Mnterhaltungsvlatt des Vorwäris Str. 149. Freitag, den 2. August. 1901 (Nachdruck verboten.) sei r b v i k: Roman in drei Büchern von Emile Zola. NnS dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenz>v ei g. Eben trat Babette Bourron ein. Sie, die immer Heitere, lebte im Gegenteil in fortwährenden: Entzücken über ihre neue Lage. Mit Hilfe ihres fröhlichen Optimismus hatte sie ihren Mann, den einfältigen Bourron, davor bewahrt, in den Abgrund zn stürzen, in welchem Ragu sein Ende finden sollte. Stets hatte sie hoffnungsvoll in die Zukunft ge- blickt, fest überzeugt, dah noch alles gut gehen werde, und hatte oft Geschichten von wunderbaren Glücksfälle): erfunden, um sich und die Ihrigen über daS fehlende Brot zu trösten. Und lvar nun, wie sie heiter sagte, in dieser Cröcherie, wo die Arbeit reinlich, angenehm und geehrt war,>vo man alle die Freuden genoß, die einmal nur den Herren erreichbar waren, war hier nicht ihr Paradies verwirklicht? Ihr rundes, noch immer frisches Puppengesicht strahlte denn auch vor Freude, daß sie einen Mann hatte, der sich nicht mehr betrank, und zwei schöne, gesunde frindcr, die sie bald würde verheiraten können, in einem Hause, das ihr gehörte, und das schön und behaglich eingerichtet war wie das Haus cincS Reichen. „Na, es ist also endlich wahr geworden?" rief sie sogleich. „Lucien bekomnit seine Luise Mazelle, das kleine, hübsche Fräulein, das sich unser nicht schämt?" „Wer sagt das?" fragte die Toupe scharf. „Madame Lucas, Josine hat's inir gesagt, als ich sie heute traf." Die Toupe wurde bleich vor unterdrückter Wut. Ihr nicht zu besänftigender Grimm gegen die CrScherie war nicht zum»vemgsteil auf ihren Haß gegen Josine zurückzuführen. Sic konnte„diesem Frauenzimmer" ihre Vereinigung mit Lucas nicht verzeihen, konnte es nicht ertragen, sie so hoch erhoben als Frau des allgeliebten Helden, als Mutter schöner Kinder zu sehen. Wenn sie bedachte, daß sie sich der Zeit erinnerte, wo diese Bettlerin von ihrem Bruder hinaus- geworfen worden war und nicht wußte, womit sie ihren Hunger stillen sollte I Sie meinte zu ersticken, ivenn sie sie auf der Straße sah, mit einem Hute einherstolzierend wie eine Dame. Dieses Glück, das einer airdern zu teil ge- worden, das war's, was sie nicht verwinden konnte. „Anstatt sich um andrer Leute Heiraten zu kümmern," sagte sie brutal,„thäte diese Josine besser, über ihre eigne nachzudenken, die vom Dompfaff eingesegnet worden ist. In: übrigen ärgert Ihr mich alle miteinander, laßt mich in Ruh I" Sie verließ das Zimmer, indem sie die Thür hinter sich zuschlug, uud ließ die andern in verlegenem Schtveigen zurück. Babette fand zuerst ihr Lachen wieder; sie war an die Art ihrer Freundin gewöhnt, die sie mit ihrer heiteren Nachsicht für eine brave Frau erklärte, wenn sie auch eine scharfe Zunge hatte. Luciens Augen hatten sich mit Thränen gefüllt, denn es war sein Lebensglück, über ivelches hier mit so viel heftigen und bösen Worten verhandelt wurde. Doch sein Vater drückte ihm freundschaftlich die Hand, wie um ihn: zu versprechen, daß er schon dafür sorge:: werde, daß alles gut ginge. Er selbst, der wackere Bonnaire, war tief betrübt, da er sehen mußte, daß das Glück, selbst Ivenn mehr Gerechtigkeit und Friede errungen worden, von häuslichen Streitig- keiten verkümmert wurde. Genügte also ein einziger böswilliger, zänkischer Mensch, um die Früchte der Brüderlichkeit zu ver- bitten:? Und nur der alte Ragu, der mit der Pfeife im Munde halb eingeschlafen war, bewahrte seine stumpfsinnige Zufriedenheit. Wenn jedoch Lucien an der schlicßlichen Einwilligung seiner Eltern nicht zlveifeln konnte, so traf Luise bei den Ihrigen auf viel stärkeren, zäheren Widerstand. Da Vater rmd Mutter Mazelle ihre Tochter abgöttisch liebten, so fanden sie gerade in dieser abgöttischen Liebe einen triftigen Grund, um ihrem Hcrzerwwunschc nicht zu lvillfahren. Sic' träte:: ihr nicht etwa mit heftigen Worten entgegen, sondern mit gutmütiger Passivität, einer Art bleierner llnbetveglichkeit, die, wie sie hofften, ihre Laune allmählich einschläfern würde. Mochte Luise auch noch so ungestüm durch die Zimmer flattern, fieberhaft ihr Klavier bearbeiten, frische Bouquets zum Fenster hinauswerfen und noch hundert andre Zeichen leidcnschaft- licher Erregung geben— ihre Eltern lächelten ihr liebevoll zu, thaten, als merkten sie nichts und überhäuften sie mit Süßigkeiten und Geschenken. Sie aber wurde dadurch, daß man ihr alle möglichen schönen Dinge aufdrängte und gerade nur das eine verweigerte, nach dem sie leidenschaft- lich verlangte, so gereizt und empört, daß sie krank zu werden drohte. Sie legte sich auch wirklich zu Bett, drehte sich gegen die Wand und gab keine Antwort, wenn man zu ihr sprach. Doktor Zlovarre, den die ängstlichen Eltern herbei- riefen, erklärte, daß solche Krankheiten nicht in sein Fach fielen. Es gäbe nur ein Mittel für liebekranke