Mnterhallungsblatt des Dorwäris Nr. 154. Freitag, den 9. August. 1901 lNachdruck vttboten.i oi) N v b o i k: Noinan in drei Diichern lion Emile Zola. Ans dein Französischen übersetzt von Leopold R o s e n z w e i g. LucaS. dessen Besorgnisse zerstreut waren, da er Morfaiu so ruhig sah, lachte. „Sagen Sie das nicht, unsre Leute würden nur uunötig Angst bekomme». Es würde nichts in Stücke gehen, der Uu- vorsichtige, der den Draht anrührte, käme allein in Gefahr. Und übrigens ist der Draht fest." „Das allerdings!" rief Dada.„Es würde eine starke Faust dazu gehören, um ihn zn zerreißen!" Morfaiu, starr und unempfindlich nach wie vor, hatte sich genähert, und er brauchte blas die Hand zu erheben, um den Draht zn erreichen. Einige Angeilblicke stand er unbelvcglich mit seinem tiefgefnrchten Gesicht, auf dem kein Gedanke zu lesen war. Aber Plötzlich flammte eine solche Glut in seinen Augen auf, daß Lucas von ahnungsvollem Schrecken durch- zuckt wurde. „Eine starke Faust, glaubst Du?" sagte er mit tiefer Stimme. Das»vollen»vir einmal sehen, mein Sohn!" Und che jemand ihn hindern konnte, erfaßte er den Draht mit seine»» vom Feuer gehärteten stählernen Zangen gleichen- den Händen, drehte ihn und zerriß ihn mit übermenschlicher Siraft,»vie ein zorniger Riese die Schnur eines Kinder- spielzeugs zerrissen hätte. Ein starker Blitz flanunte blendend auf, dem sogleich tiefe Finsternis folgte; und in dieser Finstmiis hörte man den Fall eines fch>veren Körpers, der alte Riese»var zu Boden gestürzt»vis eine gefällte Eiche. Man holte eiligst Laternen herbei. Tief erschüttert, konnten Jordan und Lucas nur den Tod des Greises konstatieren,»vährcud Dada»veinte und klagte. Der alte Gußmeister schien keinen Schmerz gelitten zu haben; auf dem Rücken ausgestreckt lag er da, ein in der Glut gehärteter Lloloß, dein das Feuer nichts anhaben konnte. Seine Kleider brannten, und mau mußte sie löschen. Er hatte das ge- liebte Ungeheuer nicht überleben»vollen, den alten Hochofen, dessen letzter Anbeter er»var. Mit ihin endigte der primitive Kanlpf»»»it den Elenlenten, endigte das Geschlecht der Bezivinger des Feuers und Eroberer des Metalles, das unter das Sklavenjoch der qualvollen Arbeit gebeugt getvesen, und das mit Stolz seinen Adelsbrief der uralten sch>veren Mühsal aufwies, unter deren Last die Menschheit einer glück- lichen Zukunft entgcgenkenchte. Er hatte sich hartnäckig der 5k»inde verschlossen, daß die neue Zeit erstaudcn»var, wo jeden», dank dem Siege der gerechten Arbeit, etivas von der Ruhe, der Erquickung. dem glücklichen Lebensgenüsse zu teil wurde, deren früher nur einige, Bevorrechtete sich hatten erfreuen könne»», aus Kosten der ungerechten Leiden der»vcitaus nleisten. Er fiel als starrsinuiger,»veltabgetvaudter Held der alten, schrecklichen Frone, ein an seinen Amboß geketteter Cl)klop, ein blinder Feind alles dessen,»vas ihn befreite, der seine»» Stolz in seine Unterjochung setzte, i»»d der jede Verminderung des Leidens und der Mühsal»vie eine schinähliche Entartung von sich»vies. Die Kraft der jungen Zeit, der Blitz, dessei» Gewalt er hatte leugne»»�»volle»», hatte ihn vernichtet,»uid er schlief nun dcu ewigen Schlaf. Innerhalb der nächsten Jahre wurden noch drei Ehen geschlossen, die die Klassen noch mehr vermischte»», die Bande noch enger knüpften ztvischcn dem kleinen Volk der Brüderlich- keit und des Friedens, das sich unaufhörlich vermehrte. Ter älteste Sohl» Lucas' und Josinens, Hilaire, ein kräftiger junger Mann von nun schon sechsui»dz>va»zig Jahren, heiratete Colette, eine entzückende achtzehn- jährige Blondine, die Tochter Ranets und Nises: danlit kam das Blut der Delaveau zilr Ruhe im Blute der Froment und jener Josine, die einst halb verhungert am Thore der Stahl>verke gezittert und geweint hatte. Dann heiratete eine andre Froment, Therese, das dritte Kind Lucas', ein großes. schönes, heiteres Mädchen von siebzehn Jahren, Rarpnond, den Sohn von Dada und Honorine Caffiaux, der ztvci Jahre älter war als sie: damit ver»»»ischte sich das Blut der Froment wieder»nit dem der Morfaii». des a»»t»kc>» Arbeitergejchlechts. und dem der Caffiaux, der Angehörigen des ehemaligen Handels, den die Eröcherie zu Grunde gerichtet hatte. Und endlich vereinigte sich die liebenswürdige zwanzigjährige Leonie, Tochter von Blauchen und Achille Gourier, mit Severin Bonnaire. dem jüngeren Bruder Luciens, der gleichen Alters»nit ihr»var;»»nd hier verschmolz das sterbende Bürgertum mit dein Volke,»nit den rauhe»», in ihr Schicksal ergebenen Arbeitern der alten Zeit und den revo- lutionären neuen Arbeitern, die ihrer vollstäirdigen Befreiung zustrebten. Fröhliche Hochzcitsfeste wurden gefeiert, die glückliche Nachkoninleuschaft Lucas' und Josinens sollte blühen und sich vermehren, sollte die neue Stadt bevölkern helfen, die Lucas erbaut hatte, damit Josine. und das ganze Volk mit ihr. von dem ungerechten Elend errettet werde. Der mächtige Stroin