Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 152. Mittwoch, den 7. August. 1S01 tNachdrucl verboten.! 89, Arbeit: Roman in drei Büchern von Emile Zola. Aus dem Französischen übersetzt von LeopoldRosenzweig. Die ehemalige Fleischerin mußte nun doch antworten. Sie deutete auf ein Paar in einer Quadrille. „Da tanzt sie. Ich gebe acht auf sie." Julienne tanzte mit Louis Fauchard, dem Sohn des ehe- maligen Ausziehers, und schmiegte ihre volle, blühende Ge- stalt glücklich in den kräftigen Arm des hochgewachsenen, breitschultrigen Mannes mit dem gutmütigen Gesicht, der einer der besten Schmiede der Cröcherie war. „Also noch ein künftiges Ehepaar?" fragte lachend die schöne Madame Mitaine. Madame Dacheux fuhr erschrocken zusammen. „Nein, nein, wie können Sie so etwas sagen! Sic kennen ja die Grundsätze meines seligen Mannes, er würde aus dem Grabe auferstehen, wenn ich seine Tochter einem Arbeiter gäbe, dem Sohne jener armseligen Natalie, die immer um ein Stückchen Fleisch auf Kredit bettelte, und die er so oft davonjagte, weil sie nicht zahlte." Mit leiser und zitternder Stimme erzählte sie sodann, daß ihr Mann ihr häufig in der Nacht erscheine. Selbst als Toter beugte er sie unter seine Tyrannei, zankte und schrie mit ihr in ihren Träumen und schüchterte sie durch teuflische Drohungen ein. Die arme, unbedeutende, verängstigte Frau fand nicht einmal in ihrer Witwenschaft ein wenig Frieden und Ruhe. „Wenn ich Julienne gegen seinen Willen verheiratete," sagte sie klagend,„würde er mir sicher jede Nacht erscheinen, mich beschimpfen und mich schlagen." Sie brach in Thränen aus, und Madame Mitaine tröstete sie, indem sie ihr versicherte, daß im Gegenteil ihre bösen Träume aufhören würden, wenn sie so viel Glück als möglich um sich verbreitete. Eben kam zögernden Schrittes Natalie, die betrübte Madame Fauchard heran, die einst in unaufhörlicher Sorge gewesen war, wo sie die täglichen vier Liter Wein für ihren Mann hernehmen sollte, Sie litt gegenwärtig nicht niehr unter dem Elend der Armut, sie be- wohnte eines der hellen Häuschen der Cröcherie mit ihrem Mann, der, gebrechlich und stumpfsinnig geworden, nicht mehr arbeitete. Sie hatte auch ihren Bruder Fortuns bei sich, der kaum fünfundvierzig Jahre alt war, und aus dem die mechanische, stets gleichbleibende Tretnnihlenarbeit, die er seit seinem fünf- zehnten Jahre in der Hölle hatte verrichten müssen, einen tauben und halbblinden Greis gemacht hatte. Trotz des relativen Wohlstandes, den Natalie dem neuen Pcnsions- und gegen- scitigen Unterstützungssystenl dankte, war sie daher nach wie vor eine unglückliche Frau, ein bedauernswerter Ueber- rest der Vergangenheit, samt den beiden Männern, ihren Kindern, wie sie sagte, für die sie sorgen mußte. Sie bildeten ein Beispiel der Schmach und der Leiden des Lohnsklaven- tmns, das der jungen Generation als schreckliche Lehre vor Augen stand. „Haben Sie meine Männer Nicht gesehen?" fragte sie Madame Mitaine.„Ich habe sie verloren. Ah, da sind sie I" Und man sah Arm in Arm wankenden Schrittes die beiden Schwäger vorbeigehen, Fauchard, eine menschliche Ruine, wie ein Gespenst der qualvollen und entwürdigten Arbeit, und der jüngere Fortuns, ebenso gebrochen und stunipfsinnig wie der andre. Durch die fröhliche, kraftvolle Menge, die erfüllt war von Lebenslust und Zukunftshoffnung, schlichen sie langsam und mühselig dahin, ohne zu verstehen, was um sie vorging, ohne die Grüße zu erwidern. „Lassen Sie sie in der Sonne," sagte Madame Mitaine. „Das thut ihnen wohl.— Ihr Sohn ist gesund und guter Dinge?" „O ja, Louis befindet sich sehr wohl," erwiderte Madame Fauchard.„In den heutigen Zeiten gleichen die Söhne den Vätern sehr wenig. Sehen Sie nur, wie er tanzt. Der wird nie wissen, wie Hunger und Kälte thut." Da unternahm die gutherzige Madame Mitaine den Ver- such, das Paar glücklich zu machen, das da vor ihr tanzte und sich zärtlich anlächelte. Sie setzte die beiden Mütter neben- einander und redete so lange liebevoll auf Madame Dacheux ein, bis es ihr gelang, sie zu erschüttern und schließlich zu überzeugen. Sie litt bloß unter ihrer Einsamkeit, sie brauchte fröhliche Enkelkinder, die auf ihre Knie klettern und die Gespenster in die Flucht schlagen würden. „?lch ja, in Gottes Rainen," rief die arme kleine Alte endlich,„ich will gern ja sagen, unter der Bedingung, daß ich nicht allein bleibe. Ich habe niemals jemand etwas ver- weigern können, nur er wollte nicht. Aber, wenn Ihr mir alle zuredet und wenn Ihr mir versprecht, mich zu beschützen, thut was Ihr wollt!" Als Louis und Julienne erfuhren, daß ihre Mütter ihrer Vereinigung zustimmten, liefen sie herbei und warfen sich ihnen unter Lachen und Thränen nur den Hals. Inmitten der allgemeinen Freude war eine neue Freude entstanden. „Wie könnte man diese jungen Leute trennen wollen", sagte Madame Mitaine wieder,„die alle mit- und füreinander aufgewachsen sind? Ich habe kürzlich meinen Evariste mit Olympe Lensant verheiratet, und ich erinnere mich noch, wie diese als ganz kleines Kind in meinen Laden kam und mein Junge sie mit Kuchen beschenkte. Und wie oft habe ich Louis Fauchard zu Ihrem Laden kommen sehen, Madame Dacheux, um mit Ihrer Julienne zu spielen! Und die Laboque, die Bourron, die Lensant, die Ivonnot, die nun alle unter- einander heiraten, die sind alle miteinander groß ge- worden und waren gute Freunde, während ihre Eltern einander grimmig haßten. Sehen Sie, aus diesen 5linder- freundschaften ist jetzt die schöne und gute Ernte- der Liebe aufgegangen." Sie lachte fröhlich auf in der Freuds ihres guten Herzens. Sie hatte noch inuner den Duft leckeren, frisch- gcbackenen Brots an sich, in welchem sie so lange Jahre gelebt hatte als schöne blonde Bäckerin. Und rings um sie stteg die allgemeine Lustigkeit, man erzählte sich, daß noch andre Paare sich verlobt hatten: Ssbasttan Bourron mtt Agathe Fauchard, Nicolas Ivonnot mit Zos Bonnaire. Die Liebe, die göttliche Liebe wirkte rastlos weiter an der Versöhnung, verschmolz die Klassen immer mehr mitein- ander. Sie hatte diese Ebene befruchtet, hatte die Bäume so mit Früchten beladen, daß die Zweige brachen, hatte die Ackerfurchen mit so dichten Halmen bedeckt, daß die Garben- reihen von einem Ende des Horizonts bis zum andern wie die Säulen eines Friedenstempels standen. Sie schwebte in dem kräftigen Geruch dieser Fruchtbarkeit, sie führte den Reigen bei all diesen Hochzeitsfcsten, aus denen zahllose freiere und glücklichere Generationen entspringen sollten. Und bis in die Nacht, bis der Himniel sich mit funkelnden Sternen bedeckte, dauerte das Fest, eine Siegesfeier der Liebe, die die Herzen einander zuführte, sie miteinander verschmolz, unter Gesang und Tanz des fröhlichen Volkes, das einer Zukunft der Eintracht und des Friedens entgegen- ging. Aber imnittcn dieser immer mehr anschivellcndcn Brüderlichkeit gab es einen Mann der alten Zeit, den Guß- meister Morfain, der stumm und finster abseits stand und die neue Welt nicht begreifen konnte noch wollte. Er lebte nach wie vor gleich einem prähistorischen Cyklopen in seiner Felsenhöhle dicht bei dem Hochofen, den er zu überwachen hatte; und er lebte dort jetzt allein, als Einsiedler, der nichts mit den heutigen Menschen zu thuil haben wollte. Schon als seine Tochter Blauchen ihn verlassen hatte, um Achille Gourier, ihrem Märchen- Prinzen, zu folgen, an dessen Arm sie unter dem Sternenhimmel durch das Felsgelände gestreift war, schon damals hatte er gefühlt, daß die neue Zeit ihm sein Bestes wegnahm. Dann harte ein andrer Liebeshaudel ihm Dada entfremdet. den gutmütigen jungen Riesen, der air Honorine, die Tochter des Gewürzkräniers und Weinhändlers Caffiaux, sein Herz verlor. Der alte Morfain hatte sich heftig dieser Heirat tvider- setzt, voll Verachtung gegen die Familie des jungen Mädchens. die er als Vergifter und Leute von zweifelhafter Ehrlichkeit be- zeichnete. Nicht minder gerurgschätzig sprach sich übrigens das Ehe- paar Caffiaux aus, deren Bürgerstolz sich dagegen sträubte, ihre Tochter als Frau eines einfachen Arbeiters zu sehen. Gleich- wohl hatte Caffiaux. der Kluge und Geschmeidige, zuerst nach- gegeben; er hatte nun, nach Schließung seiner Schenke, eine IMschc Stellung als Oberaufscher in den Genossenschafts- inagazincn innc; die alten Geschichten waren vergessen, und er trug eine viel zu große Anhänglichkeit für die Ideen der Solidarität zur Schau, als daß er sich hätte durch hartnäckige Weigerung schaden wollen. In Dada war die Leidenschast endlich so stark geworden, daß er sich gegen den Willen des Vaters auflehnte. Es gab eine schreckliche Scene zwischen Vater und Sohn, die den vollständigen Bruch zwischen ihnen herbeiführte. Seit der Zeit hauste der Gußmeister von aller Welt abgeschlossen in seiner Felsenhöhle und lebte nur noch, öffnete nur noch den Mund, um seinen Hochofen zu leiten, ein sinstcrcs, scheues Gespenst vergangener Zeiten. Jahre uni Jahre vergingen, ohne daß der alte Morfain zu altern schien. Er war noch immer der Bezwinger des Feuers, der Riese mit dem gewaltigen Kopf, dem glutverbrannten Gesichte, der Adlernase, den tiefglühenden Augen, den wie von Lavaströmcn gefurchten Wangen, den gcschlveisten, blntigrotcn Lippen, die sich nicht mehr öffneten. Nichts Mensch- lichcs schien ihn mehr erreichen zu können in der unzugäng- lichen Einsamkeit, in die er sich verschlossen hatte, seitdem er hatte sehen müssen, daß sein Sohn und seine Tochter zu den andern, den Neuen übergingen. Blauchen hatte mit Achille ein reizendes Mädchen, Leonic, die hold und lieblich erblühte. Dada wurde von seiner Frau mit einem hübschen, kräftigen Jungen. Naymoild, beschenkt, der inzwischen groß und klug geworden war und bald selbst heiratsfähig werden würde. Aber der Großvater ließ sich nicht erweichen, er stieß die Kinder von sich, er wollte sie nicht einmal sehen. Alles dies waren ihm Dinge. die sich in einer andren Welt ereigneten und die ihn nicht berührten. Aber während seine menschlichen Gefühle ertötet waren, schien die gleichsam väterliche Zärtlichkeit, die er stets für seinen Hochofen gefühlt hatte, noch gewachsen. Er sah in ihm sein Ricscnkind, das von ewigem Feuer durchglühte Un- geheuer, dessen flammende Verdauung er Tag und Nacht, Stunde für Stunde überwachte. Die geringste Störung, die geringste Verminderung des leuchtenden Glanzes der Abstiche verursachte ihm zärtliche Angst; er verbrachte die Nächte schlaflos, überzeugte sich immer wieder, ob das Gebläse gut funktionierte, umgab das Umgctüm mit der beflisseueu Auf- mcrksamkeit eines Verliebten, ließ sich von der furchtbaren Hihc seiner Glutergüsse achtlos die Haut verbrennen. Lucas hatte in anbctracht seines hohen Alters davon gesprochen, ihn in den Ruhestand zu versetzen, aber er hatte nicht den Mut gehabt, diese Absicht auszuführen, angesichts der bebenden Äuslehnung, des trostlosen Kummers dieses Helden der Pein- vollen Arbeit, dessen Stolz es war, seine Muskelkraft in dem ruhmlosen ilanips niit dem Feuer zu verbrauchen. Die Ruhe konnte ihm nur durch den unaufhaltsamen Fortschritt der Zeit anfaezungcn werden, und Lucas beschloß in seiner Herzensgüte, diesen Augenblick abzuwarten. tForliepunq lolgt.) lNackidnick verboten.) Die Sommeuhihe und ihv Eiuflntz auf den Mlonsrhen. Wer jemals in tropischen Ländern gelvcilt hat, wird bestätigen müssen, daß auch in unscrn gemäsjigten Zonen mancher Heifee Sonnnertng mit seiner Temperatur a» die Dnrchschnittswärme des ägnatorialen Sommers heranreicht. Jeder Juli und August bringt eine ganze Reihe von Tagen, an denen die Hitze über 22 Grad Reaumur oder, nachdem jetzt der hnndertteilige Thermometer dekretiert ist, über 31 Grad Celsius im Schatten steigt, Ivos bis auf den Zehutelgrad genau der Dnrchschnitlstemperatur des Monats Juni in Kalkutta eulspricht. ivähreud die schon etwas seltenere, aber doch alljährlich beobnchlete Schnttenteinpcratur von 27 Grad Reaumur gleich �4 Grad Celsius diejenige Hitze ist, die die lOOOOO Bewohner der Ncgerslndt Kula im sudanesischen Bornu während des ganze» Monats April über sich ergehen lassen müssen. Solchen Ausnahnietemperatnren stehen Ivir an Kleidung, Wohnungsvcrhältnissen und hinsichtlich der Art der Ernährung und sonstige» Lebensgewohnheiten gänzlich ungerüstet gegenüber. Körper und Geist iverden in geradezu pathologischer Weise beeinflnfet, und es zeigen sich nervöse Erscheinungen, die alle Grade von ein- facher Unlust und Leisiungsnnfähigkeit bis zu tiefer Betäubung, vorübergehendem Irresein und tödlicher Herzlähmimg durchlansen können. Während aber bei uns die Übcrnräfeige Hitze innner nur auf die Daner von«venigen Tagen bis höchsiens einer oder zwei Wochen beschränkt ist und dann nach Eintritt gewaltiger elektrischer Entladungen von Perioden der Abkühlung abgelöst wird, lastet die bleierne Schwüle des Tropeusonnncrs mit'unveränderter Gleich- mäfeigkelt aus de» Menschen des Südens, die, um nur bestehen zu können, ihr Leben in weitestem Umfange ihrem Klima anpaflen muffen und durch die jahrtausendelange Einwirkung hoher Tempera» turen abweichende körperliche und geistige Merkmale erworben haben. die meistens kritiklos der Raffe als solcher zugeschrieben werden, thatsächlich aber nur Folgen der intensiveren Licht- und Wärme» Wirkung find. Wer übrigens glaubt, dafe der Norden von solchen Hitze-Attacken. wie sie uns die Hundstage bringen, verschont sei, befindet sich in einem argen Jrrtume. In Moskau, wo der Jnli der heifeeste Monat ist. herrscht um diese Zeit eine Durchschnittstemperawr von 19,5 Grad Celsius, die um 1.3 Grad höher ist als in Berlin, wo der August mit 18,2 Grad der heifeeste Monat ist. In Jakutsk in Sibirien, wo der Thermometer im Januar durchschnittlich 42 Grad unter Null steht, bringt der Jnli fast dieselbe mittlere Temperatur wie in Berlin, nämlich 17,2 Grad. Die höchsten dort im centralen Sibirien beobachteten Temperaturen steigen aber bei Jakutsk im Schatten ans 39 Grad Celsius, während im mittleren Deutschland die Somnierwärme nur ganz ausnahmsweise hier und da einmal über 36 bis 37 Grad steigt. Sogar das gefürchtete Wjerchojansk in Sibirien, das am Kältepole liegt und wo man die ungeheure Wiuterkälte von 69 Grad des hundertteiligen Thermo» meters beobachtet hat, übertrifft mit seiner maximalen Sommer- wärme von 33 Grad diejenige Deutschlands noch um ein Weniges. Die heifeesten Gegenden der Erde finden wir natürlich in süd- lichen Breiten; doch ist keineswegs die Nachbarschaft links und rechts vom Aequator der Landstrich, der von den brennenden Pfeilen des Helios am Schwersten getroffen wird. Von den fünf Hitzecentren der Erde, innerhalb welcher die Jahresmaxima über 40 Grad Celsius hinausgehen, berührt nur eines, nämlich das centralafrikauische am mittleren Kongo den Aequator, während die andre» weit weg von demselben und zwar zum grofee» Teile sogar aufecrhalb des Gürtels der Wendekreise gelegen sind. Das erstgenannte umfafet die ganze Sahara einschliefelich' des Sudans und Egyptens, zieht dann quer über Arabien und Persien iveg und schliefet auch die Tiefebenen des Jiidus und Ganges ein. Temperaturen von 50 Grad Celsius sind hier nichts UngeivöhnlicheS, und Dnvcyrier hat hier bei dem Stamme der Tuarcgs sogar einmal 67,7 Grad gemessen. Das nächstgröfete Hitzecentruin ist das nordamerikanische, das den gröfeten Teil von Mexiko und das Gebiet der nordamerikauischen Union zwischen dem Mississippi und den Rocky-Moniitains bis weit über den vierzigsten Breitengrad hinaus umspannt. Auch hier steigt in den felsigen Wüsteiistrcckcn die Temperatur zmveileu bis aus 50 Grad. Den dritten Hitzeherd bildet Australien niit Allsiinhme der Küstenränder, die nicht so entsetzlich wasserann sind wie das Innere des fünften Kontinents, in dessen Ccntrum sich Hitze und absoluter Feuchtigkeits- inangel zu einander gesellen. Aufeer diesen drei grofee» Hitzehcrden existiere» dann noch zwei kleinere, nämlich als Fortsetzung des grofee» asiatisch-afrikanischen die Gegend zu beiden Seiten des Jrawaddi im hinterindischen Binna und die Niedeningen am La Platastrome in Argentinien und Paraguay, wo der Thermometer jedes Jahr über 40 Grad Celsius zeigt und an einzelnen Tagen auf 45— 50 Grad steigt, wobei stets in Betracht zu ziehe» ist, dafe alle diese Temperaturen, im Schatten und frei von StrahlungSeinflüssen gemessen sind. Gegenüber so enormen Hitzegraden, die die Teniperaturen an den schlimmsten Tage» unserer Hochsommer doch noch um 10 bis 15 Grad übersteigen, ist die Frage gerechtfertigt, wie der menschliche Körper, diese, ohne unmittelbaren Schaden zu nehmen, erträgt. ES ist nun eine bekannte Thatsache, dafe die eigne Körperwärme des Menschen, die normalerweise 37 Grad Celsius beträgt, bei schweren Fiebern 40—42 Grad erreicht und in ernsten Erschvpfnngs- und Schwächeznständen bis auf 34—35 Grad stillt, im gesunde» Menschen doch nahezu die gleiche bleibt, iven» auch die Temperatur der um- gebenden Luft sich sehr ivcit von diesen mittleren Werten entfernt. Denn der Organisnms besitzt Schutzvorrichtungen, die es verhindern, dafe die Jnnentemperatur des Körpers in denrselben Mafee steigt wie die Umgebung. In erster Linie lvirkt in diese,» Sinne schon die lederne Oberhaut allein siir sich, die ein schlechter Wärmeleiter ist und dem Durchtritt der Äufeenwänne einen ebenso grofee» Widerstand entgegensetzt wie dem der Kälte. Während sich aber bei grofeer Kälte die Oeffuuugen der nach vielen Millionen zählenden Schweifedrüsen auf der Oberfläche der Haut schliefeen und die kapillaren Blutgefäfee und Lymphspalle» der Oberhaut verengen, soweit dies irgend möglich ist, so dafe dem Körperinnern möglichst wenig Wärme verloren gehen kann, öffnen sich i» der Hitze alle Poren und es beginnt der Prozcfe des Schwitzens, durch den grofee Wärmemenge», die dem Körper sonst gefährlich werden würden, unschädlich gemacht werde». Die Verdimstuug des a» die Körperoberfläche getretenen SchtveifeeS erzeugt nämlich Kälte und bewirkt, dafe es im Körper nicht leicht zu einer das Leben de- drohenden Wärmestauung kommen kann. Ans dieser Thatsache lassen sich aber alle bei grofeer Hitze z» beobachtende» Vorsichtsmaferegeln ohne lveiteres ableiten. Hinsichtlich der Kleidung niufe alles geschehen, was der Verdunstung des Schweifees— natürlich ohne damit die Gefahr einer Erkaltung heraufzubeschlvöreu— Vorschub leisten kau»: also poröse und lichte, dem verdunstenden Wasserdamps keinen Widerstand eutgegensetzende Unter- und Oberkleider und leine dunkle und rauhe, undurchlässige Kleidungsstücke, die die einen Austritt suchende Jiinenwärme auf- speichern und von aufee» durch die Souneiistrahlen in ungleich höherem Grade angeheizt werden als die hellen Stoffe. In zweiter Linie muß filr einen ausreichenden Ersatz des durch Schwitzen und Ausatmung verloren gegangenen Wassers durch entsprechendes Trinken gesorgt werden. Es giebt viele Menschen, die gegen das gewiß nicht angenehme Schwitzen, mit dem übrigens doch'— sehr zum Nutzen des Körpers— viele giftige und Krankheit erregende Zersetzungsprodukte des Stoffwechsels aus dem Organismus fort- gespült werden, solchen Widerwillen haben, daß sie möglichst wenig trinken. Diese Gewohnheit, die bei nornmleu Temperaturen nicht gerade direkt schädlich ist, wird zur Gefahr bei ungewöhnlich heißer Witterung, weil sie zur Eindickung und Verschlechterung des Blutes und zur Wärniestauung führt. Mit Recht betrachtet man es als ein gefährliches Symptom', wen» ein marschierender oder schwer arbeitender Mensch plötzlich zu schwitzen aufhört; denn es ist ein Zeiche», daß der Körper an Wasser verarmt und die Gefahr, voni Hitzschlag getroffen zu werden, in nächster Nähe ist. Am meisten sündigen wir Bewohner gemäßigter Zonen darin, daß ivir bei anhaltender Sommerhitze unsrc Nahrung nicht den jeweiligen Temperaturgraden anpasse». Die Menge und Beschaffen- heit der in den Uebergangszeiten und im Winter genossenen Nahrungsmittel ist darauf berechnet, im Körper bedeutende Wärme- mengen zu erzeugen, da er in diesen Jahreszeiten viel Wärme an die Umgebung abgiebt. Wenn wir jedoch im Sommer die vom Winter her gewohnte Lebensiveise fortsetzen, so thun wir dasselbe, wie wen» ivir in einem an sich schon von der Sommerhitze durch- glühten Zimmer den großen Ofen mit reichem Feueruugsinatcrial beschickten und anzündeten. Wir überheizen die menschliche Maschine und können es dann natürlich vor Hitze nicht aushalten. Es ist darum ganz und gar verfehlt, im Sommer eine Abkühlung durch Trinken von schweren Lager- und Märzenbieren zu suchen, die nur momentan, weil sie auf Eis gekühlt sind. Erleichterung ver- schaffen, während binnen kurzem Dank der Wirkung des Alkohols und des Mnlzgchalts des Bieres eine noch viel lästigere Hitzewelle über den Körper flutet als vorher. Der Südländer und Tropen- bewohncr kennt diese erhitzende Wirkung alkoholischer Getränke und schwerer eiweißreicher und fett- und- mehlhaltiger Nahrungsmittel sehr genau; er ist von einer Mäßigkeit, die den Nord- ländcr i» großes Erstaunen versetzt, deren Nichtbeachtung sich aber an dem i» heißen Gegenden weilende» Mittelenropäcr in der Regel bitter rächt. Welche Hitzegrade übrigens der Mensch auf kurze Zeit oder, falls er darauf trainiert ist, selbst stundenlang aushalten kann, dürfte kam» bekannt sein. In manchen Bade- Anstalten bringe» Masseure in Kammern, die für die Behandlung von Gicht, Rheumatismus und andren durch Schwitzen zu kurierenden Krankheiten dienen, bis zu zehn Stunden täglich in einer künstlich auf 70—80 Grad Celsius gehaltenen Temperatur zu.— Dr. C. v. E h n a t t c n. Kleines IsenMelon» — Der„Muni" in den Alpen. Viele Tonristen wissen, schreibt die„N. Z. Ztg.", von einer unliebsamen Begegnung mit einem „Muni" oder Znchtstier zu erzählen. Wie gern man auch das Herdeugelänte hört und wie schön es auch ist, sich mitten unter den weidenden Kühen zu finden, so ist es doch geraten�, jede Herde respektvoll zu umgehen, wenn man nicht zum voraus den„Muni" eingeschlossen oder doch gutartig weiß. Selbst in letzterem Falle ist man nicht ganz sicher, da diese Thierc außer- ordentlich launisch und durchaus unznvcrlgssig sind. Den besten Humor haben sie bei gutem Wetter, Ivo sie oft, eine Siesta balteud, unter einer Wettertanne liege», während die Kühe grasen. Bei schlechtem Wetter dagegen sind sie viel ans- geregter und reizbarer. Der„Mmii" ist um so gefährlicher, je näher man ihn bei seiner Seimhiite trifft und besonders auch dann, wen» sich in'der Heerde eine Kuh befindet, der er besondere Aufmerksamkeit erweist. Daß auffallende Kleider, namentlich solche mit roter Farbe, vermiede» werden sollten, ist eine allbekannte Warnung. Auch steht die Thntsache fest, daß ei»„Mnni" das weibliche Geschlecht viel eher verfolgt, als das männliche. Wenn Felsblöcke, Tauue», Hütte» i» der Nahe sind, so kann man sich vor dem versolgeuden.Mnni" leicht retten, weil man sich leichter drehen kann, als er. Beim Springen in gerader Linie dagegen hat er den Vorteil, da das Tier unglaub- lich flink und leichtfüßig ist. Die Senne» schlagen ihm auf die Augen oder bewerfen den Kopf mit Steinen oder stelle» sich tot(zwei bekannte Fälle) oder springen im Zickzack. Böse Tiere werden übrigens sofort entfernt, was manchmal schon nach ivenigen Jahren geschehen muß. Bei einem Preise von 1200 bis 1800 Franken bedeutet das keinen gc- ringen Schade». Auf der Mühlebachcr Alp steinigten die Sennen einen wütenden Znchstier derart, daß er ein Auge' verlor und das andere anfgeschwolle» und blutunterlaufen aussah. Um das Tier zu' töten, sprangen sie ihni dreimal voraus bis an den Rand eines Abgrundes. Dreimal stürzte ihnen der„Mnni" nach und stand jedesmal bei der Fels- wand ganz plötzlich still, obtvohl er kaum noch etwas sah. Es giebt auch etwa eine böse Kuh oder ein böses Rind; doch sind diese Tiere äußerst selten. Als ganz sicheres Erkeiinungszcicheu für die Gefahr- lichkeit aller dieser Vierfüßler gilt das Thräuen oder Triefen der Auge». Sobald das Angenwasser aus de» Winkeln hcrnnterrinnt, steckt schon eine Art Krankheit, die sich als Wildheit offenbart, i» dem Tiere. Uebrigeus macht die Behandlung außerordentlich viel aus. Einen Zuchtsticr darf man nicht erzürnen, nicht schlagen; er vergißt keine Beleidigung und sucht sich bei der ersten Gelegenheit zu rächen. Der Senn oder Hirt muß ihm beständig mit Güte, ja sogar mit Schmeicheleien gegenübcrtreten und bei alledem doch einen bestimmten Willen und eine energische Haltung zeigen.— Musik. Die Neuaufführnng eines alten Werkes aus der Gattung der „komischen Oper" ist an sich geeignet, gleichsam festlich zu wirken. Diese Gattung, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Franzosen Auber und Boildien zu ihrer besten Blüte gebracht, würde wohl nur zweier Punkte bedurft haben, um auf höchster Stufe zu stehen: einer Einheitlichkeit an Stelle der Zusammensetzung aus Dialog und Gesang, und in den meisten Fällen littcrarisch wert- voller Texte. Auch das Libretto zu Anders„Maurer und Schlosser" ist im Grunde eine der Geschäftsarbciten Scribes mit all den üblichen Theaterereignissen; ob es die Mitwirkung G. Delavignes, des Bruders eines be- deutenden Dichters, war, was dem Stück wenigstens einige Charakterbegrüudnng gab, bleibt wohl Geschäftsgeheimnis. Unter- haltlich für das Publikum und dankbar sür Regie und Darsteller ist dieses Beispiel von Aubcrs demokratisch-bürgerlichcr Kunst jedenfalls. So war denn seine vorgestrige Wiederaufführung in der Marwitz- Oper von vornherein ein begünstigter Abend. Das über Sommer- oper» im allgemeinen Gesagte gilt natürlich auch hier. Im Anfang that man gut, drei Augen und vier Ohren zuzudrücken, um nicht allzu scharf kritisieren zu müssen; im weiteren Verlauf ging es mit etwas weniger Zudrückung. Gesanglich besonders interessant war es, zwei verschiedene Tenore nebeneinander zu hören: Georg Runsky als Maurer Roger n»d Josef H o r w i tz als adeliger Liebhaber Leon de Me'rinville. Jener vorteilhaft aus kleineren Bufforolle», dieser mit mancheni Vorteil und Nachteil aus größeren lyrischen Partien(ohne viel Lyrik seinerseits) bekannt. Jener nicht eben im Besitz eines großen, glänzenden Stimmmaterials; dieser mit einem solchen wohlausgestattet. Jener sein Weniges mit guter Oekouomie und Technik verivertend; dieser sein Vieles ziemlich grob verwendend, mit derben Effekttöneu, ohne das nötige Abrunden des Tones— und was eben die typischen Naturalismen sind. Jener eine sorg- fällige gut artistische Natur; dieser der Halbdilettant des Theaters. llsiv. In noch einer dritten Tenorpartie erwies sich der Tenor- baryto» Theo Raven, das Faktotum der Morwitz-Oper, für sämtliche Stimmlagen wiederum als der uns längst gut renommierte echte Künstler. Als Rogers Seitcustück, als Schlosser Baptiste, war der Bassist Georg Thoelke recht gut, ausgenommen dies, daß er etivas gar stark auftrug. Mit der gleichen Ein- schränknng kann das Spiel Frieda Hawliczeks anerkannt werden; im Sprechen und iu der deutlichen Gesangssprache war sie wieder musterhast; im Gesang haperte es namentlich an- fangs. Die beiden weibliche» Hauptrollen waren gesanglich wohl am' beste» vertreten. Margarete Koch, Ivelche die verlegene junge Frau Henriette gab, bewährte sich so, wie ivir sie kennen: als eine der besten Operusoubrettcn. Die„jugendlich dramatische" Irma war Katharina R o e d e r. Zwar hätten ihre Töne dies- mal gar oft einer viel größere» Festigkeit bedurft, doch sonst war auch ihr Gesang recht erfreulich, zumal iu den weichen hohen Töne». Mehr als diese technischen Einzelheiten interessiert uns der Um- stand, daß heute, da doch die übrige» Künste sich in frischem Auf- schwnng befinden, das heitere und heiterste musikalische Drama fast ganz von der Vergangenheit zehren muß. Daß diese 5klage Haupt- sächlich anders wohin gerichtet ist als an die vom Erwerb ab- häugigen Svmmerbnhuen, bedarf wohl nicht erst einer besonderen Versicherung.— sz- Psychologisches. en. Fixe Ideen u n d Besessenheit. Iii der„Neurologischen Revue" hat der Prager Gelehrte Hnskouce eine bcdeut- same Arbeit über krankhafte Erscheinungen der Gehiruthätigkeit ver- öffentticht. Zwnngsvorstcllnugeu sind oft von lächerlicher, ab- stoßender oder gefährlicher Natur und entstehen in dein Geist der betreffenden Personen ohne Rücksicht auf die Verhältnisse der Zeit und des Ortes, sie unterwerfen den Kranken gleichzeitig oft einer großen Verlegenheit und Angst und können sogar das Vorspiel zn einem wirklichen Wahusinusausbruch sein. Einige Beobachter haben die ZwaugsvorsteNnngen zu einem großen Teil nur als krankhafte Furcht in gesteigerter Form erklärt. Die eigentlichen fixen Ideen haben ihren Ursprung in einer wirklichen Erkrankung des Gehirns. Zuweilen erregt auch irgend ein Anblick eine Zwangsvorstellung, ohne daß gleichzeitig oder zuvor eine nervöse Erregung erfolgt wäre. Diese Fälle sind für die gericht- liche Medizin von größter Wichtigkeit. Eine Person sieht zum Bei- spiel ein Beil und wird plötzlich von einer Zwaichsuorstellung bc- fallen, sie müsse damit einen in der Nähe befindlichen Menschen erschlagen. In solchen Fällen erzeugt die Gegenwart einer Person und der innere Widerstreit zwischen der Zwangsvorstellung und dem gesunden Empfinden eine zweite Erregung iu dem Kranke», nämlich Verlegenheit und Angst, daß er zu der ihm vorschwebenden That gezwungen werde» könnte. Zuweilen ist dieses Angstgefühl so groß, daß die Selbstbeherrschung völlig verloren geht, der Widerstand überwunden und das Verbrechen lhatsächlich aus- ncfiiljvt wird. Eine epileptische Veraiilcigung ka»n bei solchem Fällen mit im Spiel sei». Der Proper Forscher berichtet den Fall eines jungen zwanzigjährigen Mannes, der der plötzlich auftretenden Zwangsvorstellung unterlvorfen war, datz er in Wirtlichkeit gar nicht existiere. In diesem Fall war kein Angstgefühl dannt verbunden, und der Patient Ivar frei von Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit. Krankhafte Angst und Zwangsvorstellniige» treten häufig»ach lieber- anstrcngung des Gehirns ans, bei Vergiftungen durch starken Kaffecgenutz oder durch schädliche Gase, nach hartnäckigen Verdauungsstörungen und bei der Basedowschen Krankheit. Ein weiterer merkwürdiger Fall von Zwangsvorstellungen betraf einen 26jährigen Mann von zurückgebliebener Geistesentwickelnng. Er hatte eine unüberwindliche Neigung plötzlich stehen zu bleibe» und am Boden liegende Gegenstände zu betrachten, Stücke von Papier, Streichhölzer und Aehnliches, und zu fragen, woher sie wohl känicn, warum sie da lägen usiv. Je unbedeutender die Dinge waren, desto mehr erregten sie sein Interesse. Bei einem weitern Fall bei einer verheirateten kinderlosen Frau, die aus einer nervös veranlagten Familie stannnte, bestand eine krankhafte Furcht vor Wagen, Platzangst und ein Gefühl des Druckes und der Erstickung, wenn sie Gegenstände sah, die von den Wänden oder der Decke hcrunterhingcn. Anszerdem tonnte sie keinen verschlossenen Gegenstand, weder eine Flasche noch einen Brief, in der Hand halten, ohne sie sofort geöffnet zu haben. Eine schon geöffnete Flasche z» sehen, verursachte ihr ein höchst unangenehmes Gefühl. Ein Man» von 66 Jahren, ein an Ncrvenschtväche leidender Junggeselle, litt seit seinem dritten Lebensjahre an einer fürchterlichen Angst, wenn er in einem Zimmer Sonnenstrahlen durch den Raum streichen sah.— Volkskunde. efc. Wie die Madegassen sich den Tod vorstellen, darüber berichtet der eingeborene Gelehrte R e m i s i r a h: Der Madegasse glaubt, daß der Körper, unabhängig von dem Lebens- princip, eine Seele einschließt, die jedoch nicht unentbehrlich ist und ohne die man noch eine mehr oder ivenigex lange Zeit leben kann. Der Körper kann ohne die Seele leben; die Seele kann ihrerseits ohne den Körper leben, wenigstens ivährend einer gewissen Zeit und wenn auch in etwas unsicherer Art. Um fortzubestehen, muß der Körper sich von Nahrungsmitteln erhalten, aber ebenso nährt sich die Seele von der Seele der Nahrungsmittel. Da Körper und Seele für einander gemacht find, können sie nur von einander getrennt leben, indem sie sich gegenseitig schädigen. Sie wenden sich dann alle beide, aber init ungleichen Schritten, zn dein verhängnisvollen Ende, dem zweiten Tod, dein Nichts. Die Meinung. die die allgemeinste Verbreitung hat, ist, daß die Seele sich von dem Körper deS Menschen ein wenig vor dem Ende seines Lebens zurück- zieht: elf Monate, sagen die einen, dreizehn Monate, sagen die ander«. Aber die Seele geht nicht freiwillig fort— der Tod ist der Bosheit eines Zauberers zuzuschreiben. Es handelt sich also darum, das Werk des Zauberers zn zerstören: meistens holt man auch den „rnpisilacty' zu Hilfe. Dieser ordnet seine kleinen Körner oder seine Münzen und spricht dabei Zanberfornieln, seltsame Ausdrücke. um die Spur der flüchtigen Seele zu entdecken. Bald erklärt er feierlich, daß er sie hat, sie ist in irgend einem Thal oder ans irgend einem Berge; man muß sich an ihre Verfolgung machen. Alle Welt begiebt sich ans den Weg, und man nimmt einen Deckel- korb mit, der dazu bestimmt ist, die Seele einzuschließen und sie»ach Hause zurückzubringen. Man kommt an den bezeichneten Ort, aber die Arbeit dauert noch ziemlich lange. Man sucht zunächst die Orte, an denen sie umgeht. Das erfordert mehrere Tage, an denen der Seelenjäger, wenn er sein Handwerk versteht, den Kranken mit größter Sorgfalt behandelt, ihm Hühnchen, Bouillon usw. einflößt. Geht eS infolgedessen dem Kranken wieder gut, so kündet der schlaue Fuchs endlich an, daß er de» Zufluchtsort der Seele entdeckt hat und daß man sie fangen wird. Zu diesem Zweck legt er einige Honigwaben ans ein Pisangblatt, das auf dem Boden liegt, und dicht dabei stellt erden Korb, deffen Deckel aufgehoben ist. Nach allen Richtungen hin stößt er dann die schrecklichsten Worte aus, über die er verfügt, um den bösen Geistern, die sich der Rückkehr der Seele widersetzen, tätliche Streiche beizubringen. Plötzlich schweigt er, die Augen sind starr auf den Honig gerichtet, der Mund offen, die Anne vorgestreckt. Die Seele, die nur für ihn sichtbar ist, kommt, dreht sich. riecht den Honig und kostet ihn. Vergnügt macht sie sich darüber her und sieht nicht den Jäger, der sie mit dem Korbe bedeckt und eiligst davonträgt, ohne daß sie den geringsten Widerstand leistete. Die Verwandten eilen voraus, die gute Nachricht zu melden und einen fröhlichen Empfang vorzubereiten. Der geschickte Jäger, der Kranke und seine Seele konmicn hinterher und zeigen sich an der Thür des Hauses, Ivo bereits die Zurüstungen zu einem reichlichen Mahle im Gange sind. Man tritt ein, man breitet eine Matte am Ehrenplatz auS,' jedermann setzt sich hin, und nun wird der kostbare Korb geöffnet: die Seele ist nicht mehr darin, sie hat inzwischen ihr Gefängnis verlassen und ist in ihre alte Wohnung zurück- gekehrt.— Geographisches. — Neues von Sven Hedin. Der„Voss. Ztg.� wird aus Gothenburg geschrieben: Seinem vom 27. April datierten Bericht zufolge, den Hedin aus Charkhlik, einige Tagereisen südwestlich vom Lob-Nor sandte, und der an den Herausgeber der„Göteborgs Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. HandelStidning" gerichtet ist, war er am 12. Dezember 1906 von dem Hauptlager, das er an den Abhängen des Tschimen-tag auf- geschlagen hatte, aufgebrochen und in ostnordöstlicher Richtung gezogen. Nach einem kurzen Besuch beim See Ghas, der vom Eise aus gelotet wurde, hielt sich die Karawane auf der gewaltigen, doppellen Ge- birgskette Astin-tag auf, die Hedin an drei Stellen kreuzte, um Profile des Gebirgsbaues zu erhalten. Vom Thal Khan-ambal aus, am nördlichen Fuß des Astin-tags, wurde die große Gobiwüste auf einer Linie, die sich westlich von der Stadt Sa-dschen ersweckt, ge» kreuzt. Mail überschritt zuerst einige kleinere Gebirgsketten, in denen es einen Reichttim an wilden Kamelen gab, dann begann die Sandwüste, die schließlich in eine Kamischsteppe überging, in der man überall leidliches Waffer zu Tage fördern kann. Als die Karawane aber auf der andren Seite der Wüste die niedrigen Gebirgsgegenden erreichte, die eine östliche Fortsetzung des System? Kurruk-tag bilden, fand sie während 12 Tagereisen nicht einen einzigen Tropfen, und die Lage wäre recht kritisch geworden, tvenn man nicht am dritten Tage in einer Gebirgsschlucht einen Schnee- Haufen angetroffen hätte, der den Bedarf deckte. Wilde Kamele kamen in diesen Gebieten in unglaublichen Mengen vor. Hier läßt sich nie ein Mensch sehen, aber in alten Zeiten ist dies anders ge- wesen, Ivie sich aus einigen alten Wegen, die Hedin auffand und die durch verwitterte alte Steinhaufen bezeichnet waren, ergab. Auf seiner Marschroute hat Hedin alle Spuren von Kamelen ein- gezeichnet, so daß sich aus dem Material Schlüsse über die Wanderungen dieser Tiere ziehen lassen. Den Kamelspuren hatte Hedi'n das Auffinden einer Quelle zu danken. Im weiteren Verlauf seiner Reise kam Hedin zu den im vorige» Jahr entdeckten Ruinen, einem Gebiet, in dem noch die Ortschaften kennt- lich tvaren. Hier gab es Ruinen von Gehöften, Tempeln, Werk- stätten und hohen Türmen, die längs eines Wege» standen, auf dem einst ein lebhafter Verkehr herrschte und der längs des nördlichen Strandes des ehemaligen Sees Lob-Nor. den Hedin von neuem untersuchte, vom eigentlichen China über Sa-dsche» nach Ostturkestan führte. Bei den Ruinen wurde ein interessanter Fund gemacht, be- stehend in einer großen Menge teils vollständiger, teils sragmentari- scher chinesischer Manuskripte. Ein Chinese, der diese später in Charkhalik durchsah, erklärte, daß es sich meistens um Privatbriefe handelte, doch seien darin viele geographische Namen angegeben. Nach Aussage jenes Chinesen sollen die Manuskripte 8(10 Jahre alt sein. Dann führte Hedin eine wichtige Arbeit aus: die PräcisionS- abtvägung von dem allen Lob-Nor und südwärts zum nördlichen Strand des neuen Sees, des Kara-Koschun. Die Strecke ist 80 Kilo» meter lang und führt durch völlig stertte Wüste, so daß die Arbeit nur laugsam von statten ging. Aber das Ergebnis bestätigte in glänzender Weise die frühere Annahme Hedins, daß der Lob-Nor seine Lage verändert habe. Auf dem Rückwege westwärts nach Abdal machte Hedin noch eine bemerkenswerte Entdeckung: der Kara-Koschun kehrt thatsächlich nordwärts gegen die alte Senkung zurück, und der ganz neu gebildete See, der hierfür spricht, hat bereits die Hälfte des Wege» erreicht.— Sumoristiscsies. — Hieb. E r:„Weibchen, an meinem Hemde fehlt ein Knopf.* Sie:„Wenn Du jetzt mich nicht hättest 1" Er:„Na, dann lvürde der Knopf vielleicht nicht fehlen."— — Ein konsequenter E h e f e i n d. Der Professor Heber- lein ist ein so großer Gegner der Ehe, daß er im Gespräche und beim Schreiben sogar Worte wie ehe dem. ehe gestern, ehe malS vermeidet.—(..Meggeud. Hnm. Bl.") Notizen. —, U n s r e P a n l i n e", eine Nmarbeitimg deS Schwanks „Ans der Idylle", von Gustav v. M o s e r wird dieser Tage am Görlitzer Wilhelm- Theater aufgeführt werden.— — Die nächsten Bahre nther Fe st spiele finden bereits im Sommer 1902 statt.— t. Ei n neues Laboratorium z u r ll n t e r s u ch u n g des marinen T i e r l e b e n s ist durch die Universität von Kalifornien in San Pedro eingerichtet worden. Die Universität hat die Absicht, das Tierleben von der gesamten Meeresküste von Kalifornien nach und nach untersuchen zu lassen.— — Eine unmittelbare Bildung von X-Strahlen in der Luft außerhalb des BacuuniS der Crookesfchen Röhre hat nach der„Nattirw. Rundschau" Herr A. Nodon beobachtet, und zwar bei der gleichzeitigen Einwirkung ultravioletter Strahlen und eine? elektrischen Feldes. Zwischen den beiden Platten eines Luftkondcn- sators wird ein clekttisches Feld hergestellt und ein Bündel ultra- violetter Strahlen auf die Platte gerichtet. ES entstehen dann X- Strahlen, die sich in derselben Richtung fortpflanzen wie die elektrischen Kraftlinien des Feldes, nach andren Nichtmigen werden sie nicht ausgestrahlt. Die Wirksamkeit dieser X- Strahlen hängt von der Stärke des elettrischen Feldes, von der Intensität der ultra- violetten Strahlen, von deren Wellenlänge und von der Natur der Körper ab, an deren Oberfläche sie entstehen. Ihre Eigenschaften stimmen im allgemeinen mit denen der in Crookesschen Röhren er- zeugten X-Strahlen überein.— Druck und Verlag von"Ding Babing in Berlin.