Mädchen, und das sei, ihnen dei: Gegenständ ihrer Liebe zu geben. Als nun die guten Mazelle sahen, daß die Sache ernst wurde, ge- rieten sie in Bestürzung und verbrachten eine schlaflose Nacht nn ehelichen Alkoven, um mit einander zn beraten, ob sie nachgeben sollten. Die Angelegenheit erschien ihnen jedoch so schwerwiegend, so folgenreich, daß sie es nicht wagten, auf Grund ihrer eignen Einsicht eine Entscheidung zu treffen; sie beschlossen daher, ihre Freunde zu versammeln und ihnen den Fall vorzulegen. War es nicht eine Fahnen- flucht, lvenn sie ihre Tochter einen: Arbeiter gaben, in einer Zeit, wo ganz Beauclair sich in heftiger Gärung befand? Mußte eine solche Heirat nicht entscheidende Bedeutung er- langen, nicht als Zeichen der vollständigen Abdankung des BürgertumS, des Handels und der Rente erscheinen? Und natürlicherweise wendeten sie sich an die Autoritäten, an die Spitzer: der besitzenden und herrschenden Klasse um Rat. Eines Nachmittags luden sie also den Unterpräfekten Chätelard, den Bürgermeister Gourier, den Präsidenten Gaunre uud den Abbe Marle zu einer Tasse Thce in ihren schönen blühenden Garten, wo sie so viele Tage in behaglichem Nichtsthun ver- bracht hatten, einander gegenüber in weichen Fauteuils sitzend, auf die blühenden Rosen blickend, ohne sich auch nur die Mühe zu nehmen, miteinander zn sprechen. „Wir werden thun, was die Herren uns raten," sagte Mazelle.„Sie verstehen mehr als wir, und niemand kann uns etwas vorwerfen, wenn wir ihrem Rate folgen. Ich für meinen Teil weiß vor lauter Nachdenken über diese schreckliche Sache schon nicht mehr, wo mir der Kopf steht." „Ich auch nicht," klagte Madame Mazelle.„Das ist kein Leben, wenn man immer überlegen soll. Ich fühle, daß meine Krankheit sich dadurch sehr verschlimmert." Der Theetisch wurde an einem schönen, sonnigen Nach- mittag in einer schattigen Laube gedeckt. Der Untcrpräfekt EhÄtelard und der Bürgermeister Gourier erschienen als erste. Sie waren unzertrennlich geblieben, ja noch ein engeres Band schien sie zu vereinigen, seitdem sie Madame Gourier, die schöne Leonore, verloren hatten. Fünf Jahre hindurch hatten sie sie gepflegt, die durch eine Lähmung der Beine an ihren Fauteuil gefesselt war, hatten sie mit zärtlicher Sorgfalt umgeben, und der gute Freund lvar bei ihr geblieben, wenn der Gatte fortging, hatte sie unterhalten und ihr vorgelesen. Nie hatte ein Verhältnis in friedlicherer Weise bis zum Tode gedauert. Und in den Armen CHZ)tclards war Leonore eines Abends Plötzlich gestorben, als er ihr eine Tasse Lindcnblütcnthee reichte, während Gourier ein ivenig aus- gegangen war, um eine Cigarre zu rauchen. Als er dann heimkehrte, hatte:: die beiden miteinander geweint. Nun verließen sie eiuander fast gar nicht mehr; die Verwaltung der Stadt ließ ihnen reichliche Muße, denn nach langen und eingehenden Beratungen hatte der Präsckt den Bürgermeister bewogen, seinen: Beispiel zu folgen, die Augen zuzudrücken, die Dinge ihren Gang gehen zu lassen und sich nicht unnötigerweise das Leben zu verbittern mit dem Ankämpfen gegen eine Um- Wandlung, die kein Mensch der Welt aufhalten konnte. Gleich- wohl wurde es Gourier, der manchmal starke Anwandlungen von Angst hatte, in denen er sehr schwarz sah, nicht leicht. dieser liebenswürdigen Philosophie nachzuleben. Er hatte sich mit seinen: Sohn Achille versöhnt, den Blauchen in ihren: so tapfer eroberten und verteidigten Liebcsheim mit einem reizenden Töchterchen, Löonie, beschenkt hatte, in deren Ge- sichtchen die herrlichen, himmelblauen, unergründlich tiefen Augen ihrer Mutter strahlten; und diese Enkelin, die nun bald zwanzig Jahre alt war, hatte den Großvater bezaubert. Er hatte sich daher entschlossen, dem in freier Ehe lebenden Paare, dem Sohne, der sich einst gegen ihn aufgelehnt hatte, und der Tochter des Arbeiters, die er noch jetzt manchmal eine Wilde nannte, sein Haus zu öffnen. Es war zwar hart für. einen Bürgermeister, sagte er, für den vollziehenden Beamten der legalen Ehe, ein solches auf- rührerisches Paar, das sich in einer Wannen Sommernacht ohne Zeugen vermählt hatte, bei sich aufzunehmen. Aber die Zeiten waren so seltsam, es gingen so merkwürdige Dinge vor, daß eine entzückende kleine Enkelin, mochte sie auch der unbnßfertigen freien Liebe entsprungen sein, ein sehr an- nchmbares Geschenk war. Chsielard hatte in seiner leichten. heiteren Weise die Versöhnung herbeigeführt, und Gourier fühlte sich, seitdem sein Sohn ihm Leouie zum ersten- mal gebracht Hatte, immer stärker in den Bannkreis der Crecherie gezogen; diese blieb jedoch für ihn immer noch eine Quelle der Katastrophen, obgleich er sich genötigt gesehen hatte, seine Schuhfabrik in eine Aktiengesellschaft zu ver- wandeln und alle Interessenten der Bekleidungsindustrie ihr anzuschließen. Der Präsident Ganme und der Abbe Marle ließen auf sich warten, und Mazclle konnte sich nicht enthalten, dem