die Tasche, es sind aber nur iveiiige Groschen, die sie herausbringt. Der Beamte lacht auf:«Fünf Groschen, Du liebe Jüte l und nicht nial'n Retour- billet. Na»n wcrd' ich Ihnen mal ivas sagen— ml setzen Sie sich hierher und warte» Sie. bis ich wiederkomme." Er zeigt ans eine Bank und ivendct sich dann zu den andren:„Werd' man die Polizei benachrichtigen, die kann sie unterbringen." «Ja das lvird>vohl dnS Beste sein." sagte der alte Herr. Die übrigen stinnne» bei. Laugsam zerstreut sich der neugierige Kreis. Rur der eine Eisenbahnarbciter kommt»och einmal zurück; er hat ein Glas Bier und ein Butterbrot geholt, das bringt er der Alte». Ihre Augen leuchten auf, sie fällt gleich darüber her. aber nur über das Brot, die Wurst steckt sie dem Jungen in den Mnud. «Pfui, wie das schlingt," sagt ein Herr, der vorübergeht. Die Alte streichelt den Jnugen und spricht vor sich hin, ein glück- lichcS Lächeln liegt«auf ihrem Rnnzetgesicht:„Kalinik— gesund machen. Kalinik."— Archäologisches. k. Die Kuh des M y r o n. Zu den berühmtesten Kunst- werken des Altertums, die verloren gegangen sind, gehört die Kuh des Bildhauers Mhron aus der ersten Hälfte des ö. Jahrhunderts vor Christi. Die alte» Knustschriftsteller spendeten der ehernen Kuh übcrschwängliches Lob. In zahlreichen Epigrammen der Anthologie lvird ihre Lebenstvahrheit gepriesen. Die Hirten halten sie, helfet es darin, für ein Stück ihrer Herde; selbst Tiere werden getäuscht, Kälber saugen am Euter der Kuh, Bremsen»vollen sie stechen, Löiven sie zerreifeei»; sie ist beseelt und in» Begriff zu brüllci». Myrons Meisterlverk befand sich in Athen in der Nähe der Akropolis. Zu CiceroS Zeit befand es sich»och dort, es»vnrde dann aber nach Ron» gebracht. Ivo es sich beim Einbruch der Goten noch befand. Von ihren» Anssehcn konnte nian sich bisher jedoch keine Vorstellung bilden; mir eine eherne Kuh von bescheidenen Verhältnissen ans Herkulamun, die sich im Pariser Münzkabinett befindet, hat man verniutungStveise mit dem beriihnilen Werk in Zusammenhang ge- bracht. Uin so interessanter ist es, daß. wie Richard Delbrück in den soeben erschienenen«Mitteilungei» des deutschen archäologischen JiistitutS in Ron»" berichtet, eine röniische Kopie erhalten ist. Es ist eine vielfach ergänzte, beinahe lebensgrofee Knh anS larrarijch«»» Mannor, die sich gegenivärtig in» Konservatorenpalast befindet. Sie ist lai»g. breit und niedrig gebaut und erweckt de» Eindruck voi» Tieren, die nicht genügend Nahrung finden können,»nn Fett abzu- setzen, aber genug,»nn den Körper hart»nid lebensfähig zu er- halten. Täglich müssen sie ihre Kräfte gebrauchen, um sich Nahrung zu verschaffen,»md das giebt ihnen eine Art athletiscbcr Schönheit. Griechenland hatte im Altertum solche Lebensverhältnisse und solche Tiere, und wer heute noch die Ziegen der attischen Berge auch n»r auf dein Bazar von Athen gesehen hat,»vird die griechische Rasse der Kuh deS Konservntorenpalastes nicht verkennen. Die Behandlung die Formen, die die klare, kräftige Schön- heit deS Tieres zu vollem Ausdruck' bringt, deutet darauf hin, dafe man es hier niit einen» Kunsttvcrk miö de»» ziveitni Viertel des fünfte»» Jahrhunderts zn thui» hat. Das Tier ist in der Bewegung des Schreite»? aufgefnfet, und