der Liebe, des Lebens verbreiterte sich ohne Unterlaß, ver- zehnfachte die Ernten, ließ immer neue Menschen entstehen, damit iminer»nehr Wahrheit und Gerechtig krit auf Erden»verde. Die junge, fröhliche, siegreiche Liebe führte die Paare, die Familien, die ganze Stadt der vollkommenen Eintracht, dem endgültigen Glück entgegen. Und da jede Heirat ein neues, von Grün»»»»»gebenes Häuschen dem Bode»» entlvachseu ließ, ergoß sich die Fütt der helle»»»veißen Häuser unablässig iminer»veiter, erreichte das alte Beauclair und schwelnmte es tveg. Seit langen»»var das alte, schmutzige Viertel, in dessen elenden Hütten die Arbeiter jahrhundertelang zusanunengepfercht vegetiert hatte»»,»»iedergerissen und verschivunden und hatte breite»», niit Bäumen bepflanzten und von schönen Häusern ein- gefaßten Straßen Platz geniacht. Auch das bürgerliche Viertel »var nun schon bedroht, neue Straßenzüge»varen durchbrochen »vordeu, die alten Gebäude der Uicterpräfektnr, des Gerichts, des Gefäng>»isses»vurdeu, zi»nl Teil eriveitert, i»un zu andern Zwecke»» veNvcndet. Bloß die uralte Kirche stand noch, rissig und baufällig, ininitteu eines klemen, öden Platzes, auf»velchem Gras und Unkraut»vuchs. Ucberall machten die alten bürgerlichen Erbbesitze, die Zmshäuser, bruder- licheren und gesünderen Bauten Platz. die von allen Seiten frei ii» dem Niesengarten standen, in welchen sich die Stadt allmählich verwandelte, und deren jedes von reich- licher Beleuchtung erhellt und von frische»»», klarem Wasser durchrieselt»var. Die Zukunftsstadt»var nun zur Gegenwart ge>vorden. eine sehr große, schöne, blühende Stadt, deren sonnenhelle Straßen sich im>»»er mehr verlängerten und sich nun schon bis an die Felder der srnchtbarei» Rouinagne er« streckten. III. Es vergingen noch zehn Jahre, und die Liebe, die die Paare vereinigt hatte, die sieghafte und fruchtbare Liebe. ließ in jedem Hause blühende Kinder mlfsprießen, in denen die Zukunst heranreifte. Mit jeder neuen Generation verbreitete und befestigte sich die Herrschaft der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Friedens unter den Menschen. Lucas, der»»un schon fünfundsechzig Jahre zälllte. fühlt» sich»nit den» zunehinenden Alter imnier stärker u>»d ln»»iger zu den Kindern hingezogen. Nun, da der Städteerbmler und Völker» begründer, der in ihm lebte, die Stadt seines Ideals aus dem Boden erstehen sah, befaßte er sich hauptsächlich mit den keimeildcn Generatione»»,»vandte sich den Kindern zu,»vidinete ihnen alle seine Zeit, in» Hinblick darauf, daß in ihnen die Z»k»lnft lag. Sie und die Kinder ihrer Kii»der, und mehr noch die Kinder dieser letzteren würden eines Tages das hochentlvickelte,»veise Volk bilden.»velches seinen Traun» einer llur von Gerechtigkeit und Güte beherrschten Menschheit vertvirklichen sollte. Die reifen Menschen können iiur zum geringen Teil von den Jrrtüniern und Geivohllheiten befreit werden, in deren Baude der Atavisiilt»3 sie schlägt. Daher muß nian auf die Kinder»virkcn, muß die falschen Ideen bei ihnen in» Keime ersticken, dainit sie dem ihnen inncivohircnden Euüvicklnngstrieb ungehemmt folgen »nid sich zu vollkoininelleu Wesen umgestalten können. So »nußte jede Generation um einen»veiteren Schritt Vortvärts gebracht, durch jede mehr Wahrheit festgestellt, mehr Glück und Frieden verbreitet»verde». L»»caS pflegte daher auch mit feinem guten Lächeln zu sagen, die Kinder seien die stärksten und siegreichste»» Eroberer seines lleiiicn, vortvärts» dringende»» Volkes. SBei den großen Morgeiirnndgäugen, die Lucas zweimal Wöchentlich durch seine Schöpfung machte, widmete er daher das meiste seiner Zeit und seines Herzens den Schulen und auch den Krippen, wo die ganz Kleinen behütet wurden. Er begann gewöhnlich bei ihnen, ehe er sich in die Werk- statten und Magazine begab, er genoß gleich in den ersten Morgenstunden die Freude über diese fröhliche, in Gesundheit blühende Jugend. Da er jede Woche andre Tage für seine Ueberwachungs- und Ermunteruugsrnndgänge wühlte, wurde er nirgends erwartet, erschien er immer überraschend inmitten der lärmenden kleinen Welt, wo alle ihn als einen fröhlichen und guten Großvater vergötterten. An einem prächtigen Frühjahrsmorgen wandte also Lucas seine Schritte den Schulen zu, um seinen Kindern, wie er sie nannte, wieder einen Besuch abzustatten. Die Strahlen der Morgensonne fielen in einem Goldregen durch das Laub der Bäume, und Lucas giug langsam durch eine der Alleen dahin, als er. an dein von den Bvisgelin bewohnten Hause vorbeikommend, durch eine wohlbckaunte, liebe Stimme auf- gehalten wurde. Suzanne, die ihn hatte herankommen sehen, war bis zur Gartenthür geeilt und hatte ihn angerufen. „Ach, lieber Freund, ich bitte Sie, kommen Sie ans einen Augenblick herein. Der arme Mann hat wieder einen Anfall bekommen, und ich bin sehr in Sorge seinetwegen." Sie sprach von Boisgelin. Eine Zeitlang hatte er zu arbeiten versucht, unbehaglich in seiner