Hinterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 143. Doimerstag, den 25. Juli. 1901 (Nachdruck verboten.) so] v fr i? i f: Nonia» in drei Bücher» von Emile Zola. Aus dem Französischen überseht von Leopold N o s e n z>v e i g. . Nichts ist von ciiicr falscheren Moral, als den reich gelvordcncn Arbeiter zuni Muster aufztistellen, der nun selber ein Herr ist. unumschränkter Gebieter über Tausende unter das Joch des Hungers gebeugte Menschen, die in harter Frohne das Geld herbeischaffen, womit sein Stolz sich brüstet. Wenn nian sagt:„Hier seht Ihr, daß ein einfacher Arbeiter durch Sparsamkeit und Intelligenz alles erreichen kann." so leitet man nur immer mehr zu ungerechtem Streben und Handeln an, vergrößert man nur immer mehr die sociale Ungleichheit. Das Glück des Erwählten besteht aus dem Unglück der andren, aus dem, was er den andren an Glück stiehlt und entreißt. Ein 5lainerad, der Erfolg hat, versperrt damit tausend Kanieraden den Weg und lebt fortan von ihrem Elend und ihren Leiden. Und oft wird dieser Glückliche bestraft durch eben diesen Erfolg, durch den eilig erivorbenen, übcrnuißigeu Reichtum, der ihm zum tödlichen Gift wird. Daher liegt die einzige Wahrheit in der Rückkehr zur rettenden Arbeit, zur Arbeit aller, zu einer Gesellschaft, in der jeder thätig ist und seine Freuden nur seiner eignen geistigen und körperlichen Leistung dankt. „Wir müssen zurückerstatten, zurückerstatten, zurück- erstatten!" Wir müssen zurückerstatten, weil man stirbt an dem Gute, das inan den andern stiehlt. Wir müssen zurückerstatten, weil das einzige Heil, die einzige Sicherheit, das einzige Glück darin liegen. Wir müssen zurückerstatten aus Gerechtigkeitsgefühl und noch mehr ans eignem Interesse, da das Glück eines jeden Einzelnen nur iin Glücke aller begründet sein kann. Wir müssen zurückerstatten, um uns ivohl zu fühlen, um inmitten eines allgemeinen Friedens ein gesundes und frohes Leben zu führen. Wir müssen zurückerstatten, weil, wenn alle ungerechten Vergewaltiger, alle egoistischen Besitzer des allgemeinen Gutes morgen die Reichtümer hergäben, die sie unr zu ihrem eignen Genüsse verschwenden: die großen Güter, die reichen Bergwerke, die Fabriken, die Eisenbahnen, die Städte— weil dann augenblicklich allgemeiner Friede herrschen, die Liebe zwischen allen Menschen wieder aufblühen, ein solcher Ueberfluß eintreten würde, daß es keinen ein- zigcn Notleidenden mehr gäbe. Wir müssen zurückerstatten, müssen ein Beispiel geben, wenn mir wollen, daß andere Reiche einsehen lernen, woher die Ucbel kommen, unter denen sie leiden, und daran gehen, ihre Nachkommen mit frischer Kraft zu erfüllen durch das Stahlbad eines thätigen Lebens, der täglichen Arbeit, des sclbsterworbenen Brotes, des ein- zigcn, das eine gesunde Nahrung bildet. Wir müssen zurück- erstatten, so lang es noch Zeit ist, so lange noch Größe darin liegt, zu den Kameraden zurückzukehren und ihnen durch die That zu beweisen, daß wir unsres Irrtums innc geworden sind und misten Platz in der allgemeinen Werkstatt wieder ein- nehmen lvollen, in Erhofstmg des nahen Tages der Gerechtig- keit und des Friedens. Wir müssen zurückerstatten und dann mit reinem Gewissen, mit dem frohen Bewußtsein erfüllter Pflicht aus dieser Welt scheiden, dem Nachkommen die be- freiende, sühnende Lehre als Vermächtnis hinterlassend, damit er das Geschlecht wieder aufrichte, es vom Irrtum befreie und in Kraft, Schönheit und Fröhlichkeit fortpflanze. „Wir müssen zurückerstatten, zurückerstatten, zurück- erstatten I" Suzanncs Augen hatten sich mit Thränen gefüllt, als sie sah. in welche Begeisterung die Worte des Urgroßvaters ihren Sohn Paul versetzten, während Boisgelin sein nervöses Miß- behagen durch ungeduldige Bewegungen kundgab. „Aber>vem und lvie sollen wir zurückerstatten. Groß- Vater?" fragte Suzanne. '' Der Greis wandte seine leuchtenden' Augen gegen Lucas. „Wenn ich gewünscht habe, daß der Schöpfer der Cröcherie zugegen sei, so war es, damit er mich höre und Euch helfe, meine Kinder. Er hat bereits tapfer, am Merke. der Rückerstattung gearbeitet, und nur er kann vermitteln und Euch die richtigen Wege weisen, um das, was von nnsrem Vermögen bleibt, den Kameraden zurückzugeben, den Söhnen und Enkeln der Kameraden von einst." Lucas, der tief erschüttert war von dieser feierlichen Scene und von der Seelengröße des Greises, konnte gleich- wohl nicht umhin, zu zögern, da er fühlte,>vie feindselig Boisgelin sich verhielt. „Ich kann nur eines thun," sagte er,„und das ist, die Eigentümer der Hölle einfach in unsre Association aufnehmen, wenn sie dies wünschen. Gleich den andren Fabriken, die sich uns schon angeschlossen haben, wird die Hölle unsre große Arbeitsfamilie vermehren und unsre neue Stadt um ein ge- waltiges Gebiet vergrößern. Wenn Sie unter Zurückerstatten diesen Versuch, etwas mehr Gerechtigkeit zu schaffen, dieses Anbahnen der vollkommenen Gerechtigkeit verstehen, dann kann ich Ihnen beistehen, dann bin ich hierzu aus ganzem Herzen bereit." „Ich weiß", erwiderte Monsieur J6r6mc.