Unterpräfekten und dem Bürgenncister sogleich seinen Fall vorzulegen. Sollten er und seine Frau der unvernünftigen Laune Luisens nachgeben? „Sie begreifen, Herr Unterpräfekt," sagte Mazclle mit wichtiger und bekümmerter Miene,„abgesehen von dem per- sönlichen Schmerz, den uns eine solche Heirat bereiten würde, handelt es sich auch noch uni den beklagenswerten Eindnick in der Oeffentlichkeit, um die Verantwortung gegenüber den hervorragenden Persönlichkeiten unsrer Klasse, die wir auf uns lasten fühlen... Wir gleiten einem Abgrunde zu I" Die kleine Gesellschaft saß im kühlen Schatten der Laube, die vom Duft der Rosen durchzogen war, an einem mit buntem Linnen gedeckten Tische, auf dem allerlei appetitliche Kuchen standen; und Chatelard, noch immer ein eleganter Manu von schöner Haltung, trotz seines Alters, lächelte in seiner diskret ironischen Weise. „Wir sind bereits in dem Abgrund, mein verehrter Herr. Sie thäten sehr unrecht, sich nur den geringsten Zwang auf- zuerlcgen um des Staates, um der Stadt oder auch selbst nur um der- guten Gesellschaft willen. Denn alle diese Dinge, sehen Sie, bestehen mir mehr dem Anschein nach. Allerdings bin ich noch immer Unterpräfett, und mein Freund Gourier ist noch immer Bürgernleister. Aber da hinter uns kein wirklicher festgefügter Staat mehr steht, sind wir nichts andres als Gespenster. Ebenso verhält es sich mit den Mächtigen und Reichen, deren Macht und Reichtum jeden Tag mehr von der neuen Organisation der Arbeit abgebröckelt werden. Geben Sie sich doch keine Mühe, sie zu verteidigen, da sie selber, vom Schwindel erfaßt, zu Beförderern der Revolution werden. Also in Gottes Namen, widerstehen Sie nicht länger, ergeben Sie sich!" Er liebte es, in dieser Weise zu scherzen und damit die letzten Altbürger von Beauclair zu erschrecken. Er bediente sich dieser liebenswürdig- humoristischen Form, uni die Wahrheit z« sagen, um seiner Ueberzeugung Ausdruck zu geben, daß die alte Welt im Begriffe>var, auseinanderzu- fallen, und daß eine Welt auf ihren Trümmern emporwuchs. In Paris vollzogen sich schwerwiegende Ereignisse, Stein um Stein des morschen Gebäudes bröckelte ab, und dieses wurde allmählich durch einen provisorischen Bau ersetzt, an welchen! die Linien des künftigen Reiches der Ge- rechtigkeit und des Friedens bereits deutlich erkennbar waren. Alles dies bewies ihm, wie richtig sein Verhalten von jeher gelvesen war. Er>var glücklich, daß es ihm gelungen war, in diesem Provinzlvinkel in Vergessenheit zu geraten, indem er so wenig als möglich regierte, und er war nun überzeugt, daß er hier eines natürlichen Todes sterben werde, zugleich mit dem Regime, das er nun schon seit vielen Jahren mit dem Lächeln des Philosophen und Weltmanns zu Grabe geleitete. Die Mazelle waren erbleicht. Während die Frau regungs- los in ihrem Fauteuil lehnte, die Augen auf die Kuchen des Theetisches geheftet, rief der Mann ängstlich: „Wirklich, glauben Sie, daß wir so schwer bedroht sind? Ich weiß wohl, daß man davon spricht, die Renten zu be- schneiden 1" „Die Renten," erwiderte Chlltclard gelassen,„werden abgeschafft werden, ehe zwanzig Jahre u»l sind; oder man wird wenigstens eine Kombination durchführen, um die Rentner allmählich aus ihrem Besitz zu verdrängen. Die betreffenden Pläne werden gegenwärtig studiert." Madanie Mazelle stieß einur Seufzer aus, als wollte sie den Geist aufgeben. „Ach, ich hoffe, daß wir vorher sterben werden, um diese Schändlichkeiten nicht mit erleben zu müssen. Nur unser annes Kind wird darunter leiden. Das ist ein Grund mehr, uni sie zu zwingen, eins gute Heirat zu machen." Chätelard entgcgnete unbarmherzig: „Es giebt aber keine guten.Heiraten mehr, da das Erb- recht aufgehoben wird. Das ist so ziemlich beschlossene Sache. Fortan wird jedes junge Paar gezwungen sein, sich selbst sein Glück zu schaffen. Ob also Ihre Luise den Sohn eines reichen Bürgers oder den eines Arbeiters heiratet, so wird sie ihreil Hausstand mit demselben Grundkapital beginnen: die Liebe, wenn sie und ihr Mann das Glück haben, einander zu lieben, und die Arbeit, wenn sie klug genug sind, sich nicht der Trägheit hinzugeben." Es folgte ein langes Schiveigen, und man hörte das Flattern eines Vogels in den Rosenbüschen. „Ist das also Ihr Rat, Herr Unterpräjekt?" fragte endlich Mazelle niedergeschmettert.