Unthütigkeit inmitten dieses von der Arbeit aller seiner Bewohner surrenden Bienenkorbs. Jagen und Reiten genügten nicht niehr, um seine Zeit auszufüllen, und seine Untchätigkeit lastete schwer ans ihm. So hatte ihm denn Lucas, auf Suzannens Für- bitte und um seiner erhofften Umwandlung in einen andern Menschen Vorschub zu leisten, eine Art Inspektor- stelle in den Genossenschaftsmagazinen anvertraut, wo er eiue nur wenig Zeit in Anspruch nehmende Ueberwachungsthätig- keit auszuüben hatte. Aber der Mensch, der nie etwas mit seinen beiden Händen geleistet hat. der Nichtsthuer von Ge- burt, hat keine Macht mehr über sich, kann sich in keine Regel, in keine Methode mehr fügen. Boisgelin mußte bald er- kennen, daß er zu einer sortgesetzten Beschäftigung unfähig war. Seine Gedanken verwirrten sich, seine Glieder ver- weigerten den Gehorsam, er wurde von Schlafsucht, von voll- kommener Entkräftung befallen. Allmählich glitt er wieder in die Leere seines früheren Lebens zurück, in das vollkommene Nichtsthun, womit er stets nutzlos seine Tage verbracht hatte. Nur fehlte ihm jetzt das Betäubungsmittel des Luxus und der Vergnügungen, und eine ungeheure, entsetzliche Lang- weile überkanl ihn, die durch nichts unterbrochen wurde. So lebte er denn dahin und alterte in stumpfsinniger Betäubung über all die unerhörten Dinge, die sich rings um ihn begaben, und die auf ihn wirkten, als ob er auf einen andern Planeten gefallen wäre. „Hat er Anfälle heftiger Erregung? fragte Lucas. „Nein," antwortete Suzanne.„Er ist nur sehr still und scheu, und ich bin nur deshalb so besorgt, weil sein Wahn ihn wieder ersaßt hat." Der Geist Boisgelins hatte sich in letzter Zeit verwirrt. Von früh bis Abend schlich er herum, gleich einem Phantom der Trägheit, irrte bleich und verstört durch die wimmelnden Straßen, durch die lärmenden Schulen, durch die dröhnenden Werkstätten, bei jedem Schritte in Gefahr, mitgerissen und überrannt zu werden. Er allein that nichts, während alle andren im überströmenden Frohgefühl der Thätig- keit sich regten und beeilten. Er hatte sich nicht acclimatisieren können, seine Vernunft hatte sich unter der Eimvirklmg all des Neuen um ihn herum ge- trübt, und da er allein inmitten dieses Volkes von Arbeitern müßig war, wurde er von dem Wahn ersaßt, daß er der Gebieter, der König sei, aus dessen Geheiß alle diese Sklaven arbeiteten und unermeßliche Reichtümer zu Tage förderten, üdcr die er nach seinem Gefallen. für seinen persönlichen Genuß verfügte. Die alte Gesellschaft war zusammengestürzt, aber der Begriff von der Herrschaft des Kapitals war in seinem Geiste aufrecht geblieben, und er>var in seinem Größenwahn der übermächtige, der Gott-Kapitalist, dem alle Kapitalien der Erde gehörten und der alle Menschen zu feinen Sklaven, zu unterwürfigen Handlangern seines persönlichen Wohlgennsses gemacht hatte. Lucas traf Boisgelin auf der Schwelle der. Hausthür, mit der peinlichen. Sorgfalt gekleidet, die er auch jetzt noch aus seine Person verwendete. Siebzig Jahre alt, war er noch immer der schon sein wollende Geck mit zierlichen Bewegungen, sorgfältig rasiertem Gesicht, das Monocle im Auge. 9Jur der unstete Blick, der schlaffe Mund verrieten die innere. Ver- Wüstung. Einen Spazierstock in der Hand, den glänzenden Cylinder auf dem Kopse, so war er im Begriff, sein Haus zu verlassen. „Wie, schon auf den Beinen, schon in Bewegung?" rief Lucas ihm mit gemachter Heiterkeit zu. „Ich muß ioohl, verehrter Freund," erwiderte Boisgelin, nachdem er ihn eine kurze Weile mißtrauisch gemustert hatte. „Wie sollte ich ruhig schlafen, wenn mein Geld und die Arbeit aller nieiner Leute mir Millionen täglich tragen und alle Welt mich betrügt? Ich muß meine Augen überall haben, muß allerorten selber zum Rechten sehen, wenn mir nicht stündlich Hunderttausende«nterschlagen werden sollen 1" Suzanne warf Lucas einen bekümmerten Blick zu. Dann sagte sie: „Ich habe ihm geraten, heute zu Hause zu bleiben. Wozu diese Quälerei?" (Fortsetzung folgt.) (Nachdriick�verboten.) Die Gestfiidike eines Dibelfpenrszs« (Schluß.) Jedem gclvvhulicheu Sterblichen erscheint die ansschloggebende Sentenz, die einem Moftbiirgcr bei dem Versuch, durch die enge Himmdspfvrte zu passieren, erwachsenden Schwierigkeiten in Parallele stellt mit den Verlegenheiten eines Kamels, wenn es durch ein Nadelöhr gehen soll, durchaus klar, vollkommen eindeutig, und das gewählte Gleichnis, das höchstragende Christus bekannte Lebewesen und der denkbar kleinste Durchgang, entspricht vartresslich den» Ziocck, eine»ach moralischen' Begriffen vollständige Unmöglichkeit zum prägnanten Ausdruck zu bringen. Anstoß kann daran siiglich mir nehmen, ivcr sich durch die Worte Jesu getroffen fühlt, aber doch für einen anständigen Platz im Hinunelreich auserwählt zu sein glaubt, und wer aus der Lehre Christi nur das duldende, dem klebet nicht zu widerstehen gebietende Element herauszuschälen beflisse» ist, als