Attterhaltungsblatt des Worwäris 147. Mittwoch, den 31. Juli. 1901 iNachdruck verboten.» 84, N v b e i k: Roma» in drei Büchern von Emile Zola. AuS dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenzweig. Jordan, den Soeurette warm eingehüllt hatte, um ihn vor der kühlen Nachtluft zu bewahren, blickte sinnend auf die gewaltigen Bauten der Werke, deren Umrisse in-Flammen- linien erstrahlten gleich Feenpalästen. Klein, schwächlich und blaß, wie immer aussehend, als ob er keinen Tag mehr zu leben hätte, wandelte er durch die weiten, taghell erleuchteten Hallen. Und da er seit zehn Jahren sein Laboratorium kaum verlassen hatte, so tief in seine Gedankenwelt eingesponnen, daß er so gut wie nichts von den Ereignissen der Außenwelt wußte, so ging er hier umher wie ein Gast aus einem andern Planeten, staunte über die erzielten Resultate, über den Erfolg des großen Werkes, dessen unscheinbarster und wertvollster Mitschöpfer er war. »Ja, ja." sagte er halblaut,„das ist schon nicht übel, es ist schon hübsch viel Boden gewonnen worden. Es geht vor- wärts, das Zukunstsideal rückt näher. Und ich muß mich bei Ihnen entschuldigen, mein lieber Lucas, denn ich habe Ihnen ja nicht verhehlt, daß ich anfangs an Ihre Mission nicht recht glauben wollte. Es ist seltsam, wie schwer es uns wird, den Glauben andrer zu teilen, wenn sie auf einem von dem unsrigcn verschiedenen Gebiete thätig sind. Aber ich bin nun vollkommen bekehrt; zweifellos befördert Ihr Wirken das menschliche Glück, und jeder Tag sieht etwas mehr Ge- rechtigkeit und Solidarität vertvirklicht. Aber es bleibt noch viel für Sie zu thun, und ich, ach, habe noch gar nichts ge- leistet im Vergleich zu dem, was ich noch schaffen möchte!" Er war ernst und sorgenvoll geworden. „Der Kostenpreis der Elektricität, den wir um die Hälfte vennindert haben, ist»och immer viel zu hoch. Und dann alle die komplizierten und kostspieligen Einrichtungen am Grubenschacht, deren es noch bedarf, die Kessel, die Dampf- Maschinen, abgesehen von den Kilometern von Kabeln, deren Unterhaltung so viel kostet— alles das ist barbarisch, alles das verschlingt zu viel Zeit und Geld. Wir brauchten etwas ganz andres, etwas Praktischeres, Einfacheres, Unmittel- bareres. O, ich weiß wohl, in welcher Richtung ich suchen soll, aber dennoch scheint der Gedanke Wahnsinn, ich wage nie- mand zu sagen, nach welchem Ziel ich strebe, da ich es kauni selbst klar bezeichnen kann. Ja, der Kessel und die Dampf- Maschine müßten beseitigt werden, sie sind das hindernde Zwischenglied zwischen der Kohle und der daraus zu ge- Winnenden Elektricität. Mit einem Wort, man müßte die Wärme-Energie, die in der Kohle gebunden ist, direkt in elektrische Energie vcrivaudelu können, ohne sich des Mittels der mechanischen Energie zu bedienen. Wie? Das weiß ich noch nicht. Wenn ich es wüßte, dann»väre das große Problem gelöst. Aber ich habe mich an die Arbeit ge- macht und ich hoffe, ich baue darauf, daß ich es lösen werde. Und dann, dann sollen Sie sehen, dann würde die Elektricität fast nichts mehr kosten, wir könnten sie allen zu- gänglich machen, sie an alle verteilen, sie zum siegreichen Hilfsmittel der allgemeinen Wohlfahrt machen." Seine kleine Gestalt schien gewachsen, der sonst so stille, in sich gekehrte Manu sprach voll feuriger Begeisterung, mit lebhaften Gebärden. „Der Tag muß kommen, wo die Elektricität allen ge- hört, tvie das Wasser der Flüsse, wie die Winde des Himmels. Sie soll nicht nur freigegeben, sondern verschwendet werden, der Mensch soll sie nach Gefallen verbrauchen können wie die Luft, die er atmet. Sie wird durch die Städte fließen wie das Blut des socialen Lebens. In jedem Hans wird man einfach nur einige Knöpfe zu drehen haben, um Ueber- fluß an Kraft, an Wärme, an Licht hereinströmen zu lassen, so wie heute das Wasser hereinströmt. Und in der Nacht wird sie am dunkeln Himmel eine zweite Sonne entzünden, die die Sterne überstrahlen wird. Sie wird den Winter für immer verjagen, wird einen ewigen Sommer schaffen, indem sie die alte Erde erwärmt und den ewigen Schnee von den höchsten Berggipfeln wegschmilzt... Darum bin ich nicht sehr stolz auf das, was ich gethan habe; es ist so unendlich wenig neben dem, was noch zu vollenden bleibt!" Und mit stiller Geringschätzung schloß er: „Ich kann noch nicht einmal meine elektrischen Schmelz» öfen praktisch in Thätigkeit setzen. Sie sind nach wie vor nur Experimentieröfen, Laboratoriumsapparate. Die Elektricität ist noch immer viel zu teuer, als daß ihre Verwendung zum Schmelzprozeß sich lohnen könnte, und daher sage ich noch einmal, daß sie nicht mehr kosten darf als das Wasser und die Luft. Wenn ich sie werde in Strömen verschwenden können, ohne zu rechnen, dann werden meine Oefcn die Metallurgie umgestalten. Ich weiß den einzigen Weg. der zu diesem Ziele führt, und ich habe mich ans Werk gemacht." Das Nachtfest war prächtig, alles Volk nahm daran teil, in all den lichtdurchfluteten Hallen erscholl