„Sie empfehlen uns, diesen -Lucien Bonnaire zu unsenu Schwiegersohn zu machen?" „Du lieber Gott, ja, warum nicht? Die Erde wird sich deswegen ruhig weiter drehen, glauben Sie mir. Und da die beiden jungen Leute sich sehr gern haben, so werden Sie sich wenigstens des schöneil Bewußtseins erfreuen, zwei Glück- liche geschaffen zu haben." Gourier hatte noch nichts gesagt. Es war ihm ziemlich peinlich, daß er in einer solchen Sache uni Rat gefragt lvurde. er, den sein Sohn verlassen hatte, um mit Blanche», der Tochter der Berge, zu leben, die er nun in seinein ehrenfesten Hause empfing. Und er verriet sein Unbehagen mit den Worten: „Ach ja, das beste bleibt noch, sie zu verheiraten. Wenn die Eltern sie nicht verheiraten, gehen sie durch und ver- heiraten sich selbst. Mein Gott, was sind das für Zeiten!" lFortsetzung folgt.) cNotdnia verboten.) Die Arbvik inr Orient. (Schluß.) Das religiöse Gesetz, die darauf basierten primitive» Lebens- gewohuheileu, soivie die an unkontrolliertes ivnstes Geld- verschivenden bis dahin gewohnt gewesene Autokratie widerstrebten aber mehr noch im geheimen als offen der Europäisierung der Türkei. Dem Kapitalismus gelang es deshalb nur langsam, Fortschritte zu machen; er mußte sich bei jedem ucucn Schritte, den er that, von der beutesüchtigen Bureaukratie brandschatzen lassen, ohne sicher zu sein, daß er sein Ziel erreicht hatte. So kam es denn, daß, ab- gesehen von den Eisenbah.il-Baut.e>l, verhältnismäßig, wenig Kapital in iudustrieücn Uiiternehnnnigen angelegt worden ist, und daß man, namentlich lveiui der heiße mekkanische Wüstenwind der islamitischen Reaktion zu Zeilen über das Land weht, geneigt ist,' anzunehmen, daß die Eroberung der Türkei durch das Kapital zum Stillstand ge- kommen ist. Aber jene Hennnnisse sind durchaus künstlicher, äußer- sicher, nicht ökonomischer Art: also werden sie auch das Rad der wirtschaftlichen Eiitwickluug nicht zum Stehen bringen können. Der europäische Jmporthandel hatte den» einheimischen Hand- werk vor allem schwere Wunden geschlagen. Die fortschreitende Annahme europäischer Kleidung und Lebeusgewohnheiten durch de» Orientalen hatten den letzteren die billigen Erzeugnisse des euro- päischen Fabrikbetriebs de» eigenartigen, aber ihn» nun als alt» modisch geltenden einheimische» Erzeugnissen vorziehen lassen. Das einheimische Handwerk bekam zuerst die Einwirkung deS europäischen Kapitals zn spüren, noch vor dessen endgültiger In- vasion. Im Laufe des Jahrhunderts mußten eine ganze Reihe von „Esnafs" auf den Aussterbe-Etat gesetzt werden und völlig ein- gehe»; andre quälen sich so hin, weil noch ein Teil ihrer Thätigkeit in Anspruch genommen wird, wie die Lnledschis, die Ver» fertiger von Thonpfeifen für die Tschibuks. Da niemaud mehr Tschibuk raucht, mit Ausnahme der ältesten Leute, so verfertigen sie nur noch die Köpfe für die Wasserpseifen. die man noch allgemein in den Kaffeehäusern raucht, was ihnen aber nur einen geringen Absatz bietet. Die christlichen„Esnafs" haben natürsicherlvciie bei ihrer größeren Anpassungsfähigkeit an europäische Muster die mohamme- dänischen Zünfte schon seit langem überflügelt. Die letzteren be- fassen sich ausschließlich mit der Anfertigung von Utensilien, die seit uralter Zeit zum Hausrat des Orientalen gehören, z. B. mit der Herstellung der Truhen auS dein wanzeusichcren Chpressenholz, ohne die feilt türkischer Hausstand sein faiin, von kupfernen Kohlenbecken zur Heizung der Zimmer, von Wiegen und Kinderspielzeng alttürkischer Fornt und andren noch nicht ans dem Gebrauch ge- schlvundeuen Dingen. Auch die Lebensmittel prodiiziercndeii Zünfte bestehen zum größten Teil ans Mohammedanern, die dann ihre Pro- dukte durch ambulanten Straßenhandel absetzen, Süßigkeiten, Kuchen, Pasteten und dergl. Leckereien, wie sie der Levantiner liebt und selbst der Arbeiter hier in Verbindung mit Brot zn seiner Nahrung braucht, Auch hierin ist die Bevölkerung möglichst konservativ, und der Ver- such eines Ungarn, hier eine Fabrik von schiveinefleischfreien Wurst- waren zuinAbsatz unter der mohammedanischen Bevölkernng zu gründen, ist kläglich gescheitert. Die Zünfte sind nicht nur nach Neligion, sondern auch nach Nationen gegliedert. Einer Nation wird eine größere Geschicklich- keit in der Herstellung eines bestimmten Artikels vor den andren Nationalitäten zuerkannt. So sind z. B. alle Zinngießer Lasen aus dem Gebiet von Trcbisonde und Kcrasunt, die Süßigkeitenbcreiter Arunuten aus dem Distrikt von Prisrend, die Geninsegärtner fast alle Bulgaren, die Brotbäcker Chioten usiv. Die Zunft wird noch wie früher von einem Kchaha gelenkt, den die Regierung bei dem hier herrschenden System für Spionage- zwecke benutzt. Das Interesse der Regierung am Gewerbe zeigt sich sonst nur in der sehr scharfen Kontrolle von Maß und Gelvicht, die aber auch durch Backschiich zu umgehen sein soll. Die Lage des Arbeiters in dem Handwerksbetrieb ist eine völlig rechtlose. Er ist ohne Schutz der Willkür der Meister ausgesetzt, da er natürlich noch nicht die Spur von Klassenbewußtsein besitzt oder die Notwendigkeit einer Assoeiiernng mit den Genossen einsehen kann. Er ist außerordentlich schlecht bezahlt, empfängt gewöhnlich den Lohn in monatlichen Fristen und muß von seinen küinmcrlichcii 10 Piaster 11,80 M.) täglich nichtübcrstcigcnden Einkommen derRcgierung cincjähr- liche Gewerbesteuer sesnal teskeresi) von 27 bis öOPtnster, sowie, wenn er Christ ist, die in Geldstcuer umgewandelte