jeder Muskel ist in der Form durch- bildet, die diese Funktion ihn» giebt. Ganz fern steht die Form- auffafsung der Knh den altertümlich bunten Stieren der Akropolis niit ihren riesigen vollen Leibern; sie ist später entstanden als die jüngsten Skulpturen des Pcrserschnttcs, aber früher als die Pferdeleiber auf de»» Metopen des Parthenon, die bereits ivcicher behandelt sind. Ihre Entstch»uigszeit lvird»in 460 in Attila liegen. Die röniische Kopie ist, tvie deutlich ersichtlich,»ach einem Bronze-Original gemacht, und auch dies stimmt»nit dem Übereil», was über die Knh des Myro» bekannt ist. Danach war sie nus Erz, hohlgegossen, etwa lebensgrofe und als natürlich aufgefafetes normales griechisches Herdentier, ui-bt als stattliche Opferkuh dargestellt. Dies alles legt es nahe, dafe das griechische Vorbild der römischen Kopie die berühmte Lluh dcSMyron gewesen ist. Als genaue äufeere Wiedergabe deS Originals hat sie tveitaus»»ehr Interesse als die griechische Bronze in Paris, die nur ein durch Mhron angeregtes sclbstäildigeS Werk ist.— Astronomisches. »e. Die Sternschnuppen in» Juli nnd August. Die Meteore sind im ersten Teil des Jahres in» allgeineine» selten, und im Mai und Jnni ist das Dämincrlicht so stark, dafe cs alle schwächeren Sternschnuppen überdeckt»md mir die besonders stark le»lchteuden Meteore sichtbar werde» läfet. Aber schon i»»» Juli werden, obgleich der Rachthiinmel auch noch recht hell ist, diese Hinnnelserscheinuiigen häufiger und glänzender, besonders in der Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. letzten Woche dieses Moiials. In den letzten Tagen deS Juli erscheinen nach den bisherigen Beobachlnngen durchschnittlich dreimal so viel Sternschnuppen an» Hin» Niel, als in gewöhnlichen Nächten des Frühjahrs und Mitlsommers. Wer sich der Beobachtung von Sternschnuppen widinet, findet in» Juli und August die lohnendste Arbeit. Die ersten, die den Neigen der Sternschnuppen- schivarine eröffnen, sind die sogenannten Aquariden in den Tagen vom 27. bis 31. Juli, die daher ihren Rainen haben, iveil sie von einem Himnielspiinkt im Stenibilde des Wassermanns(Agnarius) anszn- gehen scheinen. Der berühmte englische Meteorforscher Denning, der auf diese Gruppe von Sternschnuppen in der„Natnre" besonders aufmerksam macht, hat die Beobachtung von ISO Meteoren dieser Herkunft innerhalb der geilainiten Tage früherer Jahre gesammelt. Das Schauspiel ist aber nicht auf diese kurze Zeit beschränkt, sondern verteilt sich in geringerer Entwicklin»g auf mehr als einen ganzen Monat, vom 23. Juli bis zun» 26. August. Ende Juli trnrd in diesem Jahre die Beobachtung freilich durch das Mondlicht in nicht unerheblichem Grade beeinträchtigt werden. Die»och bekannteren Meteore aus der Gruppe der Perseidei», die ans dem Stern- bild des Perscus konnneu, dürften schon in diesen Tagen in ihren ersten Vorläufen sich bemerkbar machen. Den Höhepunkt ihrer Häufigkeit»nd ihres Glanzes erreichen sie dann in den Tagen vom 8. bis 12. August als die oft gcnainitei» «Thräne» des heilige» Laurentius", die' von Zeit zu Zeit ein ganz ungewöhnlich grofeartiges Schauspiel gegeben haben. In »euerer Zeit hat man ganz besonders viel Wesens von der AiNvendniig der Photographie zur Aufzeichnung der Sternschnuppe»»nid ihrer Himmelsbahnen gemacht. Denning aber sieht sich veranlafet. darauf hinzniveise», dafe eine sorgsame Be- obachtnng mit blofeem Auge vorläufig doch noch das wertvollste Mittel zur Erforschung dieser Hinnnelserscheinuiigen bleiben wird. wie auch die wichtigsten Entdeckungen auf diese», Gebiet nicht auf der photographischen Platte, sondern durch das unbewaffnete»nensch- liche Auge gemacht tvordcn sind.