Gesang, drehten sich die Paare im Tanz. Was alle so froh und glücklich machte, das war die befreite, wieder zu Ehren gekommene, zur Gesundheit und Freude gewordene Arbeit; das war, daß das Elend beseitigt, das allgemeine Gut allmählich der Allgemein- heit tviedergegeben Ivordcn war, im Namen des heiligen Rechts, das jedes Wesen an das Leben und an das Glück hat; und es war die Hoffnung auf eine Zukunft noch höherer Gerechtigkeit und vollendeten Friedens, in welcher das Ideal einer freien und brüderlichen Gemeinschaft endlich vollkommen erreicht sein würde. Die Liebe wird dieses Wunder voll- bringen. Und man geleitete Nanet und Nise in ihr neues Heim und ließ die Liebe hochleben, die sie vereinigt hatte, die Liebe, die aus ihnen immer neue liebende Wesen würde entspringen lassen. Um diese Zeit revolutionierte die Liebe auch die Bürger» schaft von Beauclair, und gerade durch das Haus des Ehe- paares Mazelle, der friedlichen Rentner, der liebenswürdigen Nichtsthuer, blies ihr gewaltiger Sturmhauch. Ihre Tochter Louise hatte die guten Leute von Kindheit auf in Erstaunen gesetzt und aus dem Gleichgewicht gebracht, so ganz und gar verschieden war-sie von ihnen; sie war ungemein lebhaft und beweglich und von einem so unzähmbaren Thätigkeitstriebe erfüllt, daß sie sagte, sie müßte sterben, wenn sie eine Stunde müßig bliebe. Das war nun den Eltern vollkommen un» faßbar, deren höchstes Glück gerade im Nichtsthun be- stand, und die sich dieses Glück durch weisen, gefahrlosen. von allem Ehrgeiz freien Gebrauch ihres einst ge» wonnencn Reichtums zu sichern gewußt hatten. Sie konnten nicht begreifen, wie sich Louise den ganzen Tag mit über» flüssiger Arbeit abquälen konnte. Sie war eine einzige Tochter, sie erbte einmal ein schönes. in guten Staatspapicren äuge» legtes Vermögen, wie konnte sie nur so thöricht sein und nicht in ihreni gesicherten Winkel sorgenlos ihr Leben genießen? Sie selbst fühlten sich so behaglich in ihrem egoistischen Glück. von dem kein Fenster nach dem Unglück andrer sah. und lebten im wechscllosen Gleichmaß der Tage als ehrenhafte. gutmütige Leute, die ungemein liebevoll gegeneinander waren, wenn schon nicht gegen aiwre, die einander pflegten, be- streuten, verhätschelten, als zärtliche und treue Gatten. Warum kümmerte sich ihre einzige Tochter um den Bettler auf der Straße, um die neuen Ideen, die die Welt veränderten, um die Ereignisse, die das Volk in Aufregung versetzten? Sie war immer voll Leben und Bewegung, nahm an allen Dingen leidenschaftliches Interesse, verteilte ihr Herz an alle Menschen. Die guten Alten, die ihr Kind vergötterten, staunten es zu- gleich an wie ein uncrforschliches Wunder, begriffen nicht, wie sie hatten eine Tochter in die Welt setzen können, die so gar nichts von ihnen hatte. Und nun brachte sie sie vollends außer Fassung durch eine Leidenschaft, über die sie zuerst als über eine kindische Liebelei die Achseln gezuckt hatten, die aber mittlerweile so ernst geworden war, daß sie das Ende der Welt nahe glaubten. Louise Mazelle, die die Herzensfrcundin Nise Delavcaus geblieben war, besuchte sie häufig bei den Boisgelin, seitdem diese in der Cröcherie wohnten. Und hier war sie wieder mit Lucien Bonnaire zusammengetroffen, ihrem Spielkameraden aus der fröhlichen Zeit, da sie vom Hause fortgelaufen war, um sich den Straßenttndern zuzugesellen. Sie waren beide auch mit dabei gewesen, an dem denkwürdigen Tage, da LucieuS Schiffchen ganz von selbst über das Wasser gesahren wnr; und sie waren mit dabei gewesen, wenn die Kinder von hüben und drüben über die Gartenmauer kletterten, um im geheinien miteinander zusamnien zu kommen. Heute jedoch war LuciSN ein hübscher, kräftiger Junge von dreiundzwanzig Jahren, während sie selbst zwanzig zählte. Er verfertigte allerdings keine Schiffchen mehr, die von selbst übers Wasser liefe», aber er war unter Lucas' Leitung ein sehr tüchtiger, erfindungsreicher Mechaniker geworden, der sich mit dem Montieren von Maschinen beschäftigte, und von dem er- wartet wurde, daß er der Crecherie dereinst noch wertvolle Dienste leisten werde. Er war durchaus kein feiner Herr ge- worden, sondern setzte im Gegenteil eine Art Stolz darein, ein einfacher Arbeiter zu bleiben wie sein Vater, den er ver- ehrte. Die Leidenschaft, die Louise für ihn gesagt hatte, wurzelte zmn Teil sicherlich auch in ihrer ungestümen Aus- lchnuug gegen die Denkart ihrer Klasse, in ihrem tiefinner- lichen Trieb, den Anschauungen ihrer Umgebung entgegen zu handeln. Jedenfalls wurde die Kindcrfrenndschaft, die sie mit Lucien verband, bei ihr bald zur leidenschaftlichen Liebe, und die Hindernisse, die dieser Liebe entgegengestellt wurden, ver- stärkten nur ihre Leidenschaft. Lucien selbst, durch die Zu- ucigung des hübschen, lebhaften, frohsinnigen Mädchens be- glückt, liebte sie bald mit gleicher Innigkeit. Aber er war der Ueberlegcndcre von beiden, er wollte niemand wehe thun, und obendrein tonnte er sich trüber Zweifel