„Ich verlange nicht mehr." Nun konnte aber Boisgelin nicht länger an sich halten. „Dies entspricht aber durchaus nicht meinen Wünschen", sagte er.„Ich bin bereit, trotz des großen Schmerzes, den es mir verursacht, die Hölle der Cröcherie abzutreten. Der Preis müßte vereinbart werden, und ich bedinge mir, außer dem festzusetzenden Betrage, einen Anteil am Neingewinn, der ebenfalls zu vereinbaren wäre. Da ich leider baren Geldes bedarf, muß ich mich von dem Werke trennen." Das war der Plan, den er seit einigen Tagen mit sich herumtrug. Er ging von dem Glauben ans, das Lucas gieriges Verlangen nach dem Terrain der Hölle trage, und daß er bereit sein werde, ihni einen großen Kaufpreis dafür zu bezahlen und überdies eine Rente zuzusichern. Aber der Plan stürzte zusammen wie ein Kartenhaus, als Lucas stn festem Tone, aus dem ein unerschütterlicher Entschluß sprach, erwiderte: „Es ist ausgeschlossen, daß wir etwas kaufen. Das ist dem Geiste unsers Unternehmens entgegen. Wir sind nur eine Association, eine Familie, die allen Brüdern offen steht» die sich uns anschließen wollen." Monsieur Jorüme, der seinen Flammenblick auf Boisgelin gerichtet hatte, sagte nun ohne Zorn, mit gebieterischer Ruhe: „Ich allein habe zu wollen und zu befehlen. Meine hier anwesende Enkelin Suzanne, Mitbesitzerin der Werke, wird unbedingt ihre Zustimmung zu jeder meinen Wünschen nicht entsprechenden Maßregel verweigern. Und ich bin über- zeugt, daß sie gleich mir eines bedauern wird, nämlich, daß sie sich den Zinsengenuß ihres Kapitals vorbehalten muß. Uebcr diese Zinsen wird sie nach ihrem Gutdünken verfügen." Boisgelin verstummte und fügte sich in der Betäubung und Kraftlosigkeit, der er seit seinem Ruin anheimgefallen war. Und der Greis fuhr fort: „Das ist noch nicht alles. Es bleiben noch die Gucrdache und der Pachthof. Auch diese müssen zurückerstattet werden, alles muß zurückerstattet werden 1" Mit nun immer schwerer werdender Zunge fuhr er fort, seinen letzten Willen kundzugeben. So wie die Hölle mit der Crechcrie verschmelzen sollte, sollte der Pachthof sich der Association von Combcttes anschließen und mit seinen Aeckern die zusammengelegten Aecker Lenfants, Avonnots und der andren Bauern vergrößern, die in brüderlicher Eintracht beisammen lebten, seitdem ihr wohlverstandenes Jnter- esse sie miteinander versöhnt hatte. Es sollte nur noch eine Erde, nur eine Mutter geben, die von allen geliebt, von allen betreut wurde und alle ernährte. Die ganze Ebene dcr Roumague sollte dereinst lvie ein einziger ungeheurer Acker erscheinen, die reiche Kornkammer des wiedergeborenen Beauclair. Und was die Gnerdache be- traf, die ja Snzannen allein gehörte, so trug er dieser auf, sie den Armen und Elenden wiederzuerstatten, um ja nichts von dem vergifteten Reichtum zu behalten, welcher den Qurignons den Tod gebracht.hatte. Dann wandte er sich wieder zu Paul, der noch immer am Bettrande saß, und seine Hände in die seinigen nehmend und ihn mit Augen an- sehend, die sich allmählich zu trüben.begannen, sagte er iminer leiser und leiser: „Wir müssen zurückerstatten, alles zurückerstatten, mein Kind. Dn darfst nichts behalten. Dn ninsst diesen Park den ehemaligen Kaineraden geben, damit sie sich an Feiertagen hier erlustigen, damit ihre Franc» und ihre Kinder darin spazieren gehen und unter den schönen Bäumen in gesunder Luft fröhliche Stunden verleben. Du musjt ihnen auch das Haus zurückerstatten, dieses weitläufige Schlost, das wir trotz uusres Geldes nicht haben mit Leben erfüllen können; ich will, daß es ebenfalls den Frauen, den Kindern der armen Arbeiter gehöre. Behalte nichts, gicb alles zurück, mein Kind, alles, alles, wenn Du Dich vor deni Gifte bewahren willst. Und arbeite, lebe nur von Deiner Arbeit, wähle Dir die Tochter eines ehemaligen Kameraden, die auch arbeitet, und heirate sie, zeuge mit ihr Kinder, die arbeiten sollen, die ge- recht und glücklich sein werden, und die Ivieder schöne Kinder haben werden, um die Kette der Arbeit in alle Ewigkeit fortzusetzen. Behalte nichts, mein Kind, gieb alles zurück, alles, darin allein liegt das Heil, der Friede und das Glück I" Alle weinten, nie war ein