Unterhaltungsblatt des Jorwärls Nr. 153. Donnerstag, den 3. August. 1901 (Nachdruck verboten.) A- V v v i k: OOZ Roman in drei Büchern von Emile Zola. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold Nosenzwcig. Schon fühlte sich Morfain bedroht. Er hatte von den Foifchungengehört, denen sich JordanmitvollerHingabe widmete, um den plumpen, langsam arbeitenden, barbarischen Hochofen mit seinem schwer lenkbaren ewigen Feuer durch die leichten und willigen Batterien elektrischer Oefen zu ersetzen. Der Ge- danke, daß man den Koloß, der sieben bis acht Jahre un- unterbrochen fortbrannte, verlöschen lassen und niederreißen könnte, war ihm unfaßbar, rührte ihn in tiefster Seele auf. Er zog zuweilen Erkundigungen ein und wurde von Unruhe erfaßt, als er von dem ersten Erfolg Jordans hörte, den dieser erzielt hatte, indem er die Kohlen gleich am Gruben- schacht zum?lntrieb von Maschinen verwendete und die so getvonncne Elcktricität ohne Stromverlust in die Crecherie leitete. Aber da der Preis der Elektricität noch iminer zu hoch blieb, als daß sie hatte können zur Eisen- gewinnung Verlvendet werden, konnte Morfain sich über die Nutzlosigkeit dieses Erfolges freuen. Noch zehn Jahre hindurch hatte er über jeden neuen Mißerfolg Jordans mit stillem Spotte frohlockt, fest überzeugt, daß das Feuer sein Reich ver- leidigen und sich niemals dieser geheimnisvollen Kraft, dem unsichtbaren, geräuschlosen Blitz unterjochen lassen»verde. Er wünschte aus ganzer Seele das Fehlschlagen aller Versuche seines Herrn, die Vernichtung der immer wieder neu kou- struierten, von Tag zu Tag verbesserten Apparate. Doch eines Tages war die drohende Gefahr dicht herangerückt, das Ge- nicht verbreitete sich, daß es Jordan endlich gelungen sei, sein großes Werk zu krönen: er hatte das Mittel gefunden, um die in den Kohlen gebundene Wärmeenergie direkt in elektrische Energie zu verlvaudeln, ohne den Umweg über die nlcchanische Energie— das heißt, er hatte dadurch die Dampfmaschine, das kostspielige und voluminöse Zwischen- glied, entbehrlich gemacht. Das Problein>var soinit gelöst, der Kostenprcis der Elektricität war auf die Hälfte vermindert, und sie konnte fortan mit Vorteil zum Schmelzen des Eisen- erzcs verwendet»verde. Die Apparate zur Erzeugung der Elektricität funktionierten schon, eine erste Batterie elek- trischer Oefen>var in Errichtung begriffen, und Morfain um- kreiste finster und starrsinnig seinen Hochofen, als wollte er ihn gegen alle feindlichen Mächte verteidigen. Lucas gab jedoch nicht sogleich Befehl, den Hochofen aus- zublasen, da er zuerst entscheidende Versirche mit den Batterien der elektrischen Oefen«lachen wollte. Sechs Monate hindurch waren beide Schmelzmethoden nebeneinander in Thätigkeit, rrnd es waren qualvolle Tage für den alten Gußnieister, denn er fühlte nun, daß dem geliebten Un- getüm, das seiner Obhut anvertraut war, unabwendbar die letzte Stunde nahte. Er sah es bereits von allen verlassen, kein Besucher kam mehr herauf, alle Neugierde umdrängte die elektrischen Oefen unten, die so wenig Platz einnahmen lnid die, wie es hieß, so rasche und schöne Arbeit lieferten. Er, voll heftigem Groll erfüllt, hatte sie nicht einmal an- sehen wollen, diese neuen Erfindungen, die er geringschätzig als Kiudcrspiclzeuge bezeichnete. Konnte die uralte Methode, das freie, helle Feuer, das den Menschen zum Herrn der Welt gemacht hatte, entthront werden? Man kehrte sicher dereinst zu ihnen zurück, zu den gewaltigen Hochöfen, deren Flammen jahrhundertelang gebrannt hatten, ohne je zu er- löschen. Und in seiner Einsamkeit, nur von den wenigen Arbeitern des Hochofens umgeben, die schiveigsam waren gleich ihm, blickte er von seiner Höhe auf den Schuppen hinab, der die elektrischen Oefen enthielt, glücklich noch in der Nacht, wen» er mit der GlntauSstrahluug seiner Abstiche den Horizont entflammte. Aber der Tag kam, Ivo Lucas den Hochofen zum Tode verurteilte, nachdem es nun zweifellos feststand, daß er inr Vergleich zu der neuen Methode viel zu schwer- fällig und kostspielig war. Er sollte ausgeblasen und dann demoliert werden,»achdcnl er seinen letzten Abstich hergegeben hatte. Als man Morfain dies ankündigte, sagte er kein Wort, und sein ehernes Gesicht verriet nichts von dem, was � in ihm vorgehen mochte. Diese Ruhe flößte allen, die ihn kannten, Besorgnis ein. Blauchen stieg, begleitet von ihrer großen Tochter Leonis, zu ihrem Vater hinauf, und gleichzeitig hatte Dada denselben liebevollen Gedanken und kam mit seinem großen Sohn Raymond. Für eine kurze Weile war denn die Familie wieder in der Felsenhöhle ver- einigt wie einst, der hünenhafte Vater zwischen der blau- äugigen Tochter und dem gelvaltigen Sohn, der doni Hauch der Zukunft berührt und in seinem Wesen gemildert war; und außerdem waren nun da die liebliche Enkelin, der kluge Enkel, in denen sich die neue Generation, die thätige Förderin des menschlichen Glücks, verkörperte. Der Groß- Vater ließ sich