nicht erwehren, ob sie nicht viel zu fein, viel zu reich für ihn sei. Er beobachtete daher eine resignierte Passivität und sagte nur, er würde nie eilte andre heiraten, wenn er sie verlöre. Sie jedoch bäumte sich bei dem Gedanken, daß man sie hinderil könnte, ihm zu gehören, in heftiger Empörung auf und ivollte ganz einfach ihrem Elternhaus samt ihrem Reichtum den Rücken kehren, um mit ihm zu leben. Sechs Monate dauerte der Kampf der Liebenden um ihr Glück. Bei den Eltern Luciens erregte der Gedanke an eine solche Heirat, die sie für ein Glück hätten halteil sollen, nur tiefinneres Mißtrauen. Besonders Bonnaire in seiner festen Klugheit hätte es lieber gesehen, daß sein Sohn die Tochter eines Kameraden heirate. Die Zeiten lvarcn vor- geschritten, und es war keine Ehre niehr, an der Hand einer Tochter der sterbenden Bürgerklasse um eine Stufe aufzusteigen. Bald lvar wohl die Zeit da, wo es umgekehrt im Interesse der Bürgerklasse sein mußte, durch Vermischung mit dem Volk ihr Blut zu verbessern und ihm neue Gesundheit und Kraft einzuflößen. Im Hause Bonnaires entstandt Streit ans diesem Anlaß, denn seine Frau, die schreckliche Toupe, hätte wohl ihre Einwilligung gegeben, aber unter der Bedingung, daß sie selbst eine Dame tverden und Schmuck und schöne Kleider tragen könnte. Die ganze große Veränderung, die rings um sie vorgegangen tvar, hatte ihre Lust zn glänzen und zu herrschen nicht im geringsten vermindert. tFortsetzimg folgt.) Olndibnirt verbot«».) Meisen nnd Gnsthnttsleben im?Mittelnlkev. In früheren Jahrhunderten verursachten schon die Vorbereitungen zu einer Reise viele Umstände und Kosten! die große Unsicherheit der Straßen machte eine Bedeckmig von beivaffnete» Begleitern not- wendig. Weil ferner die Städte, in denen Nachtquartier genommen werden konnte, oft sehr weit entfernt von einander lagen, und die Reise auf grundlosen Wegen durch endlose Wälder nur äußerst langsam von statten ging, so ninßte nicht selten im„Wirtshause des heiligen Jiilian" logiert iverden, das heißt, es lvurde„bei Mutter Grün" über- nachtet, wie es heute heißt. Deshalb war es nötig, außer den Reit- tiereir für die Reisenden und für die bctvasinctcn Diener, noch eine Anzahl Saumtiere anzuschaffen und mitzunehmen, die mit den, Reisegepäck, mit Bette», Decken»md Matratzen, mit Lebensmitteln und Kochgeschirr belastet ivurden, Mit alleiniger Ausnahnie der wenigen großen Heer- und Reichs- straßen Ivare» die Verkehrslvege in so vernachlässigtem Zustand, daß man sich im Mittelalter zum Zweck einer notwendigen Reise(denn Vergnügungsreisen kannte man zu jener Zeit nicht), fast ausnahins- los der Reitpferde bediente; die Frauen bevorzugten Maultiere zum Reiten, weil diese sanfter und ruhiger sind und eine sichere Gang- ort haben. Rur alte und gebrechliche Leute, die ins Bad reisten und nicht mehr fähig waren, mehrere Tage oder Wochen im Sattel zu sitzen, benutzten Wagen als Transportmittel, die aber nicht die geringste Bequemlichkeit boten. In plumpen, federlosen Karren auf zwei oder vier Rädern, in denen der Sitz direkt aus der Axe richte oder günstigsten Falles in starken Gurten hing, nmßte» die bedauernswerten Reisenden sich von morgens bis abends ans den unbeschreib- lich schlechten Straßen rütteln und stoßen lassen. Neber diese Karren waren Reifen gespannt, an denen man Lcinentücher oder Tcppiche befestigte, um einigermaßen Schutz gegen Sonnenbrand, Regen oder Wind zu haben. Mitunter ivählten kranke Personen zur Befördernng die Roß- bahre, sie bestand ans zwei langen Stangen mit einer Vorrichtung zum Sitzen oder Liege»; an diese Stangen wurde vorn und hinten je ein Pferd angespannt. Ein ärgerliches Hindernis bildeten die vielen Zollschranken und die häusig zu zahlenden Gebühren in Gestalt von Wegegeld, Brückenpfcnnig oder Fährgeld, wo Brücken fehlten, Thorgroschcn usw. Diese lästige» Stenern wurden nicht nur von jeder Stadt und jedem kleinen Landcshcrrn, deren es bekanntlich eine große Zahl gab, sondern auch von größeren Grundbesitzern erhoben; abgesehen von freiem Geleit, das zum Schutz gegen Wegelagerer teuer erkauft werden mußte. Einzelne dieser Mißstände übertrugen sich bis in das 19. Jahr- hundert; in Leipzig wurde das Thorgcld erst im Jahre 1824 abge- schafft, und in Hamburg bestand die nächtliche Thorsperrc noch in den fünfziger Jahre». Wenn die Reisenden nach langer, mühseliger Fahrt oder an- strengendem Ritt endlich des Abends den Ort erreichten, wo sie eine gastliche Herberge zu finden hofften, so galt eS erst, den Thorwart herailsznpochen,' der nach langem Harren und erst nach Entrichtung des ThorgroschenS die Pforte öffnete. Hieraus folgte ein peinliches Verhör(namentlich in Kriegszeitcn) durch die Thortvache, und erst wen» dieses befriedigend' ausgefallen mar, blieb es den müden Reisenden überlassen, in dem Gewirr enger, finstcrcr Gassen die ersehnte Herberge aufzusuchen. Die Ankunft der Reisenden wurde vom Wirt und der Dienerschaft gänzlich ignoriert, denn