edlerer, erhabenerer Hauch über menschliche Seelen hingegangen. Das weite Gemach war dadurch zum Tempel geweiht worden. Und die Augen des Greises, in denen ein helles Leuchten aufgegangen war, erloschen allmählich immer mehr, während auch seine Stinnne immer schwächer wurde, je mehr sie sich dem ewigen Schweigen näherte. Er hatte sein erhabenes Werk der Wiedererstattung, der Wahrheit und Gerechtigkeit vollbracht, hatte sein Teil beigetragen zum Glück, welches das erste aller menschlichen Rechte ist. Am Abend starb er. Als Lucas das Zimmer Monsieur Jeron res verließ, begleitete ihn Suzaune, und sie befanden sich eine Weile allein im kleinen Salon. Sie waren beide so in tiefster Seele er- regt und erschüttert, daß ihnen das Herz ans die Lippen trat. „Zählen Sie auf mich," sagte er.„Ich schwöre Ihnen, daß ich alle Kraft für die Ausführung des letzten Willens ein- . setzen werde, der in Ihre Hände niedergelegt wurde. Fortan soll dies meine heiligste Aufgabe sein." „O, nrein teurer Freund," sagte sie, seine Hände er- greifend,„ich setze alle meine Zuversicht auf Sie. Ich weiß, welche Wunder an Gutthatcn Sie schon vollbracht haben, und ich ziveifle nicht, daß Ihnen auch das Wunder gelingen wird, uns alle zu versöhnen. Nichts kommt doch der Liebe gleich t Ach, wenn ich geliebt worden wäre, wie ich geliebt habe!" Er sah sie am ganzen Körper beben, während sie sich in diesem feierlichen Augenblick das Geheimnis ihres Herzens entschlüpfen ließ, das ihr selbst so lange unbekannt ge- blieben war. „Lieber, lieber Freund, welche Kräfte hätte ich entwickeln können für das Gute, welche nützliche Helferin hätte ich sein können am Arme eines gerechten Mannes, eines wahren Helden! Ich hätte ihn zu meinem Gott gemacht! Aber wenn es hierzu auch unwiderruflich zu spät ist. wollen Sie mich dennoch annehmen, als Freundin, als Schwester, die Ihnen nach ihrem schwachen Vermögen beistehen will?" Er verstand: hier wiederholte sich die traurig-süße Geschichte Soeuretteus. Sie hatte ihn geliebt, ohne es einer mensch- lichen Seele zu sagen, ohne es sich auch mir selbst zu gestehen, eine unglückliche, anständige Frau, die nach Liebe lechzte, die aus ihn die geheime Hoffnung ihres Herzens setzte, in ihn: Trost für die Martern ihrer Ehe zu finden hoffte. Und hatte er selbst sie nicht geliebt in jenen vergangenen Tagen, da sie sich so oft bei den amen Leuten getroffen hatte», durch die ihre Bekanntschaft entstanden war? Es war ein köstlich geheimes Gefühl gewesen, eine traumhafte Liebe, durch deren stärkeres Bewußtwerden er geglaubt hätte, sie zu beleidigen, und deren Duft noch jetzt in seinem Herzen ivehte, wie der einer Blume, die zwischen zwei Blättern gepreßt gelegen hat. Und nun, da Josine die Erwählte war, da diese Dinge tot waren und keine Auferstehung möglich, nun bot sie sich ihni gleich Soeurette als schwesterliche Gefährtin, als ergebene Freundin an, die keinen andren Wunsch hatte, als an seiner Misston, an seinem Werke mitzuwirken. „Ob ich Sie will!" rief er, zu Thränen gerührt.„O ja, o ja i Wir können nie genug Liebe, nie genug thätigen guten Willen haben. Unsre Ausgabe ist so groß, daß Sie darin Ihr Herz mit vollen Händen ausgeben können. Kommen Sie zu uns, geliebte Freundin, und verlassen Sie uns nie mehr, werden Sie ein Teil meiner Seele und meines Herzens I" Von ihren Gefühlen überwältigt, warf sie sich in seine Arme, und sie küßten sich. Unlöslich schlang sich um sie das Band einer makellos reinen Seelenehe, in der keine andre Leidenschaft ivaltcte als die für die Armen und Elenden, kein andres Verlangen als das, dem Jammer der Menschen ein Ende zu machen. Er hatte eine geliebte, fruchtbare Gattin, die ihm die Kinder gebar, die seinem Blut entsprangen, und er hatte nun auch zwei Freundinnen, zwei Gefährtinnen, die ihm mit sanften Frauenhäyden Helsen ivollten in seinem große» Werke. lFortsetzung folgt.) Machdrui verboten.) In drv Vnrbrevstttbe. Von SI u t o ii T s ch e ch o!v. Es ist noch nicht 7 Uhr früh, aber die Barbierstube von Makar Knsmitsch Blesikin ist schon geöffnet. Der Besitzer, ein junger Mann von 23 Jahren, iiiigclvaschen, aber mit einer gewissen Eleganz ge- kleidet, räumt � den Laden auf. Aufzuräumen ist eigentlich nichts, aber dennoch ist er bei der Arbeit in Schweis; geraten. Hier reibt er etwas mit einem Läppchen ab, dort wischt er mit dem Finger, da findet er an der Wand eine Wanze und knipst sie fort. Die Barbierstube ist klein, schmal. Die Balkenwände sind mit einer Tapete beklebt, die an einen verblichenen Postillonsrock erinnert. Zwischen den beiden angelaufenen, thränenden Fenstern befindet