umarmen und küssen, ohne die Kinder zurückzustoßen, wie er sonst gethan hatte. Obgleich er geschworen hatte, daß er sie nie mehr sehen wolle, ließ er sich diesmal überrumpeln. Aber er erlvidertc ihre Zärtlichkeiten nicht. Er schien bereits außerhalb der Zeit zu stehen, ein einsam ragender Zeuge einer vergangenen Welt, in dem alle menschliche Regung erstorben war. Dies geschah an einem kalten, düsteren Herbsttage, und die frühe Dämmerung fiel wie ein grauer Schleier vom Himmel und hüllte die dunkle Erde ein. Morfain erhob sich und brach sein undnrchdrii�gliches Schweigen, um zu sagen: „Ich muß jetzt gehen, wir haben noch einen Abstich." Es war der letzte. Alle folgten ihm zum Hochofen. Die Arbeiter warteten schon, in der Dunkelheit kaum erkennbar. und dann folgte der altgewohnte Vorgang: der Feucrspieß wurde in den Thonpfropfen gestoßen, die Oeffnung wurde erweitert, dann schoß das geschmolzene Metall in mächtigem Strahle hervor, eilte in glühenden Bächen durch die Rinnen und erfüllte die Mulden mit feurigen Seen. Noch einnial sprühten auS diesem Feuerboden zahllose Fcucrgarben auf, blaue Funken von herrlicher Zartheit, goldene Raketen von wundervoller Pracht, wie leuchtende Korn- blumen inmitten goldener Nehren. Eine blendende Helle bc« strahlte die Gemäuer des Hochofens, die naheliegenden Bauten und Apparate, die Dächer von Beauclair unten, die Weite des Horizonts. Dann erlosch alles wieder, tiefe Nacht sank herab, und alles war zu Ende, der Hochofen hatte ausgelebt. Morfain, der wortlos zugesehen hatte, rührte sich nicht, stand unbeweglich im Finstern wie einer der Felsen ringsum, die die Nacht wieder in ihren Schoß aufgenommen hatte. „Vater", sagte Vlauchen sanft,„da Du hier keine Arbeit mehr hast, niußt Du nun zu uns hinabkommen. Dein Zimmer erwartet Dich seit langem." „Vater", sagte auch Dada,„nun mußt Du wirklich Ruhe genießen, und auch bei uns ist Dein Zimmer bereit. Du wirst Dich zwischen Deinen beiden Kindern teilen." Der alte Gußmeister antwortete nicht. Ein tiefes Stöhnen entrang sich seiner Brust. Dann sagte er: „Es ist gut, ich komme hinunter, ich»verde sehe»». Geht jetzt I" Noch vierzehn Tage lang konnte man Morfain nicht bc- wegen, den Hochofen zu verlassen. Er verfolgte seine langsame Abkühlung»vie einen Todeskampf, er betastete ihn jeden Tag, um sich zu überzeugen, daß er noch nicht ganz tot sei. Und so lange er noch etwas Wärme fühlte, blieb er hartnäckig an seiner Seite, so»vie er hätte bei der Leiche eines Freundes ausharren mögen, bis sie vollständig erkaltet war. Endlich kamen die Demolierungsarbeitcr, und eines Morgens riß er sich von seiner Felsenhöhle los, stieg zur Crdcherie hinab und begab sich»nit seinen noch festen Schritten unmittelbar in den großen, hellen Schuppen, in»velchem die Batterie der elektrischen Oefen untergebracht»var. Hier befanden sich gerade Jordan und' Lircas mit Dada, dein sie die Ueberwachung des Schmelzprozesses übertragen hatten,»vorii» ihm sein Sohn Raymond, ein guter Elektro- Mechaniker, zur Seite stand. Das Funktionieren der Oefen »vurde noch von Tag zu Tag geregelt, und Jordan verließ den Schuppen fast nicht, da er noch imiuer bestrebt war, die Methode zu vervollkommnen, auf die er so viele Jahre des Studiums und der Versuche verwendet hatte. Als er die hohe, ungebrochene Gestalt des Greises er- blickte, rief er freudig aus; «Ah, mein lieber alter Morfain, Sie sind also ventimftig geworden?" Keine Linie ans dein ehernen Gesichte des alten Helden beivegte sich, als er erwiderte: „Ja, Monsieur Jordan, ich wollte Ihren Apparat an- sehen." v- Lucas beobachtete den Alten nicht ohne Unruhe, denn es war ihm berichtet worden, daß man gerade dazn gekommen war, wie er sich über die Gicht des Noch brennenden Ofens gebeugt hatte, als wollte er sich in diesen entsetzlichen Höllenschlund hinabstürzen. Ein Arbeiter hatte ihn znrnckgerissen und hatte ihn so verhindert, seinen alten Leib, alles was noch von seinem hundert und hundertmal gerösteten Körper übrig war, dem Moloch hinzuwerfen, den er mehr als ein halbes Jahrhundert lang geliebt und bedient hatte. „Das ist schön von Ihnen, mein wackerer Morfain, daß Sie in Ihrem Alter noch wißbegierig sind," sagte Lucas, ohne den Blick von ihm zu wenden.