es sollte der Schein erweckt werden, als sei dem Herbergsvater an den Gästen gar nichts gelegen. Auch das Thor des Hauses war nicht gastlich geöffnet, sondern erst nach langem vergeblichen Klopfen und Rufen öffnete sich ein Schiebfenstcrchen, in dem der Kopf des Haus- kncchtS sichtbar wurde, der sich nach dem Begehr der Fremden er- kündigte. Für vornehme Reisende tvarcn nur in den besten Gasthäusern besondere Kammer» vorhanden i in den allcrinciste» Fällen mußten die Ankommenden mit ihrem Gepäck sich in der allgemeinen Gast- stnbc aushalten. Dieser Raum war stets überheizt und wurde nie gelüftet, er ivar oft von Gästen überfüllt, namentlich zur Zeit der Messen. In der große» unsauberen Stube hausen reisende Kauflente, fahrende? Volk, Gaukler, Abenteurer mit Weibern und Kindern; diese Gäste gebahren sich in der zwanglosesten Weise;— wenn sich vornehmere Reisende einfinden, so tverden diese angestarrt und durch Singen und Musizieren, Lachen und Schreien oft belästigt. Kommt ein Gast durchnäßt an, will er Kleider und Wäsche Wechsel», die Stiefel mit den Pantoffeln vertauschen, so muß er daS vor versainmelteni Boll lhnn. Zur Reinigung vom Reisestnub steht für alle nur ein Waschbecken bereit, dessen schmutzige Beschaffenheit Ekel erregt. Wagt es ein Gast, über solche Zustände Beschwerde zu führen, so wird er grob abgefertigt mit dem Bedeuten, daß es ihm freistehe, in einer andren Herberge Unterkunft zu suchen. Aber die Wirtshäuser glichen einander wie ein Ei dem andeni. und mancher Gast mußte froh sein, wenn er ein trockenes Plätzchen und ein schützendes Dach gesmiden hatte. Der Aufenthalt in derartigen Räumen war aber bisweilen auch mit Gefahr verbunden; denn in jener Zeit mußte jeder bewaffnet sein schon der eigenen Sicherheit tvegen; auch der Friedfertigste konnte leicht in eine Rauferei verwickelt werden. Welcher Art die Zustände waren, zeigt ein Züricher Ratsbeschluß vom Jahre 1314, der befiehlt: „Jeglicher Wirt, wenn der Gast in sein Hans kommt, soll ihm heißen, sei» Messer von ihm legen. Thut cr's nicht, so soll er ihm Iveder zu cffen, noch zu trinken geben." Auch bezüglich der Verpflegung, die in sehr willkürlicher Weise erfolgte, mußten die Reisenden sich der strengen Hausordnnng fügen. In heutiger Zeit steht es jedem Gaste frei, zu speisen, wann es ihm beliebt, in den mittelalterlichen Herbergen blieben dergleichen Wünsche selbst dann unberücksichtigt, wenn der erschöpfte Reisende einer Stärkung dringend bedurfte. Erst in ziemlich später Abcndstnnde, wenn die Ankunft neuer Gäste nicht mehr zu vermuten ist, tverden über die Tische, behufs gemeinsamer Speisung, Tafcltücher gebreitet, was in manchen Gasthäusern auch unterbleibt. Nachdem alle Anwesenden in bunter Reihe auf den Schemeln Platz genommen haben, erhält jeder einen Glaskrng, ein Stück Brot,' Teller und Löffel von Holz, vorgesetzt; Gabeln waren damals noch üncht gebräuchlich, und das Messer fehlte in keiner Tasche.— Hierauf eine lange Gedulds- probe; dann bringt der Hausknecht, der zugleich Kellner und Mund- fchenl ist, Wein ans den Tisch; dieser aber ist sauer und kaum zu genießen. Von welcher fürchterlichen Beschaffenheit der Tischwein jener Zeit sein mochte, läßt sich leicht daraus ermessen, daß im Mittelalter Rebenpflanzungen in fo rauhen Lagen gepflegt wurden, die für den Weinbau gar nicht geeignet waren. Der Volksmund scherzte in witziger Weise, daß jeder Zecher, der einen reichlichen Nachttruuk vom gewöhnliche» Landwein gethan hatte, in der Nacht geweckt werden, mußte, damit er sich auf die andre Seite lege» konnte, de»» sonst hätte ihn« der Wein ein Loch in de» Magen gebeizt. Von den Rittern des Dentschordens wissen wir. dast sie sich bei der gemeinschaftlichen Tafel mit einem Weine begnügten, der unter dem Einflust des rauhen osiprentzischcn Klimas gediehen war. Es entsteht wieder eine Pause; dann endlich trägt man die speisen ans. I» einer humorvollen Reiseschilderung des berühmten und weitgereisten Gelehrten Erasmus von Rotterdam ist auch die Beschreibung einer damaligen table ä'büte enthalten, deren Menu hier mitgeteilt sei: „Erst eine Brotsuppe; hierauf Würzallerlei oder ein Stück Pvkeifleisch; sodann ein Hirsebrei; znletzt. wenn man beinahe satt ist, ein Brate», der nicht weit reicht und bald wieder verschwindet. Wenn nun abgeräumt würde I Es iht niemand mehr!— Aber nein, jetzt erscheint der granbärtige Ganymed wieder, oder auch der Wirt selbst, der nicht viel besser aussieht, und fragt, ob jemand»och Appetit habe. Besserer Wein wird aufgetragen,' dazu alter madiger Käse, und getrunken, was das Zeug hält; ein betäubender Lärnr geht los. Die Gaukler und die Spatzmacher treten auf; diese fahrenden Leute singen und spiele», fiedeln und blasen, springen und pochen den Gästen die Ohren voll, die wohl oder übel zuhören und bis in die tiefe Nacht auf- bleiben müssen. Endlich, endlich kommt der Bärtige mit der Rechnung, nämlich mit einer grotzen Schiefertafel, die mit Kreide i» so viele Kreise eingeteilt ist, als Gäste da sind; hier findet jeder sein Nacht- geld angemerkt.