— HmnoriMfches. — S e l b sl v c r r a t. T o» r i st:«Dafe aber die Forellen gar so teuer sind?" D o r f>v i r t:«Na. tvaS glauben S' was das kostt, wenn man crivischt lvird!"— — Sehr einfach.„Schau doch cinmal den Müller an, Ivas der für krumme Beine hat!" „Na,»varum soll er keine krnnnncn Beine haben? Vertritt er doch die Firma Beitel u. Eitronenbaim» schon seit 30 Jahren l"— — Boshaft.«Das Bild ist schauerlich— aber wir können den' Kollegen doch nicht fallen lassen,»achdcin wir ihn auf uuscr Schild erhoben l" «Allerdings, aber es freut mich für den Knnstrefercnten— ich kann den Menschen nicht leiden; wie»>»» fe d c in z»» Mut« sein, tveiin e r das Bild heraus st reichen nmfe!'— («Flieg. Bl.") Notizen. — Etwas für Dilettanten.«Berliner Skala" helfet ein neues Untcrnchmen, das in» Herbst d. I. eröffnet wird »md den Ziveck hat. allen Koniponisten»nid dramatischen Schrift- stellern die künstlerisch vollendete Aufführung ihrer Werke— gegen Erstattung der Unkosten— zn ermögliche». Die Direktion über- nimmt die Auffiihnnig von Opern, Operette», Lustspielen, Schau- spielen usw. durch tüchtige BernfSkünstler»intcr sachmännischer Leitung. Die Aufführnngc», finde» in den» der Direktion gehörigen Grundstück Berlin L., Luckoucrstr. 15, statt.—' Preisevoll 1000 M., 750 M., 500 M., s o w i e z w e i P r e i s e von 300 M. sind zivecks Erlangung von Zeichnungen für A r b e i t e r>v o h n»i n g s e i n r i ch t n n g c n vom Rheiiiischen Verein zur Förderung deS ArbeiterwohiiungSwesens und der Firma Krupp ausgeschrieben Wörde». Entwürfe sind bis zum 15. Oktober beim Direktor des Düsseldorfer KunstgewerbeniuseuuiS einzu- reichen.— — Behufs Messungen der M e e r e S>v ä r m e tritt Dr. H e ck e r vom geodätischen Institut zu Potsdam eine Reise über den Ocean an. Er wird sich in Hamburg auf einen Dampfer der Hamburg-Amcrika-Linie einschiffen und sich zunächst nach Lissabon »nid dann nach Rio de Janeiro begeben. Auf dem Schiff wird ihm ein besonderer Raun» zur Ausstellung seiner Jnstrilmente zur Ver- fügiing stehen.— — Den h ö ch st e n Viadukt der Welt lvird binnen kurzen» Frankreich besitze». Auf der Bahn zwischen Paris und Clerinoirt» Ferrand wird bei Fades ein Viadukt das Thal der Sioule in der Länge von 376 Meter übersetzen, der von der Thalsohle die Höhe von 132 Meter erreicht. Im Vergleich hiermit sei bemerkt, dafe der bekannte steinerne Göltzschthal- Viadukt der sächsische» Staats- bahnen 80,37 Meter Hohe hat und in Chile(Malleca- Viadukt) gilfeeiscrne Viaduktpfcilcr bis zu 75,7 Meter errichtet wurden. Die Müngstcner Brücke besitzt eine Scheitelhöhe von 107 Meter über der Thalsohle und der berühmte Viadukt über den Viaur in Südfrankreich bei 250 Meter Weite eine Scheitelhöhe von 116 Meter.— Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.