„Sehen Sie sich diese Spiel- zeuge nur an." Die Batterie bestand aus zehn Oefcn, jeder ein Roh- ziegelwürfel von zwei Meter Höhe bei einundeinhalb Meter Breite. Außerhalb sah man die mächtigen Elektrode», starke cylindrische Kohlenstücke, die mit den Leitungsdrähten verbunden waren. Die Prozedur war eine sehr einfache Eine elektrische Schraube ohne Ende, die durch Drehung eines Knopfes in Bewegung gesetzt wurde, bediente die Oesen, förderte das Erz herbei und schüttete es der Reihe nach in die zehn Oessnungen. Ein zlveiter Knopf diente zum Schließen des elektrischen Stroms, zum Erzeugen des Funkenbogens, desien ungeheure Teniperatur von zweitausend Grad in fünf Minuten zwei- hundert Kilogramin Metall schmelzen konnte. Und ivcnn dann ein dritter Knopf gedreht wurde, öffneten sich die Platin? thüren, die die Oesen verschlossen, während zugleich eine Art Rollbahn sich in Beiveguiig setzte, die die Gußmulden aus feinem Saude den Oeffnungen zuführte, ivo jede Mulde ihre zweihundert Kilogrnmm geschmolzenes Metall aufnahm, um dann zur' Abkühlung ins Freie hinaus befördert zu werden. „Run, niein wackerer Morfain!" rief Jordan in kindlicher Freude,„was sagen Sie dazu?" Er erklärte ihm, daß diese Spielzeuge, indem sie alle fünf Minuten zweihundert Kilo schmolzen, bei einer Arbeits- dauer von zehn Stunden täglich zweihundertvierzig Tonnen Roheisen liefern konnten. Dies war eine ganz ungeheure Leistung, wenn man bedachte, daß der alte Hochofen, der Tag und Nacht brannte, nicht den dritten Teil dieser Produktion erreichte. Die elektrischen Oefen blieben denn auch selten länger als drei oder vier Stunden in Thätigkeit, denn dank ihrer spielend leichten Handhabung konnte man sie nach Be- lieben entzünden und sie wieder verlöschen, sobald sie das gewünschte Quantum geliefert hatten.. Und welche Be- quemlichkeit, welche Reinlichkeit, ivelche Einfachheit I Es gab fast keinen Staub mehr, die Elektroden lieferten selbst den Kohlenstoff, der zur. Verkohlung des Eisens nötig war. Bloß die Gase entwichen, und Schlacken bildeten sich so wenig, daß man sich ihrer leicht mittels einnialiger täglicher Reinigung entledigte. Kein barbarisches Ungetüm mehr, dessen Verdauung so viel Sorge verursachte I Vorbei mit den zahlreichen komplizierten Hilfsapparaten, womit man ihn umgeben mußte, den Reinigungschlindern, den Wind- erhitzungscylindern, der Gebläsemaschine, der kontinuierlichen Wasserberieselung I Vorbei mit der ewig drohenden Ver- stopfung und Abkühlung I Es war nicht mehr nötig, um eines schlecht funktionierenden Windleitungsrohres willen einen Teil des Kolosses zu demolieren. Es bedurfte keiner Auf- geber an der Gicht mehr, keiner Gießer, die den Thon- pfropfen durchtrieben und sich die Haut an der Glut des ge- schmolzenen Metalls versengen ließen; die ganze kleine Armee der Bedienungsmannschaft, die Tag und Nacht in ununter- brochener Wachsamkeit das Ungeheuer umgeben mußte, war überflüssig geworden. In dem großen, reinlichen, helle» Schuppen hatte die Batterie der zehn elektrischen Oefen mit ihrer kleinen Rollbahn bequem auf einer Fläche von fünfzehn Metern Länge und fünf Metern Breite Platz, und drei Kinder hätten genügt. um sie in Thätigkeit zu setzen: eins für den Knopf der endlosen Schraube, eines für den der Elektroden, eines für den der Rollbahn. „Nun, was sagen Sie dazn, mein wackerer Morfain?" wiederholte Jordan freudestrahlend. Der alte Gußmeister stand wortlos und regungslos und blickte auf die Oefen. Die Nacht brach herein, der Schuppen erfüllte sich mit Dunkelheit, und das regelmäßige, leichte Fnnktio- 1 nieren der Batterie hatte etivas Zauberhaftes an sich. Lichtlos und kalt staude» die Oefen da, wie schlafend. während die kleinen Wagen nnt Erz, von der Schraube ohne Ende beivegt, ihren Inhalt in sie schütteten. Von fünf zu fünf Minuten öffneten sich dann die 10 Platinthüren, zehn tveißglühende Strahlen geschmolzenen Metalls erleuchteten blendend die Dunkelheit, und zehn Glut» flächen, aus denen blaue Funken und goldene Raketen auf- sprühten, wurden in langsamer, gleichmäßiger Bewegung von der Rollbahn entführt/ Es-war ein wundersames Schauspiel, diese rhythmische Aufeinanderfolge des Aufblitzens doN immer zehn strahlenden Gestirnen, von denen der Schuppen in reget- mäßigen Intervallen taghell erleuchtet wurde. Dada, der bis jetzt geschwiegen hatte, deutete nun auf den vom Dache herabkommenden dicken Leitungsdraht. „Siehst Du, Vater," sagte er,„die Elektricität wird durch diesen Draht hereingeführt, und sie hat eine solche Kraft, daß wenn man den Draht zerrisse, alleS in Stücke ginge, Voie durch einen Blitzschlag." lFortsetznng folgt.! (Nachdruck verdokil.) Vre Geslszrrhke rincs Vibellprurszo. Wenn man heute noch nicht leicht ein Zeitnngsblatt oder ein Buch in die Hand bekommt, das von sinnentstellenden Druckfehlern frei wäre, so sind doch jetzt durch die Möglichkeit, das Gesetze vor der Vervielfältignug durch den Druck noch einer Korrektur zu unter- ziehen, die Fehlerquellen außerordentlich herabgemindert gegen jene Zeiten, als die Originalhandschrift eines Schriftstellers auf dein Wege, der Abschrift vervielfältigt wurde. Denn als die litterarischen Erzengnisse des klassischen Altertums, die auf uns gekommen sind, ihren Weg in das lesende Publikinn der Zeit»ahmen, geschah das auf die Weise, daß der Text einer größeren Zahl von Schreibsklaven vorgelesen»ud von diesen nachgeschrieben wurde:'/ woraus sich die Möglichkeit, ja llnvcrmeidlichkeit zahlreicher Fehler aus Fliichlig- keit oder durch Mißverstäiidiiisse crgicbt. Nun stammen aber nußer- dem nnsre Handschriften der klassischen Autoren fast ansnahnislos gar nicht aus dem Altertum, sondern sind