— Niemand beschwert sich; sollte ja einer finden, es sei zn viel, so wird er angefahren:„Was tvilt». Gott- verdammich I— Wetz' Menschen Kind bistu? Du zahlst nicht mehr als alle andren." Eine Wirtsordnung von Bern vom Jahre 1521 besagt,„datz die Wirt sollen ein Mahl geben mit Fisch und Fleisch um zwei Groschen und ei» Nachtfntter»m einen Groschen." Einem höchst lästigen Zwang ivaren die Reisenden in Bezug ans ihre Nachtruhe unterlvorfen; ivenu ein Gast, der durch die lange, beschwerliche Reise sehr ermüdet war, bald nach Tisch sein Bett auf- suchen wollte, so wurde ihm bedeutet, datz er zu warten habe, bis sich sämtliche Gäste zur Ruhe begeben würden. Das Nachtlager bestand in' der Regel aus einer gemeinsamen Streu, über die Laken gebreitet wurden, deren Unsanbcrkeit den langen Gebrauch verriete» I In dem interessanten Werk:„Das Mittelalter" von Dr. R. Kleinpaul, wird ein origineller Brief mit- geteilt, den Graf Hans Ludwig von Gleichen am Beginn des 17. Jahrhunderts an seinen Sohn schrieb und in dem er ihm den Rat erteilt:„So Du Dich an einem fremden Orte zu Bette legst, so sollst Du an den leinenen Tücher» zu Häupten und zu de» Flitzen ei» Eselsohr machen. Wenn es steif steht und nicht umfällt, ist es ein Zeiche», datz die Tücher neu und rein sind; sind sie nicht neu ge- waschen, so sollst Du die Hosen anbehalten,— denn in solchen Betten kann man die Pestilenz bekommen."— Bernhard Ohrenberg. Kleines Femllekon» ce. Hebte Jägerkiinstc in alten Zeiten plaudert H a» s S i e g e r t in der illustrierten Jagdzeitung„Der Waidmann": Ein unbeschreibliches Vergnügen gewährt es, zu beobachten, tvie unsre Altvorderen das Jagdglück in geheimnisvoller Weise zn korrigieren suchten. Zur Erzielung eines sicheren Schusses war es von alterSher Sitte, die Kugeln zu gietzen, wenn die Sonne in das Zeichen des Schlitzen trat. Erhöht wurde die Wirkung derartiger Kugeln noch dadurch, datz man die Späne einer vom Blitz getroffenen Eiche z» Mehl zerfeilte und dasselbe beim Gietzen in die Form ivarf. Wer aber trotz dieser Kunstgriffe mit seinem Gewehre nichts traf, der mutzte den kalten oder den hcitzen Brand in dasselbe bringen. Den kalten Brand erzielte man dadurch, datz man in das ge- ladeile Rohr eine junge Schlange steckte, diese einige Stunden darin Netz mid schließlich an eine Eiche oder Fichte schotz. Wünschte jemand den hcitzen Brand in sein Gewehr, so mutzte er in das vom Schaft geschraubte Rohr eine Blindschleiche schieben und dasselbe an beiden Oeffnungen verschließen, so daß das Tier erstickte. Nach 24 Stunden wurde die Flinte wieder zlisammengeschraubt. geladen und abgeschossen. Die Wirkung des heißen Brandes äußerte sich darin, datz der Schütze zwar nicht mehr fehlte, das Fleisch des er- legten Tiers aber in der Nähe des Schutzkanals verbrannt lvar. Mitunter aber traf der Schütze trotz kalten und heißen Brandes nichts, dann war aber das Gelvehr verhext, vxr- redet oder beschrien. Ein hirschgerechter Jäger freilich verstand auch diesen Zauber zu bannen. Er schotz einen Sperling, schraubte den Kopf desselben an den Krätzer des Ladestocks und ivischte das Rohr damit ans. Hierauf reinigte man es mit einer kleinen Ziviebel und zog es mit einem Stück Leinwand aus, auf die der Saft der erivähnte» Ziviebel geträufelt ivordeir lvar. Sperlingskopf und Zwiebel wickelte nian in die Leinivand und hängte das Päckchen in den Schornstein. Nach einigen Tagen schotz man mit den, entzauberten Geivehr einen Vogel und feuerte von diesem ein Stück in die Luft. Andre nahmen statt des Sperlingskopfcs das Herz eines Eichelhähers oder Wiede- Hopfs und ivarfen das Päckchen zum Schlntz in das fließende Wasser. Dieses Mittel wandte mau an, Ivenn das ganze Geivehr bcschrien lvar. Handelte eS sich aber nur um ein Rohr, so mischte man Schivarzkümmel, Sperlingskot und scharfen Essig, goß den Brei in den Lauf, lies; ihn 24 Stunden wirken und begrub ihn schließlich unter des Hauses Schivelle.— K. Die Wissenschaft vom Daumen. Der Daunien offcnbart den Menschen, plaudert ein Mitarbeiter von„Ledger Monthly"; nie» mand ist klug genug, seinen Dainuen zu täuschen. Wenn der Daumen ungleich entwickelt und das erste Glied außerordentlich lang ist, wird das Individuum allein von seinem Willen regiert. Ist das Mittelglied viel länger als das erste, so herrscht Vernunft vor, aber der Mensch hat nicht die Macht, das zu thun, ivas seine Vernunft diktiert. Ist das dritte Glied laug und der Daumen kurz, so ist der Betreffende Sklave der Sinne. Ist der Dainnen gelenkig ge- gliedert, so ist das Individuum leichtsiunig, verschwenderisch, sorglos betreffs Zeit, Geld, Energie, Gelegenheit und alles andre; ist er dagegen fest gegliedert, so ist das Jndividunn» aufnlerksani, kühn, diplomatisch, nnerniüdlich im Pläne schmieden, des Erfolges sicher, selbständig und Herr über sich selbst. Der Daumen ist der Thermo- meter des