ein prächtiges Werkzeug zur Erhaltung alles bestehenden Un- rechts, dagegen über Jesu Kenlenschläge gegen Besitz, Ausbeutung, Unterdrückung wohlweislich mit einem stillen Trommelschlag hiiiwcg- geht. Dieser lieblichen Gattung ist denn freilich das fatale Kamel- Gleichnis von jeher ei» Dorn im Auge gewesen, den man mit aller Geivalt, mit den spaßigste» Kniffen und Pfiffen auSzuiveichen versuchte. Das einfachste und radikalste Mittel dazu wäre gelvese», die ganze Stelle für eine Interpolation, d. h. ein nachträgliches Einschiebsel, z» erklären. Solche Interpolationen, die also nicht von dem Autor stammen, sondern zu irgendwelche» Zwecken später hineingefälscht ivorden sind, finden sich bei alten Schriftstellern zahlreich und sind auch in der Bibel deS öfteren nachweisbar. Wem das Kamel-Gleichnis unbequem war, für den hätte es demnach nahegelegen, frischweg zn behaupten, dieser oder jener kommunistische Fanatiker habe den gnnzen Passus in das neue Testament hineiugcschmnggclt. Dies uralte Hausmittelchen f ü r s ch w i e r i g e Fälle konnte aber nicht zur Verwendung ge- laugen, weil sich' der fragliche Ausspruch Christi nicht bloß in einem der Evangelien findet, sondern solvohl bei Matthäus, als bei Marcus und Lucas z» lesen steht. Er muß also schon in der gemeinsamen Quelle dieser drei Evangelien, den in aramäischer Sprache abgefaßten Reden Jesus vom Apostel Matthäus, verzeichnet gewesen und daraus von den Evangelisten in ihre Darstellung verarbeitet worden sein. Weit entfernt demnach, für untergeschoben gelten zu können, gehört das Kamel-GlcichuiS, weil von einem Augen- oder Ohren- zeugen der Scene mitgeteilt, zu den authentischten, den best- beglaubigten Ansprüche» Christi, die überhaupt vorhanden sind. Wenn aber auck, demgemäß diese scheußliche Versperrnng der Himinelsthür für die Reichen sich nicht durch Annahme einer Interpolation ans der Welt schaffen läßt, so verzweifelte man darum doch nicht daran, die den Neichen in dem Gleichnis angekündigte» Schwierigkeiten im Jenseits, wenn nicht ganz zu beheben, so doch möglichst zu mildern. Zunächst versuchte man es mit einer niedlichen Konjektur zur Ver- befferung des Textes: ein ganz famoses Manöver, das sich auf keine» geringere» ersten Urheber zurückführt, als den heiligen Origenes in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts. Dieser Kirchen- vatcr nahm es für seine eigene Person mit der Beobachtung von Christi Geboten sehr genau' indeni er nicht mir, von den Freuden und Zerstrennngen der Welt zurückgezogen, in sreiwilliger.Arniut und Abgeschiedenheit lebte, sondern sogar auf Grund jenes Ausspruches. Christi, wo er denen, die es zu fassen vermöchte», die Selbst- kastriernng empfiehlt(Matth. XlX. 12,), sich entmannt hatte. Aber das Christeirtiun hatte damals schon reiche und mächtige Gönner. denen man die Hölle nicht zn heiß mache» wollte. Origenes selber ivar, als die Mutter des Kaisers Alexander Severus, die kluge Mammäa, sich auf der Durchreise einige Zeit in Antiockiia auf- hielt, an den Hof gezogen tvorden,'uin der mächtigen Dame über das Christentum Vorträge zn halteii, ans denen sie zwar nicht als Bekehrte, ivohl aber mit einer-gewissen, theoretischen Wertschätzimg des neuen Glaubens hervorging. Origines aber lernte üi der höfischen Atmosphäre die nötztiche Kmist des Rcchn>mjttra�n>S, imb so begreift mon allenfalls, wie seinem Hirn die wie unfreilvillige Komik Ivirkcnde ErklKnmg zn dem Kamel-GlcichniS entspringen konnte:„Kamel nennt aber der Herr an dieser Stelle nicht das Lebewesen, sondern das dicke Seil, woran die Schiffer ihre Anker binden." Die komische Wirkmig dieses Sätzchens wird freilich mich hervorgerufen durch die koddrige Ansdrucksweise des Origcncs. Er meint jedenfalls das »nniliche, wie andres Bibelerklärer nach ihm: das;„Kamelos"(Kmnel) an dieser Stelle eine verderbte Lesart sei, wofür„Kämilos" einzn- setzen wäre, mit der Bedeutung„Schisfstan". Das verbessert die Sache aber herzlich wenig. Denn erstens existiert gar kein Wort Kamilos, Schisfstan, im Griechischen, sondern ist blotz zur Verbesserung nnsrcs Gleichnisses angenonmicn worden. Zweitens aber: selbst wenn ein solches Wort wirklich existierte, so könnte es doch zur Weitzlvaschnng deS Mohren nichts nützen. Die Kamel-Lesart findet sich nämlich in allen drei Evangelien sowie in sämtlichen Handschriften des neuen Testaments, woraus sich ergiebt, daß die drei Evangelisten das Kamel schon in den Neben des Herrn von Matthäus angetroffen haben müssen. Diese gemeinsame Vorlage nnsrer griechischen Evangelien aber war in aramäischer Sprache abgefaßt, die unglücklicherweise keine dem Wort für Kamel lf>k>mal) auch nur im entferntesten ähnlich sehende Bezeichnung für Schisfstan kennt. Wäre aber auch die Ansmerznng des Kamels, als einer salschcn Lesart, zn Gnnsteu des Schiffstaus möglich, so bliebe es immer noch ein schwieriges Stück, die Ein- fädclung iu das Nadelöhr zn vollziehe», wollte