sich ein dünnes, knarrendes, schwächliches Thürcheu; darüber ist eine mit Grünspan bezogene Glocke befestigt, welche beständig zittert und traurig, ohne jeden Grund, von selbst klingelt. Blickt man in den Spiegel, der an einer der Wände hängt, so erscheint das Gesicht darin in der unbarmherzigsten Weise verzerrt. Vor diesem Spiegel wird rasiert, frisiert usw. Auf einem Tischchen, das ebenso ungewaschen aussieht, wie Makar Knsmitsch selbst, findet sich alles Nötige: Kämme, Scheren, Rasiermesser, Bartwichse für eine Kopeke, Puder für eine Kopeke, stark verdünntes Ean de Cologne für eine Kopeke, lleberhanpt der ganze Luden ist nicht viel mehr wert als fünfzehn Kopeken. lieber der Thür ertönt daS Winseln der kranken Glocke, und in die Barbicrstube tritt ein älterer Mann im gegerbten kurzen Schaf- pelz und Filzstiefeln. Kopf und Hals sind mit einem Frauenshawl umwickelt. Das ist Erast Jlvanitsch Jagodow, der Taufpate Makar Kus- mitschs. Früher ivar er Diener am Konsistorium, jetzt lebt er am „Roten Teich" und macht Schlosserarbeiten. „Guten Tag, Makaruschka!" bcgrützt er Makar KuSmilsch, der noch immer mit Aufräumen beschäftigt ist. Sie küssen sich. Jagodow bindet den Shalvl ab, bekreuzigt sich und schnaubt sich die Nase. „Ein weiter Weg! sagt er stöhuciid.„Kein Spaß— vom„Roten Teich" bis zum Kaluger Thor!" „Wie geht es Ihnen?" „Schlecht, Bruder! Ich hatte Typhus." „Was Sie sagen? Typhus?" „Jawohl, Typhus. Ich lag eiueu ganzen Mouat, glaubte schon, 's wär' ans mit mir. Bekam die letzte Oclung. Jetzt fällt mir das Haar aus. Der Doktor meinte, ich sollte es schneiden lassen. Das Haar, sagte er, wird dann neu. kräftig wachsen. Da denke ich so bei mir: geh' zu Makar! Anstatt zu irgend'uem andern, lieber doch zu seinem Verwandten... Ter niacht's besser und nimmt nichts dafür. Es ist ja etwas weit, das ist wahr; aber was schadet das?'S ist nur ein Spaziergang." „Mit Bergniigen! Bitte setzen Sie sich!" Makar Knsmitsch macht eine Verbeugung und weist ans den Stuhl. Jagodow setzt sich, blickt in den Spiegel und ist mit dem Bilde darin augenscheinlich sehr zufrieden: im Spiegel ficht er eine schiefe Fratze iuit Kalmückenaugen, stumpfer breiter Nase und wulstigen Negerlippen. Makar Knsmitsch legt auf die Schultern seines Kunden ein weißes Tuch mit gelben Flecken und beginnt mit der Schere zu klappern. „Ich schneide ganz kurz, bis auf die Haut!" sagte er. „Natürlich. Ich muß grade wie ein Tatar aussehen— dann werden die Haare auch wieder dicht wachsen." „Wie geht es dem lieben Tantchen?" „Ganz gut. Neulich war sie bei der Frau Major zur Aushilfe. Bekam einen Rubel dafür." „So. Einen Rubel... Halten Sie doch dieses Ohr etwas tiefer!" „Schön... Aber paff' nur aus, das; Du mich nicht schneidest. Au, das thut ja weh I Du reißt mich am Haar I" „Das schadet nichts. Ohne das gehl's nun mal bei unsrem Geschäft nicht ab... lind wie geht es Anna Erastowna?" „Dem Töchterchen? Ganz gut... Springt herum... Vergangene Woche, Mittwoch, haben lvir sie mit Scheikiu verlobt... Warum bist Du nicht gekommen?" Die Schere hörte auf zu klappern. Makar Knsmitsch läßt die Hände sinkeu und fragt erschreckt: „Wen— haben Sie verlobt?" „Anna." »Ja, wie ist denn dnS möistich? Mit wem denn?" „Mit Scheikin Prokoff Petrowitsch. Seine Tante ist Wirt- fchafterin in der Slatoussenski-Straste. Ein braves Frauenzinnner. Natürlich sind wir alle sehr froh, Gott sei Dank I Tie How�eit ist nach einer Woche. Koinuie anch! Wollen mal recht lnstiji sein l" „Aber wie kann denn das sei». Erast J>va»itsch?" fragt Makar Knsniitsch bleich, erstaunt, und zuckt die! Achseln.»Wie ist das über- Haupt möglich? Das... das ist ja ganz unmöglich I Anna Ernstolvna ist doch... ich habe doch... ich liebe sie doch und habe ernste Abfichten. Wie ist das denn?" „Ganz einfach. Wir nahmen und verlobten sie. Ne gute Partie." Kalter Schweiß tritt Makar Kusniitsch aufs Gesicht. Er legt die Scheere auf den Tisch und fängt an, sich mit der Faust die Nase zu reiben. „Ich hatte ernste Absichten.. sagte er.„Das ist unmöglich, Erast Jwanitsch I Ich... ich liebe sie ja und habe ihr einen An- trag gemacht... Und die Taute versprach auch... Ich habe Sie immer geachtet lvie meinen eignen Vater... ich schneide Ihnen immer umsonst die Haare... immer haben Sie von mir Ge- sälligkeiten. Als mein Vater starb, nahmen Sie das Sofa, und 10 Rubel Geld und haben mir nichts zurückgegeben. Erinnern Sie sich?" „Aber natürlich! Warum soll ich mich nicht erinnern? Aber tvas bist Du denn für eine Partie. Makar? Bist Du vielleicht ein Bräutigam für Anna? Weder Geld noch Stand, ein unbedeutendes Handwerk..." „Ist Scheikin denn reich?" „Scheikin ist in einer ArbeitSgenosseirsckiaft, hat 1S00 Rubel Kaution gestellt. So ist es, Bruder. Was ist da viel zu reden? Es ist'ne abgemachte Sache. Daran ist nichts mehr zu andern. Makaruschka! Such Dir eine andere Braut... Die Welt ist doch nicht mit Brettern vernagelt!... Ha, scheere weiter! Was stehst Du?" Makar Knsniitsch schweigt und steht unbeweglich. Dann langt er ein kleines Tuch aus der Tasche. und beginnt zu weinen. „Ha. noch schöner!" tröstet ihn Ernst Jwanitsch.„Seht blas.., heult wie ein altes Weib I Erst mach' meinen 5iopf zu Ende, daim kannst Du weinen, soviel Du willst I" Makar Kusmitsch nimmt die Scheere, sieht sie eine Minute ge- daukeulos an und läßt sie dann wieder aus den Tisch fallen. Seine Hände zittern. „Ich kann nicht l" sagt er."„Ich kann jetzt nicht, ich habe keine Kräfte! Ich bin ein unglücklicher Mensch I Und sie ist anch un- glücklich! Wir liebten uns, versprachen uns, und jetzt trennen uns döse Menschen ohne jedes Mitleid... Gehen Sie, Erast Jtvanilsch! Ich kann Sie nicht sehen I" „Dann werde ich morgen wiederkommen, Makaruschka. Wirst mich morgen zu Ende schneiden." „Gut." „Wirst Dich beruhigen; ich komme dann morgen schon ganz früh zu Dir." Ernst Jtvanilsch hatte einen zur Hälfte geschorenen Kopf wie ein Sträfling. Es ist nicht angenehm, mit solch einem Kopf herumlaufen zu'müssen, aber Ivas ist dabei zu machen?" Er wickelt Kopf und Hals wieder in den Shalvl und verläßt die Barbierstnbe. Sobald er allein ist, setzt sich Makar Kusmitsch und fährt fort leise zu weinen. Am andern Tage frühmorgens kommt Erast Jlvanitsch wieder. „Was wünschen Sie?" fragt ihn Makar Kusmitsch kalt. „Scheere zu Ende, Makaruschka I Der halbe Kopf ist noch zu scheeren." „Bitie, voraus zu bezahlen: llmsonst scheere ich nicht." Ernst Jlvanitsch verläßt, ohne ein Wort zu sagen, die Barbier- stnbe. Sein Kopf bleibt, ivie er ist: auf der einen Seite geschoren, auf der andern nicht. Für Haarschneide» Geld zu bezahlen, hält er kür einen Luxus. Er wartet einfach, bis die Haare ans der ge- schorenen Hälfte von selbst wieder geivachsen find. In diesem Znstand macht er nach acht Tagen auch die Hochzeit seiner Tochter mit.— Kleines �onillekon. oe. Ohne Kleider.„Da kommt ja Otto!" rief Erika. Sie stand auf und winkte dem Bruder zu, der eben ans der Thür der Badeanstalt trat. Er beschattete daS Gesicht mit der Hand und spähte nach dem Lokal hinüber. Jetzt hatte er Eltern und Schivester entdeckt. Grüßend schwenkte er das Päckchen mit dem Badezeug, aber sonst beeilte er sich nicht. Er blieb sogar noch stehen und sah einem Jungen zu, der vom Verbindungssteg ans angelte. „So komm doch endlich I rief der Vater, da machte er sich auf den Weg. Der Vater schalt:„Sag' mal, wo bleibst Du denn eigentlich, bald zwei Stunden bist Du drüben gewesen, das ist doch keine Art." Der Junge zog ein Gesicht:„Na, ich mußte doch so lange warten, es war ja so voll, mair konnte ja gar keine Zelle kriegen zum Ausziehen; und nachher, ivie ich fertig war, Hab' ich noch übers Geländer weg zugesehen, wie sie schwimmen, und dann Hab' ich'» jungen Mann kennen gelernt, aber'n riesig netten, jungen Mann, sag' ich Euch. Unten aus der roten Villa am Walde." „Den Sohn von dem Bankier Ivohl?" Der Vater horchte auf. Sei» Zorn lvar augenscheinlich verflogen:„Bankier Martens haben einen Sohn in Deinen Jahren, er soll gestern zu den Ferien gekommeit sein." „Nein, ein Jahr älter ist er, ich glaube sechzehn. Aber er lvar wirklich furchtbar nett. Denkt nur, lvie ich über das Geländer gucke, fällt mir mein Hut ins Wasser. Franz ist ihm aber gleich nach- geschivommen. Franz heißt er nämlich." „Dann kaim er doch nicht der Sohn von Martens sein, den rufen sie Konrad", meinte Erika. „Das ivcißt Du natürlich ganz genau"— die Mutter warf ihr über die Stickerei fort einen prüfenden Blick zu.„I sieh mal an, woher denn schon?" „Na, ich Hab' es doch gehört, daß Herr Martens ihn so rief"— die Kleine errötete ellvaS.„Gestern, als wir bei der Villa vorüber- gingen, stand Herr Martens ans der Terrasse und rief: Konrad, Konrad I" „Jaivohl, Konrad. iver weiß, wer den gerufen hat", höhnte Otto. „Trug er denn einen grauen Sportanzug?" fragte die Mutter. „Die kleinen Martens gehen immer in grauen Sportanzügen." „Gott, das iveiß ich doch aber nicht, Mama, er lvar doch in» Wasser, als ich ihn kennen lernte."— Otto lvnrde etwas verlegen.