Charakters und der Barometer der geistigen Gesundheit. Specialislen für Nervenkrankheiten können durch Untersuchung des Daumens feststellen, ob der Patient von Lähmung betroffen ist oder sein wird, denn der Daumen zeigt dies früher als jeder andere Körperteil an. Der Daunien enthüllt auch begiiinende Geistes- gcstörtheit. Wenn der Patient bei seiner täglichen Arbeit den Damnen iur rechten Winkel zu den andern Fingern stehen oder nn- achtsam in die innere Handfläche fallen läßt, ohne ihn beim Schreiben und anderen Hantierungen zu gebrauchen, so ist das ein Zeichen von Geisteskrankheit. Geborene Idioten kommen ohne Daumen in die Welt, oder dieselben sind bei ihnen kraftlos und unlhätig. Bis ein Geistesstrahl ihnen zn Hilfe kommt, halten sie ständig ihre Hände mit den Fingern über dem Damnen ge- schlössen; die Epileptiker schließen in ihren Anfällen den Daumen vor de» Fingern. Beim Nahen den Todes flüchtet der Damne» des Sterbenden unter die Finger, ivas das Ende anzeigt.„Der Dainnen individualisiert die Hand," sagt d'ArPentigny. Die spiralförmigen feinen Vertiefungen in der Haut, die mau beim obersten Gelenk des Daumens und der andren Finger sieht, sind bei verschiedene» Individuen niemals gleich. Diese durch unendlich kleine Aendernngen individualisierten Zeichen verändern sich von der Geburt zum Tode niemals, und der rechte Damne» unterscheidet sich immer vom linken.— Hygienisches. gr. Unter dem Namen„L i ch t- L n f t- S p o r t b a d" hat der Verein für intelligente LeibeSzucht dicht in der Nähe der Ausstellung für Feuerschutz einen Erholungsplatz geschaffen, der aus hygienischm Gründen die größte Beachtung verdient. Wie wohlthueiid der Auf» enthalt in der freien Natur ist, das wird allgemein anerkannt. Da nun aber die Kleidung die völlige Ausdünstung des nienschlichen Körpers hindert, so fordert die Gcsuudhcitspflege auch die Möglich- keit, recht häustg den Körper ohne Bekleidung in der Lust ausdünsten zu lassen. Man sollte meinen, daß mnii diesen Bedürfnissen, die sicher bei den meisten Meuschcil sehr stark vorhanden sind, längst überall nachkommen könne; dem ist aber nicht so, den» bisher ivaren bei uns Luftbäder im grotzen und ganzen unbekannt, zumal die sogenannten Sonnenbäder nicht einmal größere Bedeutung erlangt habe». Ii» Licht-, Luft- und Sportbad Kurfürstendmnn» ist nunmehr ivcnigstcns für Berlin die Frage im Princip gelöst, denn jetzt ist Gelegenheit geboten, während des Sonnners sich dort im Freien gehörig anstummeln zn können. Die Besucher entledigen sich in den Eutklcidilugsräumcn ihrer Kleidung, eilen, nur mit einer Badehose bekleidet, auf den grotzen freien Raum des Luftbades, um sich hier von der Sonne bcscheincn zn lassen, um im Sande zu liegen, zu turnen oder sportliche Urbungen vorzunehmen. Turngeräte und sonstige Apparate zur intelligenten LeibeSzucht sind reichlich vorhanden und stehen allen Besuchern zur Verfügung. Ein Doucheramn giebt die Möglichkeit, sich vom Sande zu reinigen, und sich abzukühlen. Natürlich ist dieses Luftbad von der Außenwelt durch Umzäunung abgeschlossen, was hier infofern keine Schwierig- leite» bot, als der Platz von einer abgedeckten Radfahrbahn um- schlössen ist, was noch die große Annehmlichkeit hat, daß den Radier» Gelegenheit gegeben ist, bekleidet oder nur mit der Badehose ver- sehe», zur Abwechselung auch derartige körperliche Ucbunge» vor- zunehmen. Künstler, Gelehrte, Beamte, Arbeiter, Turner ze. haben denn auch diese Gelegenheit zur gesundheitlichen Stärkung ihrcö Körpers mit Freuden wahrgenommen, sodatz man täg- lich dort eine nicht geringe Anzahl Männer antrifft. die sich im adamitischen Kostüm mit großer Freude der so wonnigen Bewegung im Freien hingeben. Uebereinstimmend ist das Urteil, datz die Schaffung dieses Licht-, Luft- und Sportbadcs wirk» lich eine segensreiche Thnt bedeutet, und ganz allgemein wird von den Besuchern nach dein Bade das Lästige des vollständigen Ein- Hüllens des menschliche» Körpers mit Kleidungsstücken empfunden. Datz sich die alten Männer, die Jünglinge und Kinder, die sich hier in zivangloser Freude zusammenfinden, mit ungeahntem Wohlgefühl den allgenieinen Spielen hingeben, und datz sich immer Besucher finden, die das Erfrischeirde eines Sand- oder Erdbades zu schätzen ivisseu, soll noch kurz ertvähnt werden. Der verhältnismäßig geringe Eintrittspreis gestattet den Besuch dieses für die hygienische Leibes- pflege so wichtigen Bades auch den Minderbcuultelten. ES wäre wünschenswert, wenn recht bald diese im Princip vorbildliche Ein- richtnng überall Nachahmung fände!