nach Abschriften älterer Abschriften von mittelalterliche» Mönchen augefertigt und zwar meistenteils von recht»»wissende» Mönchen, die bei ihrer Thätig- keit rein mechanisch verfuhren: daraus ergeben sich zahlreiche weitere Fehler. Und schließlich hat der Zahn der Zeit den meisten Handschriften hier und da klaffende Wunden geschlagen, so daß sich in ihnen vielfach Lücken von größerer oder geringerer Ausdehnung vorfinden. Da ist es denn eine Hauptaufgabe des heutigen Philologen, den antiken Text, niit dem er gerade zu thiin hat, möglichst getreu m seiner ursprüngliche» Fassung iviedcrherzustellcn. Von de» Mitteln zu diesem Zlveck, die dem Philologen zu Gebote. stehen, ist das nächstliegende eine genaue Vergleichung der vorhandenen Handschriften des betreffenden Buchs, Ivas in den»leisten Fällen sehr ergebnisreich ist, aber doch bei weitem nicht genügt, zumal dann nicht, wen» die uns gebliebenen Maimskripte allesamt aus einem und dem- selben ältere» geflossen sind; nicht zu sprechen von dein nicht seltenen Fall, daß überhaupt bloß eine Handschrift existiert. Aber intime Vertrautheit mit dem Schriftsteller, dem Geist und Stil, worin er schreibt, soivie genaue Kenntnis der Sprache, Lilteratlnr, Geschichte und Altertümer, verbunden mit einem geivissen Kombinalionstaleut. befähigen einen geschickten Philologen, Konjekturen zu machen, d. h' auf Grund von mehr oder minder zwingenden WahrschcinlichkeitSgründen neue Lesarte» aufzustellen, die den Text augenfällig verständlicher, sinnvoller »lachen. Nachdem der Wortlaut eines alten Schriftstellers in inög- lichstcr Vollkommenheit wiederhergestellt ist, bleibt noch die gleich- falls philologische Aufgabe, den Text zu interpretieren, d. h. vor allem, dunkle Stellen darin verständlich zu machen. Das Konjekturen- machen nun soivohl als das Interpretieren ist eine durchaus nützliche und nötige Thätigkeit und darum verdienstlich. wenn cS nicht, wie freilich vielfach geschehen ist mid noch geschieht, das eigentliche, sachliche Studium der Alten überlvuchcrt, sondern lediglich als unerläßliche Vorarbeit behandelt wird, und wen» es nicht, durch vorgefaßte Meinungen oder gar etwelche Interesse» bestimmt, anstatt größere Klarheit zu schaffen, nur größere Vertvirrimg anrichtet. Das letztere ist nun thatsächlich in viele» Fällen geschehen, obwohl man ivenigslens die Einwirkung von Interessen des Tages auf den ersten Blick kaum für möglich hakten möchte bei Dingen, die so um Jahrtausende zurückliegen. Aber es klingen eben in dem. Ivas uns ans dem Altertum handschriftlich überliefert ist, schon die tiefsten Gegensätze»msres heutigen Gesell- schafts- und Kulturlebens an. Da kann es denn begreiflicherweise nicht ausbleiben, daß die gegnerischen Anschannngen auch auf dein Gebiete der Altectiimswissenschast, ja, der rein philologischen Thätig- keit einander entgegentreten. In erhöhtem Maße aber mnß das der Fall sein, wenn es sich um ein Buch handelt, für das heute»och unbedingte Gültigkeit und direkt göttliche Eingebung in Aiijprttch genommen wird, das da- bei ober den verschiedensten Standpunkten �»m NilZlsaugSpuiA dient, wie das bei der Bibel der Fall ist. Darüber lies; sich schon vor beinahe zwei Jahrhunderten der flrofje Franzose Montesquieu in änderst geistreicher Weise aus, wenn in seinen„Persischen Briefen" der junge Perser Rica beim Besuch einer Pariser Klosterbibliothe! mit deren klugem, vor den» mohanmiedanischen Morgenländer das letzte Ergebnis seiner gereifte» Lebeuserfahrniig rückhaltlos äusternden mönchischen Bibliothekar folgendes Gespräch führt:„Mein Vater." sagte ich zu ihm.„was sind das für dicke Bände, die diese ganze Seite der Bibliothek in Anspruch nehme»?"„Das sind," sagte er zu mir,„die Interpreten der Heiligen Schrift/'„Deren giebt es eine große Anzahl," erwiderte ich ihm,„die Heilige Schrift muh ehemals sehr dunkel gelvcsen und gegen- wärtig sehr klar sei». Bleiben noch irgendwelche Zweifel? Kann es noch bestrittene Punkte geben?"„Ob es deren giebt? Du lieber Himmel! Ob es deren giebt I" antwortete er mir.„Es giebt ihrer fast ebenso viele wie Zeilen".„Ja." sagte ich zu ihm,„ivas haben denn all diese Schriftsteller gethan?"„Diese Scbriststellcr", er- ividcrte er,„haben keineslvcgs in der Heiligen Schrift gesucht, Ions man glauben mutz, sondern was sie selbst glaube»; sie habe» sie keineswegs als ein Buch betrachtet, Ivorin die Lehrsätze enthalten wären, die man annehmen müsse, sondern als ei» Werk, das ihren eignen Ideen Autorität geben könne: darum haben sie allen Sinn darin verdreht und haben all ihre Stellen auf die Folterbank gc- spannt. Es ist das ein Land, Ivie die Leute aller Sekten Landinige» machen und gleichsam auf Plünderung gehe», es ist das ein Schlachtfeld, Ivo die feindlichen Nationen, die sich entgegentreten, einander zahlreiche Kämpfe liefern, wo man sich angreift, wo man scharmützelt auf eine Unmasse verschiedener Methoden!" Was hier so witzig zugespitzt gesagt ist, hat freilich heute keinen Anspruch mehr auf uneingeschränkte Geltung. ES ist gar keine Frage, dast die moderne Bibclkritik auch auf rein philologischem Gebiet eine Menge unanfechtbarer und un- schätzbarer Ergebnisse geliefert hat, die jeder vorurteilslos an die Sache Hcrantreteude ohne weiteres als richtig aiierkeunen umst: was freilich die katholischen. Theologen und dd» rechtgläubigen Protestantismus nicht hindert, bei ihren vorgefaßten Meimnigen stehe» zu bleiben. Wie auf dem Gebiet der Bibelforschung, so hat auch auf dem schlvicrigen Bode» der katholischen Legcndculitteratur eine im- befangene/ philologische Kritik manches Treffliche geleistet, und dafür wenigstens seien ein paar kurze Beispiele angeführt. In der St. Ursnla-Kirche in Köln a. Rh. wird noch heilte zu bestimmten Zeiten als ivcrtvolle Reliquien ein widerwärtiges Gemisch von Menschen- und Pferdcknochcn nnSgestcllt, die aller Wahrscheinlichkeit nach von irgend einem mittelalterliche» Schlachtfeld stammen, vom blinden Köhlerglauben aber als die Gebeine der heiligen Ursula und ihrer 11 OOO Jungfrauen angestanut werden. Der Legende zu- folge war diese Ursula eine fromme Königstochter, die auf einer ausgedehnten Wallfahrt mit nicht weniger als 11000 Gefährtinnen von den ruchlosen Händen heidnischer Hunnen in Köln den Märkhrer- tod erlitt. Die innere UnWahrscheinlichkeit dieser Geschichte ist augenfällig, wird aber beseitigt durch eine geschickte philologische Konjektur. Der Begriff„11000 Jungfrauen" wird nämlich lateinisch geschrieben Mit X1M viremvs" wiedergegeben; dies kann aber auch rmäsoim martyres virgines, d. h. 11 Märtyrerjnngfraneu gelesen werden. Es ist klar, daß, wen» man eine» Lesefehler als vorliegend annimmt, die Legende ein ganz andres Gesicht gewinnt lind durchaus nichts Unwahrscheinliches mehr an sich hat. Ganz ähnlich löst sich ein Teil der für den erfie» Augenschein unentwirrbaren Widersprüche, die bestehen zwischen den Angaben der katholischen Ucberliefernng über die Zahl der Blutzeugen in den Zeiten der Christenverfolgungen unter den römischen Kaisen/ und ganz unanfechtbaren Thatsachen. Während dir fromme Legende von ganzen Märtyrerheeren zu berichten weih, darunter chrisilich/ Soldaten, die wegen Verweigerung der Anteilnahme an heidnischen Cercmonie» hingerichtet sei» sollten, immer gleich zu viele» Tausenden— so sollen z. B. unter Traja» oder Hadrian auf deni Berge Ararat 10 000 christliche Soldaten an einem Tage gekreuzigt worden sein—, Iveih einerseits die heidnische Geschichtsschreibung von solch' bemerkens- werten Thatsachen rein gar nichts, und andrerseits sagt ein so un- anfechtbarer Zeuge, wie der heilige Origenes, ausdrücklich:„Nur wenige den Umständen nach, eine äußerst geringe Zahl von Christen ist ihrer Gottesfurcht zum Opfer gefallen." Deshalb brauchen aber die fabelhaften Angaben der Legenden nicht immer gleich Lügen zu sein, sondern wenigstens, was die militärischen Märtyrer angeht, ist nianchmal eine einfache und planmnhige Er- klärnng ihrer merkwürdigen Vervielfältigung angängig. Die lateinische Abkürzung �III-. kann nämlich sowohl rnilia lTausendc), als milites(Soldaten) bedeuten, so daß. was eigentlich 10 Soldaten von den und den Legionen heißen sollte, sich durch ein Miß- Verständnis beim Lesen in 10 000 Mann von den betreffenden Truppenteilen verwandeln komite. DaS wären also ein paar kleine Belege, wie nützlich, wie auf- hellend philologische Methoden, mit wissenschaftlicher Vorurteilslosig- keit angclvandt,' auch auf dem viclumstrittenen Gebiet der Gottes- gelahrtheit wirken können. Dem sei nun ein geradezu klassisches Beispiel gegenüber- gestellt, das in der ergötzlichsten Weise zur Anschauung bringt, tvie willliirliche Konjektnrenmacherei und sinnverdrehende Auslcgnngs- künste von den theologischen Sachwaltern bestimmter Meimnigen und Interessen dazu benutzt worden sind, den an sich völlig klaren Sinil eines Bibelspruches zu entstellen, ja, in fein direktes Gegeuteit zu verkehren. Es dürfte schwer halten, eine Bibelstclle ausfindig zu machen, wegen deren die spitzfindige Texlverbcfferung und rabnlistische Haarspalterei frommer Erklärer tollere Purzelbäume geschlagen hat, als jenen berühmten Evangeliensatz, wo Christus iii schneidendster Schärfe den Neichen ihr Urteil spricht. Ein vornehmer Jüngling ist an ihn herangetreten mit der Frage, was er zu thun habe,- um das ewige Leben zu erwerben. Christus Verlveist ihn auf die mosaischen Gebote und seine eigne Kardinalvorschrift:„Du sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst"/ Als � der Heilsbegierige erwidert, das habe er voll Jugend auf gehalten,, inid fragt, was er noch zn thun habe, spricht Jesus An ihm:„Wenn Du vollkommen sein willst, so gehe hin, verkanfe Deinen Besitz und gieb ihn den Armen; dann wirst Du einen Schatz im Himmel haben,»nd komnie, folge mir nach". Da der Jüngling sich auf diese Aufforderung betrübt von danne» schleicht, weil er im Besitz großer Habe ivar, äußert Jesus