man auch gleich an die größtösige Packnadel denken: man müßte also schon notgedrungen ein iillipntanischcs Schiffsta» von der Stärke eines Bindfadens oder ein Nadelöhr k la Brobdingnag von dem Kaliber einer Ankerklüse zu Nutz»nd Frommen der um ihr Seelenheil besorgten Neichen annehmen. Ohne allen Spaß indes, sicher ist, daß. nachdem man sich hatte bescheiden müssen, das betrübende Kamel betrübt vor dem Nadelöhr stehen zn lassen, wohlgemut der Versuch unternommen wurde, dies Nadelöhr hinwegzudenien, es in etwas Durchlässigeres umzntvandcln. Flugs winde ans dem Nadelöhr eine Stalllhnre: da sollte bei den m'o- deinen syrischen Bauern die niedere, untere Hälfte der doppel- teiligeu Stallthür, bestimmt, mir den kleineren Arten des schwer- hinwandelndeu Viehes, als da sind Wollträger und Borstentiere, den Eingang zn verstattcn, unter dem Namen Nadelöhr landläufig be« zeichnet tvcrdcn. eine herrliche Sache, sintemal durch ein solches Nadelöhr ein klüglich sich selbst erniedrigendes, ganz kleines Kamel mit Rackenbciigen und Unterschlagen der Beine sich tvohl hindurch- schlängeln könnte. Andre Iviedcr machten die erfreuliche Entdeckung, daß in modernen syrischen Städten der zur Seite des größeren Sladtthors für Wagen, Kamele und andres Lnstvich sich findende schmale Thorweg für Fußgängers nach Berichten von Nciscuden Nadelöhr genannt wird, ivas ja noch zweckdienlicher tväre als die Stalllhüre. Höchst iniangenehm ist freilich, daß sich auch nicht der Schatten eines Belveises dafür beibringen läßt, daß schon zur Zeit Christi, bei ganz andren Bevölkernngs-, Sprach- und Knltnrverhältnisscn, das Wort Nadelöhr auf, sei es Stalllhüre, sei es Thorweg, angewandt worden ist, wie ja auch klar ist. daß Christus in diesem Fall eine» jede Zweideutigkeit ausschließenden Ausdruck gewählt haben würde. Zudem kommt auch im Koran der Mohamedaiicr das Kamel-Gleichnis in genau der nämlichen Fassung vor, und ebenso findet es sich im jüdischen Talnnid, nur daß hier für das Kamel ein Elefant figuriert. Wenn es denu also dabei bleiben mußte, daß nach Christi Ausspruch mit größerer Leichtigkeit ein ivirklichcS Kamel durch ein tvirkliches Nadelöhr spazieren könnte, als daß ein Reicher ins Himmelreich käme, so verztveifelte» darum doch die theologischen Fürsprecher der Neichen nicht an einer glück- lichen Lösung ihrer erhebenden Aufgabe, ihre Schützlinge ans aller Fährlichteit herauszureden. War es nichts damit, ans dem Wege einer philologischen Konjektur das vcrivünschte Kamel zu beseitigen, ging es auch nicht an, durch Unterlrgnng eines andren Sinnes das Nadelöhr zn cskanroticren, so konnte man es doch noch damit versuchen, vermittelst einer geschickten Jnterpretiernng, einer verschmitzten Ans- legnng der ganzen Geschichte ihrer Nntzanwendnng ini Gleichnis die Spitze abzubrechen. Dazu] dienten als Handhabe die Schlußivorte Christi:„Bei den Menschen ist dies unmöglich, bei Gott aber ist alles möglich". Dieser Satz bezieht sich zwar für jeden Menschen von nicht theologisch geschärfter Fassungskraft nur ans die voraus- gehende Frage der Jünger:„Wer kann denn gerettet werden?", sollte für sie, die bei solcher Strenge im Gedanken an ihre eigenen Mängel Besorgnisse hegten wegen ihres Seelenheils, und für Arme ihres Gleichen als Beruhigung diene». Verdrehende Nabulislik aber kounte sie verknüpfen mit dem Kamel-Gleichnis, um das Seligwerden der Neichen doch als möglich erscheine» zu lassen. In ganz unübertrefflicher Weise vollbringt dies schtvierige Kunststück ein englischer Kommeutar zum neuen Testament aus der Mitte der achtziger Jahre, Ivo es nach Bezugnahme ans den Spruch vom Mög- lichen und Unmöglichen heißt:„Wenn die Worte in ihrer Form all- gemein sind, so könne» wir doch nicht uinhi» zu fühlen, daß sie den Jüngern ihr eiliges Urteil zurückzuweisen geschienen haben müssen, nicht nur in Bezug ans die Bedingimgen der Erlösung im all- gemeinen, sondern' auch in Bezug auf den individuellen Fall vor ihnen. Er, der Lehrer, wollte»och hoffen, gegen alle Hoffnung, für einen, in dem Er so viel zn lieben und bewundern gesehen hatte. J h r e tv e i t e r e Lehre i st natürlich, daß Reichtum, obwohl er viele Versuchungen mit sich bringt, durch Gottes Gnade so gebraucht werden kann, daß er eine Hilfe, nicht ein Hindernis ist bei je u e r Befreiung vom Uebel, die in dem Wort„Erlösung" enthalten ist." Bei diesem kühnen Saltomvrtale der Ans- und Unterlegnngsknnst ergreift einen solch' unsagbare Be- wtindening, daß die Worte im Halse stecken bleiben und man mir noch mit Haby ausrufen kann:„Es ist erreicht!" Mitgeteilt sei mir noch der denkwürdige Name des geistlichen Tmifendkünstlers: cS ist der hochwürdige Ch. I. Ellicott, Doktor der Gottesgclahrtheit, In-' Haber der fetten Pfründe eines Lord-Bischoss von Gloncester und Bristol. Wer es mit der Auslegung des KanielgleichnffseS ehrlich meint. kann dabei natürlich nicht anders zu Werke gehen, als daß er unter- sucht, ob und wie es sich in den Zusammenhang der sonstigen Lehre Christi einfügt. Und da stellt sich denn heraus, daß es sich alS eine prägnante. anschauliche Znsanimenfassnng alles dessen darstellt, was Christus bei andren Gelegenheiten Über die Aussichten der Neichen für das Jenseits verkündigt hat. Wiederholt spricht er als sein Pro- gramm aus:„Den A r in e n wird das Evangelium verkündigt", er lädt die Mühseligen und Bcladcnen zn sich ein, weil ihnen das Himmelreich bestimmt ist. Dagegen erklärt er, weil niemand zugleich Gott und dem Mammon dienen kann:„Wehe euch Neichen! denn ihr habt euren Trost dahin. Wehe euch, die ihr voll seid, denn euch Ivird hungern". Die einzige Möglichkeit für Reiche, selig zu werden. ist die, daß sie ihr Gut verkaufe» und den Armen geben; Ivie er das von jenem reichen Jüngling verlangt, so befiehlt er es noch ein- mal ganz allgemein:„Verkaufet euer Vermögen und gebt Almosen". Nach diesem Gebot verfuhr denn auch der Apostel- gcschichte zufolge die erste im Konminnismus lebende Christengemeinde mit solcher Strenge, daß Auanias»nd Sapphira, weil sie beim Vcr- kauf ihrer Güter etwas ans die Seite gebracht hatten, des Todes sterben mußten. Später kamen dann freilich die Zeilen, wo die Gemeinschaft der Mühseligen und Beladenen, der Reiche nicht hatten angehören können, sich mehr und mehr in eine Schutztruppe der be- stehenden Gewalten, der besitzenden Klassen verwandelte. Und da loiiute es denn sch li e ß l i ch dahin gedeihen, daß pfäffischer Trug sich erfrechte, das Gleichnis Christi, in dem er den Reichen am schärfsten abgesagt hat, in sein direktes Gegenteil nmzulngeii; natürlich rein wissenschaftlich. So sind denn die Geschicke des Bibel- sprnchs vom Kamel und vom Nadelöhr ein kleines Abbild der Wandlnngen, die mit dem Christentum während neunzehn Jahr- Hunderten vor sich gegangen sind: gnauUna mutatus ab illo! Wie ist es gegen seinen Ursprung verändert l— a. c. Kleines Feuilleton» — Der Einzug des KaffecS in Paris. London ist Paris vorangegangen in der Bevorzugung von Getränken, die Nerven- und Hir'nthätigkeit anspornen, ohne schließlich de» Kopf schwer zu machen. A. Thcincrt schreibt hierüber in der„Tägl. Rlindschau": In de» letzte» Monaten der Cromwcllschen Regierung brachte der „Public Advcrtiser" vom 13. Mai 16v7 eine Anzeige, die, ins Deutsche übertragen, etwa folgenden Wortlaut halte:„In der Bartholomäusgassc, hinter der alten Börse, wird sotvohl des Morgens, wie auch um 3 Uhr nachmittags das Kaffee genannte Getränk verkauft. Selbiges Getränk ist ein sehr angeuehUieS und auch gut als Medizin, insofern cS ausgezeichnete Wirkungen hat. Es schließt die Oeffnungen des Magens und hält die Wärme fest; es hilft der Verdannng und beschleunigt die Gedanken; cS macht da§ Herz leicht, heilt entzündete Augen, Husten, Schnupfen, Kopfweh, Nheuniatismns, Auszehrung, Wassersucht und viele andre Uebel." Alle ihm zugeschriebenen vorzüglichen Eigenschaften konnten indes den Kaffee nicht davor bewahre», in England in dcit Hintergrund gedrängt zn werden durch das„von dem Chinesen Tscha und hier- zulande Thee benamste Getränk". In Paris hat es der Thee nie zur Popularität gebracht, sobald aber dort auch der Mann ans dem Volke sich's leiste» konnte, die billig zum Ausschank kommende Konstantinopeler Neuheit zn kosten, wurde der Kaffee das. als was er, ungeachlct des seit etwa zwei Dekade» sich reißend steigernden Bierverbranchs, heule innner noch bezeichnet werde» darf: das Lieblingsgetränk der Gallier. Weit»nd breit berühmt war im 16. und 17. Jahrhundert, auch noch zn Anfang des 13., die Messevon St. Gennai», die alljährlich während' der beide» ersten Frühlings- Monate abgehalten wurde. Der dem Kloster St. Germain des Präs gehörende Meßplatz lag innerhalb der Stadtmauer und bildete ein großes Quadrat, auf allen vier Seiten umschloffen, von zweistöckigen Baulichkeiten mit Arkaden vor den Jnnenfronten.' In diesen Arkaden waren die Händler mit Hunden und fremdländischen Vögeln, mit Töpferwaren und Porzellan, mit feinen Leinen- und Wollstoffen, und durch die Mitte des freien Platzes liefen � vier Bndeureihcn, in denen alle möglichen in- und ausländische» Produkte feilgeboten wurden. A» Wirtschaften war kein Mangel, und selbst» verständlich fehlte es auch nicht an Seiltänzern, Kasperletheatern/ Menagerien, Karnssels, Musikanten, Gauklern usw. Jinuilten dieses bunten JahrmarkttrcibenS, zu dem ans allen Provinzen Frankreichs und auch vom Auslande her Täusende aller Stände- und Nangklassen znsnmmcnströmtcn, erschien zum erstenmal im Jahre 1672 der Ariiienicr Paskal»lil seinem bis dahin dein großen Publikum noch gänzlich«nbekmmten Knfsee,*>«« er von auffallend kostümierten Türkeiunabe» servieren ließ. Die Berkäufer solch nebensächlicher Erfrischungen hatten� keine festen Buden, sie schlugen ihre ambulanten Stände auf, Ivo immer sie vermeinten, die besten Geschäfte machen zu können, nicist also da, Ivo die Vorstellungen fahrender Künstler oder die fabelhaften Renonunierereieu von Quacksalbern große Zugkraft auf die Messe- desucher ausübten. PaSkals heißer, ein köstliches Aroma verbreitender Trank lockte, besonders an kühlen Tagen, z» Versuchen, und es dauerte� nicht lange, da war der„kleine Schwarze", der»pellt noir", wie die Pariser ihn heute noch nennen, allgemein bekannt und beliebt. Da die Sache einschlug, fing Paska! an, seine Knaben mit Kaffeekesseln, unter denen Lauchen brannten, mit„Nougat" und andern orientalischen Süßigkeiten auch in der Stadt herumzuschicken. Sein Ruf verbreitete sich weiter und weiter; Grafen und Barone, Dame» der höchsten Aristokratie, Männer und Frauen der Bonr- geoisie, gewöhnliches Volk, sie alle lernten das belebende Getränk der„Türken" schätzen. Im Juli verließ Paska! Paris und im April des nächsten Jahres kam er wieder. Siebzehn Jahre laug blieb der Kafsce-Ausschank sein Monopol, niemand dachte daran, ihm Konkurrenz zu machen, niemand schien zn glauben, daß Kaffee überhaupt von einem andren Menschen als einem Türken zubereitet werden könne. Im Jahre 1689 eröffnete in Paris der Siziliancr Procop gegenüber dem Theater der Comedie Fran?aise ein Restaurant. Der Mann hatte die Konzession erworben. Kuchen, Linionade, Ge- frorencs, Rosoglio und ähnliche Erfrischungen zu verkaufen, und zn den althergebrachten fügte er den Kaffee. Da dieser am meisten bc- gehrt wurde, nannte der Sizilianer sein Restaurant„Casö Procop" und dieses ist das erste der Pariser Cafes gewesen.— t. Ein neuer Entfernungsmesser, der von dem eng- lischen Physiker Professor Fordes erfunden worden ist, hat die mit ihm kürzlich vorgenommenen Prüfungen glänzend bestanden. Die Erfindung von Fordes wird nun endlich die Bestimmung jeder Entfernung bis zn 3009 Meter» mit einer Genauigkeit von 93 Proz. leisten, so daß also ans 309(1 Meter nur ein Fehler von höchstens 69 Metern möglich bleibt. Ter neue Entsernnngs- mcsser besteht ans einem zusammenlegbaren Almninimnstativ von 6 Fuß Höhe und einem Feldstecher in gewöhnlicher Form. Jedes Rohr des Feldstechers hat an beide» Enden ein doppeltreflektierendes Glasprisma. Die von einem entfernten Gegenstand kommenden Lichtstrahlen treffen das äußere Paar dieser Prismen, werden in rechtem Winkel in das Rohr hinein- geworfen und werden dann an den beiden mittleren Prismen in die Linsen des Perspeklivs hineingelenkt. Der Winkel zwischen den aus den Rohren kommenden Lichislrahlen kann durch zwei in den Rohren angebrachten senkrechten Drähte» bestimmt werden, die mittels einer Mikrometerschranbe so gestellt werden müssen, daß sie als eine Linie erscheinen, während der Gegenstand scharf sichtbar bleibt. Die Entfernung des Gegenstandes kann von einer Skala abgelesen werden. Der Apparat giebt die Entfernung für 1699 Meter auf 15 Meter genau an. Das Stativ für diesen Apparat wiegt unter drei Pfund.— Erziehung und Unterricht. — D i e mittelalterliche Schulordnung zeichnete sich durch eine beispiellose Pedanterie aus. Die Strafen waren ninnnigfaltig und streng: Mahnung, Memoriere», körperliche Züchtigung mit Rute oder Stock, Degradation, Nachsitzen mit und ohne Karzer, und im letzten Fall Entlassung und Ausstoßung. Daß den Lehrern immer wieder eingeschärft wnrde, sie sollen nicht zu hart und grausam strafen, die Kinder nicht bis aufs Blut stäupen. nicht mit Füßen treten, bei den Ohre» und Haaren aufheben, nüt dem Stock oder Buch ins Gesicht schlagen u. dgl., beweist, daß solche Mißhandlung an der Tagesordnung war. Zn der sonstigen Härte kam noch hinzu, daß regelmäßig Ferien von längerer Daner nicht stattfanden, sondern, je nach lokalen Tradi- tiouen und Anordnungen, nur für einzelne Tage verstatlct wurden. In der kursächsischen Schulordnung sind außer Sonn- und Feiertagen „nach christlicher Ordnung" freigegeben: die Jahrmärkte, in den Hundstagen die Mittwochnachmittage, die Sonnabend- und Feiertag- Nachmittage außer Singen und Vesper: sonst nichts. In alle» mittelalterliche» Schnlorduungen zeigt sich, wie wenig Freiheit der Jugend zn jugendlich uatürlichcr Bewegung und Heiterkeit übrig gelassen wurde. Meist wird, wie in der Nordhäuser Schulordnung von 1583, als Regel aufgestellt:„Keine Spiele, sie mögen geschehe» mit Würfel, Karten, Federn, Schoßkeulchen, Ballen oder ans andre Weise, sollen ihnen ver- stattet sein, es wäre denn, daß ihnen der Rektor erlaubte, im Jahre einmal mit dem Balle sich zu belustigen." Eine seltsame Be- grüudung giebt es schließlich noch für das Verbot, auf Bäume zn klettern; die Lüneburger Schnlordnuug von 1577 jagt hierüber:„die- weil der Mensch geboren sei, auf der Erde zn leben".(Aus K. A. Schmids'„Geschichte der. Erzichnng." 5. Bd. Stuttgart. I. G. Cottasche Bnchhdlg. Nachflg.)— AuS dein Tierleben. ss. Die Geschwindigkeit eines Sperbers. Wer Gelegenheit gehabt hat zu sehen, wie ein Sperber sein« Beute er- Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berti». jagt, wird beobachtet haben, daß er nicht wie andre Vögel dem Flug seines Opfers in allen Windungen folgt und ihn durch seine Ge- fchwindigkeit zu erreichen sucht, sondern überraschend aus seinen Raub zustößt, und zwar entweder vom Zweig eines Baumes herab, oder um ein Gebüsch herum oder auch,! indem er sich mit reißender Ge- schwindigkeit ans einer Höhe von mehreren Hundert Metern plötzlich niederfallen läßt. Infolge der Geschwindigkeit, mit der der Sperber ans sein Opfer zustößt, ist er in den Ruf eines außer- ordentlich schnellen Vogels gelangt, und doch bleibt er mit Bezug ans die Fluggeschwindigkeit hinter vielen andren seiner geflügelten Genossen zurück. Wen» wir einen Finken oder einen Sperling von einem Sperber überfallen sehen, so bringen wir ge- ivöhnlich nicht in Erwägung, daß der angegriffene Vogel nicht in vollem Fluge begriffen war, während der Raubvogel wie ein Wirbel- wind über ihn kani. Wenn der Sperber seine Beute fliegend ent« deckt, so wartet er doch meist einen günstigen Moment ab, wo dessen Fluggeschwindigkeit keine allzugroße ist. Daß der Sperber nicht zu den schnellsten Fliegern gehört, kann man aus seinen Manövern be- urteilen, durch die er einem Verfolger gewöhnlich erfolgreich entgeht. Wenn er sich zum Beispiel von einer 5krähe angegriffen sieht, versucht er ihr nicht dadurch zn entrinnen, daß er seinen Flug nach Möglichkeit beeilt; er macht vielmehr Ge- brauch von seiner Kunst im Schwcbeflng, um sich der Gefahr zu entziehen. Es ist auffallend, mit wie geringer Anstrengung scheinbar der Sperber immer höher und höher zu steigen vermag, während die Krähe ihre Flngrichtung und Flughöhe nicht so rasch zu ändern fähig ist. Befinden sich beide Vögel in gleicher Höhe, so hat es die Krähe nicht schwer, den Sperber einzuholen, aber sie sängt ihn nur selten, weil dieser nach ein bis zwei Wendungen sein Heil darin sucht, daß er sich höher aufschwingt. Es gewährt einen höchst eigenartigen und schönen Anblick, wenn ein Sperber so steil als möglich aussteigt und seinen weniger geschickten Verfolgern das Nachsehen überläßt. So suchen die Vögel, was ihnen an Ge- schwindigkeit des Fluges abgeht, durch dessen künstlerische Ausbildung zu ersetzen.— Technisches. — S ch i e n e n a b n« tz n n g in den Tunnels. Nach tcch- nischen Guiachtcn sind die Schienen in den Tunnels einer besonders schnellen Abnützung ausgesetzt. Feuchtigkeit der Luft und zumal der kondensierte Dampf der Lokomotiven in Verbindung mit den Kohlen- säure und schivcflige Säure cuthalteiide» Rauchgasen wirken schädlich auf die Oberfläche der Schienen ein. Besonders aber leidet der Fuß der Schienen unter einer dauernden chemischen Einwirkung des feuchten Kieses der Bettung, der beständig das Bestreben hat, Fench- tigkeit festzuhalten und zu verdichten. Durch Versuche wurde fest- gestellt, daß Eisenbahnschienen im Lauf von sieben Jahren 33 Kilo- gramm an Gewicht verloren habe»; das macht im Jahre cincu Ver- lust von 1287 Gramm aus. Besonders interessant ist die Bcobach- tung, daß bei den i» uordsüdlichcr Richtung verlaufenden Schienen die Abnützung infolge des Einflusses des Erdmagnelismns eine größere ist.— Humoristisches. — Ilebertrnmpft. Marie: Was sagst Du dazu. Laura, Karl hat um meine Hand gebeten. Laura: Ja, ja, so etwas erwartete ich. Nachdem er von mir einen Korb bekam, sagte er, er wolle sich ein Leid zufügen.— — Immer höflich. Fräulein: Herr Professor, wagen Sie mir ins Gesicht zn sehen und dann zu behaupte», ich stamme von den Affen? Professor: Hm I ES muß in der That ein sehr charmanter Affe gewesen sein.—(»Jugend".) Notizen. — Der Paippalttda-Atharva-Veda auf der Tübinger llniversitätS-Bibliothek. eine etwa 400 Jahre alte auf Birkenrinde geschriebene Handschrift, und zwar eine der wertvollsten, welche mau überhaupt kennt, ist soeben in einer technisch vollendete» Nachbildung der Wissenschaft zugänglich ge- macht worden.— — Eine internationale Geschichte der Kunst- a n k t i o n e n in lexikalischer Form ist in Frankreich im Erscheinen begriffen. DaS Werk soll alle öffentlichen Auktionen dcS 18. und 19. Jahrhunderts cnthallen und wird 5—6 starke Bände zu je 699 Seiten umfassen; alle Vierteljahre soll ein Band erscheinen.— —„ S u s a n n a im Bade", der Einakter von Hugo Salus, der lange Zeit von der Censur verboten war, ist frei- gegeben und soll zu Beginn der nächsten Rinterspielzeit im Renen Theater in Scene gehen.— — Im Theater des Westens wird mit dem am 1. September beginnenden Winter-Spielplan für die Dienstag- und Frcitag-Vorftellungen der Oper und Operelte ein erheblich ermäßigtes Bboniiement eröffnet.— — Die besten V ü ch e r- E i n b ä n d e werden aus Marokko- und Schweinsleder hergestellt; am nngceignetsten ist Kalbsleder und russisches Leder, die namentlich an den Rnckenrändern leicht brechen. Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheim am Sonntag, den 11. August. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.