— „Er sagt aber. er wohnte in der roten Villa, und er hat mich auch eingeladen, ich soll ihn da besuchen, er lvill mir die Pfauen zeigen und es lvohnen doch auch gar keine andren Menschen in der Vclla als Bankier Martens." „Nein, allerdings nicht,"— die Mutter nickte:„Kinder, das ist ja aber eine reizende Bekanntschaft. Da müssen lvir mit dcrFarnilie auch Verkehr bekommen. Ich lverde daS schon fingern. Tu gehst gleich heule Abend hinüber, Otto, und besuchst Deinen neuen Freund!" „Wenn das nur den Eltern recht sein lvird," zweifelte der Vater. „Martens halten sich doch so zurück. Sie verkehren mit niemand hier 1" „Ach was, lvir benutzen die Gelegenheit." Die Mutter lvar sehr entschlossen.„Laß mich das nur machen! Sei zufrieden, lvemi lvir so Vornehmen Umgang bekommen können." „Ich gehe dann aber auch eininal mit nach der Villa." sagie Erika,„ich möchte anch die Pfauen sehen!" »Ja, ja, lvir gehen alle hin— Otto muß den jungen Martens besuchen und lvir sprechen dann so in» Vorbeigehen vor und thnn, als ob lvir ihn abholen wollen, dann lvird sich das lvcitere schon finden." .Wünschenswert wäre es allerdings." Der Vater sah nach- denklich auf den See hinaus.„Man könnte anch geschäftliche Vorreite davon haben. Wo hast Dn denn aber den jungen Herrn, Otto? Du hättest ihn doch gleich mitbringen sollen!" „Er muß ja jeden Augenblick kominen." Otto drehte sich um und sah nach der Badeanstalt. Er tvollte ja»och im Wasser bleiben, er lvar erst eben reingegangen»nid wollte noch schwimmeil, mir lvill er auch's Schwimmen zeigen." „Ein liebenswürdiger junger Mann," lobte die Mutter. „Vielleicht zeigt er mir anch das Rudern," seufzte Erika mit schlvärnlerischem Augenanfschlag. „Ja, rudern kann er"— bestätigte Otto—„morgen rudern lvir zusammen— und da— aber"— er wollte aufspringen, brach jedoch mitten im Satz ab und starrte mit großen Augen auf die hölzerne Brücke. „Das ist er wohl?" rief die Mutter. „Der mit der ollen schmutzigen Jacke?" schrie Erika. „Das ist doch nicht der junge Herr Martens— das ist ja— „Der Junge von Martens Portier"— fiel Erika den» Vater in? Wort,„der, der immer'n Garten fegt,— hoach I und den habt Ihr für den jungen Herrn Martens gehalten?" Sie wollte sich ausschütten vor Lachen. Die Mutter gab ihr einen Klaps:„Bist Du stille! Und daß Du Dich nicht rührst," sie riß Otto hinter die Sträucher zurück:„keinen Mnck sagst Du, bis er vorüber ist!" Der junge Mann draußen warf ein paar forschende Blicke über das Lokal, dann schritt er haftig dem Ausgang zu. Der Vater beugte sich über den Tisch zu Otto und holte zu einer Ohrfeige auS:„Also solche Bekanntschaften schlicßste, dämlicher Beugel?—" „Und dann sagt er noch,'s lvär'n netter jllnger Mann— so'n — so'n Pack'n netter jmiger Mann I" jnchzte Erika. „Statt daß Dl» so einen»'n Rücken drehst, wenn er sich an Dich randrängeln will"— die Mutter gab ihn» gleichfalls einen Puff.— „Mit so einen» willst Dn»och rudern Dn— Du—" Otto schluchzte:„Aber Mama— Mama! Und er war doch wirklich so nett— und, ich Hab' ihn doch imr im Wasser gesehen, und ohne Kleider. Papa, ohne Kleider, da sah er gar nicht so ruppig aus, ohne Kleider konnte man doch wirklich denken, er lväre ein feiner Junge!"— ie. Tie Jndnstrle künstlicher Blume» hat außerordentliche Fortschritte gemacht. Ii» London verkauft ninn jetzt Blumen, die nicht etiva nur für das Auge»lud ans einiger Entfernung täuschend wirken, sondern auch für das Gefühl und den Geruch ihren Vor- bildern so nahe stehen, daß häufig jemand für teueres Geld eine schöne natürliche Blnme erstanden zu haben glaubt und erst durch spätere Zufälle eines Besseren oder vielmehr eines schlechteren belehrt lvird. Ein Mitarbeiter des„Laneet" erzählt ans eiqner Vcol'nchtuiiI, Ivic ihm cimniil beiin Diner ein qfsicimhcrsitzciidcr Herr dadurch ausfiel, dafi sein Bor- 'Hemd und sein Nock sich allmählich mit Streifen von glänzend roter Farbe bedeckten. Er trug in seinen» Knopfloch eine rosa Nelke, die, als sie nachher in Augenschein genommen ivnrde, selbst auf kurze Entfernung durchaus natürlich erschien, sogar ihr Duft Ivar von der eigentümlichen Schönheit der»virklichen Nelke. Die Blume tvar von ihren» Besitzer vorher»nit Wasser benetzt Morden, und diese Wassertropfen, von denen noch einige an den» .»lerkivürdigen Produkt hingen,»varen von glänzend roter Farbe und hatten dcingenlnsi nn'ch die verdächtigen Flecken ans den» Anzug dcS ' leidenden Eigentümers hervorgebracht, Ivährcnd die Nelke selbst all- »nählich cine'ctivaS scheckige Farbe angenommen hatte. Fnr's erste Ivnrde es trotz all dieser bedenklichen Anzeichen für nunröglich gehalten, das; die Blüte unecht sein tönnte. Man»voNte der Sache aber doch gründlich auf die Spur gehe»,»md so wanderte die Nelke in ein chemisches Laboratorium. Das Ergebnis der dort vorgenommenen Uiitersnchmig war überraschend und lieferte den Beivcis für eine außerordentlich geschickte, man könnte sage», geniale Nachahmung. Von einer Nelke hatte die Blume bis auf die äußere Erscheinung nicht den geringsten Teil an sich. Die Blütenblätter bestanden ans sauber geschnittenen Nubenschale»», die mit Magcnta- rot gefärbt waren. Stengel imd Blätter»varen bon Zeug her- gestellt, das mit Chrom dunkelgrün gefärbt>vnr, und die natürliche Tönung tvar durch ein sehr feines Stärkemehl hervorgebracht, das vorsichtig über Stengel und Blätter gestreut ivar. DaS ganze Kunstiverk erhielt seine Stütze in einen»»vohlverborgeuen Eisendraht. Der Betrug ivnrde vollendet durch das unter den» Namen Oeillct bekannte bcrnstcinfarbige Oel, das den Geruch der Nelke wundervoll nachahmt. Nach Abschluß der Untersuchung mußte der Chemiker zugestehen, daß eine feiner ausgeführte Täuschung kaum denkbar wäre. Ilcbrigens stellte sich der Betrug»vcnigstens insofern als Harn, los heraus, als irgend ein Gehalt an schädlichen chemischen Stoffen nicht nachgetviescn werden konnte. Bösartig könnte die Sache erst»Verden,»veni» es den Fälschen» einfiele, die Färbung ihrer künstlichen Blunicn mit reizerrcgcndcn und giftigen Stoffen wie z. B. Arsenik vorznnchmei»,»vas ja leider nicht außerhalb des Bereichs der Möglichkeit liegt.— Medizinisches. II e b e r eine neue Behandlung deS Keuch- h n st e n s, die von den» Züricher Arzt Dr. Z a n g g e r in über hundert Fällen niit Erfolg erprobt»vorde» ist, berichtet die„Vossische Zeitung": Es konnnen bei dieser Behandlung hauptsächlich Präparate von Chinin zur Anwendung. Unter den erkrankten Kinoern, deren Alter von zivei Jahren bis zu sechs Wochen schivankte, kam kein einziger Todesfall vor, obgleich fünf Fälle schon mit einseitiger Lungenentzündung, zuweilen in sehr schtvercr Form, unter Be- Handlung kamen. Die Zahl der Hustenanfälle überstieg nie- mals 32 innerhalb 24 Stunden und nahur schon»vährend der zlveiten Woche der Vehandlniig schnell ab. Der allgemeine Gesundheitszustand»var nach 2 bis 4 Wochen oft so vollköinnien gebessert, daß sogar ein Lnftivechsel nicht»»ehr für nötig befunden Ivnrde. Von den verschiedenen Chininverbiudiuigen blieb gcrbsaurcs Chinin von geringer Wirkung; die besten Dienste leistete hhdrochlorsaurcs Chinin im Wasser gelöst und vor den Mahlzeiten in Milch verabreicht, wobei sich die Dosis nach dem Alter des Kindes richtete. Sehr günstige Ergebnisse wurden auch niit der Anwendung von Enchstiiii in Pulverform erzielt, die de» Vorzug hat, fast gc- schmacklos zu sein und daher von den Kindern leichter genommen wird. Feuchte Packungen von der Achselhöhle bis zu den Füßen brachte» eine wesentliche Erleichterung mit sich, wenn sie sorgfältig gemacht und gut mit Flanell bedeckt wurden. Besonders bei bc- gleitender Lungeneiitzündung war es vorteilhaft, die Packnug mehr- mals am Tage zu erneucr», während sie sonst mir zwei bis drei Stunden oder nur während der Nacht augewandt wurde.— Astronomisches. — Entdeckung neuer Nebelflecke. Der„Frkf. Ztg." wird geschrieben: Die Kenntnis der Verteilung der Nebelflecke des Himmels im Rani» ist eine Frage von grundlegender Bedeutung zur Beurteilung des Aufbaues des ganzen Wcltgebäudes. Bisher .zeigen nämlich die bekannten Nebelflecke eine Anordnung, daß ihre Zahl auf gleichen Flächenräumen des Himmels um so größer wird, je weiter der betreffende Ort von den» großen Lichtband der Milchstraße in Vogen entfernt ist. lind diese deutliche Abhängigkeit der Ver- teilung der Nebelflecke von der Milchstraße ließ nur den Schluß zu, daß diese Glieder des Milchstraßenst>stenis seien, ebenso wie alle Sterne und nnsre Sonne auch. Dann würde es also außerhalb des allerdings an Ansdehniiug nngeheurcn Milchstraßensystems keine Materie im Räume geben, von der wir Kenntnis hätten; jenseits der letzten zur Milchstraße gehörigen Sterne wäre der Raum nach allen Nicht, iiigeu-überhaupt„leer".— Schon die Aufnahmen des verstorbenen JamcS Kccler am Eroßlcy-Neflektor der Lick-Stcruwarte zeigten indesse»», daß die Photographie eine Uiiinenge neuer Nebel enthülle, die zu schwach, � um ans das Auge zu wirken. das kaum eine Minute denselben Punlt zi» fixieren vermag, dennoch auf der photographischen Platte, die stundenlang den',- selben Lichteindruck aiisgesetzt werden kann, sich in allen feinen Beroiltivortlicher. Nedactcm: Carl Leid in Berlin. Details deutlich abzeichnen. Auch Professor Wolf in Heidelberg will nun daS lichtstarke Bruce- Teleskop, das sich, weil seine Oeffnung <40 Centimeter) nur der fünfte Teil der Brennweite(2 Meter) ist, besonders zur Aufnahme lichtschwacher ausgedehnter Gebilde eignet, wesentlich zur Erforschung dieses weiten Arbeitsfelds Verivenden und teilt die ersten geradezu überraschenden Ergebnisse in den Sitzungs- berichten der bayerischen Akademie der Wissenschaften jetzt mit. Danach ist erst der allcrkleinste Teil der Nebel des Himmels überhaupt bekannt. So fand Wolf alif einer Fläche, die tli mal so groß ist ivie die Mondscheibe, im Sternbilde der Jungfrau 13V Nebelflecke; überhaupt ivar es auffallend, Ivie die kleinen Nebel in Gruppen standen. Das Verhältnis der darunter zum erstenmal bekannt de- wordenen zn den früher schon bekannten ivar dabei Ivv zu 2. Wird also unsre Kenntnis der existierenden Nebelflecke durch Wolfs Arbeiten auf das Lvfache der Objekte erhöht, so sind alle bisher ans der Nebelverteilung gezogenen Schlüsse auf den Aufbau des Weltalls ans einem so verschwindenden Teilmatcrial aufgebaut, daß ihre Be- stätigung durch die neuen Entdeckungen erst abgewartet werden muß.— Wunderbar sind z. T. die Formen dieser kleinen Nebel, die meisten zwar sind kreisrund, einige zeigen eine spiralige Struktur und nicht selten kommt eine Form vor, die Wolf mit einer Pfeiler- »rücke ve' gleickit, mit eine», geschwungenen Brückenbogen und stellen- weise 2, 3 auch 4 Pfeilern.— Humorinisches. — Nachtleben i m Hochgebirge. Reisender(zinir Hotelbesitzer):„Wie können Sie mir bereits vergebene Bette» zum Schlafen anweisen?" Hotelbesitzer:„Wieso denn?" Reisender:„Sic hatten doch das Bett zweimal vermietet: einmal an die Wanze» und einmal an»»»ich I"— — Treffende Diagnose. Der neue Arzt:„Auf- richtig gesagt, gnädige Frau, was Ihnen fehlt, ist mir rätselhast; ich käin» Sie höchstens einige Monate ins Bad schicken I" Patientin(aufatmend):„Na, da haben Sie's ja gleicht"—(.Lust. Bl.") Notizen. — Alphon se Daudet wird ein Standbild in den Champs- Elysees in Paris erhalte».— — Werner A l b e r t i, von der kgl. Oper in B» d a p e st, beginnt heute sein Gastspiel im Berliner Theater als„Elenzar" in Halevys„Jüdin"; an» Sonnabend wird er den„Manrico" im„Troubadour" singen.— — Der Leipziger Männerchor, dem bei», Prcissingcn der sächsische» Männerchöre in der Internationale» Knnftansstellnng statt des erwarteten c r st e n der zweite Preis zuerkannt ivnrde, hat nachträglich gegen daS Urteil der Preisrichter bei der Ansstellungs- konunission W i d e r s p r u ch erhoben und ihr den Preis zur Ver- fügung gestellt.— — Die Vlll. Internationale Kn n st a u S st e lln n g 1VV1 in, M ü» ch e n e r G l a s p a l a st hat Medaillen e r st e r Klasse zuerkannt: Hans Petersen, Ernst Zimmcrman», Adolf Echller, Leo Samberger, Julius Exter, Karl Küstner, Fritz Bär, Rudolf Maison, Otto Reiniger; Medaillen zweiter Klasse: August Fink, Max Gaisier, W. Velten, Hermann Käulbach, A. Schwarzschild, Karl Kronberger, Hermann Knopf, Hermann Krichcldorf, Beno Becker. A. Hengeler, Augclo Jank, R. Schramm- Zittau, R. Weise, E. Hegeiibarth, Julius Diez, F.- Erler, Hermann Urban, Georg Schnstcr-Woldau. Walter Thor, I. Hiiber- Feldkirch, Ph. O. Schaefer, F. Hoch, Georg Alberlshofcr, Georg Wrba, A. Drninin, I. Taschner, F. W. Sargant, Ludwig Dasio, Oscar Graf, R. Schlnmprecht, H. Wolfs, O. Kresse, HanS' Grassel, W. Leistikow, H. Völler, U. Hübuer, A. Männchen, F. von Wille, I. Schenrcnberg, K. Storch, F. Rensing, P. Schulz, Georg Rocincr, F. 3i. Pawlik, A. Volkmann.— — Die 10. Konferenz für das Idioten Wesen und die Schulen für schwachsinnige Kinder wird vom 17. bis 20. September in Elberfeld abgehalten»verde».— — Gefälschte Schmetterlinge. Zur großen lieber- raschung der Schmetterlinglundigcn sind in der letzten Zeit vielfach bisher noch nie gesehene' und selbst dem Bewandertsten gänzlich unbekannte farbenprächtige Exemplare von Lcpi- dopteren auf den» Markte aufgetaucht, die die bizarrsten Varietätei» darstelle», ja ganze Gattungen, die»och niemals hinter den Glasscheiben einer Sammlung sich vorgefunden, er- schienen auf einmal in vollendeter Zusaiinnenstellung vor den ersrannten Blicken der Kenner. Das Geheimnis dieser neuen, Auf- sehen erregenden Handelsartikel ist übrigens leicht zu lösen: es ge- nügt ein leichter Hauch einer feinpulverisicrten Pastellfarbe, die nnf eine zarte GiiNnnilösnng aufgetragen wird, um aus dem gewöhn- lichstei» Falter ein farbenschillerndes exotisches Exemplar zu machen, und der Phantasie der Fälscher ist bei dieser Prozedur keinerlei Schranken gezogen, so daß ein Leichtgläubiger seine Sammlung, ohne Schwierigkeit und ohne besondersgroße Kosten seine Kästen mit imagiuärcn Schuppenflügler» füllen kann.— Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.