Blutstener von mindestens 80 Piaster jährlich zahlen. Wenn er in Konstnntinopel verheiratet ist, lvird ihm der Lohn ivöcheutlich ausgezahlt; gewöhnlich aber ist er Wanderarbeiter und muß von seinem Einkommen mich noch die in der fernen Heimat Ivcilende Familie ernähren. Seine Arbeits- leistnng ist in Anbetracht seiner schlechten Ernährung eine minimale; er ist notgedrungen Vegetarier, denn die Flcischpreise sind in Konstantinopel für ihn nnerschtviuglich. Aber selbst, wenn sie so niedrig wären, ivie in den Vilaycts, würde er selten sich zu der Extravaganz eines Fleischgerichts hinreißen lassen, denn erspart, um sich später bei der Rückkehr in die Heimat den herz- erfreuenden Anblick einiger Goldmünzen zu gönnen, die er dami ent- ivcder seiner Frau als Schauinünzen um Stirn und Hals hängt oder sie hübsch in die Erde gräbt, wo sie am besten aufgehoben sind und der Tachsildar(Stcncreimichmer) sie nicht wittert. Das Handtverk wird nirgends industriemäßig betrieben. Die industriemäßigen Betriebe und Fabriken in der Türkei sind in geringer Zahl vorhanden. Die Zeit für eine Industricgründung in der Türkei ist noch nicht gekommen; noch wird sie unmögltch geniacht durch die billigen Preise der europäischen Konkurrenz. Das Arbeitsangebot ist ein sehr starkes, der europäische Unter- nrhmcr, der sich nach cinhcimischcu Kulis umsieht, wird da niemals in Verlegenheit seiu Seit einigen Jahren, namentlich seit der Gründung der anatolischen Bahn,' drängen die in den primitiven landwirtschaftlichen Betrieben des inneren Klein-Asicus entbehrlichen Arbeitskräfte massenhaft in die großen Städte, zunächst nach Kon- stantinopel, Ivo ans den Bahniiuicii und im Handelsbetrieb eine große Menge eingeschulter Arbeiter verlangt iverden. Diese werden als Kulis natürlich erbärmlich bezahlt. Wenn aber dann die Zeit kommt, Ivo diese Arbeiter nach soliderer Nahrung verlangen, als nach Reis, Brot, Zwiebeln und Früchten, müssen die Nutcrnehmer schon tiefer nach Asien hineingehen, um neue Kulis zu finden. Ein ganz neuer Zug in der Arbeit des Orients, das Zeichen einer tiefgehenden Revolution in den socialen Verhältnissen ist das Vor- kommen der Frauenarbeit. Die orientalische Frau, wcs Standes sie auch sei, ist nach den social-ethifchcn Anschauungen des ganzen Ostens, nicht nur des Islams, auch in ihrer Arbeit auf das Haus be- schränkt. Das griechische Dienstmädchen hält es für nuter ihrer Würde, über die Straße zn gehen und Einkäufe zu machen, ebenso Ivenig lvie die Türkin sich an Orte begeben wird, wo Männer sich aufhalten. Hansarbeit jedoch, selbst Hausindustrie ist von den Frauen stets betrieben worden und zwar mit großem Fleiß und echt orientalischer Geduld. Namentlich betrieben die türkischen Frauen der Donanländer allerhand Heimindustrie, die sie wohl von den christ- licheu Frauen gelernt haben mochten, wie Weberei, Kunststickerei, womit sie den Winter verbrachten, nachdem sie im Sommer im Schlveiße ihres Angesichts das Feld bestellt und die Ernte besorgt hatten. Man kann sagen, daß sie, wenn nicht mehr, so doch ebenso viel Ar- beit leisten nmßten als ihre Männer. Aus jenen Ländern kamen die zahlreichen Mohadschirs odcr Auswandcrer, die massenhaft nach dem Kriege von 1877 in die Türkei eimvandcrtcn, wo sie einer schnellen Proletarificrung anHeim- fielen und den Grundstock zu einem türkischen Proletarial bildeten, das im eigentlichen Sinne bis dahin noch nicht vorhanden gewesen war. Ihre Frauen fanden nun in der Tuch-, Seiden- und Tabaks- indnsirie, allerdings von den Männern streng getrennt, eine lächerlich niedrig bezahlle Beschäftigung. Anßerdein wurde ihre Kunstfertigkeit von den für den Export nach Europa arbeitenden Händlern der Tcppich- und Stickereibrauche ausgenutzt, In den von diesen eröffneten Ateliers arbeiten diese armen Frauen für einen Tagelohn von einem, höchstens zwei Piastern 136 Pfennig.) In einem Lande, das sich in einem wirtschaftlichen Uebergangsstadium befindet, wird natürlich die Ansbentnug der Arbeitskraft durch den Unternehmer am schonungslosesten be- trieben; aber solche Löhne find geiviß ein Zeichen von' großem Elend der beherrschten Klasse, das alle offiziellen Deklamationen von dem Paradiese in der Türkei nicht ans der Welt schaffen können. Also auch schon die Schranken des türkischen Harems hat der Kapitalismus gebrochen— was keiner Macht ans Erden gelungen wäre, die unerbittliche wirtschaftliche Notivendigkeit hat es vollbracht: die Frau verläßt das Haus und betritt die ArbeitSsnle der Fabrik, wo sie nur durch dünne Scheidewände von den männlichen Arbeitern getrennt ist. Während der Osten fast nur ungeschnlte Arbeitskräfte auf die Wanderung schiebt, führt der griechische Westen, namentlich von den Inseln des Archipels, große Scharen geschulter Kräfte in die großen Städte des Reiches. Auch hier kann man wieder beobachte». daß gelvisse Berufe an bestimmte Lokalitäten gebunden sind. Der Arbeit- geber nimmt die Arbeiter von dort, von Ivo man sie seit Jahrhunderten gcnonuuen hat und wo vielleicht in alter Zeit die be- treffende Beschäftigung mit besonderem Geschick betrieben lvorden ist. Die Bäcker bezieht man aus Chios, die Maurer, denen die Kurden Handlaiigcrdienste berrichten, kommen aus Nnxos, die Tabak- arbeiter kommen zumeist ans Jccndscha in Macedonieii; die Tischler, Schmiede, sowie die Matrosen der Segelschiffe liefert die Insel Andros. Die Ausbeutung des Arbeiters durch den Nnteruchmer hat im Orient schon vor dem Eindringen des Kapitalismus stattgefunden. Von Arbeiter-Associalionen, ähnlich den russischen Ariels, findet man nur Ausätze. So bilden die, lvie erwähnt, gewöhnlich von Andros kommenden Maurer Genossenschaften, ohne sich einem Meister unter- zuordnen. Sie treten direkt mit dem Architekten in Verbindung. Die vom Poutus kommenden Holz Hacker haben so eine Art „Ariel" mit einer Centralsiclle in Stmnbnl. Die Lastträger bilden ebenfalls in jedem Stadtviertel Koustantiiiopcls eine Korporation, die die Einkünfte— ich konnte allerdings nicht erfahren, nach lvelcheni Princip— nutcr sich teilt. Der verträgliche, gutherzige orientalische Arbeiter sollte sich zu dieser Arbeit besonders eignen. Er hält gute Kameradschaft mit den Genossen und läßt es'höchstens zu Wortgefechten kommen, Ivcnn es au die Lohnteilnng geht; es findet sich dann immer ein dritter, der durch ein. salomonisches Urteil den Streit schlichtet. Daß aus den verhältnismäßig reich bevölkerten Distrikten des westlichen Kleinasiens keine nennenswerte Einwanderung in die werdenden Handels- und Jndustriebczirke stattfindet, hat seinen Grnnd in der verhältnismäßig bedeutenden Eiitlvicklnng der ländlichen sowie der Heimarbeit in jenen Gegenden. Hier iverden doch noch zahlreiche Hände beim Acker-, Gemüse- und vor allem beim Weinbau verwendet, während namentlich die griechische und dann auch die turkifche Bevölkerung sich mit Teppichweberei, Kunst- Weberei, Spitzciillöppclei und der Zucht der Seidenraupe befaßt. Die Lage dieser Leute, die in ausschließlich ländlichen Bezirken wohnen, vor allem in Wilayct Hudawcndikiar um Brnssa herum, leidet unter dem allgemeinen Daniederliegen des Handels. � Sowohl die Regierung als auch die Verwaltung der„Dette publique" bemüht sich um' die Hebung dieser Industriell, damit sie— nachher Schäfchen zmii Scheren haben. Die Lente arbeiten teils für cineii Verleger, teils auf eigne Rechnung, wenn sie über Kapitalien verfügen, und exportieren ihre Seide bis nach Persicn hinein, ivohi» der Absatz lohucnder ist als nach Europa. Arbeiter find schließlich auch die kleinen Händler, die»ach der Ernte oder zu bestinimteu Zeiten des Jahrs ihre Produkte ohne Hilfe des Zivischenhändlers selbst absetzen. Ihr Profit ist infolge der großen Reiic-Unkoste» ein äußerst geringer: die ländliche Be- völkcrung der Pontnslüste» thnt sich zusanimeil im Spätsomnier, schlägt Holz im Walde(der Holzschlag dort ist fast völlig frei) und chartert einen Küstensegler, mit dem sie die langwierige Reise nach Koustantiiiopcl unternehmen.— S. Kleines Feuillekon. — Die Sonne als Eismaschine. Tyndall hat eilunal gc» sagt, daß zur Erzeugluig von Kälte oft viel Wärme nötig sei. Dieser auscheineud paradoxe Satz verliert seine Wunderlichkeit, lvcnn man beispielslveise an jene Eislnaschiiien denkt, in denen AmoniakgaS durch Erhitzen aus einer Lösung»usgetricbeii lvird. Daß die Sonne selbst als nalürliche Eisniaschine wirken kann, zeigt eine Beobachtung, die kürzlich Th. Glangeaud der Pariser Akademie mitgeteilt hat. Die „Voss. Ztg." berichtet hierüber: Auf den Lavafelder» der erloschenen Vulkane in der Auvergne tritt im Sommer bei Temperatilreu von 55 Gr. C. in der Sonne und 34 Gr. C. in. Schatten hier und da starke Eisbildmuz ein. Die Lavaströme habe» sich einst in Niede- rungen ergossen; häufig sind Thäler, die von Wasserläufen durch» strömt tvurden, von ihnen vollständig ausgefüllt lvorden. Das Wasser hat dann seinen Lauf unterirdisch fortgesetzt; am Ende der Lava- ströme treten die Bäche in Gestalt klarer und frischer Quellen wieder ans Tageslicht. Die aus dem Schmelzflüsse erstarrten Gesteins- »lassen sind häufig porös und mit Höhlniigeii erfüllt, iveshalb sie ein durch Leichtigkeit ausgezeichnetes Banniatcrial bilde». Diese Porösiuu und zudem das Vorhaudcnsein zahlreicher kleiner Spalten bewirken, daß das unterirdische Wasser leicht in dem Gestein emporsteiflt. Unter dem Einfluß der Sonnenivürme kann »un eine verhältnismäßig rasche Bewegung des Wassers von der Tiefe nach aufwärts stattfinden. An der Oberfläche des Lavastromes verdampft das Wasser. Durch die Berdampfuug aber wird eine Ab- kühlnng erzeugt, und wenn diese stark genug ist, wird das Wasser gefrieren. Es bildet sich mithin durch diesen Vorgang nur dam, reichlich Eis, wenn die äußere Temperatur, die ja die Stärke der Verdampfung bedingt, sehr hoch ist, also gerade in der heißesten Zeit des Jahres. Die Erscheinung läßt sich u. a. beobachten in der Um- gcgend von Pontgiband, auf dem großen Lavastrom des Vulkans Cöine, einer ivahren Stcinwnste, der wildesten und am schwierigsten zn erforschenden Gegend der Auvergne. Dieser Lava- ström ist mit Höhlungen übersäet, die, Miniaturkratern gleichend, oben weit und unten verengt sind. Ans dem Grunde dieser 3 bis 6 Meter tiefe» Trichter, die fast bis ans den Grauitboden, auf dem das Wasser dahin rieselt, hinabreichen, findet man während des Sommers Eis in beträchtlicher Menge. Einigen wenigen Bewohnern der Umgegend von Pontgiband ist diese Stelle unter dem Namen lürou äs ja glaco bekannt. Aehuliche Punkte finden sich i» de» präch- tigen Basalt-Lavaströmen von Ähdat.— — Wirkung der Musik ans Tiere. Den„Schweiz. 931. für Ornithol." wird geschrieben: Sehr bcmerkensivert war eine Be- obachtung. die wir einmal in Posen über die Wirkung der Streich- mnsil anf das Geflügel machen konnten. In der dortigen Geflügel- ansstellung war geplant, am Sonntag ein Konzert zu veranstalten, und es fand sich dazu ein vollbesetztes Orchester ein. Als die Musiker die Streichinstrumente stimmten, war keine Veränderung der Stimmnng unter dem Hühnervolk zu bemerken, doch als der Lkouzcrlmeister den Taktstock erhob und die Musiker begannen, machte sich eine merkliche Stille unter dem Geflügel bc- merkbar, nur ein Truthahn ließ sein Grokeu ertönen, während die sämtlichen Hähne die ganze Musikpiece hindurch keinen Laut von sich gaben, doch in jeder Pause desto lauter ihr Krähen ertönen ließen. Das ganze Konzert hindurch iviedcrholte sich die interessante Wahrnehmung. die erkennen ließ, daß das Geflügel sicher Wohlgefallen an Streichmusik habe. Bei einem Hunde machten wir die Wahrnehmung. daß dieser das Abend- käuten, das mit einer Glocke erfolgte, nicht leiden konnte. und während desselben unaufhörlich heulte. vom Ertönen des vollen Geläutes hingegen nicht berührt wurde. Vor einiger Zeit hat bereits der Zoologe Baker die Wirkung der Musik auf Tier« zu erforschen versucht, indem er ihucn in den Abend- stunden auf der Geige vorspielte. Ein Puma schien die Musik zu lieben. Er legte sich lang hin und hörte zu, so lauge die Musik sanft blieb. Als sie plötzlich laut wurde, sprang er auf und ging nurnhig hin und her. Zwei Leoparden kümmerten sich gar nicht um die Musik. Eine Löwin mit drei Jungen schien zuerst beunruhigt. Als der Spieler sich vom Käfig entfernte, immer spielend, kamen alle nach vorn und legten sich hin. Sanfter Mnsik hörten sie, als er wieder zurückkam, aufmerksam zw Bei einem rasch gespielte» Tanze sprangen die Jungen lebhaft umher. Die Affen zeigten sich mehr neugierig als tiefer berührt. Eine Anzahl von Prairicwölfcu kam beim erste» Tone aus ihren Löchern heraus, lief erst unruhig hin und her und setzte sich dann im Halbkreis um de» Geiger herum, ruhig zuhörend. Als er aufhörte, kamen sie alle aus ihn zu und langten mit ihren Pfoten nach ihm, wie wenn sie verlangten. er solle iveiter spielen.— Aus dem Gebiete der Chemie. — Konzentrierter Wein. Dr. Garrigou, der sich bereits seit langen Jahren mit den Fragen der Konzentriernng der NahnmgS- mittel beschäftigt, sucht in einem eben erschienenen Buch nachzmveisen, daß die Lösung der Krise, die die übergroße Weinprodnktio» in Frankreich heraufbeschworen hat. durch das einheitliche Vorgehen des Staates, der Winzer und Weinhändler zum Vorteil aller, auch der andren Nationen, herbeigeführt werde» könne. Und zwar müßten sie sich zusanlnienthun,, im die Konzentriernng des Weines im großen zu betreiben. Er hat umfassende Versuche in dieser Hinsicht an- gestellt und behauptet, nach einer Mitteilung der„Post", zn den bc- friedigendften Ergebnissen gelaugt zu sein. Die Konzentriernng müßte in luftleeren Gefäßen, erfolgen. Nach einer aeuaucu Be- schreibung der erforderlichen Apparate führt der Verfasser ans, daß es sich»in folgende vier Punkte bei diesem Versahrcu handle: 1. die ätherischen Gase, 2. den Alkohol. 3. das Wasser zu entfernen und 4. eine Weinmasse zu erhalte», die im Falle einfacher Destillierung in eine gewöhnliche Netorte, bei völlig durchgeführter Destillierung dagegen in eine Retorte mit einem regelmäßig sunt- tionierendeu Sauger gedrängt werden muß. Dan» folgen die Darlegungen bezüglich der Bereitung des Weines aus dielen sorgfällig ans Flaschen gezogenen Rückständen. Man muß dabei drei Fälle berücksichtigen, die Reduzierung des Weines um die Hälfte, drei Viertel oder acht Zehntel. Für Ausflügler und Reisende dürfte es genügen, in die kon- zentrierte Masse einfach so viel Wasser zu schütten, bis mau das ursprüngliche Volumen wieder erhält, während für LnxuSweiiie einige besondere Vorsichtsmaßregeln zu beobachte» wären. Dr. Garrigou teilt seine allgemeinen Schlüsse über die Vorteile dieser Konzentriernng des Weines in acht Kategorie». Besonders gut wäre dies für die Weinbergsbesitzer, die diese Konzentriernng des Weines— im Gegensatz zu der des Mostes oder der. Trauben— jeder Zeit, am besten sogar im Winter, vornehmen könnten; der so erzielte Wein würde viel besser wie der ans getrockneten Trauben Werden und durch die Herstellung im luftleeren Raum gleichzeitig pasteurisiert, ohne einen brenzlichen Geschmack anzunehmen. Der Wein erhält dadurch auf natürlichem Wege Alter und Bonqnet. Die Konsumenten bekommen ein zarteres, feineres und wegen der teil- weisen Ausscheidung der Weinstein- und Schlvefelsäure gesünderes Getränk, als der jetzige Naturwein ist. Dem Arbeiter wird ein gesundes und billiges Getränk verschafft, das ihn von den gefährliche» Fälschungen befreit. Die Apotheken können für ihre Präparate die teueren Weine durch diese billigen konzentrierten ersetzen und so wichtige Heilmittel wie Chinaweine wohlfeiler verkaufen. Die Reisenden können anf ihren Ausflügen für ihre Bedürfnisse hinreichende Massen konzentrierten Wein mit sich nehmen und sich jeder Zeit schnell durch Beifügung von Wasser ihren Tischwein herstellen. Man kann aus den leichten Landweinen de» Alkohol, den sie enthalten, entfernen, den Extrakt konzentrieren und ihn nach Frei- Häfen, beispielsweise nach Hamburg, versenden, wo man durch Hinzufügung von Wasser und Kvrnbranntwein für die nordischen Bevölkerungen ein billiges hygienisches Getränk herstellen könnte.— Meteorologisches. bt. Ein sehr bequemes Nüttel, um die Entfernung eines Blitzes zn messen, wird in der„Meteor. Zeitschr." angegeben. Der Schall legt bekanntlich 1000 Meter in 3 Seknudeu oder dem 20. Teil einer Minute zurück, niithin 100 Meter in dem 200. Teil einer Minute. Hätte man also eine Nhr, deren Pendel oder Ilnrnhe 200 Schwingungen in der Minute macht, so brauchte man in der Zeit zwischen Blitz und Donner diese Schwingungen»nr zu zählen, um die Entfernung des Blitzes sofort zu iviffen. Solche Uhren sind nun die ganz bekannten billigen Weckeruhren, die in vernickeltem Ge- häufe montiert für ctiva 3 M. verkaust ivcrden. Ihre Unruhe führt 200 Schwingungen in der Minute aus. Da der Schlag der Unruhe bei diesen Werke» fehr laut ist, so kann man die Schwingungen sehr bequem zählen. Zählt man z. B. vom Augenblick des AufblitzcnS bis zum Donner 13 Schwingungen, so weiß nian, daß der Blitz 1300 Meter entfernt war. Bei einiger Uebnng kann man auch die Zeit zwischen zwei Schlägen der llnrnhe schätzungsweise noch bis nnf die Zehntel beurteilen, und erhält dadurch die Entfernung bis auf einige Zehner von Metern. Ist z. B. der Donner nicht sofort nach deii 13 Schwingungen aufgetreten, sondern nach einer Zeit, die man noch auf Vio einer Schwingung schätzt, so wäre die Entfernung des Blitzes auf 1340 Meter anstatt 1300 Meter anzusetze».— Humoristisches. — Der Kiebitz. Herr zum Angler(dem er eine Stunde zugesehen hat):„Das Angeln ist doch ein recht langweiliges Vergnügen, werden Sie denn gar nicht stinnpfsinuig davon?" —„O na, aber Wissens, neili hat mir Oana nur a halbe Stund' znagschaugt, den hams an Tag draus in d' I d i o t e n a n st a l t bracht!"— — Nette Wirtschaft. Mann(entrüstet):„Wenn Du doch endlich ineine Strümpfe stopfen wolltest! Man weiß ja niemals, was oben und was unten ist!"— („Lust. Bl.') Notizen. — Der bekannte französische Schriftsteller JuleS Vernes ist völlig erblindet.— Max Halbe soll dem Nesidenz-Theater das Aufführungsrecht seiner„Inge n d" entzogen haben.— — Oskar Kraus, ein Münchener Tonkllnstler und Dirigent, ist für WolzogenS„B n n t e S Theater" als Kapellmeister engagiert worden.— — Ein K o s s n t h- D e n k m a l ist dieser Tage in Pest er- richtet worden; das Standbild ist i» anderthalbfacher Lebensgröße ausgeführt.— — Der belgische Fünf-Jahrespreiö für medi- z i n i s ch e Forschungen ist in der Höhe von 5000 Frank dem Professor van Gehn cht en in Loewen für seine Unter« snchnngen über das Gehirn und da? Rückenmark zugesprochen worden.— — Ein»eueS rotes Meer. Das Erdbeben, daS vor kurzem entlang der Südküste von Kalifornien ivahrgenommen wurde, hat eine eigenartige Veränderung der Wasser des Pacific- Occans bewirkt. An der 5lüstc von Los Angeles County anf eine Strecke von 05 Meilen färbte sich das klare grüne Meer- ivaffer ziegelrot. Diese eigentümliche Färbung des WafferS behagte den Fischen so wenig, daß sie sich weiter in den Ocean zurückzogen, wo die Wogen wieder meergrün sind. Bei Nacht strömt das rote Meerwasser einen starken phosphorcscierenden Glanz auS. An ver- schiedenen Stellen hat sich das Salzwasser in Süßwasser verwandelt. Mau vermutet, daß das Erdbeben eine Spaltung des MeerbodenS unweit der Küste verursacht hat und daß aus dieser Oeffnung Süß« wasser und Färbstoffe hervorquellen.— Die nächste Rummer de? Unterhallungsblattes erscheint am Sonntag, den 4. August. Verantwortlicher Redacteur: Gart Leid in Berlin. Druck und Verlag von tvtax Babing in Berlin.