— Aus dem Pflanzenleb em — Ueber die Kultur der Dattelpalme sprach dieser Tage Professor S ch>v e i u furt h im„Verein zur Befördenmg des Gartenbaues". Die„Voss. Ztg." berichtet über den Vortrag: Während die Kultur dieser so wichtigen Palme, ebenso wie die des Getreides und andrer landwirtschaftlichen Nutzpflanzen, vom alten Babylon, also vom Osten, ausgegangen ist, steht sie gegenwärtig gerade im Westen, also in Algerien und Tunesien, auf weit höherer Stufe als östlich, im Nillande. Aegypten soll sechs Millionen Dattelbäume haben, Algerien nur dreiundeinehalbe Million; aber diese letzteren erfahren weit mehr Sorgfalt und Pflege als jene. In Aegypten pflegt man die Bäume nur während der ersten Jugendjahre und überläht dann das Weitere dem Himmel und dem Nile. Schon besser sieht es in den Oasen der lybischen Wüste aus, wo man zu methodischer Bewässerung ge- zwungen ist, aber an Düngung noch nicht denkt. Rationell dagegen behandelt man die Dattelpalme in Algerien und Tunesien. Was zu- nächst die klimatischen Verhältnisse betrifft, unter denen die Dattel gedeiht, so muß die Jahreswärme durchschnittlich mindestens 20 bis 22 Grad Celsius betragen, der Regenfall aber 130 bis höchstens 21S Millimeter im Jahre. Bei genügender Bodenfeuchtigkeit kann die Luft nie zu Heist und zu trocken für die Dattel iverden. Sie must, wie die Araber sagen,„den Fust im Wasser und den Kopf im Feuer" haben. Wie empfindlich sie einerseits gegen zu geringe Wärme, andrerseits gegen zu hohe Luftfeuchtigkeit ist, zeigt beispielsweise die Thatsache, dast sie an der Nordküste Aegyptens reift, an der Küste Algeriens dagegen nicht mehr. Einige Ausnahmen, wie z. B. einzelne Gebiete Spaniens, kommen freilich vor. Die Palme wächst zwar auch noch an andren Orte», bis zur Riviera nordwärts, bringt aber keine estbaren Früchte mehr. Gegen Fröste ist sie nicht sehr empfindlich: unter Umständen verträgt sie noch sieben Grad Celsius Kälte. Auch manche andre Palmenarten, wie Jubaea, Oreodoxa, sogar Caryota, sind nicht so frostempfindlich, wie vielfach cm« genonimen wird. Man zieht die Dattelpalme nicht aus Samen, weil sie dabei zu viele männliche Pflanzen liefert, sondern ans möglichst kräftigen, bis 40 Kilogramm schweren Wurzelsprossen, die mit fünf bis acht Frank bezahlt werden, und die man in Aegypten im März, in Tunesien im August pflanzt. Im zweiten Jahre wird der junge Bauin gedüngt, im dritten mit frischer, nahrhafter Erde umfüllt; im vierten oder fünften beginnt er zu tragen. In Aegypten dauert das meist ein paar Jahre länger, weil dort weniger Sorgfalt angewandt wird. Als Dünger wird in Tunesien alter vergohreiicr Kamclmist benutzt; in Aegypten, wo der Kamelmist als Brennstoff dient, hat man nur Taubenmist dazu übrig. Salzgehalt der Erde schadet nicht viel, namentlich bei regelrechter Bewäfferung. Ein auffallender Unterschied macht sich in der Erscheinung der Palmenpflnnzungen der verschiedenen Gegenden bemerkbar. In Aegypten kami man, wenn das Getreide abgeerntet ist, unter de» in regelmästigen Reihen bei 10 Meter Entfernung der Stämme von einander stehenden Palmen meilenweit wie unter Kirchengcwölben frei wandeln; in Algerien und Tunesien dagegen ist jeder Familienbesitz durch Mauern abgegrenzt und der einzelne Baum noch dazu von einem tiefen Beivässerungsgraben umzogen. Da nun manche Familie nur 5—6 Bäume besitzt, von deren Ertrag sie lebt, so steht man vor lauter Einfriedigungen, und von einem Wandeln unter Palmen ist keine Rede. Die Wasser- zuinessung richtet sich»ach der Lustwäriue und Luftfeuchtigkeit; man giebt in Algerien alle 7—23 Tage, je nach der Jahreszeit Wasser, und zwar jedesmal drei Kubikmcter für den Baum. Die Wasserfrage spielt in dem wasserarmen Laude selbstverständlich die erste Rolle überhaupt. Wer sich von einer der Gesellschaften, die sich mit dem Bohren artesischer Brunne» beschäftigen, einen solchen Brunnen— für etwa 30 000 Fr.— kaufen kann, hat Land nach Belieben zur Verfügung; das kostet nichts. In Aegypten schneidet man jährlich 10 bis 12 Blätter vom Baume ab, in Algerien, wo das Wachstum der besseren Pflege entspricht, 12—17. Das Einzige, was in Algerien noch vernachlässigt wird, ist die Zuchtwahl bei den männlichen Pflanzen. Dagegen wird die Bestäubung der Iveiblichen Blüten in Algerien weit sorgsamer und zweckmästiger vorgenommen wie in Aegypten. Man schneidet die männlichen Blüten in so viele Teile wie iveibliche Blüte» vorhanden sind und bindet in jede weibliche ein Stück der männlichen mit eine»» Sacke ein. Nach einiger Zeit ist die Befruchtung vollendet. Merkwürdigerweise hat man die Markottage, das„Abbinden" zu alter und hoher Palmen»nit Erfolg versucht.' Es ivird 12 Fust unter der Krone ein 6 Zoll starkes Loch durch den Stainm gebohrt und mit einen» Holzcylinder nusgeftillt. Uin diese Stelle legt man einen Sack mit Erde, den»nan alle 3 bis 6 Tage anfeuchtet und»ach 6 Monaten düngt. Nach zehn Monaten ist diese Erde durchgeivurzelt, man kann den Stamm darunter ab- schneiden und die so verkürzte Paline einpflai»zen. Auch Pfropfungsversuche sollen gelungen sein. Vortragender erlvähnt»veiter, dast die Leute in Algerien an die Möglichkeit einer Geschlechtsänderung glauben. Wenn man die Blätter ziveijähriger Palmen voll- ständig aufreistt, so meinen sie, werden ans»länulichen Bäumen weibliche.