z» seinen Jüngern: „Wahrlich, ich sage Euch, daß ein Reicher schwerlich in das Himmel- reich kommen lvird. Wiederum sage ich Euch: es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als daß ein Reicher in das Reich Gottes kommt." Als die Jünger hiervon erschreckt fragen:„Wer kann denn gerettet werden?" sagt Jesus:„Bei den Menschen ist dieS unmöglich, bei Goit aber ist alles möglich." (Schluß folgt.) Kleinvs Feuilleton. — Prosit! Allgemein herrscht heute noch überall der Brauch, dem Niesenden zuzurufen:„Zur Gesundheit I",«Prosit I" Schon mancher wird sich,..schreibt die„Köln. Ztg.", über diesen Gebrauch gewundert haben, der bei den meisten Völkern der Erde verbreitet ist, ja, sich sogar bis in die ältesten Zeiten der Geschichte verfolgen läßt. Man giebt zwar/atr, daß die Begliickivüuschnug beim Niesen von einer im sechsten Jahrhundert n. Ehr. in Italien grassierenden pestartigen Epidemie herrühre, und daß das Niesen das Zeichen des unmittelbar bevorstehenden Todes gewesen sei, weshalb man Kranken zugerufen habe:„Gott helfe Dir!" Doch ist diese Sitte zweifellos viel älter»nd läßt sich schon bei den Griechen und Römer» nach- weise». Homer läßt die Götter des Olymps laut Jupiter anrufen, tven» irgend eine göttliche Nase vom Niesen erschüttert ivird, und dieser Gebrauch war allgemein unter den Griechen üblich. In einem griechischen Epigramm wird einer, der Jupiter beim Niesen nicht angerufen hat, damit entschuldigt, daß seine ungeheuer lange Nase soweit vom Ohre entfernt sei, daß er das Niesen nicht habe hören können. Als Theinistokles einen zu seiner Rechten niesen hörte, deutete er das als ein Zeichen, daß er Tcrxes besiege» werde. Dagegen bedeutete ei» Niesen zur Linken Unglück. Bei Beginn eines Unternehmens zu niesen, sahen die Griechen als böses Omen an, und das gilt noch heute in Indien. Als Xenophon seine berühmten Zehntausend vor Beginn ihres glorreichen Rückzugs anredete und sagte:„Wir haben große Hoffnung auf Errettung", wollte es das llnglück, daß gerade ein Soldat bei dem Worte„Errettung" nieste, und sogleich rief das ganze Heer Jiipitcr, de» Erretter, an. Xeuophon aber wußte dem unglücklichen Omen eine andre Bedeutung zn geben, indem er das Niesen bei dem Worte Er- rettung als eine Bestätigung Jupiters deutete. Aristoteles suchte vergebens den Grund zu erforsche», warum seine Laudsleute,»m sich gegen die Folgen des Nieseus zn schützen, den Jupiter Soter anriefe», und durch ihn erfahren wir auch, daß die Griechen das Niesen als etwas Heiliges betrachteten. So viel Ernst wie bei den Griechen ist freilich hinter dem ähnlichen Brauch bei den Römern nicht niehr zu suchen, und wenn der griechische Komiker Philemon als aufgeklärter Man» über die Bedeutung, die seine Zeitgenossen dem Niesen beimaßen, gespottet hat, so' meint auch Cicero, wenn mau an die geheinmisvolle Bedeutung zufälliger Worte. glauben Ivolle, so müßte man auch das Stolpern, das Zerreißen der Schuhriemen und das Niesen als Wahrzeichen be» trachten. Die Erwähnungen bei römischen Schriftstellern sind un- zweideutig.. So schrieb Plinius in seiner Naturgeschichte:„Warum beglückwünsche» wir die Niesende», was sogar der Kaiser Tiberius, bekanntlich der unfreundlichste aller Menschen, wenn er im Wagen saß, verlangt haben soll, und warum halten es einige noch für ge- Ivissenhafter, zum Wunsch auch de» Namen hinzuzufügen?" In diesem Zusammenhang sei noch erwähnt, daß besonders in der römischen Kaiserzeit wohl Taschentücher für beide Geschlechter im Gebrauch waren, daß sie aber leider nicht der Nase zn gute kamen, die man höchst primitiv zu reinigen pflegte, überhaupt scheinen die katarrhalischen Erscheinungen durch Ein- Wirkung des milden Klimas viel seltener gewesen zu sein als bei nns. Oesters wiederkehrender Schnupfen bei Frauen wird von Juvenal selbst als Scheiduugsgrmid erwähnt. Die hohe Bedeutung, die man von jeher dem Niesen beilegte, beschränkte sich aber keines« Wegs auf die beiden Völker des klassische» Altertums. Bei der indischen Sekte der Thugs war das Niesen ei» Anwcsenheitszeichen ihrer blutigen Gottheit.' Sie halten es für religiöse Pflicht, ihrer Göttin Bh'oranie möglichst viele Menschen zu opfern. Sie töten sie nur durch Erdroffelnng und sind berüchtigt wegen der List, mit der sie ihre Opfer anzulocken und die Spure» ihrer grauenhafte» Thätig- keit zu verlvijchen wisse». Hat einer der Unglücklichen bereits den Strick um den Hals lind dns Glück, z»»lesen,'so ist er qerettet, denn die Göttin hat gesprochen. Bei nianche» Völker» herrscht der Gla»l>e, daß während deS Niescns, oft auch Ivährend des Gähnens, böse Geister aller Art besonderen Einfluß haben. Uebcr diese Geister herrscht oft »nerkiviirdige Uebereinstimmung bei Völkern, die anscheinend nie- rnals in Berührung miteinander gekommen sind. Bei den Kaffern spielt der Geist der Vorfahren oder des Hanfes eine tvichtige Rolle, Dasselbe ist der Fall bei andren afrikanischen Stämme». Sie und einige Stämme Indiens glauben, daß die Geister die Gestalt von Schlange» annehmen, aus welchem Glanben sich die Schlangen- Verehrung herschrcibt. Die Mohaniedaner nehmen geradezu an, der Teufel habe die Gewohnheit, in einen aufgesperrte» Mund zu schlüpfen, und gähnen deshalb niemals, ohne den Rücken der linken Hand auf den Mund zu legen und zu sprechen:.Ich suche Zuflucht bei Allah vor Satan, dem Verfluchten." Auch die Hindns sprechen rnehnnals hintereinander zu ihrem Schutze den Nanreu eines Gottes, wie Roma, ans.— bt. Die Länge der Scetelcgraphcnkabel der Welt beträgt zur Zeit 3S4S47 stilometer, eine Lange, mit der man die Erde ain Acqnator fast neunmal umspannen könnte. Unter staatlicher Vcr- waltrmg steht nicht viel mehr als der nennte Teil dieser Kabel, nämlich 39 851 Kilometer; Deutschland ist hieran mit 4882 Kilometer beteiligt, Frankreich mit 9334 Kilometer. Ivährend England nur 3823 Kilometer Kabel verwaltet: allerdings kommen noch 3183 Kilo- mcter der indo-enropäischen Telegraphen-Verwaltnng, sowie kleinere Posten ans den Kolonien hinzu. Die Hanptmenge der Kabel wird aber von Privatgesellschaften verwaltet, nämlich 314 699 Kilometer, und zwar stehen hier englische und amerikanische Gesellschaften oben an, so die Eastern Telegraph Co. mit 79 937 Kilometer und die Western Telegraph Co. mit 32918 Kilometer Kabel, während die Deutsch-Atlantische Tclegraphengesellschaft 7079 Kilometer und die Deutsche Seetelegraphen-Gcsellschaft 2909 Kilometer Kabel in ihrer Verwaltung haben.— Archäologisches. — Ausgrabungen von Holztafeln inOsttnrkestan. Dr. M. A. Stein, der gegenwärtig ans einer wissenschaftlichen Expedition in Osttnrkestan begriffen ist, hat dort Entdeckungen gc- , nacht, über welche die„Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgenlandes" berichtet: Es ist gelungen, im alten Bett des Nihaflusses bei den Ansgrabnngcn eines kleinen buddhistischen Klosters eine Fülle von wichtigen Inschriften zu finden, über 299 Dokumente der verschiedensten Art, alle ans Holzplatten geschrieben. Der Gebrauch von Holztafeln zum Schreiben ist ztvar in Indien ans ältester Zeit bezeugt� diese Fnnde sind aber die ersten greifbaren Belege hierfür. Die Schrift ist das alte 5tharoshthl der ersten indoskythische» Könige(etiva ein Jahrhundert vor oder nach Chr.) und die Sprache altes Prakrit. Manche Stücke enthalten religiöse Texte, andre Votivanfzeichnmigen, andre Akten aller Art. An Umfang und Alter übertreffen diese Fnnde iveitauS alles, was bisher an litterarischen Denkmälern indischen Ursprungs in Centralasicn ans Licht gekommen ist. Unter den beschriebenen Holztafeln sind viele auch von kulturgeschichtlichem Interesse. Sehr tvichtig ist ein kleines Fragment, der erste Fund indischer Schrift ans Pergament. Daß die Brahmauen oder Buddhisten Pergament gebrauchten, hat man bisher nicht glauben wolle». Jetzt liegt der Bewcis vor. Auch sehr merkwürdige Haushaltnngs-Gcgcnstände, Stoffe«. fanden sich in dem Sand der Ruinen, gerade so gut er- halten tvie in Aegypten. Die weite Verbreitung griechischer Kunst- einflüsse zeigt eine Pallas Athene mit Schild und Aegis auf dem Thonsicgcl eines Reskripts. Bei der Ausgrabung einer andern Liuinenstätte kamen ans dem buddhistischen Tempel Sanskrit-Texte, chinesische Schriftstücke und tibetanische Handschriften an den Tag. Diese sind tvohl die ältesten jetzt bekannten Schriftdenkmäler Tibets. Am interessanteste» waren jedoch die Funde nördlich vom Ziarat Jmain Gafar Sadik, wo Hunderte von Kharoshlhi-Dokumentcu, auf Holz und Pergament geschrieben, ans Licht kamen. Ihre Eni- ziffernng wird viele geschichtlich wertvolle Aufklärungen bieten für eine Periode, zu der die früheren Handschriftenfunde in Tnrkestan nicht hinaufreichten. Aus dem Tierleben. — D i e F l e d e r m ä u s e u n d ihre Jungen. In einer Skizze über das Leben der Fledermäuse schildert A. Mansion in der „Revue scicntifique" auch das Verhältnis des Weibchens zu dem Jungen. Sie haben in der Regel nur ein Junges, tvie die meisten Tiere, welche nur zlvei Brustwarzen besitzen: Sirenen, Elefanten, Halbaffen, Affen und die Primaten überhaupt, zu denen Linno die Fledcnnäusc rechnen ivollte. Der Besitz von Brustwarzen ohne tiefer- liegende Zitzen gehört zu den Vorzügen der höheren Tiere. Nach fünf- bis scchSwöchentlichcr Tragzeit bringt die Fledermaus ein einziges nacktes JmigeS zur Welt, welches sich mit geschlossenen Augen und Ohren alsbald an einer Brustwarze der Mutter festheftet und dieselbe nicht eher losläßt, als bis es völlig ausgewachsen ist, tvaS etwa fünf bis sechs Wochen erfordert. Während dieser ganzen Zeit trägt die Mutter, wenn sie auf den Jnsektenfang auszieht, ihr Junges an der Brust und mag dadurch im Fluge sowohl wie beim Fange nicht wenig beengt sein, während dns kleine schwache Wesen, ohne die Anstrengungen zu ahnen, welche die Mutterliebe zu über- winden hat, dabei ruhig seine Nahrung weiter nimmt. Wenn sie sich nachher am Tage zur Ruhe an den Hinterbeinen aufhängt, Berantwortlüyer Redacteur: Carl Leid in Berlin. hält die Mutter sorgsam die Flügel halb über dem Säugling zu- sammengefaltet. Während des Fluges geschieht eS manchmal, daß das Kleine die Brustwarze verliert und anS der Höhe mehrerer Meter auf den Boden fällt. Mansion war eines Tages Zeuge eines solchen Unfalls, der nicht immer für das Junge verhängnisvoll ist. Als der Säugling fühlte, daß er die Mutter losgelassen hatte, und ein Spiel der Lüfte ge- worden sei, entfaltete er instinktiv seine Flügel, die ihm mm als improvisierter Fallschirm dienten, aber die Gewalt des Sturzes so mäßigten, daß er unbeschädigt den Boden erreichte. Kaum war dies geschehen, als die erschrockene Mutter schon bei ihm war und ihm die Brust bot, die er sogleich ergriff. Nun handelte es sich aber für die arme belastete Mutler darum, wieder empor zu kommen, was ihr erst nach manchem �erfolglosen Sprunge gelang. Endlich geschah es mit einem kleinen Schrei, der einem Triumphschrei glich. Ein andrer Beobachter will gesehen haben, wie eine fliegende Fleder- mansmutter ihr fallendes Jnnges mit den Flügeln auffing, die sie nachstürzend unter seinem Körper zusammenschlug.— („Prometheus.) Geologisches. io. Die fossilen Gletscher Sibiriens werden von ihrem Entdecker v. Toll in dem neuesten Band der Denkschriften der Russischen gcographisrtien Gesellschaft beschrieben. Die begleitenden Photographien zeigen Stücke dieser„fossilen Gletscher", tvie sie von dem Entdecker genannt werde», und es ist ans den Abbildungen zu erkennen, daß ihr Eis nicht die Znsammcnsetznng von Flußei's oder Spalteneis hat, sondern ans echtem Gletschereis besteht. Es ist kein Zweifel möglich, daß dieses Eis noch ans der eigentlichen Eiszeit stammen muß. seit deren Ende es in Rord-Sibirien keine Gletschcr- cntwicklung mehr gegeben hat. Das Eis ist mit Erde bedeckt/ in der Zweige und Wurzeln einer Erle und einer Wcidenart enthalten sind. Diese Bäume kommen jetzt in Sibirien jenseits des 79. Breitengrades nicht mehr vor, tvnchsen aber Ivährend der Zeit, die auf die Vereisung folgte, auf den Neu-Sibirischen Inseln, wie durch die an den Zweigen hängenden Kätzchen bewiesen wird, lieber die Funde von nnsgestorbcnen Säugetieren in dem Boden dieses Gebiets äußert sich v. Toll folgendermaßen: Die Mammuts und andre gleichzeitig gefundene Säugetiere lebten an den Stellen, wo sich jetzt ihre Ücberbleibsel finden, und starben aus infolge der Aenderung der natürlichen Verhältnisse des Gebiets; die Leichen dieser Säugetiere, die sonnt nicht durch eine plötzliche Katastrophe zu Gnnidc gegangen sind, kamen in ein kaltes Gebiet, teils auf Flußterrassen, teils an die Ufer von Seren und auf die Oberfläche von Gletschern zu liegen und wurden allmählich in Lehm eingebettet. Auf diese Weise sind sie ebenso wie die unterliegende Eismasse dank der fortdauernden und vielleicht noch zunehmenden Kälte erhalten geblieben.— Humoristisches. — Natürliche Erklärung.„Mir scheint, Ihr Sohn läßt seit einiger Zeit den Kopf hängen I" „Ach wo: Sie meinen das nur, weil er nicht mehr die hohen Stehkragen trägt I"— — Devot. Serenissimus(auf einer Jagdpariie eine» Ziegenbock bemerkend):„Aeh— ist das nicht eine— äh— Gemse?* Oberjägermeister:«Ja— nein, Durchlaucht I Das heißt, so eine Art T h a l g e m s e l"— Notizen. — Die Wiedereröffnung des L u i s e n t h e a t e r S findet am 31. August statt.— —'„Der W a ck el st ein", ein Einakter von HauS Brennert. wird anfangs dieser Spielzeit im„Bunten Brettl"(Direktor Bausewein) in Seen« gehen. Feiner sind für dieses Theater al» Novitäten acceptiert:„Fräulein Aschenbrödel", eine Tragi- lomödie von Benno Jakobson nnd das Momentbild„In der Choristinnengarderobe".— — Sechs neue AbonnementSkonzerte werden kommenden Winter im Neuen Opernthcater(Kroll) statt- finden.— — Ein seltsamer Volk? stamm. Die letzte Volks- zählung in Indien hat ergeben, daß es dort einen verhältnismäßig großen, aber bisher so gut wie gar nicht bekannt gewordenen Volks- stamm giebt, die sogenannten I a i n e n. Eine englische naturwissenschaftliche Zeitschrift weiß von diesen Jainen zu er- zählen, daß sie während sechs oder sieben Wochen, unbeschadet ihrer starken Körperkonstitution, ohne Nahrung bleiben, und daß dieses lange Fasten eine Forderung ihrer Religion ist. Zu ge- wissen Zeiten verlängert dieses Hinduvolk seine Fastenzeit sogar auf zwei Monate. Kinder bis zu einer vorgeschriebenen Altersgrenze sind vom Fasten befreit. Die Nahrung der Jainen ist vollkommen vegetarisch, und niemals tödtcn sie ein Tier, es sei denn aus eigner Notwehr. Ihr hauptsächlichster Wallfahrtsort ist der Parasnathberg bei Chota Nagpore, Ivohin sie sich in großen Scharen in jedem Frühling begeben, um dort ihr erstes großes Faste» im Jahre zit beginnen. Die letzte Zählung dieses Volksstammes hat etwa ändert« halb Millionen Seelen ergeben, die in Vengalen und den Provinze» Gnzcrat und Radjputana leben.—__ Druck und Verlag von Max Vadiug tu Berlin.