— Geologisches. »o. Neue Höhlenforschungen. Dr. F a r r i II g t o n hat an den zahlreichen Höhlen des amerikanischen Staates Indiana Forschungen angestellt und dabei seine besondre Auftnerksainkeit den Tropfsteinbildungen zugewandt. Die Gestalt von gewissen ivurm- förmigen Stalaktiten wird dem Umstände zugeschrieben, daß Wasser» tropfe» aus irgend einer Veranlassung,»vahrscheinlich durch die Ent« stehung von Calcitnadeln während der Krystallisation aus der Richtung abgelenkt Iverden, die sie durch die Schwerkraft annehmen »nustten. In einem besonders mächtigen Stalagmiten wurde der kohlensaure Kalk teils in Calcit— teils in Arragonitkrystallen ge- filnden. Farrington hat ausgerechnet, dast zur Entstehung dieses Stalagmiten wenigstens SO 000 Jahre notwendig gewesen sein »nustten. Der Forscher hat aus seinen Untersuchungen den Schluß gezogen, dast sich scharfe Krystalle in den Höhlen nur aus ruhigem Wasser bilden, während sich aus bewegtem der kohlensaure Kalk in streifigen formlosen Massen niederschlägt. Dies ist bei den Stalaktiten und Stalagmiten der Fall, für die er den gemeinsamen Namen Stagmaliteii vorschlägt und die namentlich aus tropfendein Wasser gebildet werden.— Humoristisches. — Kennzeichen.„Einjähriger, wenn Sie'n Gaul sehen mit weißen Füßen, das ist der Herr Oberst I"—(„Sünpl.") — Umgekehrt. Herr szum Stationsdicner eines Sekundär« bahnhofcs):„Also der Zug ist auf der Strecke stecke» geblieben? Hat denn die Maschine keinen Dampf?" Stationsdiener:„Nein! Aber der Maschineuführer hat einen I"— Notizen. — Auf die Erklärung E. v. W o l z o g e n S erläßt Dr. H a» n S Heinz Ewers in Schweizer Blättern eine Gegenerklärung, in welcher er in sehr scharfer Weise alle Behalchlungen WolzogeiiS z u r ü ck w e i st.— — Für die„l i t t e r a r i f ch e n V o r st e l l u n g e n" d e S Refidenz-Thenters hat die Direktion mehrere Novitäten er- worbe», darunter:„Leonarda". Schauspiel von Björn st jerne Björnson;„Kameraden", Komödie von August Strindberg; „Tragödie der Seele" von Roberto Bracco;„Die stille Stadt" und„Der Schleier", beides von Georges Rodenbach; außerdem neue Werke von Gabriele d'Annunzio, Maurice Maeterlingk, Frank Wcdekind jc. Als erste dieser litterarischen Alffführungen ivird„ A m o r e»» s e" von P o r t o- R i ch e, deutsch von Theodor Wolff, in Scene gehen.— — DaS„Bunte Brettl"(Direktion Bausewein)»vird in sein Repertoire auch Einakter aufnchine»; als einer der ersten soll „Der Veterinärarzi" von H a>» S von G u n» p p e n b e r g in Scene gehe».— — G. v. Mosers und Paul Lehnhards Lustspiel„Die Idylle" fand bei der Erstaufführung im Warm brunner Stadttheater freundliche Aufnahme.— — Ein Beethoven-Fe st. bestehend ans vier Konzerten, findet vom 5. bis 7. Oktober im Eisenacher Stadttheater statt.— — Eine F e st a u f f ü h r u n g d c r„G l o ck e n v o n C o r n e- v i l l e" wird für den 25. August in Comeville vorbereitet.— — Um die Grenzen der Geruchscmpfindlichkeit zu messen, hat der französische Chemiker Berthelot nach der „Naturw. Nundsch." ein neues Verfahren beschrieben, das eine Bestiimnnng der kleinsten Menge Riechstoff gestattet, die den Riechnerv zu erregen vermag. Er hat nach diesem Verfahren einen Versuch mit Jodoform ausgeführt, wobei für die Versuchsperson die Grenze der Empfindlichkeit gegen Jodoform unterhalb eines Vierzigbillionstcls Gramm sich ergab. Jedoch konnte noch eine Menge gerochen werden, die einem Hundertbillionstel Gramm ent- sprach, und der Moschus soll, nach einigen Beobachtern, selbst noch tausendmal leichter wahrnehmbar sein. Ucbrigcns zeigt diese Grenze der Empfindlichkeit sehr bedeutende Unterschiede je' nach den Be- obachter».— — Zum Leiter der deutsche» Südpolar-Expedition ist Dr. Erich v. Drygalski bestimmt worden. Die Expedition verläßt im August Kel, um sich nach Kerguelen zu begeben. Dort will»»an eine niagnctisch-meteorologische Station errichten. Alsdann soll die Fahrt iiach Süden hin fortgesetzt werden. Als Forschimgs- seid gilt die indisch-atlantische Seite des Südpolar-Gebicts. Falls die Erreichung eines Südpolar-LandS gelingt, hegt man die Absicht, wenn angängig, auf demselben eine wissenschaftliche Station zu gründen und»vährend eines Jahrs zu unterhalten. Die Rückkehr soll nach Bcstimniung des ExPeditionSleiterS im Frühjahr 1903 oder spätestens im Frühjahr 1S04 erfolgen.— — 450 S t ü ck wildwachsende E i b e n b ä n m e, die eine Stärke bis zu 210 Centinicter Umfang aufweisen, finden sich vereinzelt in einer Buchenwaldung bei Dermbach in der Rhön. Die älteste» dieser seltenen Bäume iverden von Sachverständige» auf mindestens 600 Jahre geschätzt.— — Einen Mondregenbogen beobachtete man am 26. Juli in Ebern bei Blnnberg; er miterschied sich von einem ge- wöhnlichen Regenbogen nur dadurch, dast seine Farbe lediglich aus einein lichten Weistgrau bestand. Der Himmel innerhalb des Bogens war heller als austerhalb desselben, wodurch der äußere Rand des Bogens schärfer begrenzt erschien.— Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlm.